22. Kapitel
 

Kapitel 22

 

 

Als Lassario Laundry -unwissend von den Ereignissen im Schloss- von seinem Dienst nach Hause kam, drohte bereits der Sonnenaufgang...

Er war so entsetzt über die wahre Identität des unterschätzten, jungen Link, dass er doppelt so lange gebraucht hatte, um den Weg nach Hause zu finden. Verfranst hatte er sich mehr als einmal. Schilder hatte er übersehen oder ignoriert, da er sich zunehmend Gedanken um den Jungen machte, der nicht einmal seinen Nachnamen kannte.

Ausgerechnet ihm hatte das Schicksal die Bürde auferlegt, ein Held zu sein, zu dem man aufblicken sollte, der mutig und tapfer in den Kampf ziehen würde.

Wie nur sollte ein Kind, denn Link war für Lassario nicht mehr als ein einfaches Kind, diese Bürde tragen und bewältigen?

Er verstand es einfach nicht. Er wollte es nicht verstehen...

So viele tapfere Ritter gab es in Hyrule. Warum ausgerechnet Link? Ein Junge, der fern abseits der Zivilisation aufgewachsen war und niemanden hatte außer sich selbst?

 

Lassario schüttelte den lebenserfahrenen, aber verworrenen Schädel und erblickte von weitem auf der Steppe das kleine gemütliche Blockhaus, wo Belle und Lilly auf ihn warteten. Er freute sich auf seine Familie, Belles leckeren, deftigen Eintopf, ihre Umarmung, und auf die kleine Lilly, welche wie ihre verstorbene Großmutter ihrem übersinnlichen Treiben nachging...

Aber der Gedanke an Link blieb, vielleicht auch deswegen, weil der Junge mit dem blonden Schopf ihn an jemanden erinnerte. Er erinnerte ihn an die Vergangenheit, die er abgeschlossen hatte und die er, ignorant und stur wie Lassario eben war, vergessen wollte...

 

Die Stute Katarina trabte gemächlich weiter, über eine kleine Steinbrücke, wo ein kleiner Bach entlang sauste, an einem kleinen Waldstück entlang, bis der gut gebaute Ritter seine Frau Belle vor dem Haus erblickte. Sie spannte eine Leine für ihre Wäsche von dem gemütlichen Häuschen zu einem nahestehenden, kräftigen Baum und steckte unterschiedlichste Bekleidungsstücke an die Leine. Sie sah schön aus, so wie immer, dachte der Mann. Ihr langes dunkelrotes Haar verlief heute offen bis zur Hüfte und ihre smaragdgrünen Augen schillerten mit Freude als sie ihren Mann entdeckte. Sie lächelte, stellte den geflochtenen Korb in ihren Händen zu Boden und tapste näher.

 

Trübsinnig, aber froh, zu Hause zu sein, schwang sich der Ritter vom schwarzweißgefleckten Pferd und umarmte seine Gemahlin innig.

„Guten Morgen“, sagte sie und streichelte durch sein dunkles Haar. „Du bist spät, heute.“ Er drückte einen Kuss auf ihre Wange und führte Belle in das Häuschen. „Ja, entschuldige Belle, aber im Schloss war einiges los...“ Beunruhigt sah sie in seine braunen Augen, nahm ihn an der Hand.

„Erzähl’ mir das bei einem ordentlichen Essen.“ Er nickte.

„Es gibt Eintopf?“ Sie grinste bejahend.

„Woher weißt du das denn schon wieder, Liebster?“

„Meine empfindliche Hylianernase hat den leckeren Geruch schon von Weitem wahrgenommen“, eiferte er und trat gähnend über die Türschwelle.

 

Zufrieden schnallte Lassario sich Rüstung und Waffen vom ermüdeten Körper und machte sich genüsslich in der warmen Küche breit. Er pflanzte sich auf einen gepolsterten Holzstuhl und belud den großen Suppenteller vor seiner langen Nase mit Suppe aus Belles duftendem Metallkessel. Seine Gattin brachte ihm frisches Brot und betrachtete sich skeptisch sein rätselhaftes Gesicht. Sie wusste, dass er etwas verschwieg. Sie wusste, Lassario betäubte Schmerz oder Trübsinn immer mit dem Schweigen und fraß alles in sich hinein. Nur einige Male hatte er sich zu Streitereien und fiesen Worten hinreißen lassen. Denn ansonsten war er der lebensfrohste, liebevollste Mensch überhaupt.

„Wo ist denn überhaupt unsere kleine Fee?“ Der Vater in Lassario kam zum Vorschein. Wie immer nannte er seine kleine Tochter mit lieblichen Kosenamen.

„Sie schläft jetzt... hoffe ich.“ Belle blickte besorgt zur Seite und setzte hinzu: „Sie hatte wieder ihre Alpträume.“

„Schlimm?“ Belle nickte. „Diesmal waren es verbrannte Dörfer und Leute mit schwarzen Kutten. Sie hat die gesamte Nacht nicht mehr geschlafen...“ Der Trübsinn in Lassarios Gemüt wurde von Besorgnis überschattet. Er aß den vollgefüllten Teller in wenigen Sekunden leer und stand auf: „Lass’ uns mal nach ihr schauen.“

 

Als der besorgte Vater in das Zimmerchen seiner Tochter eintrat, war Lilly nicht in ihrem Bett vorzufinden. Sie stand mit ihrem weißen Nachthemdchen und mit geröteten Augen vor einer heruntergebrannten Kerze und hatte diese mit ihren kleinen Kinderhänden umschlossen.

„Lilly?“, murmelte Lassario fragend, nahm die Kleine auf den Arm und tätschelte ihr den dunkelroten Schopf. „Papa, du weißt es, oder?“, sagte sie und fasste in den braunen Dreitagebart ihres Vaters. „Linkelchen ist ein goldener Hylianer, das weißt du jetzt auch“, sagte sie und lächelte mit ihren großen Kinderaugen. „Ja, mein Schatz, ich weiß es.“

Sie lachte: „Das ist ganz toll, Papa.“ Er umarmte die kleine Lilly, legte sie in das Bettchen und deckte sie zu. „Jetzt schlaf, Lilly.“ Sie nickte, schloss die smaragdgrünen Augen und seufzte.

 

Zurück in der Küche aß Lassario den zweiten Teller von Belles Eintopf. Aber Belle war missmutig und stemmte die Hände vor ihrem Gatten auf dem Tisch ab.

„Was weißt du über Link?“, sagte sie streng. Aber Lassario atmete nur laut aus, rutschte mit dem Stuhl einige Zentimeter zurück und gab Belle einen gutgemeinten Wink, den sie verstand. Er deutete auf seinen Schoss und sie setzte sich sofort darauf.

„Ich bin ein wenig durcheinander, meine Liebste.“ Lassario umarmte sie fest.

„Das habe ich vorhin schon gemerkt“, äußerte sie und schaute streng in die Augen ihres Mannes. „Und du bist besorgt, was mich mehr als beunruhigt.“

Seine schokoladenbraunen Augen schlossen sich und eine gewisse Unruhe ging von ihm aus.

 

„Wir müssen uns um Link kümmern...“, murmelte er und öffnete die Augen langsam.

„Du möchtest mit ihm reden? Woher der Sinneswandel, Lassario?“ Er fuhr sich über die Lippen und wischte die letzten Spuren des leckeren Eintopfes vom Munde.

„Ich hatte ein Gespräch mit Prinzessin Zelda persönlich über den Jungen.“ Belle fiel beinahe von seinem Schoß angesichts des Satzes. Ihre Augen schillerten mit übelster Verwunderung. Eindringlich blickte sie ihren Mann an, bat ihn, ihr das Geheimnis endlich anzuvertrauen.

„Die Prinzessin? Wie bitte? Sie hat mit dir über Link geredet? Über Link?“

„Ich glaube, Prinzessin Zelda und der junge Link sind seit langem Freunde.“

„Oh...“ Die Überraschung in Belles Gesicht machte sie in den Augen Lassarios noch schöner. Er küsste sie und fuhr mit den Erklärungen fort. „Wir sehen ihn alle mit falschen Augen, Belle.“ Sie schwieg und runzelte die Stirn. „Er ist nicht nur mürrisch, oder einsam... er ist wütend...“ Mehr und mehr Mitleid nahm Belle ein, als sie an den trübsinnigen Jungen dachte, den sie vor wenigen Tagen angefahren hatten.

 

„Wütend? Auf was oder wen?“

„Sich selbst... und auf sein Schicksal...“ Sie lehnte die Stirn gegen die ihres Mannes. „Auf sein Schicksal?“ Lassario antwortete nicht und schien seine Stimme verloren zu haben. „Muss ich dir erst alles aus der Nase ziehen, mein Liebster?“, sagte ihre warme, fürsorgliche Stimme.

Aus Lassarios Augen drang Rechtschaffenheit und Trübsinn, aber auch Mitgefühl und Anteilnahme. „Dieser Junge... Belle...“ Er wurde leiser mit den Worten, worauf seine Gemahlin ihn beinahe grob an den Hylianerohren packte, sodass seine Augen ihre wieder trafen. „Er trägt ein Abzeichen der Göttinnen... Er trägt die Macht des Mutes in sich...“ Endlich war es raus. Endlich hatte er die Worte aus seinem schweigsamen Mund befördert.

Nun war es Belle, der die Worte in der Kehle stecken blieben.

„Der Junge, Belle, dieser unschuldige Junge ist der Held der Zeit... der Held, der in der anderen, vergessenen Zeit scharenweise Dämonen und den Fürst des Bösen mit seinen eigenen Händen getötet hat...“ Entsetzt legte die rothaarige Frau eine Hand vor ihren Mund und leichte Tränen funkelten in ihren Augen.

 

„Aber... das kann nicht sein“, wisperte sie. „Warum ausgerechnet Link?“

„Auch ich habe mir diese Frage schon gestellt...“ Damit trat Lassario auf die Beine und lief hinüber zum Fenster. Die Sonne schien außerhalb und ein milder Herbsttag begann.

Herabgefallene, bunte Herbstblätter tanzten in den Lüften und nicht weitentfernt hüpften Eichhörnchen über einen Gartenzaun...

 

„Bei den Göttinnen, er ist doch nur ein einsamer Junge...“, hauchte Belle, lief mit ausgestreckten Armen zu ihrem Gatten und schlang die Arme um seine Körpermitte. „Und du sagtest, er wäre wütend auf sein Schicksal? Hat die Prinzessin dir das auch mitgeteilt?“ Er nickte stumm.

„Ist er wütend auf das, was er getan hat oder...“, fing sie an und ihre Worte endeten fraglich.

„Er, so sagte die Prinzessin, macht gerade eine herbe Zeit durch, und ist wütend, weil er nicht mehr das tun kann, was in seiner Pflicht liegt, weil ihm die Kraft fehlt...“ Belle bohrte den Kopf in den breiten Rücken ihres Mannes. „Ich kann das einfach nicht glauben.“

„Ich auch nicht... aber Lilly wusste es die ganze Zeit.“

„Ja, in ihr stecken tatsächlich die Fähigkeiten deiner verstorbenen Mutter.“

„Ich wünschte, sie wäre hier, unsere eingebildete, alte Hexe. Sie wüsste Rat und sie wüsste, was man tun sollte.“ Belle lachte beherzt auf und lächelte. „Aber dafür sind wir ja jetzt eingeweiht. Und vielleicht können wir dem Jungen helfen, auch wenn ich noch nicht verstehe, was wohl der Grund sein mag, dass er so verletzlich, so traurig ist.“

„Meinst du, es liegt daran, weil er keine Familie hat?“, meinte Lassario.

„Weiß nicht. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass das der einzige Grund ist. Am besten wir reden heute mal mit ihm. Heute ist doch schließlich das Fest für die Ritterjungen. Aber da fällt mir ein: Weiß Will das Geheimnis um Link?“ Sofort schüttelte Lassario den Schädel. „Nein, und die Prinzessin bat mich darum, es Will nicht zu sagen.“

„Wie?“

„Du hast richtig gehört. Sie möchte, dass Link es ihm aus freien Stücken, von sich aus, mitteilt. Sie möchte, dass Link wieder anfängt Vertrauen zu jemandem zu fassen, denn das ist eines der Dinge, der er umgeht. So waren ihre Worte.“ Belle nickte: „Okay... aber wir werden heute trotzdem mit Link reden... Irgendwie mache ich mir Sorgen um ihn, als ob er zur Familie gehören würde.“

„Du weißt, dass das nicht sein kann...“, sagte Lassario sofort und verbat ihr mit einem bitteren Blick das Streitgespräch von neulich wieder anzufangen. Das Streitgespräch über die Vergangenheit der Familie Laundry in Hyrule.

„Jaja...“, murrte sie, räumte das dreckige Geschirr vom Tisch und setzte bissig hinzu: „Mein lieber Ehemann hat ja keine Lust in der schmerzhaften Vergangenheit herumzuwühlen.“

„Bitte, Belle“, erklang es matt.

„Schon gut...“ Damit war das Thema für Lassario vom Tisch, aber Belle blickte mit ihren durchdringenden, smaragdgrünen Augen erforschend nach draußen und hatte immer noch den Gedanken, dass Links Äußeres, seine hitzköpfige Art und besonders seine tiefblauen Augen mehr erzählten über seine Herkünfte als andere Hylianer und sture Köpfe wie ihr Gatte vermuten würden. Und sie ahnte, ahnte Entsetzliches und Großes...

 

An einem anderen Ort erwachte ein junger Kerl gerade aus seinen leiderfüllten Träumen, die ihm erzählten, dass auch Wunderschönes nicht unsterblich war. Wunderschönes war vergänglich... Auch Wunderschönes starb irgendwann unter der Macht der Zeit...

 

Seine blauen Augen öffneten sich träge, rochen den morbiden Geruch der kleinen Holzhütte am Glücksteich, in welcher er wenige Stunden Schlaf zugebracht hatte. Seine kalten, zittrigen Hände wanderten über ein zerwühltes, durchgeschwitztes Lacken zu der Decke, die er in der Nacht über bis zu dem Bettende gestrampelt haben musste. Er keuchte und winselte angesichts eines heftigen Schmerzes, den er spürte, aber doch nicht zu ordnen konnte. Langsam kamen seine Erinnerungen wieder und langsam richtete er sich auf. Erinnerungen an den Vorfall gestern, nachdem er die Kneipe ,Zum lustigen Hylianer’ verlassen hatte. Er erinnerte die komische Frau von gestern Nacht und ihre ermutigenden Worte.

,Du brauchst ihre Ängste nicht fürchten...’, sagte sie mit ihrer alten, ermutigenden Stimme in seinen Gedanken als ob sie neben ihm stehen würde. Wer immer sie auch war,

Es schien fast so als wollte sie ihn beruhigen, als wollte sie ihm Mut machen und daran erinnern, seine vielen Schicksalsproben wieder zu akzeptieren, erneut gegen das, was scheinbar vorbestimmt schien, anzukämpfen...

,Fürchte dich nicht länger vor dem Schicksal... Kämpfe!’

 

Wer immer sie auch war, sie hatte Recht. Wo nur waren seine Kämpfertugenden geblieben? Er musste sich zusammenreißen, auch mit üblen Attacken eines unbekannten Fluches, auch mit dem schmerzhaften Krankheitsgefühl. ,Kämpfe...’

 

Ein brummender Schädel und der biestige, nicht ortende Schmerz hielten ihn nicht davon ab, die schlaksigen Glieder zu bewegen und auf den kalten Füßen zu stehen...

 

Er hatte geträumt, entsetzlich geträumt... und die schrecklichen Bilder der Nacht erweckten sofort eine namenslose Wut wie auch Gefühle der Enttäuschung und Schuld auf sein unerfüllbares Heldendasein.

 

,Zelda...’ Ein Bruchteil ihres Geistes erschien ihm in seinen Träumen, einmal mehr, einmal mehr so schön wie damals in der alternativen Zukunft. Sie war blass, aber schön. Geisterhaft und doch war sie erfahrbar, nah, fühlbar...

Sie verabschiedete sich von ihm. Ihre helle, angenehme Stimme flüsterte ein trauriges, ängstliches Lebewohl. Ihre Lippen, das einzige, was er von ihrem Angesicht erinnerte. Nicht einmal ihre Augen hatte er erblicken dürfen. Und diese Lippen flüsterten mehr... sie flüsterten unheilvoll, dass etwas nicht mit ihr stimmte...

 

Ob es damit zu tun hatte, dass er gestern nicht im Schlossgarten erscheinen konnte? Aber warum litt sie? War sie gekränkt wegen seiner momentanen Unzuverlässigkeit? Weil er ein Versprechen gebrochen hatte? Oder warum sagte sie Lebewohl zu ihm?

 

Lebewohl ausgerechnet zu Link, ihrem Helden der Zeit?

 

Zu jenem Moment war in der Ritterschule die Hölle los. Alle Lehrer und fast die gesamten Schüler standen aufgeregt und laut diskutierend in dem Innenhof der Schule. Aber es ging nicht um das kleine Fest, welches heute für die Ritterjungen stattfinden sollte, sondern um die schaurigen Berichte in der hylianischen Morgenzeitung ‚Gruß der Hylia’.

Das Lehrpersonal beschimpfte sich gegenseitig mit Vorwürfen, andere machten sich unhaltbare Sorgen um die Zukunft des gesamten Königreiches und befürchteten Kriege und entsetzliche Schandtaten.

Auch Will stand unter den Neugierigen und hatte geradeso ein Exemplar der Zeitung in die Finger bekommen können. Er las nur wenige Worte über einen Angriff auf Dörfer im Westen Hyrules und auf das Schloss, ließ die Zeitung beinahe vor Schreck fallen und rannte in Richtung der Hütte am Glücksteich, der einzige Ort, wo Link sein konnte, seit er gestern fluchtartig die Kneipe verlassen hatte.

 

Er hetzte und hoffte, Link die grausamen Neuigkeiten mitteilen zu können bevor sie ihm ein anderer unter den Schnabel binden konnte.

 

Der junge Heroe zog derweil Hemd, Hose und die dickere, schwarze Tunika von Newhead sowie die Stiefel an. Hechelnd schlürfte er die Treppenstufen hinab und brach einen Happen altes Brot ab, um etwas im Magen zu haben. Immer noch tat ihm etwas weh, direkt im Herzen, direkt in der Brust, wie ein nicht enden wollender Schmerz, der seinen Besitzer für Fehlbarkeit und Nachlässigkeit bestrafen wollte.

Er kniff die Augen zusammen, hatte ein erbarmungsloses Angstgefühl in seinem Inneren, das man ihm etwas sehr Kostbares weggenommen hatte oder stehlen wollte...

Stimmte tatsächlich etwas nicht mit Zelda, dachte er, und stützte sich auf dem Tisch ab. Warum sagte sie Lebewohl zu ihm? Und warum tat ihm sein Herz so furchtbar weh? Das war nicht die Krankheit, das war etwas anderes, was er bisher noch nie empfunden hatte...

 

Er murmelte Zeldas Namen gezwungen, als wartete er auf eine Antwort und auf ein Lebenszeichen...

 

In dem Augenblick platzte William wie ein Bekloppter in den Raum, brachte Link beinahe zum Herzkasper und babbelte aufgeregt irgendetwas aus seinem neugierigen Laundryschandmaul. Als Link ihn nur komisch musterte und gerade so ,Guten Morgen’ sagen konnte, krachte das Exemplar der Morgenzeitung in das verwunderte, verwirrte Gesicht des jungen, unerkannten Heroen.

„Bei Farore, was ist denn los, Will?“ Link fing die Zeitung auf, ohne sie zunächst zu beachten.

Der Angesprochene fuchtelte aufgeregt mit den Händen und brachte zermürbend hervor: „Link... Himmel, es gab einen Angriff auf das Schloss...“ Fassungslos stand der junge Heroe einfach nur da, besann sich auf den Herzschmerz, krallte sich die Zeitung und las nur die Terrorüberschrift: ,Angriff auf das Schloss.’

 

Er blickte mit grenzenloser Sorge auf, etwas, was Will in dem Blick Links noch nie gesehen hatte. Da lag beinahe... ungezügelter Schmerz und große Angst.

Aufgeregt stapfte Link näher und rüttelte Will an den Schultern. „Was ist mit Zelda?“ Will zuckte mit den Schultern und unterband den Blick.

„Sag’ mir nicht...“, fing Link an, klang wehleidig, und fühlte ein Kloßgefühl in seinem Hals unerträglich werden. „Was genau mit ihr ist, steht da nicht. Es heißt bloß, dass man die Prinzessin in den Schlossgärten angefallen hat... Warum musste sie auch zu so später Stunde ohne Schutz in den Gärten wandeln?“, fragte Will und dachte sich nichts bei seiner Frage.

 

Link schrak zurück und erstarrte beinahe. Mit einem Seufzen ließ er sich auf einen Holzstuhl sinken und stützte die Hände an den Kopf. „Es ist meine Schuld...“, wisperte er, brachte geradeso einige Worte hervor.

„Warum soll das deine Schuld sein?“, fragte Will und schaute dümmlich drein. Link sah besorgt auf und hatte beinahe Tränen in den Augen. „Sie hat doch nur auf mich gewartet... und ich... ich Sturkopf habe nicht einmal den Versuch unternommen... sie zu besuchen. Wenn ich dort gewesen wäre, verstehst du, dann wäre das alles nicht passiert... Zelda, sie ist bestimmt verletzt... oder schlimmer...“, endete er, erstak beinahe an seinen Worten und brachte nichts Vernünftiges mehr hervor. Und Will verstand. Die Prinzessin hatte den komischen Kauz Link ja bei Neumond sprechen wollen und deshalb wartete sie dort, wo Wachen nicht hingelangen würden. Deshalb wartete sie in der Nacht auf ihren Freund aus Kindertagen...

 

„Du denkst an das Treffen bei Neumond... ach so... Das...“ Will brach ab und sah bedauernd und mitfühlend mit an, wie Link sich auf dem Stuhl zusammenhockte und beinahe anfing zu wimmern. „Wenn irgendetwas mit ihr ist... ich könnte mir das nie verzeihen...“, klagte er, stand auf und drehte seinem Kumpel den Rücken zu. Flatterig lief er hin und her.

„Ich muss sofort zu ihr...“, sagte er leise, fühlte eine unermessliche innere Unruhe, die ihm den Boden unter den Füßen nahm.

„Link, jetzt bleib’ doch mal auf dem Teppich. Wenn etwas mit der Prinzessin geschehen wäre, dann würde das bestimmt in der Zeitung stehen.“ Griesgrämig drehte sich der Angesprochene um. „Ach ja?“ Und er breitete genervt die Arme auseinander. „Hast du überhaupt eine Ahnung von Politik, Will? Wenn etwas geschehen ist, wird die Königsfamilie versuchen das mit allen Mitteln geheim zuhalten. Glaubst du, es ist klug, im gesamten Reich herumzuposaunen, dass es der Prinzessin nicht gut geht?“

„Warum nicht?“, fragte Will, so unwissend und naiv wie er war.

„Diejenigen, die gegen Harkenias Monarchie eingestellt sind, werden durch solche Geschehnisse erst auf dumme Ideen gebracht. Verstehst du, es könnte Feinde des Königreiches anstacheln, aufzubegehren.“

Will war baff. Wie kam Link nur auf solche Einfälle? Hatte er ein Grundwissen in der Politik Hyrules?

 

„Du bist wirklich davon überzeugt, dass mit der Prinzessin etwas nicht stimmt! Warum?“ Und Wills tiefe Stimme wurde lauter und lauter. „Wie, beim Triforce, kommst du darauf?“ Link blickte schwermütig zu Boden. „Ich fühle es einfach...“, sagte er kläglich.

„Du fühlst das?“, sagte Will anteilnehmend und stapfte näher zu Link heran. Er nickte und ließ den Kopf hängen. „Ich bin so ein schlechter Freund...“, sagte er leise. „Ich hätte sie beschützen müssen...“

„Zieh’ trotzdem keine voreiligen Schlüsse. Wir fragen nachher mal Aschwheel oder Newhead, ob sie etwas wissen, okay?“

„Nein, soviel Zeit hab’ ich nicht. Ich muss mich sofort auf den Weg machen.“

„Und wer bei Nayru garantiert dir, dass man dich zu ihr lassen wird?“ Link sah verzweifelt auf. „Ich komm’ schon irgendwie ins Schloss, egal wie.“

„Und wer garantiert dir, dass sie dich überhaupt sehen will. Wenn, ist sie bestimmt wütend auf dich, weil du das Treffen in die Winde geschlagen hast.“ Wo Will recht hatte, hatte er recht. Er klang beinahe so wie die rätselhafte, besserwisserische Frau von gestern Abend.

 

Und wenn Zelda etwas zugestoßen war, nur weil sie auf ihn gewartet hatte, dann wäre sie sicherlich nicht gut auf ihn zu sprechen...

 

„Außerdem brauchst du ohne Epona Ewigkeiten bis zum Schloss!“

„Aber es ist meine Pflicht... ich kann sie doch nicht einfach im Stich lassen...“ Denn er hatte sich einst geschworen, sie zu beschützen. Es war ein Schwur und soviel verband er damit. Nun erdrückten ihn Vorwürfe, weil er ein Sturkopf war, weil er kindisch und zudem zu schwach war, der Held zu sein, den die Götter einst erwählten.

 

In dem Moment wagte sich Will endlich wieder ein bärbeißiges Grinsen.

„Weißt du“, begann Will und pflanzte sich auf den Stuhl neben Link. „Es ist schon ein Wunder, dass du mal solche Sätze über deine verschwiegenen Lippen kommen lässt. Normalerweise bist du ganz distanziert und lässt niemanden an deinen Gefühlen teilhaben. Wie kommt das?“ Will grinste ungeniert und wartete mit großen Augen auf die Antwort des Jahrtausends. Irritiert drehte Link den Schädel und fing an rot um die Nasenspitze zu werden.

„So ist das also... du liebst sie“, lachte Will. Aber Link fiel vor Schreck vom Stuhl, landete auf dem Hosenboden und hatte so große Augen wie ein Angeklagter, dem gerade die Beweise für seine Schuld dargelegt wurden.

„Du liebst die Prinzessin, bei Destinia.“

Link wurde mit jeder weiteren Sekunde röter und röter im Gesicht. „Das tue ich nicht!“, brüllte er.

„Du Schürzenjäger“, lachte Will. „Wie viele Damen brauchst du eigentlich zum Glücklichsein?“ Verärgert hüpfte Link auf die Beine und giftete: „Idiot. Du spinnst doch. Die momentane Situation ist nicht lustig, Will...“

„Sicher, aber deswegen habe ich es trotzdem geschafft, dich aufzuheitern, oder?“ Und Will kniff ein Auge zu, klatschte Link auf die rechte Schulter und gab ihm einen Stups zur alten, klapprigen Tür. „Nun mach’ schon, du Weiberheld, wir müssen zu einem Lehrer und uns Informationen holen.“ Ratlos sah der junge Heroe drein, kratzte sich am Kopf, schnaubte, aber folgte seinem Kumpel bereitwillig.

 

Die beiden Schüler der begnadeten Ritterschule hasteten ohne Weiteres in das Büro von Newhead, wo dieser gerade mit Valiant, dem Cousin Zeldas, etwas wichtiges diskutierte. Als Link und Will in das Büro eintraten, durchbohrte Valiant den jungen Heroen mit einem fast schon hasserfüllten Blick.

„Sir Newhead!“, rief Will aufgebracht.

„Was gibt es, William?“, meinte der Lehrer und lehnte sich entspannt in seinem Sessel zurück.

„Es geht um die Vorfälle im Schloss“, entgegnete Will und blickte zu Link, der nur den Kopf hängen ließ.

„Könntet Ihr uns sagen, was geschehen ist?“ Aber Newhead grinste wieder bärbeißig. Er grinste so wie immer und legte die Hände hinter seinen Kopf. „Und da kommt ihr zwei Querköpfe ausgerechnet zu mir?“, lachte er. „Ihr seid ja ein paar lustige Zeitgenossen.“

„Arg... Bitte!“, meinte Will und schaute interessiert in die undefinierbaren Augen Schwindlers. „Nun macht euch bloß nicht verrückt. Es gab einen Angriff, das stimmt. Aber es gab so gut wie keine Verletzte.“

„Und die Übeltäter?“

„Sind leider entkommen, Will. Mehr kann ich dir dazu nicht sagen.“ Dann schwenkten Nicholas Augen zu Link, der immer noch schweigend und trübsinnig zu Boden blickte.

„Und wegen der Prinzessin...“, begann Newhead. Gerade da sah Link auf und wirkte angreifbar, beinahe verletzt.

„Das ist Sache der Königsfamilie. Das geht Unwissende wie euch beide nichts an“, mischte sich Valiant ein und schickte Link bittere Kälte und Verachtung entgegen.

„Aber...“, fing Link an, doch stoppte sich selbst.

„Was aber? Ich wüsste nicht, was es dich angeht, wie es Prinzessin Zelda geht!“ Valiant verschränkte die Arme und setzte hinzu: „Prinzessin Zelda braucht keine einfältigen, hilflosen Freunde wie dich. Also halte dich von ihr fern.“ Link sagte nicht ein Wort. Er brachte nichts hervor. Auch wenn man ihm ansah, wie schwer Valiants Worte ihm auf dem Herzen lagen. Er nickte bloß und ließ das Haupt immer weiter hängen. ,Stimmt ja’, dachte Link. ,Ich bin ein Schwächling geworden. Und auf so etwas kann Zelda verzichten. Sie hat etwas Besseres verdient als einen dummen Freund wie mich.’

 

Und da war es wieder. Links schwermütiger Gedanke, dass nur Stärke einen Menschen als wertvoll erscheinen ließ. Ein Hylianer wie er hatte keinen Wert, so redete er sich immer wieder ein, wenn er schwach war...

 

„Sie ist besser dran ohne dich. Erspar’ ihr deine Anwesenheit endlich.“ Und damit lief Valiant zum Fenster, blickte hinaus und schwieg.

Link verlor währenddessen immer mehr die Farbe im Gesicht und drehte sich zur Tür. Auch der fröhliche, gutgelaunte Nicholas verstummte angesichts der eisigen Worte Valiants.

 

Will ergriff daraufhin die Initiative und schleifte den wortkargen Heroen aus dem Büro heraus.

 

So hatte der Versuch Kunde über den Vorfall im Schloss zu erfahren, nichts gebracht. Nichts als die Gewissheit, dass Valiant Link mehr und mehr verabscheute für seine angeblich ungerechtfertigte Freundschaft zu Prinzessin Zelda...

 

Murrend und so traurig wie schon lange nicht mehr trat Link in Begleitung Wills aus dem Schulgebäude heraus und hatte als erstes nichts Besseres zu tun, als sein scharfes Stahlschwert vor Wut und Trübsinn jauchzend in den schlammigen Erdboden zu rammen...

 
  Insgesamt waren schon 114916 Besucher (411141 Hits) hier!