2. Kapitel
 

Kapitel 2

 

 

Einmal mehr fiel der Regen erbarmungslos auf das lebendige, grüne Steppengras der gigantischen alten hylianischen Steppe. Und auch wenn der Morgen nicht mehr fern war, so herrschte nur die Dunkelheit vor. Hässliche, grobe, verhüllende Schleier der Gewitterwolken, die den Herbst einleiteten, hafteten am sonst so in Sonnenschein gemalten Himmel.

Eine vermummte Gestalt in einem grauen Mantel, tapste mit schwerem Gang voran. Kälte ging von ihm aus, Selbsthass zerfraß ihn und Kummer eilte seinem Weg voraus.

Inzwischen war er durchgeweicht, seit mehr als zwei Tagen unterwegs, einmal mehr zurück an einen Ort, wo er einst so etwas wie einen Platz besaß, aber das war vorbei… schon lange war er dort nicht mehr erwünscht. Wie auch? Der junge Held war Hylianer, kein Kokiri, er war auf dem Weg des Erwachsenwerdens, teilte andere Einstellungen, besaß andere Ideale als sie ein Kind haben konnte. Das kleine Koboldvolk in den alten Wäldern, beschützt vom weisen Dekubaum, tanzte zu anderen Freuden, verfolgte keinen Lebensweg und noch dümmer klang in ihren Ohren das Wort Bestimmung.

 

Nur einer wurde die Außenwelt zuteil.

Nur eine von ihnen hatte Blut gesehen, Hass erfahren.

Nur eine…

 

Und vielleicht ging der junge Kämpfer gerade deswegen wieder zurück in die kleine Scheinwelt, in welcher er elf Jahre seines gnadenlosen Lebens verbracht hatte. Schöne Erinnerungen geisterten in seinem Kopf herum, besänftigten aber nicht, sondern quälten wie kleine Dämonen, die er nicht zu vertreiben wusste. Er sah sich selbst dort herumwandeln, in der Nähe seines einstigen Baumhauses, sah sich lachen, auch wenn sein Lachen nicht sehr lange wehrte.

 

Zielstrebig folgte er seinem Weg, marschierte beinahe gesteuert durch die eisige Kälte. Regen und Hagelkörner klatschten ihm in das Gesicht, aber er fühlte diese schon lange nicht mehr. Blitze zuckten durch die Dunkelheit, erfüllten die Steppe mit etwas Bedrohlichem, verliehen ihr Gefahr und unerfreuliche Ferne.

 

Weiter und weiter kroch Link vorwärts, hörte das Grollen des Donners in der Ferne, die den Klängen einer blutigen Zukunft, Schreien von Moblins, Trommeln, die eine Schlacht der Hylianer gegen Ganondorfs Dämonenarmee begleiteten, auffällig ähnelten. Intrusiv kamen die Bilder, zehrten von dem wenigen Stückchen Freude, welches in seinem jungen Herzen geblieben war, zerstörten und folterten. Blut, gläserne tote Augen und die Angst in Gestalt des mächtigen Schreckensfürsten, dem Großmeister des Bösen. Es schmerzte innerlich, die Dinge, die seine ernsten Augen erblickt hatten, schlitzten in seinem Herzen, in seiner besonderen Seele. Ohne Gnade kamen die Bilder, ohne der Möglichkeit einer Gegenwehr sprengte die Vision des alternativen Zeitpfades die Vorstellungskraft des jungen Hylianers.

 

Ein Aufschrei entkam seiner Kehle. Ein lautes Brüllen, da er die Bilder nicht ertrug, da er das Entsetzen endlich vergessen wollte. Aber wie konnte Link seiner Bestimmung entsagen? Er konnte vor seinem Schicksal nicht davonlaufen, er konnte nicht vergessen, wer er war. Denn das Schicksal war hier in Hyrule vielleicht mächtiger als an anderen Orten. Vor Jahren noch stach Zuversichtlichkeit und Mut aus seinen Augen hervor. Mit entschlossenem Blick hatte er seine Bestimmung angenommen, nach vorne geblickt und immer darauf gewartet, dass es irgendwann einmal für ihn so etwas wie ein gemütliches, warmes Heim gegen könnte. Aber dieser Wunsch gehörte nicht zu seiner Bestimmung, nicht zu seinem Schicksal und diese Sache hatte er erkannt, dann, als an einem sehr dunklen Tag genau diese Einsicht in sein Herz getragen wurde…

 

Erschöpft ließ er sich auf die klatschnasse Straße sinken und schlug seine Hände an die Ohren, er ertrug diese Visionen seines Traumas nicht mehr, es folterte ihn. Und immer wenn er dagegen ankämpfte, so wurden sie lebendiger, echter…

 

Versunken in seiner Qual bemerkte er nicht den einfachen, grauen Wagen, der in jener  Dunkelheit, fröhlich und schnell die Straße entlang sauste. Drei Personen saßen darauf, zwei größere und eine etwas kleinere in der Mitte. Die Waren des Karrens waren durch viele dunkle Decken zugedeckt, auch die Personen waren umhüllt mit Decken. Niemand bemerkte den jungen Hylianer auf der Straße und Link selbst bemerkte nicht, dass der Wagen direkt auf ihn zu steuerte. Noch immer litt der junge Held unter den Phantomen von damals, eingehüllt in das schwarze Tuch der alten Gefahr. Er hörte nicht das durchdringende Knarren des Wagens, erkannte nicht das Wiehern der alten Stute, die vor den Wagen gespannt war und konnte die umherschallenden Schreie nicht vernehmen.

 

Der Karren raste direkt auf ihn zu, die steuernde Person hatte keine Kontrolle mehr und konnte nicht rechtzeitig stoppen. Alles was Link spürte war ein harter Aufprall, dann wurde sein bewusstloser Körper meterweit durch die Luft geschleudert und landete schroff an dem Stamm eines Baumes, brach schließlich leblos in sich zusammen.

 

Prinzessin Zelda saß zu dem Zeitpunkt gedankenverloren in ihrem Schaukelstuhl, wiegte sich darin und hatte ein Buch in ihren Händen umkrallt. Sanfter Kerzenschein leuchtete in ihrem Schlafgemach, Flötentöne schallten umher. Sie liebte den Klang der Okarina, liebte das ruhige Erklingen vergessener Töne und genoss jene Melodien, die sie nie wieder vergessen würde. Vor nicht weniger als fünf Minuten hatte sie selbst die Okarina der Zeit verhext, sodass sie von selbst spielte, lebendig wurde. Bekannte Melodien in ihren Ohren, Melodien wie der Bolero des Feuers. Und doch erinnerten sie jene Melodien nur an Link, ihren Helden, den sie niemals vergessen würde. Warum nur fühlte er nicht, wie oft sie an ihn dachte? Warum stellte er sich so gegen Gefühle der Zuneigung?

Zelda schlug dann das Buch zu, denn wann immer die Okarina spielte, so floss eine kleine Träne auf die abgenutzten Seiten des Buches in ihrer Hand. Eine Träne, die jene mit Tinte beschriebenen Seiten unlesbar machte. Sie krallte sich ein Kissen, umarmte das Stückchen Stofffetzen und murmelte den einprägsamen Namen ihres besten Freundes.

 

In dem Moment zuckte ein gewaltiger Schmerz durch ihren gesamten Körper, arbeitete sich gewaltsam vor über Haut, zu Fleisch, zu Knochen. Die Prinzessin hetzte auf, verkrampfte sich, keuchte und fühlte, wie gemein und hinterhältig sich ihr Magen zusammenzog. Ein starkes Ziepen, innerer Druck, der sie aufsaugte, bis sie das Gefühl hatte sich übergeben zumüssen. Ihr Inneres bestraft, ihr Herz mit kalter Hand umfasst.

Sie wollte sich abstützen, krallte sich mit ihren lackierten Fingernägeln, bis diese brachen in das Holz eines kleinen Pults. Erneute Schmerzen, ruckartig, boshaft. Dirigiert von fremden Mächten wirbelte die blonde Hylianerin herum, warf einen Spiegel zu Boden. Scherben klirrten, so wie das Leben durchbrach ein kleiner Aufprall das wahre Glas eines Spiegels. Scherben. Überall nur Scherben…

Sie taumelte vorwärts, versuchte gegen den Schmerz anzukämpfen. Beraubt um die Fähigkeit der Steuerung des eigenen Körpers, lief sie mit kleinen Schritten über die Scherben, spürte wie sich die scharfen Splitter in ihre Pantoffel hineinfraßen, spürte das Nagen jener in ihren Fußballen. Und noch ein Stoß, direkt gegen ihren Rücken einer unsichtbaren Macht, über die sie keine Macht hatte. Mit lautem Schrei wurde Zelda durch den Raum geschleudert, landete begleitet mit unangenehmen Knacken ihrer Gelenke an der Badezimmertür, sank hinab auf den frischgesäuberten, glänzenden Boden, wo sich das Kerzenlicht spiegelte. 

Ein Moment der Ruhe, ein Moment des Trugs.

Ihre Gedanken ordnend ahnte sie, dass es vorbei war. Die fremde Macht stoppte den Groll gegen sie. Sie kroch rückwärts, lehnte sich tief einatmend an die raue Tür ihres Badezimmers und begann zu wimmern, verbarg ihren Kopf in ihren Armen und flüsterte einmal mehr den Namen: „Link…“

 

„Link“, rief eine Stimme in seinen Träumen, wo überall nur Nebel lag. „Link…“

Aber er wollte diese Stimme nicht hören, auch wenn er sich nach dieser Stimme gesehnt hatte. Vermisst hatte er diese Stimme, sich nach der Gestalt verzehrt, der diese Stimme gehörte.

„Link…“, und die Stimme wurde leiser, da er sich gegen ihre Empfindungen abschirmte. Es tat ihm nur weh…

 

Blinzelnd hoben sich seine Augenlider, gaben das tiefe Blau preis, das aus dem Gesicht leuchtend hervorblitzte. Sein Gesichtsfeld war verschwommen. Leise fluchend kniff er die Augen wieder zusammen, fuhr mit einer Hand durch seine blonden Haarsträhnen und spürte im selben Augenblick ein feuchtes, kühles Tuch auf seiner Stirn. Verwundert öffneten sich seine Augen erneut. Zuerst war alles wieder so verschwommen wie vorhin und nur undeutlich gab sich der Ort preis, an welchem er sich befand. Sachte richtete sich der junge Held auf, während das kalte Tuch von seiner Stirn rutschte und auf dem braunen Tierfell landete, in welchem er eingewickelt war. Die Geschehnisse holten ihn wieder ein, er erinnerte sich an seinen Anfall, die heimtückische Erinnerung an sein Trauma und schließlich den harten Aufprall und den bekannten Schmerz…

 

Link wollte aus dem Bett aufstehen, aber ein Schmerz in seinem Rücken belehrte ihn dies unbedingt zu unterlassen. Stattdessen musterte er das kleine Kämmerchen, in welchem er ruhte. Der einzige Lichtpunkt kam von dem kleinen, schlichtweg erbärmlich wirkenden Kamin direkt vor ihm. Wärme strahlte in sein Gesicht, kleine Funken tanzten in der Luft.

Ein alter und doch für ihn sehr angenehmer Duft lag in diesem Kämmerchen, wo einige Kräuterbeutel hingen. Er schnupperte ein weiteres Mal daran und wusste nicht, was es war, aber dieser Duft berührte ihn, als ob er jenen schon einmal irgendwo gerochen hätte, wo vielleicht Zuhause nicht nur ein leeres Wort war. Überall in dem Kämmerchen stand etwas, Kisten, alte halbgeöffnete Truhen, zwei drei Besen, Kochtöpfe und metallene Kessel ohne Inhalt und zwischendrin lagen unsortiert irgendwelche Kleidungsstücke. Link drehte seinen Schädel nach rechts und erblickte in dem Moment zwei gefährliche, gelben Augen, die aus einem mit grauem Fell bedeckten, schmalen Gesicht hervorstachen. Vor Schreck wich er zurück und landete mit seinem Rücken unabsichtlich an einer kalten Holzwand. Das kräftige, schöne Tier richtete sich auf und tapste leise auf seinen vier Pfoten in Links Richtung. Hastig suchte Link nach seinem Schwert, und fand es neben dem Ofen hängen. Wie blöd, dachte er, sein Schwert würde er nicht so einfach erreichen können.

Das wolfsähnliche Tier blieb plötzlich stehen, machte Platz und leckte sich mit der großen, schlabberigen, feuchten Zunge seine rechte Pfote. Dann schüttelte es sein gesamtes Fell und begutachtete Link wieder sehr genau.

 

Gerade da wurden Stimmen außerhalb des Raumes hörbar. Eine aufgeregte Frauenstimme wetterte umher und eine tiefe Jungenstimme wollte diese anscheinend beschwichtigen.

„Wie oft habe ich dir gesagt, die Waffen deines Vaters sind für dich Tabu, mein Sohn.“

„Anscheinend nicht oft genug.“, erwiderte er frech.

„William Laundry, wenn du nicht bald deine große Klappe hältst, dann hole ich mir ein Schwert und dann werden wir ja sehen, wer hier der Stärkere ist, Freundchen.“

„Na du bestimmt nicht.“, war die fiese Antwort eines pubertierenden Jungen, der nicht viel auf das besorgte, dumme Getratsche seiner Mutter gab. Das Geschrei außerhalb wurde immer lauter und es schien als würden sich die Stimmen dem kleinen Gerümpelkämmerchen annähern. Aufbrausend und extrem energisch wurde die Holztür dann aufgezerrt und eine hübsche rothaarige Frau mit stolzer, schlanker Figur trat in den Raum, in Begleitung ihres Sohnes vermutlich, der in etwa Links Alter hatte.

 

Die Lady hatte eine Tasse mit einer Fleischbrühe in der Hand und musterte den wachen Helden in dem kleinen, knarrenden Bettchen erfreut. Sie stürmte näher und reichte Link die Tasse mit einem: „Willommen unter den Lebenden, Junge.“ Link brachte ein schwerhörbares Hallo über die Lippen und sah weg, als die smaragdgrünen Augen jener Dame eindringlich in seinen Augen lesen wollten.

„Mein Name ist Belle Laundry, du bist in dem Heim meiner Familie.“ Link trank einen Schluck von der Tasse, erstaunt über den leckeren Geschmack. Sofort leerte er die Tasse, als hätte er seit Jahren nichts mehr zu sich genommen. Dann wanderten seine Augen wieder zu dem gefährlich wirkenden Getier, welches sich gerade fröhlich auf den Jungen stürzte der ebenso im Raum stand.

„Das ist unser kleiner Beschützer Wulf, ein Wolfshund.“, sagte die schöne Dame. Links Augen drückten seine Fassungslosigkeit wegen dem verharmlosenden Wort aus und lediglich nicken tat er. „Er ist nicht so gefährlich wie er aussieht und hört aufs Wort. Mach Platz!“ Nur leider tat der Hund überhaupt nicht dergleichen und liebäugelte seine Herrin schamlos. Daraufhin fing der Sohnemann Belles mit dreistem Kichern an. Sie warf dem Frechling einen bitterbösen Blick zu, worauf dieser höflicherweise das Kichern unterband.

 

„Und das ist mein Sohn, William Laundry.“ Der junge Kerl sprang neugierig näher und reichte Link die mit einem großen Schnitt übersehene rechte Hand.

„Mutter, ich kann mich auch sehr gut selbst vorstellen.“, murrte er und schüttelte die Hand von Link äußerst aufgeregt. Der Held besah sich den jungen Mann ihm gegenüber nun genau. Hellbraunes, schulterlanges Haar und dieselbe grüne Farbe, die die Augen von Belle Laundry besaßen. Ein verschmitztes, aber tolles Grinsen im Gesicht machten aus dem Jungen einen außerordentlichen Draufgänger.

„William Laundry, angenehm. Nenn’ mich Will.“, sagte diese tiefe Stimme, die eigentlich weniger zu dem Erscheinungsbild jenes Jungen passte. 

 

Links Blick wanderte wieder zu der großen Wunde an der Hand des Jungen. Dieser schien das bemerkt zu haben und meinte aufgeregt: „Äh, das war das Schwert von meinem Vater.“

„Es hat sich wohl selbstständig gemacht, oder was?“, war der sofortige Kommentar seiner Mutter.

„Man könnte das bestimmt so sehen.“, erwiderte er und hörte nur ein enttäuschtes Schnauben von Belle. Ihre Erziehung hatte wohl auf gesamter Länge versagt. Verärgert riss sie dem Gast die Tasse aus der Hand und meinte schnell: „Ich bringe dir noch etwas hiervon. Bin sofort wieder da.“ Das Schloss knackte und Link blickte seufzend zu Boden.

 

„Wie heißt du eigentlich?“, meinte Will, der so allmählich ins Grübeln kam, da man Link alles aus der Nase ziehen musste.

„Link. Mein Name ist Link.“, sagte er trocken, ertappte sich bei dem Gedanken, dass er sich schon lange gewünscht hatte, jemand würde ihm diesen Namen abnehmen. Er wollte nicht mehr Link sein, nicht mehr er selbst. So oft sah er sich von oben herab, als hätte seine einsame Seele seinen jugendlichen Körper verlassen.  

„Wie bin ich hierher gekommen?“, fragte Link gleich darauf.

Will lächelte schief: „Wir haben dich mit unserem Karren über den Haufen gefahren. Meine Mutter war so fertig mit den Nerven, dass sie dich schon für tot gehalten hat.“ Link erinnerte sich langsam. Richtig, er hatte einen seiner gemeinen Anfälle und dann musste dieser Wagen auf der Straße herangefahren sein und…

„Du kannst von Glück reden, dass du noch lebst. Du bist wie bescheuert durch die Luft geschleudert und an einem Baum aufgeschlagen. Ein Wunder, dass du keine Knochenbrüche hast.“ Kein Wunder, dachte Link ironisch. Das Schicksal erlaubte es sich immer einzugreifen, sollte dem Held der Zeit Unglück drohen. Und das Triforcefragment des Mutes in seiner linken Hand hatte ihn vor weiteren Wunden geschützt. Aber gerade das ärgerte Link. Aus irgendeinem Grund fühlte er sich äußerst wohl hier und wenn er bloß ein wenig mehr verletzt wäre, könnte er vielleicht weiterhin hier Gast sein. Aber so… Es war besser, er machte sich auf den Weg. 

 

„Und wo bin ich jetzt, ich meine, wie weit ist es bis zu den Kokiriwäldern?“

„Du wolltest in die alten Wälder?“

„Ja.“, sagte Link genervt.

„In die Wälder, wo jeder Hylianer zu einer Pflanze mutiert?“

„Ja, verdammt.“, entgegnete Link scharf.

„Was willst du denn dort?“ Links kühle blaue Augen blitzten erneut gefährlich auf. „Ich wüsste nicht, was dich das angeht. Wo sind meine Sachen?“ Verärgert über diese plötzliche Unhöflichkeit sank das Grinsen aus Wills Gesicht und er deutete auf einen Holzhocker neben der Tür. „Ich werde euch nicht weiter stören.“, sagte Link und lief begleitet von Schmerzen im Rücken zu dem Hocker, streifte den grauen Umhang über und blickte zu seinem Schwert neben dem Kamin. William musterte die Waffe, fand diese zu berauschend und meinte: „Wo hast du die denn her?“ Link antwortete nicht, sondern schnallte sich sein Schwert auf den Rücken. Er drehte sich in Richtung Tür und lief langsam darauf zu. Gerade legte er eine Hand auf den Türgriff, als die alte, knarrende Holztür aufgeschlagen wurde und Link einen gewaltigen Schlag gegen sein Gesicht bekam, worauf er mit einem lauten Stöhnen auf dem Boden aufkam.

 

„Also irgendwie scheint sich hier jeder gegen mich verschworen zu haben.“, murmelte Link verdattert und rieb sich über das Gesicht. Seine Worte erschufen ein herrliches Gelächter in dem kleinen Räumchen. Belle trat über die Türschwelle und lachte. William kraulte den Hals von Wulf und lachte ebenso. Und das erste mal seit langem kam auch auf Links Gesicht so etwas, wie der Ansatz eines Lächelns zustande.

„Du wolltest uns schon verlassen?“ Link nickte nur und ließ sich von der netten Dame aufhelfen. Sie zerrte ihn an seinen Oberarmen auf die Beine, hinterließ einen erstaunten Ausdruck auf dem Gesicht Links. Sie hatte außerordentlich warme Hände.

„Da hättest du aber diese Tasse Fleischsuppe verpasst.“, meinte sie und schenkte ihm ein warmes, beruhigendes Lächeln. Fürsorglich drückte sie dem jungen Helden die Tasse in die Hand.

 

„Wie heißt du?“, sagte sie mit ihrer angenehmen Stimme.

„Link heißt er.“, sagte Will, bevor Link nur den Ansatz einer Mundbewegung gemacht hatte.

„Soso.“ Sie deutete ihn an, sich wieder zusetzen, was Link tat. Nur warum verschmähte er diese Gastfreundschaft nicht mehr? Wollte er nicht gehen und seine Ruhe haben? Aber jene Lady schien etwas zu besitzen, etwas Vergessenes in Link zum Leben zu erwecken. Und der junge Hylianer wusste, was es war: die Sehnsucht nach jemanden, der ihm eine Mutter sein könnte. Der traurige Ausdruck auf seinem Gesicht nahm zu und nur um nicht als weich oder verletzlich angesehen zu werden, drehte er sich in Richtung Kamin und schaute in die hypnotisierenden Flammen.

 

„Du kannst dich ruhig noch ausruhen und solange bleiben, wie du möchtest.“

„Nein, ich gehe lieber.“, meinte er mürrisch. Es schien besser und der richtige Weg für Link zu sein, sich nicht erst an zu viel Gastfreundschaft zu gewöhnen. Er war ein Abenteurer. Länger an irgendwelchen Orten zu verweilen, widerstrebte ihm. Außerdem könnte er diese fürsorgliche Dame zu schnell als etwas annehmen, dass er bisher in seinem Leben vermisst hatte.

Belle deutete auf das Fenster und den Sturm, der außerhalb in Gange war. Sachte zog sie die Vorhänge zur Seite, soweit, dass Link erkennen konnte, dass er sich keineswegs in der Nähe der alten Wälder befand.

„Ich rate dir solange zuwarten, bis der Sturm aufhört, Link. Immerhin sind wir dir etwas schuldig. Daher nimm’ unsere Gastfreundschaft als Wiedergutmachung, dass wir dich angefahren haben.“ Link wollte gerade mit dem Kopf schütteln, aber Belle stand auf und gab ihm einen leichten Klaps auf den Hinterkopf. „Keine Widerrede, sonst hetzte ich dir unseren treuen Hund auf den Pelz und Wulf sorgt dafür, dass du bleibst.“, sagte sie sicher und protestierend. Als ob sich Link von einem solchen Tier einschüchtern lassen würde. Er hatte genug dämonische Wölfe aus Ganons Brut erledigt. Wie sollte ein netter Wolfshund ihn an seinem Weg hindern?

 

„Beim Triforce, Mutter, Wulf hört doch sowieso nicht auf dich.“, meinte William vorwitzig. Sie räusperte sich, ein Zeichen, dass ihr Sohn recht behielt und schwieg. Ihr Sohnemann mit der gefährlichen Klappe jedoch kugelte sich halb vor Lachen. Nicht seine Mutter erzog ihn, sondern er sie…

„Ich habe das vorhin schon mal gefragt, wo genau bin ich hier?“

„In der Nähe der Lon-Lon- Ranch.“, sagte Belle. „Wir sind noch nicht lange in Hyrule.“, setzte sie hinzu. „Also entschuldige bitte das Durcheinander.“ Aha, dachte Link. Deshalb überall die Kisten und Truhen.

„Aber Ihr seid Hylianer?“, meinte Link.

„Ja, natürlich sind wir das. Doch als der Krieg vor fünfzehn Jahren begann, also bevor Hyrule vereint wurde, verließen wir diese Heimat.“, meinte Belle einfühlsam.

 

Das ergab ebenfalls Sinn für Link. Warum waren seine Mutter und sein Vater nicht so schlau gewesen, dem Hyrule von vor fünfzehn Jahren Lebewohl zusagen? Warum sind sie geblieben? Manchmal, in den langen, schlaflosen Nächten dachte Link darüber nach, was wäre, wenn er noch seine Eltern hätte. Was wäre, wenn er ein gewöhnlicher Hylianer wäre. Und manchmal hegte er dann einen leichten Groll gegen jene, die ihn erzeugt hatten, da sie ihn einfach im Stich gelassen haben… 

 

„Ja, und vor zwei Tagen sind wir dann angekommen und haben dieses alte Häuschen gekauft. Mein Vater befindet sich gerade im Schloss.“, sagte Will mit seiner tiefen Stimme. Und doch wanderte sein neugieriger Blick wieder zu der tollen Waffe, die auf Links Rücken geschnallt ihn anlachte. „Äh, dein Schwert ist wirklich toll. Darf’ ich mal?“, meinte Will und lief zu Link hinüber. Normalerweise waren dem Helden seine Waffen heilig, aber er konnte ja mal eine Ausnahme machen und zog die Klinge mit einem kräftigen Summen aus der Schwertscheide. Ein einfaches gutes Schwert für den Kampf, keine unnötigen Verzierungen und Verschnörkelungen. Gesunder, starker Stahl und bestes Leder an dem Heft der Waffe.

 

William nahm ihm die Klinge aus der Hand und vollführte einen Hieb horizontal durch die Luft. Allein an diesem Schlag konnte Link die leichte Unfähigkeit des Jungen mit der Waffe umzugehen ausmachen. Der Schlag war nicht besonders kräftig und es mangelte ihm irgendwie an Eleganz. Ja, William Laundry schien einer der Jugendlichen zu sein, die noch nicht viel Ahnung vom Kämpfen, von Gefahr und dämonischen Kreaturen hatten. Nicht, das Link voreilig über die Schlagkräftigkeit jenes jungen Mannes zu urteilen versuchte, aber es fiel ihm auf. Sicherlich hatte Will einige wilde Übungsstunden hinter sich und dies machte sich an seinem kräftigen, hochgewachsenen Körper bemerkbar, aber von eigener ausgereifter Schwerttechnik war dieser Junge noch weit entfernt.

 

„Mein Vater ist Ritter, aber wann immer ich mit ihm trainiere, dann benutzen wir diese blöden Holzschwerter.“, meinte er bedauernd und zeigte in eine dunkle Ecke, wo einige verunglückte Stäbe aus Holz herumstanden.

Link nahm sein Schwert wieder schwungvoll in die Hand und vollführte den gleichen Schlag wie William Laundry, nur schneller, stärker, sodass man die Klinge die stehende, warme Luft zerschneiden hören konnte.

„Du hast viel Training mit dem Schwert, nicht wahr?“ Link nickte nur. Sollte er ihm etwa auf die Nase binden, dass seine Technik besser war, als die von einigen hochrangigen Rittern in der hylianischen Tafelrunde? Geschmeidig führte er die Waffe zurück in deren Schwertscheide und schaute einmal mehr aus dem kleinen, mit Holz umrahmten Fenster, sah den Sturm aufkommen. Blitze und Donner raubten die Ruhe und Nacht in der hylianischen Steppe. Melancholie in seinem verletzlichen Blick, Sehnsucht, wenn auch stets unerfüllt.

 

Plötzlich klopfte Will dem jungen Helden auf die Schulter. „Du bist bestimmt ein Schüler an der berühmten Ritterschule der Söhne des Schicksals von Hyrule, oder?“ Link schüttelte erstaunt mit dem Kopf. „Nein, das bin ich nicht.“, sagte er knapp, angenehm überrascht, dass es in Hyrule eine Ritterschule gab. Warum hatte ihm niemand schon vorher etwas davon erzählt?

„Echt, nicht? Dabei würde man das vermuten, wenn man dich dabei beobachtet mit dem Schwert umzugehen.“

„Das hat andere Gründe.“, sagte Link kühl, beschwichtigend. Was interessierte das diesen Idioten überhaupt? Nervös, man könnte die Wahrheit in seinem Gesicht ablesen, drehte er sich weg, blickte anstrengend zu Boden und wartete, dass jemand das Schweigen brach.

 

„Du musst wissen, dass die Ritterschule in Hyrule für Jungen ab dem dreizehnten Lebensjahr vorgesehen ist. Vorher, ab dem sechsten Lebensjahr werden die kleinen Kerle zwar bereits auf diese Schule vorbereitet, aber das ist wohl nur Drumherum… Wir haben Will angemeldet, auch, wenn er sehr viel nachzuholen hat.“, meinte Belle, die sich endlich wieder an dem Gespräch beteiligte, und deren warme, fürsorgliche Stimme eine nicht bekannte Ruhe in Links Gemüt brachten.

„Entschuldige die Frage, aber wie alt bist du?“, meinte der junge Kerl mit den grünen Augen zu Link deutend. „Fünfzehn.“, meinte er kurzangebunden.

„Hey, ich ebenso.“, sagte Will erfreut, als ob er Freundschaft mit Link schließen wollte.

 

Freundschaft… eine teure und edle Sache, genau dann, wenn es wahre Freundschaft war. Aber wie sollte eine solche Freundschaft entstehen, wenn sie auf Lügen aufgebaut war, wenn Link niemals jemanden mitteilen konnte, was er in einer alternativen Zeit erlebt hatte, wenn er doch niemanden sagen konnte, wer er war… So viele Menschen hatte er anlügen müssen, wenn sie ihn nach seiner trügerischen Vergangenheit fragten, so viele hatte er mit Lügen enttäuscht.

 

„Und wo befindet sich diese Schule?“, sagte Link, vielleicht doch interessiert. Aber warum hegte er nun Interesse daran?

„Hinter dem Verlassenen Hügel im Norden“, gab Belle preis. Stimmt, Link war einmal vor Jahren dort entlanggewandert, mit dem Ziel den nördlichen Hafen Hyrules zu erreichen, um in eines der Nachbarländer Hyrules aufzubrechen. Seinem Weg folgend hatte er damals ein großes, bewohntes Schloss entdeckt, aber nicht weiter darüber nachgedacht, wie viele Dinge über die er einfach nicht mehr nachdachte. 

Eine Ritterschule… und das sogar eine berühmte Ritterschule… konnte es sein…?

 

Nachdenklich setzte sich Link wieder auf das zerwühlte Bettchen und seufzte schwer. Müde und erschöpft schloss er seine Augen. „Geht es dir denn gut? Immerhin haben wir dich mit unserem Karren angefahren.“, sagte Belle schließlich. Genervt, da ihn jemand nach seinem Zustand fragte, blickten seine tiefblauen, durchdringenden Augen auf, erzeugten einmal mehr eine unheimliche Kälte, wenn er auch nur einen Blick in sein Gegenüber wagte und schafften Abstand vor ihm.

„Weiß denn jemand, dass du dich auf den Weg in die Kokiriwälder begeben wolltest?“, sagte Will geduldig. Erneut nur ein Kopfschütteln.

„Du wolltest in die Wälder zu dem weisen Dekubaum?“ Die Stimme der eleganten rothaarigen Frau klang entsetzt. Sie sprang zu ihm hinüber und hielt ihm den Zeigefinger unter die vorwitzige Heldennase. „Bist du noch zu retten. Hylianer sind verflucht in diesen Wäldern!“, sagte sie laut.

 

Verärgert giftete Link: „Ja, aber ich nicht.“ Verwirrt wich Belle zurück und setzte ein noch nachdenklicheres Gesicht auf. „Wie das?“

„Ich denke nicht, dass ich Euch das erzählen werde.“ Damit stand Link auf und lief zu der Tür hinüber. Sein Blut kochte wieder, da sich jemand in sein Leben einmischen wollte. Das war eines der Dinge, die er einfach nicht mehr ertrug. Er wollte kein Mitleid, denn das war möglicherweise das einzige, was man ihm zu geben bereit war.

„Danke für die Gastfreundschaft. Aber ich kann nicht länger bleiben.“, sagte er dann entschlossener. Er öffnete die Tür und meinte ohne sich umzudrehen. „Lebt wohl.“ Link hetzte aus dem Haus, verbarg diese Wut auf sich selbst, da sich jemand um ihn kümmern wollte. Er hasste es, diese Fürsorge, er hasste es und doch war es gerade die Sache, nach der er sich mehr als alles andere sehnte… 

 

„Ein merkwürdiger Kerl.“, sagte William und ließ sich rücklings auf das Bettchen fallen, während seine Mutter an dem Fenster stand und dem jungen Helden zusah, wie er seinen Weg fortsetzte, sich durch die Nacht und den Regen kämpfte.

„Nein, nicht merkwürdig…“, sagte sie leise. „… einsam.“ Sie führte eine warme Hand an ihr Kinn und runzelte die Stirn. Irgendetwas an jenem Jungen machte sie neugierig, irgendetwas kam ihr bekannt vor. Aber was?

 

Während Belle Laundry weiterhin an dem Fenster stand, wurde an der Hintertür des Hauses ein Schlüssel in das alte abgenutzte Schloss geführt und nur ein leises Tappen in einem dunklen Korridor zeugte von einer weiteren Person, die in das kleine Häuschen eintrat. Wulf sprang auf und hetzte auf die Zimmertür zu, wedelte mit seinem Schwanz und deutete ohne Anhalt auf die modrige Tür. Belle huschte ein Lächeln über das Gesicht, denn ihr Ehemann war wohl gerade nach Hause gekommen. Freudig öffnete sie die Tür und sah ihren Mann mit durchgeweichtem Mantel und doch einem gutmütigen Grinsen auf dem Gesicht in dem dunklen Gang stehen. Wulf sprang auf seine Hinterbeine und leckte dem Ritter über das Gesicht.

„Hey, nicht so aufdringlich, mein Guter.“, meinte der etwa fünfunddreißig Jahre alte Ritter. Er klopfte dem Wolfshund an den Hals und begrüßte schließlich seine Gemahlin mit einem kurzen Kuss auf die Wange. Sein Name war Lassario Laundry, ein hochrangiger Ritter mit Kriegserfahrung. Ein stämmiger Mann, gutaussehend, und doch einige Narben von früheren Schlachten im Gesicht.

„Mieses Wetter da draußen. Hallo, mein Sohn.“ Ein dümmliches Grinsen auf dem Gesicht begrüßte auch William seinen Vater.

„Wie war es im Schloss?“, meinte der fünfzehnjährige Junge müde und gähnte dann. Schließlich war es sehr spät und die Familie Laundry hatte einen langen Tag hinter sich. Die Reise. Der Umzug…

„Auffrischend, würde ich sagen.“

„Und hast du die Prinzessin getroffen?“, sagte Will neugierig. Da er wusste, dass sich Prinzessin Zelda in seinem Alter befand, war er nun mal sehr neugierig bezüglich ihres Wesens, ihres Erscheinungsbildes und dem hübschen Äußeren, von dem die Leute immer so aufgeregt redeten. William gab es nicht zu, aber er würde der Prinzessin, die einen so faszinierenden Eindruck hinterließ, gerne einmal begegnen.

 

„Jup, die Leute haben nicht gelogen. Prinzessin Zelda ist wirklich ein Juwel.“ Belle gab ihm einen Stups. „Aber natürlich kein Vergleich zu deiner bezaubernden Mutter, mein Sohn.“, rechtfertigte er sich im letzten Moment und sah dann die Tasse mit der Suppe, die neben dem zerwühltem Bett stand.

„Ich habe deine Fleischsuppe gerochen. Ist denn noch etwas übrig?“, fragte er sofort und wanderte mit seinen dunkelbraunen Augen zu seiner reizenden Gemahlin.

„Natürlich.“ Dann nahm sie ihren Ehemann zur Seite. „Was anderes. Ich muss mit dir reden. Wir hatten gerade eben noch einen Gast.“, meinte sie leise. „Am besten wir reden in der Küche.“ Er nickte, wenn auch leicht verwundert, dass Belle einen so ernsten Ton anschlug.

William machte es sich auf dem Bett gemütlich und verfiel nach wenigen Minuten in sanften Schlaf.  

 

Mit einem weinroten Mantel um ihr Abendgewand geschlungen hastete Zelda, Kronprinzessin von Hyrule, aus ihrem Zimmer, schlug allein mit Magie die Türe zu ihren Gemächern zu, riss alte hohe Tore in den verlassenen mit Fackeln erhellten Gängen des Schlosses auf und weckte die Geister aus dem langen Schlaf. Aufgehetzt, erfüllt mit Angst, ihrem Freund Link, den sie selbst nach all’ der Zeit noch als Freund ansah, könnte etwas Schreckliches passiert sein. Sie rannte weiter und weiter, erinnerte sich still und doch mit Tränen in den sanften, leuchtenden Augen an einen sonnigen Tag in Hyrule, als Link mit ihr im Schlossgarten saß, als sie redeten, als sie sich an die alternative Zukunft erinnerten, lachten, auch wenn die fröhlichen Seiten des Kindseins schon damals gestorben waren…

 

Die Sonne lachte, heitere Wolkenbällchen bedeckten den Himmel und lautes Kinderkichern schallte in dem Schlossgarten umher, wo ein kleiner in grünen Gewändern gekleideter Junge einem vorlauten Wildfang, den man in höheren Kreisen als Prinzessin bezeichnen könnte, hinterher jagte. Sie war keine typische Prinzessin, hegte kein Interesse an Luxus und den Freuden des Hofes, missbilligte höfisches Benehmen und das unechte Getue und Gehaber, auf welches stets so großer Wert gelegt wurde, hier im Schloss ihrer Vorfahren, dem Sitz der Regierenden von Hyrule, dem mächtigsten Land unter der Sonne, dem mächtigsten und gerechtesten Königreich weit und breit.

Selbst in den höchsten Türmen des eindrucksvollen Gebäudes hörte man das Gelächter und Geschrei zweier Jugendlicher, aber niemand beschwerte sich, niemand dachte daran, dass es die Prinzessin war, die so ausgelassen mit einem Freund spielte.

 

Barfuss stolperte die kindliche Prinzessin mit ihren elf Jahren über das grüne, frischgemähte Gras in dem herrlichen, weitreichenden Schlossgarten und schaute ab und an zurück, ob ihr liebster Freund ihr noch folgte. Das Rockteil ihrer weißen Schürze in der Hand rannte sie geschwind voran, versteckte sich geschickt hinter einem Rosenstrauch mit weißen Blüten. Nicht weit entfernt war ein kleiner See in den alten Gärten, die schon seit dem Bau des Schlosses gepflegt wurden. Sie wartete und wartete, aber aus irgendeinem Grund fand ihr Freund sie nicht. Hatte sie etwa ein viel zu gutes Versteck gewählt? Oder spielte sie erneut, ohne es zu wissen, mit dem Fragment in ihrer Hand und den vielen unbekannten Fähigkeiten, die es mit sich brachte?

Sie blickte auf ihren rechten Handrücken, aber sah das Fragment der Weisheit nicht leuchten, hoffte, sie hätte die Macht in ihr besser unter Kontrolle. Aber ein Kind besaß vielleicht nicht die Fähigkeit über Kontrolle des Stückchen der Goldenen Macht wie es ein Erwachsener mit seiner Erfahrung und Weitsicht tun konnte. Und so ignorierte sie aufs erste jene Macht in ihr, denn sie war unwichtig. Vielmehr genoss die kindliche Prinzessin die Anwesenheit ihres besten Freundes, ohne den sie einfach nicht mehr leben konnte. Jede Woche besuchte er sie mindestens einmal und lachte mit ihr, erzählte ihr von den Abenteuern in der Zukunft, die nicht existenziell war, verarbeitete mit ihr das, was während des Zeitkrieges geschah. Aber eine Sache verschwieg er ihr, und sie wusste nicht, dass er darum bemüht war, dies zu verschweigen. Er redete nie über sich selbst, seiner Vergangenheit im Kokiriwald und den Dingen, nach denen sich sein kindliches Gemüt sehnte. Er erzählte ihr nichts über den Wunsch, ebenso Eltern zu haben, die sich sorgten und kümmerten.

 

Mit einer gemeinen Fratze sprang ein elfjähriger Junge hinter den Rosenstrauch und streckte der kleinen, königlichen Hoheit die Zunge heraus. Er deutete mit dem Zeigefinger auf ihren rechten Handrücken und murrte verärgert, während seine Mundwinkel eingeschnappt nach unten hingen: „Du hast dein Fragment benutzt, Zelda.“ Eine schöne Knabenstimme, hell und angenehm, besaß ihr Freund, warm und verträumt. Nicht zu denken war an die starke Kämpferstimme, die er irgendwann haben würde und noch weniger konnte man beim Anblick jenes kleinen, vorwitzigen Hylianers vermuten, dass irgendwann einmal in der Zukunft etwas Gefährliches in ihm erwachen würde. Gefährlich für das Böse und für seine eigene Seele…

 

Die kleine Prinzessin mit der goldenen Tiara auf ihrer Stirn und dem blauen Kleidchen mit der weißen Schürze darüber liebäugelte ihren kleinen Helden und schaute unschuldig nach oben, sodass sie seinen naiven Blick wieder traf. Darauf lachte er bloß und gab der Prinzessin einen gutgemeinten Klaps an den Oberarm. „Du bist’ s.“, rief er und rannte wildgeworden vor einem Mädchen weg. Vielleicht war gerade ein Mädchen das einzige, vor dem er weglaufen würde…

 

Laut aufkreischend rannte er vor ihr davon und so spielten sie ihr kindliches Vergnügen bis in späte Nachmittagsstunden, bis sie schließlich außer Puste nebeneinander auf einer Wiese mit vielen Laubbäumen irgendwo in der märchenhaften Steppe Hyrules lagen. Kichernd drehte sich der blondhaarige Junge zu der im Gras liegenden Prinzessin um, die ihre Arme ausgebreitet einem Adler zusah, der hoch in den Lüften seine Runden drehte.

„Meinst du, du bekommst wieder Ärger, weil du aus dem Schloss abgehauen bist?“, sagte eine klare, ruhige Kinderstimme neben der Prinzessin, die für den Wildfang in ihrer Seele eines Tages noch teuer zahlen würde…

„Pah. Soll Impa mich halt suchen. Die hat doch sonst nichts zu tun.“, sagte sie frech und grinste über beide Ohren angesichts der grenzenlosen Freiheit auf der Steppe.

 

Der Junge neben ihr jedoch blickte sie mit immer ernsteren Augen an und verfolgte schließlich mit den Augen ein kleines Kaninchen, welches durch das hohe Steppengras hoppelte. Etwas Verletzliches lag in seinem Blick, ungewollt bemerkte er leise: „Sei doch froh, dass sie nach dir sucht…“ 

Die kindliche Prinzessin richtete sich auf und versuchte den Blick des kleinen Helden neben ihr zu deuten. „Warum sollte ich froh sein, wenn Impa mich sucht. Nicht eine Minute Freiraum lässt mir diese Zofe.“ Der junge Kerl neben ihr sprang auf und blickte hinauf in den sonnigen Himmel, verbarg den dumpfen Schmerz in seiner Seele, stets glaubend, er hätte sich damit abgefunden, kein richtiges Zuhause zu haben, aber dies schien nur eine Lüge zu sein…

„Ich wäre froh, wenn jemand nach mir suchen würde…“, sagte er leise. Verärgert über sich selbst lief er einige Meter und streckte seine Arme in die Breite, genoss den frischen hylianischen Wind um seine Hylianerohren und reckte sein Haupt den Sonnenstrahlen entgegen.

 

Die kindliche Prinzessin Zelda stand auf und wischte sich einige Grashalme von ihrem Rock, streckte sich und blickte zu ihrem Helden hinüber. Er schien so gefangen in seiner Trance, den Frieden in Hyrule zuspüren, dass er nicht mehr auf ihre Stimme reagierte. Ein breitgezogenes Grinsen auf ihrem Gesicht hastete sie zu ihm hinüber. Lautes Knacken in den sattgrünen Gräsern. Heiteres Gekicher aus ihrem Mund.

„Link!“, rief sie und rannte quietschvergnügt zu ihm hinüber. Lachend warf sie ihm ihre Arme um den Hals und riss den überforderten Jungen, dessen Ohren sich rot färbten, zu Boden. Sodann alberten die beiden Kinder herum, bewarfen sich mit Gras und tobten sich auf der gigantischen Wiese aus.

 

Die Abendsonne zeigte sich am buntgemalten Abendhimmel und kälter wurde es hier in dem Hyrule, dass sie beide erhalten hatten, sie und die sechs Weisen. Hand in Hand folgten jene lebenden Träger zwei sich anziehender Triforcefragmente einem mit grauem Stein bepflasterten Pfad zurück in die Hauptstadt Hyrules.

Die gesamte Zeit über verharrte Link in seinem Schweigen, dachte über das nach, was über seine sonst immer versiegelten Lippen gelangt war. Nur ein kleiner Wunsch entkam seiner Kehle und nun hatte er sich halb verraten, ausgerechnet vor Zelda, der Prinzessin von Hyrule.

Das junge Mädchen neben ihm blieb plötzlich auf dem Weg stehen und suchte seinen ernsten Blick. „Warum sagst du denn so wenig?“, meinte sie. Ihre durchdringende, helle Kinderstimme schallte entschlossen über die weiten Wiesen. Doch Link zuckte nur kurz mit den Schultern und tat einmal mehr so, als wäre alles in Ordnung. Doch in dem Leben eines Auserwählten, der Schrecken über Schrecken gesehen und erfahren hatte, würde nie wieder alles in Ordnung sein. Die Zeit hatte man belogen, die Zeit wurde gesättigt, in dem man sie betrog. Aber eine Seele mit Worten aus Kindertagen zu belügen, die doch keine junge Seele mehr sein konnte, war dumm und ignorant.

 

Ihre Lippen zusammenpressend und den jungen Helden musternd, sah sie nur die grüne Mütze von seinem Kopf, kein Lächeln oder eine andere Gefühlsregung. Er schabte mit seinen Stiefeln auf dem Boden herum, immer dann, wenn er nervös war, immer dann, wenn sie versuchte, etwas aus seiner Vergangenheit zu entlocken, wie auch jetzt.

„Link?“ Verspielt klang ihre unschuldige Stimme.

„Ja?“ Sich räuspernd erkannte sie die leichte Befangenheit aus seinen gedämpften Worten.

Und wieder huschte ein ausgemachtes Lächeln ihr über das Gesicht, so überaus glücklich mit ihrem besten Freund auf den alten Wiesen spielen zu dürfen. Bester Laune hüpfte sie zu ihm hinüber und gab ihm einen Kuss auf seine rechte Wange.

Ein glitzerndes Strahlen aus ihren Augen. Kleine Lachfalten um ihren rosaroten Mund. Ohne über den Sinn ihrer Worte nachdenkend sagte sie, bevor sie weiterrannte: „Ich hab’ dich lieb, mein Held.“

 

Es war nicht das erste und nicht das letzte Mal, dass sie diese Worte zu ihm gesagt hatte. Sie spürte es bei einem Blick in seine mitternachtsblauen Augen. Sie fühlte den Wunsch aus der Sehnsucht darin, dass ihm jemand so etwas Schönes sagte und doch wollte er diese Worte aus ihrem Mund wohl nie so sehen, wie sie gemeint waren…

 

Zelda erinnerte sich an den Klang „Ich hab’ dich lieb.“ Eine Erinnerung an so etwas wie Bruderliebe, die sie empfunden hatte. Etwas, das Link nicht erinnern wollte, etwas, was er vergas, so wie die vielen schönen Erinnerungen an die Zeit in Hyrule. Was war nach seinem Abenteuer in Termina nur geschehen? Zelda ahnte etwas, ahnte anhand des Geschenkes der Weisheit, dass jemand mit teuflischem Gemüt etwas wie einen kalten Mantel um das einsame Herz ihres Kämpfers gelegt hatte…

 

Ihre Augen geschlossen rannte die Prinzessin weiter durch das alte Schloss ihrer Familie, direkt zu den Gemächern ihres Vaters, dem König von Hyrule. Sie brauchte Rat, gesprochen mit seiner alten Weisheit, sie suchte Verständnis für ihre Vergangenheit und die Erinnerung.

 

„Bei den Göttinnen“, murmelte sie gezwungen, während kristallene Tränenspuren von ihrem Kummer zeugten. „Wir waren doch nur Kinder…“

 

In der Steppe tobte der Sturm noch immer. Wogen des Windes brachten peitschende Hagelkörner zum Toben. Ein Pfeifen und Dröhnen außerhalb, der erste Sturm des Jahres... Link marschierte weiter und weiter und erblickte die Häusergruppe und die alten Ställe der großen, wirtschaftlichen Lon- Lon- Farm. Ein Gedanke an Epona schwebte durch seinen schmerzenden Kopf. Ein schöner Gedanke, erfüllt von ein bisschen Hoffnung. Lange war es her, dass er Epona gesehen hatte, lange war es her, dass er sie zu ihrem Zuhause der alten Ranch zurückbrachte, dann, als sein Abenteuer in Termina geschehen war.

Mit einem leichten Hoffnungsschimmer tapste Link voran, sah noch immer Licht in der gemütlichen Stube bei Malon, Talon und Basil.

 

Termina. Ein Schlussstrich in jener Welt, denn seine Mission dort war beendet. Was danach folgte, war eine seltsame Zeit für den Helden der Zeit gewesen. Er lebte sein Leben, genoss einmal mehr die Freiheit, dachte nicht an die Vergangenheit oder das grausame Morgen. Mit der Gewissheit eine weitere Welt gerettet zu haben, ließ er den Trott des Lebens seinen Gang, verschwendete kaum einen Gedanken an seine Einsamkeit, die er sonst immer geschätzt hatte. Seine Entschlossenheit, sein Mut und Kampfbereitschaft waren zu dem Zeitpunkt unbezwingbar.

Nur an einem Tage danach, als Link irgendwo alleine die Weiten Hyrules erkundete und sein Weg ihn schließlich zu einem in Nebel gehüllten Ort führte, wo noch keine Gesetzgebung, kein staatliches System existierte und das Chaos herrschte. In jenem Land ohne Namen geschah etwas, dass er verdrängte. Nicht erinnern konnte er sich, da der Schmerz an das Erlebte zu grausam war, da er genötigt wurde, Dinge zusehen, die grausame Wunden der Vergangenheit neu aufleben lassen konnten... 

 

Und Epona, Link hatte sie schon vorher zu jener Farm gebracht, mit dem Wunsch, sie irgendwann wieder abholen zu können. Erfüllt von dem Gedanken lief er in der kalten Nacht zu der Ranch...

 

König Harkenia von Hyrule saß gerade an seinem edlen braunen Schreibtisch mit einer übertriebengroßen Lesebrille auf der länglichen Königsnase. Nur eine Öllampe, die ihren bräunlichen Schein durch seine gesamte herrliche Stube schickte, war entfacht. Sein graues, widerspenstiges, schulterlanges Haar hatte er zu einem kleinen Zopf verbunden. Nur seine Tochter hatte ihn je so gesehen, niemand anderer als sie bekam den Harkenia zu Gesicht, der er in diesem Augenblick war. Sorgsam ging er alte Papiere durch, beschäftigte sich mit einem Handelsabkommen des Nachbarlandes Holodrum, unterzeichnete die Verlängerung einiger Friedensverträge und suchte nach Möglichkeiten, die Legislative gerechter werden zu lassen. Ja, Harkenia von Hyrule war stets an der Fortschrittlichkeit seines Landes interessiert, hatte sogar mitgewirkt, die althergebrachte Methode des Hängens für jene Verräter der Monarchie abzuschaffen. Die eigene, verstandslose Selbstaufgabe für das Land Hyrule hatte nicht nur er als Tausch für Frieden und Sonnenschein eingefordert, nicht nur er, sondern auch seine Tochter...

Vielleicht konnte man dies als ein Grundstein für das starke Band von Vater und Tochter bezeichnen. Und auch Harkenia teilte die Sorge Zeldas um ihren Helden Link, da er sehr gut wusste, wie belastend jene Sorge für das stets so heitere Gemüt seines einzigen Kindes war.

 

Gähnend lehnte sich der knapp fünfzig Jahre alte Mann zurück, der trotz seines Alters noch sehr aktiv und mobil war. Er wagte einen Blick zu einer riesigen schweren Standuhr in seinem Gemach, die zu voller Stunde ein lautes Läuten von sich gab. Zwölf Uhr...

 

In dem Moment kam das aufgeregte Klopfen, das Harkenia nicht einmal verwunderte. Er ahnte sehr wohl, wer vor den riesigen Toren seines eigenen Reiches stehen würde. Langsam stand er auf, trat über den roten Teppich zu der schweren Tür und öffnete diese einen Spalt. Aufgelöst sahen blaue Augen in seine, die die gleiche Farbe hatte. Eine Kerze in ihren sanften Händen und nur ein violettschimmernder Mantel umgeworfen stand seine Tochter vor seinem Gemach. Traurigkeit sammelte sich in ihren Augen, bis Harkenia die Tür soweit öffnete, dass sie eintreten konnte.

 

„Zelda?“ Sie antwortete zunächst nicht, blies die Kerze aus und legte den langen Umhang auf einem Stuhl ab, als sie in den Raum trat.

„Was führt dich zu so später Stunde noch zu mir, mein Kind?“ Sie atmete tief durch und ließ sich auf einen der kiefernbraunen Stühle mit den hohen Lehnen niedersinken. Leicht verwundert über ihr Schweigen und den bangen Ausdruck auf ihrem Gesicht, setzte sich der König, nun vielleicht mehr als sonst in der Vaterrolle, zu ihr an einen runden Tisch mit Obst auf einer goldenen Schale beschmückt.

„Ich ersuche deinen Rat, Vater“, sprach ihre helle Stimme, leise und sanft. Etwas, das Prinzessin Zeldas Einzigartigkeit ausmachte- ihre sanfte Stimme, die sich wie Balsam auf fremde Ohren legen konnte. Harkenia schichtete seine rauen Hände über die jungen, unbeschundenen der Prinzessin, die auf der tizianfarbenen Tischdecke ruhten. Er sagte kein Wort, sondern schenkte seiner Tochter einen verständnisvollen Blick.  

„Erinnerst du dich... an...“ Sie blickte scheu weg, stets damit ringend, ob sie mit ihrem Vater tatsächlich über ihren besten Freund reden konnte. Was wusste Harkenia schon über den Zeitkrieg, doch nur die Dinge, die in den Büchern standen, lediglich die Prophezeiungen über den Helden Hyrules. Er selbst hatte die Dinge damals nicht am eigenen Leibe erlebt, hütete aber, so wie jedes andere Mitglied der Königsfamilie jene lebende Legende…

„Du meinst den Helden der Zeit, nicht wahr?“ Zelda blickte leicht überrascht auf, sah wiedereinmal Verständnis in den Augen ihres Vaters.

„Woher weißt du…?“

 

Harkenia lachte laut auf und lehnte sich in seinem Sessel genüsslich zurück.

„Meine liebe Zelda, ich kenne dich jetzt schon gute fünfzehn Jahre. Und wann immer du an jemanden denkst, der dir sehr am Herzen liegt, dann hast du so ein kleines, aber hübsches Funkeln in deinen himmelblauen Augen.“ Harkenia legte eine Hand über ihre rechte Wange und blickte sie entschieden an. „Und wann immer meine Tochter an ihren Helden denkt, ist dieser kleine Funken Glück dazu bereit nach außen zu strahlen.“ Zelda blickte höflich weg und lief zögerlich zu einem nahen Fenster. Sie tupfte mit ihren bloßen Händen an das glatte Glas. Ein Hauch ihres warmen Atem verdichtete die Sicht.

„Er besuchte mich vor wenigen Stunden.“, meinte sie leise.

Harkenia nickte mit überlegenem Blick. „Ich weiß…“

„Woher?“ Schockiert drehte sich Zelda vom Fenster weg und las in den blauen, alten Augen ihres Vaters.

„Eine Schlosswache hat mich darüber in Kenntnis gesetzt. Nun beantworte mir eine Frage, Zelda. Warum ist er nicht geblieben?“ Auch der König Hyrules hegte nichtverschwiegenes  Interesse an Link. Warum und wieso war jedoch vielen ein Rätsel. Seine engsten Vertrauten kannten diesen Grund nicht und noch weniger seine eigene Tochter.

 

„Link ist nicht mehr derselbe, Vater.“, murmelte sie, spürte ein Spannen in ihrem Bauch, allein, da sie an ihn dachte, fühlte seine Zweifel und die Leere in seinem Herzen. Sie drehte sich in Harkenias Richtung, besaß Entschlossenheit und doch stillen Unmut. „Sein Herz ist zerfressen von Selbstzweifeln. Er weiß nicht einmal mehr wer er ist und das schlimmste scheint wohl, dass jegliche Wärme aus seiner Seele verschwunden ist. Als er mich besuchte… er…“ Zelda brach ab, fand nicht die richtigen Worte.

„Jeder macht mal eine schwere Zeit durch, mein Kind, ich bin mir sicher, er wird zu seinem wahren Ich zurückfinden.“ Verärgert unterbrach sie ihn: „Nein, das bezweifle ich. Irgendetwas ist geschehen und nun wiegt er sich mit Zweifeln, mit der Einsamkeit, mit Ängsten, ja Ängsten, die er früher erfolgreich bekämpfen konnte.“ Voller Entrüstung endeten ihre Worte in verzagten Tönen. „Ich erkenne ihn einfach nicht wieder. Der Junge, den ich einst kannte, für den ich Bruderliebe empfand, er ist… nicht mehr.“ Mit den Tränen kämpfend wirbelte Zelda herum.

„Er sehnt sich nach einem Zuhause.“, ergänzte sie und blickte traurig zu Boden, konnte dem wissenden Blick ihres Vaters keine Gegenwehr leisten.

 

Nur einige Sekunden waren vergangen, da legte der König von Hyrule seiner Tochter zwei  raue Hände auf die Schultern. „Ein Zuhause?“, wiederholte er.

„Ja… etwas schönes, wenn man es nicht vermissen braucht, nicht wahr?“

„Und du möchtest ihm irgendwie helfen, sich an seine Bestimmung zu erinnern?“ Nickend bestätigte sie seine Worte.

 

Nachdenklich fuhr sich der König über sein Kinn, durch den kurzen grauen Bart. „Du erzähltest mir einst, seine Eltern waren Nachfahren der Wächter des früheren Königshauses, also unserer Vorfahren?“ Zelda nickte, es war vielleicht die einzige Sache, die sie über Links nebulöse Vergangenheit wusste. Schade und dumm, dachte sie. Zelda von Hyrule besaß so viele nette Fähigkeiten, hatte soviel Einfluss und das nicht nur in ihrem Heimatland, aber Link nur irgendwie beistehen zu können, war schlichtweg unmöglich für sie. Warum hatte sie damals nicht noch mehr nachgebohrt, wann immer sie mit dem einstigen Kokiri über Vergangenes sprach. Wie dumm… Beschämt über die mangelnde Weisheit diese Sache nicht anders gehandhabt zu haben, war sie nun. Beschämt und wütend auf das Fragment in ihrer Hand. Denn so viele Freuden brachte Macht, aber doch nicht die notwendige Hilfe, einem Freund zu helfen. „Wenn sein Vater tatsächlich Ritter gewesen ist, warum hat ihm noch nie jemand vorgeschlagen, das Studium an der Ritterschule im Norden anzufangen, Zelda?“ Zeldas Mund öffnete sich schwach, und doch wusste sie darauf keine Antwort.

 

„Außerdem“, fing Harkenia an, während er zu seinem Schreibtisch lief und einen gigantischen Stapel alte Pergamentrollen hervorzauberte. „müssten seine Eltern hier verzeichnet sein. Dies sind Stammbäume, welche über Hunderte von Jahren zurückreichen.“ Begeistert sprang Zelda näher und lockerte einige Schnallen an den Rollen.

„Vater, das ist ja phantastisch.“ Ihr Gemüt erhellte sich von einer auf die andere Sekunde. Aber ja, dachte sie. In Schloss Hyrule werden seit Ewigkeiten Stammbäume von namhaften Rittern aufgezeichnet. Wieso hatte sie nicht eher daran gedacht. Es wäre vielleicht eine Möglichkeit für Link, etwas über seine Vergangenheit zu erfahren.

„Aber dies wird die Arbeit für Hunderte Stunden werden.“

„Das ist mir egal.“, erwiderte sie. „Ich mache das gerne.“ Sie umarmte ihren Vater für diesen wunderbaren Einfall und schnappte sich einige Rollen.

„Die restlichen Rollen befinden sich in den alten Schlosskellern, mein Kind. Aber übertreibe das Nachlesen nicht, du hast schließlich noch andere Pflichten.“ Zelda ließ die Rollen wieder auf den Schreibtisch fallen und sagte leise: „Was genau meinst du, Vater?“ Sie ahnte irgendetwas. Seit langem schon verbarg ihr Vater etwas vor ihr, ein Geheimnis womöglich… etwas, was mit ihr zu tun hatte…

 

Andere Pflichten. Sie wusste sehr wohl um ihre Verantwortung und hatte diese Einstellung  schon während des Zeitkrieges bewiesen. Der Zeitkrieg… keine schönen Erinnerungen, nur die Nacht lobpreisend, kein Sonnenstrahl flutete damals die Wolkendecke…

 

„Zelda, mein Kind. Du bist wunderbar in deiner Rolle als Prinzessin. Niemand schlägt dir das ab oder behauptet das Gegenteil, aber…“ Es gab in Zeldas Welt immer ein Aber und so langsam ahnte sie, was das Thema dieses Gespräches war.

„Du bist einfach keine Lady…“, meinte Harkenia und hatte trotz des ernsten Tones etwas Vorwitziges, Spaßhaftes in seinem gutmütigen Gesicht. Zelda zuckte mit den Schultern und grinste unschuldig. Wann immer ihr Vater dieses Thema ansprach, liebäugelte sie ihn auf diese Weise, schaute unschuldig in die Höhe und spielte mit ihren Händen an einigen blonden Haarsträhnen. Eine Angewohnheit, die beispielsweise nicht zu einer Lady gehörten.

„Du bist ein Wildfang, Zelda. Und langsam wirst du diese Seite ablegen müssen.“

Widerwillig und stur setzte sie hinzu: „Das kann ich aber nicht. Ich bin, wie ich bin.“ Harkenia schüttelte mit dem Kopf. „Dann wirst du es lernen. Ich sage das nicht, um dir weh zu tun, mein Kind.“

„Schön und wie soll ich bitte meinen Charakter ändern? Wie soll ich ändern, wer ich bin und was ich bin?“

 

Harkenia antwortete zunächst nicht, sondern spähte mit seinen wissenden Augen hinauf ans dunkle Himmelszelt, wo langsam der Regen endete.

„Vor einer Woche wurde das neue Jahre eingeleitet und in einem Monat beginnen wieder die Unterrichtstage an der Rittschule. Aber nicht nur dort…“

„Du redest doch nicht etwa von…“ Harkenia nickte entschieden. Ihre Augen zu Schlitzen geformt, verwirrt und doch verstehend, erkannte die Prinzessin, was ihr Vater versuchte zu unterbreiten. Nicht nur der Unterricht in der Ritterschule der Söhne des Schicksals würde von vorne beginnen. Auch die Mädchenschule, welche nicht weit entfernt davon stand, würde neu eröffnet werden.

„Ich glaube, es ist das beste, wenn du diesen Weg gehen wirst, mein Kind.“

„Ich soll an Madame Morganiells Mädchenschule gepflegte Manieren lernen? Ich soll sticken, tanzen und unecht reden lernen?“

„Ja, das wirst du?“ Entsetzen und Schock standen in Zeldas blauen Augen. Sie schüttelte mit dem Kopf, wich augenblicklich zurück und fühlte das Triforcefragment der Weisheit in ihrer Hand vibrieren. „Nein, das kannst du nicht von mir verlangen.“

„Zelda, dir bleibt keine andere Wahl.“, meinte ihr Vater streng und hielt sie an ihren Schultern fest. „Bitte, Zelda“, sagte er. „Es war der Wunsch deiner Mutter…“ Die Erinnerung an ihre Mutter wachrufend, bekam der stolze König Risse in seiner Stimme. 

„Denk’ bitte darüber nach.“

„Das brauche ich nicht, meine Entscheidung steht fest.“, murrte sie, schnappte sich ihren Umhang und hastete hinaus aus den Gemächern ihres Vaters, schlug die Tür mit ein wenig zu viel Kraft zu und hastete mit den ersten Rollen Pergament zu ihren eigenen Kammern…

 

Es war wohl eines der Dinge, die Zelda niemals lernen würde. Ihren unerträglichen Dickkopf abzulegen, ihr wildes Temperament zu zügeln oder eben eine Lady zu sein…

 
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