21. Kapitel
 

Kapitel 21

 

 

In der stillen Nacht des großen Mischwaldes um den ,Verlassenen Hügel’ im Norden, wandelte noch mehr als der blonde Jugendliche, der sich auf gemacht hatte, Prinzessin Zelda zu besuchen. Hier, wo Link sich vorwärtsbewegte, wo ihm immer mehr die Luft ausging, bewegten sich zwei weitere Füße voran. Eine umhüllte Gestalt, die mit Freude den Klängen einer Eule, dem Plätschern des nahen Baches und dem Rauschen des Windes lauschte.

 

Es war eine der klaren Nächte, wo Mächtige und auch die, die ihre Macht lange nicht mehr genutzt hatten, umherwandelten und sich an ihr altes Selbst erinnerten. Es war Nacht in Hyrule. Eine klare Nacht, die für Gutes und für Böses Wunderwerke versprach. Doch hier in jenen Wäldern bei dem Glücksteich war alles friedlich entgegen dem Geschrei und dem Feuer, welches gerade hinter den Schlossmauern der Königsfamilie versteckt in den Himmel schlug...

 

Link war so lange gerannt bis er nicht mehr konnte. Seine müden Glieder zitterten und er brach ausgelaugt und mitgenommen auf die schlotternden Knie, stützte seine rauen Hände im kalten Gras ab und fühlte eine beißende Angst in sich aufkeimen, die er zuletzt erlebt hatte, als er in die empfindungslosen Teufelsaugen des Schreckensfürsten geblickt hatte.

Er murmelte immer wieder: „Zelda...“ Leise, vielleicht ungewollt und wimmerte. Was geschah bloß mit ihr, fragte er sich, fühlte deutlich einen Schmerz, wusste ihn aber nicht zu beschreiben und wusste, der Grund war Zelda, dass er fühlte, dass er litt...

 

Gerade in dem Moment fiel ihm in der Finsternis eine Person auf, die sich zielstrebig, aber leicht hinkend in seine Richtung bewegte. Er sah nicht viel, nur einen Umhang, der die Person verbarg. Sie trat näher, auch wenn man Link in der Dunkelheit nicht ausmachen konnte, so war er ihr Ziel. Und während sie näher trat, wich die Finsternis langsam zurück, die vorher noch so natürlich in diesen Wäldern existierte. Hell wurden die Wäldern mit jedem Schritt, den jene Person tat. Hell und silbern...

 

Die großen Blätter der alten Bäume schillerten wie Schnee im warmen Sonnenlicht. Das Gras tanzte wie tausende kleine Eisennadeln über dem Boden. Und selbst die eigene Atmung kam silbernschimmernd und ungewöhnlich leicht aus seinem Mund...

 

Verwundert sah Link auf, blickte um sich, als wäre er das erste Mal in Wäldern unterwegs und schaute dann wieder angestrengt zu der Person. „Zelda? Bist du das?“, sagte er leise und wünschte sich beinahe sehnsüchtig, dass sie es war, dass es ihr gut ging und der unbegreifliche Schmerz in ihm nicht von ihren Leiden herrührte...   

„Nein, das bin ich nicht“, sagte die Person und da wusste Link, dass es sich um eine ältere Frau handeln musste. Ihre Stimme war zwar gewaltig, aber abgenutzt und ein wenig schief.

„Was machst du hier, du dummer Junge? Zu so später Stunde in deinem bemitleidenswerten Zustand?“ Kein Zweifel, Link wusste nun, dass es jene alte Dame aus der Vision gewesen sein musste, die er vor wenigen Tagen früh Morgens hatte.

„Ich bin kein dummer Junge!“, schimpfte Link, wurde misstrauischer und wollte aufstehen, aber die Dame kniete nieder und umfasste mit einem immens festen Griff seine Oberarme. ,Was für eine Kraft’, dachte er. Ihre alten, runzligen Händen waren grob und ihre spitzen Fingernägel drückten sich in seine Haut. Er sah ihre dunklen Augen schimmern, aber mehr gab sie von ihrem Gesicht nicht preis. Sie grunzte.

 

„Du bist noch dümmer als dein Vater“, sagte sie und grunzte wieder, als ob ihr Schweine das Lachen beigebracht hatten. Link stockte der Atem. Was sollte er darauf auch sagen? Keinen Sinn ergab das, was diese alte Hexe- denn mit ihrem Getue benahm sie sich wie eine- hier von sich gab.

 

„Mein... Vater?“ Ungläubig starrte der Heroe auf, wollte diese Dame durchschauen, aber ihr Gesicht verbarg sich ihm, als dürfte er nicht wissen, wer sie war. Die helle Kapuze bedeckte fast alles von ihrem Gesicht und wenige silberne Strähnen ihres Haares fielen aus der Kapuze heraus.

 

Sie stand wieder auf und drehte sich langsam im Kreis, erfreute sich an den vielen Lichtern, die in dem Wald umhertanzten. Wie kleine Feen sprudelten die silbrigen Lichter umher, wirbelten dann auch um Link, besänftigten ihn, nahmen ihm das Misstrauen.

 

„Dein Vater war ein edler Mann“, sagte sie leise. „Und trotzdem dumm... bedenke man die vielen Dinge, für die er sich aufgeopfert hat, bis zu dem Tag, an dem er für den König starb...“ Links Augen waren starr angesichts dieser Worte und ein kleines Stückchen Wahrheit lag darin.

„Ihr kanntet ihn?“, murmelte er und blickte traurig zu Boden. 

„Ja, ich kannte ihn gut. Wie sollte ich auch nicht?“

„Dann sagt mir bitte, wer er war und wer Ihr seid!“, rief Link, hüpfte auf die Beine und trat näher an diese unbekannte Frau heran. „Sagt schon. Bitte beantwortet mir diese Fragen!“, rief er, wollte mit allen Mitteln das Wissen darum in sich aufnehmen dürfen. Aber ihr Blick finsterte sich und sie schüttelte mit dem Kopf. „Glaubst du, das tut dir gut, dummer Junge?“ Link wich zurück, fühlte sich erdrückt von seinen ahnungslosen Wünschen, seine Ursprünge zu kennen. „Du wirst noch früh genug erfahren, wer dein Vater war und wer du bist. Aber nicht heute. Noch ist es zu früh“, erklärte sie, hob ihre Arme und fing einige der silbernen Lichter auf.

„Warum ist das zu früh? Ich habe, seit ich denken kann, darauf gewartet, es zu wissen!“, brüllte er und fühlte seine eigene Macht des Mutes brodeln.

 

„Schau’ dich doch einmal an! Willst du deine Seele mit noch mehr Ungewissem und noch mehr Schmerzen belasten?“ Sie lachte. „Du bist eben ein einfältiger, kleiner Junge.“ Er ballte die Fäuste und hatte keine Lust mehr auf solche biestigen Gemeinheiten.

„Schön! Und wisst Ihr, was Ihr seid!“, rief er verärgert. „Ihr seid eine alte Schachtel, die denkt, dass sie mit ihren Spielchen geheimnisvoll rüberkommt. Ihr seid doch nur ausgetrocknet und in die Jahre gekommen und schämt Euch womöglich für Euren Namen, sonst würdet Ihr ihn mir sagen.“

„Das hast du nicht umsonst gesagt, du dummer Junge.“ Und ihre Stimme wurde gewaltiger, während sie sprach. Ihre dunkelblauen Augen leuchteten und glühten beinahe unnatürlich und schickten mit einer einzigen Windböe den jungendlichen Querdenker auf die Knie. Link zappelte und beschimpfte die Frau weiterhin, sie grunzte aber bloß.

 

„Kein Zweifel, du bist genauso dumm und hitzköpfig wie den Vater“, lachte sie, hielt ihm einen Zeigefinger vor die Nase und meinte. „Jaja, du hast genau die gleiche Nase wie dein Vater, und ähnliche Gesichtszüge. Aber deine Augen, die hast du nicht von ihm und auch nicht gänzlich von deiner Mutter, obwohl... nein, eigentlich sind es ihre Augen...“, meinte sie und Link war wieder sprachlos.

„Warum bist du hier?“, sagte sie streng und finsterte wieder ihre Augen auf unnatürliche Weise. „Das geht Euch überhaupt nichts an!“ Link wollte aufstehen, zappelte wie ein Lamm auf der Schlachtbank, aber sie hielt ihn fest in ihrem magischen Bann. Keine Chance sich zu wehren. Keine Chance auf Befreiung...

 

„Warum bist du hier!“, wiederholte sie schärfer und starrte bedingungslos in seine tiefblauen Augen. Sie legte zwei drei Zeigefinger an seine Kehle, fühlte dort eine dicke Blutader pulsieren und plötzlich brachen die Worte ohne den Willen Links aus seinem Mund. „Ich muss zu Prinzessin Zelda, weil etwas nicht mit ihr stimmt“, platzte es aus ihm hervor, ohne dass er das wollte. Diese alte Hexe konnte nicht nur irgendwelche Lichtfäden in den Wäldern spinnen, nein, sie konnte jemanden sogar zum Reden bringen, selbst, wenn er Schweigen wollte. Wie grausam! Link glotzte als ob er von der Stadt der Ooccoos hoch in den Wolken abgestürzt wäre und brachte folglich nur ein Stottern aus seinem Mund.

 

„Aha... und du glaubst, dass du noch rechtzeitig bei ihr bist? In deinem jämmerlichen Zustand, mein dummer Junge!“ Sie löste den magischen Bann mit einer ungewöhnlichen Handbewegung und Link schlug sofort ihre alte, runzlige Hand an seiner Kehle weg.

„Lass’ mich dir eines sagen, egal, ob du dich daran halten wirst, oder nicht.“ Links Augen befürworteten ihre Geschwätz zwar nicht, aber anhören konnte er es sich.

„Es gibt viele Gründe, weshalb es nicht ratsam ist, dich in das Schloss zu begeben...“

„Und die wären?“, sagte er grantig.

„Zunächst weiß ich aus verlässlichen Quellen, dass du im Moment nicht gerade fit bist, mein kleiner Held der Zeit.“ Link starrte die Dame an als wäre sie eine Überraschungstüte. Er war entsetzt und fühlte sich leicht gedemütigt.

„Ihr wisst es...“, flüsterte er und blickte beschämt zu Boden. Sie nickte und fuhr fort: „Zweitens gibt es im Schloss wenige Befürworter, die dir eine Audienz bei der Prinzessin erlauben würden. Und drittens wird die Prinzessin selbst vielleicht sehr verärgert sein, dass ihr Freund nicht eher dran gedacht hat, sie zu besuchen.“

,Zum Teufel’, dachte Link. Woher wusste diese alte Gans über jede Kleinigkeit seines Lebens bescheid. Sie war Wahrsagerin oder so... die einzig logische Erklärung...

 

Eine Pause entstand und Link trat an einen kleinen silbern leuchtenden Baum heran, zupfte an den glitzernden Blättern und fühlte sich fast ein wenig besser, als er den kleinen Bewegungen der Zweige und Äste zusah. Alles war so friedvoll hier, so natürlich, so angenehm und richtig... Warum konnte es in seinem erbarmungslosen Leben nicht so einfach, so schön sein. Warum konnte seine Seele nicht so unberührt sein?

 

„Deine Verbindung zur Prinzessin hat nicht nur etwas mit dem Fragment zu tun“, begann die Alte, trat näher und legte ihre runzligen Hände vertrauenssuchend auf seine angespannten Schultern. Verärgert über diese Form von Nähe stapfte Link weiter und hielt ausdauernd Abstand zu der alten Dame.

„Da ist mehr zwischen Mut und Weisheit als zwischen Weisheit und Kraft, oder Mut und Kraft...“ 

„Was soll das nun schon wieder heißen? Wollt Ihr mich um den Verstand bringen?“

„Nein, das schaffst du auch alleine“, höhnte sie. Link rollte die Augen und stapfte genervt einige Meter weiter. „Das Band, welches euch beide Triforceträger verbindet, ist etwas viel stärkeres und kostbareres als eine goldene Macht. Etwas, was dir fehlt, was du vermisst, was du mehr ersehnst als alles andere, aber nicht definieren kannst. Und ich wünsche mir für dich, dass du diese Sache sehr bald erkennen wirst.“ Und beinahe hätte Link ein Lächeln aus dem alten Gesicht sehen können. Stattdessen fiel die Kapuze wieder verschleiernd über das Gesicht der Alten.

„Du vermisst etwas so Einfaches, so Natürliches, um das du mit deiner Ausstrahlung, deinem Charisma, und natürlich mit deiner Ansehnlichkeit nicht betteln musst... Du vermisst Liebe.“

 

Link verkrampfte sich, schaute zu den silbernen Grashalmen und schwieg. Was sollte er darauf auch sagen? Er wusste, dass es sicherlich die Wahrheit war, aber Liebe war ihm nun mal so fremd wie einem Untoten das Leben. Er hatte schon lange aufgegeben, daran zu glauben, dass auch er einmal Liebe erfahren würde, verstehen würde, was es war, wie es sich anfühlte. Aber wie sollte man jemanden wie ihn lieben können? Einen Helden, der nichts besaß. Einen verbitterten Fünfzehnjährigen, der mit jedem Kampf um Leben oder Tod mehr von Gefühl und Empfindungen eingebüsst hatte. Wer sollte jemanden wie ihn überhaupt lieben wollen? Jemanden, der ständig unterwegs war und keinen festen Platz hatte...

 

Die Dame trat näher, empfand Mitgefühl und tiefe Traurigkeit, als sie den Jungen anblickte. Er wirkte so verwundbar, so erniedrigt und wenn sie es nicht besser wüsste, so hätte sie Tränen schimmern sehen können. Er wusste es, nicht wahr? Er wusste, dass es die Liebe war, die ihm fehlte. Eine Umarmung. Gefühlvolle Worte und einfach nur Nähe von jemandem, der ihn nicht als den gefallenen Helden ansehen würde.

 

„Es tut mir leid für dein Schicksal, Link...“, sprach sie ruhig und trat wieder näher. Aber der Fünfzehnjährige wand sich ab und murmelte abtuend: „Was soll das Ganze hier überhaupt? Ihr kennt mich nicht und ich... glaube nicht, dass Ihr Interesse daran habt, mich zu verstehen...“

„Doch das habe ich und ich wollte dir helfen. In deinem Kampf gegen dich selbst. In deinem Kampf gegen dein Schicksal.“

„Ihr besitzt Magie. Wenn Ihr mir helfen wollt, dann helft mir ins Schloss“, sagte er sofort und versuchte den Schmerz nicht an die Oberfläche zu lassen, den sie herausgefordert hatte. Den vertrauten Schmerz, einfach alleine zu sein in der grausamen Welt um Hyrule. Allein in den vielen kalten Nächten, wo es niemanden gab und niemanden interessierte, ob er überhaupt noch existierte.

 

„Das könnte ich. Ich könnte dir ins Schloss verhelfen. Aber das kann ich mir zu deinen Gunsten und zu den Gunsten der Prinzessin nicht erlauben.“

„Und was, wenn etwas mit ihr passiert ist!“, kreischte er. „Könnt Ihr Euch dann überhaupt noch etwas erlauben in Eurer merkwürdigen Geheimnistuerei?“

„Ach sieh’ einer an. Du beschimpfst andere, sich an ihren Geheimnissen zu ergötzen. Bist du denn besser als ich? Genießt du es nicht, mehr zu wissen als andere? Mehr zu sein als jeder andere Schüler? Genießt du nicht deine unbekannte Berühmtheit?“ Link sah erschrocken auf. Diese Dame wusste einfach alles von ihm, mehr als ihm lieb war und mehr als er verstehen würde...

 

„Und was soll ich jetzt machen?“ Trübsinnig sah er zu Boden. Er konnte nicht einfach so tun, als ob alles in Ordnung war. Er spürte, dass Zelda ihn brauchte. Den Grund für dieses Gefühl wollte er mit allen Mitteln herausfinden und das konnte er nur im Schloss.

„Du solltest die Ruhe bewahren.“

„Ihr habt gut Reden und Lachen könnt Ihr auch ganz vorzüglich, aber mir einen Ratschlag geben, dazu seid Ihr nicht in der Lage, wer immer Ihr auch sein wollt.“ Sie wand sich zu ihm mit stechenden Augen. „Wenn du fühlst, dass etwas nicht stimmt mit der Prinzessin des hylianischen Volkes, würdest du auch fühlen, dass sie in Lebensgefahr ist. Ist sie das?“ Und die Alte runzelte ihre faltenreiche Stirn. Link schüttelte lapidar den Schädel.

„Heißt das...“ Die alte Gestalt in dem Mantel nickte.

„Du solltest aufhören mit deinen unbedachten Folgerungen... Sie ist nicht in Lebensgefahr... nicht mehr...“ Damit wand sich die Gestalt um und lief in den Schatten der Bäume hinein, verabschiedete sich mit einem freundlichen Glimmen ihrer blauen Augen.

„Geh’ zu der Hütte am Glücksteich, mein dummer Junge.“

„Werde ich Euch wiedersehen?“, murmelte Link.

„Gewiss. Dann, wenn du es nicht erwarten würdest. Und ich hoffe, nicht zu früh... nicht in der falschen Zeit...“

 

Ihr Schatten verschmolz mit dem der alten Bäume und ihr Gesicht wie auch ihre Seele entschwanden geheimnisvoll... Und das silberne Licht erlosch ebenso in einem schicksalhaften Moment um Wahrheit und Betrug...

 

 
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