11. Kapitel
 
"

Kapitel 11

 

 

Eine vergnügliche Runde in der Cafeteria bei fettigem Gänsebraten und hylianischem Gewürzkorn brachte Abwechslung unter die Ritteranwärter in der alten Schule der Söhne des Schicksals. Und ein einfacher Tag schien dem Ende zu begegnen, und ein Schleier des Nebels verbarg in der Dunkelheit noch mehr als die Geschöpfe der Nacht...

 

Gedankenversunken stand Link in dem großen, nach Pferdeäpfel und Heu müffelnden Stall, der direkt neben der Ritterschule angeschlossen war. Sorgsam bürstete er das goldbraune, glänzende Fell Eponas, der diese Aufmerksamkeit auffallend gefiel. Doch dann wieherte sie heftig und schabte mit den Vorderhufen.

„Nanu? Passt dir irgendetwas nicht, mein Mädchen?“, sagte Link und striegelte die weiße, dichte Mähne des schönen Tieres. Epona reckte ihren Kopf in die Höhe, und Link folgte dem Hinweis. Aufmerksam schaute er hinaus in die finstere Nacht und nicht einmal das Leuchten der Abendsterne, das beschützende Licht des Mondes, schirmte diese Nacht das Gute vom Bösen ab. Denn es war kalt geworden und jeder Atemzug schickte Nebelschwaden in die Nacht.

 

Der junge Held tätschelte den schlanken Hals seiner prächtigen Stute und lehnte den eigenen Schädel dagegen.

„Ach, Epona, wie gut du es doch hast, ein Pferd zu sein...“, murmelte er und erhielt einen wiehernden, beinahe kichernden Stups der Stute, die mit ihren feuchten Nüstern an seine Stirn kam.

„Epona?“, brummte Link beinahe lachend. Zuerst hatte der Held noch den Eindruck seine Stute wollte sich einen Scherz erlauben, so wie es für sie üblich war. Aber plötzlich stellte sie sich wiehernd auf die Hinterläufer.

„Dieses Getue kommt mir doch ziemlich bekannt vor.“ Denn immer wenn sein Mädchen so handelte, dann war irgendetwas im Gange, als ob jemand ebenso im Stall verweilte, oder als ob ihn jemand beobachtete. Sorgsam schaute sich der junge Held in dem Stall um, schwenkte mit den in der Schwärze so dunkelblauen Augen in jede Ecke des Stalls, von dem Tor zum Stall zu den anderen Pferden, die ebenso aufsahen und immer unruhiger zu werden schienen.

 

In dem Moment fühlte Link eine alte Hand auf der Schulter. Mit einem ungewollten Schrei und einer erschreckenden Pause seines Herzrhythmus’ drehte er sich um und schaute in die grauen Augen des am Krückstock laufenden Hausmeisters. Link atmete erleichtert aus und ein und meinte umständlich: „Guten Abend, Herr Hopfdingen.“ Ein seltsamer Name für hylianische Herkünfte, aber so hieß dieser alte Greis.

„Guten Abend.“, sagte der Kerl in einer kratzigen Stimme und schaute sympathisch blickend zu Link, der misstrauisch mit dem Augen hin und her schweifte.

„Ein schönes Tier ist das.“, sagte er und klatschte mit einer runzligen Hand an den Hals Eponas.

 

Link nickte bloß und schien immer noch abgelenkt zu sein. Die Nacht war keine gewöhnliche, ja, das wusste er. Tagesundnachgleiche... Sein Gefühl für das Böse in Hyrule, sein Instinkt, dass etwas Gefahrvolles in der Luft lag, hatte ihn bisher noch nicht betrogen und daher...

 

„Ihr solltet zurück in die Schule gehen, Herr Hopfdingen.“, sagte Link ernst.

„Gewiss, gewiss... aber du solltest ebenso in dein Zimmer gehen, junger Arn, denn die Türen werden bald geschlossen.“ Link erhob seinen Zeigefinger und meinte belehrend. „Entschuldigung, aber mein Name ist nicht Arn, ich heiße Link.“

Die alten, wissenden Augen des kleinen Greis rutschten näher zu dem unerkannten Helden heran und die Stirn des Alten verzog sich zu mehr und mehr Falten als er ohnehin schon besaß. „Wirklich? Dabei...“ Sein grauer Kopf hing schief und er schien Link zu mustern. „Link also? Sehr absonderlich... sehr absonderlich...“, meinte er und setzte seine Beine in Bewegung.

Zuerst irritiert, dann schon wieder wissbegierig lief Link schnellen Schrittes hinter dem Greis her.

 

„Was ist so absonderlich?“, sagte Link laut und streng.

„Wie meinst du?“, sagte der Alte.

„Ihr habt doch gerade etwas von Absonderlichkeit erzählt.“

„Wie? Oh, absonderlich, absonderlich...“, sagte der Alte und schien zu grübeln. „Du, junger Edelmann, bist äußerst absonderlich“, setzte der Alte hinzu und gaffte Link entschieden an.

Link schüttelte mit den Händen, blickte trübsinnig zu Boden und ignorierte aus irgendeinem Grund dieses Gerede. Er wollte es einfach nicht wissen und hatte keine Lust mit dem Alten über seine verflixte Unnormalität zu reden.

„Schon gut. Ich bin hier gleich fertig, dann könnt Ihr die Türen schließen.“ Der Alte verzog seine blassen Lippen zu einem breiten Lächeln. „Gut, aber geh’ nicht zu spät schlafen, wie sonst immer, hitzköpfiger Arn.“

„Aber ich bin nicht...“, wollte Link erklären, aber da war der Alte schon aus der Hütte verschwunden.

 

Schleichend folgte der alte Hausmeister Herr Hopfdingen den Weg, klammerte sich an den Krückstock, der ächzend und raspelnd in den alten Burggängen widerhallte. Ein schiefes, müdes Lächeln zeigte sich auf seinem Gesicht, denn er humpelte zielstrebig zu seinem kleinen Zimmer, wo er sich ausruhend in den breiten Sessel sacken lassen konnte. Und noch mehr freute sich der Alte auf seine Pfeife mit dem besten Kraut in Hyrule, selbstgezüchteter Strauchtabak... ein Genuss für die alte Nase und ein sinnliches Schwelgen für den müden Schädel.

Der zerriebene Krückstock schleifte mit lautem Getöse über den Boden, zimmerte einen groben Schatten an die steinerne Wand und doch wurde jener Schatten mit einem Zischen unterbrochen von weiteren kleinen Schatten, die in den Gängen hin und her huschten. Winzige Schatten seilten sich an den mit Kerzenschein erhellten Gängen hinauf, während ein dreistes Kichern ihren Tanz des Vergnügens begleitete. Und doch waren nirgends Besitzer jener Schatten, die lachend und kollernd über raues Gestein trampelten, Worte einer alten Dämonensprache aufzählend, garstig und dreckig.

 

Herr Hopfdingen blickte sich erschrocken um, sah kleine, unzählige Boten des Wahnsinns, denn sie lachten irrsinnig, selbstherrlich in den verschiedensten Halbtönen, die die Instrumente in Hyrule von sich geben konnten. Zitternd krallte er sich an den hölzernen Krückstock, blieb auf den überlasteten, verschrumpelten Füßen stehen, während seine knorrigen, mit Gichtknoten versehenen Finger klapprig um den Holzstab schabten. Ein auffälliger Ring an seiner rechten Hand klapperte.

 

Dämonen in der geachteten Ritterschule?

„Wer ist da?“, rief er hinein in das unendliche Schwarz vor seiner Nase, wagte sich vorsichtig mit dem Stab und einer Fackel nach vorne und sah erneut kichernde Schatten an den kahlen Wänden entlang hüpfen. Einmal mehr rufend. Einmal mehr dämonisch und schauerlich in ihrer mit der Pest des Bösen umwucherten Sprache flüsternd.

 

Humpelnd bewegte er sich weiter, verfolgt und manipuliert von den Biestern mit ihren kindlichen, schiefen Stimmen, die nach Blut gierten. Geleitet von Vergessenem. Geleitet von Todgeglaubten.

 

Nur wenige Sekunden, die in der alten Welt Hyrule so langsam dahintickten, vergingen.

Der alte Hausmeister wanderte kraxelnd durch Dunkelheit, vielleicht zu neugierig über das, was ihn erwartete, oder weil er vielleicht dem Schicksal zu sehr vertraute... Geführt von den lichtblinden Dämonen, versagten nun auch seine Augen und etwas Mächtigeres als die einfache Dämonen selber, trug ihn hinein in den Bannkreis alter Lebensbestandteile, in den heimlichen Teufelszirkel, der geschmiedet für nichtsehende Augen, dort zusammenfand, wo gerade die Lichtblindgeborenen Zutritt hatten.

Tapsend erreichte der Alte, sich auf dem Krückstock abstützend eine unechte, nichtexistenzielle Steintreppe hinab. Doch der Ort, welcher sich im Jetzt preisgab, würde für viele fremde Augen nicht einmal mit einem Blick erfahrbar sein.

 

Eine alte, in dunklem Rauch gekleidete Halle gab sich dem humpelnden Hopfdingen preis, auf Wegen, die er nicht beschreiben, nicht erinnern und niemanden mitteilen konnte, denn die vielen Lichtblinden in dem hohen Gewölbe begehrten Blut, egal ob alt oder jung, sie begehrten die wohl kostbarste und reinste Substanz des Lebens. Dickes, treues Blut...

 

Noch immer tanzten zänkische Schatten an den Wänden, wurden gestaltharter mit jedem Schritt hinein in den schier nebulösen Webstoff des Bösen...

 

Die lebenserfahrenen Augen des Greis erfuhren neuen Glanz und Schimmer, neue Wissbegierigkeit, dort, wo Überraschungen nicht mehr ihren Zweck erfüllten. Näher und näher tastete sich der Hausmeister der Schule voran, fühlte sich angezogen und gleichzeitig auf die dümmste Art und Weise übermütig und doch gab es kein Zurück, denn das Unbekannte zog fest an seinem Herzensgrundstein.

 

Als die groben, zischenden Schatten ihren Reigen beendeten, sich verbargen in noch größeren Denkmälern der Begierde und Lust nach Macht, flüsterte der Nebel sein Abschiedslied, bewegte sich leise raschelnd hinaus und wurde von milden, kühlen Luftschüben verbannt. Viele Personen gekleidet in dunklen Kutten verbargen sich vor dem Antlitz Hopfdingens in den unterirdischen Gefilden, die seit Jahrhunderten in der Schule niemand mehr betreten hatte.

Suchend verbarg sich der Alte hinter einer langen Standsäule, sich seiner selbst so übersicher, nicht gesehen zu werden, obwohl die Augen der Finsternis seiner schon lange bezeugt hatten.

 

Eine starke, feste Stimme, lärmend, ungenüsslich und bitter zischte sie aus dem Inneren des Kreises, ertönte zuerst. Und niemand wagte zu reden, jeder verbat sich den Ton angesichts jener morbiden, fauchenden Erhebung von tiefgelegenen Stimmbändern.

„Die Schlüssel... besorgt die Schlüssel...“, schallte es furchterregend. Ein Riss im Gewebe, ein Riss in der stehenden Luft hier unten, gewaltsam erfasst von dem bestialischen Lebewesen in der Mitte des Zirkels, bedeckt von dunklen Mänteln.

„Lord Chadarkna...“, begann einer der Anwesenden und erfüllt die Luft mit Angst und leisem Flehen, denn sein Meister spürte sofort, wie fraglich und unüberwindbar diese Aufgabe zu sein schien. „... die Schlüssel, die ihr sucht. Die Schlüssel, die wir suchen, sind nicht auffindbar...“, endete einer der Schurken in den Mänteln.

„Sprich mir nicht diese Unwissenheit zu...“ Leise erklang die flüsternde Stimme. „...Aas...“, endete jene Stimme zischend. Und derjenige, der die Stimme erst erhoben hatte, brach schlagartig zu seinen Füßen, vibrierte angesichts einer teuflischen, dunkeln Magie, die sich schon viele lebende und auch unsterbliche Opfer gesucht hatte.

„Aber man wird sich uns in den Weg stellen, Lord Chadarkna.“ Ein heftiger Windstoß erfolgte und die flüsternde Kreatur in der Mitte des Zirkels haschte mit teuflischen Augen, die jegliche Farben der Gesetze in sich verbargen, umher.

„Nicht mehr...“, sprach jener langsam. „... denn auch Helden... sind nur... Sterbliche...“ Jedes einzelne Wort erklang stoßweise und genießend aus einem vernarbten Schandmund.

„Der Held ohne Gesicht... ohne Hoffnung, kann seiner selbst nicht mehr gerecht werden... denn seine Stunden... in der Gegenwart... in der Vergangenheit... und der... Zukunft... sind gezählt...“ Erneut zischendes, beißendes Gezeter drang tief aus einer mit Staub der Vergessenheit belegten Kehle. 

„Und die Prinzessin des Schicksals? Sie wird wissen, denn sie hat das zweite Gesicht.“

„Schweig!“, erklang es morbid aus dem Rachen des Chadarkna. „Denn auch sie wird nicht mehr der Aufgabe... gerecht... welche Destinia ihr auferlegte...“ Stolz flatterte der schwarze Umhang des Oberhaupts um den kräftig gebauten Körper.

„Die Wirklichkeit gehorcht nur mir... und diese Monarchie gehört... schon lange... uns“, drang seine versenkte, bodenlose Stimme umher. „Doch nun sollten wir...“ Laut hechelnd holte er Luft und schien sich an dem Einatmen von verbrauchter, abgestandener Luft zu erlaben. „... wir... den Gast begrüßen, den... Destinia... uns schickte...“

 

Und Augen erfüllt mit sonnenverbrannten, tiefroten, galligen und dunklen Splittern in der Regenbogenhaut wanden sich dem hinter einer Säule verborgenen Hopfdingen zu, der seinen Krückstock fest umkrallt, nur zurück stolperte und sofort, mit aufgerissenen Augen die alten Steinstufen hinaufhastete. Seine alten Beine bewegten sich so schnell wie er nur irgend konnte. Der Holzstab fest in der Hand erfüllte den Dienst eines dritten Beines schwerfällig. Schleppend erreichte der Greis den alten Gang, in welcher vorher so zahlreich die Boten der Nacht tanzten, die kleinen Dämonen ohne Gesicht.

Angst und Schock in den lebenserfahrenen Augen trampelte der Alte weiter und weiter,  spürte und hörte hinter sich seine gefährlichen Verfolger, spürte das brausende Hecheln und angsteintrichternde Rascheln todbringender Kreaturen aus der dunklen Zeit Hyrules.

Newhead, der einzige Name der ihm in dem Augenblick einfiel... Newhead... er musste zu ihm, ihm mitteilen, noch bevor die Dunkelsten der Gequälten ihn einholten, bevor ein Bündnis gegen die bestehende Monarchie ihre Ziele durchsetzen konnten. Aber von welchen Schlüsseln sprachen sie? Und warum waren die Stunden der Helden gezählt?

 

Kriechend, sich mühsam mit der Gehhilfe über den Steinboden zerrend, erreichte der Alte die Latrinen der Knaben, als er mit einem heftigen Stoß gegen die alte Holztür bretterte, erfasst von zahlreichen dunklen Sehnen, gespannt von denjenigen, die noch immer über schwarze Magie wachen mussten. Stupides Lachen, wahnsinniges Giften und Schnalzen von absurden, teilweise aufgeschnittenen Zungen hinter ihm. Gelächter und Mordlust...

Die verrostete Tür zu den Jungenaborten knallte laut dröhnend aus den Angeln in Richtung der weißgeputzten Waschbecken und noch ohrenbetäubender war der Ton, als jene aufgrund des harten Aufpralls zerlegt wurde und sich die durchlöcherten, angefressenen Holzsplitter in alle Richtungen verteilten.

Die schwarzen Sehnen, ähnlich der lustvollen, giftigsten Schlangensorte aus der Vorzeit, wanden sich schmerzhaft um die Gelenke des Greis’, gruben sich tiefer, saugten von dem alten Blut, labten sich an der Energie des Lebens, welche litt, welche sich ängstigte. Sie richteten den geschockten, erstarrten alten Körper hinauf, hielten den mittlerweile bewusstlosen Hylianer krankhaft gierend in die Höhe, wanden sich tiefer hinein in Fleisch, zerbarsten alte, dünne Knochen, rissen an Venen, saugten an dickflüssigem Blut, pechschwarzer und falber Galle, tranken von Wasser und dem letzten Hauch Leben in einem gerichteten Körper.

 

Zischend wand sich ein Geschöpf des Bösen näher, blickte leckend und befriedigt hinauf und doch hatte es noch nicht genug. Der Ring an Hopfdingens rechtem Daumen purzelte zu Boden und wurde von der Kreatur der Nacht grölend geraubt.

Plötzlich schossen messerscharfe Klingen aus Finsternis durch den leblosen Körper, stießen den Rest Leben aus dem Greis, sanken tiefer. Blut spritzte in alle Richtungen, bedeckte die gesäuberten Becken, verteilte sich tropfend auf dem Boden, als die Klingen aus Bosheit stoppten und auch das Geschöpf erfasst wurde von einem Webstoff aus klirrender Dunkelheit, und mit jener Schwärze in eine tiefere, unwirklichere überging.

Der Greis Hopfdingen hing leblos und unsäglich zugerichtet an der rauen Decke, die Augen ausgerissen, der Mund zerfetzt, der Körper gerissen in viele Stücke, und der Krückstock, gerade noch umklammert landete krachend, einen Laut nur für den Jungen mit der tiefsten Muteigenschaft im Herzen produzierend zu Boden. Ein Klacken, welches sich spärlich von dem herabsegelnden Blut abhob. Ein Klack, tief vergraben in den Träumen eines besonderen Jungen. Erneut ein Klack...

 

Schweißgebadet und mit hetzendem Puls wachte Link aus seinen leidenserfüllten Träumen. Er atmete so laut, dass er das Gefühl hatte, seit Minuten keinen Luftzug mehr genossen zu haben. Hastig richtete er sich auf, stolperte aus dem zerwühlten Bett, sank verletzlich in die Knie und blickte zitternd an die Kuckucksuhr...

Sein Triforcefragment brannte glühend und schickte eine Woge Energie in den dunklen Raum...

 

Derweil rieb sich ein bierfassartiger Junge, knapp fünfzehn Jahre alt und schon so viel Fett rings um seinen kindlichen Körper, dass es für zehn Leben ausreichen könnte, den trockenen Schlafsand aus den Augen. Gähnend tapste er mit einer verstaubten Öllampe durch die Gänge und spielte an dem vergilbten Nachthemd um seine breite, aufgedunsene Gestalt. Sein Name war Mondrik Heagen, und er war nur hier an dieser namhaften Ritterschule, weil es sein Vater verlangte und es die Gesetze des untersten Adels ihm bestimmten. Er machte sich nicht viel aus Schwertern und dem Kampf an sich. Nein, er hasste es. Er fürchtete es... und er hoffte auf ein baldiges Ende dieser verdammten Schule, wo er ständig versagte.

Seine Blase drückte und daher wandelte er durch die Gänge, noch zu müde um einige getrocknete Blutspuren auf dem kalten Steinboden zu bemerken.

 

Doch als der Jugendliche gähnend und seufzend in den Toilettensaal eintrat, war nichts wie es sein sollte. Wie gewöhnlich stellte er die Öllampe auf ein kleines Regal direkt neben dem Eingang, wo gewöhnlich grobe Handtücher lagen. Mit halbzugekniffenen Augen tapste er durch eine am Boden sich ansammelnde Flüssigkeit, auf die er nicht achtete. Denn schon immer waren die Toiletten überflutet, schon immer musste man die Stiefel oder Pantoffeln nach dem Benutzen dieses Ortes reinigen.

Still und leise tapste Mondrik weiter, und wanderte schlaftrunken zu einem Waschbecken. Auf halbem Weg tropfte etwas Flüssigkeit auf seinen dunkelhaarigen Schopf, und der wärmende Schein der Öllampe flatterte zu ihm hinüber. Unbeholfen und etwas schmieriges auf seinem Haar bemerkend, wischte er es sich vom Kopf, blickte nur kurz auf seine Hand und sah eine schwarze Substanz auf seiner Handfläche entlang laufen. Zunächst war es noch Verwunderung, die der junge Heagen verspürte, als er die Flüssigkeit in seinen Fingerspitzen zerrieb, als weitere Tropfen des dunklen Wassers auf sein Haupt niedergingen. Tropf. Tropf.

 

Erst jetzt realisierte er, dass das Tropfen, die kleinen Platschgeräusche, nicht nur von den undichten Ventilen, von den verrosteten Wasserhähnen stammen konnte.

Langsam wanderten seine neugierigen Augen in die Höhe, blieben weit aufgerissen an einem großen Punkt an der Decke haften.

 

Plötzlich durchbrach ein markerschütternder Schrei die nächtliche Stille in der Ritterschule. Ein lautes Wimmern ging in der Toilette umher, dort, wo der Hausmeister Hopfdingen mit aufgeschnitztem Körper, tot und zugerichtet, an der Decke hing...

 

Will wurde in dem Moment von einem aufgeregten Link, der vorher einen Lederhandschuh über die energiegeladene linke Hand gezogen hatte, schäbig und gemein gerüttelt. „Wach endlich auf, Will!“, sagte Link energisch und fauchte irgendetwas in das rechte Hylianerohr seines Mitbewohners.

 

„Was’n los?“, murrte der Jugendliche und schob frustriert und schwachwerdend die warme Decke über den Schädel, ignorierte den aufgeregten Kerl in dem Raum, und wollte wieder genüsslich in die Traumwelt abgleiten.

„Verdammt noch mal, Will.“, fauchte Link. „Steh’ auf. Draußen in den Gängen stimmt was nicht!“ Und das rechte Augenlid des jungen Laundrys hob sich auffallend langsam, als wollte er es nicht verstehen. Sachte richtete er sich auf und glitt in seine warmen Hausschuhe.

Link wühlte aufgebracht in seinen Haaren herum, spürte geradezu Gefahr in der Luft, denn das erste Mal seit einer halben Ewigkeit erglomm das Fragment des Mutes auf seinem Handrücken. Dann weitere Geräusche vom Flur.

Hastend zogen die Jugendlichen sich die schwarzen Tuniken über, und Link streifte vorsorglich sein einfaches Schwert über den Rücken.

„Wozu das denn?“, fragte William beiläufig.

„Sicher ist sicher. Ich habe keine Lust auf unliebsame Überraschungen“, sagte Link kühl und öffnete geduldig und ruhig die Tür nach draußen. Will zuckte nur verdächtig mit den Schultern und hatte keine Lust den geheimnisumwitterten Helden erneut wie einen pubertären Pickel auszuquetschen. Aber die Gänge waren noch dunkel und nur ein klägliches Wimmern durchbrach die stehende Ruhe in der Nacht. Ein Wimmern, welches ähnlich einem weinenden Poltergeist aus den Abgründen Hyrules herrührte. Schluchzend. Jammernd.

 

„Was mag das sein?“, flüsterte William, bedacht hinter Link zu laufen. Er hatte nicht den Hang dazu, seinen Mut hier einer gefährlichen Probe zu unterziehen, also... schlich er mit großen, ängstlichen Augen hinter einem übermutigen Link hinterher.

„Es ist auf jeden Fall elfisch...“

„Bist du bescheuert? Warum sollte es nicht elfisch sein?“, brachte der junge Laundry gaffend hervor und trat einen Meter zurück. Aber Link schwieg und trat hinein in die Schwärze, dort, wo selbst die letzten Fackeln heruntergebrannt waren.

Näher und näher kam er dem rasselnden, jammerndem Geräusch, näher und näher stapfte er an die alten, schäbigen Toiletten heran. Das Wimmern wurde lauter und schockte den mit den Nerven fertigen Will, der sich halb hinter Link versteckte.

 

Sachte und neugierig trat Link mit gezogenen Schwert in den Raum, fand einen weinenden Knaben auf dem mit rosa Wasser überschwemmten Boden hocken.

„Hey, was ist denn los?“, murmelte Link und trat gemächlich an den Kerl heran, der plötzlich zu einem Schrei ansetzte, als Link mit einem Platsch durch die Pfützen näher tapste. Der Bursche auf dem wasserüberströmten Boden wand sich dann hastig zu ihm und tat nichts anderes als mit einem zitternden Arm in die Höhe zu zeigen. Langsam folgte Link dem Weg durch die Luft mit seinen tiefblauen Augen, die hier in den wenig beleuchteten Latrinen so dunkel schillerten. Entsetzt blieb sein Blick am Gewölbe haften, empfand Ekel, Mitleid angesichts des leblosen Hopfdingen an der rauen Gewölbedecke und eine Form von Hass gegenüber der Kreatur, die einen Hylianer so schändlich zugerichtet hatte. Link kannte einst jemanden, der genauso wütete, sich genauso an aufgerissenem Fleisch, an geronnenem Blut und zerstörten Seelen labte. Er erinnerte kurz und schmerzerfüllt die Leiden des Zeitkriegs, die niemand so gesehen hatte wie er.

 

Grob packte er den anderen Kerl und sagte mit markanter Heldenstimme: „Raus hier!“ Zitternd und winselnd trat Mondrik Heagen hinaus in Begleitung von Link, der ohne weiteres an William gerichtet sagte: „Hol’ Sir Newhead, oder eine andere Lehrkraft.“ William wollte gerade anfangen Fragen zu stellen, als Link ihn messerscharf zu nagelte: „Jemand wurde umgebracht. Sofort!“, fauchte er, worauf William trotzig durch die Gänge tapste.

 

Als der junge Laundry mit einem mürrischen Sir Newhead wiederkam, der gerade aus seinen tiefsten Schlummern gerissen wurde, hatte Link den geschockten Jugendlichen mit Namen Mondrik schon über den gesamten Vorfall ausgefragt.

Genervt und mit mieser Laune trat Newhead näher und hatte sich bloß ein langes Hemd ohne Gürtel oder anderen unnötigen Kram übergezogen. „Ich hoffe, es gibt einen Grund, dass ihr mich aus meinem Schlaf gerissen habt, ihr Nervenzwerge...“, maulte er und blickte in des tränenüberströmte, geschockte Gesicht des jungen Mondrik Heagen und dann in das entschlossene des Helden der Zeit.

„Link?“, sagte Newhead und funkelte mit seinen undefinierbaren Augen umher. „Was ist denn passiert?“

„Seht selbst.“, sagte Link kühl und deutete mit einem Finger auf den halbzerfetzten Eingang der Latrinen.

Sofort schritt Newhead, noch immer schlaftrunken und mit verzerrten Gesichtszügen, in den bluttriefenden Raum, wo nur eine kleine Öllampe für Licht und Wärme sorgen konnte. „Bei der Göttinnenmutter Destinia! Ausgerechnet heute an der Tagesundnachtgleiche!“, brüllte es aus seinem Mund und kam sogleich wieder mit seinen durchnässten Pantoffeln aus dem Raum gestürmt.

„Wer von euch war zuerst hier?“, sagte er laut und blickte seine Ruhe bewahrend durch die dunklen Gänge, vielleicht um der Sicherheit willen, denn immer noch könnte sich der Angreifer hier irgendwo verstecken.

„I-ich...“, sagte Mondrik Heagen.

„Und hast du irgendwen gesehen?“, ergänzte die Lehrkraft. 

„N-ein...“, wimmerte er.

 

Gerade in dem Augenblick ging ein kleines, unmerkliches Zischen durch den Gang. Instinktiv griff Link nach dem lederartigen Heft seines Schwertes. Die Klinge horizontal in die Höhe gehalten sagte er gefasst, die bleichen Gesichter der anderen ignorierend. „Wir werden beobachtet.“ Trocken und mit kühler Haltung lief der unbekannte Heroe direkt hinein in die Dunkelheit.

„Link! Warte!“, rief Will, der genauso wie andere das fremde, klirrende Zischen in der Nacht nicht bemerkt hatte. „Link!“, rief er, aber der rätselhafte Jugendliche folgte ohne Gegenwehr der Anziehungskraft des Bösen, das sich immer wieder in sein Leben einmischen würde. Denn es war sein Schicksal, seine unzweifelhafte Bestimmung...

 

Gerade als William Laundry seinem Mitbewohner folgen wollte, packte Newhead ihn am Arm. „Lass’ ihn. Er tut das Richtige.“ Ungläubig musterte William den Lehrer im Allerlei- Training und starrte im Anschluss nachdenklich in die Schwärze der Nacht.

„Wir müssen jetzt zunächst den Direktor verständigen und infolge dessen die Friedenswachenden, die kleine Gesellschaft für Morde und Regierungsangelegenheiten, die den Fall untersuchen.“ Damit packte Newhead den jungen Laundry an seinen Oberarmen und sagte nachdrücklich: „Verständige sofort Viktor.“ 

Auch Will nahm die Beine unter die Arme. Und Newhead befragte alsdann ruhig und die Fassung behaltend den geschockten Mondrik Heagen.

 

Link hetzte währenddessen mit gezücktem Schwert durch den leeren, finsteren Flur, ständig verfolgt von einem beißenden Zischen. Zisch... Zisch... An einer Kreuzung blieb der Heroe stehen, funkelte mit seinen Instinkten durch die Schwärze, behielt seine Entschlossenheit bei, auch wenn sein Herz kochend und hitzig das Blut in seine Venen presste und ihm unweigerlich der Schweiß über die Stirn trat.

 

Das Zischen wetterte mit unglaublichem Reiz durch die Gänge, als wollte es Link herausfordern, ihn gerade zu befehlen, ihm zu folgen... und er wusste zielsicher um diese Sorte von Dämonen, einer niedrigen Klasse von Moblins, die er immer Insekten nannte. Weil sie zum einen beinahe aussahen, wie größere, mutierte, schleimige Heuschrecken und zum anderen sich verhielten wie Krabbeltiere. Ständig spionierten sie alles aus, auf der Suche nach Fressen und einen anderen Zeitvertreib als fressen und sich fortpflanzen hatten diese dummen Kreaturen nicht. Zudem dienten sie aus Angst davor gefressen zu werden, meist höhergestellten Moblins, im Austausch von Schutz und Immunität.

Link nahm den Gang rechts und hoffte, dieses Biest zu erwischen, bevor es sich heimlich und jegliche Spuren verwischend, davonstahl.

 

William klopfte derweil mit umgedrehten Magen an der hohen Tür in das selbstherrliche, luxuriöse Büro des Direktors. Er klopfte immer wieder und doch öffnete niemand die Tür, geschweige denn dröhnte eine Antwort aus dem großen Maul Viktors. Nanu? War der Direktor, der doch immer auf seinem Posten sein sollte, nicht hier? Wenn ja, wo war er?

 

In dem Moment spürte William eine vom Kampf gezeichnete Hand auf seiner Schulter. Mit heftigem Schrei sauste der Jugendliche herum und sah das ernste Gesicht seines Mitbewohners vor ihm. „Heilige Scheiße. Link, du Hornochse, musst du mich so erschrecken!“, fauchte Will und drohte dem Heroen mit der Faust. Verschmitzt sah Link drein und wischte sich über die schweißnasse Stirn. „Sorry. Ist denn der Direx nicht da?“

„Nein, wohl nicht. Und wo bei Farores göttlichem Mut warst du?“

„Ich bin bloß einer Spur nachgegangen, aber ich habe sie verloren...“, sagte Link, nahm sich die Fackel von der Wand und leuchtete dem Weg. „Wir sollten wieder zu Newhead gehen.“

„Okay, wenn du mir vorher sagst, was genau du verfolgt hast.“ Link biss sich nachdenklich auf die Lippe. „Also...“, fing er an und wollte Will irgendwie schonen und ihm nicht mitteilen, dass erneut ein Moblin durch die begnadete Ritterschule hüpfte, ohne dass ein Ritter Hyrules das hätte verhindern können.

„Sag’ schon.“, murmelte der Jugendliche und boxte Link scherzhaft an seinen Arm.

Link griff sich an seine Schläfen, fühlte schon wieder ein Stechen im Schädel, wohl nur, weil er dem Bösen erneut auf den Grund gehen wollte und ihm irgendetwas verbat, sich einzumischen.

„Da war...“, fing er an und lehnte sich an die unebene Backsteinwand. Ein Ziepen zog sich durch sein Genick, wanderte weiter nach vorne zu seiner Kehle und rüttelte krampfhaft an seiner Atmung. Will ließ währenddessen den Kopf schief hängen und sagte: „Du siehst blass aus.“, stellte er fest. Link nickte bloß und kramte das Heilmittel von Zelda hervor. Ein kleiner Tropfen der silbrigen Substanz würde ausreichen, würde helfen. Edel und kostbar formte sich ein kleiner Schluck des Heilmittels auf der Hand des Heroen. Wie eine Perle aus Tränensubstanz, wie Spiegelwachs, die magische Substanz von der die Alten immer sprachen, wenn sie Pforten hinter Spiegel und Raum betraten und dort einem anderen Volk die Treue schworen.

 

„Was ist das denn? Die Tränen der Nayru?“

„Weiß nicht, wie man es nennt. Aber es ist ein sehr starkes Heilmittel.“, sagte Link schwächlich.

„Sieht aber so aus, wie die Tränen der Nayru. Mein Vater erzählte immer, dass Großmutter einst diese Substanz hergestellt hätte. Und die Tränen der Nayru sind, so weit ich weiß, ein teures, silbriges Heilmittel.“

„Deine Großmutter?“ Überrascht lugte Link in den wissenden, grinsenden Ausdruck auf Wills Gesicht. „Sie war so was wie eine Hexe, zumindest haben die Leute sie immer so genannt. Manche meinten auch, sie wäre nur eine schlaue Kräuterfrau gewesen. Aber Lilly, mein durchgeknalltes Schwesterlein, soll ihre Fähigkeiten geerbt haben.“

Link schluckte die kleine Perle herunter, bevor diese ganz und gar zu einem kleinen Kristall erstarrte und sagte leise, spürend, wie ein magischer Heilungsprozess sich über seine Kehle legte und den Herzrhythmus in letzter Instanz verlangsamte: „Wir sollten wieder zu den Latrinen gehen...“

„Richtig.“, meinte Will und lief nachdenklich hinter Link her. Erneut eine Sache, die der junge Laundry nicht kapierte. Wie um Alles in der Welt war Link an ein solch teures Heilmittel gekommen und wozu brauchte er es? Denn er wusste, dass sich seine gewitzte Großmutter mit dem Heilmittel mehr als ein luxuriöses Leben hatte leisten können...

 

Als die beiden Jugendlichen erneut an den Ort des Schreckens gelangten, waren bereits viele Schaulustige anwesend, die ab und an versuchten einen Blick in das stinkende, schwarze Gewölbe zu wagen, nur um Neugier und Wissbegierigkeit zu befriedigen. Einige Schüler standen gaffend mit ihren schilffarbenen Nachthemden neben den Lehrern, die heftig und beinahe streitend diskutierten. Noch immer war der Direktor nirgends aufzufinden und so beratschlagten der halbseitiggelähmte Aschwheel, eine junge Gerudo mit kurzgeschorenem feurigen Haar, Newhead und der kleine Zwergprofessor Twerckfuss über die Vorkommnisse.

 

„William Laundry, wo ist denn der Direktor?“, sagte Aschwheel belehrend und blickte dann misstrauisch zu dem jungen Link, der todernst zu dem Toiletteneingang schaute.

„Das wissen wir nicht... er war nicht in seinem Büro.“

„Wo bei Dins Feuer ist dieses Arschloch abgeblieben?“, zürnte Newhead und lief zähneknirschend auf und ab. „Und so was nennt sich Direktor!“ Einmal mehr kochte der unerkannte Schwindler angesichts des Pflichtversagens des eingebildeten Ekels und des Hurensohns Viktor. „Amüsiert der sich wieder?“, platzte es aus seinem wütenden Mund.

 

Misstrauisch blickte nun auch Link auf und verfolgte die Zornesspuren in den undefinierbaren Augen, die ihm so bekannt vorkamen. Gerade in dem Augenblick ging ihm das einsichtige, helle Licht auf. Scheiße, dachte Link, dass ist doch...

Ein eher ungewolltes Grinsen kam dem jungen Heroen über die Lippen. Das war Schwindler, aber wie? Wieso hatte er ein so ungeschundenes, reines Gesicht ohne die gesamten Narben? Und wo waren die zwei fehlenden Finger an seiner rechten Hand? Wieso war er so... gepflegt... ganz und gar nicht, wie der Kerl, der zusammen mit ihm in einer stinkenden Zelle saß...

Sich gar nicht richtig zusammenreißend, stemmte sich Link an die Wand und grinste verdächtig in das Gesicht des Lehrers Newhead. Er fühlte sich irgendwie dankbar, dass Schwindler hier war, dankbar für das Schicksal, oder dankbar gegenüber der Person, die hinter der ansehnlichen Maskerade von Nicholas steckte...

 

Gerade in dem Moment stapften mit Eisen beschlagene Stiefel selbstgerecht durch die Gänge und Sir Viktor kam gekleidet in seiner Rüstung aus der Dunkelheit hergeschlichen. Er stach aus der Menge Schüler und Lehrer heraus, nicht nur durch sein Aussehen, vielleicht auch durch die Überheblichkeit in seinen giftigen Augen.

„Was macht ihr Würmer denn alle hier?“ Denn noch schien er bloß die vielen gaffenden Schüler bemerkt zu haben. Sein selbstsicherer Blick wanderte durch die Runde. „Wollt ihr alle Strafarbeiten auf dem Hals haben. Abmarsch!“, zankte er, machte wieder ausnutzenden Gebrauch von seiner Vormachtstellung. Brummend traten die meisten Jugendlichen wieder von dannen. Lediglich Link, William und der ungeschickte Mondrik Heagen blieben angewurzelt stehen.

 

„Was ist denn noch?“, murrte der Kerl und roch ein wenig nach verbranntem Alkohol, gemischt mit frischverarbeiteten Lederriemen. „Gibt’s einen Grund für euren Auflauf hier?“, sagte er belustigt und bemerkte jetzt erst das zertrümmerte Tor zu den Knabentoiletten.

„Viktor, in den Latrinen ist schreckliches geschehen. Der Hausmeister Herr Hopfdingen wurde darin... wie ein Lamm zugerichtet und aufgehängt.“ Ungläubig und amüsiert trat Viktor in eine Pfütze Regenwasser, die sich vor den Toiletten sammelte. „Der war sowieso schon zu alt, um nicht sofort vom Stängel zu fallen. Wurde Zeit, dass ihn mal jemand von seinem kränklichen Dasein erlöst.“ Und zu allem Überfluss lachte der Direktor noch.

 

Und nun war es Link, der vor Zorn kochte. Es würde ihn nicht wundern, wenn Viktor selbst für das Unheil verantwortlich war. Dieser Kerl, der keinerlei Achtung vor dem Leben hatte.

 

Kurz verschwand der Ritter in den schäbigen, blutüberlaufenen Aborten und kam mit wahnsinnigem Gelächter wieder. „Wer das auch immer bewerkstelligt hat, scheint ja wahrhaft Ahnung vom Töten zu haben.“

„Was seid Ihr doch krank, Viktor.“, sagte Aschwheel ruhig und humpelte auf seiner intakten Körperseite weiter. „Ich werde versuchen, die Friedenswachenden zu verständigen.“ Damit war Lord Aschwheel verschwunden. Und nur Newhead, der sich bisher immer wieder auf die Zunge gebissen hatte, nur, um nicht plötzlich diesen verlogenen Viktor zu hylianischen Rührei zu zerschlagen oder ihm die dreckiggelben Zähne aus dem großen Schandmaul herauszuprügeln.

„Solltet Ihr nicht auf schnellstem Wege die Prinzessin oder den König verständigen.“, sagte Newhead spitzfindig und unterließ es dem kranken Blick des Direktors zu begegnen.

„Warum? Um aus dieser Sache ein Drama zu machen? Am besten wir begraben den Alten neben dem Komposthaufen, da fällt er wenigstens nicht auf. Und wir wollen doch die hübsche, armselige Prinzessin nicht aus ihrem Schönheitsschlaf reißen. Es könnte ihrem schönen Gesicht schaden, wenn sie eine Leiche sieht.“

„Das reicht jetzt!“, entkam es den bisher versiegelten Lippen des jungen Heroen, der sich das hässliche Theater von Viktor lange genug angehört hatte. „Wagt es nicht, den Namen der Prinzessin in den Schmutz zu ziehen!“, fauchte Link und trat beinahe todesmutig und den Kopf verlierend vor Viktor. Bereits den Griff seines Schwertes umklammert, spürte Link einen heftigen Klaps von Newhead auf seinem blonden Hinterkopf. Überrascht wanderten Links Augen zu den undefinierbaren des unerkannten Schwindlers, der nur langsam und warnend den Kopf schüttelte.

 

„Was willst du eigentlich, Heldchen? Deine hochgelobte Prinzessin verteidigen?“, zischte Viktor und hob drohend einen Zeigefinger in die Höhe. „Verschwinde auf dein Quartier, oder sonst darfst du den gesamten nächsten Monat die Latrinen säubern.“ Und Viktors eisiger Blick huschte wie ein Blitzgewitter von Link zu William und zu dem wehrlosen, kleinen Mondrik Heagen. Seine Zähne aus Wut knirschend drehte sich Link um und folgte seinem Mitbewohner und dem kleinen Mondrik Heagen hinauf in das Stockwerk für die Fünfzehnjährigen.

 

Als Link mit William in dem Zimmer stand, hatte der junge Held als erstes nichts Besseres zu tun, seine mit Magie aufgeladene linke Faust in die Wand neben seinem Bett zu schlagen, sodass ein wenig Putz bröckelte. Bei Farore, war er vielleicht wütend. Nicht auf Viktor, sagen wir nicht nur. Sein eigentlicher Zorn ging gegen sich selbst, weil er nicht verhindern konnte, dass der gute, alte Hopfdingen noch ehe er ihn besser kennen lernen konnte, wie von Tieren zerfetzt, wie auf der Schlachtbank zugerichtet wurde... Er war ein Held. Und Helden hatten ihre Pflichten gegenüber dem Leben, den Unschuldigen. Erneut hatte er versagt, obwohl dieses Versagen seinem Titel nicht gerecht wurde. Ein Mord, direkt vor seinen Augen, ausgeführt von Kreaturen der Nacht, dem Abschaum Hyrules.

 

„Ja, sag mal, spinnst du denn?“, wetterte Will, der hastig zu der eingekerbten Stelle in der Wand hinübersprang und ungläubig den soeben geschlagenen Hohlraum fixierte.

Will kratzte sich am Kopf und musterte mit den größten grünen Augen überhaupt die Stelle. „Wie hast du das denn angestellt?“ Neugierig krallte sich der junge Laundry die linke im Handschuh verpackte Hand des unbekannten Heroen und starrte diese noch ungläubiger an als das Loch in der Wand von vorhin.

„Was ist denn?“, maulte der Held und zog den Arm weg.

„Unglaublich, keine Verletzungen.“, stellte er fest und sagte erfinderisch: „Du verfügst über Magie?“

Link zuckte mit den Schultern, fühlte sich schon wieder überfordert und ertappt. Er seufzte gelangweilt und ärgerte sich über seine eigene Hitzköpfigkeit.

„Ja, ein wenig.“, log Link. Denn eigentlich floss durch seinen Körper ein ziemlich großer Anteil einer geheiligten Magie, die das Triforcefragment als Schöpfer hatte. Aber auch ohne das Fragment war Link in Sachen Magie schon begabt, ohne es zu begreifen... und eines Tages sollte er herausfinden, dass es seine Ahnen waren, die ihm bereits einige magische Wurzeln beschieden hatten...

 

Nur kurz besann sich der einstige Kokiri auf einen kleinen Zwist in den alten Wäldern, den er gegen den ärgerlichsten Streitsuchenden überhaupt gewonnen hatte. Mido, der struppigste, arroganteste Kokiri überhaupt. Wenn Link es nicht besser wüsste, würde er eine nahe Verwandtschaft von Mido mit Viktor annehmen. Bis auf das Aussehen waren die beiden sich verflixt ähnlich, bedenke man die Tatsache, dass beide den armen Link auf den Kieker hatten.

In jenem kleinen Gefecht hatte der junge Link das erste Mal eine unbekannte, geheime Magie eingesetzt, damals, als ein warmer Frühlingstag vorüberzog und die Kokiri mit ihren grünen Badesachen in dem kleinen Teich im Dorf schwimmen gegangen waren. Der Alptraum überhaupt für Link, denn als einziger besaß er einen Nabel, etwas, was die Kokiri bei ihm witzig und seltsam fanden, noch seltsamer als die Tatsache, dass Link keine Feenbegleiterin hatte. Mido hatte zu dem Zeitpunkt so lange auf dem jungen Helden herumgetrampelt, ihn gereizt und provoziert, bis Link wütend auf Mido losgegangen war und nur einen magischen Schlag ausführte. Einen Schlag mit der linken Faust in Midos Sommersprossen übersehenes Gesicht. Doch dieser Schlag schon reichte aus, dass der Kokiri in eine schwere Bewusstlosigkeit fiel und in den nächsten Wochen einfach nicht aufwachte, bis man ihn zu dem heiligen Dekubaum brachte, der den Lebensgeist Midos neu entfachte.

Die nächsten Tage in Kokiri waren erfüllt von Leere und toten, anklagenden Blicken. Keiner, außer Saria wollte überhaupt mit Link reden... aus Angst vor seiner Ungewöhnlichkeit...

 

Will schüttelte mit den Händen fächerartig vor dem ansehnlichen Gesicht Links herum und fragte sich, wo denn der Gute mit seinen Gedankengängen abgeblieben war.

„Link, hallo? Bist du noch da?“

Mit den Augen rollend sah der Heroe auf. „Also, du hast ein wenig magische Fähigkeiten? Wow!“, sagte Will. „Warum sagst du das denn jetzt erst?“

„Weil du nicht gefragt hast...“ Und damit stand Link auf und lief zu seinem Schrank. Doch Will stürmte ihm augenblicklich hinterher. „Und was kannst du so alles?“, meinte er und seine grünen Augen leuchteten voller Erwartung.

Leicht verärgert drehte sich Link um: „Will, jetzt hör’ doch mal.“

„Jo, ich höre die ganze Zeit zu.“

„Erstens habe ich nur ein kleines bisschen irgendeiner Fähigkeit. Zweitens kann ich nichts davon kontrollieren. Und drittens hat mich das nie interessiert. Das Schwertfechten reicht vollkommen aus. Also mach’ bitte keinen Hehl draus, verstanden?“

 

Link mal wieder nicht für voll nehmend presste William seine vorlauten Lippen aneinander.

„Das bedeutet ja nicht, dass du nicht anfangen könntest, dich dafür zu interessieren.“, sagte der junge Laundry argumentierend.

„Aber ich brauche das einfach nicht.“

„Das kannst du doch gar nicht wissen. Vielleicht ist es dir irgendwann mal nütze.“

„Ich bin aber bisher in den meisten Fällen gut ohne extra Magie zurechtgekommen.“, meinte Link. Recht hatte er, denn außer den Fähigkeiten der heiligen Feen in Hyrule und seiner aufgeladenen Wirbelattacke, hatte er nicht gerade zusätzliche Magie für notwendig befunden... in keinem Abenteuer. Sicher, ein wenig heilsame Magie hier, ein paar Flüche dort, aber das Schwert hatte bisher bei den Kämpfen einen viel wertvolleren Dienst erwiesen, als diese magische Energieverschwendung...

 

„Das heißt wiederum nicht, dass du in der Zukunft ohne Magie zurechtkommst. Und wenn dann der Tag kommt, wo du ein wenig Magie nötig gehabt hättest, dann bereust du deine Halsstarrigkeit irgendwann.“ Link zog seine Augenbrauen mürrisch nach oben.

„Hör’ auf mich zu belehren, ich bin kein Kind mehr.“, murrte Link und kramte in seinen Sachen herum, schaute, ob alles noch an seinem rechtmäßigem Platz war. Will lachte laut auf. „Kein Kind mehr? Na ja, aber wir sind doch beide erst aus dem Kindsein herausgewachsen.“

„Nicht ganz...“, murmelte Link undeutlich und biss sich auf die Lippen. Welchen Sinn hätte es, dam jungen Laundry mitzuteilen, dass Link in irgendeiner Weise schon sieben Jahre älter war- zumindest auf der geistigen Ebene.

 

Er fuhr sich nachdenklich über das Kinn und hatte irgendwie das Gefühl, dass in seinem Schrank etwas fehlte, aber im Grunde genommen war doch alles vorhanden.

„Sag’ mal, das blonde Mädchen in unserem Zimmer, hat sie irgendetwas mitgenommen?“

„Nein, die Hübsche hat bloß an deiner grünen Tunika herumgefummelt.“ Leicht errötet sah Link zu Boden, als plötzlich jemand mit hetzenden Schlägen an die Tür klopfte.

 

„William, mach’ die Tür auf. Ich bin’s.“, schallte es außerhalb. Eine raue, kräftige Männerstimme. „Das ist mein Vater. Was will der denn?“

Als der junge Laundry die Tür öffnete, kam der Ritter in voller Montur hereingeplatzt. An einem durchnässten Umhang auf seinem Rücken tropfte pausenlos Wasser herunter. „Beim Triforce, muss denn in Hyrule um diese Jahreszeit immer der Himmelsgeist so viele Tränen weinen.“, schimpfte er, nahm den Umhang ab und schüttelte diesen aus. Sein erster Blick galt Will.

„Guten Morgen, mein Sohn.“

„Hi, Dad. Was machst du denn hier?“

„Die Friedenswächter wurden verständigt und zu meinem Übel... alle aus den Federn geschmissen. Was musste ich mich auch auf diesen Job einlassen...“, murrte er, gähnte und streckte seine breiten Arme auseinander. Erst in dem Augenblick schien er den anderen Jugendlichen im Zimmer zu bemerken. „Hallo, Link.“

„Morgen.“, sagte dieser trocken. „Ihr seid bei den Friedenswachenden?“

„Genau.“, sagte der Mann. „Aber du kannst ruhig Lassario zu mir sagen.“

„Okay, dann solltest du, Lassario, sofort zu den Toiletten eilen. Dort ist jemand abgeschlachtet worden.“, meinte Link beiläufig, tapste barfuss zu dem kalten Kamin, warf einige Holzscheitel hinein und versuchte mit einem Kohleanzünder ein wenig Wärme in das Quartier zu bringen. Aber Lassario grinste bloß und ließ sich hinter Link zufrieden auf dem Sofa nieder. Ohne Manieren landeten seine Dreckstiefel auf dem roten Bezug.

„Von da komme ich gerade. Einige Friedenswachenden untersuchen die Latrinen, verwahren den geschundenen Körper Hopfdingens und verfolgen jede Spur. Ich bin bloß hier, um euch beide noch einmal wegen dem Vorfall zu befragen.“, meinte er nüchtern.

„Vorfall?“, knurrte Link. „Das war kein Vorfall, das war Mord.“

„Ja, du hast recht.“, sagte der Mann. „Aber Viktors Auffassung nach, und er hat einige mehr Stimmen in unserem Ministerium als ich oder ein anderer Ritter, war es nur ein Vorfall.“

„Dieser verdammte Scheißkerl.“, fauchte Link. „Wie kann man bloß so wenig Achtung vor dem Leben haben. Prinzessin Zelda soll diesen Spinner endlich absetzen.“ Kopfschüttelnd pflanzte sich Link wieder auf sein Bett und blickte schwermütig hinaus in den Nebel. Die ganze Ritterschule war umhüllt mit den weißen Schwaden und es nieselte im Augenblick.

 

„Wie auch immer.“, begann William und setzte sich neben seinen Vater auf das Sofa. „Was genau willst du denn jetzt von uns wissen? Solltest du nicht Mondrik Heagen befragen, der hat den Hausmeister ja schließlich zuerst gefunden.“

„Auch das habe ich schon erledigt. Der arme Knirps ist so geschockt, dass er keinen Ton mehr herausbekommt. Der ist alles andere als tapfer, entgegen seinem Vater. Heagen gilt als sehr weitsichtig und als ein schlauer Kopf unter den Reihen der Ritter. Seine strategischen Einfälle zeigen immer wieder ausgefuchste Brillanz, stolze Eigensinnigkeit und sind geprägt von einem stetigen Sieg. Es gibt keinen besseren für die Verteidigungspolitik unseres schönen Hyrule...“ Ein tolles Grinsen zeigte sich auf Lassarios Gesicht. Und wie er grinsen konnte. Beinahe wuchernd zogen sich die Falten auf Lassarios Gesicht in alle Wege... Link fragte sich, ob das dem Manne sein liebsten Hobby war.

 

„Wie seid ihr beide eigentlich darauf gekommen mitten in der Nacht in den Gängen herumzugeistern. Ihr werdet ja nicht beide gleichzeitig den Drang gehabt haben, das stille Örtchen aufzusuchen.“

„Link meinte, draußen in den Gängen stimmte was nicht.“, antwortete William und wanderte mit seinen stechenden, neckischen Augen zu dem unerkannten Helden. Dieser nickte nur und wand sich dann schläfrig mit dem Gesichtsfeld ab, zog die Decke halb über seinen Kopf und gähnte laut.

„Tatsächlich.“, sagte Lassario. „Woher wusstest du das?“ Und Link wusste, dass der grinsende Ritter nicht locker lassen würde. Verständlich, denn es war sein Job, Informationen bezüglich des sogenannten Vorfalls einzuholen.

„Woher schon?“, murmelte Link beinahe belustigt unter seiner Zudecke hervor. „Ich habe draußen ein Geräusch gehört.“

„Und dann seid ihr zwei Hohlköpfe einfach nach draußen gestürmt?“, meinte Lassario und wand sich streng zu seinem Sohn.  „Ich erwarte von dir, dass du das nächste Mal ein wenig mehr deine Gehirnzellen einschaltest. Da draußen könnte wer weiß was gewesen sein. War es deine aberwitzige Idee der Sache auf den Grund zu gehen?“

„Also...“, meinte Will und sah kindlich zu Boden. Link richtete sich rasch auf und sagte laut: „Nein, ich war es.“ Ein strenger, fast väterlicher Blick heftete sich auf den einstigen Kokiri. „Ist dir klar, dass du damit in einen großen Schlamassel hereingeraten könntest. Handle nicht so gedankenlos, Link.“

„Was weißt du denn schon? Sollten wir etwa ein Auge zu machen, während auf den Gängen irgendwelche Dämonen entlang kriechen?“ Der Held der Zeit sprang verärgert aus seinem Bett, sodass die Matratze quietschte.

„Dämonen?“ Und der Ritter zog eine braune Augenbraue hoch. „Bist du dir da sicher.“

„Ja, verdammt. Ich weiß genau...“ Und Links Stimme wurde leiser mit jedem weiteren Wort, das über seine sonst so versiegelten Lippen gelangte. „... ganz genau... wie Moblins... zischen...“

Lassario verstummte als er den trübsinnigen Ausdruck auf dem ansehnlichen Knabengesicht bemerkte. „Na gut...“ und der Ritter schwang seinen durchgeweichten Mantel wieder über den Rücken. „Ihr beide habt demnach nicht mehr erfahren, als nötig ist. Und William...“ Damit trat der muskelbepackte Veteran zu seinem Sohn und legte eine Hand auf dessen Schulter. „Ich möchte, dass du und dein Mitbewohner demnächst länger und gewissenhafter nachdenkt, bevor ihr euch in ein solches Abenteuer stürzt. In unserem schönen Hyrule scheint etwas im Gange zu sein und daher bewahrt Ruhe und Schweigen. Und nicht, dass ihr beide so übermütig seid und auf den Dreh kommt, der Sache auf den Grund zu gehen. Das übernehmen die Friedenswächter. Außerdem wird der Unterrichtsbeginn auf morgen verschoben und ihr beide macht jetzt am besten wieder die Augen zu.“

„Na gut, Vater.“, meinte Will und nickte. „Aber, wenn wir nun zufällig in irgendetwas hineingeraten und... so ganz unabsichtlich versteht sich... mitbekommen, was vor sich geht... dann?“, druckste Will herum und lugte hinterhältig in das grinsende Gesicht seines Vaters. „Dann... kann wohl niemand was dafür.“, setzte der Ritter hinzu. Er lief langsam gen Tür und meinte, bevor er dahinter verschwand. „Aber erzähl’ bloß deiner Mutter nichts davon, sonst jagt sie mich zur Hölle.“ Damit ließ William einen lauten Lacher los und hüpfte knarrend auf sein Bett. Die Tür fiel ins Schloss und Link zuckte bloß ratlos mit den Schultern. Lassario Laundry schien genauso ausgefuchst und im wahrsten Sinn des Wortes fidel zu sein wie William.

 

Die beiden Jugendlichen hauten sich wieder lässig in ihre Federbetten und waren einander einig, die Geschehnisse der Nacht für den Auenblick zu vergessen. Denn die nächsten Tage würden sich die jungen Kerle ihre Mäuler an der Schule noch genug an diesem Thema zerfetzen.

Als sich die ersten Sonnenstrahlen am Horizont regten und den schleichenden, bitteren Nebel der Nacht verscheuchen wollten waren sowohl der junge Held der Zeit, als auch William Laundry dabei sich in süßen Träumen wiegen zu lassen. Oder sagen wie lieber... kurz davor...

 

„Sag mal, Link?“, flüsterte Wills tiefe, prägnante Stimme.

„Mmh...“, murrte er lethargisch und wollte sich perdu nicht aus seinen Träumen reißen lassen. „Bist du so was wie ein Moblinjäger?“

„Wie bitte?“, sagte der Angesprochene eindringlich und richtete sich auf, stützte sich leicht in der Matratze ab.

„Nun sag’ schon...“, seufzte Will in seinem Halbschlaf.

„Bist du bescheuert? Warum sollte ich ein Moblinjäger sein?“

„Weil du dich so verhältst.“, antwortete William prompt.

„Und wie bei Farore kommst du darauf?“

„Vater erzählte mal, dass er früher einen Freund hatte, der sich um die Dämonen in Hyrule gekümmert hat. Das war so ne richtige kleine Gesellschaft für den Abschaum Hyrules.“

„Aha, und was hat das mit mir zu tun?“

„Weiß nicht... ist mir bloß so eingefallen.“

„Du Hohlrübe... stell’ mir nicht noch mal so eine belämmerte Frage.“, murrte Link und ließ sich wieder in sein Bett sinken. Er machte gerade die Augen zu, als Will meinte: „Und kennst du die Legende des Helden der Zeit?“ Was sollte denn das jetzt? Verblüfft und ein wenig unsicher ließ Link die Beine von der Bettkante baumeln.

„Ich wünschte, ich würde sie nicht kennen...“, sagte er trübsinnig und doch wusste William nichts mit dem Satz anzufangen.

„Wir sollten ihn uns als Vorbild nehmen, Link.“

„Warum? Ist dieser Kerl denn überhaupt einen Gedanken wert, weil er nur eine Legende ist? Ist dieser Kerl denn überhaupt etwas wert, wenn sich niemand an ihn und seine Heldentat erinnern kann? Ist dieser sogenannte Held denn für irgendetwas gut? Wenn er ein Held wäre, dann hätte diese Nacht Hopfdingen nicht sterben müssen. Dieser Held ist bloß eine Lüge.“, sagte Link kühl und verbittert. Er ließ den Kopf hängen, schüttelte mit dem Kopf und zog sich in der Dämmerungslichte des Raumes den Handschuh herab. Einmal mehr war sein Fragment verblasst und zog sich immer weiter in die Vergessenheit zurück...

„Der Held der Zeit...“, murmelte Link. „... ist seinem Titel noch nie gerecht geworden... eine Lüge, eine Erfindung... ein Verräter... mehr ist er nicht.“ Denn er selbst hatte viel zu viel Blut vergossen, um sich als ein Held, als ein Heiliger aufspielen zu können. Ein Held, der nur in Blut getränkt war, weil es sein Schicksal darstellte zu töten, hatte das Recht auf den Titel Held schon lange verspielt. In Links Augen war der Held der Zeit, auch wenn es sich um ihn persönlich handelte, den Dämonen, die er hinrichtete, gleichzusetzen... 

 

Wills grüne Augen stachen durch das Dämmerlicht des Zimmers und begannen langsam zu begreifen, dass Link nicht so rätselhaft war, weil er ein aus Kokiri stammender Waise war, nein, wohl eher, weil er Geheimnisse in sich trug, die ein gewöhnliches hylianisches Herz nur schwerlich verstehen konnte...

 
  Insgesamt waren schon 116210 Besucher (415456 Hits) hier!