14. Kapitel
 

Kapitel 14

 

 

„Hallo? Ist da jemand?“, rief eine kratzige, alte Damenstimme in dem großen Empfangssaal. Eine schmale Brille auf der Nase, die noch etwas von der übriggebliebenen Sehkraft unterstützte, blinzelte sie in jede Ecke des Raumes, lugte hinter einige Marmorsäulen und doch schien niemand anwesend zu sein. Zumindest sah die eigenwillige Empfangsdame, welche schon unterrichtete als Williams Mutter hier zur Schule ging, nichts und niemanden. Der magische, mit Hunderten Kerzen bestückte Kronleuchter verlor sein Licht erneut und die Alte kroch aus dem Zimmer heraus.

 

Erleichtert seufzten Link und der junge Laundry. Gerade so hatten sie sich unter dem Bürotisch am Empfang verstecken können. Gerade noch rechtzeitig...

„Und was lernen wir daraus?“, meinte Link. „Du solltest dir das nächste Mal überlegen, ob es ratsam ist, mich in so einer Situation auf die Palme zu bringen.“ Will verdrehte die Augen, beließ es aber zu kontern.

 

Alsdann schlichen die zwei Querköpfe in den ersten Stock, auf der Suche nach dem Zimmer siebenundsiebzig. Sie leuchteten gerade mit der kleinen Öllampe die Nummernschilder ab, als aus einem der Räume viele, heftige Stimmen erklangen. Neugierig schlichen die beiden Jungs näher, versteckten sich hinter einem großen Schrank.

Plötzlich wurde eine Tür so stark aufgeschlagen, dass sie an die glatte Hauswand prallte. Ein paar hübsche Damen in größtenteils weißen Nachthemden, und Kerzenständern in den Händen, traten heraus und stapften aufgeregt und schimpfend in Richtung eines Raumes am Ende des Korridors. Der Name Ariana fiel und eine böswillige Beschimpfung als sittenlose Diebin, die in dieser noblen Schule nichts verloren hatte.

 

„Scheint so, als wärst du nicht der einzige, den Ariana bestohlen hat.“, flüsterte Will.

 

Die Damen klopften wütend gegen eine weitere Tür, auf deren bemaltem Holz die Nummer siebenundsiebzig mit goldenen Ziffern abgebildet war.

„Ariana, du Bauerntrampel, mach’ diese Tür auf und gib’ Petrilana den Schmuck zurück, den du gestohlen hast!“, fauchte eine der Damen. Augenblicklich wurde die Tür energisch aufgezerrt und Ariana stand mit einem weißen Spitzenhemd und kurzer Hose- ganz und gar nicht mädchenhaft- einfach nur da und warf den Störenfriede Blicke zu, die jeden Moblin im Umkreis zu Stein hätten erstarren lassen können.

„Ich habe keinen Schmuck gestohlen, wie oft soll’ ich das euren dummen Köpfen noch sagen!“, zickte sie. „Ich hasse tonnenschweren Schmuck.“

„Aber du bist die einzige hier, die es gewesen sein könnte. Du bist neu hier, und vorher gab es keine Diebe in unseren Reihen.“

„Ei, ei, ei... sieh’ einer an. Man spricht von ,unseren Reihen’. Glaubt ihr, ihr seid etwas besseres als ich? Nur, weil ich keine Adlige bin?“

 

Die Augen der anderen Dame verengten sich und sie zog die Nase eitel nach oben.

„Ihr solltet euch schämen mit euren unhaltbaren, falschen Verdächtigungen, mit eurem sinnlosen Denkstrukturen, und eurer übertriebenen Ignoranz. Es gibt keinerlei Hinweise, dass Petrilanas Schmuck tatsächlich von irgendwem gestohlen wurde. Und zudem keinen Anhaltspunkt, dass ich etwas damit zu tun habe!“, fauchte sie. Stolz und eigenwillig war Ariana und vielleicht lag es tatsächlich daran, dass sie keiner Adelsfamilie entsprang, ansonsten würde sie sich ihren Mund wohl nicht auf diese Weise verbieten lassen.

„Aber du bist keine Adlige. Dein Wort zählt minder.“

„Lieber bin ich klug als adlig“, konterte Ariana und wartete grinsend auf ein dümmliches Argument von dieser eitlen Tussi ihr gegenüber.

 

In dem Moment spürte die Tochter eines Schmieds aber noch etwas anderes in dem Gang. Verdächtig schielten ihre bernsteinfarbenen Augen zuerst zu dem Mobiliar, wo sich Link und Will versteckten und dann bewusst und fast erschrocken in die stickige, entfernte Dunkelheit der Gänge.

 

„Ich werde Madame Morganiell morgen berichten, wie unerhört ungezogen du bist und mitteilen, dass man dich bei deinem Diebstahl beobachtet hat und dann wirst du diese Schule nie wieder betreten können.“ Auf diese Bemerkung lachte Ariana und machte einen Freudensprung. „Mach’ ruhig. Du weißt nicht, welchen Gefallen du mir damit tun würdest. Ich habe nie darum gebeten, in dieser Schule von irgendwelchen kasperartigen Unterrichtsstunden mit geschmacklosen, billigen Inhalt zu profitieren.“

„Da, genau das ist es!“, zickte eine weitere Person mit weißer Haube auf einem braunen Lockenkopf. „Du redest wie ein Bauerntrampel. Kein Wunder, dass manche behaupten, du wärst eine sittenlose, verräterische Aussätzige, eine Verbannte aus dem Spiegelvolk, das einst die Königsfamilie vernichten wollte.“ Doch diese Bemerkung ließ sich die anmutige Schmiedstochter nicht mehr bieten. Erbost gab sie ihrem Gegenüber eine Mauschelle, die sich gewaschen hatte.

„Rede gefälligst nicht so von einem Volk, das du nicht kennst, und hör’ auf über Dinge zu urteilen, die sich deinem Verständnis entziehen. Du hast kein Recht Hyrules Geschichte mit deinen Worten zu vergiften!“

 

Daraufhin suchten einige der Mädchen das weite, weil sie einerseits keine Lust hatten, sich mit Streitereien abzugeben oder aber weil es nicht ihren guten, gepflegten Manieren entsprachen, sich auf diese Weise demütigen zu lassen. Mädchen an Morganiells Schule zofften sich nicht. Denn das ziemte sich einfach nicht. Mädchen an dieser Schule waren klug und gingen jeglicher Form von Ärgernissen aus dem Weg. Sie lernten zu akzeptieren, lernten ruhig Blut und kühle Köpfe zu wahren, lernten geduldig zu sein. Mädchen schwiegen, senkten ihre Häupter und durften sich angeblich nicht gegen das Wort eines Mannes behaupten.

Und vielleicht war es Arianas Ohrfeige, die dazu führte, dass sich die Damen hier ihren altmodischen Idealen wieder bewusst wurden...

 

Die Geohrfeigte allerdings hatte bloß eine einzige Reaktionsmöglichkeit vorzuweisen. Sie schrie laut auf, und fing an zu heulen und kreischte, auch noch als sie in einem weiteren Schlafsaal verschwunden war, dass sie Madame Morganiell morgen früh alles berichten werde.

 

Ariana stand schließlich kopfschüttelnd mit einem Feixen in dem wunderschönen Gesicht im Korridor und konnte plötzlich ihre Lachmuskeln nicht mehr zähmen. ,Wenn mein Vater das erfahren würde, wärt Ihr alle einen Kopf kleiner’, dachte sie.

Lauthals fing sie an zu lachen. Lachte über die Stumpfsinnigkeit und diesen billigen Gehorsam, den viele dieser hirnlosen Mädchen gegenüber ihren Vätern oder gegenüber anderen Autoritätspersonen zeigten. ,Zum Teufel damit’, dachte sie. Und wenn sie von dieser Schule fliegen würde, dann hätte ihr Vater endlich wieder ein außerordentliches Beispiel für den entehrenden Wildfang und haarsträubenden Dickkopf seiner „lieblichen“ Tochter.

 

Sie krallte sich einen Kerzenständer mit drei Lichtquellen und marschierte barfuss grinsend zu dem alten, verzierten Schrank in dem Gang. Vorhin schon war ihr eine gewisse Aura dahinter nicht entgangen. Sie tapste langsam näher, bis sie nur noch wenige Zehenspitzen von dem Versteck zweier Kerle trennten, die sich hier eine Menge Ärger einfangen konnten.

„Und ich dachte, jemand wie du kennt bessere Verstecke als einen billigen Holzschrank.“, sagte Ariana gehässig und hüpfte dann hinter die Ecke, und rutschte so nah in Links überraschtes Gesicht, dass ihre beiden Hylianernasen zusammenstießen. Erneut lachte sie und reichte Link eine helfende Hand, damit er auf seinen schlaksigen, schwächlichen Gliedern stehen konnte. „Guten Abend, du Dussel.“, sagte sie. „Du bist hier wegen deinen Sachen?“ Er nickte bloß. „Ich habe mich schon gefragt, wann du kommst.“

 

William, der bisher links liegen gelassen wurde, stand ebenso auf seinen Beinen und starrte zuerst äußerst aufgeregt und begeistert zu den schlanken, langen Beinen, die Ariana besaß. Sofort ein bissiger Kommentar: „Glotz’ gefälligst woanders hin, William Laundry.“

Und der Angesprochene unterließ seine gefährlichen Freudenblicke.

 

Die Jungs folgten der leicht bekleideten Ariana und dem schönen, hellen Kerzenschein, der sinnierend in den Gängen tanzte. Erstaunt betraten sie ihr großzügiges, rustikales Zimmer, welches sie mit Olindara Heagen teilte.

Ariana ließ geräuschlos die Türe zu fallen, stellte den Kerzenständer in die Mitte des Raumes, worauf jener seinen lodernden Schein flüssig in dem Raum verteilte. Ein hoher Raum mit schönem Gewölbe, wobei drei Pfeiler verschönernd die Wände abstützten. Das herrlichste, teuerste Mobiliar umrahmte das luxuriöse, kleine Reich und an den Wänden hingen dicke Vorhänge aus edlem roten Samt. Lediglich zwei Himmelbetten waren hier vorzufinden.

 

Dann schnappte sich die schwarzhaarige Schönheit einen Umhang aus einfachem, weinroten Leinenstoff und warf sich diesen über. „Warum setzt ihr beide euch nicht?“, meinte sie und deutete mit einer eleganten Handbewegung zu einem geschmackvollen Sofa mit weicher Polsterung. Die Jungs gingen artig dem Appell nach und ließen sich müde in die Couch sinken.

Nachdenklich starrte Link an das Deckengewölbe mit den saubergezimmerten Figuren und den anderen Eigenheiten. Gerade lehnte er sein Genick über eine hölzerne Couchkante, als die bernsteinfarbenen Augen von Ariana ihn von oben herab amüsiert musterten.

„Müde, Link?“, meinte sie und lächelte. Erneut verwundert schaute er sich das rätselhafte Gesicht dieser Dame an und wusste nicht genau, was es war, aber vielleicht hatte sie so eine Art Magie, die ihn irgendwie beruhigte und einnahm. Er fühlte sich irgendwie wohl in ihrer Gesellschaft und aufgehoben. Schon bei dem Ausritt heute war ihm das aufgefallen...

Kurz bedachte er den heutigen Tag...

 

Ariana brachte die starke Stute gerade in ein leichtes Galopp, als Link schon wieder das Gefühl hatte, irgendwie müde und schlapp zu werden. Sicherlich widerstrebte es ihm vor einem Mädchen den Schwächling zu spielen, aber er hatte einfach keine Wahl... Er stützte eine Hand an seinen Kopf und war gerade dabei seinen Halt- oder besser die Klammerung um Arianas Bauch- schleifen zu lassen, als die junge Lady die gute Stute mit sanfter Gewalt stoppte. „Alles okay?“, murmelte sie und schaute über ihre rechte Schulter zu Link, der immer blasser im Gesicht zu werden schien.

„Was soll’ schon sein?“, meinte er bissig und rollte die Augen. Gleichzeitig bereute er aber seinen harschen Tonfall aus irgendeinem Grund.

„Bitte sei’ nicht so gemein...“, entgegnete sie, aber es lag kein Hauch von Ärgernis oder Verachtung in ihren Worten, was den jungen Heroen irgendwie erstaunte...

„Ich bin nicht gemein... es ist nur...“ Und er stoppte inmitten des Satzes. Was sollte das, fragte er sich? Willst du etwa dieser Ariana alles erzählen, belehrte er sich selbst und bezeichnete sich in seinen Gedanken als einfallslose Hohlrübe.

„Schon gut... ich verstehe dich“, sagte sie leise und brachte Epona wieder in ein schnelles Galopp. „Aber festhalten musst du dich trotzdem“, setzte sie hinzu, worauf Link der Aufforderung nachging und sich sogar wagte, den müden, stechenden Schädel auf ihrer rechten Schulter niedersinken zu lassen. Es war angenehm... beruhigend...

„Ich bringe uns so schnell es geht zurück in die Ritterschule.“

„Danke.“ Eines der ersten gefühlvollen Wörter, die Link in den letzten Wochen und Monaten über die sonst so kalten, verschwiegenen Lippen brachte. Und als Epona in der Ritterschule das Tor passierte, wäre der junge, dusslige Heroe doch tatsächlich angelehnt an die geheimnisvolle Ariana eingepennt...

 

„Link?“ Und Ariana riss ihn aus seinen Gedankenspaziergang, indem sie ihm einen Stups mit der Hand an die Nasenspitze verpasste.

„Äh... ja, ich bin ein wenig müde.“

„Und du William?“ Der ärmste hatte die ganze Zeit schon gedacht, er wäre unsichtbar geworden, weil diese beiden Gestalten ihn bisher einfach ignoriert hatten.

„Ich? Ein Laundry ist niemals müde“, protzte er. Aber Ariana hatte wohl so ihre eigenen Ansichten zum Thema Schlaf. In ihrer Welt besaß Schlaf viele interessante Dinge, die er mit sich bringen konnte. Die Pforte in die Traumwelt war nur eines der Dinge, die sie am Schlaf so schätzte und verehrte.

„Aber Schlaf ist von großer Bedeutung für uns Hylianer“, sagte sie und wandelte in ihrem weinroten Mantel zu einem mit schwarzen Einschlägen verzierten Spitzbogenfenster. „Schlaf ist eine Möglichkeit die Seele ruhen zu lassen, vor allem dann, wenn man im Leben ohnehin eine große Last zu tragen hat. Schlaf erweckt Phantasie in Gestalt unserer Sehnsüchte, unserer Träume. Ein mancher Erfinder schöpft seine Ideen aus einem Reich fern abseits des wachsen Zustandes, indem er die Tore in eine andere Welt betritt. Schlaf bewirkt, verstärkt und hütet viele Dinge und manche Seelen führt er in die Vergangenheit oder die Zukunft. Und andere hören die Stimmen der Götter in ihren Träumen“, endete sie und ärgerte sich ein wenig über ihre rührselige Erzählung...

 

,Verflixt, du blöde Kuh’, sagte sie sich...

Kannst du deine Weisheit reichhaltigen Predigten nicht an anderen Orten kundtun?

 

Überrascht sah Link auf und durchblickte Ariana ganz genau. Schon wieder... diese unglaubliche Eigensinnigkeit wärmte ihm irgendwie das Herz.

 

„Wie auch immer. Möchtet ihr beide etwas trinken?“, sagte sie, um vom Thema abzulenken und holte eine langhalsige Flasche aus einer kleinen Bar. Eine limettefarbene Flüssigkeit war darin aufbewahrt, um bei Nacht den Gaumen zu erfreuen. „Das ist selbstgemachte Limonade von unserer Chefköchin.“

Gleichzeitig nickten ihre beiden Gäste. Aber Ariana stellte nicht nur drei, sondern vier Gläser auf den runden Tisch vor dem Sofa.

„Warum vier?“, meinte Will verblüfft.

„Meine Mitbewohnerin möchte ja bestimmt auch etwas“, sagte sie und fuhr William ein wenig über den Mund mit ihrer Wortwahl.

„Und wo ist diese Mitbewohnerin bitte schön?“

„Sie nimmt gerade ein Kräuterbad.“ William überlegte. Ein Kräuterbad? Soso... Er kannte diese Späße. Seine Mutter hatte ständig so einen Fimmel im Kopf und machte sich manchmal sogar auf Kräutersuche. Und was sie nicht alles schon ausprobiert hatte. Von Bädern, die lediglich die Haut verwöhnten gab es sogar Kräuterbäder, die angeblich dem Körper Schritt für Schritt das Fett entziehen würden... für ein schlankeres Aussehen...

 

In dem Moment fiel dem jungen Laundry ein mit einem Tuch behangener Gegenstand in der hinteren Ecke auf, wo wahrscheinlich etwas tolles verborgen sein musste.

Und dann rückte ein hylianisches Spiel in seine Augen. Mächtezirkel, eine Art Roulette, das Lieblinsspiel der Hylianer für beliebig viele Personen. Manche spielten es bloß zum Vergnügen, andere, vor allem Kerle in ihren Wirtsstuben spielten um Rubine... und man konnte es auf unterschiedliche Art und Weise spielen.

 

„Dich interessiert das Spiel?“, meinte die stolze Dame und pflanzte sich auf Schaukelstuhl, der vor dem Kamin stand. „Jo, ich habe das früher immer mit meiner Familie gespielt, als wir noch in Labrynna lebten“, sagte Will.

„Aha, ihr seid aus Labrynna hierher gereist?“ Neugierig kramte Ariana in der Vergangenheitskiste des Laundryjungen.

„Ich vermisse Labrynna ein bisschen, meine Freunde dort und die Lebensweise.“ Aufmerksam hörte die Dame zu. „Erzähl’ ruhig weiter.“ Und ihre bernsteinfarbenen Augen blitzten.

„Was hat euch dazubewogen nach Hyrule umzusiedeln“, fragte sie wissbegierig.

„Vater wollte es unbedingt. Wir stammen ja aus Hyrule ab. Als dann vor einigen Wochen ein Brief an meinen Vater adressiert wurde, in dem der König Hyrules ihm ein schönes Angebot als Friedenswächter gemacht hatte, waren Vater und Mutter sich einig, endlich wieder heim zu kehren, in das Land unserer Vorfahren.“

 

,Zurück in das Land unserer Vorfahren.’ Ein schöner Satz, wenn man noch lebende Vorfahren hatte, dachte Link. Und wieder quälte ihn die Frage, was er hier in Hyrule überhaupt wollte... Sich niederlassen? Glücklich werden? Ein Heim gründen?

 

„Und Lilly hatte gemeint, es wäre unser Schicksal wieder hier zu leben.“

„Lilly ist deine kleine Schwester, nicht wahr? Ihre Fähigkeiten sind mir bereits ein Begriff.“ Schreck lass’ nach, dachte sie. Konnte sie nicht ihre Klappe halten?

„Wie das?“, meinte Will verwundert. Feixend und nach einer ordentlichen, verratslosen Ausrede suchend, hüpfte Ariana wieder auf ihre Beine. „Ich habe deine Eltern und Lilly zufällig, nun ja, belauscht“, sagte sie dann und schaute in Richtung Fenster, wo erneut Regentropfen hinabwanderten.

 

„Aber ich glaube, dass der Brief meines Vaters nicht der einzige Grund gewesen ist, nach Hyrule zurückzukehren“, begann Will dann und leerte mit einem kräftigen Zug sein Glas.

Link stützte den Kopf derweil in die Hände und murmelte schläfrig: „Gab es noch einen anderen Grund?“

„Ja, ich habe meine Eltern sich einmal heftig streiten hören. Es ging um irgendwelche familiären Angelegenheiten.“

„Irgendwann zieht es uns eben immer zurück zu unseren Wurzeln, nicht wahr?“, sagte die Schmiedstochter und blickte durchdringend in Links weichen Blick.

 

In dem Augenblick wurde die bemalte Tür in das Doppelgemach vorsichtig geöffnet und eine dicklichere Gestalt trat herein. Ein hellgelbes Nachthemd beschmückte das rundliche Mädchen und ein schwerer, dunkelblauer Umhang überdeckte sogar ihre Füße, aus Scham jemand könnte ihren dicklichen Körper beschmähen. Verwundert schaute sie zunächst in die gemütliche Runde der Jugendlichen. Als sie aber den Spanner William Laundry und diesen perversen Link entdeckte verging ihr die Verwunderung. Ihre Miene wurde bleich und verängstigt.

„Gut, dass du da bist, Olindara. Die beiden sind hier um sich bei dir zu entschuldigen“, sagte Ariana und blickte freundlich in das Gesicht ihrer Zimmergenossin.

„Wirklich?“, meinte sie schüchtern.

„Wenn ich es doch sage!“, betonte die Schwarzhaarige, hüpfte schwungvoll zu der scheuen Olindara hinüber und zerrte sie zu Link und William. Wie auf dem Präsentierteller fühlte sich Olindara nun, beschämt und belächelt. Bestimmt waren diese bösen Jungs bloß hier, um sie zu verspotten oder auszulachen. Denn Verspottung in jeglicher Form kannte Olindara bereits, seit sie denken konnte.

„Link!“, sagte Ariana streng, worauf jener sofort verstand und sich anständig entschuldigte. Auch Will kam ein: ,Verzeihung, gnädiges Fräulein’ über die Lippen und reichte der schüchternen Dame eine Hand, die sie vorsichtig annahm.

 

„Und jetzt!“, freute sich Ariana, dass diese Streitigkeiten passe waren. „Setz’ dich zu uns, Olindara.“ Es war, wie als müsste man der Schwester von Mondrik Heagen jede einzelne Anweisung geben, damit sie überhaupt etwas tat. Einen solch unsicheren, scheuen Hylianer hatte Link noch nie kennen gelernt. Sicherlich, er war auch nicht der extravertierteste und der offenste, wenn es um eigene Geheimnisse ging. Aber Olindara war wohl exakt des Gegenteil von diese Ariana, mit der sie sich ein Zimmer teilte. Ein Wunder, dass sich diese beiden Mädchen überhaupt verstanden. Allerdings schien die Schmiedstochter wohl eine sehr eigenwillige, kluge Person zu sein, die nicht vorschnell über die Tücken und Vorzüge der Elfen in ihrer Umgebung urteilte.

 

Als die Jugendlichen zusammen am Tisch saßen, war es Ariana, die als erste die Stille brach.

„Olindara ist eine Meisterin in Mächtezirkel.“

„Echt?“, meinte William, der wohl ebenso viel Interesse am Spiel hegte.

„Das kannst du mir ja mal beweisen“, sagte er und versuchte freundlich zu sein. Immerhin hatte er dieser Olindara, auch wenn sie eben fett war, ein Unrecht getan. Sie nickte bloß und bereitet das Spiel vor. Und so spielte William mit dieser Olindara um die Wette, wollte unter allen Umständen beweisen, dass er kein Verlierer war und dieses Mädchen um jedes Triforcefragment schlagen konnte...

 

Während die beiden spielten, verlor Link mehr und mehr die Lust zuzusehen. Er fühlte sich müde, fühlte sich irgendwie am Ende seiner Kräfte und wünschte sich im Moment nichts sehnlicher als in sein eigenes Bett zu fallen, zumal sie morgen früh raus mussten.

 

Ariana stand nachdenklich am Fenster und schielte irgendwie besorgt nach draußen, als Link zu ihr hinüberhampelte. Er nahm an ihren Ausblick teil, bis er verwundert zu der fünfzehnjährigen Schönheit blickte, die so gedankenvoll in den dunklen, grauen Teppich mit ihren verhexenden Augen starrte. Da war Wärme in ihren Augen, die Link bis zu dem Zeitpunkt noch nicht bemerkt hatte. Mitgefühl und eine Form der Übermacht...

„Etwas ist im Gange...“, sagte sie leise und wand sich zu Link, der sich irgendwie schon wieder besser fühlte in Arianas Gegenwart.

„Ja, Hyrule verändert sich“, sagte Link darauf.

„Aber dagegen muss man etwas tun können“, protestierte sie. „Man sollte den König oder die Prinzessin sprechen, wenn man Vorahnungen hat.“

„Vorahnungen reichen aber leider nicht aus für solche Behauptungen“, warf Link ein und musterte die bernsteinfarbenen Augen, in die er ohne Scheu blicken konnte. Und man sollte bemerken, dass ein Blick in die Augen für Links gespaltene Seele momentan nicht das einfachste war, nicht die einfachste Geste gegenüber seinen Mitmenschen. Zeldas Augen zum Beispiel waren da ein Martyrium... in das Blau ihrer Augen zuschauen war wie eine Folter für ihn, wie ein Verbot, für Selbstschutz und Sicherheit.

„Aber der Mord an der Ritterschule ist doch ein Beweis, dass etwas vor sich geht. Die Ritter müssen etwas dagegen tun.“ Link versuchte zu lächeln und diese stolze Hylianerin irgendwie zu beruhigen, vielleicht als Dankeschön, weil sie irgendwie seine Seele wärmte. Aber es blieb wieder bei einem unglücklichen Versuch.

„Keine Sorge, es gibt doch genug Ritter, die nicht einfach wegschauen. So wie Wills Vater oder Sir Newhead.“

„Meinst du das wirklich?“

Link klopfte sich auf sein Herz und grinste: „Ganz wirklich!“

„Wirklich wirklich?“, spaßte sie und schenke ihm ein entzücktes Lächeln.

„Ganz wirklich wirklich“, sagte er und hätte diese Schmiedstocher wohl am liebsten umarmt, weil sie ihn beinahe zum Lächeln gebracht hatte.

 

Im Hintergrund maulte ein verärgerter William gerade verbittert: „Du spielst wie einer der Sieben Weisen. Das ist ja unfair...“ Aber Olindara sagte nichts dazu und reichte ihm die Karten für eine neue Runde.

 

Ariana schnippte mit den Fingern, als die beiden Spieler gerade von der Limonade tranken, und hastete zu ihrem Schrank. Ordentlich zusammengelegt, gefaltet auf einem Stapel, brachte die hübsche Dame Links Klamotten heran. Sorgsam überreichte sie ihm diese und gab ihm einen Kartoffelsack, in die er seine Kleidung legen sollte.

„Und die Okarina?“, fragte Link, während er auf den Stapel starrte. Sofort holte sie aus einer Seitentasche die magische Flöte, und überreichte sie ihm langsam, sodass sich ihre Hände dabei berührten. Rotwerdend sah der junge Heroe weg und erblickte das Heilmittel Zeldas in einem Regal. Zerstreut lief er hinüber und ließ die wertvolle Substanz in einer Tasche verschwinden.

 

„Sag’ mal, warum hast du eigentlich wirklich meine Sachen geklaut? Bloß, weil wir dich beinahe beim Baden beobachtet hatten?“

Sie schmunzelte und streckte ihm spielerische die Zunge heraus. „Nein“, lachte sie. „Es ist einfach über mich gekommen...“

„Du bist ja eine tolle vornehme Lady“, eiferte Link daraufhin.

„Gut, nicht? Mich gibt’s jedenfalls nicht zweimal.“ Und sie zwinkerte mit ihren unausweichlichen, verhexenden Augen.

„Das wäre ja auch schlimm genug“, sprudelte es aus Links tollkühnen Mund.

„Treib’ das Spielchen mal nicht zu weit, mein Freund.“ Ariana schüttelte wieder ihren Zeigefinger als Belehrung, sich nicht mit ihr anzulegen. Aber wer wäre der Held der Zeit, wenn er sich nicht mit einem Mädchen anlegen könnte.

„Und was, wenn doch?“

„Dann erlebst du dein blaues Wunder!“

 

In dem Augenblick schleuderte ein fuchtiger William gerade erbost wegen seiner eigenen Dummheit sein strategisches Wissen nicht mehr beisammen zu haben, die Karten in seiner Hand auf den Tisch. „Ach, ich verliere schon wieder. Wie beim Triforce machst du das bloß?“, fragte er seine Mitspielerin. Aber Olindara war ohnehin eine sehr schweigsame Gestalt und auf Wills Bemerkung zuckte sie bloß mit den Schultern. Ihre katzengelben Augen ruhten wie immer konzentriert auf ihren eigenen Karten.

„Noch eine Runde. Und wenn ich jetzt nicht gewinne, dann aber!“, schimpfte er und sie begannen eine neue Runde Mächtezirkel.

 

Derweil starrte Ariana wieder gedankenversunken aus dem Fenster. „Wenn du und Will nachher aufbrecht, seid bitte vorsichtig“, sagte sie und legte ihre Hände in einer typischen, hylianischen Gebetshaltung auf die Fensterbank.

„Warum sagst du das?“, erwiderte Link, worauf die bernsteinfarbenen Augen der jungen Lady eindringlich zu seinen schwenkten. Sofort unterband der junge Heroe seinen Blick.

„Gestern Nacht sind hier in der Schule ebenso Schatten die Wände hinaufgeklettert, die keinen gewöhnlichen Ursprung hatten und es waren nicht die Schatten von dem Shiekahvolk.“

„Gestern Nacht, sagst du?“ Sie nickte. „Und habt ihr deswegen nicht die Friedenswachenden verständigt?“ Betrübt sank ihr Haupt nieder. „Mir glaubt niemand. Nur Olindara hat meinen Worten Vertrauen geschenkt.“

„Aber ich glaube dir auch.“ Darauf lächelte sie so sanft und erleichtert, dass es Link beinahe aus den Socken gehauen hätte. ,Ich weiß, Link...’, dachte sie.

 

Gedämpft meinte Link dann, bedacht die richtigen Worte zu wählen: „Wir haben vorhin mitbekommen, wie die anderen Mädchen dich behandelt haben...“

„Nicht jeder wird von anderen so geachtet, wie er es verdient hat. Ich denke, das weißt du am besten, Link...“ Ihre Worte gesprochen mit so vielen Rätseln. Wusste sie vielleicht tatsächlich über die wahre Identität des Jugendlichen, der ihr gegenüberstand, obwohl sie eine Fremde war? Obwohl sie nicht an den großen Ereignissen des Zeitkrieges teilgenommen hatte und sich genauso wie andere nicht erinnerte?

„Macht dich das nicht traurig, von den anderen so verachtet, und vielleicht gehasst zu werden?“ Sie nahm seine linke Hand in ihre und formte auf dem Rücken seines Handschuhs das Muster eines Dreiecks ab. Auch ihr Blick verlor sich darauf.

„Doch, natürlich tut es das. Aber... viele dieser jungen Adligen kennen mich nicht. Wenn, würden sie mich mit ganz anderen Augen sehen.“ Sie machte eine kleine Pause, in welcher sich ein mildes Lächeln um ihre Mundwinkel regte. „Du...“

 

Aber plötzlich wurde sie von einem verärgerten William Laundry unterbrochen, der nun vom Lieblingsspiel der Hylianer die Nase gestrichen voll hatte. Genug von Olindaras beleidigendem Spielerverhalten. Das machte so einfach keinen Spaß mehr. Ständig musste er mit ansehen, wie sie abräumte und ständig musste er mit ansehen, wie er dem Verlieren immer näher rückte.

Er hüpfte zu Link hinüber, packte seinen Kumpel am Kragen und schleifte ihn mit zu der Tür. „Wir gehen jetzt, ist ohnehin schon spät!“, schimpfte er. Ariana nickte und murmelte noch einmal, bevor der junge Laundry die Tür öffnete: „Seid vorsichtig und passt auf euch auf. Man weiß nie so genau, was die Dunkelheit an Boshaftigkeit bereithält.“

 

Link nickte, wünschte den beiden noch eine Gute Nacht und stapfte hinter einem mürrischen Laundryjungen her, der die Demütigung nicht ertrug in Mächtezirkel gegen ein fettes Mädchen verloren zu haben...

 
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