18. Kapitel
 

Kapitel 18

 

 

„Fürchte dich nicht vor dem Sturm... sei ein Teil von ihm...“, flüsterten der pfeifende Wind und der Regen, der trommelnd auf den schlammigen Erdboden vor dem stolzen Gebäude der Ritterjungen fiel. Es war düster außerhalb und doch schreckte die Kälte und Nässe Sir Viktor nicht davon ab, seine Lehrjungen in diesen frühen, nebligen Stunden außerhalb zu trainieren. Es war vielmehr eine Freude für ihn, zuzusehen wie einige unbeholfene Spunde sich in der bitteren Kälte abhetzten... Auf dem Schlachtfeld war es genauso... man konnte sich nicht aussuchen, wo man kämpfen musste oder unter welchen Bedingungen.

 

Grienend lehnte Viktor an einer feuchten Steinwand. Die Arme verschränkt sah er den jungen Schülern bei ihren Fechtübungen zu und fixierte dabei einen mit Genugtuung. Seine rabenschwarzen Augen hätten gekichert, wenn sie konnten, denn der sogenannte Held der Zeit stellte sich an wie ein Häufchen Elend. So schlecht konnte man doch gar nicht sein...

 

Trottelig führte Link die Klinge in der Rechten und tat so als ob er überhaupt nichts konnte. Außerdem war es in seinem momentanen Zustand eher undenkbar, seine Fähigkeiten vorzuführen. Plötzlich fühlte er Viktors dunkle Augen in seinem Genick und schielte misstrauisch zu dem Kerl mit seiner lobgepriesenen Ritterrüstung hinüber. Jener winkte ihm zu. Eine Aufforderung näher zu treten. Schweigsam und genervt tapste Link hinüber, ignorierte den Regen, der sich mit dem unangenehmen Schweiß vermischte, der durch die Übungen entstanden war, ignorierte die kalten Wassertropfen an seinen durchgeweichten Haaren. „Wenn du dich weiterhin so dämlich anstellst, fliegst du. Ist dir das eigentlich bewusst?“ Link knurrte beinahe und seine blassen Lippen wackelten, als ob er einen bissigen Kommentar abgeben wollte. Aber er verkrampfte bloß die Fäuste.

„Überleg’ dir gut, was du sagst, Heldchen.“ Link schüttelte trotzig den Schädel und starrte zu Boden. „Denk’ dran, deinen Kompass krieg’ ich schon noch irgendwie.“

„Das werde ich zu verhindern wissen.“

„Ach sicher? Dabei weißt du ja nicht einmal, welchen Schatz du da hütest.“ Neugierig sah Link auf und ließ die Worte Viktors noch einmal durch seinen Kopf wandern.

„Soso... dann wart Ihr derjenige, der so ein großes Interesse an dem Ring des Hausmeisters Hopfdingen hatte und dazu alle Mittel anwendete, die nötig waren, nicht wahr?“ Viktor bäumte sich vor Link auf und umfasste das zerflederte Lederheft seines Schwertes.

„Wenn deine kleine Prinzessin sich nicht ständig für dich einsetzen würde, wärst du für eine solche Verdächtigung sofort von der Schule geflogen.“ Link grinste schief und lachte beinahe.

„Ehe ich von dieser Schule fliege, seid Ihr Eure Anstellung als Direktor los.“ Viktor schwieg darauf, wusste er doch, dass es nichts brachte den Helden, welchen Prinzessin Zelda so energisch verteidigte, zu drohen. Er hob sein Schwert in die Höhe und ließ es knapp vor Links Nase niederkrachen. „Satansbraten...“, warnte Viktor. „Was ist? Wirst du dich ein wenig mehr anstrengen, Heldchen?“ Link rollte die Augen und murrte ein nerviges ,Ja’ vor sich hin. „Wenn du überhaupt dazu in der Lage bist... Heldchen“, flüsterte der Kerl wie eine Schlange. Link wand dem Ritter den Rücken zu und dachte ein zweites Mal über diese Worte nach. ,Wenn du überhaupt dazu in der Lage bist...’

Er würde diesem Kasper schon irgendwann zeigen, wozu er in der Lage war, dachte er und trat wieder zu den anderen Jugendlichen.

 

Diesmal nahm er das Schwert in die Linke und vollführte überraschend, vielleicht auch um sich selbst etwas zu beweisen, ungewöhnliche und heftige Hiebe mit dem Schwert.

„Fürchte dich nicht vor dem Sturm... sei ein Teil von ihm...“, flüsterte der Wind erneut... Und diesmal zeigte der junge Heroe ansatzweise, was er einst in blutigen Kämpfen gegen Moblins gelernt hatte. Niemals aufgeben... immer weiter kämpfen... für Ideale und Ehre...

Es war in ihm und immer gewesen... Eine starke Natur, die nur dem legendären Helden gebührte. Es war sein Schicksal... seine Pflicht.

Und so führte er die Klinge sauber durch den herabfallenden Regen, unterdrückte das seltsame, zerfressende Schwächegefühl in seinen Gliedern und geriet immer mehr in eine Art Trance. Er lauschte der Macht in sich. Er lauschte mit Geduld und Standhaftigkeit...

Eine weitere Attacke für Mut und Erinnerung. Tosend. Lebendig. Link führte das Schwert, verbunden mit ihm auf seine unmenschliche Weise. Er schickte die Kraft der Klinge surrend weiter, überwand allen Sinn für die Realität in dieser Stunde. Nur noch das Schwert und sein wahres Ich befanden sich hier in seiner eigenen kleinen Welt.

 

Einige Schüler blieben plötzlich stehen und begafften mit Entsetzen, was der komische Kauz, wie man ihn mittlerweile nannte, tat. Links Augen waren geschlossen und das Schwert wanderte elegant und sauber durch die Luft. Eine Wirbelattacke, ein Sprung und weitere ausgefuchste Bewegungen, bis Link nach Atem ringend stehen blieb und das Schwert zu Boden krachte.

Er hatte alles gegeben, um sich selbst wieder zu finden, aber es war einfach nicht genug... Es war einfach nicht genug...

 

Erschöpfung machte sich in ihm breit und ein bitteres Frösteln zog sich durch seine Glieder. Er mied die Blicke einiger, bis auf den von Will, der mit sperrangelweitem Mund glotzte. Links Atmung wurde heftiger, wollte sich einfach nicht beruhigen.

Und alles nur, weil er gekämpft hatte. So langsam verstand Link... Die Ursache für sein Krankheitsgefühl war jedes Mal aufs Neue, jedes Mal einfach nur der unweigerliche Versuch, wieder er selbst zu sein, zu kämpfen, das Schwert zu führen.

Ein richtiger Kampf könnte ihn in seinem Zustand womöglich umbringen, aber nicht die Klinge seines Gegners würde ihm den Tod bescheren, nein, es war die Krankheit. Schlimmer wurde sie mit jedem Schwertstreich...

 

Viktor trat im selben Moment näher und beendete die Übungsstunde. Und auch Link mit seinen genialen Attacken wurde wieder unwichtig... Die Schüler stürmten fast alle zurück ins Gebäude.

 

Einige aber blieben... und starrten Link weiterhin an, als wäre er einer der Götter persönlich.

„Was ist denn!“, schnaubte er, hob seine schwere Stahlklinge auf. „Was gafft ihr so?“ Da war ungehaltener Groll in seinen mittlerweile tiefblauen Augen. Verachtung und Wut auf sich selbst. Und das einzige in den fremden Augen, was er sehen konnte, war Mitleid...

„Verdammt noch mal. Hört auf mich so anzustarren!“, brüllte er, nahm das Schwert wieder in die Hände und trat mit der scharfen Klinge bewaffnet näher an seine Leidensgenossen heran. Er kannte so gut wie keinen. Nur Mondrik Heagen und diesen bescheuerten Ian, der ihn höhnisch angrinste.

„Na los. Raus mit der Sprache. Was gafft ihr mich so an!“ Drohend hielt Link die Schwertklinge vor die Nase des Ritterjungen Ian, der nur dämlich grinste.

„Hör’ auf mich so anzugrinsen!“, forderte Link, aber Ian grinste wieder, sagte nicht ein einziges Wort, sondern fasste mit einer Hand an die Schwertklinge.

„Ich frage mich nur gerade wo ein solcher Trottel wie du so kämpfen gelernt hat. Zumal du nichts, absolut überhaupt nichts vorweisen kannst, was einen Rittersohn auszeichnet. Du hast ja nicht einmal einen Nachnamen“, sagte Ian höhnisch, umfasste die Klinge noch stärker und wartete auf eine Antwort.

„Braucht man in deinen Augen etwa einen Namen, nur um ein Schwert zuführen? Dann bist du noch dümmer als dein miserables Talent in Sachen Schwertkampf. Du kämpft so billig wie Viktor.“ Darauf verengte Ian die Augen und sein Blick wurde finsterer.

„Wag’ es nicht so schlecht über Sir Viktor zu reden! Er hat viele Schlachten geschlagen, wovon du nur träumen kannst. Wenn du gegen ihn antreten solltest, werden wir ja merken, wie gut oder wahrscheinlich schwächlich du bist, du namenloser Trottel.“ Link setzte die Klinge wieder gefährlich nah an Ians Nase, und noch immer umfasste jener Jugendliche die Klinge so fest wie er konnte. Link grinste barbarisch und zog das Schwert mit einem gefährlichen Ruck zurück. Ian kreischte als der blanke Stahl sich in die Haut seiner Handinnenfläche ritzte und wich mit bleichem Gesichtsausdruck zurück.

 

„Nenn’ mich nicht schwächlich“, drohte Link, trat wieder näher und schaute zu den Jugendlichen, die links und rechts von ihm standen. „Der letzte, der mich schwächlich nannte, liegt zehn Meter unter der Erde.“

Ian rülpste mit angstverzerrten Lauten und trat weitere Schritte rückwärts.

„Noch jemand, der die maßlose Frechheit besitzt mich schwächlich zu nennen!“, dröhnte Link. Vor Wut über sich selbst und die Schwäche, die ihm jemand auferlegt hat.

„Ihr! Ihr habt alle überhaupt keinen blassen Schimmer davon, wie es sich anfühlt zu töten. Ihr habt keine Ahnung von Gefahr, von Schicksal oder Dämonen. Ihr glaubt, ihr seid sicher in eurer kleinen Scheinwelt, sicher hinter euren tollen Namen und euren starken Vätern. Aber vor den kleinsten Gefahren lauft ihr weg wie das zappelnde Huhn, bevor ihm der Kopf abgehackt wird. Euer toller Name und euer Ritterblut hilft euch auf dem Schlachtfeld auch nicht. Denn da sind wir alle gleich! Keiner von euch weiß, wie es ist verfolgt zu werden, verflucht zu werden. Und keiner von euch weiß, wie es ist, wenn sich blanker Stahl an eurem Fleisch ergötzt. Also hört auf mit eurem billigen Gefasel darüber, was eine gute und was eine schlechte Kampftechnik ist. Denn ihr alle habt nicht so kämpfen müssen wie ich!“ Link wurde leiser mit den Worten, hängte das Haupt und trat wortlos aus der Runde von verstummten Jugendlichen heraus.

 

In dem Moment preschten drei schwarze, kräftige Pferde durch das Tor und kamen direkt vor dem unbekannten Heroen zum Stehen. Jedes schöne Tier, deren Felle im Regen glänzten, war beritten von einer Person in einem wüstenfarbenen Mantel und nur bei einer der stolzen Reiter stach feuerrotes Haar, zusammengehalten durch eine silberne Spange hervor. Gerade jene Person sprang beherzt aus dem Sattel und sagte mit markanter Stimme: „Da bin ich nun, lange her.“ Ihre Stimme war erfüllt von Freude und Listigkeit. Und es war eine vertraute Stimme unter den Weisen des alten Landes. Unverbesserlich. Die Stimme einer begnadeten Anführerin. Tückisch... und vor allem erlaubte sich die Besitzerin jener Stimme die gemeinsten Scherze unter ihrem eigenen Volk.

 

Link zwinkerte ein paar Mal und murmelte fast ungläubig den Namen der Person herunter.

 

Aber niemand verstand ihn. Er stammelte ein zweites Mal und würgte die wenigen Silben hervor, immer noch ungläubig und überrascht: „Na-Naboru?“

Sie tat näher und zog sich grinsend den Mantel vom Leib. Das Abbild einer temperamentvollen, reinrassigen Gerudo kam zum Vorschein. Naboru, einer der feurigen Kriegerinnen aus der Wüste. Die Anführerin persönlich, seit der mächtige Ganondorf nicht mehr unter ihnen weilte. Ihr ovales Gesicht, scharfkantig, war braungebrannt und ebenmäßig. Und ein Edelstein aus der Wüste zierte ihre kleine Stirn...

Ihre weiße Hose und das helle Hemd über ihrem tollen Körper flatterten im Wind.

„Jawohl, wenn du mich noch nicht vergessen hast.“ Link versuchte zu grinsen, schluckte den Knoten im Hals herunter und trat einen Schritt zurück, denn er wusste, was folgte. Naboru befolgte und erfreute sich gewöhnlich an einer sehr heftigen Form der Begrüßung.

 

Im Hintergrund war es vor allem Will, der blankes Erstaunen in seinen grünen Augen hatte. Verdammt, war die schön, dachte er. Das also war eine Gerudo! Kein Wunder, dass man sich erzählte, hylianische Männer wären den Verführungen der Gerudo sittenlos verfallen. Ihre Proportionen waren extrem ungesund verteilt, dachte Will. Ungesund für den Verstand eines Mannes. Scharfe, betonte Hüften. Sportliche, lange Beine. Eine perfekte Brust und dann das lange, feuerrote Haar, das gebunden über ihren halbentblößten Rücken fiel. Einfach nur Wahnsinn, dachte Will.

 

Naboru grinste erneut herzhaft und lachte laut. Sie riss den armen Heroen in eine heftige Umarmung und drückte ihn gewaltsam an ihre große Brust. Link war schon beinahe dabei um Gnade zu flehen- etwas, was er vor allem bei Geschöpfen des weiblichen Geschlechts immer ohne wirkliches Zutun hinbekam- als Naboru ihn losließ und er nur puderrot zu Boden sah.

 

Derweil stiegen die anderen zwei Gerudos ab und führten die Pferde in den Stall.

 

Naboru blickte dann mit ihren goldenen Augen umher und ihr listiger Blick blieb bei den anderen Jungspunden haften.

„Was machst du eigentlich hier, Naboru?“, fragte Link leise und hoffte, sie würde nicht wie andere der Weisen- denn Naboru war eine von ihnen- in seiner Seele lesen.

„Könnte ich dich nicht dasselbe fragen?“ Sie machte eine kleine Pause und setze hinzu. „Wissen diese Kerlchen dort über dich als Held bescheid?“ Link schüttelte den Kopf unermüdlich, was der jungen Gerudo mitteilte, dass es ihm lieber wäre, es würde niemand wissen. „Auch gut“, lachte sie.

 

Sie trat näher an Link heran und hängte den Kopf schief. „Ich bin bloß auf der Durchreise.“

„Wohin?“

„Ich habe einen Auftrag als Anführerin der Gerudo und befinde mich auf dem Weg zur nördlichen Küste.“

„Du segelst über das Meer? Wieso?“

„Gerudojagd nach Schätzen, mein süßer Link.“ Jener aber hielt nicht sehr viel von einer solchen Anrede und atmete laut aus.

„Was macht Zelda?“ Naborus Feixen wurde von Sekunde zu Sekunden hinterhältiger. Link zuckte mit den Schultern und tat so als würde er sich nicht für seine Prinzessin interessieren, jedoch war er hier bei der Weisen der Geister an der falschen Adresse. Sie durchschaute ihn, sie hatte ihn immer durchschaut.

„Ach, was?“, scherzte sie. „Kein Gejammer mehr über Zelda? Dabei hast du das in der alternativen Zukunft aber erstaunlich gut beherrscht.“

„Verdammt, red’ doch leiser!“, zürnte Link.

„Ich erinnere mich noch genau daran, wie aufgelöst unser armer Held der Zeit war, als seine Prinzessin direkt vor seinen Augen entführt wurde.“ Link ballte die Fäuste und bat Naboru erneut leiser zu reden.

 

„Wie dem auch sei“, spaßte sie. „Ich bin bloß hier, weil ich meiner Tante mitteilen möchte, dass sie dieses Jahr die Übungsstunden im Bogenschießen übernimmt.“

„Was? Du wolltest hier eigentlich unterrichten?“

„Warum nicht in der Gesellschaft von solch jungem Frischfleisch?“ Ihre goldenen Augen strahlten wie Sterne in der tiefsten Nacht.

„Und deine Tante ist also diese Gerudo, die bereits hier arbeitet?“

„Nun, Arbeit ist zuviel gesagt... Kramanzia, so heißt sie, ist bloß hier, weil sie jemanden im Auge behalten will. Und sie bekam die Erlaubnis hierzu vom Rat der Mächtigen... vom König persönlich, weil es ein Anliegen ist, das alle Gerudo betrifft.“

„Schon wieder so eine verflixte Geheimniskrämerei?“ Naboru zuckte mit den Schultern und meinte: „Ja, kann man nix machen. Gerudoangelegenheiten...“

Link nickte einsichtig, auch wenn er sicher war dieses Geheimnis bald zu lüften.

„Du entschuldigst mich?“ Erneut ein Kopfnicken und die stolze Anführerin lief in Begleitung zweier weiterer Gerudos in die Schule hinein.

 

In dem Moment spürte Link eine große Hand auf der Schulter und er blickte verwundert um sich. Es war Will, der ein unverbesserliches Grinsen in seinem Gesicht hatte. „Ich sag’ doch, dass es seltsam ist, wie viele Damenbekanntschaften du hast...“ Link verdrehte die Augen und folgte seinem Kumpel in das Gebäude.

Will lief die Arme hinter dem hellbraunen Schopf verschränkt vorwärts und meinte neugierig: „Also, woher kennst du denn diese vollbusige Schönheit?“

„Ist keine große Geschichte, ich war mal in der Gerudowüste unterwegs...“ Will blieb verwundert stehen, ohne die Tür vor seiner Nase zu öffnen. „Was wolltest du denn in der Wüste?“ Link schwieg zunächst und legte die Hand auf den rostigen Türknauf.

 

Er schwieg auch noch als sie in dem großen Saal ankamen, wo die drei Gerudos warteten. Sie unterhielten sich äußerst leise. Seine tiefblauen Augen lagen konzentriert auf Naborus Lippen, um zu erkennen, was sie von sich gab. Aber Will war schließlich in unmittelbarer Nähe und wedelte mit beiden Händen vor dem ernsten Gesicht des jungen Heroen.

„Hey, ich habe dich was gefragt...“ Link hängte den Schädel schief.

„Was wolltest du in der alten Gespensterwüste?“ Links Blick sank nieder... das war damals nur, weil er vermutete, Zelda könnte sich dort aufhalten... sie war der einzige Grund gewesen, warum er sich überhaupt in diese Einöde gewagt hatte.

„Ich habe nach jemandem gesucht... Aber das hatte keinen Sinn...“ Links Blick wurde richtig weich, worauf Will einsichtig die Fragen unterließ. 

„Du brauchst mir das ja nicht erzählen, wenn du nicht willst.“, meinte er lediglich.

 

Er fühlte dann Wills Hand auf seiner Schulter. „Lass’ uns zum Mittag gehen“, sagte er lediglich. Kein Wort der Nachfrage... Kein Ausquetschen, das Will sonst so meisterlich beherrschte... und Link war ihm dankbar dafür- mehr als vorher, auch wenn er sich reiflich überlegen sollte, was wohl der Grund sein mochte, dass der neugierige Laundry nicht nachfragte...

 

Will lief weiter, direkt an den schönen, feurigen Gerudodamen vorbei. Naboru zwinkerte ihm zu, worauf der junge Laundry sein Schritttempo beschleunigte und nervös wegblickte.

 

Auch die Gerudos begaben sich in Richtung eines kleinen Büros, was Link jedoch interessierte. Unauffällig schlich er hinter den Damen her, versteckte sich vor ihren goldenen Augen, wann immer es einen Grund dazu gab und folgte jenen auf Schritt und Tritt...

 

In einem abgelegenen Büro verschwanden die drei Damen schon fast geheimnisvoll und eine vierte Stimme ertönte hinter den verschlossenen Türen. Link trat aufgeregt und so neugierig wie schon lange nicht mehr näher und schaute durch den breiten Türschlitz. Er konnte acht Füße entdecken und alle trugen sie typische, spitze Gerudoschuhe, die in der Wüste von gelernten Schneiderinnen angefertigt wurden. Nirgendwo sonst konnte man solche Schuhe kaufen, hergestellt aus Dodongolederhaut...

 

Aber Link konnte außerhalb des Raumes viel zu wenig verstehen. Gerade einige Begrüßungsformeln hörte er aus dem Gespräch... Er hüpfte auf die Beine und versuchte sich diesen Raum in der großen Architektur der Ritterschule vorzustellen. Auf jeden Fall erster Stock, dachte Link... Da könnte er ja vielleicht von außen über das Fenster einige Wortfetzen aufschnappen und ab und an einen Blick in das Büro riskieren.

Sofort nahm er die Beine unter die Arme und sauste bei der nächsten Tür nach draußen, zählte die Fenster, bis er schließlich jenes Fenster fand, welches zu diesem Büro gehören musste. Das Fenster war lediglich angelehnt und die Stimmen waren nun verständlicher. Die Sätze ergaben mehr und mehr Sinn...

Vorsichtig schielten seine tiefblauen Augen über das Fensterbrett hinein in den Raum. Tatsächlich saßen an einem runden Tisch vier Gerudos: Naboru, ihre zwei Begleiter und die vierte etwas ältere Dame, die genau dieselben Merkmale wie andere Gerudos hatte... Feuerrote Haare. Goldene Augen. Markante, herbe Gesichtszüge und die hervorstechende Hexennase...

 

Link lauschte angestrengt, achtete aber darauf, nicht von anderen Leuten und den Gerudos selbst bei seinem Tun beobachtet zu werden.

 

Naboru schlug gerade wütend mit einer Faust auf den Tisch und sagte so laut, dass man es sogar am Glücksteich in den Wäldern hätte hören können. „Aber sie ist nun mal eine Gerudo... Sie stammt unserem Volk ab und es ist unsere Pflicht sie zu akzeptieren, erst recht, wenn ihr eine solch große Aufgabe zuteil werden wird...“

Kramanzia, die Tante Naborus, antwortete darauf biestig und uneinsichtig: „Aber du weißt genau, was sie ist... Unsere Götter würden das gesamte Volk bestrafen, wenn wir sie in dem unterstützen, was eine dumme, alte Wahrsagerin prophezeit! Ich werde sie niemals als eine von den unseren akzeptieren können. Was also verlangst du von uns, Naboru?“ Eine weitere, sehr junge Reinrassige mischte sich ein: „So ist es... Das, was du als Anführerin von uns verlangst, ist unhaltbar... Wir können durch deine rebellische Ader nicht unsere Stammesgesetze auf den Kopf stellen. Wir können nicht Halbblüter als die unseren akzeptieren...“

„Auch nicht, wenn gerade ein Halbblut wie jene eine solch bedeutende Aufgabe erhalten wird. Überlegt gut, was ihr euch alle für die Zukunft unseres Stammes wünscht. Wollt ihr Leben oder Tod... denn eure Uneinsichtigkeit bringt uns alle eines Tages um Kopf und Kragen.“

„Ich stimme dagegen... auch mit allen Konsequenzen...“, sagte Kramanzia unter Begleitung eines kalten Schauers ihrer Worte. Auch die beiden jüngeren Gerudos stimmten gegen die Anführerin und Link erkannte langsam, dass hier wahrscheinlich so etwas wie ein Gerudorat einberufen wurde... Und es ging um ein Halbblut, dem eine große Aufgabe im Kreis der Gerudos zum Teil werden würde... Aber um was hatten Naboru, Kramanzia und die anderen beiden abgestimmt? Ging es um die Wiederaufnahme jenes Halbblutes? Oder doch etwas viel wichtigeres?

„Damit steht die Entscheidung fest...“, sagte Naboru leise, vielleicht sogar ein wenig verbittert. Mit kühler Haltung stand sie von ihrem Sessel auf und lief zur Tür. „Sollte der Tag kommen, an dem eure Entscheidungen nicht mehr zu ertragen sein werden, so sucht die Schuld in eurem übertriebenen Konservatismus...“ Die anderen beiden folgten der schönen Naboru und verabschiedeten die baldige Lehrerin im Bogenschießen...

 

Link schlich nachdenklich durch den Park und durchquerte die vielen Blumenbeete, welche die Mädchen in der Schule nebenan immer pflegten. So viele Ereignisse gingen ihm nun durch den Kopf. So viele wichtige Geschichten, in die er als Held der Zeit sicherlich sehr bald verwickelt sein würde. Es war nur eine Frage des Wartens...

 

Seine Anfälle. Die Geschundenen der Macht.

Die verflixte Geheimnistuerei der Gerudos.

Und die vielen neuen Gesichter an der Ritterschule...

 

Sehr bald würde alles Sinn ergeben in jenem Rad des Schicksals. Ganz nach dem Ermessen der Götter würde er als Held der Zeit wieder gebraucht werden...

 
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