19. Kapitel
 

Kapitel 19

 

 

Ein freier Nachmittag bescherte den Ritterjungen gute Laune. Und ab und an wagte sich an jenem nebligen Tage doch noch die Sonne durch den wolkenverhangenen Himmel. Link und

Will saßen beinbaumelnd an dem kleinen Glücksteich in der Nähe der Ritterschule und angelten. Etwas, was der junge Heroe immer genossen hatte... die Ruhe, die Geduld dabei... Aber heute schien entweder kein glorreicher Tag zu sein, oder die Fische in dem Teich waren andere Leckerbissen gewöhnt als die Würmer und Larven an Links oder Wills Angel...

„Ich glaube, wir fangen heute sowieso nichts mehr... Ich mach’ Schluss“, meinte Will und zog die Angel aus dem Wasser.

„Da fällt mir ein... weißt du inzwischen über wen du schreiben willst? Immerhin rückt der Abgabetermin der Aufträge näher...“ Link nickte und gab ebenfalls das Angeln auf. Zufrieden hüpfte er auf die Beine und klopfte sich den Sand von seiner schwarzen Tunika. „Ich habe mir überlegt über Arn Fearlesst zu schreiben...“ Will machte plötzlich große Augen und erwiderte laut: „Arn Fearlesst?“

„Ja, genau den.“ Und damit klopfte William seinem Kumpel gratulierend auf die Schulter. „Wenn das so ist, solltest du mal meine Mutter und meinen Vater deswegen befragen, die haben sich nämlich letztens spät in der Nacht heftig und laut über diesen Kerl unterhalten.“ Link fixierte das kleine Häuschen am Teich und marschierte darauf los.

„Und worüber haben deine Eltern diskutiert?“

„Die haben nicht nur diskutiert, die haben sich richtig gestritten und allein das ist seltsam, weil Mutter und Vater sich gewöhnlich sehr selten in den Haaren haben.“ Will lief hinter Link her, der die Angeln in die Holzhütte bringen wollte.

„Worum es genau ging, weiß ich nicht, aber anscheinend gibt es da etwas herauszufinden“, meinte der Laundry weiterhin.

 

Als die beiden in die Hütte eintraten, fiel die klapprige Tür hinter ihnen von alleine zu und die zwei Jugendlichen machten es sich auf dem alten Sofa bequem. Ausgestattet mit Büchern, Wills Lesebrille, Feder und Tusche und einigen Blättern Pergament.

 

Konzentriert blätterte Link in einem Buch, als Wills smaragdgrüne Augen aufsahen.

„Link, ich brauche deine Hilfe“, sagte Will matt und deutete auf das unvollständige Dämonenlexikon. Der unerkannte Heroe aber zog eine Augenbraue nach oben und versuchte den Blick seines Freundes zu verstehen.

„Ich habe immer noch keine Ahnung, was eine goldene Pteropia ist“, gab der junge Laundry offen und ehrlich zu, hatte eben keinerlei Scham oder Verlegenheit eigene Schwäche zuzugeben- entgegen Link, der sich immer dagegen sträubte, jemandem mitzuteilen, dass er sich schwach fühlte...

 

Link lief hinüber zu seinem Rucksack und holte einen Stapel Zeichnungen daraus hervor, alles von eigener Hand erschaffene Zeichnungen aller ungewöhnlichen Kreaturen Hyrules. Jedes Biest, jeden Dämon, hatte der junge Heroe auf diesen Blättern vermerkt, genauso wie er von ganz Hyrule Karten angefertigt hatte.

 

„Eine Pteropia ist eigentlich ganz harmlos... es sind fledermausartige dämonische Geschöpfe“, erklärte Link und wühlte zwischen den Zeichnungen herum.

„Was? So einfach?“, seufzte Will. „Einfach nur Fledermäuse?“

„Ja, und sie stoßen in ihren Höhlen häufig ihre goldenfarbenen Krallen ab. Deshalb brauchst du bloß ein Nest finden und dir eine von diesen Krallen schnappen.“ Damit hielt Link seinem Mitbewohner eine schöne, detailgetreue Zeichnung unter die lange Laundrynase. „Das hier ist eine ausgewachsene Pteropia.“ Beinahe stolz präsentierte Link die Zeichnung. Kein Anzeichen mehr von Misstrauen gegenüber Will. Keine Geheimnistuerei.

„Wahnsinn. Und würdest du mir vielleicht auch helfen, so ein Nest zu finden?“ Link schaute skeptisch drein, worauf Will fuchsig ergänzte: „Sagen wir als Pfand, dass ich niemandem verrate, dass du die Prinzessin kennst.“ Link äffte ihn nach, nickte aber dann.

„Okay, dann würde ich meinen, wir gehen in ein paar Minuten los. Hier im Wald wird sich doch irgendwo eine Höhle mit einem Pteropianest finden lassen.“

„Phantastisch!“, jubelte Will. Nur gut, dass er diesen Link als Mitbewohner hatte. Dieser Junge wusste wahrlich mehr als mancher Ritter. Und William rechtfertigte dieses ausnutzende Verhalten vor seinem Gewissen damit, dass auch Link irgendwann Vorteile haben könnte, ihn als Freund zu beanspruchen.

 

Der junge Heroe blätterte schließlich weiter in seinem eigenen Buch und fand auf einer abgenutzten Seite die Unterschrift von diesem Arn Fearlesst mit schwarzer Tinte. Eine bemerkenswerte Schrift, dachte Link. Langgezogen und ein wenig grob, aber durchaus einprägsam. Der Name Fearlesst war mit außergewöhnlich großen Buchstaben geschrieben, als Hinweis, dass man sich für jenen Namen anscheinend in keiner Weise schämen brauchte. Und Link las weiter. Dieser Ritter gehörte also einer sehr alten Ritterfamilie an und viele der Ahnen dieses Kerls waren auf dem Schlachtfeld gestorben, hieß es. Aber was genau diesen Arn Fearlesst so berühmt machte, stand hier nicht... Ob er Dämonen abgeschlachtet hatte? Oder hatte er blaues Blut beschützt? Vielleicht aber hatte dieser Kerl seinen Ruf bloß durch den Namen? Und mit jedem weiteren Gedanken begann sich Link für diesen Typen mehr und mehr zu interessieren. Irgendetwas an diesem Arn Fearlesst machte ihn plötzlich neugierig... Was genau es war, konnte er nicht definieren, aber spielte das ,Wieso’ eine Rolle?

Nein, dachte Link. Und er las mit Bedacht die nächsten Zeilen, schickte seine Gedanken auf eine weite Reise, die er irgendwann bereuen würde...

 

„Fürchte dich nicht vor dem Sturm, sei’ ein Teil von ihm...“, stand dort vermerkt, geschrieben mit derselben Handschrift wie sie jener Ritter bei seinem Namen verwendet hatte.

 

Ein Ruf nach Mut.

Eine Aufforderung, sich nicht unterkriegen zu lassen...

Ein unschlagbarer Appell an die edlen Eigenschaften eines Helden...

 

Ein dümmliches, unechtes Lachen entkam aus Links Kehle... Merkwürdig und irgendwie lustig dieser Zufall. Genau dieser Satz sprach manchmal der Wind zu ihm, wenn die Angst, Furcht und Kälte eines mörderischen Kampfes ihn einnahm.

Jener Satz half in einem Blutbad den Pfad des Lichtes wieder zu finden und er half in der tiefsten Nacht...

 

„Hey, du kannst ja sogar ansatzweise lachen“, meinte Will und grinste. Link zuckte kurz zurück und deutete mit einem Zeigefinger auf die Buchseite. „Ich glaube, ich habe tatsächlich das passende Thema für mich gefunden.“ Damit hüpfte der junge Heroe auf die Beine und zog sich einen dicken Pullover über.

„Na, wenigstens einer, der mit seinem Auftrag zufrieden ist“, murrte Will und malte schnell die Zeichnung der Pteropia ab. Auch er machte sich aufbruchfertig und schnallte sich eine große Ledertasche um den Gürtel.

„So, ich bin dann soweit. Kann es losgehen?“, meinte Will, aber Link runzelte die Stirn und verzog die Augenbrauen stutzig. „Ich glaube nicht, dass du dir der Gefahr der Sache bewusst bist.“ Will maulte: „Was? Aber wieso?“

„Du solltest dir unbedingt ein Schwert mitnehmen und sicherheitshalber ein oder zwei Dolche umschnallen.“ Will hob einen Zeigefinger und meinte unsicherer: „Aber hast du nicht gesagt, die Fledermäuse wären harmlos?“

„Sicher sind sie das. Aber du solltest auf die ein oder andere Überraschung vorbereitet sein.“ Und Link befestigte sein Stahlschwert am Gürtel und spannte sich einen Bogen auf den schmalen Rücken. Links Waffen klapperten als er langsam, aber zielsicher den Raum verließ. Die smaragdgrünen Augen des jungen Laundry funkelten närrisch und sein schmaler Mund verzog sich zu einem fiesen Grinsen. ,Na gut, Link. Wollen wir doch mal sehen, ob du der unbekannte Heroe bist, den alle anderen bewundern’, dachte er. Denn in einer Höhle mit Pteropias ließ sich von Wills Standpunkt aus sicherlich herausfinden, wozu der komische Kauz in der Lage war und ob in ihm der legendäre Held der Zeit schlummerte...

 

Denn in all’ den letzten, ereignisreichen Tagen waren dem jungen Laundry einige Dinge ins Auge gesprungen, die Link außergewöhnlich machten. Und einige Dinge machten nicht nur skeptisch, sondern erschufen leichtes Misstrauen in Wills Gemüt.

Da wäre zum Beispiel die angebliche Freundschaft, die Link zu der Prinzessin hatte. Wer pflegte schon als einfacher Hylianer eine solche Beziehung zu der einflussreichsten Person Hyrules. Dann sein beinahe legendäres Wissen um irgendwelche Kreaturen im alten magischen Hyrule.

Und viele weitere Kleinigkeiten beschäftigen den Laundryjungen zunehmend. Der Gerümpel, den Link mit sich herumschleppte. Die Narben auf seinem Rücken. Seine merkwürdige Angewohnheit an der linken Hand ständig einen Handschuh zu tragen. Echt seltsam, dachte Will. Denn sein Kumpel trug seinen abgenutzten Lederhandschuh sogar abends, wenn er ins Bett ging.

Schließlich seine verflixten Geheimnisse, die er einfach mit niemandem teilen wollte...

Aber den Gipfel des ganzen bildete seine Erfahrung im Kampf. Er beherrschte Kombinationen mit dem Schwert, von denen Will nicht einmal wusste, dass es sie gab.

Aber eine Sache passte nicht ins Bild... Wenn Link der legendäre Heroe war, der in der alternativen Zeit das Land von dämonischer Finsternis befreit hatte, warum war er so verbittert?

 

Gerade in dem Augenblick tapste jener Jugendliche, über den Will sich so gerne den Kopf zerbrach, wieder in den Raum. „Wo bleibst du denn?“, murrte Link genervt, worauf der junge Laundry die Beine unter die Arme nahm und seinem Mitbewohner hinterher stiefelte.

 

Bedacht watschelte der junge Heroe durch den duftenden Laubwald, während bunte Blätter in dem frischen Wind tanzten und er es sich erlaubte einige dieser kleinen Kostbarkeiten von Mutter Natur aufzufangen. Schweigsam lief Will hinter ihm, beobachtete diese Kindlichkeit, die sich Link erhalten hatte, wo andere sie gerne losgeworden sind. Bei der Göttinnenmutter, Link wirkte so unschuldig in seinem Verhalten und seiner Art. Kopfschüttelnd sank Wills Haupt nieder. ,Unmöglich’, dachte er. ,Link konnte nicht der Held der Zeit nicht, nicht mit dieser naiven Kindlichkeit. Nicht mit dieser Unschuld.’ Kein Wunder, er war ja in Kokiri aufgewachsen, soviel hatte Will aus ihm herausbekommen, auch wenn Link gar zu gerne abwinkte, wenn es um die Vergangenheit ging.

„Du sag’ mal, Link.“, begann Will.

„Mmh...“

„In Kokiri... wie ist es dort? Wie lebt man dort?“ Link blieb plötzlich stehen, zögerte.

„Das würde dich nur langweilen“, meinte er kühl und lief schneller weiter. „Besser wir beeilen uns ein Pteropianest zu finden.“

 

Nach einer halben Stunde Suche fanden die beiden Fünfzehnjährigen die erste Höhle nicht weit entfernt von der alten Holzhütte am Glücksteich. Bedacht schielten Links tiefblaue Augen hinein in die Finsternis und er vernahm leichte tropfende Geräusche von plätscherndem Wasser, welche aus dem Inneren drangen. Ohne mit der Wimper zuzucken, verschwand der junge Heroe in der stillen Dunkelheit und zündete seine Öllampe an, die ihren wärmenden Schein kräftigend und sicher umherwarf. William folgte ängstlich und bemühte sich Link nicht aus den Augen zu verlieren.

 

Mehrere Minuten waren die Spitzohren unterwegs, hatten sich in der labyrinthischen Höhle bereits verlaufen ohne es zu merken, als Link misstrauischer wurde. Er blieb unerwartet stehen und Will krachte erst einmal kräftig gegen Links Rücken und brachte den Angerempelten aus dem Gleichgewicht.

„Verdammt noch mal, pass’ doch auf, Will!“, brüllte Link.

„Tschuldigung“, erklang es leise aus Wills trockener Kehle. „Ich finde nur, wir sollten umkehren.“ Verdutzt und an der Grenze sich halb tot zu lachen schaute Link in das argwöhnische Gesicht seines Mitbewohners. „Ach, hat der jemand Angst?“, reizte der unbekannte Heroe und grinste schief.

„Ja, verdammt noch mal. Ich hab’ so was noch nie gemacht!“, rechtfertigte sich der Laundry. „Ganz anders als du wahrscheinlich. Ein weiterer Beweis, dass du mit so was Erfahrung hast!“ Will deutete mit dem Zeigefinger auf Link, worauf aus seinem ansehnlichen, wenn auch blassen Gesicht die letzte Farbe wich. „Was willst du damit andeuten?“

„Nichts.“ Link rückte näher mit der hellen Öllampe und Will sah die plötzliche Wut und Verbitterung in ein paar eisigen blauen Augen.

„Sag’ schon, was sollte diese Bemerkung eben?“ Und Link starrte erbost in die smaragdgrünen Augen Williams, als ihm aber eine weitere Sache merkwürdig vorkam. Er hielt die kleine Lichtquelle näher an die abgeschliffene Wand neben Wills schmalen Gesicht und entdeckte an den abgeriebenen klatschnassen Wänden eine Kleinigkeit, die sein Misstrauen von vorhin noch bestärkte. Links Gesicht wurde ernster und ernster und seine andere Hand wanderte zu der Schwertscheide an seinem Gürtel.

 

„Link? Was’n los?“ Und auch der Laundry drehte sich zu der klitschigen Wand, hielt seine eigene Lampe davor und sah zunächst nichts ungewöhnliches. Link tippte vorsichtig mit einer Hand an die feuchte Steinwand und zerrieb die Flüssigkeit auf seiner Haut mit zwei Fingerspitzen.

„Was ist das?“, fragte Will.

„Das ist schwarzer Schleim und einige Fellhaare hängen darin... Ich glaube, wir sind hier nicht alleine, Will.“

„Was? Meinst du, wir stoßen auf ein Pteropianest?“ Aber die Ernsthaftigkeit in den dunkelblauen Augen Links sagte ihm etwas anderes auf seine Frage.

„Kein Pteropianest?“, fragte Will entrüstet und ärgerte sich leicht. Sein Gegenüber schüttelte den Kopf. Misstrauischer als vorher drehte Link den Schädel in die zunehmende Dunkelheit des Ganges und meinte trocken: „Wir müssen sofort raus hier!“

 

Hetzend rannten die Spitzohren den Gang entlang, den sie gekommen waren und doch war nirgendwo die Spur eines Ausgangs in Sicht. Nirgendwo ein wärmender Lichtstrahl. Nirgendwo ein Weg hinaus in die Freiheit. Eingepfercht zwischen den schmalen Gängen bewegten sich die Jugendlichen vorwärts und die anfängliche Suche nach den fledermausartigen Geschöpfen wurde unwichtig.

 

„Link! Was genau ist in dieser Höhle?“, rief Will und rannte wie der Blitz vorwärts.

„Irgendein Rieseninsekt.“ Auf die Bemerkung, stolperte der junge Laundry, krachte über eine Wurzel zu Boden und gaffte erstarrt in die muterfüllten Augen seines Mitbewohners.

„Irgendein Rieseninsekt!“, kreischte Will. „Bist du noch bei Trost mir solche Angst einzujagen?“

„Aber...“

„Zum Teufel, Link, das glaube ich nicht!“

„Will, jetzt beruhige dich doch und hör’ zu.“

„Ich soll mich beruhigen?“ Will fasste sich vor Schock mit beiden Händen an die Stirn. „Ich soll mich beruhigen?“, dröhnte er lauter.

„Nur so zur Information, Link. Wir sind hier in einer dunklen, stickigen Höhle. Und mein Mitbewohner hat nichts besseres herauszuhauen, als dass sich ein Rieseninsekt hier herumschleicht. Hör’ auf mich so zu verarschen!“ Will stapfte mit verschränkten Armen voran und hoffte den richtigen Weg zu finden.

„Das war mein Todernst.“ Nun fauchte Link: „Glaubst du, ich mach’ mit so etwas Spaß?“

„Vielleicht nicht, aber wenn du mir einen Grund nennst, dass ich dir das abkaufen kann, dann vielleicht.“

„Du verlangst einen Grund?“ Will nickte zustimmend.

„Willst du jetzt von mit hören, dass ich von so einem Vieh schon mal verspeist wurde, oder was?“ Erneut nickte Will. „Irgendeinen Grund, Link, damit ich dir glauben kann.“ Doch der trübsinnige Heroe drehte sich um und lief einige Schritte außer Reichweite.

„Das kann ich nicht. Entweder du glaubst mir, oder du findest hier dein Grab.“ Erschrocken starrte Will zu Link und blickte zu dem glänzenden Bogen auf Links Rückrat. Und er bemerkte etwas neues. Innerhalb von Bruchteilen konnte das kindliche Herz dieses Hylianers sich in das kalte eines Kämpfers ohne Gnade wandeln. Nicht mehr die unschuldige Seite an seinem komischen Mitbewohner. Nicht mehr das trübsinnige Gemüt. Nein, diese Seite an Link fühlte sich für Außenstehende beinahe an wie unmenschliche Grausamkeit.

 

In dem Moment raschelte es leise in der Höhle. Von irgendwoher schallten lüsterne Klänge. Ein Dröhnen und kleine Steinchen an den Wänden rollten gefahrprophezeiend hinab, erschufen Gänsehaut und Respekt vor einer gigantischen Kreatur des Bösen, die hier ihr Zuhause hatte.

 

„Glaubst du mir jetzt, du Hohlrübe?“, rief Link und hetzte schnaubend und Kraft verlierend hinter Will her, der winselnd fortstürmte. Das Tempo des jungen Laundry war schneller als das von Link, der sich zunehmend schwächer fühlte, dem der Schweiß in die Augen lief und der vor Atemnot eine Pause einlegen musste.

„Will!“, rief Link erschöpft. „Sei vorsichtig!“ Aber sein Kumpel suchte bereits das Weite, rannte und rannte um sein Leben, hörte ab und an garstige Geräusche, der er nicht definieren wollte. Er rannte weiter, seine Öllampe fest umkrallt, und kniff die Augen vor Frust zusammen. ,Verdammter Auftrag’, dachte er. ,Ich geh’ nie wieder nach einer Pteropia suchen!’

Er rannte immer geradeaus, achtete nicht einmal auf seinen Weg und krachte plötzlich gegen etwas Pelziges, Schleimiges. Ein schauriger Angstschrei hallte in der Höhle umher und drang vorwärts bis hin zu Link, der erschöpft an einer klitschigen Wand angelehnt der Dinge haarte, die da kommen mögen.

Der junge Heroe schlug die Faust in die Wand und verfluchte einmal mehr seinen schwächlichen Zustand. Langsam trottete er voran, nahm einen Schluck des segenvollen, silbrigen Heilmittels und lief mit gezücktem Schwert in die Richtung, wo Wills Schreckenslaut erklang.

 

Erneut ein tiefer Schrei aus Wills Kehle und Link bewegte sich schneller vorwärts, befürchtete schon das Schlimmste und sah nicht weit entfernt die Öllampe Wills auf dem Boden liegen. Schleimspuren auf dem Boden verrieten eine Alptraumbestie, die Link in seinem Leben mehr als einmal geschlagen hatte. Eine typische schlangenartige Spur. Auch die schwarzen pelzigen Haare ergaben Sinn. Ein Moldorm musste sich hier aufhalten. Ein Moldorm. Eine Brut, geboren aus der tiefsten Nacht. Ihre Schlupflöcher waren die Dunkelheit und sie vermehrten sich schnell. Ihr Schwachpunkt war das Hinterteil und ein violettes, schwaches Auge am Kopf. Gefährlich war ihr breites Maul mit einigen scharfen Reißzähnen.

 

Link rannte und hoffte, dass Wills Ängstlichkeit ihm helfen würde, um sein Leben zu laufen.

Gemächlich und die Ruhe bewahrend folgte Link der Spur der Bestie und erreichte ein Gewölbe, welches durch viele Holzbalken gestützt wurde. Mit wachem Blick schaute sich der junge Heroe um, blickte in jede Ecke und hörte plötzlich einen Freuderuf von oben. Erleichtert hockte auf einem kaputten Balken ein gewitzter Laundryjunge, der sich hier vor dem Monster versteckt hielt.

„Will. Alles in Ordnung?“, rief Link, worauf der Angesprochene nickte und schleppend, beinahe schwerfällig am Balken hinabkletterte.

„Allmächtige Göttinnen, Link. Bin ich vielleicht froh dich zu sehen!“, kreischte Will aufgeregt und sein Blick war butterweich, erfüllt mit einer Angst, die Link niemals zugeben würde. „Hast du schon mal Todesangst verspürt? Ich glaube, ich habe sie eben erfahren“, murmelte Will und stützte sich auf die Knie.

„Was ist passiert?“

„In den Gängen haust ein Riesenwurm und...“ Aber Will stockte die Stimme immer noch. „Ich bin so lange gelaufen wie ich konnte und plötzlich war er weg.“

„Keine Sorge, der kommt gleich wieder“, flüsterte Link und schielte misstrauisch umher.

„Du kannst wohl nicht anders als deine Umgebung in Todesangst zu versetzen. Echt mal, sei froh, dass der Wurm verschwunden ist. Und was sagt Link, unser tollkühner Retter? ,Keine Sorge, der Riesenwurm kommt gleich wieder.’ Erinnere mich dran, dass ich dich köpfe, wenn wir hier raus sind!“, brummte Will.

 

Erneut rauschte es in den vielen engen Tunneln und der Boden vibrierte. Verängstigt krabbelte Will vorwärts und zog sich wieder hinauf auf den Balken, der nicht bis zur Höhe reichte. „Du kannst ihn ja erledigen, ich feuere dich an“, sprach Will zitternd und hockte sich oben auf der kleinen Holzfläche zusammen.

„Du Angsthase!“, rief Link erbost und hetzte stürmisch in eine Ecke des Gewölbes und blies die Fackel aus um das Ungetüm nicht mit Licht und Wärme anzulocken.

 

Aber er hörte ihn, spürte den eisigen Körper des Moldorms über den kratzenden Boden schlittern, hörte ihn stoßweise atmen und zanken. Den Bogen bereithaltend wartete der unerkannte Heroe, dass sich der Moldorm näherte, dass jenes Biest Links junge Fleisch roch und es sich schnalzend mit seinem wulstigen Körper in seine Richtung bewegte. Link hörte die Sehne des Bogens zirpen, als er einen Pfeil anlegte, versuchte mit klarem Blick die Dunkelheit zu durchbrechen und roch ihn erneut. Den Gestank des Bösen. Den typischen Gestank nach Verwesung und Säure, den er nicht mehr riechen wollte.

 

Der Moment war gekommen, dachte Link, spürte es angesichts der Nähe des Monsters und der Heroe erhellte mit Magie erneut das Licht seiner Lampe, machte das ausgewachsene Biest aus, aber es bewegte sich nicht weiter in Links Richtung. Grölend stieß der riesige Wurm an die vielen Balken und der junge Laundry schrie wie am Spieß. Link spannte einen Bogen nach dem anderen, aber seine Arme zitterten durch die Kraftanstrengung und nicht ein Pfeil wollte das Ziel treffen, welches Link erwählte. Nicht ein Pfeil raste in Richtung des violetten Auges.

„Will! Spring’ ab!“, rief Link, aber der junge Laundry wollte nicht, konnte nicht...

„Will, das Biest zerstößt die Balken. Spring ab!“, kreischte er, aber der junge Laundry war zu schockiert, zu gelähmt als auf die Worte seines Kumpels zu hören.

„Muss man denn alles selber machen?“, meckerte der junge Hylianer. Murrend raste Link näher, zog das Schwert und stieß es der Bestie jauchzend jählings in die weiche Bauchseite. Der Moldorm zappelte, brüllte und spuckte, aber Links Schwertstreiche stachelten das Ungetüm nur noch weiter an, als dass sie ihm schadeten. Seine Schwertstöße waren zu schwach. Das Schwert in seiner Hand erfüllte den Dienst eines Helden nicht mehr.

Zappelnd hetzte die Bestie herum, fixierte den jungen Heroen und raste erbarmungslos auf ihn zu. Und keine Fluchtmöglichkeit tat sich für Link auf. Er blickte nach rechts und nach links, wich zur Seite und doch raste der Moldorm ungeheuer schnell auf ihn zu, wollte ihn zerstoßen oder verschlingen. Aber keine der beiden Alternativen waren harmlos. Link wich nach hinten und spürte im nächsten Augenblick die feuchten, kantigen Wände in seinem Rücken bohren. ,Das war’s wohl’, dachte er. Diesmal wusste er endgültig nicht weiter, nicht mit der jetzigen Schwäche und dem ausgewachsenen Riesenwurm, der ihn in den Tod schicken würde. Link kniff die Augen zu und wartete auf den allzu vertrauten Schmerz, wenn etwas Böses, Unmenschliches, Biestiges sich am eigenen Körper bereicherte.

 

Er hörte ein weiteres Brüllen, öffnete die Augen verblüfft, als sich die Bestie hin und herwand, kämpfend mit einer neuen Gefahr. Sie kämpfte nun selbst mit dem Tod und ein gefährlicher Wolfshund hielt sich am Kopf der Bestie fest, biss immer wieder zu, bis das violette Auge erlosch.

 

Die Bestie brach markerschütternd zusammen, atmete pfeifend aus breiten Nüstern und lag verabscheuenswürdig in jenem Gewölbe. Der Wolfshund der Familie Laundry hüpfte schwanzwedelnd zu Link hinüber, stellte sich auf die Hinterpfoten- denn dann war er fast so groß wie Link- und schleckte ihm mit der riesigen, feuchten Zunge über das Gesicht. Link begann zu lachen, aus Erleichterung und aus immenser Dankbarkeit. Er tätschelte den Hund liebevoll am Hals und bedankte sich.

„Ich sag’ doch, du wärst prima geeignet für den Job eines Helden.“ Und erneut schleimte der Hund mit der schlabberigen Zunge über das verschwitzte Gesicht Links.

 

Wenig später kam Will angestürmt, grabschte sich den Wolfshund und meinte: „Die Göttinnen haben dich selig, Wulf!“ Zufrieden blickte Will in den erschöpften Blick seines Mitbewohners und war sich nun sicher. Link konnte nicht der gesuchte Heroe sein. Das würde keinen Sinn ergeben. Nicht mit dieser Schwäche...

 

„Kennst du den Ausgang, Wulf?“, murmelte Will und kraulte dem Hund die Ohren. Wulf bellte und watschelte in Richtung eines schmalen Ganges. Auch Will war dabei sich fortzubegeben. Verwundert schielte er zurück und fragte sich, warum Link nicht folgte.

„Link?“ In den grünen Augen Wills spiegelte sich etwas neues. Das Abbild Links, der richtend vor der unwürdigen, widerlichen Bestie stand und mit kaltem Blick zusah, wie der Wurm den letzten Rest Leben aushauchte.

 

Link stand vor der Bestie des Bösen, regte sich nicht mehr, denn, wenn Erinnerungen an alte Grausamkeiten ausbrachen, verführten sie viel zu oft zum Erstarren, zum Versinken in Scham und Demut.

Link erinnerte sich mit einem Mal an so viele Kämpfe, die er siegreich gemeistert hatte. Gelegentlich griffen ihn drei ausgewachsene Moldormbiester mit einem Mal an und jede einzelne hatte er bezwungen, war siegreich und stolz aus den Kämpfen hervorgegangen. Aber in diesem Hier und Jetzt einen einfachen Moldorm zu erledigen, brachte er nicht fertig. Es war schlichtweg nichts mehr übrig von der einstigen Macht des Helden der Zeit. Seine Stärke war erloschen, nichts mehr wert wie der heiße Tropfen auf den kalten Stein... 

 

Langsam hob Link das Stahlschwert, hielt es langgestreckt und rachevoll in die Höhe und stieß dem Moldorm mit voller Wucht in die weiche Bauchseite, wusste, wo ihr Herz saß und bohrte das Schwert bis zum Heft hinein.

„Stirb’ endlich!“, brüllte er. Er sagte diesen Satz mehrmals, bis Will erkannte, dass mit Link einfach irgendetwas gewaltig nicht mehr stimmte. Wie ein Irrer stieß er das Schwert immer wieder in das leblose Stück Fleisch des Bösen.

„Stirb’ endlich!“, rief Link erneut, ständig, immer von vorn, als käme der Moldorm wieder und wieder zurück.

 

Entsetzt trat Will näher, fasste an das Heft und sagte eindringlich: „Hör’ auf, Link. Es ist tot. Hörst du, es ist tot.“

„Nein, diese Bestien kommen immer wieder. Immer wieder. Andauernd!“ Link packte erbost die Waffe und war außer sich, nicht mehr bei Sinnen, und rammte das Stück Stahl so oft wie möglich in die Bestie, solange, bis es tatsächlich keinen Mucks mehr von sich gab und langsam verendete.

„Stirb!“, brüllte Link erneut, diesmal wehleidiger, und schließlich verwandelte sich der Dämon in ein Häufchen Asche.

„Link, Stopp!“, rief Will und fasste mit soviel Kraft an das Heft der Waffe wie er aufbringen konnte, aber Link stieß ihn zurück und schenkte ihm einen ausdrucksvollen Blick, verlangte Abstand.

 

„Kann das nicht endlich aufhören...“ , brüllte Link und stieß das Schwert in den Boden. „Können diese verdammten Monster nicht endlich tot bleiben!“, brüllte er. Link sank auf die Knie und stützte die bebenden Hände auf dem staubigen Boden ab. „Hört auf euch in mein Leben einzumischen!“, wimmerte er. 

 

Will stand währenddessen erstarrt daneben, fühlte sich unwichtig und nutzlos, und ahnte, dass mit Link irgendetwas Schreckliches geschehen sein musste, was aus ihm einen so verzweifelten Hylianer gemacht hatte, der das Böse wie nichts in der Welt hasste. Etwas Schreckliches, das niemand verdient hatte und sich niemand vorstellen konnte.

 

Man hatte seine Seele gefoltert...

 

Anteilnehmend suchte Will den bitteren Blick ein paar eisige blaue Augen und murmelte leise: „Link, lass’ uns gehen.“ Schweigsam stand der trübsinnige Heroe auf, nickte und lief dem jungen Laundry langsam hinterher, blickte ab und an zurück und wünschte sich, es wäre seine Bestimmung und nicht die Höhle, die er zurückließ.

 

Wulf führte die beiden Jugendlichen sicher in die Freiheit, aber es war nicht der Eingang der Höhle, den sie erreichten. Verdutzt beäugten Link und Will eine große, feste Steinplatte, die sie beide mit herbem Kraftaufwand zur Seite schoben.

Und noch mehr Überraschung zeigte sich auf den beiden Gesichtern, als sie sich in der kleinen Vorratskammer unter der Falltür in der Hütte des Glücksteichs wiederfanden.

„Das nenn’ ich ja mal einen Zufall. Nur gut, dass der Moldorm nicht hierher finden kann, weil die Gänge zu schmal sind“, meinte Will und schob die Steinplatte wieder zurück in ihre Ankerungen. Er wollte Link eigentlich aufheitern, aber schon seit dem Vorfall mit dem Moldorm hatte er nichts mehr gesagt.

 

„Alles in Ordnung, Link?“ Aber darauf kam keine Antwort und Link stellte die Öllampe auf ein kleines Regal hier in dem Kellerräumchen. Sein Blick fiel wieder zu dem Portrait der schönen Frau, welches hier unten stand. Erneut nahm er das Bildnis in seine Hände und fuhr verträumt über die saubergemalte Oberfläche. Irgendwie beruhigte ihn ihr Anblick. Es wäre, als würde sie zu ihm sprechen und ihm wünschen, die Monster der alternativen Zeit zu vergessen.

„Wer ist das?“, fragte Will und blickte erstaunt zu dem Abbild der schönen Lady. Link zuckte mit den Schultern. „Weiß nicht. Das Bild stand einfach hier unten.“ Will riss dem unbekannten Heroen das Bild beinahe aus den Händen. „Verdammt ist die schön. Ich habe noch nie eine so schöne Hylianerin gesehen, abgesehen von dem Mädchen, welches in unserem Zimmer war und in deinen Sachen herumgeschnüffelt hat.“ Sachte fuhr Will ebenfalls über die Ölfarbe und meinte: „Diese Lady hier ist sehr stolz und doch... Wenn man in ihre Augen blickt, sieht man irgendwie eine Spur Angst, Unsicherheit und Schwermut.“ Link warf einen zweiten Blick darauf und erkannte in den blauen Augen der schönen Lady etwas, was er vorher nicht gesehen hatte. Will hatte Recht. Da war Trübsinn und Sorge... Vielleicht war es jener Blick, der diese Lady so fesselnd schön machte.

,Genauso wie bei Link’, dachte Will. Der gleiche Ausdruck von Besorgnis, als ob jene Lady mit Link verwandt war.

„Wir sollten das Bild irgendwo aufhängen. Es ist es nicht wert, hier zu verstauben“, sagte Will und nahm das Bild mit hinauf, öffnete die Luke und fühlte sich frei und glücklich den Alptraum von vorhin überstanden zu haben.

 

„Du willst schon fort?“, meinte Will, als Link seine Waffen in einem Schrank verstaute und sich zur Tür bewegte.

„Ja, ich muss mal nach Epona schauen“, erwiderte Link. Will nickte. Damit verschwand der trübsinnige Hylianer und begab sich auf den Weg in die geachtete Ritterschule.

 

Gemächlich tapste Link durch den dichten Mischwald in der Nähe der Ritterschule. Er träumte vor sich hin, erinnerte sich mit Seelenkatarrh an die Höllenkreatur in der Höhle. Er träumte während des ganzen Weges und bemerkte zunächst nicht den vollgepackten Milchkarren mit wertvollen Lon-Lon- Produkten wenige Meter weiter in Richtung der berühmten Ritterschule eilen.

 

Erst als der junge Heroe in den Innenhof eintrat, entdeckte er den großen Karren und einen jüngeren Mann mit kastanienbraunem Zopf daneben stehen. Murrend lud dieser Kästen mit leckerer Milch aus und Gefäße mit konserviertem Fleisch.

Leicht schockiert hastete Link näher, denn er kannte diesen Hylianer und hatte ihn neben Malon und den anderen aus der brennenden Farm gerettet. Es war der Kerl mit dem Baby auf den Armen und er hatte genau das gleiche Haar wie die Farmtochter mit ihrer fröhlichen Singstimme. Malon huschte durch Links Gemüt und ließ ihn unruhig werden. Ob jener Hylianer auch wie andere vor Wochen glaubte, dass er das heitere Farmmädchen entführt hatte? Wissbegierig stapfte Link näher und näher, wollte den jungen Mann deswegen befragen, wollte wissen, was vor wenigen Wochen wirklich geschehen war und verließ sich mal wieder auf sein naives Wissen, welches ihm den Hals brechen könnte.

 

Als Link ahnungslos vor dem mageren Typen stand, sah jener mit einem bösartigen, feindlichen Schatten auf dem jungen Gesicht auf. „DU!“, schimpfte jener sofort und holte mit seiner spitzen Faust aus. Im letzten Moment wich Link zurück und landete auf seinem Hosenboden.

„Du wagst es mir unter die Augen zu treten?“ Aber der Fünfzehnjährige war sprachlos angesichts eines eisigen Hasses, den der Kerl ihm entgegenschickte. Ungläubig starrte er nach oben in das wütende, schmerzverzerrte Gesicht des Farmers.

„Du hast meine Schwester entführt, du mieses Stück Dreck, und nun lernst du an dieser geachteten Ritterschule. In den nächstbesten Kerker gehörst du! Nein, erhängen sollte man dich!“, brüllte jener, sodass die wenigen Schüler in der Schule, die ringsherum standen, aufsahen. Aber Link blieb wortlos, fühlte sich schon wieder erdrückt von erstickenden Lügen, grausamer Verräterei und unendlicher Schmach.

 

War er ein gefallener Held, der andere nun selbst Schmerz erfahren lassen wollte um den eigenen zu vergessen? Und war Link vielleicht auch bloß ein Lügner?

 

Redete ihm das sein blutendes Gewissen ein oder die Wahrheit?

 

„Niemals vergessen werde ich den Tag, an dem du spät abends zur Farm kamst und Malon entgegen ihres Willens verschleppt hast, du kleine Ratte.“ Benommen richtete sich der junge Heroe auf, versuchte sich aufzurütteln, aber eine bösartige Lähmung, ein vertrauter Schmerz, zog sich plötzlich und unhaltbar durch seine Glieder.

„Ich habe mit Malons Verschwinden nichts zu tun...“, würgte Link hervor, wollte anfangen alles zu erklären, wollte die Wahrheit erkunden, und stand schwankend auf den schwachen Beinen. „Wer bist du überhaupt?“, hechelte der junge Heroe, ließ das Haupt sinken und fühlte beinahe eisige Schweißtropfen an seiner Stirn hinabwandern...

 

„Jaylon bin ich und nun tu’ gefälligst nicht so, als ob du meinen Namen nicht kennen würdest, du verdammter Hurensohn“, lärmte er und damit stieß er den vergessenen Heroen grob und gewaltig zurück.

„Hör auf!“, kreischte Link und schlug die Hände an seine Ohren. „Ich kenne dich aber nicht... ich habe dich noch nie gesehen. Ich weiß nur noch, dass...“, brachte er hervor.

„Was? Das ich nur tatenlos mit ansehen musste, wie du Malon gepackt hast und ignoriert hast, wie sie gefleht, gekreischt und geweint hat, als du sie verschleppt hast?“ In Jaylons Augen funkelte Wut und Schmerz, die sich abwechselten.

„Wo ist sie!“, brüllte Jaylon. „Was hast du mit ihr gemacht!“ Einige Schüler näherten sich neugierig dem Geschehen und hörten mit gespitzten Ohren dem Gespräch zu, waren amüsiert und gleichzeitig schockiert. ,Der komische Kauz hatte jemanden entführt?’, dachten die Lauschenden.

 

„Aber ich habe niemanden entführt...“, klagte Link. „Ich bin kein Unmensch...“, setzte er leiser hinterher. Aber stimmte das? War aus dem damaligen Helden der Zeit nun ein grausames Monster geworden, dass sich daran labte andere in Schmerz und Verzweiflung zu versetzen? Erfreuten sich Monster und Mörder wie der Besitzer seiner blutüberströmten Hände, wo das Blut tausender Dämonen haftete, denn nicht an den vielen zerstörerischen Gefühlen, die Leid mit sich bringen konnte?

„Aber du hast sie entführt. Denkst du meine ganze Familie hat sich Malons Verschwinden bloß eingebildet?“

Link jedoch begann spöttisch zu lachen angesichts der Worte, die dieser Farmer erklingen ließ. „Und du glaubst wirklich, ein Schwächling wie ich, hätte die Kraft jemanden zu entführen?“

 

Und damit lachte der unbekannte Heroe wieder einfältig, makaber und krank über sich selbst, begann erneut in seinen Teufelskreis und Selbsthass zu verfallen, während Jaylon verstummte und sein Gegenüber gleichgültig und zugleich eine Spur angewidert anblickte.

Denn Link lachte wie ein Wahnsinniger.

Er lachte wie ein Idiot.

 

Links zitternde Hände wanderten zu seinem eigenen Gesicht, strichen sorgfältig darüber, als ob es nicht seines wäre, als ob eine Maske darüber lag. Die Schlinge des Wahnsinns zog sich immer fester um ihn...

Er stolperte einige Schritte rückwärts und fühlte eine marternde Bewusstlosigkeit über sich hereinbrechen. Erneut ein Anfall... Er wollte nach dem Heilmittel in seiner Tasche greifen, lediglich eine kleine Bewegung, nur einige Sekunden und er wäre wieder in Ordnung...

Aber es kam nicht dazu. Jaylon stieß ihn gewaltsam an eine harte Mauer, schlug auf ihn ein und Link hielt nur schützend die Hände vor sein Gesicht. Worte des Hasses und der Beschuldigung erklangen wie giftige Flüche in Links Ohren und der junge Heroe verlor schlagartig das Bewusstsein... Langsam sackte der geschwächte Körper des Fünfzehnjährigen an der Steinmauer zusammen...

 

War denn auf der alten Lon-Lon-Farm nie ein wütendes Feuer ausgebrochen? War das, was in Links einst so wachen Verstand unterging alles eine Einbildung eines gefallenen Helden?

Und was war mit Jaylon, dem angeblichen Bruder von Malon?

Link konnte sich nicht erinnern, dass das heitere, fröhliche Farmmädchen überhaupt einen Bruder hatte. Oder spielten Links Erinnerungen ihm einen Streich?

 

Als das Reich der Träume ihn einnahm, ihn zu einem Gefangenen machte, waren es Schuld und Zweifel, die in seinem geschundenen Bewusstsein zunahmen. Hatte er sich das dunkle Bündnis, die Moblins und Hylianer mit dem blutigen Dreieck auf der Stirn nur eingebildet? Er realisierte auf der Ebene, wo der Körper keine Rolle spielte. Er realisierte, dass ein Held nur einmal im Leben aufblühen konnte... und diese Zeiten schienen vorbei. Ein Held wie er bewegte sich bereits an der Grenze zum Wahnsinn, einem Versteck für die eigene Mordlust und Schuld...

 

Als Link das Bewusstsein wiederfand, lag er in seinem dunklen, kühlen Zimmer. Das Bett war eiskalt und das in heilkräutergetränkte Tuch auf seiner Stirn stank wie die Pest. Es schien der Grund gewesen zu sein, dass er aufwachte...

Sein Blick war tot und leer, ohne Hoffnung und Willenskraft und nur ein Funken Leben darin verriet, dass er noch nicht auf das andere Ufer der Existenz gewechselt war.

 

Schon wieder ein gemeiner Anfall und verhindern hatte er ihn nicht können. Verzweifelt und wimmernd schlug er mit den betäubten Armen auf die Kanten des Bettes ein und schluchzte. Warum konnte er nicht endlich wieder er selbst sein? Diese Schwäche tat weh. Diese verdammte Untauglichkeit und Gebrechlichkeit machten alles kaputt, was er einst war. Vor wenigen Monaten noch stand er in erbarmungslosen Kämpfen gegen riesige Bestien in Termina, die er siegreich meisterte. Vor einigen Wochen noch hatte er eine ganze Welt mit seinem Mut und seiner Stärke retten können. Die edlen Eigenschaften eines Helden schienen wie Lichtgeister aus seinen Augen heraus, spendeten denen, die ihre Hoffnung verloren, wieder einen Grund an ihre Wünsche zu glauben. Und nun war er ein verweichlichtes, dummes Kind, welches sich für Schwäche schämte, welches sich für den eigenen Heldentitel schämte...

 

Er kniff die Augen zu, schlug den Schädel hin und her und wimmerte wieder wie ein Kind. Der Held der Zeit verblasste immer mehr in einem einsamen, geschundenen Gemüt, das vielleicht mörderische Brut, bösartige Geschöpfe, in den Wahnsinn treiben wollten.

 

Er war schlichtweg am Ende seiner Kräfte, am Ende jeglicher Geduld. Er konnte nicht sein Leben mit diesen Anfällen fristen. Er konnte einfach nicht mehr...

 

Zelda... bitte hilf’ mir...“, wimmerte er in die Stille des Zimmers, schloss die Augen und schämte sich unendlich für diese Bitte. „Hilf’ mir...“, schluchzte eine leise, wehklagende Stimme in jenem Raum. „Ich bin kein Monster...“, setzte er hinzu und verfiel in einen leichten tranceartigen Zustand.

 

Außerhalb des Zimmers traten Newhead und Will den Gang entlang. Der Lehrer im Praxisunterricht hatte schleunigst, nachdem der junge Heroe zusammengesunken war, gehandelt. Zur rechten Zeit am rechten Ort, hatte er Link gepackt, auf sein Zimmer geschafft und sofort, ohne unnötige Fragen neugieriger Dritter, für Ruhe und Schweigen in der Schule gesorgt. Nur einige Schüler hatten gesehen, wie der Blondschopf zusammenbrach, aber jene waren vielleicht nicht daran interessiert. Was Jaylon betraf, so hatte Newhead ihn mit einem gespenstisch unheimlichen Pfiff aus der Ritterschule gejagt und ihm angedroht, man werde seine Milch an keinem Ort in Hyrule mehr genießen können. Regelrecht geflucht hatte er und damit war Jaylon lästerlich abgehauen. Bloß eine Sache konnte der unerkannte Schwindler nicht verhindern... Etwas, was Link noch Tage und Wochen an Kraft und Lebenslust zehren würde: Jaylon hatte die schönste Stute der Lon-Lon- Züchtung eingefordert. Epona, die kluge Stute, Links treue Freundin, war in wenigen Stunden zurück auf der alten Farm. Und kein Recht an Epona würde ihm mehr zustehen. Epona war nicht mehr ihm...

 
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