Prolog
 

Wächter der Drachenherzquelle

Geschenkte Phantasie…

 

Prolog

 

„Elyan!“, brüllte es hetzend im Unterholz eines Waldes, der so verdunkelt schien, als würde kein Sonnenstrahl jemals durch die dichten, gesunden Baumkronen dringen dürfen. Eine Männerstimme ertönte. Dumpf und kampfbetont, bewahrte sie protzende Schritte, die von klapperndem Metall und peitschenden Ledergeräuschen sangen.

„Sie kommen!“, rief die starke Kriegerstimme erneut. Und die Schritte wurden schneller und lauter, in Begleitung von Gewalt, Kampfesmut und Ruhm. Ein Schwert blitzte golden auf, tönte in einem heiligen Schrei durch die Nacht, als es die Luft teilte und sendete ein Zeichen. Und auf einer verborgenen Lichtung, wo sich magische Gewässer trafen und das Herz der Zeit einen Schlag aussetzte, tauchte eine große Gestalt auf, die, so schien es, fünfzig Schatten besaß, die hinter ihr herschlichen. Ein stattlicher hochgewachsener Mann war es. Langes, schwarzes Haar fiel dünn und unsauber an seinem braungebrannten Gesicht hinab. Er trug eine Rüstung, die ein Mensch noch nie gesehen hatte. Auf vergoldetem Brustpanzer stach ein gemalter glühender Drachenkopf mit pechschwarzen Augen hervor. Unheimlich, aber verlockend bewegte sich dieser, und eine helllodernde Mähne flatterte wie lebendiges Feuer um das schuppenbekleidete Antlitz. 

Die Augen des Mannes, oh ja, kühne, unberechenbare Augen leuchteten durchdringend durch die Nacht und die Schatten, die sich jenem Ort bemächtigten. Rasch zog er das scharfe Schwert, um dessen blankpolierte Klinge sich der Tod wie ein seidener Faden wand. Er tötete oft und grausam, aber er tötete, weil er es musste, nicht um innere, kranke Begierden zu erfüllen.

Und er tötete seiner Bestimmung wegen.

Er ließ das Schwert wieder zu Boden sinken, seine Umgebung genau beobachtend, hörte das Plätschern des Wassers einer alten Quelle, und dann das Summen der Bestien in der kühlen Dunkelheit. Er war bereit wie jede Nacht zu morden für einen alten Glauben, und zum Schutze der Kraft, die hier im Erdboden sickerte.

 

Mit einer unvorhersehbaren, raschen Bewegung bohrte er die Klinge jauchzend und genießend hinein in den geweihten Boden, saugte ein Stück der alten Macht in den teuren Stahl. Gesegnet und doch vergessen schlüpften sogleich tausende regenbogenfarbene Punkte wie kleine Fliegen heraus, beschworen und tänzelten im Schauer vergessener Grausamkeiten umher, gaben Herzlosigkeit und Schande einen Weg zur Erlösung und verflogen schließlich in alle Himmelsrichtungen. Die Boten der Magie sollten ein Zeichen für ihn sein, ob diese Nacht ein Feuer wüten musste oder nicht.

Feuer, ein teuflisches Element. Knackend, lodernd, alt und gefährlich, aber reinigend, war es ein Schrecken vieler Menschen und dunkler Kreaturen überhaupt.

Es war eine Gabe, auch heute noch, die Macht des Feuers zu nutzen um zu verbrennen und zu vernichten, was nicht rechtmäßig lebte.

Dennoch… der Krieger, dessen Füße, umhüllt von schwarzen Lederstiefeln, auf geweihtem Boden standen, nutzte die Macht des Feuers nicht immer zweifellos. In der Welt der Menschen, die in ihrer Scheinheiligkeit und Scheinsinnhaftigkeit ein Leben lebten, was seine Lachmuskeln in Gang setzte, war Feuer, besonders jenes, welches die Alten noch heraufbeschwören konnten, ein Martyrium, ein Wesen in Gestalt von Angst und Tod. Und gerade das ließ den Krieger nachdenklich werden.

Es war ein Spiel, ein verwunschenes, herzloses Spiel, welches er gezwungen war zu treiben, wenn die Alten ihm den Weg wiesen. Reinigung geschah an vielen Orten, wo das eine Feuer ausbrach, durch sein Zutun und das Können eines alten Geschlechtes, dem er angehörte.

Das eine Feuer, geboren und genährt aus Gutem und weiser Magie.

Und er brachte es zum Auflodern dann, wenn die Zeit gekommen war, ohne Rücksicht auf mögliche Menschen, die in das Unglück hineingerieten, die die Seelensauger nicht einmal sehen konnte, wenn sie direkt vor ihnen standen. Seelensauger, Giftbringer  und der andere Dreck, der von den Gevattern der Dunkelheit immer wieder geschickt wurde um etwas sehr kostbares zu vernichten…

 

Die, die seine Aufgabe irgendwann erfüllen mussten, denn auch er lebte schon Jahrhunderte, würden diese auf dem rechten Weg bleiben im Beisein von etwas so mächtigen, welches die Drachen aus vergangenen Zeiten meisterhaft und todbringend beherrschten? Er bezweifelte es, auch wenn er einen guten Schüler hatte, aus dem vielleicht irgendwann einer der Wächter werden konnte.

„Elyan!“, rief der Kämpfer, diesmal erhabener und mit einem Hauch silbernen Dampfes, der aus seinen Augen blitzte. Wie Schlangen glitten fadenförmige Nebel aus seinen Augen umher und wanderten dann in das Dickicht des Waldes, um seinen Lehrling zu rufen.

,Wo steckt dieser Bengel nur wieder?‘, grummelte der Krieger vor sich hin. Er sollte diesen Kampf beiwohnen, wenngleich er erst acht Jahre alt war. Er sollte sehen, erfahren und verstehen, was es hieß ein Wächter der Drachenherzquelle zu sein. Aber Elyan, der Name des Jungen, schien im Moment wie vom Erdboden verschluckt. Er war eben noch ein Kind, zu einfältig und naiv um die Welt, die ihn umgab, nur ansatzweise zu verstehen. Eine Welt, die zerbrechen würde, wenn diese Aufgabe nicht erfüllt wurde.

 

In dem Augenblick kamen die Boten zurück, jene blassen Schwaden der Magie umschwebten den Mann und flüsterten, sangen, erzählten von ihrem Wissen, bis sie vergingen. Daraufhin schmunzelte er und schüttelte den Kopf.

Elyan war einmal mehr auf einem Ast der uralten Bäume in den Schlaf gesunken. Es genügte ein Schnippen mit den Fingern und sein Schlafplatz würde unter ihm zerbrechen. Der Kämpfer hatte schon die Finger aneinander platziert, überlegte es sich aber wieder anders. So lange der Junge noch so wenig vom Leben gesehen und erfahren hatte, war es vielleicht besser, die Alten und sein Meister gönnten ihm den Schlaf.

 

Indes waren die Feinde auf dem alten Heiligtum angekommen, bewegten sich schlürfend, durstend nach Macht und Magie. Der Krieger sah nur ihre spitzen, ausgetrockneten Krallen, die lange schon kein Fleisch mehr zerreißen hatten dürfen im Licht der Mondin aufblitzten.  Er roch das Gift aus dem Maul der Geschöpfe, wo an verrotteten Zähnen blutroter Speichel durstend hinab tropfte. Wie viele von ihnen hatte er schon erledigt? Wie vielen von ihnen war er schon gefolgt, hinein in die moderne Menschenwelt, wo jene Wesen nichts ahnten von dem Gemetzel und der Magie, die hier an einem wohlbehüteten Ort noch selbstverständlich war.

 

Sein getreues Schwert, reich an Tötungskraft und Ausdauer, prallte mit zerfetzender Wucht, als Warnung hinab auf den dicht mit Gras bewachsenen Waldboden und schickte den Zorn einer Armee von rechtschaffenen Seelen umher. Ein Beben folgte, ein rasches, düsteres Aufreißen der Erde und die meisten der Geschöpfe schienen von unsichtbaren Händen hinein gezogen zu werden in die geweihte Erde, um zu reinigen, um zu heilen. Und irgendwo… hörte man das Feuer lodern, es brutzelte die Schlechtigkeit und das Verderben aus jenen Geschöpfen, erstickte ihre Schreie und versiegelte ihre Existenz.

Der Mann, sein Gesicht angespannt und bereit, orientierte sich, hörte einige der Wesen davon hasten, sich vergreifend an der Menschenwelt, die sich von hier aus durch ein geschicktes Auge finden ließ.

Noch während er seinen Schritt beschleunigte, sein Herz pumpend mehr edles Kämpferblut in seinen gealterten Körper, steckte er das Schwert zurück und rannte hinter den Kreaturen her, die zischend durch das Unterholz eilten.

Er hatte keine Wahl als ihnen zu folgen. Er wusste, dass er das Feuer wüten lassen musste über das er verfügte um jene Kreaturen auszulöschen, auch wenn deswegen andere, harmlose Menschen zum Opfer fielen.

 

Es dauerte nicht lange und der Mann trat aus dem Wald hervor, hatte er einen der sieben Pfade genutzt, die ihn in die Menschenwelt führten. Pfade, die ein Mensch niemals beschreiten konnte, selbst wenn er wollte. Es würde einem Menschen den Schatten, ein Teil Lebenskraft, die wichtigste Erinnerung, das Spiegelbild, Wärme, ein Teil Augenlicht oder die Stimme kosten, selbst wenn er es schaffte einen solchen Weg zu finden.

 

So am Waldrand stehend,  mit kühlen Augen umherblickend, sein wildes Haar im Wind wehend, wirkte der Krieger wie ein Gespenst, das die Welt der Menschen zum ersten Mal sah. Die Kreaturen des Hasses, die er verfolgte, waren nicht mehr sichtbar hier an diesen Orten, wo Menschen nichts ahnten von einem anderen Gleichgewicht der Mächte. Und da sie nicht sichtbar waren, konnte er sie nicht mit diesem geheiligten Schwert verfolgen, welches in seiner rechten Hand Bestimmung und Entsetzen fand. Er konnte nur das eine nutzen, welches seit Generationen überliefert wurde, alles nur durch das Schicksal der Drachen und ihrer Beschützer. Er würde das Feuer nutzen, welches verführerisch brannte, grausam vernichtete und sich nicht mit einfachem Wasser stillen ließ. Und das Gespenst, für welches entgegenkommende Menschen den Krieger hielten, lief hinein in die Stadt, umwand seine Gestalt noch mit einem dunklen Mantel und zündete in seinem Inneren die Wurzeln, die ihn für seine Aufgabe befähigten.

 

Er schritt mit schwerem Gang in eine verregnete Innenstadt, vorbei an vielen Modegeschäften und einem Lebensmittelmarkt, und spürte plötzlich noch eine andere Aura als jene der schwachen Menschen und jene der Kreaturen des Hasses. Da war ein Licht irgendwo unter den Menschen, welches ihn erstaunte, ja mitriss und auf eine Weise faszinierte, das sein kühles Kämpferherz von Schuld und Demut gebannt wurde. Er blieb stehen, direkt neben einem Kiosk und dem Eingang in ein riesiges Einkaufszentrum, wo sich viele stressige Gemüter tummelten. Einige Menschen stießen ihn an, achteten aber nicht auf seine außergewöhnliche Kleidung, sondern folgten nur dem Trott ihres Lebens, folgten einem unberechenbaren Wahnsinn, von dem sie glaubten, es wäre ihr Lebenssinn. Alle hatten sie Regenschirme, außer ihm. Es schien als würde der Regen ihn verschonen, oder sich vor ihm fürchten.

 

„Ihr spürt das auch, nicht wahr?“, sprach dann jemand direkt hinter ihm. Ein kleiner Junge, mit warmer, verträumter Stimme, welcher ebenso von einem Mantel umhüllt wurde. Nur einige hellbraune Strähnen seines Haares schauten aus der engen Kapuze hervor.

„Warst du neugierig, Elyan?“ Der Schwertfechter drehte sich nicht um, sondern blitzte mit seinen scharfen Augen hinein in das Einkaufszentrum, welches überfüllt von Menschen einem Insektenkäfig ähnelte.

„Es wundert mich schon, dass du nun doch aus deinem Schlaf hierhergefunden hast“, setzte der Mann mit tiefer, ironisch klingender Stimme hinzu, während überall der Regen heftig trommelte.

„Entschuldigung, Meister Omneyon“, murmelte er und schaute betreten zu seinen Füßen. Er kannte genau den Unterton in den Worten seines Lehrers und ärgerte sich über sich selbst. Er hatte verschlafen, die wohl interessanteste Übungsstunde überhaupt verpennt!

„Schon gut“, sprach er ruhig und drehte sich um, schaute befehlsgewaltig von oben herab in ein paar blaue, unschuldig wirkende Augen.

„Nun bist du ja hier, aber vergiss nicht. In kommenden Zeiten wird jede noch so kleine Nachlässigkeit bestraft werden, nicht unbedingt von mir, sondern von dem, was auf dich wartet. Also halte dich immer bereit und wachsam.“

Der Junge nickte bloß.

„Hast du deinen Bogen mitgebracht, Elyan?“ Wieder nickte er, unterband das Gefühl von Aufregung und leichtem Entsetzen in seinem Gemüt.

„Gut, du wirst ihn diesmal benötigen“, sprach Omneyon und öffnete mit einem Wimpernschlag die großen Türen in das Gebäude, welche den Regen zurückhielten.

 

Kein Mensch schien die beiden wundersamen Geschöpfe zu beachten, die hier ihrer Mission nachgingen. Und niemand schien sie überhaupt zu sehen, als wären sie gar nicht am Leben. Nachdenklich tapste Omneyon voran, dicht gefolgt von dem acht Jahre alten Elyan, der nicht wusste, auf welch düstere Zukunft er sich einließ.

Erstaunt betrachtete sich der Junge die vielen Modegeschäfte, Schmuckläden, Restaurants und die unterschiedlichen Menschen, die hier umher wandelten. Ihre Gesichter waren gestresst und bleich. Wie Zombies liefen die Menschen von einem Verderben ins nächste. Und irgendwie stimmte ihn das traurig.

 

Gerade da riss ihn Omneyon aus den Gedanken. Seine tiefe Stimme, war einschneidend genug um Tote aus dem Schlaf zu erwecken.

„Und du sagtest, du fühlst etwas Andersartiges in diesem Gebäude?“, meinte der Krieger.

„Genau“, murmelte der Junge und schloss kurz die Augen. „Irgendwie vertraut oder so…“ setzte er hinzu und öffnete die Augen dann wieder.

Omneyon reagierte nicht weiter darauf, sondern stiefelte mit groben Schritten weiter. Wie auch immer, die Kreaturen des Bösen zu beseitigen hatte im Augenblick Priorität. Um das ungewöhnliche Licht konnte man sich später auch noch kümmern. Wenn es was Besonderes war, würde es warten müssen.

„Interessiert Euch das nicht?“, fragte Elyan und tapste mit gesenktem Blick hinter seinem Meister her.

„Nein, tut es nicht. Du weißt genau, dass wir uns um Nebensächlichkeiten nicht kümmern sollten, wenn Seelensauger in der Menschenwelt umherirren.“

Der Junge presste seine rosa Lippen aneinander und schwieg. Irgendwie… aus irgendeinem Grund war ihm deswegen mulmig zumute. Er hatte kein gutes Gefühl dabei, aber auf Kinder hörten die meisten Wächter eben nicht.

 

Sein Ziel im Visier tapste der umhüllte, ungesehene Kämpfer weiter, würde den Tod bringen und ungesehen verschwinden wie an anderen Orten vorher. Er war ein Feuerteufel, gewiss, aber er war nicht bösartig. Das war seine Rechtfertigung vor sich selbst und das reichte ihm.

 

Gemeinsam tapsten sie eine Treppe hinunter in eine Tiefgarage, Elyan immer hinter seinem Lehrer, versteckt hinter dessen breitem Rückgrat schien es, als wäre er gar nicht anwesend.

„Sobald etwas nicht stimmt, hältst du dich zurück und bekämpfst die Seelensauger von weitem. Hast du verstanden?“ Der Junge nickte. Er war aufgeregt, natürlich war er das. Er hatte zwar seit er denken konnte den Umgang mit dem Bogen geübt und gelegentlich erlaubte ihm Omneyon sich an einem Holzschwert auszuprobieren, aber er hatte noch nie einem richtigen Kampf beigewohnt und er hatte die Seelensauger, wie man sie nannte, noch nie mit den eigenen Augen sehen können. Die Alten, die ihn den Bücherunterricht gaben, erzählten gelegentlich etwas von diesen abartigen Geschöpfen, die unterschiedliche Formen haben konnten. Man erzählte sich, sie wären so etwas wie verfluchte Wesen, die keine Seele besaßen und sich diese aus Sehnsucht von den Menschen holten. Aber eine Seele würde niemals genügen, so hieß es.

„Und nutze deine Magie nicht so verschwenderisch wie gelegentlich, so lange du mit körperlicher Kraft arbeiten kannst, ist das sicherer.“

Elyan nickte erneut, hatte es eh keinen Sinn seinem Lehrer zu widersprechen. Er hatte es einmal versucht und das hatte ihm einen finsteren Blick und noch finsterere Worte eingebrockt.

 

Endlich erreichten sie die veraltete Tiefgarage. In dumpfem Licht gehalten wirkte sie wie ein Verließ. Und hier und da flackerte eine der modernen Beleuchtungen, trugen nur noch mehr zu der Atmosphäre bei, die jenem Ort innewohnte. Elyan fröstelte, nicht wegen dem Regen seines kleinen Mantels, sondern wegen dem Bösen, welches er hier spüren konnte.

Sorgsam und ihre Waffen bereithaltend schlichen die beiden weiter, bis sie umzingelt von Lastkraftwagen, beide etwas spürten. Eine Tür fiel zu und zwei Menschen tapsten unbesorgt und fröhlich an den Kämpfern vorbei, musterten beide noch mit obskuren Blicken, aber stiegen in ihren Wagen und fuhren davon. Weitere Türen fielen zu, doch diesmal war es Omneyon, der jene steuerte und jene sogleich unpassierbar machte. Und nur ein Gedanke, ein Gedanke und sein Vorhaben erledigten diese Aufgabe.

Es folgte ein Zischen, eine Absonderlichkeit, die Elyan und Omneyon anwiderte und belehrte auf der Hut zu sein. Noch ein Zischen und etwas, was sie beide nur fühlen konnten, raste an ihnen vorbei, hiterließ einen Geruch nach Salpetersäure. Ein Gewürz des Todes…

 

„Geh!“, rief Omneyon in einem Anfall von Wahn und Einsatz seinem Lehrling zu, worauf jener die Beine unter die Arme nahm, irgendwo hin rannte, sich in einer Ecke versteckend, seinen Bogen bereithaltend. Ihm lief der Schweiß in die Augen, weil er noch nie eine solch packende Angst und Aufregung gefühlt hatte wie heute. Aber er fühlte noch mehr, er kam sich so unkonzentriert vor. Er war hier sicher versteckt und doch besorgte ihn etwas, tief drin. Er hatte dieses Gefühl schon mal erfahren, als er ein verletztes Tier zu Omneyon trug, in der Bitte, es zu heilen. Aber anstatt es zu heilen, hatte der Lehrer dem jungen Fuchs den Kopf abgeschlagen. Da entstand dieses Gefühl von Schmerz und Wut. Später hatte Omneyon gesagt, der Fuchs hätte keine Chance gehabt um zu überleben und zum anderen meinte er, die Erfahrung eines solchen Gefühls hätte seinem Schüler gut getan.

Nun aber hatte Elyan das Gefühl erneut, er wusste nicht wieso, aber es war da und es war so ähnlich wie damals, nur stärker. Er kniff die Augen zusammen, hielt den Kinderbogen, der mit ihm altern und wachsen würde, in den Händen und sprach ein paar Worte in der alten Sprache seines Volkes.

 

Die Geschöpfe waren hier irgendwo, versteckten sich zwischen den verschiedenen modernen Fahrzeugen und hinter riesigen Säulen. Und auch wenn man sie nicht sehen konnte, ihr Geruch, ihr Willen und ihre Blicke waren für den Krieger spürbar. Es waren etliche, die sich hier aufhielten, einige schlichen bereits auf Beutejagd in dem ganzen Gebäude umher, wo Hunderte Menschen nichts Böses ahnten.

Aber warum waren es nun so viele? Spürten die Biester etwas anderes, was sie anzog? Und wenn Omneyon Pech hatte, würde er auf die stärkste Sorte Seelensauger treffen, die es in ganz Allanja- seinem Heimatland- gab.

 

Es zischte nun ständig um Omneyons stattlicher Gestalt. Mit einer eleganten Bewegung entledigte er sich seines Mantels, zog das Schwert, welches er sonst immer an einem Gürtel, festgeschnallt an seiner Hüfte trug.

Das Schwert summte bereits, noch bevor Omneyon daran dachte es zu benutzen, es sang so hell und klar wie eine sterbende Fee, die ihr Letztes der Welt schenkte. Er schwang es einmal, testete die Gefahr, entlockte den unsichtbaren Biestern ein Brüllen und Fauchen und er schwang es immer wieder. Wie in einem wunderbaren Fest der Auferstehung von Magie und Erlösen tanzte die Waffe mit ihrem Meister und wenn man gute Augen besaß, konnte man bereits jetzt schon dünne glutrote Fäden sehen, die die Luft erfüllten. Und wenn man mit guten Ohren lauschte, hörte man es knistern und knacken wie Feuer, welches in einem Kamin brannte.

Etwas kam auf Omneyon zu, näherte sich ihm hautnah. Einer der Wesen überschritt die Grenze und alles, was geschah, war ein Zünden, ein Funken, der seinen Nährsaft gefunden hatte. Eine Stichflamme erstrahlte, augenscheinlich aus dem Nirgendwo, augenscheinlich gewöhnlich. Und in einem Augenblick war der Seelensauger sichtbar, den Omneyon nun vernichtete. Es waren froschähnliche Wesen, groß gewachsen, mit Fell, und aufrecht gehend.

Und der Schwertfechter kannte jene. Sie waren die Schlimmste Sorte der Seelensauger überhaupt und die gefährlichste. Sie wuchsen schnell, hatten übermenschliche Kräfte und erst einmal voll ausgewachsen war das alte Feuer der Drachen die einzige Quelle, sie noch zu vernichten. 

,Die Fesselnden!‘, erklang es warnend in Omneyons Kopf. Ausgerechnet diese! Zum Teufel! Weitere der Wesen spürte er in seinem Genick und in einem Anflug von Wissen und Vorsorge wirbelte der Kämpfer sein Schwert einmal umher und entfachte weitere Flammen.

Weitere Wesen erkannte er, fühlte ein ganzes Nest von ihnen ausbrechen und konnte schon nicht mehr alle jener Geschöpfe orten.

 

Mit leichtem Entsetzen in den Augen sah er um sich. Ein einziger Wächter würde nicht ausreichen um diese Armee von Fesselnden zu besiegen. Es waren zu viele, es schien fast so, als würden sie sich hier versammeln. Und die wenigen, die sich nun in der Tiefgarage tummelten waren nichts um Vergleich zu den größeren, ausgewachseneren, die sich oberhalb des Gebäudes näherten.

„Bei den alten Drachen, hier stimmt etwas nicht“, brüllte Omneyon, schwang das Schwert um sich als wäre es lebendiges Feuer, welches er in seinen Händen hielt. War es das, was sein Schüler vorhin gemeint hatte. Zum Teufel!

Er hetzte umher, vernichtete die Seelensauger mit einem Schwarm seines geheiligten Feuers, welches wie von Geisterhand umher loderte und folterte und dann ließ der Krieger, in einer Minute der Ruhe, die dampfenden weißen Schwaden aus seinen Augen quellen, ließ jene Elyan orten, und entdeckte ihn sogleich.

 

Weitere der Seelensauger fielen dem Feuer zum Opfer, doch nun war das Feuer in der Tiefgarage am Eingehen. Und die Tiefgarage schien gereinigt.

 

„Elyan?“, donnerte die starke Stimme des Kriegers umher. Trübsinnig kam der Junge angestapft und hatte mehr als Kummer in seinen blauen Augen. Er hatte das Feuer und die wahnsinnigen Bestien gesehen, und hatte Angst empfunden. Dabei wusste er, dass er nicht ohne Grund erwählt wurde, einer der Wächter zu sein, die diese Wesen bekämpften und die die alte Quelle der Drachen beschützten.

Er würde mächtig genug sein, um die Aufgabe zu erfüllen, aber… war das alles überhaupt richtig?

 

„Ich bin da, Meister Omneyon“, murmelte er und schaute dann auf. Es war eines der ersten Male, dass er seinen Meister so gehetzt und außer Atem erlebte.

„Wir müssen nach draußen. Dieses Gebäude der Menschen ist verseucht. Es hat keinen Sinn die Fesselnden einzeln zu vernichten!“ Der Krieger hob sein Haupt und begann etwas zu flüstern, was der Junge als magischen Spruch erkannte und plötzlich standen sie beide wieder in dem kühlen Regen außerhalb. Der Regen brachte eine ungeahnte Heilung und ein sanftes Wohltun über Elyan. Er war kühl und angenehm im Vergleich zu den wütenden Flammen und der Vernichtungsgier seines Lehrers. 

„Was habt ihr nun vor?“, sprach der Junge und schaute mit großen Augen in die eisigen Omneyons. Unberechenbar kalt wirkten sie nun und doch glühte etwas darin, was noch schlimmer schien.

„Vernichten…“, sprach er ruhig und musterte seinen Schüler.

„Nein, das könnt Ihr nicht. Es muss einen Grund geben, dass diese Bestien hier sind. Hier ist irgendetwas, was auch für uns von Interesse sein könnte!“

„Du sollst deinem Lehrer nicht widersprechen!“, fuhr der Kämpfer den Jungen an und schnipste mit den Fingern und es war da, dass der Achtjährige wie von Geisterhand nach hinten gestupst wurde, sei es um ihn zu schützen, sei es um ihn von dem Ort fern zu halten. Es war unwichtig. Er würde im Moment im Weg stehen. Wie erstarrt saß Elyan viele Meter weit weg. Die Kapuze war von seinem Kopf gerutscht. Und sein ansehnliches Kindergesicht leer und ausdruckslos… 

 

Der Krieger jedoch mit dem pechschwarzen Haar, der in einer Menschenmenge unter zu gehen schien, schloss die Augen und konzentrierte sich. Ein Wind umhüllte ihn, ließ den Regen verdampfen, der sich um ihn sammelte und machte die Luft beißend.

 

Und als die ersten Menschenschreie ertönten, Schreie des Entsetzens und der Qual,  war die Welt verändert. Etwas Böses und Gutes wurde geschändet. Alles blieb im Gleichgewicht, so wie die Alten es bestimmten.

 

Und alles, was blieb war ein Meer aus Flammen. Eine wahnsinnige Symphonie bestehend aus menschlichen Schreien hallte umher und hallte aus dem Gebäude, wo das Feuer der alten Drachen wütete…

 
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