1. Kapitel
 
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Kapitel 1

 

 

Die glühende Abendsonne Hyrules tauchte das königliche, prachtvolle Schloss in ein warmes Rot, als eine schattenhafte Gestalt nach vielen Jahren einmal wieder den geheimen Schleichwegen folgte. Rosen strahlten ihn an den Wegesrändern an. Zarter Duft erfüllte die Luft, vernebelte die Sinne und schickte ihn auf eine Reise in die Vergangenheit.

Es war lange her... so lange, dass er nicht mehr wusste, ob es vielleicht nur ein Traum gewesen war. Sein Abenteuer. Sein Erwachen als der Held der Zeit. Seine Begegnung mit der liebreizenden Prinzessin des Hylianischen Landes. Und doch Vergessenheit. Nicht mehr real und vielleicht noch nie gewesen.

Die Gestalt konnte selbst nicht glauben, dass inzwischen soviel Zeit vergangen war, seit er das letzte Mal hier entlang lief. Ob sich viel verändert hatte?

 

Nostalgisch betrachtete er die Statuen derjenigen Götter, von denen er immer noch ein Abzeichen trug. Ein Abzeichen, welches er als Fluch ansah. Denn es brachte fremde Wahrnehmungen mit sich, zeugte von der Unmenschlichkeit seines Trägers und schuf beklemmende Abweisung denjenigen gegenüber, mit denen er reden wollte. Reden… ein einfacher Wunsch eines fünfzehnjährigen Jungen, der kein Zuhause hatte. Und gleichzeitig ein Wunsch, den ihm niemand erfüllen wollte. Denn wer kannte ihn? So viele könnten ihn kennen, wenn sie wollten, sahen aber nicht mehr als einen fremden Elfen, erblickten lediglich einen merkwürdigen Typen, aus dessen Augen der Wunsch nach Gesellschaft herausstach. Doch niemand konnte ihm geben, was er doch verwehrte… nicht einmal die Person, die er jetzt wiedersehen wollte, mit der er reden wollte… nur ein Wunsch, eine Bitte, nicht mehr.

 

Vier lange Jahre war es her. Auf der Suche nach einem treuen Freund, dann auf der Suche nach sich selbst und dem Sinn seines Lebens hatte er andere Länder erkundet, viel erlebt, einige Gefahren überwunden und nun... endlich wollte er einmal wieder Zelda besuchen. Nach all’ den Jahren.

Aber er fühlte nichts von dem, was er damals empfunden hatte. Kein nervöses Gefühl mehr, Zeldas durchdringende wunderschöne Augen zu erblicken, keine Aufregung, keine Anspannung. Kälte herrschte nun in ihm, in seinen kühlen, ernsten Augen. Angst geliebt und bemitleidet zu werden, beherbergte seine erfrorene junge Seele.

 

Doch warum wagte er sich dann gerade hierher? Warum wollte er Zelda wiedersehen? Sie würde aus seinen Augen lesen, würde die Zweifel sehen, den Schmerz über seine Einsamkeit, denn etwas besaß er nicht, was für andere selbstverständlich war… eine Familie.

Warum riskierte er es, sie die Wahrheit über jenen lebendigen Schmerz sehen zulassen, der ihn mit der Zeit aufgefressen hatte, ihm den letzten Funken Wärme genommen hatte?

 

Monate in der Einsamkeit, in der Wildnis fremder Länder hatten aus ihm einen anderen Hylianer gemacht als vorher, wo er sich jenem Volk doch nur minder zugehörig fühlte. Jahre in der Leere langer toter Nächte hatten die Kälte in sein Herz getragen, ohne, dass er es wirklich gemerkt hatte. Und wenn er sie dann sah, die glücklichen Menschen mit ihren Familien, mit ihren lachenden Gesichtern, dann bestärkte das alles nur den inneren hinterhältigen Schmerz, den Hass auf sein Schicksal und das Gefühl, nie wieder lachen zu können.

 

Somit entwickelte er jene Kälte, die der wahre Held der Zeit doch zu bekämpfen wusste. Er wurde Opfer seiner eigenen Dämonen… 

 

Die Sonne war nun fast am Horizont verschwunden. Die Gestalt trat in den vertrauten Schlossgarten ein. Doch hier war niemand. Er blickte sich um, betrachtete die weißen und roten Rosen in diesem Garten. Ob Zelda genauso aussehen würde wie in der Zukunft, die es doch nicht gab. In jener düsteren Zukunft, als das Land mit Blut bedeckt war...

Er hatte es verhindert- ja- er hatte alles abgewendet. Aber trotzdem... War das der Preis für die Rettung eines Landes- Einsamkeit. Leere. Selbstzweifel?

 

Es fehlte ihm so sehr. Eine Umarmung. Eine warme Schulter… Sehnsucht. Hoffnung. Inneren Frieden. Das konnte ihm sein „Held sein“ nicht geben. Er war kalt geworden und mit jedem weiteren Kampf verlor er einen Teil seiner Menschlichkeit... Und obwohl er sich Zuneigung wünschte, so verschmähte er sie, konnte das Gefühl nicht ertragen bemitleidet zu werden, und das Gefühl, einmal Begehrtes wieder zu verlieren…

 

Er setzte sich inmitten auf die saubere, dichtgewachsene Wiese und stützte das mit einer kleinen Narbe übersäte Kinn an seiner Hand ab. Einige Minuten vergingen. Lange Minuten der Stille. Das warme Fackellicht aus einem der langen Spitzbogenfenster fiel in den Garten, erhellte den Ort, wo einst Zelda auf ihn wartete. Mit einem ungewollten und doch nur halbherzigen Lächeln erinnerte sich der junge Held an den Tag, wo er aufgeregt hier umhergeschlichen war, wo er glaubte, ein Engel stünde vor ihm, als er der Prinzessin begegnete. Aber diese Zeit war Vergangenheit, keiner Erinnerung würdig…

 

Die in einem grauen Mantel gekleidete Person kramte in ihrer Tasche herum und holte ein altes Musikinstrument hervor- ein Instrument, welches ihm so oft geholfen hatte und das ihm sehr viel bedeutete.

 

Mit einem Funken Begeisterung und der leisen Hoffnung, hier könnte er finden, wonach sich sein junges Herz so sehnte, sprang er auf. Na dann eben anders, dachte er sich. Mit scharfen Augen wanderte sein Blick von den hohen Zinnen, zu dem mausgrauen Mauerwerk, zu den vielen grauen Fenster. Er entdeckte einen Balkon mit weißem Geländer. An den Efeuranken konnte er mit Leichtigkeit hinaufklettern, was er im selben Augenblick mit einem frechen Grinsen auf dem Gesicht tat. Oben angekommen holte er eine kleine Nadel hervor und öffnete sogleich das Schloss der gläsernen Balkontür. Er trat in das kleine Gemach ein. Es war ein Musikzimmer, mit vielen Instrumenten. Ein altes Cembalo, einige Violinen, eine große und eine kleine Harfe... Eine kleine Harfe? Das... das war doch Shieks Harfe. Spielte Zelda dieses Instrument gar nicht mehr?

 

Eine Spur entmutigt verließ er das Zimmer und lief einen langen Gang mit rotem Teppich entlang. Hatte Zelda ihr anderes Ich verdrängt, vergessen? Hatte sie vielleicht nur noch jenen  Funken zum alternativen Pfad der Zeit, den man als Erinnerung an einen langen Traum vermutete? Kopfhängerisch und den unerfreulichen Gedanken verdrängend tapste Link voran…

 

An der Wand waren flammende Fackeln angebracht, brachten etwas Wärme in die dichte Dunkelheit der Gänge. Plötzlich hörte er Stimmen. Ach du Schreck. Sein Kopf wanderte von links nach rechts. Mist, er konnte sich nirgendwo verstecken. Mit einem verschmitzten Grinsen musterte er eine um eine Ecke biegende Wache… Ein großer, kräftiger Mann mit breiten Schultern stand vor ihm. Auffällig war der Orden der Farore, einem Symbol für bedeutenden Mut und respektable Tapferkeit in den Reihen der Ritter Hyrules, den er stolz an seiner rechten Brusthälfte trug. Scharf waren seine Augen mit einem durchdringendem, dunklem Braun, die dem einstigen Helden einen sehr intensiven Blick widmeten. Kurze, dunkle Haare rundeten das Erscheinungsbild eines mindest dreißig Jahre alten Mannes ab, der einige Narben in seinem Gesicht besaß, diese jedoch nicht verstecken brauchte. Vieles an ihm, vor allem die breiten Oberarme deuteten daraufhin, dass jener Ritter neben einer hohen Stellung unter den Söldnern, Rittern und sonstigen Kämpfern viele Schlachten geschlagen haben musste.

Der Typ blickte ihn zuerst erschrocken an, zugleich wandelte sich aber sein Blick. Dann war es eine angenehme Überraschung, die aus seinem Gesicht herausstach und ein Grinsen formte sich an seinem Mund mit dem Dreitagebart.

„Wer bist du, Junge?“

Link blickte angestrengt zu Boden… seit langem konnte er einem Menschen nicht mehr direkt in die Augen sehen. Ein freudloses „Niemand.“, entkam seiner Kehle. Geschwind drehte sich Link um, hastete den Gang entlang und ignorierte das neugierige: „Warte!“, einer tiefen Stimme jenes Ritters in Schloss Hyrule, rannte weiter und ärgerte sich, dass ihn jemand gesehen hatte…    

 

Dann hörte der junge Kerl wieder Stimmen. Zuerst eine sehr tiefe männliche, kratzige und dann eine weitere etwas hellere. Schnell lief er eine Wendeltreppe ins Erdgeschoss hinunter und war sich sicher, dass es mehrere Stimmen waren, die hier umherschallten.

Sorgsam blickte er mit seinen kühlen blauen Augen umher, spitzte seine Ohren und ortete jene Stimmen.

Jene Töne kamen aus einem großen Saal mit einer langen Tafel, und nur eines der hohen, verzierten Eichentore vor dem Saal stand halb offen, sodass diese Stimmen in den alten Gängen des märchenhaften Schlosses umherschallten…

Geschwind trat Link unbemerkt in den Raum und versteckte sich in einer unbeleuchteten Ecke. 

 

Neugierig lugte er hinter einer Ecke hervor und sah einige vertraute Gestalten wie den König  Harkenia an einer langen Tafel sitzen... und... da war sie...

Sie trug ein samtenes dunkelblaues Kleid, welches ihre Augen betonte. Ihr kupfernes Haar hatte sie elegant zu einer umwerfenden Frisur hochgesteckt. Link sah sie einfach nur an und schwelgte in schönen Erinnerungen an die Zeit mit ihr. Sie hatte sich unheimlich verändert und war... einfach wunderschön.

Link sah zu Boden, schüttelte mit dem Kopf und wollte sich schon umdrehen um zu verschwinden. Er kam sich erbärmlich vor- wie ein Gespenst, welches sich hinter einem Vorhang versteckte- obwohl er das nicht nötig hatte. Dann fiel ihm eine weitere Person auf, die neben Zelda saß. Ein junger Kerl mit dunkelblonden Haaren. Plötzlich legte der Typ Zelda den Arm um die Schulter.

Link musste zweimal hinsehen, fühlte das Nagen der Realität an dem Wunsch nach einem Hauch Wärme und Zuneigung. Zelda hatte allem Anschein nach einen neuen Helden an ihrer Seite? Was sollte sie auch auf Link warten? Was sollte sie auf jemanden warten, der nichts besaß…

 

„Mein Sohn, habt ihr viel erlebt?“

„Allerdings, viel zu viel, erschreckende Abenteuer. Aber lasst uns ein anderes Mal darüber reden. Die Dinge waren nicht immer leicht.“

Das konnte Link nur zu gut verstehen. Er selbst wollte nicht über das Geschehene reden- über die Gefahren, die Angst und die Einsamkeit... Er verbannte die Worte an irgendwelche Orte in seinem Herzen, die niemand mehr finden würde, in stille Kämmerchen, die schon lange gestorben waren.

 

„Ja... und nun bin ich einfach froh, wieder zu Hause zu sein, mein König.“

Der junge Kerl, der in etwa Links Alter hatte, sah dann wieder Zelda zu seiner rechten an.

„Zelda, du hast dich wirklich wahnsinnig verändert.“

„Nun, hör’ schon auf, Valiant. Im Gegensatz zu dir, ist meine Veränderung verschwindend geringe Achtung wert. Du bist derjenige, dessen Antlitz sich gewandelt hat. Ich erinnere mich noch genau an die Zeit, als du dass letzte Mal vor mir standest- ein kleiner, unschuldiger Junge... und ich muss zugeben, dass ich dich damals mehr geärgert habe, als du mich.“ Link sah traurig zu Boden. Gerade diese Erinnerung hatte er sich gewünscht, von sich selbst und ihr hören zu können, zu verstehen, dass diese Bilder nicht nur ein Traum waren, sondern irgendwann einmal Realität. Aber es hatte nichts zu bedeuten, nicht mehr, niemals mehr…

 

Der Typ, mit Namen Valiant begann zu lachen, ebenso wie Zelda und Harkenia. Lachen, etwas schönes, wenn man weiß, wie es funktioniert. Lachen und Lächeln, etwas fremdes für den einstigen Helden der Zeit. Lachen und Freude…

Link hatte mehr und mehr das Gefühl, er wäre hier nicht erwünscht, genauso wie an anderen Orten nicht mehr. Nicht in Kokiri, denn er war keiner mehr von ihnen und zu alt. Nicht in Termina, denn er war Hylianer, obwohl er sich nicht danach fühlte. Nicht einmal dort, wo niemand war, da er einst mit der Zeit getanzt hatte.

Er seufzte leicht mit der Gewissheit... dass Zelda ihn vergessen hatte. Vergessen, wie jeder andere, der ihn vergessen hatte. Eine Heldentat schien nichts wert zu sein, selbst wenn sie mehr war als das und doch in einer Zukunft lag, die es nun nicht mehr gibt.

 

Link war dabei sich fortzubegeben, als Zelda plötzlich aufstand und mit kurzen eleganten Schritten in seine Richtung lief. Sie blieb plötzlich stehen, hatte einen ebenso traurigen Ausdruck auf dem Gesicht, hatte Angst und doch Hoffnung in ihren saphirblauen Augen. Eine Träne rollte ihre Wange hinab, die niemand bemerkte. Denn die wunderschöne und weise Prinzessin des hylianischen Landes hatte ihrem Vater und auch Valiant den Rücken zugewandt, blickte angestrengt in die Dunkelheit, wo sich ein wertvoller Freund verbarg.

 

„Entschuldigt’ mich. Mir ist, als ob... Verzeiht’. Ich bin in meinen Gemächern.“, murmelte sie schwach und hetzte ohne auf die besorgten Worte ihres Vater zuhören aus dem Saal hinaus. Hastig nahm sie ihr langes Rockteil in die Hände, rannte mit einem Klappern ihrer teuren Schuhe durch die Gänge.

 

Sogleich beeilte sich der junge Held und versteckte sich hinter einer alten Rüstung, die im dunklen Flur stand. Zelda ging mit schnellen Schrittes den Korridor zum Ostflügel des Schlosses entlang und folgte dann den Stufen einer Wendeltreppe ins zweite Stockwerk. Link schlich hinter ihr her... er konnte einfach nicht anders, obwohl es doch dumm war, was er hier tat, obwohl er sich sicher war, sie hätte ihn vergessen…

Als Zelda schließlich vor ihren Zimmern stehen blieb und die Tür öffnete, schaffte es Link geradeso einzutreten, bevor sie zu fiel- glücklicherweise, ohne dass Zelda es bemerkt hatte.

 

Zelda setzte sich an ihr dunkelbraunes Pult mit dem großen Spiegel, der darauf stand. Sie nahm eine goldene Bürste zur Hand, während sie mit der anderen Hand ihre Spangen löste. Ihr seidenes, langes Haar fiel sanft über ihren Rücken.

Link stand wie angewurzelt und verzaubert hinter einem roten Vorhang und beobachtete sie einfach nur. Zelda begann zu summen- ein schönes Lied, ein bekanntes Lied. Es tat unheimlich gut ihre Stimme zu hören und ihm wurde warm ums Herz, dachte für einen Moment, ihre Stimme könnte das Eis zum Schmelzen bringen, welches sich in seiner Seele und seinem Herzen breit gemacht hatte. Aber niemand konnte das mehr, niemand teilte das, was er wusste, fühlte und hasste.

 

Er wollte schon etwas sagen... aber dann, packten ihn Zweifel und er dachte, er sollte nicht hier sein. Langsam drehte er sich um und wollte schnell wie der Blitz hinter dem Zugang verschwinden. Es hatte keinen Sinn hier zu sein, keinen Wert um Liebe und Verständnis zu bitten, wo man doch den Weg des Schicksals nicht wählen konnte. Er kniff seine Augen zusammen, drehte sich um und war schon halb aus der goldenverzierten Tür verschwunden.

 

In dem Moment stoppte Zelda ihr Lied und sanfte Worte kamen über ihre Lippen.

„Ich weiß, dass du da bist...“, sagte sie mit gefühlvoller, ruhiger Stimme. Link bewegte sich nicht und tat so, als wäre er nicht hier.

„Link...“ Zeldas Stimme erklang angenehm in seinen Ohren und ihm wurde bewusst, dass er diese Stimme vermisst hatte- nein, er hatte nicht nur ihre Stimme vermisst. Trotzdem blieb Link wie gelähmt halb hinter dem Vorhang stehen.

„Versteckst du dich vor mir... oder vor dir selbst...“ Dann trat er langsam hinter seinem Versteck hervor, ohne sie anzusehen. Er konnte ihrem Blick einfach nicht begegnen- ja er hatte sie vermisst, aber er wollte es nicht zugeben. Er konnte es nicht zugeben. Er war der Held der Zeit, es war dumm von ihm, Schwäche zu zeigen und noch dümmer, um ein wenig Zuneigung zu bitten. Stumm, mit einem verletzten Ausdruck auf dem jugendlichen Gesicht. Niemand würde verstehen, auch Zelda nicht.

 

Die Prinzessin jedoch sah ihn ganz genau an und lächelte leicht. Genauso hatte sie ihn in Erinnerung behalten. Dunkle, tiefblaue Augen leuchteten aus seinem Gesicht hervor. Soviel Traurigkeit lag in diesen Augen und selbst nach all’ den Jahren war dieses Gefühl nicht daraus entwichen. Blonde Haarsträhnen hingen verstreut in seinem Gesicht. Aber irgendetwas an Link fehlte- ja... er trug seine grüne Mütze nicht mehr. Seine Haare waren zu einem kleinen Pferdeschwanz zusammengebunden. Auch hatte er keine grüne Tunica mehr an, sondern ein braunes Outfit. Eine nussbraune Tunika mit vielen Flicken, an der Hüfte mit einem ledernen Gürtel gehalten. Aber ein Schwert trug er immer noch auf dem Rücken.

„Hallo, Zelda.“, meinte Link trocken und sah sie weder an, noch zeigte er irgendwelche Emotionen. Denn wenn die Kälte jemanden auffrisst, gibt es keinen einfachen Weg zurück zu einem wahren Lächeln.

 

Sie lief in langsamen Schritten auf ihn zu, aber er wich ihr aus und stand dann mit dem Rücken zu ihr.

„Ich wollte nur...“ Seine Stimme verriet Einsamkeit und Unnahbarkeit. „... ich wollte nur diese Okarina zurückbringen. Ich denke, ich brauche sie nicht mehr.“ Link lief mit schweren Schritten auf den runden Tisch in der Mitte des Raumes zu und legte das Instrument darauf ab. Ein kurzes Klacken, als der Ton des Instrumentes auf die kalte Holzplatte traf.

„Behalte sie... sie war ein Geschenk.“, meinte Zelda leise. Sie erkannte Link nicht wieder. Was war nur mit ihm geschehen? Er war so abweisend, so kalt, so betrübt. Und in seinen Augen lag kein Funken Wärme mehr. Etwas stimmte nicht mehr in seiner Seele, dem einstigen Gleichgewicht, das wusste sie schon lange, fühlte sie über die Verbindung zu jenem Helden, die sie immer schon, von ihrer Geburt an, hatte.

Nächtelang hatte sie wach gelegen, die erdrückende Einsamkeit in seinem verlassenen Herzen gespürt. Die tückische Macht des sagenumwobenen Triforcefragmentes in ihrem Besitz und der Verbindung zu seinem hatte ihr immer wieder quälende Visionen von ihm gesendet. Sie fühlte seine Schmerzen, sein Leid und die Zweifel in seinem Herzen. Und wann immer eine Träne floss, so floss diese auf seiner und ihrer Wange.

 

„Nein, das kann ich nicht annehmen.“, sagte er schweren Herzens, damit ringend, die Okarina als etwas, was ihn einst fröhlich stimmte mitzunehmen, seiner einzigen Erinnerung, die noch einen Sinn machte. Sie war so etwas wie ein Freund für ihn geworden. Aber er wollte dieses Instrument deshalb nicht mehr annehmen, da es doch nicht lebendig war… 

 

Die Prinzessin lief wieder auf ihn zu und stand jetzt direkt hinter ihm. Sie streckte eine warme Hand nach ihm aus, wünschte sich lediglich, ihm Mitgefühl und etwas Gesellschaft schenken zu können. Doch Link war nicht dazu fähig, weder zu Gesellschaft, noch zu irgendeiner Form der Nähe.

Hektisch stürmte er zur gläsernen Balkontür und versuchte sie zu öffnen. Jedoch war sie verschlossen. Dann rüttelte er daran. Zelda konnte nicht verstehen, was mit ihm los war. Sicherlich, eigentlich ging es sie nichts an, aber sie hatten immer noch eine gemeinsame Vergangenheit, selbst nach all’ den Jahren. Er hatte sich so verändert- innerlich. Irgendetwas belastete ihn, das fühlte sie. War es die Last der alternativen Zukunft? Die Last seines Schicksals… wie dumm, dass Link selbst nicht einmal mehr wusste, was sein Schicksal war.

 

Zelda erinnerte sich an die Zeit, als sie zusammen, als Kinder im Schlossgarten saßen. Damals war er es, der sie erheiterte. Er hatte ihr soviel Mut gemacht und Hoffnung geschenkt, als Ganondorf das Königreich bedrohte. So viele Dinge, die sie ihm schuldete. Und nun...

Zelda schloss ihre Augen und legte langsam ihre rechte Hand auf ihr Herz. Das Triforcefragment der Weisheit in ihren Händen strahlte soviel Wärme aus, so ein angenehmes Gefühl, wie schon lange nicht mehr.

„Es... es ist schön, dass du wieder in Hyrule bist.“, sagte Zelda sanft. Aber Link reagierte nicht darauf, stattdessen ging er in Richtung Zimmertür und legte eine Hand auf dessen goldenen Griff.

„Ich denke, ich werde nicht lange hier bleiben... ich-“ Aber er konnte seinen Satz nicht beenden, denn Zelda unterbrach ihn. „Warum willst du schon wieder weg? Ich hatte gehofft, du würdest bleiben. Ich dachte, du... Link, Hyrule ist doch schließlich dein Zuhause.“

 

Er drehte sich um und das erste Mal seit langer Zeit, sah er in ihre warmen Augen. Scharf und kalt blitzte das Blau in seinen ernsten Augen auf, sendete eine leichte Schockwelle aus, worauf Zelda wenige Zentimeter zurücktaumelte.

„Hyrule ist nicht mein Zuhause... Hyrule hat immer nur einen Helden gebraucht, Zelda. Aber mir konnte dieses Land niemals etwas geben. Niemals... Ich gehöre nicht an diesen Ort. Vielleicht sollte ich gar nicht hier sein. Es war ein Fehler zurückzukehren. Besser, ich gehe jetzt wieder. Verzeiht’ die späte Störung, Prinzessin...“

Zelda starrte ihn erschrocken an. Nein, das war nicht Link. Wo war seine Herzenswärme, sein Mitgefühl geblieben? Er wirkte verbittert, als ob es nichts in seinem Leben gäbe, das ihn auch nur in irgendeiner Weise Freude bereiten könnte. Die Prinzessin drehte sich um und wich seinem Blick aus.

„Ich bin hier fehl am Platz, Zelda... Hyrule braucht mich nicht mehr. Das war einmal und nun gibt es andere Menschen, die das Schicksal dieses Landes bestimmen. Du bist einer von ihnen. Aber ich...“ Link öffnete die Tür. „Ich habe hier keinen Platz, kein Zuhause, keine Familie. Ich kann nicht dorthin zurückkehren, wo ich einst lebte. Ich bin weder Kokiri, noch ein wirklicher Hylianer. Leb’ wohl Zelda.“

 

Link verschwand und konnte nicht mehr Zeldas leises Schluchzen hören oder ihre Tränen sehen. Die Prinzessin rannte ebenso aus der Tür heraus und folgte dem Gang, bis sie in einem dunklen Korridor zusammenbrach und ihr Gesicht in ihren Händen vergrub. So viele Gefühle rüttelten seine Worte wach… Scherzhaft kamen erneut die Bilder seines Leides, seiner leeren Empfindungen, seiner Einsamkeit. Bilder, so grausam, rüttelten an ihr, raubten Unschuld und Hoffnung.

 

Nach einigen Minuten spürte sie warme Hände auf ihren Schultern. Valiant sah sie an, zog sie auf die Beine und schob sie in Richtung seines Gemaches. Zelda reagierte zuerst nicht und ließ sich führen, spürte nur das Nagen von Links Gedanken in ihrem Kopf…

In Valiants Zimmer brannten noch einige rote Kerzen. Die Prinzessin ließ sich auf eine rote, bequeme Couch sinken.

Valiant kniete vor ihr nieder und blickte sie mit großen Augen an.

„Was ist los, Cousinchen?“, meinte er fürsorglich. Zelda schaute zur Seite und beobachtete das Wachs, welches langsam an den Seiten einer Kerze entlang lief.

„Er war hier.“

„Wer?“ Valiant sah sie nun mit noch größeren Augen an.

„Link...“, sagte Zelda mit kläglicher Stimme.

„Du meinst, der Held der Zeit?“ Zelda nickte nur, während eine einsame Träne an ihrer Wange entlang lief.

„Zelda?“ Fragend sah er sie an, verstand nicht die Träne auf ihrer Wange oder die Traurigkeit in ihren sonst so mit Hoffnung und Freude erfüllten Augen und bohrte geduldig nach. „Euer Wiedersehen gestaltete sich wohl nicht so, wie du es dir erträumt hattest, hm?“

 „Er... er hat vor, wieder fortzugehen.“ Valiant runzelte die Stirn.

„Das hätte dir wohl klar sein müssen.“ Zeldas blaue Augen begegneten seinen Augen, die die helle graue Farbe von Zeldas Mutter hatten.

„Ja... vielleicht hätte ich es wissen müssen. Aber die Art, wie er es gesagt hat, ist eigentlich der Grund, weshalb...“

„... weshalb du so traurig bist?“ Zelda nickte wieder.

„Valiant... du weißt fast nichts über die Dinge, die damals geschehen sind. Und möglicherweise interessiert es dich auch nicht. Aber... du weißt, dass Link mir sehr viel bedeutet. In den sieben Jahren einer Zukunft, die dank ihm niemals geschehen wird, habe ich mich an den winzigen Strohhalm geklammert, ich würde ihm wieder begegnen. Ich habe an ihn geglaubt, ihm vertraut, er würde Hyrule retten. Und er hat es geschafft... Bis heute hat Link nichts als Lohn verlangt, nichts... überhaupt nichts. Ich fragte mich, was es wohl ist, das jemandem wie ihm wirklich Freude bereiten würde und seit vorhin weiß ich es.“

„Ja? Was ist es denn? Was begehrt der Held der Zeit?“, fragte Valiant, der seine kleine Cousine selten so verzweifelt gesehen hatte.

„Er wünscht sich so etwas einfaches, etwas so simples, das vermutlich jeder von uns hat und für selbstverständlich hält...“

„Du sprichst in Rätseln, Zelda. Was ist es?“

„Etwas, was ihm keine Macht dieser Welt geben kann... eine Familie, ein Zuhause.“ Dann rollten wieder zarte Tränen an Zeldas Wangen herab und Valiant umarmte seine Cousine. „Link bedeutet dir mehr, als wir alle angenommen haben. Oder? Und selbst nach all’ der Zeit empfindest du soviel Mitgefühl und Verständnis für ihn. Wie kommt das, Zelda?“

„Ich weiß nicht, aber vielleicht sind wir über das Triforce so stark miteinander verbunden.“

Valiant sah sie dann wieder an und setzte einen noch nachdenklicheren Blick auf.

„Aber du bist auch mit Ganondorf über das Triforce verbunden. Du fühlst jedoch nichts, was ihn betrifft, oder?“ Zelda sah erschrocken auf, ihr Cousin hatte vollkommen Recht.

„Es ist mehr als deine einfache Verbindung zu ihm...“

Zelda stand auf und blickte aus dem Fenster. Gewitterwolken zogen auf und sehr bald würde der Sturm beginnen. Zelda war unwohl dabei, daran zu denken, dass Link jetzt einmal wieder in seiner Einsamkeit irgendwo unter einem Baum schlief...

 

„Link...“ Sein Name entkam ihren Lippen. „Du hast sehr wohl einen Platz in Hyrule und Hyrule wird dich immer brauchen.“ Dann dachte sie still: ,Und wenn du daran zweifelst, solltest du wissen, dass es nicht nur Hyrule ist, welches dich braucht... ich brauche dich ebenso. Und du hast einen Platz hier... bei mir.’

 

Einige Minuten vergingen. Zelda sagte ,Gute Nacht’ zu Valiant und bedankte sich bei ihm, denn durch seine Hilfe waren auch ihr einige Dinge klar geworden.

Sie hatte über die Zeit eine tiefe, freundschaftliche Verbindung zu Link aufgebaut, die so stark war, dass sie fühlen konnte, wie einsam er war. Eine Verbindung, die sogar die Ketten der Zeit gesprengt hat, denn nach all der Zeit waren die Gefühle für ihn geblieben.

Zelda ging wieder auf ihr Zimmer, legte sich in ihr samtrotes Himmelbett und versuchte zu schlafen. Aber immer wieder kamen ihr Links Worte in den Sinn, sie hörte seine Stimme in ihren Gedanken, seine wohltuende Stimme... vernahm seine Worte, die sich anfühlten wie ein Dolch in ihrem Herzen. Sie fühlte erbarmungslose Kälte, schüttelte sich in ihrem Federbett, wusste, dass diese Wahrnehmung von ihrem Seelenverwandten herrührte, der gerade in bitterer Kälte die Nacht herumbrachte. Sie fühlte Nässe, hörte das Schlagen von Regen gegen ihre Fensterscheibe und dann das Trommeln des Regens auf das klatschnasse Steppengras. Mehr und mehr fühlte sie die Nässe des Regens auch um ihren Körper, fieberte mit der Empfindung purer Kälte, sorgte sich um Link, so wie sie es die letzten Jahre immer getan hatte. Doch warum konnte er ihre Sorge nicht fühlen, wo er eine Verbindung zu Zelda hatte? Warum wollte er ihre Zuneigung nicht fühlen?

 

Erneut kamen die Tränen und Zelda tat diese Nacht kein Auge zu... 

 

Link saß inzwischen tatsächlich unter einem Baum inmitten der hylianischen Steppe. Der Himmel entlud sich, schickte Donner und Sturm, schickte Kälte hier in dem anbrechenden Herbst Hyrules. Zusammengehockt saß Link an dem Baum gelehnt, ignorierte die Kälte, den eisigen Wind und den klatschnassen Erdboden. Es war egal für ihn geworden. Denn Dank des Triforcefragmentes, geliebt werden sollten seine göttlichen Kräfte, lag ein Schultzschild gegen jegliche Form der Krankheit um seinen Körper. Und wenn er verletzt werden sollte, so bescherte das Fragment ihm eine schnellere Genesung. Er hatte nichts zu fürchten… nur die Einsamkeit. Das war sein Fluch… 

 

Er dachte an Zelda... Warum nur war er ins Schloss aufgebrochen? Erneut das Wachrütteln alter, unerwünschter und vergänglicher Gefühle, eine erneute Enttäuschung. Und doch, nach all der Zeit... sie hatte ihn nicht vergessen…

Du Dummkopf, sagte er zu sich selbst. Du hättest sie nicht so anfahren sollen. Aber... vermutlich war es das beste, wenn er ihr nicht mehr über den Weg lief. Es würde ihn nur an eine Vergangenheit und eine Zukunft erinnern, die in Links Augen genau dort hin gehörten, wo sie waren... in die Schatten einer Nichtexistenz. Es war vorbei. Lange her und das war gut so...

Morgen würde er noch einmal in die Stadt vor dem Schloss gehen, einen Blick in die Zitadelle der Zeit werfen und schließlich dieses Land für immer verlassen. Er würde sich ein Boot kaufen und über das Meer segeln, denn dort war das Meer vielleicht noch einsamer als sein junges Herz.

 

Mit einem Schlag riss ihn etwas aus seinen Gedanken. Die Klänge einer alten Eule schallten durch seine spitzen Ohren. War das etwa...?

„Huhu... wen haben wir denn da? Link, Held der Zeit, bist du es?“

Und Links Vermutung bestätigte sich, es war Kaepora Gaebora, die alte, weise Eule, die damals schon über ihn wachte.

„Was willst du von mir?“, sagte Link schroff. Er hatte keine Lust mit diesem seltsamen Kuckuck zu reden.

„Nana... so unfreundlich? Wie kommt es, dass ausgerechnet ein Kind des Schicksals wie du es bist, sich einbildet, nicht mehr gebraucht zu werden?“

„Das geht dich gar nichts an. Und jetzt verschwinde!“, rief Link wütend in die Krone des Baumes. „Ich bin dir und deinem jämmerlichen Gesicht keine Rechenschaft schuldig. Hau’ ab, verdammt.“ Link schlug mit der Faust an den Baum, worauf die Eule zum Flug ansetzte. Sie schwebte in der Luft und sagte unheimlich ruhig. „Link. Du hast keinen Grund, wütend zu sein. Es gibt noch soviel Großes, was du vollbringen könntest. Seit wann beklagt sich der Held der Zeit über sein Schicksal, seit wann bist du so mutlos? Es scheint, als wärst du des Triforcefragmentes in deinen Händen nicht mehr würdig. Sag’ wann leuchtete es das letzte Mal?“ Und Link hielt inne... es hatte lange nicht mehr geleuchtet. Schon lange wusste er nicht mehr, dass er überhaupt ein Fragment trug, er fühlte es nicht mehr, weder seine Macht, noch eine fremde Wahrnehmung hinsichtlich jenem großartigen Segen… Es verblasste, wie die Erinnerung an die Zukunft

„Wo ist dein Mut geblieben. Hast du dein Schicksal vergessen... deine Bestimmung?“

Link schwieg. Die Eule wusste es... und er selbst hatte es ignoriert. Der Mut war aus seinem Herzen verschwunden.

„Link, geh’ in die Zitadelle der Zeit. Dort sollst du die Antworten erhalten, nach denen du verlangst. Es wird Zeit, dass du aufwachst. Der alte Dekubaum hätte nicht gewollt, dass es so mit dir zu Ende geht.“ Kaepora klang überraschend ruhig und Link sah auf den Boden. Selbst die Erinnerung an den Dekubaum schien ihm kein Lächeln auf das Gesicht zu zaubern.

Er war einfach verzweifelt und verunsichert...

„Ja, ich gehe dorthin, wie du meinst.“, sprach Link fast unwirklich, als ob er ein Gespenst wäre. Und er fühlte sich so wie ein Geist einer anderen Zeit, ein Überbleibsel, welches vergessen wurde, denn wer wusste schon, dass die Legende, welche bereits an die Ohren des Volkes gedrungen, einmal Realität gewesen war. Wer wusste, dass der Held der Zeit wirklich existierte? Leere beseelte die menschliche Gestalt jenes Helden, der sich älter fühlte als es sein fünfzehnjähriger Körper war.

„Und jetzt, lass mich bitte in Ruhe.“, murrte er und drehte sich verärgert um. Die Eule schwang ihre Flügel und flog in Richtung Kakariko...

Link aber ließ sich auf dem Boden sinken und schlug wie ein Irrer mit seinen Fäusten auf dem kalten Erdboden ein, verfluchte sich selbst, sein Schicksal und fühlte sich so erbärmlich wie noch nie in seinem Leben…

 

Link trat auf die erste steinerne Stufe des alten Bauwerkes der riesigen Zitadelle und sah in Richtung der großen, dunklen Eichentür, mit ihren sagenhaften Verzierungen, Götterabbildungen und alten Türgriffen. Es war immer noch Nacht und der Sturm fegte über das Land. Auf der Treppe lagen herabgefallene bunte Blätter.

Link seufzte und öffnete das schwere Tor, sich selbst fragend, was er hier überhaupt sollte.

Welchen Sinn hatte es in eine Welt zurückkehren zu wollen, die man nicht kennen durfte? Niemanden interessierte das Trauma, welches jener junger Held durchlebt hatte. Nie hatte jemand danach gefragt, nicht die, die um seine Last wussten, nicht die Weisen Hyrules und auch nicht Zelda. Nie hatte jemand gefragt, wie es ihm dabei ging, nie war nur ein Wort bezüglich der Angst im Angesicht des Todes über jene Lippen gelangt, denen Link stets aufmerksam zugehört hatte. Aber Vorwürfe machten sie ihm, da er seine Bestimmung nicht mehr akzeptierte. Schuld an seinen Zustand war nur er, nicht das Böse, nicht die Menschen, die er gerettet hatte. Genau das wurde ihm eingeredet und nun schien sich dieses verlogene Wissen, welches so zerstörerisch in seinem Kopf eingebrannt wurde, gegen ihn verschworen zu haben.

 

Es war Schicksal, dass er kämpfte.

Schicksal, einsam zu sein.

Nur Schicksal…

 

Link lief auf dem kalten Mauergestein entlang. Ja, das weckte Erinnerungen. Blutige  Erinnerungen an Schuld und Dummheit, Naivität und Kindsein, das man ihm genommen hatte, auch wenn er sieben Jahre in der Zeit zurückgeschickt wurde. Bilder aus tausend Alpträumen, Bilder des Todes…

 

Link konnte außerhalb den Wind peitschen hören, so still war es hier drin. Einzelne Fackeln brannten an den Wänden und doch konnte Link die unsichtbare Wärme dieser nicht mehr fühlen. Links Blick verlor sich an dem stolzen Deckengemälde, wo die Götter bei der Erschaffung Hyrules abgebildet waren. Dann tapste er in Richtung Altar. Stiefelgeklapper zerstörte die Ruhe.

Die drei heiligen Steine standen immer noch dort, aber sie waren erstarrt, ihr Licht verblasst, lediglich ein silbriger Schein ging von ihnen aus, ein Schutzmechanismus, dass niemand diese auch nur berühren konnte.

 

Das allmächtige Tor zur Zeit war versperrt, schon lange, selbst für ihn, denn seine Zeit in der Zukunft war um, vergänglich…

Melancholie lag in seinem Blick, Selbstzweifel und die Unruhe vor einem möglichen Sturm, dort, wo nur noch der Tod regierte.

Der einstige Held der Zeit trat näher, wanderte mit seinen Augen die steinerne Wand vor ihm ab, begegnete Visionen über die Vergangenheit und legte seine rauen Hände auf das kalte Gestein, horchte den Geräuschen hinter der magischen Wand zu, lauschte vergessenen Klängen von Damals.

 

Plötzlich wurde jene Mauer erneut lebendig, das Tor zur Zeit schien sich wieder zuöffnen. Langsam wurden die Wände von magischen Händen zurückgeschoben, gewährten Eintritt jenen, die auserwählt waren erneut dort zuwandeln. Der Zugang zu Hyrules mächtigem Relikt lag erneut offen. Feine Staubkörner tanzten im Reigen der ungehörten Töne, hier wo das Masterschwert ruhte, wie an vielen Orten zuvor.

 

Der Held der Zeit schritt dann auf jene Waffe zu, mit der er einst das Böse besiegte. Die Fackeln an den Wänden warfen undeutliche Schatten und tauchten die Katakomben in rote Farben. Link bewegte sich lethargisch auf die Waffe zu und erschrak im selben Augenblick. Das Masterschwert war vollkommen verrostet. Was war nur passiert? Link umgriff das Heft des Schwertes und wollte es aus seinem Stein herausziehen, aber es bewegte sich keinen Zentimeter.

 

Dann vernahm er eine Stimme: „Gib’ dir keine Mühe. Es hat seine Macht verloren, weil sein einzigster Träger nicht mehr würdig ist, es zu tragen oder weil er keine Existenz mehr besitzt...“ Aus dem Schatten des Raumes kam eine vermummte Gestalt auf ihn zu und nahm sogleich eine graue Kapuze ab, die zu einem Mantel gehörte.

„Es überrascht mich, dass du noch hier bist...“, sagte die Person leise, scheute den Blick des Kämpfers.

„Es überrascht mich ebenso.“, meinte Link leise. „Aber morgen werde ich niemanden mehr mit meiner Anwesenheit belasten…“, ergänzte er ironisch.

Erschrocken starrte jene Gestalt ihn an. „Link?“, sagte sie leise. Sie schüttelte mit dem Kopf und kämpfte mit den Tränen, die seine Worte in ihr hervorriefen.

Er jedoch blieb kalt, starrte zu Boden, als würde er dem Staub bei seinem Spiel zusehen wollen.

„Willst du wieder weglaufen? Kümmert es dich nicht, dass dein Schwert dich nicht mehr als dessen Träger anerkennt?“ Ihre Stimme klang verzweifelt und wurde immer lauter.

„Link... bitte. Du kannst nicht ignorieren, was hier vor sich geht. Du...“

Link sah auf und Wut kochte nun in seinem Inneren. Das Blau seiner Augen schnitt durch die Luft wie scharfer Stahl durch einen verletzlichen Körper: „Ja. Es macht mir Spaß alles zu ignorieren, alles zu vergessen, dieses verfluchte Land zu vergessen. Ich habe Freude daran!“ Link brüllte nun fast und seine Stimme schallte durch die Katakomben. „Juhu. Hoch lebe Hyrule.“

 

Erbost ging die Gestalt auf ihn zu und gab Link ohne Vorwarnung eine saftige Ohrfeige. Er taumelte zur Seite, sah geschockt in ihr Antlitz und sah Tränen die zartrosa Wangen entlang laufen. Er rieb sich mit einer Hand seine Wange und flüsterte leise ihren Namen. „Zelda...“

„Ich kann nicht glauben, dass du dergleichen sagst. Ich kann nicht glauben, dass du es bist, Link. Seit wann interessiert es dich nicht mehr, was in Hyrule vor sich geht. Liegt es dir nicht mehr am Herzen? Wieso bist du so kalt und grausam zu mir?“ Zelda sah ihn traurig an. Er antwortete nicht, sondern drehte sich wieder um.

„Hast du mir damals nur geholfen, weil ich die Prinzessin von Hyrule bin? Ich Dummkopf hatte geglaubt, du tätest es… aus...“  Zelda hielt die ganze Situation nicht mehr aus und lief in schnellen Schritten in Richtung Ausgang. Link hinderte sie nicht daran. Warum sollte er jemanden daran hindern zu gehen, wenn er doch wusste, dass dieser jemand niemals sehen würde, was wirklich in ihm vorging…

Er sehnte sich nach Liebe, nach Zuneigung, aber wie sollte er dies bekommen, wenn er nicht in der Lage war, nur ansatzweise Zuneigung zu zeigen…

 

Schwindend sah er Zelda mit ihrem dunklen Mantel davon eilen, sah wie langsam ihre Schritte wurden, sah sie weglaufen wie in einer heimtückischen Vision von der alternativen Zukunft. Er konnte sie sehen, sah sie weinen, selbst als ein blauer Kristall ihn umhüllte und in der Zeit zurückschickte. Er sah sie genauso wie damals weglaufen, vor sich und ihm…

Damals konnte er nicht dagegen ankämpfen, gegen die Macht der siebten Weisen, obwohl er es sich wünschte. Und heute wollte er nicht mehr gegen das Gefühl verlassen zu werden ankämpfen. Denn jener Kampf, jene stumpfsinnige Gegenwehr, hatte nicht den Sieg auf seiner Seite zur Folge…

 

Zeldas Schritte wurden schleppender, bis sie endgültig stehen blieb. Mit den Tränen kämpfend, ihre Hände zu Fäusten geballt, sprach sie Worte des Verständnisses: „Warum machst du es uns so schwer…“ Link schwieg, baute einmal mehr die fiese Kälte um sein Herz, erweckte den Alptraum in seiner Seele zum Leben, um nicht als schwach angesehen zu werden…

„Ich habe dich nicht vergessen… ich könnte dich niemals vergessen.“, murmelte sie vor sich hin mit dem Wunsch, seine Augen könnten den traurigen, verträumten und doch zuversichtlichen Ausdruck wiedergewinnen. Sie sehnte sich nach diesem Blick, hatte ihn in ihren Träumen gesehen und in ihren tiefsten Sehnsüchten. Aber Link konnte ihr diesen Blick nicht schenken, nicht heute und vielleicht nie wieder in diesem Hyrule.

 

Ihre Beine setzten sich in Bewegung, zögernd tapste die anmutige Prinzessin Hyrules voran, kniff ihre Augen zusammen und doch sagte sie ungewollt noch zwei Wörter, die genau die verwunschenen Orte in seinem Herzen erneut trafen, erreichte und sanft berührte.

„Mein Held…“, flüsterte sie. „Mein Held…“, wiederholte sie liebevoll und hetzte zu den Toren der Zitadelle, verschwand, als wäre sie nie hier gewesen… 

 
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