20. Kapitel
 

Kapitel 20

 

 

Die Finsternis wallte außerhalb der grauen Schlossmauern von Hyrule Castle und pilgerte wie ein ruheloses Gespenst um jene umher... Der Wind pfiff unruhig und spielte die Symphonie der alten Luftgeister, die schon seit Urzeiten über ihr Element wachten... Töne. So schaurig und schön beseelten die vielen Götterstatuen in dem gepflegten Schlossgarten, wo der kalte herbstliche Regen zu früher Abendstunde niederging. Ab und an zuckte ein warnender Blitz über die höchsten Türme des Schlosses, wo seit vielen Jahrhunderten die alte Königsfamilie lebte...

Von den meisten Rundbogenfenstern trat ein Lichtschein nach draußen und verscheuchte jene Finsternis, die heute bei Neumond ihr großes Fest feierte. Und auch von Prinzessin Zeldas Gemächern schien das warme Kerzenlicht nach draußen. Und vielleicht nur deshalb, weil sie auf jemanden wartete, der, so nahm sie an, nicht erscheinen würde...

 

Sein Weg und ihrer trafen sich nicht mehr in diesem Hyrule. Das war der traurige, schwere Gedanke, mit dem sie lernen musste, sich anzufreunden. Der Held, der sie immer beschützt und begleitet hatte, war nicht mehr derselbe. Und seine Verpflichtungen und seine Ideale wurden vielleicht mit ungewisser Kälte und Hartherzigkeit hinfort gespült...

 

Sie vermisste ihn so sehr... so sehr, dass es weh tat...

Ein Gedanke an ihn schmerzte und ließ ihre Augen feucht werden...

 

Mit einer Lesebrille auf der Nase studierte sie in ihrem kleinen Arbeitszimmer, direkt an ihre teuren Gemächer angeschlossen, die unterschiedlichsten Stammbäume aller möglichen Ritterfamilien... und sie hatte schon an die zwanzig anerkannte Ritterfamilien durchgearbeitet. Aber leider war sie nach dem hylianischen Alphabet gerade mal bei dem sechsten Buchstaben  angelangt der insgesamt siebenundsiebzig verschiedenen Zeichen... Und gefunden hatte sie auch keine nutzbringenden Hinweise auf Links wahren Ursprünge.

Sofern sie Zeit dazu hatte, studierte sie alle möglichen Aufzeichnungen, nur um herauszufinden, wo Link herstammte, wer seine Vorfahren waren, wo er hingehörte.

Aber je länger sie in den Rollen nachlas und darüber nachdachte, umso mehr hatte sie das erdrückende Gefühl, es würde ihm nicht helfen, ihn nicht interessieren... Denn so eigensinnig und kalt wie er im Augenblick war, so verstand sie, würde auch ein Platz in Hyrule nichts mehr an seiner Abweisung und Festgefahrenheit ändern können.

 

Ihr Blick wurde milder und ihre Augen trauriger, als sie das Bild des legendären Helden vor ihrem inneren Auge sah. Wenn sie an Damals dachte, schmerzte ihr Herz. Wenn sie an den einstigen Blick seiner ernsten, muterfüllten Augen dachte, musste sie weinen...

Soviel lag in jenen tiefblauen Augen, was ein hylianisches Wesen nicht einmal beschreiben konnte. So viele Dinge wie Sehnsucht...

Sie wünschte sich unhaltbar sehr gerade diese verborgenen Sehnsüchte wieder zu sehen... Doch Wunsch blieb nur Wunsch, auch in einer magischen Welt wie Hyrule. Und mancher Traum von Damals von Gesellschaft und Innigkeit würde Traum bleiben...

 

Trübsinnig erhob sich die junge Prinzessin aus ihrem Sessel, die bereits mit ihrem fünfzehn Jahren zu einer wunderschönen, reifen Hylianerin herangewachsen war. Ihr Haar schimmerte kupfern im flackernden Kerzenlicht und ihre blauen Augen schillerten voller Wissensdurst und einem gewissen Durst nach der Nähe ihres Helden, der von einem ganzen Volk vergessen wurde... Eine Kerze in der sanften Hand führte sie hinaus aus dem kleinen Arbeitszimmer, erhellte ihr den kurzen Gang, der sie in ihr Schlafgemach bringen würde. Es war an der Zeit zu vergessen, die vielen, verwirrenden Gefühle für ihren Freund aus Kindertagen ruhen zu lassen und sich auf die unzähligen Aufgaben ihres Titels zu konzentrieren.

Aber wenn das Herz sich gegen den Verstand auflehnte, so hatte der Verstand meist eine Niederlage anzunehmen... Wer konnte schon gegen die Karten der Liebe gewinnen, wenn ein logischer, rationaler Verstand die einzige Geheimwaffe war auf des Gegners Seite? Es war so dumm anzunehmen, das Herz könnte sich betrügen lassen von einer Ausrede, die sich aus Lügen des Verstandes speiste... 

 

Und auch Prinzessin Zelda sollte lernen und ertragen, dass eingeredete Geschwisterliebe zu dem Helden der Zeit, nicht das beteuern und betrügen konnte, was in ihrem Herzen schlummerte...

 

Mit leisen Schritten trat die junge Hylianerin hinein in das geräumige, luxuriöse Gemach mit dem riesigen Himmelbett, in welchem man sich verlieren könnte. Das Licht der kleinen Kerze erhellte das Gemach nur schwach und erlosch, als die junge Prinzessin jene Kerze auf das antike Nachttischschränkchen stellte. Der samtene, weinrote Umhang um ihren schmalen, weißen Schultern sank lautlos nieder und nur ein dünnes, weißen Nachtkleid verbarg den unschuldigen, beinahe zerbrechlichen Körper der jungen Königstochter.

Seufzend krabbelte sie unter die schwere Bettdecke und starrte mit ernsten blauen Augen hinein in die junge Nacht...

 

Sicherlich, es war noch nicht Zeit, den Geist in dieser Nacht ruhen zu lassen, aber sie fühlte sich so erdrückt von Links leidvollen Gefühlen und Gedanken, die sie in sich spürte, dass sie den Schlaf als einzige Zufluchtsstätte suchte, wo sie vielleicht nicht an seine Kälte und sein Trübsal erinnert werden würde, wo sie vielleicht ihr eigenes trauriges Herz ruhen lassen könnte...

 

Sie hörte ihn nach ihr rufen in tiefen, verborgenen Kämmerchen seines Herzens. Er rief bitterlich nach ihr und er bat um Hilfe... Aber sie wusste auch, dass er im nächsten Moment niemals zugeben würde, sich ihre Unterstützung für seine düsteren Empfindungen zu wünschen.

 

,Hilf mir... Zelda, bitte hilf’ mir’, erklang es tief in ihren Gedanken und seine Stimme schmerzte noch mehr als die unhaltbare Sehnsucht nach seinem wahren Ich...

 

Sie musste schlafen... nur ein, zwei Stunden, um ihr Herz und den Kopf wieder freizubekommen und vielleicht wartete mehr auf sie in der Traumwelt, als sie befürchten wollte. Es war nur wenige Minuten später, dass die junge Prinzessin umgeben von sehnsüchtigen Gedanken an ihren Heroen in ein tiefes, verwirrendes Reich der Träume geführt wurde.

 

Wärme umgab sie. Ruhe und Geborgenheit nahm sie ein, während sie schlief und langsam aus einem kurzen Schlummer glitt… Aber als sie ihre sanften blauen Augen aufschlug und sich orientierte, war es nicht ihr hoheitliches Gemach, in welchem nicht einmal die Dunkelheit vorherrschte…

Ein inniges Schlafzimmer, nicht zu übertrieben ausgeschmückt, aber auch nicht zu spartanisch, gab sich ihren Sinnen preis, entlockte ihr ein verwundertes, aber ruhiges Lächeln auf dem ebenmäßigen Gesicht. Irgendwie kannte sie diesen Ort und kannte ihn doch noch nicht… Vertrautheit sprach zu ihr, während sie ihre schlanken Beine von der hölzernen Bettkante fallen ließ…

 

Das warme Abendlicht schien besinnlich und friedvoll auf die wenigen dunklen Möbel und das gemütliche Bett. Der Kamin spendete mit seiner wenigen Glut einen angenehmen Wärmehauch und ein süßlicher Duft hing in der Luft…

 

Zaghaft trat sie auf die Beine, spielte mit den Händen in ihren langen goldbraunen Haarsträhnen, die frisch gewaschen waren… Sie summte, fühlte sich unendlich wohl in jenem Raum, obwohl sie nicht wusste, wo sie war und warum es ihr gestattet war, hier zu sein. Das einzige, was sie fühlte, war eine eigensinnige Vertrautheit, ein merkwürdiges Wohlfühlen, als ob sie immer schon drauf gewartet hatte, hier zu sein…

Mit einem schmucken Grinsen trat sie vor den einzigen Punkt in jenem Schlafgemach, wo sie sich selbst betrachten konnte… ein alter Standspiegel mit goldenem Rahmen. Zwei überkreuzte Schwerter waren in den Rahmen eingearbeitet, verliehen dem Spiegel Gesicht und Zugehörigkeit zu einer Familie höheren Standes, wenngleich nicht die Königsfamilie hier zu leben gedachte…

 

Doch das, was sie im Spiegel vorfand, war nicht das, was sie erwartet hätte. Zeldas Äußeres war eine Spur reifer, ihre Brust voller, ihre Hüfte betonter und ihre Schönheit noch atemraubender als bisher… Aber war dies wirklich so? Lag es nicht vielleicht an dem begehrlichem Nachtkleid, welches sie trug, dass ihre weiblichen Eigenschaften ihr im Augenblick so ins Auge sprangen?

Tatsächlich war jenes Nachtkleid sehr ungewöhnlich für eine Prinzessin ihres Standes. Sie erinnerte sich nicht, so etwas nur einmal gesehen zu haben und doch war sie fasziniert davon.

Seide umspielte ihre Haut wie ein sanftes Öl, aufgetragen von den liebevollsten Händen… Ein weißer Stoff, fast durchsichtig…

Das kurze Gewand setzte nur knapp über der Brust an und gewährte einen tiefen Einblick und ihr Rücken war zu einem großen Teil ganz nackt…

 

Mit einem Zeigefinger fuhr die junge Prinzessin die unsichtbaren Wege auf ihrem zarten Gesicht ab, fand sich selbst ausgeruht und schön… hatte sich selbst noch nie auf eine solche Weise hübsch und attraktiv angesehen… Sie lächelte tiefsinniger ihrem Spiegelbild zu, begann erneut zu summen und überblickte den Raum nach Pforten, die sie hinaus führen würden. Da waren zwei große Türen mit jeweils einem Rundbogen…

Als sie sich aber noch einmal umwand, war ein kleines Bekleidungsstück in dem Raum, das sie verwunderte. Ein einzigartiges Bekleidungsstück, womit sie nur eine Person verband. Jemanden, der ihr am Herzen lag, jemanden, den sie unerträglich vermisste.

Hypnotisiert tapste sie auf nackten Sohlen zu der anderen Hälfte des Bettes, wo auf dem Nachttischschränkchen ein grünes Stück Baumwolle lag.

Das friedvolle Lächeln auf ihrem Gesicht änderte sich und Schwäche und Traurigkeit überspülte das einst so glückliche Kinderherz… Sie nahm das grüne Stück Stoff in ihre Hände, die Mütze des Helden der Zeit, unabdingbar für ihn, ein Beweis für sein wahres Gesicht… Wärme suchend hielt sie sich die grüne Mütze an die Lippen, umarmte sie als wäre sie lebendig…

 

In dem Moment öffnete jemand die eine Tür mit einem Klack und eine vertraute, aber fröhliche Stimme ertönte. „Zelda?“

Schockiert wand sie sich um und ließ sich vor weiterem Entsetzen und Schock auf das Bett zurücksinken und die grüne Mütze fiel lautlos zu Boden. Ihre Augen waren groß und aufgeregt angesichts des beinahe nackten Mannes vor ihr. Er jedoch runzelte die Stirn, trat näher und näher und hängte den Kopf schief. „Stimmt etwas nicht?“ Sie führte beide Hände zu ihren glühenden Wangen und begaffte lediglich das göttergleiche Abbild dieses attraktiven Mannes, der nur ein Handtuch um seine Hüfte geschlungen hatte, aber ansonsten überhaupt nichts trug... Und sein Körper war athletisch und stark...

Sicherlich, sie hatte in der alternativen Zukunft schon einige halbnackte Kerle gesehen und auch jener durchtrainierte Körper war ihr keineswegs fremd, aber die Tatsachen, dass er sie einerseits mit seinem stattlichen Abbild festnagelte und andererseits mit seinem bohrenden Blick auszog, nahm ihr die Luft… Dieser Blick sprach mehr als tausend Worte… Ein Blick voller Sehnsucht und Durst nach ihr…

 

„Wo bleibst du denn? Ich warte schon eine halbe Stunde auf dich und das Wasser in der Badewanne ist auch schon wieder lauwarm…“, meinte er, kniete nieder und schaute mit einem unglaublichen Lächeln zu ihr auf. Nun war es das Lächeln aus einem ansehnlichen Heroengesicht, das ihr die Luft nahm und sie gleichzeitig innerlich bewegte.

 

Er lächelte…

Bei Nayru, er lächelte wonnevoll…

Noch nie hatte er so gelächelt…

 

Überzeugt, dass er nicht real sein konnte. So sicher, dass er nur eine Einbildung, eine Illusion sein konnte, rutschte sie näher und starrte ungläubig in seine tiefblauen Augen, die seit langem wieder durchdringend in ihren eigenen blauen versanken. Sie legte ihre Hände auf seine Wangen um zu prüfen, ob er es wirklich war. Und das einzige, was sie fühlte, war warme, nasse Haut unter ihren Händen…

„Link?“, sagte sie leise, versuchte nicht zu weinen, aber sein Lächeln tat so unheimlich gut, dass ihr die Freudentränen in die Augen stiegen…

„Ja, ich glaube, so heiße ich noch, meine Prinzessin…“, meinte er sanft und blickte eindringlicher in ihre Augen, als wollte er in ihre Seele sehen. Sein linker Zeigefinger wanderte nur knapp unter ihren Augen entlang und wischte die Tränen fort, die sich zeigen wollten. Aber noch immer lag dieses befreiende Lächeln auf seinem Gesicht, dem sie einfach nicht entgehen konnte, welches sie einfach nicht glauben konnte...

Er schloss seine Augen, nahm ihre Hände in seine und begann mit seinen Lippen kleine, vielsagende Küsse über ihre Finger, Handinnenflächen und Handrücken zu verteilen.

„Ich weiß, du machst dir Sorgen um mich...“, sagte er leise. Vielleicht das erste Mal, dass er ein solches Sätzchen wagte. Sie nickte lediglich, fühlte sich unfähig überhaupt ein Wort erklingen zu lassen. Ihre Kehle war wie zugeschnürt. Nur wegen seinem beruhigenden Lächeln, den kleinen Lachfalten um seinem Mund und dem muterfüllten Funkeln in dem herben Tiefblau seiner Augen...

„Das brauchst du nicht... nicht mehr...“, setzte er hinzu.

 

Er richtete sich auf, packte seine Prinzessin sanft an den Armen und drückte sie zurück in die vielen weichen Kissen. Sie brauchte einige Sekunden um zu registrieren, was passierte und fühlte sich plötzlich überwältigt und gefangen, als der junge Heroe ebenso in das Bett stieg und sich über sie rollte. Ihre blassrosa Wangen begannen zu glühen. Ihr Puls raste wie ein Feuerwerkskörper zu dem Punkt seiner Entladung und ihr Herz erzählte ihr mit sanftem Gemurmel, wie entsetzlich richtig es war, mit ihm hier zu sein, ihm zu vertrauen, ihm alles zu schenken, was sie schenken konnte.

 

„Ich wüsste nicht, wie es hier aushalten sollte, ohne dich...“, flüsterte er und streichelte mit seinen Lippen ihre warme Stirn... „Die Feste ist so groß und so leer...“

Sein Körper lag ein wenig schwer auf ihrem, aber nicht belastend oder schmerzhaft. Und doch verwunderte sie diese unglaubliche Innigkeit, der er zuließ und sogar eingeleitet hatte.

„Dieser Ort... ist immer noch so fremd, obwohl ich hier zuhause bin...“, meinte er leise. 

Obgleich sie nichts mit seinem kleinen Eingeständnis anzufangen wusste, wollte sie ihn verstehen. Zaghaft wanderten ihre Hände um seinen entblößten Rücken, fühlte die vielen Narben dort und streichelte verträumt darüber.

„Dein Zuhause...“

„Mmh...“, murmelte er und küsste sie verspielt im ganzen Gesicht. „Ich bin so froh, dass wir diese alte Burg retten konnten... mit dem vielen Eingekochten, der Waffenkammer meines Vaters, den Büchern meiner... Mutter...“ Er wurde leiser mit den Worten und Zelda erkannte den leichten Schmerz und die Beklemmung in seiner Stimme. Ihre sanften blauen Augen suchten seine wieder und ihre rechte Hand fand sich bremsend auf seinen blassen Lippen. „Sag’ nichts... es ist nicht nötig...“, flüsterte sie, hob ihren Kopf ein wenig an und hauchte weitere Worte an sein Ohr. „Ich hab’ dich lieb, mein Held...“ Er schenkte ihr wieder ein dankbares Grinsen und tat etwas neues. Etwas, was sie so nicht kannte und nie als Geste von ihm erwartet hätte.

Er küsste sie... Einfach und ausgesprochen sanft auf den roten Prinzessinnenmund. Aber ein Kuss blieb nicht nur ein Kuss und die damit verbundene Leidenschaft und Liebe tat ihr übriges. Mit wachen, überraschten Augen sah sie auf und las die Verwirrung und Verwunderung in dem schönen Dunkelblau seiner Heldenaugen.

„Zelda?“

„Ähm... ja?“, stotterte sie.

„Was hast du?“ Sie versuchte den Knoten in ihrem Hals zu beseitigen, aber wusste nicht wie...

„Was meinst du?“

„Du bist heute irgendwie so... anders...“ Sie lächelte zaghaft.

„Ich bin nur ein wenig... durcheinander...“

„Du meinst, nach allem, was das letzte Jahr geschehen ist. Die Flüche. Die Geschundenen der Macht. Die Großen Schlachten in unserem Hyrule...“ Wovon redete er nur, dachte sie. Große Schlachten?

„Aber wir haben Frieden...“, begann sie leise und hoffte, sie würde sich damit nicht vor ihm bloßstellen, da sie nicht wusste, wovon er überhaupt redete. Er lächelte angenehm.

„Natürlich haben wir Frieden, sonst hättest du mich doch zur Hölle gejagt, mein Herz“, lachte er und senkte seine Lippen erneut auf ihre.

 

Wieder war die Prinzessin überrascht und beinahe erstarrt angesichts des neuen, wunderbaren Gefühls und diesmal wollte sie auskosten, wollte erwidern und schenkte ihm mehr Vertrauen in jenem Kuss, ließ seine fordernde Zunge ein und kostete von ihm...

Bei Nayru, dachte sie. Es tat so gut. Diese kleinen Leidenschaften. Dieses verliebte Zungenspiel. Neu und Prickelnd. Vorbereitend und zielstrebig. Er löste sich von ihr und wich nur wenige Millimeter von ihrem hübschen Gesicht. Nun war mehr als die lächelnde Freude in seinen unstillbaren Augen. Da war etwas Gefährliches und eine Spur Hunger...

„Weißt du, ich habe gar keine Lust mehr auf ein gemeinsames Bad... sondern...“, begann er, senkte seine Lippen auf ihr Kinn und hielt Zeldas Hände mit seinen über ihrem Kopf fest und straff in die weißen Kissen gedrückt.

Er raubte Empfindung über Empfindung, ließ sie erfahren und erkennen und wanderte mit seinem heißen Mund zu ihrem Hals, küsste hungriger, kniff sie leicht und saugte ein wenig.

„Link...“, murmelte sie erschrocken über diese Hemmungslosigkeit. Er blickte auf, hatte schon wieder diese wahnwitzige Verwunderung in seinem Gesicht und grinste unverschämt.

„Was tust du hier?“, meinte sie gedämpft, wünschte sich fast, sie hätte es nicht gesagt, hätte ihn nicht unterbrochen und hätte auf seine Liebkosungen reagiert. Er lachte plötzlich und schien ihre Erstaunung gar nicht begreifen zu wollen.

„Das, was du vor nicht allzu langer Zeit mit mir gemacht hast, ohne, dass ich nur irgendetwas davon verstanden habe...“, erwiderte er und berief sich damit auf seine eigene Unschuld, auf die Tatsache, wie wenig er einst über Liebe und Leidenschaft wusste. Und er fuhr fort, nahm Zeldas Worte keineswegs ernst, sondern erfreute sich noch an ihrer leichten Befangenheit... Seine Linke wanderte ungeniert unter das samtene Nachtkleidchen Zeldas und streichelte Partien ihres Körpers, die noch niemand außer ihr selbst berührt hatte.

„Link...“ Ihr Atem ging schnell und heftig. „Wir können nicht einfach... zulassen, was hier geschieht...“

„Das hat dich doch damals in der Holzhütte am Glücksteich auch nicht interessiert...“, seufzte er und zog ungeduldig an den dünnen, weißen Trägern, die das Kleid zusammenhielten. „Ich weiß, es ist nicht richtig... nicht mit der Anwesenheit unserer Fragmente... Aber ich will dich jetzt. Ich möchte dich spüren. Dein Inneres spüren...“

 

Und sie ließ ihn gewährend, ließ ihn verführen und sich nehmen, was er brauchte. Mit einem Ruck zog er das wenige Stück Stoff vom gottesgleichen Körper seiner Prinzessin.

„Damals in der Holzhütte?“, murmelte sie atemlos, während er sie leidenschaftlich an zahllosen Hautpartien küsste. Den weißen Hals. Die wohlgeformte Brust. Den flachen, angespannten Bauch... 

„Ja, damals in der Holzhütte...“, murmelte er stockend. Sein Atem ging so unruhig, dachte sie. Und mit jeder weiteren Minute, in der er verwöhnte, in der er sie in dieses Liebesspiel führte, glühte sein Körper stärker.

 

Auch das weiße Badetuch um seiner Hüfte, fiel zu Boden und alles, was blieb, waren zwei nackte, junge Elfenkörper, die sich schrittweise in ihr selbsterschaffenes Paradies führen wollten. Alles war so einfach auf diese Ebene, dachte Zelda. So einfach für ihn und für sie. Eine neue Welt lag vor ihren unverschlüsselten Sinnen in dieser Liebesnacht... Eine Welt ohne die belastenden Gesetze Hyrules. Ohne die vielen dunklen Gestalten, die das Licht der alten Welt mehr als alles andere hassten. Ohne die Schuld des Hylianertums...

 

Sie rollten sich ein wenig gemeinsam über das knarrende Bett mit den weißen, feuchten Lacken, bis Zelda halb auf ihm lag, ihre Hände an seine Wangen führte und ihn tief und genießend küsste, vielleicht als kleine Entschuldigung ihrer Befangenheit und ihrer anfänglichen Ausreden. Diese Liebe zwischen ihnen war so bedeutend, so groß, dass nicht einmal mehr ihre Unwissenheit über Zeit und Raum dieses Traumes eine Rolle spielte. Weisheit und Wissen waren ohne Sinn in einem Liebesglück wie diesem...

Neugierig wanderte ihre Rechte an seinem Körper entlang, streichelten über eine frische, breite Narbe quer über seinem Bauch und schließlich noch weiter hinab. Er atmete scharf ein als Folge einer unlauterem Berührung ihrer warmen, weichen Hände.

„Das gefällt dir?“, spaßte sie, worauf er grinsend ein Auge öffnete und sie verhohlen musterte.

„Ich weiß auch ganz genau, was dir gefällt, mein Herz...“, erwiderte er tückisch.

 

Schnell und sehnsüchtig rollte er sich erneut über sie und saugte empfindungsvoll an ihrer perfekten Brust. Es war die Art und Weise, wie er es tat, dachte sie. So als ob er dies schon häufiger getan hatte. Er wusste tatsächlich, was ihr gefiel und er hatte Spaß dabei gerade das zu verschenken, was in ihrem Körper Lust und Leidenschaft steigerte...

 

Als sie nach langen Minuten inniger Liebkosungen einen intensiven, verträumten, sehnsüchtigen Blick in seinem Augen las, wusste sie endgültig, was er wollte, dass er es jetzt wollte.

„Darf ich?“, murmelte er leise und küsste sie auf die Nasenspitze. Sie nickte scheu, fühlte leichte Ängste und Sorge aufwachen. Und vielleicht sah er jene Gefühle in ihren saphirblauen Augen wie die viele Liebe darin.

„Hast du Angst?“, meinte er leise und streichelte ihre rosa Wangen sanft... Sie nickte vorsichtig. „Ich werde dir niemals wehtun... versprochen...“ Sie sank eine Spur erschöpft, aber vorbereitet zurück in die weiche Matratze und öffnete ihre Oberschenkel für ihn, einladend und mit unermesslichem Vertrauen.

Sie schloss die Augen und fieberte den intensiven, heißblütigen Moment dieser Liebe herbei wie eine Seele die größte und überwältigendste Wiedergeburt. Sie wollte ihn. Sie liebte ihn...

 

Die letzten, purpurroten Strahlen der alten Abendsonne zogen sich ehrfurchtsvoll zurück, verschwanden still in unermesslicher Dunkelheit und vereinigten sich mit jener wie der starke Körper des jungen Helden mit dem teuren der schönen Prinzessin...

 

Schwitzend und unerträglich zitternd schreckte die ruhende Thronerbin aus ihrem kurzen Schlummer. Ihr Atem ging so schnell als hätte sie viele Minuten die Luft angehalten. Ihr Herz pumpte so laut, dass sie Angst hatte, es könnte daran zerreißen. Und ihre Kehle war trocken und taub. Sie wischte sich über das feuchte Gesicht, wühlte in ihrem zerzausten Haar herum und stand endlich schwankend aus dem kühlen Bett auf...

 

Entsetzt und mit wachsenden Zweifeln erinnerte sie den Traum, erinnerte den Geschmack seines Körpers, erinnerte jedes tiefe Gefühl und die heiße erwachte Leidenschaft von ihr und ihm...

 

Was war das? Was sollte dieser Traum?

 

Sie fuhr mit einer Hand über ihre Lippen, könnte schwören, er hätte sie tatsächlich geküsst, hätte sie tatsächlich verführt und sich in ihr ergossen...

Schlotternd tapste die junge Prinzessin zu einem runden Holztisch in der Mitte des Schlafzimmers, trank aus einem goldenen Kelch frisches Wasser und stützte sich sogleich wieder an der glatten Holzplatte ab.

 

,Nein’, dachte sie. Das war kein einfacher Traum. Furcht und Schock belehrten sie, versetzten sie in die furchtbare Erkenntnis, die ihrem Herzen erwuchs. Die Zuneigung, die vielen verwirrenden Gefühle für den Helden der Zeit waren nie Gefühle der Freundschaft gewesen. Und es war nie so etwas wie die Zuneigung zwischen Geschwistern... Es war immer schon etwas stärkeres, besonderes. Es war so viel mehr. Das Band zwischen der Prinzessin des Schicksals und dem Helden der Zeit war Liebe...

 

Gerade in dem Augenblick klopfte es laut und fest an der großen Zimmertür und eine dröhnende, bekannte Stimme ertönte. „Zelda? Ich weiß, es ist spät, aber es ist wichtig.“, schallte es von außerhalb. Außer Sinnen grabschte sie nach ihrem weinroten Mantel, suchte Wärme und Ruhe darin, versuchte den Traum in ihrem Geist zu verschließen, aber es klappte einfach nicht. Die vielen intensiven Gefühle darin waren unvergesslich. Sein Mund auf ihrem unvergleichlich...

 

Zitternd öffnete sie die schwere Tür in ihr Schlafgemach und fand Valiant in voller Rüstung vor sich stehen. „Was gibt es zu so später Stunde?“, murmelte sie und sah beschämt weg, hoffend ihr Cousin würde nicht eine Spur von Scham oder Sehnsucht in ihrem schönen Gesicht lesen.

 

Valiant trat murrend ein und sprach: „Alles in Ordnung? Du siehst irgendwie durcheinander aus...“ Aber nichts war in Ordnung. Zeldas Körper bebte immer noch. Sie spürte Link immer noch überall... sein heißer Mund... die glühenden Hände...

Sie log: „Ja, sicher. Ich bin nur ein wenig überarbeitet...“

„Du gehst immer noch unnötig Stammbäume durch? Ist dir das nicht langsam zu wider?“ Leicht verärgert schüttelte sie den Kopf und ignorierte Valiants Halsstarrigkeit.

„Nimmst du an, ich wäre faul? Was ich mir in den Kopf gesetzt habe, wird getan.“ Sie grinste unverschämt. „Und ich habe nicht vor, dass das in Zukunft anders sein wird.“ Valiants Augenbrauen zogen sich wie immer nach unten. Das war Zelda und würde sie immer bleiben. Wenn ihre Sturheit nicht wäre, würde er wahrlich etwas vermissen.

„Aber bist du dir wirklich sicher, dass du in jenen Stammbäumen etwas über Links Ursprünge herausfinden kannst? Möglicherweise hat er tatsächlich keine namhaften Ahnen...“

 

Missbilligend verschränkte Zelda ihre Arme und seufzte gelangweilt. Valiant winkte mit einer Hand. „Schon gut, Cousinchen. Das ist deine Sache... ich möchte lediglich, dass dir eine eventuelle Enttäuschung nicht das heitere Gemüt verdirbt.“ Ihre Mundwinkel zogen sich nach oben. „Keine Sorge, Valiant, ich bin gewappnet.“ Er nickte und blickte sich daraufhin scharf und genau im Gemach um als wollte er einen Spion suchen.

 

„Also, warum bist du nun hier?“

„Dein Vater hat kurzfristig eine Versammlung einberufen. In einer halben Stunde im großen Saal...“

„Eine Beratung? Zu so später Stunde?“

Valiant nickte. „Richtig.“

„Aber was möchte er besprechen? Wenn er jetzt noch eine Versammlung einberuft, bedeutet das nichts gutes...“ Zelda führte eine Hand an ihren puderroten Mund und grübelte.

„Sicherlich nicht, aber ich glaube, er will lediglich keine unliebsamen Überraschungen in seinem Reich erdulden müssen wie in der alternativen Zukunft, Cousinchen. Daher bereite dich bitte vor.“ Entschlossen sah die Prinzessin auf.

„Und wer wird an der Versammlung teilnehmen?“

„Neben deinem Vater, dir und mir niemand, außer dem Friedenswachenden, der heute als Schutz für den König eingeteilt ist...“ Zelda nickte mehrmals, schob Valiant aus dem Gemach und meinte leise: „Ich bin gleich so weit, geh’ doch bitte schon mal vor...“

 

Als der junge Adlige aus dem Gemach verschwand, lehnte sich die junge Prinzessin für wenige Augenblicke an die verschlossene Tür, schloss die Augen und erinnerte leise den prophezeienden Traum...

Da war mehr gewesen als die heftige Liebe zwischen ihr und dem Träger des Mutes, da war zunächst einmal die neue Umgebung. Wie hieß es? Die Burg, die sie und Link retten konnten? Retten? Aber wovor und wann? Nachdenklich führte die Königstochter ihre Zeigefinger an die Schläfen und versuchte sich weiterhin zu konzentrieren...

Worte... welche Worte sprach sie in jenem Traum. Und welche sprach Link? Beherrscht und zuversichtlich rief sie sich die Details des Traumes wieder in ihr Gedächtnis, erinnerte die Gerüche, besann sich auf den Geschmack seines Kusses...

Da war tiefgehende Zuneigung, Worte, so bedeutungsvoll und vertraut...

Und dann war es ihr Held, der von einigen Ereignissen in der Vergangenheit gesprochen hatte, die noch nicht einmal geschehen waren. Was hatte er gesagt? Die Geschundenen der Macht? Die Großen Schlachten?

 

Die letzten drei Worte staken nagend in ihrem Kopf. Die Großen Schlachten... das bedeutete wahrlich nichts gutes...

 

Beunruhigt folgte die junge Prinzessin einer dunklen Wendeltreppe in das Erdgeschoss, dort wo in dem großen Rittersaal ihr Vater und Valiant warteten. Es war ein runder, hoher Raum mit unzähligen Schwertern an den Wänden und nicht ein Fenster ließ Lichtstrahlen in jenes Gewölbe... Und kalt war es in jenem Raum, sodass sich Zelda vorsorglich ein wärmeres Gewand angezogen und ihren weinroten Umhang mitgenommen hatte.

Als sie den Saal erreichte, bemerkte sie zunächst den todernsten und doch irgendwie gelangweilten Friedenswachenden am Eingang. Die braunen, lebenserfahrenen Augen Lassario Laundrys erhaschten einen kurzen, neugierigen Blick bei dem Eintreffen der Prinzessin und schauten dann wieder sittsam zu Boden.

„Guten Abend, Prinzessin“, sagte er.

„Ebenfalls guten Abend, Ritter Laundry“, meinte Zelda, worauf der gute Mann überrascht aufsah. Woher wusste sie eigentlich seinen Namen? Er fühlte sich geschätzt, nein, beinahe geehrt, allein der Tatsache wegen, dass eine so wichtige Person wie Prinzessin Zelda von Hyrule seinen Namen wusste.

„Ihr seid überrascht?“ Er nickte.

„Nun, meine Familie und ich sind erst seit wenigen Wochen in Hyrule. Von daher wundert es mich schon, dass ausgerechnet Ihr meinen Namen kennt.“ Zelda lächelte charmant und eindringlich. Und dann lachte sie kurz. „Verzeiht, aber ich hatte bereits eine kurze Unterredung mit Eurem Sohn.“

„Mit William? Wie das?“ Die Überraschung und der anfängliche Schrecken brachten Lassario aus seiner ritterlichen Haltung und er stützte sich auf sein Schwert. Zelda legte eine Hand auf ihr Herz und blickte leicht traurig zu Boden. „Der Grund lag darin, dass ich seinen Mitbewohner aufsuchen wollte.“

„Den jungen Link?“

Zelda blickte mit ihren traurigen Augen auf und nickte. „So ist es.“ Zelda wand sich dem großen Tor zu, welches sie in Kürze verschlucken würde. „Ihr seid ein vertrauenswürdiger Ritter und ein guter Vater dazu. Ich möchte Euch um etwas wissen lassen... Etwas, was Euch Link mit anderen Augen sehen lassen wird. Aber ich fordere Schweigen von Eurer Seite, falls Ihr das Geheimnis erfahren werdet.“

Mit großen Augen klopfte sich Lassario auf den Brustpanzer. „Selbstverständlich, Prinzessin“, sagte er laut und fühlte sich leicht überfordert angesichts des Vertrauens, das ihm die Prinzessin entgegenbrachte...

„Dann werde ich Euch nach der Unterredung mit meinem Vater einweihen. Erscheint, wann Ihr gerufen werdet.“ Er nickte heftig mit dem Kopf.

„Und noch etwas... Will weiß nicht meinen wahren Namen. Bitte lasst ihn in der Unkenntnis und lasst ihn auch in der Unkenntnis bezüglich Link.“ Lassario schaute irritiert drein, hoffend Zeldas Worte würden Sinn ergeben, wenn sie ihm die Geheimnisse über Link anvertraute.

„Gut, dann wartet bis man Euch hereinbittet.“ Der gutgebaute Ritter bejahte erneut und stellte sich wieder in Position, als die junge, weise Prinzessin in das Beratungszimmer eintrat und die Tür mit magischen Worten versiegelte...

 

Die Thronerbin trat wortlos, aber mit ausdrucksvollem, besorgten Blick in das kühle Beratungszimmer ein. Fünf hohe Standkerzen umzingelten den runden, rustikalen Holztisch in der Mitte des Raumes. Wie gewöhnlich saß ihr Vater auf dem höchsten und größten Platz an der runden Tafel und Valiant rechts neben ihm. Ein schwerer, niedergebeugter Ausdruck auf dem in die Jahre gekommenen Gesicht Harkenias beunruhigte Zelda noch mehr als vorher... Ihr Vater hatte seine Hände gefaltet und sein Kinn auf ihnen abgestützt.

„Vater?“, meinte Zelda gedämpft, trat näher und legte ihre zarten Hände auf die runzligen des Königs. Ihre sanften Hände, die Minuten vorher noch im Traum den jugendlichen Körper des Helden der Zeit verwöhnt hatten.

Als Harkenia mit seinen blauen Augen aufsah, wusste Zelda endgültig, dass ihnen herbe Zeiten bevor stehen würden.

 

„Was ist geschehen? Aus welchem Grund berufst du eine Versammlung zu so später Stunde?“, sagte Zelda energisch und ließ sich in den breiten Stuhl mit den hohen Lehnen links neben ihrem Vater nieder.

„Vor wenigen Stunden gab es einen Angriff, Zelda...“, sagte Harkenia leise. „Ritter Sorman informierte mich diesbezüglich vor wenigen Minuten...“

Geschockt ließ sich die junge Thronfolgerin tiefer in den Sessel sinken. Haltsuchend klammerte sie sich an die hohen Lehnen.

„Einen Angriff? Wo?“, erklang es erschüttert aus ihrem Mund.

„An unserer Landesgrenze im Westen. Mehrer Dörfer waren betroffen.“

„Mehrere Dörfer?“, wiederholte sie und konnte das Gesagte nicht begreifen. Mehrere Angriffe auf einfache Dörfer? Ohne, dass sie als siebte Weise etwas davon gespürt hatte? Ohne, dass sie etwas gefühlt hatte, wie sonst auch? Wo war ihre Macht der Vorsehung geblieben? Waren Prophezeiungen nicht mehr ihr zugedacht?

 

„Wie viele?“, war die bedeutende Frage, die nun noch zu stellen war... Die Frage nach Verwundeten und Toten.

„Rund fünfzig Tote und noch mal so viele Verletzte...“, sagte Valiant standhaft. Zeldas saphirblauen Augen sanken nieder und blickten traurig zur dunklen Tischplatte. Ihr Hände verkrampften sich mit jedem weiteren Gedanken, der auf sie einströmte. Gedanken über Schuld und Widerwärtigkeit derjenigen, die diese Mordlust auszuleben vermochten.

„Weiß man etwas über die Verantwortlichen einer solchen Tat?“ Harkenia nickte und sagte klar und unmissverständlich: „Überlebende sprachen von einem Bündnis von Hylianern mit Moblinbrut...“ Angeekelt schaute die anmutige Prinzessin seitlich.

„Ein Bündnis von Hylianern und Moblins? Das ist ja widerlich...“, zischte sie, stand auf und blieb wenige Zentimeter vor dem glühenden Kaminloch stehen.

Hylianer, die sich mit unreinem Moblingesocks verbündeten, waren in Zeldas Augen keine Hylianer mehr. Den Namen ein Mitglied des Volkes Hyrules zu sein hatten Elfen verspielt, die sich auf die Seite von Dämonen stellten. Schon immer und ewig. Die Todesstrafe hatten man jenen Verrätern seit den alten Tagen angedroht. Einen frevelhaften, gewaltsamen Tod, der mit nichts gleichzusetzen war...

Doch jetzt, da ihr Vater die Todesstrafe abgesetzt hatte, schienen einige böse Gemüter aus dieser Sache einen Nutzen ziehen zu wollen. War Abschreckung nicht mehr genug?

 

Derweil näherte sich Harkenia mit großen Schritten seiner Tochter und legte die alten Hände auf ihre Schultern. „Zelda... bitte sei beruhigt. Ein Trupp Soldaten ist bereits auf dem Weg unter Begleitung Sormans und McDawns.“ Harkenias Stimme war ruhig und zuversichtlich. „Hilfe ist unterwegs... außerdem...“ Harkenias Augen schwenkten erwartungsvoll zu Valiant, der sogleich das Wort übernahm. „Außerdem werde ich mich unverzüglich auf den Weg machen und mich an der Landesgrenze ein wenig umhören.“ Zelda wand ihr bezauberndes Antlitz abwechselnd zu ihrem Vater und ihrem Cousin. Sie nickte.

„Gut, das beruhigt mich in der Tat“, meinte sie sachte und lächelte schwermütig. „Es kann doch nicht sein, dass uns die Götter nach dem Zeitkrieg eine weitere herbe Zeit aufdrücken wollen...“, setzte sie hinzu. Nein, daran wollte sie nicht glauben... Nach vier Jahren Frieden konnten selbst die Götter nicht verantworten, das Volk in eine weitere grausame Zeit zu führen...

 

In dem Moment schnallte Valiant sein Schwert vom Gürtel, hielt es vor sich und schwor im Namen der Krone. „Dieses Schwert wird mir helfen, die Opfer der Dörfer zu sühnen.“ Er wand sich ehrenhaft lächelnd zu Zelda und sagte leise. „Cousinchen?“

„Mmh?“

„Pass’ gut auf dich auf in meiner Abwesenheit.“

„Sicher!“, sagte sie und umarmte ihren Cousin liebevoll.

„Pass’ du lieber gut auf den eingebildeten Kopf auf, der auf deinen Schultern sitzt, mein Cousin.“ Er lachte.

„Kein Thema.“ Damit schnallte er sein Schwert fest, verbeugte sich vor seiner Cousine und dem König und trat zur Tür. „Und bitte halte Abstand zu Link...“ Zelda verzog das Gesicht und wechselte schnell das Thema.

„Wann wirst du abreisen?“

„In zwei, drei Stunden.“ Zelda nickte. Und Valiant ließ den beratenden Saal hinter sich. 

 

Grübelnd stand Harkenia weiterhin vor dem Kamin und zupfte sich an dem grauen, kurzen Bart seines schmalen, spitzen Kinns. „Ist Impa noch unterwegs, Tochter?“

„Ja, das ist sie...“, entgegnete Zelda leise und sah zu Boden. Die wachsende Besorgnis in ihrem Gemüt ließ die sanften Augen der Prinzessin trauriger und trauriger werden. Impas Abwesenheit, denn sie war wie eine Mutter für sie, war nur eine der vielen Hürden in den letzten Tagen... Dann lastete Links momentaner Zustand auf ihrem Herzen, machte sie unruhig, machte sie traurig und nun gab es Angriffe von einem bösartigen, dunklen Bündnis, welches möglicherweise in Zukunft noch mehr Schandtaten im Sinn hatte und irgendwann Forderungen an das Reich stellen würde. Die Zukunft schien schlichtweg düster...

 

„Ich hoffe, Impa findet das verschwundene Farmmädchen um den Helden der Zeit zu entlasten“, sagte der alte Mann trübsinnig.

„Was ich noch mehr hoffe, ist, dass sie uns Berichte über die Geschundenen der Macht bringen kann.“ Der König nickte gefasst.

„Wenn das dunkle Bündnis, welches die Dörfer überfiel, den Geschundenen gleichzusetzen ist, dann wird es endlich Zeit jenen auf den Zahn zu fühlen“, erwiderte er. „Du weißt, dass mich die Geschundenen der Macht seit Jahren beunruhigen, Zelda.“

„Sicher. Mir ergeht es nicht anders. Irgendetwas macht mich nicht nur stutzig, sondern schickt mir einen Schauer auf den Rücken, wenn ich den Namen dieser Sekte höre... “ Zelda spielte mit einigen goldbraunen Haarsträhnen, schien zu grübeln und blickte tückisch auf.

„Gerade deshalb gibt es in unseren Reihen jemanden, der die Geschundenen der Macht studiert hat, der mehr über sie weiß als wir alle zusammen. Ich bin so froh, dass ich Newhead finden und ihm die Lehrerstelle in der Schule geben konnte. Er wird uns von Nutze sein“, sagte sie überlegen und weitsichtig.

„Du überraschst mich immer wieder, Tochter.“ Harkenia legte die Hände auf Zeldas Schultern und lächelte eindringlich. „Deine Entscheidungen, mein Kind, sind wie immer edel und weise. Hab’ Dank für dein Vertrauen und deine Entschlusskraft. Hyrule wäre nichts ohne dich.“

„Ich weiß“, lachte sie tückisch. „Was wäre Hyrule ohne meinen ulkigen, väterlichen Quacksalber und ohne mich.“ Darauf lächelte Harkenia stolz, war Zeldas liebliche Gemeinheiten schon lange gewöhnt und wusste um die Zuneigung und Liebe, die hinter ihren Worten steckten.

 

„Und... wie geht es Link?“ Zelda blickte verwundert auf, als ihr Vater danach fragte. Aber sie schwieg bewusst auf diese Frage.

„Wenn Hyrule nicht mehr sicher ist, wenn uns düstere Zeiten bevorstehen, werden wir den Helden der Zeit brauchen“, meinte er hoffend und sah erkundend in Zeldas blaue Augen.

„Ja...“, wisperte sie. „Sicherlich wird Hyrule einen Helden brauchen, sowohl in Vergangenheit als auch Zukunft, aber ob Link jemals wieder diese Aufgabe erfüllen kann... ist...“ Sie brach ab, schluchzte und fuhr sich unbemerkt von Harkenia über ihre Augen. Der Traum von vorhin kam wieder zurück in ihr Gedächtnis, nahm ihr für wenige Sekunden die Standfestigkeit, sodass sie sich mit beiden Händen auf dem runden Tisch in der Mitte des Raumes abstützen musste.

Harkenia gehörte nicht zu der Sorte Vater, der nicht fühlen konnte, was in seiner Tochter vorging. All die Jahre wusste er etwas, was Zelda vielleicht jetzt erst verstanden hatte. Er gehörte nicht zu den unnahbaren Königen, die Thronerben lediglich zur Repräsentativität der Königsfamilie und zum Wohle des Reiches zeugten...

Er wand sich um. Ein Blick väterlicher Fürsorglichkeit in dem faltenreichen Gesicht. Mit großen Schritten trat er näher und drückte die junge Prinzessin in seine Umarmung.

 

„Zelda, mein Kind. Liebst du ihn? Ich meine nicht als Freundin, nicht als Prinzessin...“ Überrascht blickte sie seitwärts und überlegte sorgfältig und genau, was sie darauf sagen sollte. Sie rückte aus der väterlichen Umarmung und blickte Harkenia stolz und gefasst in die blauen, strahlenden Augen, die er besaß.

„Wenn es so wäre?“, fragte sie. Aber Harkenia lachte kurz über Zeldas plötzliche Ernsthaftigkeit. „Dann hättest du auf jeden Fall meinen Segen, mein Kind.“ Und auch Zelda lächelte über diese Äußerung.

„Du hast nichts dagegen?“, meinte Zelda verwundert.

„Mein Kind“, begann Harkenia und legte die alten Hände auf ihre Schultern. „Ich wollte immer, dass du irgendwann aus Liebe heiraten würdest, nicht nur zum Wohle Hyrules. Denn ein unglücklicher Herrscher ist kein guter Herrscher.“ Zelda nickte breit.

„Ein unglücklicher Herrscher ist kein guter Herrscher“, wiederholte sie. „Wie oft hast du mir diesen Satz nun schon um die Ohren gehauen, Vater?“

„Nicht oft genug“, meinte er keck. „Und Link genießt mein vollstes Vertrauen in jeglicher Hinsicht.“

 

„Das Problem ist... er lässt niemanden an sich heran“, begann Zelda. „Und ich war die letzten Jahre so blind gewesen, seine Schmerzen zu fühlen, seine Zweifel anzunehmen, die er mit jedem Kampf durchmachen musste. So blind zu sehen, wie sehr das Blut seiner Opfer an ihm nagte, dass ich mich einfach schäme.“ Sie lachte halbherzig. „Und nun wundere ich mich, dass ich nicht zu ihm finden kann?“ Sie schüttelte den königlichen Kopf. „Ich war wie das Kind, welches ich nie sein wollte, wie die Prinzessin, die ich verabscheut habe. Ich war eigensinnig und blind...“

„Sei’ nicht so hart zu dir, Zelda“, sagte Harkenia. „Ich bin mir sicher, der Groll, den der junge Link hegt, geht nicht gegen dich...“

„Das mag sein. Aber seine Abweisung und Kälte gehen gegen mich.“ Der König schwieg darauf und eine unangenehme Pause schlich sich ein.

 

„Manchmal...“, fing Harkenia dann an und verschränkte seine breiten Arme. „Manchmal, wenn ich ihn sah. Wenn das junge Gesicht deines Freundes aus Kindertagen mir begegnete, hatte ich für wenige Sekunden das Gefühl, sein Gesicht schon einmal gesehen zu haben.“ Zeldas Augen wurden für einen Moment größer.

„Wie meinst du das?“

„Aus irgendeinem Grund war er mir vertraut, ohne, dass ich es wahrhaben wollte, immerhin habe ich ihn damals bloß als einen kleinen, unreifen Bengel angesehen, der sich Vorteile beschaffen wollte, in dem er die Prinzessin als Spielkameradin hatte“, gab er zu. „Aber eben zu mancher Sekunde hatte ich das Gefühl, er wäre hier genau richtig.“

„Vater? Bitte erkläre mir das. Wie soll’ ich das verstehen?“ Aufgeregt trat Zelda näher und linste angespannt in die weisen Augen Harkenias.

„Ich kann dir dieses Gefühl nicht anders beschreiben und ich finde einfach keine Erklärung dafür, aber vielleicht gehört er doch mehr in den Bunde um die Ritter Hyrules als wir beide zu diesem Zeitpunkt wissen.“

Zelda lächelte zaghaft. „Das hoffe ich. Nein, das weiß ich.“

„Vielleicht gibt es mehr in seiner Vergangenheit und er besitzt noch lebende Verwandte“, äußerte der König hoffnungsvoll und erhellte mit seinem Verständnis das Gemüt seiner anmutigen Tochter. „Das wäre wunderbar“, strahlte sie und küsste ihren alten Vater damit auf die Wange. „Du bist der beste Vater, den man sich wünschen kann“, lachte sie. Harkenia grinste: „Und du, mein Kind, machst mich überglücklich damit, was aus dir geworden ist“, erwiderte er und streckte seine Arme in die Höhe. Er unterdrückte den Gähnzwang und lief in Richtung Ausgangstür.

„Ich werde überlegen, wie wir weiterhin verfahren werden mit dem dunklen Bündnis, das sich in unser Reich einschleichen will. Morgen werden wir weiter beraten. Doch nun, lass’ uns ruhen, mein Kind. Ich wünsche dir eine angenehme Nacht.“ Sie nickte. „Ebenfalls gute Nacht, Vater.“ Er öffnete die Tür und warf ihr grienend hinterher. „Aber träume nicht zu viel von deinem Link, Zelda.“ Ihre Augen wurden schlitzartig und bissig, aber kein sinnvoller Kommentar entkam ihren Lippen. Wie sollte sie nach dem Traum von vorhin noch über so einen Scherz lachen können?

 

Schäkernd, ja beinahe spöttisch verschwand der König und neben der großen Tür stand ein verwunderter Lassario Laundry, der den Monarch noch nie so menschlich, so nah und heiter erlebt hatte.

 

Wenige Minuten später war es Lassario Laundry, dem das große Geheimnis um die Identität des Helden der Zeit offenbart wurde. Schweigsam und entsetzt saß er vor Prinzessin Zelda, die ihm einige Details bezüglich der alternativen Zukunft unterbreitete. Und da Lassario Laundry ein angesehener Ritter war, so wusste sie, würde Links Geheimnis bei ihm gut aufgehoben sein...

Als die junge Prinzessin den Ritter entließ und er trabend nach Hause ritt auf der alten Stute Katarina, die schon seit zwanzig Jahren in seiner Familie lebte, waren es Trance und Mitleid, welche ihn einnahmen...

 

Link war der Held der Zeit...

Lassario konnte das einfach nicht glauben, einfach nicht verstehen...

Link war ein Held. Warum also war er so niedergebeugt, so trübsinnig und unnahbar? Er musste stolz auf sich selbst sein und Lassario wäre stolz auf Link, wenn er sein Sohn wäre...

 

Die Nacht um den Verlassenen Hügel war sternenklar, so klar, dass man Drachenboten und Schwertadler am Himmelszelt emporsteigen sehen konnte.

In der nahgelegenen Ritterschule war es zu jenem Zeitpunkt ungewöhnlich still. Einige Jungendliche waren nach Hause geritten, andere genossen in der alten Wirtsstube in der Burg einen heiteren Abend unter Gleichgesinnten. Nur wenige hielten sich noch in den alten Gemäuern auf und auch Link befand sich kränklich und trübsinnig in seinem Zimmer. Seine bittere Trübsinnigkeit schlug in Wut um, Wut auf sich selbst und vielleicht auch Wut auf die lobgepriesene Königsfamilie. Besonders Valiant, der ihm den Umgang mit Zelda untersagt hatte, schlich durch sein trauriges Gemüt.

 

Er atmete pfeifend und ließ seine tauben Beine von der Bettkante baumeln. In seinen Händen hatte er den Brief der Prinzessin, die ihn bat, heute Abend in den Schlossgärten vorbeizuschauen. Er zerknüllte den Brief, riss ihn dann in Stücke und die vielen Schnipsel landeten unbedeutend auf dem Boden.

 

Sicherlich, Link hatte Sehnsucht nach seiner Seelenverwandten, er rang schon mit der Vorstellung, sie um Hilfe zu bitten, sie darum zu bitten, dass er bei ihr bleiben konnte. Nur ein paar Tage, erfüllt von ein wenig Wärme und den ermutigenden Worten Zeldas. Aber Valiant würde das nicht dulden. Er hatte Link unmissverständlich und auf sehr grobe Weise klar gemacht, wie wenig er von der Freundschaft des Helden zu der Prinzessin Hyrules hielt. Und König Harkenia teilte vermutlich dieselbe Ansicht.

Was sollte er auch im Schloss der königlichen Familie vollbringen und tun? Er mit seiner Rastlosigkeit. Er mit dem Blut von Dämonen an seinen Händen. Schon die Vorstellung, er könnte so etwas Reines wie Zelda bloß einmal berühren, lösten bei Valiant und auch bei Harkenia Schauerlichkeiten des höchsten Grades aus...

Von daher könnte er nicht einmal den Versuch überleben, Zelda in ihren Gemächern aufzusuchen. Man würde ihn vielleicht sogar einsperren, dachte er, wegen ungebührlichem Verhalten zu der Kronprinzessin Hyrules... Wie absurd!

Dabei, und Link schämte sich schon beinahe für den Gedanken, wollte er bloß ein wenig Wärme von ihr...

 

Und eine weitere Sache hinderte ihn, sich auf den Weg zu machen, sich in das prachtvolle, riesige Königsschloss zu begeben. Epona...

Mit einem verzweifelten Seufzen stützte er den Kopf in beide Hände und kniff die Augen zusammen. Wie sollte er ohne Epona vor dem nächsten Tag im Schloss sein? Erst recht in seinem miserablen Zustand?

Und Zelda hatte ihre Verpflichtungen... sie konnte nicht die ganze Nacht und den folgenden Tag auf sein Erscheinen warten...

 

Gerade da wurde die klapprige Holztür aufgezerrt und Will stürmte mit Newhead herein. Will grinste, aber nicht so dämlich wie Nicholas, der an der Tür stehen blieb.

„Na? Wie geht es dir?“, rief Will und tapste mit den Händen in den Hosentaschen näher.

Link blickte gedankenvoll zu Boden und murmelte: „Weiß nicht...“

„Du siehst echt scheiße aus“, bemerkte Will und musterte das blasse Gesicht, die Augenringel und die schweißnasse Stirn des jungen Heroen.

„Kommt ihr beide jetzt ohne mich klar?“, meinte Newhead und drehte sich zur Tür. „Gute Besserung, Link, und einen schönen Abend euch beiden.“ Damit ging der Lehrer und schloss die Tür leise hinter sich.

Will sah ihm hinterher. „Newhead ist echt einsame spitze“, sagte er. „Als du zusammengesackt bist, hat er sich sofort um alles gekümmert. Ich glaube, er mag dich aus irgendeinem Grund.“ Link zuckte mit den Schultern und lief schwankend zu seinem Schrank, um sich etwas Wärmeres überzuziehen.

 

Aber überraschenderweise stand Will sofort wieder hinter ihm und bohrte geduldig nach, bohrte in den Wunden seines Kumpels ohne es zu wissen.

„Ist das der Grund, warum du nicht kämpfen kannst?“ Link nickte nur gedemütigt und gebrandmarkt. Es war wohl der schlimmste aller Flüche für einen rechtschaffenen Helden, nicht mehr kämpfen zu können und nicht mehr seinen Pflichten nachzugehen.

„Ich bin krank...“, sagte Link und strich sich durch die blonden, durchgeschwitzten Haare. „Aber es kann keine gewöhnliche Krankheit sein...“, murmelte er hinterher und zog sich eine dickere, schwarze Tunika über, die ihm Nicholas überlassen hatte. Eine Tunika, die ihn in seinem Zustand wärmen würde.

„Du meinst, du wurdest verflucht?“, sagte Will überraschend laut und kratzte sich an seinem hellbraunen Haaransatz. „Das weiß ich nicht...“, murmelte Link und zog murrend den Gürtel um seiner Hüfte fest. Selbst dieser kleine Kraftaufwand quälte ihn. In seinen Armen mussten die Muskeln zu Wackelpudding mutiert sein...

 

In dem Moment bemerkte William verwundert die vielen Schnipsel auf dem Boden und sah nur ein Bruchstück des königlichen Falken auf einem der Papierchen. Er kniete nieder und hob einige davon auf, versuchte sie zusammenzufügen.

„Willst du sie denn nicht besuchen?“, fragte er ruhig, hatte den Brief schließlich ansatzweise gelesen und schien irritiert deswegen. Link aber schüttelte den Kopf.

„Es ist mir untersagt, dort...“ Was eigentlich? Das einstige Licht in seinem Leben zu besuchen? Den wichtigsten Menschen in seinem Leben zu besuchen? Dort nach Wärme und Anteilnahme zu suchen?

„Wieso? Ich dachte, die Prinzessin wäre eine Freundin von dir.“

„Vielleicht ja, aber man hat mir verboten mich dort blicken zu lassen.“ Schmerzhaft kamen die Worte Valiants wieder in Links Bewusstsein zurück. ,Halte dich von Zelda fern.’

Dieser verdammte Valiant...

 

„Außerdem ist Epona weg...“, erklang es trübsinnig und schmerzverzerrt aus seinem Mund. „Wie soll ich denn noch heute Abend dort sein?“, setzte er lauter und verzweifelter hinzu. Doch dann schüttelte Link den Schädel und ließ sich kraftlos auf die Matratze sinken.

 

„Wenn das so ist, dann lass’ uns in die Kneipe ,Zum lustigen Hylianer’ gehen. Der Wir- hassen- Viktor- Club trifft sich heute. Und das erste Treffen sollten wir nicht verpassen.“

Damit pfefferte der vorwitzige Laundry seinem Mitbewohner einen Mantel in das blasse Gesicht und hoffte ihn somit überreden zu können.

„Du brauchst Ablenkung, Link. Also, was spricht dagegen unter Leute zu gehen.“ Links trübsinnige Augen sahen auf und er atmete laut. „Na gut...“, meinte er und richtete sich sachte auf, schaute nach Zeldas Heilmittel in seiner Hosentasche und folgte William langsam aus dem Zimmer.

 

Von außerhalb der alten Wirtsstube schallten Töne von jungen Burschen, die ein altes hylianisches Friedenslied herunterträllerten, als Will und Link gemächlich eintraten. Vor Links markanter Nase lag eine alte Theke, wo ein kleiner Kerl mit großem Bierbauch und spitzem, grauen Bart Met an hylianische Ritter ausgab, die auf klapprigen Holzstühlen vor der Bedienung saßen. Qualmiger Rauch schlug Link und Will entgegen, die sich geradewegs in der prallgefüllten Wirtsstube zu Artus und Robin drängelten. Zufrieden und lachend saßen die beiden Rittersöhne an einem Holztisch und erzählten sich Geschichten, hegten Pläne, wie sie Viktor, den verdammten Schwertkampflehrer am besten loswerden sollten.

Auf dem Schoss des blondgelockten Artus saß eine junge Dame, vermutlich seine Freundin Elena, von der er vor wenigen Tagen bereits beim Frühstück berichtet hatte. Und nicht weit entfernt hockte die junge, siebzehnjährige Halbgerudo mit einer heißen Tasse Wein auf einem Stuhl in einer Ecke. Ein Umhang bedeckte ihre schmalen Schultern und das lange gekräuselte rostfarbene Haar fiel ungepflegt an ihren spitzen Ohren hinab.

 

Aber sie war es nicht, die Link irgendwie ins Augenmerk stach, sondern eine weitere Person fiel ihm auf, als ob er diese bereits schon einmal erblickt hatte. In einer dunklen Ecke lag ein Kerl mittleren Alters freudlos auf der glatten Tischplatte. Zehn Flaschen, allesamt leer bis auf wenige Tropfen, standen um ihn herum und ab und an erklang ein schauriges Rülpsen aus seinem Mund. Er hatte bereits graues Haar, ungewaschen, zottelig, obwohl seine Gesichtszüge noch jung und frisch wirkten. Er sang von verlorener Liebe und Schmach. Gebrochene Wortfetzen aus seinem dreckigen Mund, wenn ihm der süffige Met nicht aufstieß.

 

Robin Sorman ruderte wie wildgeworden mit den Armen, und wollte so Link und Will bitten, sich zu ihnen zu gesellen. Will packten den träumerischen Link am Arm und schleifte ihn hinüber zu den quasselnden Rittersöhnen.

„Hey, wusste doch, dass ihr beide mal vorbeischaut!“, jubelte Robin Sorman und deutete auf zwei der leeren Plätze am Tisch. „Willkommen zu unserem sagenumwobenen Club- der Viktor- Hasser“, lachte der Schwarzhaarige und trank genüsslich von seiner Milchcreme. Das Mädchen auf Artus Schoss hüpfte auf die Beine und musterte die zwei Neuankömmlinge skeptisch. „Ihr beide seid also Will und Link.“

Wie zwei Idioten wippten die Angesprochenen ihre Köpfe und besahen sich das Mädchen genau. Sie trug zwei geflochtene rotblonde Zöpfe und hatte ein rundliches Gesicht. „Ich bin Elena, die Freundin von Artus. Willkommen in unserem Club“, sagte sie höflich und setzte sich neben ihren Freund an den Tisch. „Du bist auch in diesem Club?“, meinte Will verwundert. „Ja, sicher. Mein Vater hält ebenso keine großen Stücke auf Viktor“, bemerkte sie und hob ihr Gesicht auffallend stolz in die Höhe.

 

Link blickte sorgsam in die olivefarbenen Augen des Mädchens und wusste nun, wo er sie schon einmal gesehen hatte. Das war eine der eitlen Gänse, die Ariana bezichtigt hatten, den Schmuck von einer weiteren eitlen Gans gestohlen zu haben. Soso... das war also einer der arroganten Zicken, mit denen sich Ariana allem Anschein nach nicht abgeben wollte. Da war Arroganz und übertriebener Stolz ein eingebildetes, wohlerzogenes Mädchen zu sein, in den schmalen Augen diese Dame. Genervt schaute Link weg und blickte zu dem besoffenen Kerl in der Ecke, der traurige Lieder über sein Leben sang.

 

„So, dann erklärt doch mal. Was genau wird in diesem Club getan“, meinte Will wissbegierig und fixierte den Blondgelockten am Tisch. Artus, der den Club gegründet hatte.

„Alles das, was nicht nötig ist“, lachte Artus und legte seiner Freundin den Arm um die Schultern. „Wir stöbern in Viktors Vergangenheit und suchen nach Dingen, die uns helfen, ihn entweder loszuwerden oder seinen angeblichen, reinen Namen in den Schmutz zu ziehen.“ Sofort mischte sich Robin ein und ergänzte: „Aber das wichtigste scheint für uns, dass wir einen neuen Lehrer im Schwertkampf bekommen, denn das, was wir bei Viktor lernen, wird uns eines Tages den Hals brechen. Zumindest sagen das unsere Väter.“

William Laundry nickte und wartete auf den Kellner um sich einen Herzbeerensaft zu bestellen. „Ich verstehe“, entgegnete Will. „Link hat mir schon gesagt, dass man mit seiner Technik nicht lebend vom Schlachtfeld zurückkommt.“ Überrascht wurde der unerkannte, unterschätzte Held von vielen, neugierigen Augen angestarrt. „Du hast ihn durchschaut? Wie das?“

Link blickte auf die Tischkante und überlegte sorgfältig nichts Falsches zu sagen. „Ganz einfach: Sein Stil hat zehntausend Fehler. Bei seiner Beinarbeit wird mir schlecht. Ein Bauerntrottel hat eine bessere Schwertführung. Seine Technik ist so billig wie die eines Moblins der dümmsten Sorte und sein Tempo im Kampf ist zum Haarraufen. Wenn Kraft alles ist, was er hat, kann er sich gleich beerdigen lassen.“ Wie ein Wasserfall zählte er die schlechten Eigenschaften Viktors auf und vergaß für einen schwindendkurzen Moment, dass andere nicht wissen konnten, was er wusste. Denn er war der vergessene Heroe, den manche bewunderten, oder aber verabscheuten. Link rollte die Augen angesichts seiner unüberlegten Dummheit und schaute auf die wenigen Gläser, die den Tisch beschmückten. Eine Pause entstand, in welcher keiner der Jugendlichen wusste, was er sagen sollte.

 

Robin hängte dann den Kopf schief und meinte belustigt. „Scheint als wärst du in diesem Club besser aufgehoben als wir alle zusammen.“ Link sah unschuldig grinsend auf und nickte dümmlich. „Hat er dich schon auf dem Kieker?“

„Jep... hab’ schon meine Erfahrungen mit dem Toilettenschrubben.“ Ein verärgertes Seufzen folgte aus Links Mund. „Leider...“ Aber Robin lachte auf die Bemerkung. „Ja, stimmt. Mich demütigt er auch ständig.“

 

„Die jungen Ritteranwärter haben Angst mit Viktors Unterricht meilenweit zu versagen. Und wenn Hyrule irgendwann die künftigen Ritter benötigt, leidet ganz Hyrule.“, fasste Elena zusammen. Aber Link schüttelte den Kopf und sagte streng: „Das glaubst du ja wohl selbst nicht.“

Elena fühlte sich provoziert und gedemütigt. „Wie bitte?“, zürnte sie und verengte die Augen zu Schlitzen.

„Wer von den jungen Rittern ist denn schon so dumm und verbessert seine Künste nicht im Selbststudium? Außerdem gibt es noch andere Fächer, die unsere Fähigkeiten fordern“, argumentierte Link und wusste nicht genau, was es war, aber er konnte Elena einfach nicht leiden. Beleidigt zog Elena ihre eitle Nase nach oben und schwieg.

„Außerdem würde Prinzessin Zelda so etwas nie und nimmer zulassen“, ergänzte der junge Heroe und biss sich auf die Lippe. ,Toll gemacht, du Held, schon wieder redest du von Zelda.’ Das könnte irgendwann auffallen.

 

„Die Prinzessin?“, lachte Elena. „Mein Vater redet häufig von ihr und meint, sie führt sich manchmal auf wie ein kleiner Satansbraten.“ Elena lachte und hob ihre Arme andeutungsweise.

„Jaja, sie ist ein Wildfang“, murmelte Link und entwickelte eine immense Freude daran, Dinge zu wissen, worüber andere einfach nur spekulieren konnten. Sein Wissen würde ihn irgendwann reicher und schlauer machen als andere...

„Und letztens... das muss man sich mal vorstellen, da soll sie in einer wichtigen Versammlung einem Ritter eine Ohrfeige verpasst haben, weil der schlecht über den Helden der Zeit geredet hat.“ Elena lachte und lachte. „Stellt euch das mal vor, die alte Schnepfe verteidigt einen Helden, der von manchen nur als ein Ammenmärchen bekannt ist.“

„Haha...“, sagte Link trocken und versuchte nicht aus der Haut zu fahren. „Ich lach’ gleich mit...“

„Einen Helden, der zu nichts zu gebrauchen ist, weil er ein Niemand ist.“ Links Gesicht wurde rot vor Zorn, aber er beherrschte sich und murmelte: „Ich lach’ noch lauter...“

„Und so etwas verteidigt die Prinzessin. Die hat sich bestimmt in diesen Kerl verliebt.“ Nun wurde Link in seinem Gesicht rot vor Scham und nicht wegen Wut.

„Wie kann man als Prinzessin nur so billig sein!?“, maulte Elena. Aber dieser Kommentar war genug. Link sprang auf und warf grob und laut den Stuhl um, auf dem er saß. „Halt dein überflüssiges Giftmaul und rede gefälligst nicht so über Zelda!“, warnte Link sie. Seine Stimme fordernd und angsteinflössend. Seine tiefblauen Augen eisig und beherrscht. Noch ein Wort und Elena hätte einen Fluch auf dem Hals...

„Nun sei’ doch nicht gleich so gereizt. Was geht dich das denn überhaupt etwas an?“, sagte die junge Dame aus der Mädchenschule.

 

In dem Moment stand Will kopfschüttelnd auf, rückte den Stuhl hinter seinem Kumpel zurecht, packte Link an beiden Schultern, sodass er schneller auf dem Stuhl saß als ihm lieb war. Mit großen Augen schielte Link in die smaragdgrünen des jungen Laundry, der nur den Kopf neigte.

„Was mich interessiert, ist zunächst, was ihr bezüglich Viktor schon herausgefunden habt!“, sagte er und versuchte das Thema zu wechseln, sodass man an den hitzköpfigen Link nicht erst peinliche Fragen herantragen würde. Elena beschielte Link mit giftigen Augen, während er seufzend und schweigsam zu dem besoffenen Kerl blickte, der gerade von einem hylianischen Weib sang, das er begehrte und niemals bekommen hatte. 

 

„Was wir schon herausgefunden haben...“, begann Artus und überlegte grübelnd. „Nicht viel...“, gab er ehrlich zu. „Aber ich weiß, dass es in Viktors Vergangenheit etwas geben muss, womit wir ihn in die Pfanne hauen können. Die Frage ist nur... was?“ Robin erklärte mehr zu diesem Thema und sagte gedämpfter. „Wir haben noch weitere Mitglieder, die heute keine Zeit hatten, zwei von Ihnen sind im vierten Jahr an der Schule.“

„Und weiter?“

„Die haben im letzten Jahr eine... ziemlich schlimme Entdeckung gemacht, was Sir Viktors Vornamen betrifft.“ Damit lachte Robin abgöttisch und verschluckte sich beinahe an der eigenen Spucke. „Sein Vorname sollte so abscheulich sein, dass ihn niemand weiß“, meinte Artus. „Und da hat der Club letztes Jahr seinen wahren Namen zufällig spitz gekriegt.“

Will stemmte die Arme auf den Tisch und bat inständig, dass Artus ihm endlich das Geheimnis erzählte. „Wie heißt er denn nun? Erzähl’ schon!“

„Suffdödel heißt er“, entkam grölend aus Robins Kehle. „Ihr habt richtig gehört: Suffdödel.“ Und damit breitete sich ein heftiges, lautes Gelächter an dem Tisch der Jugendlichen aus, lediglich Link war still und hatte nur den Ansatz eines Grinsens um seinem Mund...

 

Währenddessen wandelte Prinzessin Zelda trübsinnig in den alten Schlossgärten umher, die Nacht klärte auf und sie genoss den milden Wind aus Richtung Ritterschule, der ihr Kunde brachte, dass es dem jungen Heroen gut ging. Sie spürte es, spürte eine Art Erleichterung in Form von Gesellschaft, die ihrem Helden unheimlich gut tat...

Aber sie wusste auch, dass es nicht genug war. Gesellschaft und Beachtung würden nicht ausreichen um die quälenden Anfälle, die ihn umfingen, auszulöschen.

 

Zaghaft trat sie über den geweihten Boden ihres Schlosses, hatte Beruhigung und Sehnsucht in ihrem Blick, träumte und phantasierte über ihren Traum, in welchem Link ihr so nah war wie noch nie... Sie wusste, dass er dasselbe empfand, auch wenn er es nicht verstehen oder definieren konnte. Es war nie anders gewesen, gab auch nicht einen einzigen Grund, weshalb es anders sein sollte. Schade nur, dass er heute nicht kommen würde, dachte sie...

Aber warum nur erschien er nicht? War da mehr als seine übertriebene Sturheit und sein heldenhafter Stolz? War vielleicht etwas geschehen, was sie noch nicht wusste?

 

Nichtsahnend wandelte Prinzessin Zelda in den himmlischen Gärten des Königsschlosses bei Neumond, sinnierte über ihren Traum, erinnerte Links Haut, seine Lippen, und hörte in jenem Moment nicht auf die vielen, leisen Füßen dunkler Kreaturen, die sich zähnefletschend und abartig an sie heranpirschten. Und keine Schlosswache wusste um Zeldas Aufenthalt in den alten Gärten. Keine Schlosswache und kein anderer Ritter ahnte um die mörderische Gefahr, die der Prinzessin in ihrer unschuldigen Ahnungslosigkeit drohen würde...

 

Zurück in der alten Kneipe neben der Ritterschule lachten die Jugendlichen immer noch und ergötzten sich an Viktors Vornamen.

„Aber warum heißt der Kerl denn so?“, meinte Will und schaffte es vor lauter Lachen nicht einmal von seiner Teetasse zu trinken.

„Man erzählt sich, oder besser, der alte Hopfdingen erzählte einst, Viktors Mutter wäre am Kindsbett gestorben und hätte dieses Wort herausgewürgt, als man sie nach dem Namen des Kindes fragte. Und da sich die dümmliche Hebamme keinen besseren Rat wusste, tauften sie den Nachfahren von Sir Viktor in der Zitadelle einfach Suffdödel!“

„Oh Scheiße“, jauchzte Will. „Ich glaub’ ich geh’ kaputt!“ Er lachte so laut wie noch nie im Leben. Er schlug mit der Faust auf die Tischplatte und quakte wie ein Irrer.

„Wenn ich das meinem Vater erzähle, hüpft der aus den Latschen“, bemerkte Will. „Und meine Mutter erst...“, sagte er mehr zu sich als zu den anderen.

 

Und das laute Lachen schreckte nicht nur die junge Halbgerudo auf, die gerade von dem besoffenen Grauhaarigen provokant und anzüglich angesprochen wurde. Verwundert und torkelnd gaffte er hinüber zu den Jugendlichen und seine tränenden, verschwommenen Blicke blieben bei Link haften. Er ergriff die nächste Bierflasche und tapste schnaufend und japsend zu der fröhlichen Runde hinüber.

Mit einem lauten Schlag stellte er die Bierflasche vor die Nase des unbekannten Heroen und murrte angewidert: „Ist dir meine... Sch-mach nicht... ge- genug? Musst du mich jetzt schon... bei Tage... mit deinem unverschämten Ge-sicht verfolgen?“ Er quasselte und sabberte, sodass man seine Worte fast gar nicht verstehen konnte. „Furchtloser...“ Ein beißender Gestank entkam seiner Kehle.

Link verengte die Augen und meinte Ruhe bewahrend: „Könntet Ihr mir zunächst mal sagen, was Ihr von mir wollt? Ich kenne Euch nicht.“ Angewidert wich der junge Held dem Gesabberten des trunkenen Kerls aus und blickte in die verwunderten Gesichter der anderen.

„Du hast mich... zum Teufel gejagt, du... Furcht...“

 

Aber Artus rief nach dem Wirt, der sofort zwei Männer antanzen ließ, die den Betrunkenen aus der Kneipe warfen. Er zankte und fauchte und kreischte, wie sehr er Link verfluche, bis man seine Stimme nicht mehr hörte.

 

„Was war das denn?“, meinte Will und ließ sich erschöpft und ein wenig müde in den Stuhl sacken. Artus wand seinen Schädel über die Tischplatte und erzählte ausdauernd: „Das war Jack Lancus. Hört am besten nicht auf sein Gefasel, auch du nicht, Link, der Kerl hat jeden hier schon mal angequatscht und beleidigt oder blöd von der Seite angemacht. Niemand nimmt ihn mehr ernst, seitdem er seinen Rittertitel verloren hat.“

„Er hat seinen Titel verloren? Warum das?“, wollte Link dem blondgelockten Rittersohn entlocken. Neugierig rutschte auch sein Kopf ein wenig mehr über die Tischplatte.

„Das ist eine lange Geschichte“, erklärte Robin. „Kaum jemand hat Interesse an so einer Geschichte.“

„Ich aber!“, sagte Link lauter und schlug sachte mit der Faust auf den Tisch, wie als ahnte er etwas. Vielleicht wäre es gut, sich an Jake Lancus zu erinnern, irgendwann in der Zukunft und vielleicht sogar irgendwann in der Vergangenheit...

Artus atmete tief aus und begann mit der Geschichte. „Das ganze Drama hat seine Wurzeln in der Vergangenheit der edlen Ritter in unserem Hyrule. Jack Lancus war, so erzählte man sich, ein Freund von Arn Fearlesst, der ist euch doch ein Begriff, oder?“ Will nickte und Link zuckte mit den Schultern. Aber beide hörten sie sich aufmerksam die Geschichte an, die vielleicht auch für den Aufsatz von Link nützlich sein würde.

 

„Jedenfalls hat sich Arn Fearlesst in das schönste Mädchen der Schule gleich neben an verliebt und sie sich in ihn. Und da fing die Streiterei an. Angeblich soll Jack Lancus von Tag zu Tag sich mehr in die Frau von Arn verliebt haben. Immerhin soll sie sehr edel gewesen sein, zuvorkommend und liebenswürdig. Und sie soll vielen Männern Hyrules die Sinne vernebelt haben. An einem schicksalhaften Tag geschah es dann, dass Jack Lancus das Kind der Familie Fearlesst beinahe getötet hätte. Wie er das angestellt hat, ist fraglich, aber in Hyrule gibt es ja genug Flüche und andere Möglichkeiten jemanden umzubringen, was?“

„Soso...“, meinte Link. „Der Typ hat es wahrscheinlich nicht geschafft, oder?“

„Ja, man sagt, Arn Fearlesst hatte ihm dann tausende Flüche angedroht und kurze Zeit später hat Jack Lancus seinen Titel als Ritter und seinen gesamten Besitz verloren... Seitdem kommt er immer in diese Stube und besäuft sich...“

„Ist er doch selbst dran schuld“, lästerte Link und verschränkte die Arme. „Wie kann man auch ein Kind töten wollen!“ Er war angewidert von diesem Kerl und konnte sich nicht vorstellen, wie man so etwas in Hyrule überhaupt dulden konnte.

 

„Tja, die Liebe bringt einen Hylianer eben dazu, das unmögliche zu tun, nicht wahr?“, lachte Robin und grinste schäkernd zu der Halbgerudo hinüber. Sie fing seinen Blick ein, aber schaute dann angewidert weg.

„Ja, die Liebe!“, lachte Artus und küsste die neben ihm sitzende Elena auf die rechte rote Wange. „Nur gut, dass es sie gibt. Ein Ritter wäre nichts ohne sie und sein Schwert.“ 

Robin seufzte. „Jaja, die Liebe...“ Link glotzte wie ein ungläubiger Frosch und Will schaute schamhaft an die Tischkante.

 

Neugierig rutschte Robin näher, der an Wills Verhalten ganz genau auszumachen schien, dass auch ihn die Liebe schon in den Bann gezogen hatte. „Na, hat sich der junge Laundry auch schon an einer hübschen Lady die Zähne ausgebissen?“

„Ja...“, flüsterte er und wurde rot im Gesicht. „Beim Triforce, letztens hatten wir in der Schule Besuch von einer unglaublichen charmanten Lady. Ihr könnt Euch gar nicht vorstellen, wie schön sie war... und ihre blauen Augen...“, schmachtete Will und beförderte sich mit seinem Geschwätz einmal hoch auf Wolke sieben.

 

„Und du, Link?“

Aber Link antwortete nicht. Wie in Trance schaute er ins Nichts, hatte seine tiefblauen Augen auf die graue, hässliche Wand gerichtet und schien mit etwas Übernatürlichem zu kommunizieren.

„Link?“

 

Tatsächlich war er mit seinem Geist zu weit weg, als dass er andere noch verstehen könnte. Seine Augen schlossen sich, fühlten sich erdrückt von Gefahr, von Schmerz und einem Hilferuf, den nur er hören konnte. Hinter seinen Augen blitzte es auf. Kleine Blitze, wie kurze Schreie, gingen sie in die Nacht hinaus...

 

Da war jemand in seinen Gedanken, der sich fürchtete, da war jemand, der nach ihm rief.

Er riss die Augen schreckhaft auf, stolperte von dem Stuhl und kroch auf allen Vieren aus der Wirtsstube hinaus.

Sein Fragment pochte wie ein Hammer unter der Haut. Unerträglich kalt wurde ihm, als er die Kneipe verließ... und etwas tat ihm immens weh, aber er konnte den Schmerz nicht orten und das Gefühl nicht verstehen...

Das war kein Anfall, soviel wusste er, da war etwas anderes, was man quälte, was man ihm wegnehmen wollte...

 

Kalter Nachwind pfiff um Links Hylianerohren, während er auf allen Vieren aus der alten Gaststube herauskroch. Wills Stimme im Hintergrund, und die von Artus und Robin interessierten ihn nicht, denn etwas viel Wertvolleres flüsterte ihm zu, rief ihn zu sich, wollte seine Nähe und das zurück, was einst in ihm schlummerte...

Er kroch vorwärts, unbeeindruckt von einigen Hylianern, die sich über ihn amüsierten, ihn aushöhnten und über ihn lachten als wäre er ein Kasper in der Innenstadt Hyrules...

Er kroch, bis er die Kraft schöpfte auf den Beinen zu stehen, er rannte gegen den kalten Wind, der ihm in das Gesicht blies. Er kämpfte und rannte in Richtung Südwesten, auch wenn ihm die Luft in der Lunge brannte, auch wenn seine schwachen Beine diese Kraftanstrengung nicht duldeten.

 

Er musste sofort zur Hauptstadt Hyrules.

Er musste ins Schloss der Königsfamilie.

Er musste zu Zelda...

 

Stürzend rannte er, rannte und rannte hinaus aus der angesehenen Schule, rannte so weit wie er konnte und so lange ihm die Luft nicht ausgehen würde.

 

Viele hylianische Meilen weiter, umzingelten in den Gärten des Königsschlosses dunkle Gestalten mit einem blutroten Dreieck auf der Stirn ein edles Geschöpft hoher Geburt. Sie kreisten sie ein, gifteten sie an, bis scheußliche Klingen sich an ihrem Leben vergreifen wollten... Schaurige Schreie hallten in den Schlossgärten umher, Schreie von Hylianer und Dämon, die selbst in den höchsten Türmen gehört werden konnten...

 

Das Triforce hatte seinen Dienst einmal wieder erfüllt... Eine mächtige Verbindung zweier Triforceträger überwand Zeit und überwand die vielen Meilen zwischen ihnen. Das Triforcefragment des Mutes warnte seinen Träger vor dem schmerzlichsten Verlust überhaupt... Doch diesmal würde Link nicht zur Stelle sein, wenn man seine Seelenverwandte bedrohte. Und diesmal konnte er sie nicht beschützen...

 

In den alten Gärten des majestätischen Schlosses geschah Unabdingbares... Das Schloss thronte wie eine gigantische, dunkle Festung auf seinem Grund und nicht ein Lichtstrahl wagte sich aus den vielen Spitzbogenfenstern und durch die Spalten der vielen verzierten Türen. Das alte Schloss war diese Nacht nicht mehr das graue Werk erfahrener Baumeister. Diese Nacht war es die dunkle Kreation widerwärtiger Mächte Hyrules.

Und auch dort, wo Prinzessin Zelda wandelte, erhellte kein einziger Lichtstrahl die rabenschwarze Nacht. Sie wimmerte, während sie rannte, erfuhr unermessliche Angst, die sie zuletzt in der Teufelsfestung Ganons erfahren und ertragen musste. Nur dort, gab es ein Licht, welches sie begleitete, beschützte. Ein Licht, welches nun erloschen schien...

 

Sie rannte eingehüllt in ihrem weinroten Umhang, rief um Hilfe und doch wollte sie niemand hören in jener schicksalhaften Minute endenden Fleisches und unsterblichen Wahns...

Überall waren glühende Augen in dieser vergänglichen Nacht. Von überall her tönten schaurige, lustbetonte Stimmen, deren Besitzer es genossen dreckige, rostige Klingen in unschuldiges Fleisch zu bohren. Dämonen, die sich an ihrer Mordlust ergötzten und absurden Triebe Folge leisteten. Sie waren überall. Nicht ein Fluchtweg gab sich ihr preis. Und sie näherten sich... Übernatürliche Augen auf ihrem Weg das Opfer zu brandmarken...

 

Prinzessin Zelda hetzte weiter durch die dunklen Gärten, rief um Hilfe und rief letztlich nach dem Helden der Zeit, der vielleicht die Schuld trug, dass sie hier mörderische Gefahr und lähmende Angst zu bekämpfen hatte. Sie rief nach ihm, als sich die Kreaturen preisgaben: Männer in schwarzen Kutten mit einem blutroten Dreieck auf der Stirn dienend nur dem stärksten Fragment der goldenen Macht, dienend nur der Macht, die immer schon Begehr des Bösen wurde...

 

Als die Dunklen die unbefleckte Prinzessin umzingelten, sangen sie ihren Reigen des Wahnsinns. Es klirrten Lieder tausender Alpträume in den prächtigen Gärten des unbewachten Königsschlosses.

„Was wollt ihr!“, rief die junge Königstochter und blickte angstvoll um sich. Sie waren überall. Diese Todesboten. Verdammte, die nur die Macht als einzigen Herren hatten. Zeldas hellblauen Augen zuckten von einer Gestalt zur nächsten, lasen, suchten nach Flucht und Hilfe.

„Eure Angst, Prinzessin des Schicksals“, zischte einer der Geschundenen, trat nach vorne und ließ seine schwarze Kapuze nur soweit nach hinten gleiten, dass Zelda ein Paar glühende, unreine Augen erblicken konnte. Augen, in denen Rache und Tod geboren wurden durch dumme Wünsche und Gier nach Übermacht.

„Wenn Ihr leidet, so leidet der Held der Zeit noch mehr“, schnalzte jener Dunkle, der ebenso wie die anderen ein blutrotes Dreieck auf der Stirn trug.

„Ihr wollt den Helden der Zeit leiden lassen?“, lachte Zelda übermütig. „Ihr, mit Eurer übertriebenen Dummheit, mit Eurer ekelhaften Gier nach Macht. Ihr seid doch nur Verschmutzte, die von schwarzer Magie vergiftet wurden.“ Denn das sagte ihr die Aura jener Gestalten, die vielleicht einmal Hylianer gewesen sind.

„Ihr könnt dem Helden der Zeit nicht schaden. Ihr unterschätzt ihn!“ In dem Moment umhüllte sich die junge Prinzessin mit einem Schutzfilm goldenen Lichtes, hoffte, ihre Magie würde ausreichen um sich selbst in Sicherheit zu bringen.

„Vielleicht unterschätzen wir ihn, aber Euch, Eure eingebildete Hoheit, braucht man nicht unterschätzen... Denn Ihr seid nur ein Kind!“ Und ein widerlicher Kampf entbrannte, indem sich die in schwarzen Kutten gehüllten Diener des Bösen auf die junge Prinzessin stürzten und man nur die glockenhellen Schreie Zeldas in dem Schloss hörte...

 

Und weitere Bereiche des Schlosses wurden in jenem Augenblick angefallen. Feuer brach aus, wessen Flammen hoch in die Nacht türmten...

 
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