2.Kapitel
 

Mit unabänderlichem Entsetzen erblickte sie ihn direkt vor sich: Die Bestie aus tausend Träumen zuvor. Das Ungetüm, welches sich durch die Welt der grausamen Abenddämmerung kämpfte.

         Sie entließ einen erschrockenen Angstschrei, stolperte rückwärts und krachte gegen die kalte, harte Eisentür. Ihr Atem ging so schnell, sie hatte Angst, das Luftholen zerriss die Lungen. Ihr Herz jagte das Blut in großen Portionen durch den unschuldigen Prinzessinnenkörper.

         Er stand direkt in der Zimmermitte. Und seine herben blauen Augen starrten mit dieser zielsicheren Tiefsinnigkeit in ihre traurigen himmelblauen. Sie sank versteinert zu Boden, ließ aber den kräftigen Wolf nicht aus den Augen.

         Er hechelte angsteinflössend und unsauber, so wie immer. Sein animalischer Geruch war vermischt mit Gestank nach Verwesung derjenigen Schattenkreaturen, die er mit seinen Reißzähnen zerfetzt hatte. Sein Fell war zottelig und zerzaust, blutüberströmt und nass.

Sie wusste nicht, ob dieses Blut sein eigenes war, oder ob es das schwarze Lebenselixier seiner Opfer darstellte.

Und in dem klaren Blau seiner Augen lag jetzt eine Spur der Menschlichkeit, die sie sonst nie sehen wollte. Menschlichkeit in Form von Müdigkeit, Zweifeln und einer schmerzhaften Erschöpfung.

         Muterfüllt und vertrauensuchend kroch sie näher, während der Wolf heftig hechelte. Seine helle, heulende Stimme winselte ein wenig, als sie vor dem stolzen Getier niederkniete. Und es war der Moment, dass sie den Grund für die marternde Erschöpfung in den tiefblauen Augen dieses Boten des Friedens erkannte.

         Sein Hecheln entstammte nicht seiner unerschrockenen Hast. Das Blut entsprang nicht den Körpern seiner Feinde. Es war sein eigenes.

         Sie wusste nicht, wo Midna war, auch wenn sie bereits wusste, wer sie war…. Das junge Mädchen wusste nicht, was ihn an diesen verbotenen Ort geführt hatte, bis sie seine fleischigen Wunden entdeckte und den abgebrochenen Pfeil versteckt auf dem breiten, muskulösen Rücken ausmachen konnte.

         Er suchte Hilfe mit dem Wissen, dass kein Mensch, der vom Dämmerlicht verschluckt wart, ihm Hilfe und Beistand geben konnte.

         „Sucht Ihr Hilfe?“ Ihre Stimme war wieder so unsicher und leise wie bei der ersten Begegnung mit der blauäugigen Bestie. Sie streckte die rechte Hand nach ihm aus, worauf er knurrte und seine Augen ihr eine leise Warnung zu sendeten. Und sie verstand. Hilfe war nicht der eigentliche, hauptsächliche Grund seines Erscheinens.

„Warum seid Ihr dann hier?“, fragte sie eindringlicher als vorher. Er winselte erneut mit der hellen Wolfsstimme und tapste auf den vier leisen Pfoten näher. Seine feuchte Nase schnupperte an ihrer eigenen. Seine Geste nahm ihr das Misstrauen, ließ sie nun wissen, dass er Antworten suchte und nicht die Hilfe für seine Wunden, die sie anbieten würde.

         Die junge Herrscherin lachte das erste Mal seit langem, als die feuchte Nase des Tiers ihre rechte Wange streifte und eine Welle der Erleichterung kam über sie. Die Gegenwart eines solchen muskelbepackten Biests lehrte die Unschuldigen das Fürchten und schenkte ihnen erst dann Vertrauen, wenn sich die niederen Absichten jener angeblichen Monster als Irrtum herausstellen. Und dieser Wolf war nie ein Feind gewesen, auch wenn sie ihn anfänglich so sah...

         Dennoch war da wiederkehrend ein ängstlicher Respekt von ihrer Seite, welchen sie nicht abstellen konnte. Er spürte diese Ängstlichkeit. Er hatte dafür seine Sinne...

         „Ihr wisst nicht, was Euch herführte?“ Er nickte.

,Habe ich nach Euch gerufen, ohne es zu bemerken?’, dachte Zelda in ihren stillen Gedanken; Und die junge Hylianerin hoffe, er verstand den Grund dafür. Es war ihre Suche nach Licht, welches er verkörperte und Nähe, die er ihr schenken konnte.

         Ihre himmelblauen Augen lasen ein weiteres Mal in seinem Blick und ihre Sinne ertranken beinahe daran. Sein Blick war magnetisch, hypnotisierend. Sicherlich, es lag an dieser unentrinnbaren Farbe und doch verbarg sich soviel mehr in diesem herben Blau. Dieselbe Neugierde über sein Gegenüber wie sie sich in den Augen der Prinzessin versteckte. Dieselbe Form von Sehnsucht...

         Unsicher berührte sie mit den kleinen Fingerspitzen ihrer Rechten das zottelige, durchnässte Fell unter seiner feuchten Schnauze, streichelte unentwegt durch das gräuliche Wolfskleid, während er sie nur anstarrte.

         Dasselbe Gefühl wie in ihren Träumen, als sie die Nähe des Wolfs spürte. Derselbe animalische Geruch aus seinem Maul, wenn er hechelte...

         Der Wolf wendete den Blick ab und tapste schwankend zu dem Fenster, schaute hinaus und winselte wieder. Es war der Moment, als sie realisierte, dass seine Blutverluste ihm schwerer zu schaffen machten als er selbst zugeben würde. Ein bitterliches Heulen drang aus der Wolfskehle, worauf sie sich entschloss, das überfällige Ereignis nun herauszufordern.

         Sie verkrampfte die Fäuste und nahm den magischen Umhang ab, der gewebt von den Händen einer Priesterin das Antlitz vor dem Zwielicht schützen konnte. Seinen Nutzen als Schutzmantel benötigte sie nicht mehr, da sich ihr Fragment der Weisheit längst schon angepasst hatte, diese Funktion auszufüllen. Der Mantel diente ihr nur noch als Wärmespender und darauf konnte sie verzichten, wenn sie den Hylianer, den Jungen, in diesem Wolf damit erblicken konnte.

         Als der dunkle Mantel ihr Abbild nicht mehr versteckte, so gab sich das wunderschöne Wesen Prinzessin Zeldas endlich preis. Ihr zartes Gesicht. Das lange, weiche Haar und die schmale, zerbrechlichwirkende Gestalt. All diese Kostbarkeiten ihres Aussehens stahlen einem Mann egal welchen Alters, ohne Umschweife das Herz. Und vielleicht auch das jenes Wolfes, der ihre wahre Gestalt in dieser Weise noch nicht hatte erblicken dürfen.

         Die mildtätige Prinzessin schaute auf den dicken Stoff ihres Umhangs und schließlich wieder zweifelnd zu dem Getier, welches inzwischen vor dem Fenster saß...

         Zuerst wusste die junge Monarchin nicht, ob er sie lassen würde, ob er diesen Umhang annehmen würde. Möglicherweise war es nicht sein Wunsch vor dem einflussreichsten Wesen Hyrules erkannt zu werden. Aber seine Wunden riefen nach Stillung. Das war der einzige Grund für ihr Handeln...

         Sie trat näher und das Ende ihres langen Kleides schleifte mit sanften Geräuschen über dem kalten Steinboden.

Fast magisch legte sie den Umhang auf die bestialischanmutende Gestalt des Heroen Hyrules. Dem Helden des Zwielichts.

         Er spürte den Umhang und schaute mit erschöpftem, treuen Blick zu der niederknienden Prinzessin. Es schien, als wollte er nicht gegen die Magie des Mantels ankämpfen, die sein wahres Ich in wenigen Sekunden formen würde. Er wählte Vertrauen und Zuversicht und wählte gleichzeitig die Nähe jener Hylianerin.

         Er wand sich um seine eigene Achse und starrte aus den tiefblauen Augen hinauf in das makellose Gesicht der Prinzessin. Sie war wunderschön, so anmutig wie es die Erwachsenen im Dorf Ordon immer erzählt hatten.       Er hatte noch nie ein Geschöpf gesehen mit der Schönheit wie sie die Prinzessin des hylianischen Landes besaß. Aber es war keine eitle, oder eigensinnige Schönheit. Es war Mildtätigkeit, Grazie und eine angenehme Sanftheit.

         Er spürte wohlige, strömende Wärme des dunklen Umhangs sich auf das Fell legen, welches ihn vor der Witterung im zerrütteten Hyrule schützte. Und mit jedem weiteren zwanghaften Hecheln aus seiner Wolfsschnauze, spürte er die Magie des Mantels wirken. Es fühlte sich an, als absorbierte jener Umhang den Fluch des Zwielichts, das ihm diese dämonische Gestalt aufzwang. Stück für Stück änderte sich seine Gestalt unter dem Mantel und die vielen Wunden, die er in Wolfsgestalt unterdrücken und ignorieren konnte, waren nun schmerzhaft und kaum auszuhalten.

         Die junge Hylianerin sah ihn kämpfen. Mit sich und den Schmerzen seiner triefenden Wunden, während ihn der Umhang menschliche Gestalt annehmen ließ. Er brach zusammen und das leise Wolfsgeheul wandelte sich in den heftigen Schmerzschrei eines Hylianers.

         Er sackte vollkommen nieder und rührte sich plötzlich nicht mehr.

Und die Gestalt unter dem Mantel wuchs in die Länge, bekam Form und Einzigartigkeit. Der Held Hyrules hatte seine wahre Gestalt zurück und bezahlte dafür den Preis seines Bewusstseins...

 
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