24. Kapitel
 

Kapitel 24

 

 

Ein kühler Abend senkte sich nieder über den weiten Provinzen im Königreich Hyrule und kündigte den Winter an, der alsbald das Land mit einem Kleid aus glitzerndem, puderzuckerweißen Glanz bedecken würde. 

 

Gejagt und so aufgeregt wie noch nie stapfte der junge, naive Heroe eine Wendeltreppe in der Mädchenschule von Madame Morganiell hinauf. Und außerhalb feierten und sangen die Schüler noch laut und dröhnend. Noch war das Fest in vollem Gange...

Links Hände schwitzten angesichts eines bösartigen Keims der Nervosität, der irgendwo in seinem Magen sitzen musste. Sein Herz raste vor Anspannung und seine Knie fühlten sich an wie Butter, die in den nächsten Sekunden in einer Bratpfanne zerschmolz...

Und alles nur, weil er Ariana Blacksmith einen Besuch abstatten wollte. Nur, weil er ein Mädchen besuchte, das ihn eingeladen hatte. Was musste er auch so bescheuert sein, ihr seine Hilfe für ihr kaputtes Buch anzubieten? Es war ja schließlich nicht seine Schuld, dass Ian, dieser Schweinehund, das Buch zerrupft hatte. Umso ärgerlicher, dass Link diese merkwürdige Unruhe in sich fühlte. Diese verdammte Scham und Zappeligkeit. Alles nur wegen dieser Ariana. Vor wenigen Tagen noch hatte sie aus ihm eine Witzfigur gemacht, hatte ihn beim Duschen bespannt, und nun konnte der kleine, dumme Held nicht anders als dieser böswilligen Pute einen Besuch abzustatten, seine Zeit für sie opfern und sich damit in ein Chaos zustürzen, vor dem er schon einmal in Zoras Reich nur glimpflich entkommen war. Der Gefahr einem Mädchen, denn sie waren ja teuflisch in Links Augen, zu nahe zu kommen.

 

Als er den goldenfarbenen geschmückten Gang erreichte, in dem sich das Zimmer siebenundsiebzig befand, atmete er einmal tief ein, fasste sich ein Herz und versuchte diese seltsame Aufruhr in seinem Kopf und das hämmernde Herz unter Kontrolle zu bringen, aber es brachte nichts. Sein Herz trommelte so laut, dass er glaubte, es pochte ihm aus dem Körper. Und alles nur wegen dieser bösartigen Ariana... 

Während er sich vorwärts bewegte, brachte er es doch tatsächlich noch fertig aufgrund seiner überdrehten Anspannung über seine eigenen Füßen zu stolpern und krachte an eine antike Kommode, die in jenem Flur stand und zerrte eine tickende Uhr, eine teure Vase und das kleine, gestickte Tischdeckchen zu Boden.

„Argh... verdammt. Wie peinlich!“, schnaubte er und ärgerte sich immer mehr über seine fabulöse Ungeschicklichkeit. Das war doch nicht mehr normal, dachte er. Sonst war er immer nur in Zeldas Gegenwart so unkonzentriert. Warum also machte es ihn so tölpisch diese Schmiedstochter zu besuchen. Nur, weil sie seiner Prinzessin irgendwie vom Charakter ähnelte? Oder steckte da etwas anderes dahinter?  

 

Wie bekloppt hob er die Gegenstände vom gewienerten Boden auf, kam nicht im Traum auf die Idee, wie viel Glück ihm von den Göttern beschieden war, dass keiner der Gegenstände Schaden nahm und trampelte dann in Richtung des Zimmers siebenundsiebzig. Er hob gerade eine Hand und wollte anklopfen, als ihm Olindaras Worte wieder in den Sinn kamen, gesprochen mit ihrer hohen, scheuen Stimme. ,Ariana geht es nicht gut. Die ist erst heute früh wiedergekommen und hat sich dann gleich hingelegt.’ Na ja, dachte Link. Nur weil es ihr nicht gut ging, bedeutete das doch nicht, dass er ihr keinen Besuch abstatten konnte. Und unbewusst argumentierte er gegen jedes Wort, das Olindara Heagen gesprochen hatte.

,Sie hat gemeint, sie will niemanden sehen.’ Na und?, schallte es in Links Kopf. Das musste ja nicht unbedingt auch für ihn gelten, oder?’

,Deshalb soll ich jeden abfangen, der mit ihr reden will, weil sie schlafen möchte.’ Und auch das war kein Problem für Link. So erfahren wie er im Spionieren und Verstecken war, hatte er keine Probleme gehabt, ungesehen von den Augen Olindaras in die Mädchenschule zu schlüpfen. Aber zu diesem Zeitpunkt hatte jene unheilvolle Nervosität den Göttinnen sei Dank noch nicht eingesetzt.

 

Sich Mut fassend klopfte er endlich. Aber niemand antwortete oder ließ ihn eintreten...

Er klopfte noch einmal. Keine Reaktion. Und er klopfte lauter. Wieder keine Antwort. Er verdrehte die Augen. ,Logisch’, sagte eine Stimme in seinem Kopf. ,Wenn Ariana schlief, konnte sie ihn doch gar nicht hören.’

Er nahm wieder einen tiefen Atemzug, legte eine zittrige Hand auf die glatte, goldene Türklinke und drückte jene nach unten. Die Tür war offen und so trat Link leise und vorsichtig in ein dämmriges Gemach ein, wo auf dem Nachttischschränkchen eine weiße Kerze stand, die ihren Schein besinnlich umher warf.

 

Mit einem überhörbaren Geräusch schloss der junge Heroe die Tür und tapste mit einem klappernden Geraschel seiner Stiefel in Richtung des warmen Lichtes. Der einzige wärmende Punkt in diesem Raum, wo sonst nur eine ruhige, kühle Nacht zum wonnevollen Schlaf verführte. Seine trübsinnigen Augen schillerten, als er ein wenig beunruhigt, die schlummernde Fünfzehnjährige in ihrem weichen Himmelbett ausmachte. Ein seidenes, langes Nachtgewand umhüllte das schlafende Mädchen, welches nur bis zu den Knien von einer dicken Decke gewärmt wurde. Arianas Hände waren über ihrer Brust in einer traditionellen Gebetshaltung gefaltet und ihr schmales, blasses Gesicht lag abgestützt auf mehreren Kissen. Irgendetwas war da, während er ihren Schlaf beobachtete. Irgendetwas berührte ihn innerlich bei einem Blick in ihr sanftes, reines Gesicht...

 

Wunderschön... Wie verzaubert beugte er sich näher und setzte sich sachte auf die Bettkante. Ein altes Märchen aus Termina schlich verwöhnend durch sein Gemüt. Ein Märchen, das ihm ein Bekannter erzählt hatte. Das Märchen der schlafenden Soujonka, einer Hochgeborenen des Volkes, das man einst hinter alle gewöhnlichen Spiegel (ich meine hier also nicht das Schattenvolk, aus dem Midna stammt, diese Idee hatte ich schon vorher, bevor TP herauskam...) gesperrt hatte. Man erzählte sich die junge Soujonka schlief schon so lange wie Hyrule existierte und würde erst dann erwachen, wenn die Götter den letzten Tag für das Weltenreich erwählten. Sie würde erwachen und sich gegen den letzten Tag des Lebens stellen. Und manche glaubten, sie würde eine neue Zeit und Welt erschaffen, wo es keine Götter gab, die über Hylianer wachen konnten. Aber bis jener Tag kam, so hieß es, schlief Soujonka und würde in ihrem schönen Schlaf nicht altern. Sie war liebreizend, sagten die Geschichtenerzählenden und jene, die Soujonka in ihren Träumen gesehen haben wollen. Eine Schönheit mit rabenschwarzen Haar und Augen, die man nicht vergessen würde, wenn die junge Lady aus dem Spiegelvolk sie erst aufschlug...

 

Ja, dachte Link. Ein solcher Vergleich würde Ariana zukommen in ihrer wehrlosen Unschuld, in ihrem tiefen, würdevollen Schlaf. Und es würde ihrem schönen Antlitz keinen Harm tun, ihre Schönheit nicht schmälern.

 

Minutenlang blickte er die schlafende Schöne an, eher er aus seiner Verzauberung erwachte. Und erst jetzt bemerkte er die unangenehme Frostigkeit in dem kleinen Gemach, spürte die Kälte aus den alten Mauern dringen und blickte sogleich zu der weitzurückgeschobenen Decke, mit der Ariana nur spärlich bedeckt war.

,Ihr war bestimmt kalt’, dachte Link, fühlte sich noch nervöser als vorhin und konnte nicht anders als die Decke langsam und sanft über Arianas ruhenden Körper zu ziehen. Die Decke berührte kurz ihr Kinn, worauf Ariana seufzte und sich in die andere Richtung drehte. Schreckhaft hüpfte Link von der Bettkante, wich trottelig zurück und spürte wie sein Herz das Blut in großen Portionen in seinen Kopf pumpte.

Er wand sich ab, atmete ein weiteres Mal so tief ein, wie er konnte und hoffte, es würde diese gehässige, unverschämte Zappeligkeit zunichte machen. Aber es half nichts. Link fühlte sich immer noch wie unter fremder Steuerung, fühlte sich übergeschnappt bei gleichzeitiger unbestimmter Form von Freude.

 

Um sich abzureagieren, tapste er hinüber zu dem kleinen Kamin und versuchte mit einem Kohleanzünder wieder ein munteres Feuer in diesen kühlen Raum zu bringen.

Wenige Minuten später flackerte in dem Kamin ein kleines Feuer. Angenehme Wärmebrisen trug die Luft in den geräumigen Saal mit den drei Säulen. Gedankenvoll beobachtete Link das lebhafte Schlagen des Feuers, gähnte und ließ sich im Schneidersitz vor der Wärmequelle nieder. Er mochte das natürliche Feuer, mochte sein helles Licht und genoss seine Wärme. Sündenloses, einfaches Feuer. Etwas, was er in der weiten Wildnis immer genossen hatte. Ein flackerndes Lagerfeuer, eine Tasse heiße Suppe und im Hintergrund die tückischen Stimmen der Dunkelheit. Und während er so trübsinnig sich an alte Zeiten erinnerte, stützte er den müden Kopf auf einer Hand ab. Ja, auch in Termina hatte er stets so seine Nächte verbracht, hatte selten in einem Gasthaus ein Bett gemietet, weil er viel zu rastlos war. Ein Wanderer und Abenteurer, dem es wiederstrebte, zu lange in der Gesellschaft anderer Hylianer zu verweilen. Eine Nacht unter klarem Sternenhimmel. Dort, in der weiten Freiheit. Das war es, was seinem Herz damals gut getan hatte, wenn eine seiner Schicksalsproben ihn auffressen wollte. Grenzenlosigkeit und das Leben und Genießen des Moments hatten ihn einst stark gemacht für das Schicksal der Welt auf seinen jungen Schultern.

 

Doch nun?

 

Eine Nacht in der Wildnis konnte ihm nicht mehr das geben, was er einst so mochte. Abenteuer und Grenzenlosigkeit zählten einfach nicht mehr, bedeuteten ihm nichts mehr, schenkten ihm keinerlei Zuversicht mehr an das hoffnungsvolle Morgen zu glauben. Nun war die Welt leer und einsam für ihn geworden. Seit einem halb Jahr war für ihn der einst so klare Nachthimmel in seinen Nächten bei Lagerfeuer dunkel und ohne Sternenlicht, einsam und grausam...

 

Er wischte sich über die Stirn, wollte nicht länger darüber nachdenken, wollte nicht wissen, welche Stärke einst in ihm ruhte. Denn jene Macht des Helden der Zeit war erloschen und nicht einmal das Masterschwert sah ihn mehr als seinen Träger an. Er war schlichtweg nicht mehr... derselbe... und würde es vielleicht niemals mehr sein...

 

Er zog die Knie zu sich heran und legte wie ein kleines Kind den schweren Kopf darauf, erinnerte sich schmerzerfüllt an Gestern und suchte nach Gründen dafür, weshalb er sich so verändert hatte. Aber sein Bewusstsein gab ihm keine Antwort darauf. Etwas schützte ihn vor der Erinnerung an das, was in dem halben Jahr geschehen war, das ihm in seinem Gedächtnis fehlte. Und irgendwann, so hoffte er, würde er den Grund dafür erfahren lernen...

 

So versunken in seine Gedanken, vergas der junge Heroe ganz und gar, wo er sich befand, weshalb er eigentlich hierher gekommen war und dass die Mitbewohnerin von Ariana ebenfalls irgendwann in das Zimmer kommen könnte. Eine halbe Stunde lang zerbrach er sich den Kopf über Geschehnisse, die sich seinem Wissensbereich entzogen und wurde plötzlich von einem lauten Seufzen aus Arianas Mund aufgeschreckt. Er drehte sich hastig um und blickte zu der schlummernden Schönheit in dem samtenen Himmelbett, hatte schon Panik, sie würde aufwachen und ihn zurechtstutzen, weil er es sich gestattet hatte, unerlaubt in dieses Mädchengemach einzutreten. Aber die Göttinnen waren ihm selig und Ariana schlief immer noch.

Link erinnerte den Grund seines Besuchs wieder und entdeckte auf ihrem Nachttisch die vielen Zettel ihres Buches. Das handgeschriebene Buch Arianas Mutter. Langsam lief er hinüber, nahm sich die vielen Zettel und entführte die dickstämmige weiße Kerze von dem Nachttischschränkchen. Zerstreut ließ er sich auf dem Sofa vor dem Kamin nieder und begann zunächst die vielen hellbraunen Blätter nach Seitenzahl zuordnen. Die Handschrift in dem Buch war geschwungen und äußerst kompliziert zu entziffern, sodass Link nach wenigen Versuchen aufgab, die Sätze in dem Buch zu verstehen. Aber eines wunderte ihn, es ging in dem Buch um Politik...

 

Er kramte in seinen Hosentaschen, entdeckte das kleine Gefäß mit klebrigem Dekubaumharz, welches man wunderbar als Leim verwenden konnte und so verging die Zeit, die Link sich mit dem Buch herumplagte.

 

Viele Minuten später war das Büchlein so gut wie neu und dem jungen Heroe lief der Ansatz eines Grinsens um seinen Mund über die fertige Arbeit. ,Hoffentlich freute sie das...’ und der Jugendliche schaute noch einmal zu Ariana hinüber.

 

Mit der Kerze in der Hand tapste er ein weiteres Mal zu dem Himmelbett und platzierte jene Lichtquelle wieder auf dem kleinen Nachttischschränkchen. Doch als er diesmal in Arianas makelloses Gesicht blickte, waren ihre bernsteinfarbenen Augen geöffnet. Aber keine Überraschung stand in ihrem Gesicht. Nicht einmal ein Hauch von Freude. Stattdessen richtete sie sich auf, warf ihm ein ablehnendes Gefühl entgegen, worauf Link sogleich zu Boden blickte. Ariana drehte ihm den Rücken entgegen und zog die Decke über sich, beinahe bis über den Kopf.

„Geh’!“, sagte sie ohne Gefühl und eintönig. Link öffnete seinen Mund einen schmalen Spalt und suchte nach erklärenden Worten. Hatte sie ihn denn nicht gebeten vorbeizuschauen und ihr zuhelfen das Buch zu reparieren? Sie hatte doch seine Hilfe gewollt! Und nun stand er da wie ein unbeholfener, dümmlicher Trottel...    

 

„Du wolltest doch... dass ich das Buch... ich dachte, ich sollte vorbeischauen... und...“, aber Link sprach nicht zuende und torkelte halb gedemütigt über Arianas Kühle und ihrer Ausdruckslosigkeit zu der Tür. Angreifbar stand er mit dem Rücken zu der ruhenden Schönen und fuhr sich durch die goldblonden Haarsträhnen.

„Geh’ endlich“, murrte Ariana und Link war sich nicht sicher, ob es lediglich Ablehnung war, die aus ihren Worten sprach.

„Ich dachte... ich sollte dein Buch wieder flicken...“, murmelte Link sachte.

„Das kann ich auch allein. Verschwinde“, sagte sie, nun leiser und einen Hauch traurig, beinahe enttäuscht von ihm. 

 

Und Link schüttelte vernichtend den Kopf und empfand beinahe Schmerz, bloß weil sie ihn wegschickte und loswerden wollte. Aber...

,Was soll’s’, dachte Link. Es war es schließlich gewohnt, abgewiesen zu werden... verachtet zu werden. Warum sollte Ariana ihm gegenüber anders handeln? Er machte immer alles falsch, wenn er einen Hylianer kennen lernen wollte. Egal was es war, wenn es um Beziehungen ging, da war dank seiner Dummheit immer alles sofort dabei in die Brüche zu geraten. Und an wem sonst sollte es liegen, wenn er immer wieder von seiner Umwelt ignoriert oder schlecht behandelt wurde. Es konnte nur seine Schuld sein...

Zelda wollte ja auch nichts mehr von ihm wissen, das hatte er dank Valiant begriffen. Und warum sonst sollte dieser Adlige ihm drohen, wenn er die Prinzessin besuchen wollte. Zeldas Freundschaft hatte er verspielt. Und Ariana?

Er hatte gehofft, dank Arianas Ähnlichkeit mit seiner Prinzessin, irgendwie Ablenkung und Ruhe in seinem Herzen zufinden. Aber auch sie verachtete ihn, schickte ihn weg und zeigte ihm eine eisige, empfindungslose Schulter.

 

Zornig und irgendwie beklemmt stiefelte Link zu dem kleinen Kamin, krallte sich das reparierte Buch und warf es auf Arianas Bettdecke. Seine tiefblauen Augen glühten vor Scham und dem Gefühl, einmal wieder ausgenutzt worden zu sein.

„Hier, der dumme Link hat dein Buch geflickt, da kannst du ihn ja gleich anschnauzen und wieder loswerden“, fauchte er und trat zu der Tür, blieb aber wie versteinert davor stehen.

„Ja, und keine Sorge, der dumme Link ist es ja gewohnt, wie Dreck behandelt zu werden. Das macht ja nichts. Immer drauf auf ihn. Er kann es vertragen.“ Er konnte inzwischen selbst nicht glauben, dass er diese Sätze überhaupt über die Lippen brachte und neigte sein Haupt, fühlte sich so überflüssig und einmal mehr alleingelassen...

 

Und doch stimmte es, genau so fühlte er sich immer, ausgenutzt, und egal welche Heldentat er vollbrachte, es war in den Augen anderer immer so selbstverständlich. Diese verdammte Selbstverständlichkeit hing ihm zum Hals heraus. Niemand fragte, wenn er einen blutigen Kampf hinter sich hatte. Niemand fragte nach und nie hatte jemand auch nur einen winzigen Grund gesehen, nachzufragen. Vielleicht war es das, was wirklich weh tat. Diese idiotische Selbstverständlichkeit, das er sich für andere aufopferte und seinen Hals riskierte. Ein paar unsinnige dankende Worte hier. Das Angebot Besitz zu bekommen da. Und irgendwelche materiellen Dinge wurden ihm immer angeboten. Aber niemand fragte danach, was er wirklich wollte und vermisste. Das... was er ersehnte und suchte, wollte ihm sowieso niemand geben.

 

„Du bist auch nicht anders zu mir. Warum solltest du?“, lachte er halbherzig. „Es ist ja selbstverständlich mich auszunutzen...“ Seine Stimme wurde weich und ein wenig wehleidig.

Wie ein Häufchen Elend stand der Jugendliche nun vor der Tür, ärgerte sich und verfluchte sich, dass er überhaupt hierher gefunden hatte und kniff die Augen zu.

 

Aber Ariana starrte schockiert zu ihm, legte eine Hand auf ihr Herz und ihr Blick wandelte sich vollständig. Keine Form von Abweisung oder Ärgernis. Keine Spur von Verbitterung. Ihre bernsteinfarbenen Augen schillerten mit dem Eingeständnis, dass sie Link gegenüber sehr unfair gehandelt hatte. Und vielleicht schillerten sie sogar mit ein wenig Besorgnis, Anteilnahme und Zuneigung.

 

Link öffnete die Tür einen Spalt, als Ariana ein: „Link... Warte.“, über ihre roten Lippen brachte. Er schloss die Tür nicht und verharrte in seiner Haltung.

„Was ist?“, murrte er verärgert. „Soll’ ich mich erst von dir herausschmeißen lassen? Freut dich das dann einen Idioten wie mich zu demütigen?“, setzte er giftiger hinzu.

„Nein... bitte warte.“ Ariana richtete sich vorsichtig auf, schlüpfte schleppend in ihre warmen Hausschuhe und lief langsam und humpelnd in ihrem weißen, enganliegenden Nachthemd in seine Richtung. Sie kniff ein Auge zu und ballte ihre Fäuste. Ein Beweis, dass es ihr nicht sonderlich gut ging.

 

Noch immer lag Links Hand über dem Türgriff und Ariana führte langsam ihr Rechte über die seine und drückte die Tür ins Schloss. Mit sich selbst kämpfend suchte sie seinen Blick, wollte bloß in seinen tiefblauen Augen lesen, aber sein Haupt ging gen Boden und er verbot sich selbst ihr in die Augen zusehen.

„Nun mach’ schon, ich bin es nicht anders gewohnt, als abgelehnt zu werden...“, klagte er schwach. Er wand ihr wieder den Rücken zu und suchte wenige Schritte Abstand. Eine Träne tropfte von Arianas rechtem Augenwinkel und sie trat wieder näher zu ihm.

„Komm’ her, mein Dummkopf.“ Links Augen standen starr vor Schreck als sich die schmalen Arme Arianas um seinen glatten Bauch wanden und ihre Hände sich auf seiner Brust wiederfanden. „Entschuldige...“, flüsterte sie und lehnte sich haltsuchend an ihn. „Entschuldige mein Verhalten“, meinte sie ein wenig lauter und wartete auf eine Reaktion von Link, die ausblieb. Seine dunkelblauen Augen waren weit aufgerissen angesichts ihrer Nähe. Noch nie hatte ihn jemand auf diese Weise umklammert. Und er wurde in seinen fünfzehn Lebensjahren bisher spärlich von jemanden umarmt.

„Link... ich bitte dich um Verzeihung...“, murmelte sie in den Stoff seiner schwarzen Tunika und lehnte ihren hübschen Kopf an seine Schulter.

„Es ist bloß... es geht mir nicht so gut. Deshalb war ich so abweisend. Verzeih’ mir...“, meinte sie inständig und hoffte auf Links Mut zur Annäherung. Aber er blieb zurückhaltend wie immer und schien mit dem Erdboden verwurzelt zu sein.

 

Er wusste einfach nicht, wie er reagieren sollte und tat erst mal gar nichts, versuchte ihre Nähe so zu genießen, wie es vielleicht richtig sein sollte. Aber es war alles andere als einfach für ihn diese Umarmung zu verstehen, ihre Zuneigung zu erwidern. Immerhin kannten sie sich nicht lange und dann hatte sie ihn vorhin auf gemeine Weise loswerden wollen. Warum also tröstete sie ihn überhaupt mit ein wenig Nähe und Wärme, wo er nicht verstehen konnte, was es damit auf sich hatte, wo er diese Wonne nicht akzeptieren konnte und nach anderen Gründen als einfach nur Vertrauen und Zuneigung für Arianas Handeln suchte?

 

Link war der erste, der sich löste, ihre Arme wegführte und die Umarmung unterband.

„Bitte lass’ das... ich ertrage so was nicht.“ Arianas Augen sahen traurig zu Boden und schlossen sich dann. Sie neigte das Haupt zur Seite und legte mitfühlend eine Hand auf ihr Herz, wollte ihn so gerne verstehen, wollte ihm so gerne seine Sorgen abnehmen. Aber sie wusste auch, dass Links Eigensinn das niemals zulassen würde.

 

„Warum...“, murmelte Link und trat an das kleine Rundbogenfenster, hoffend er könnte den Grund finden, weshalb Ariana ihm dieses unermessliche Vertrauen schenkte.

„Warum... bist du so... großherzig zu mir?“

„Weil ich in deinen Augen sehen kann, wie dir zumute ist...“, sagte sie ausweichend und humpelte wieder in ihr Himmelbett, stöhnte leise als sie niedersank und deckte sich mit der schweren Bettdecke zu. „Und warum... versuchst du überhaupt zu erkennen, wie mir zumute ist?“, meinte er strenger. „Was interessiert es dich?“ Er wand sich um und schnitt mit einem kühlen Blick durch die Luft. „Das interessiert doch sonst niemanden!“, giftete er und breitete aufgeregt die Arme auseinander.

 

Er war nicht nur aufgeregt, sondern verletzt, das spürte sie und es würde Monate dauern ehe sich sein erkaltetes Herz wieder erwärmen würde. Dennoch konnte sie seine Verbitterung im Augenblick nicht gebrauchen, nicht mit ihrer eigenen Verwundbarkeit...

,Zum Henker’, dachte sie, rollte mit den Augen und suchte nach etwas Aufheiterung.

„Ich würde vorschlagen, du versuchst dich erst mal unter Kontrolle zu bringen und deinen unerträglichen Hitzkopf zurückzuhalten, wie auch dein verletztes Herz zu beruhigen, sonst umarme ich dich richtig“, lachte sie gequält und versuchte so zu Link durchzudringen. „Und dann kannst du tausendmal sagen, rufen oder brüllen: ,Ich ertrage das nicht.’“

Er sah erschüttert drein und stand sprachlos vor dem Fenster. Das einzige, was wirklich bewundernswert und wahrhaft amüsant erschien, war die rote Verlegenheitsfarbe in seinem Gesicht, die sich stückchenweise von der Nase in das gesamte Heroengesicht vorarbeitete. Sie kicherte darüber und lächelte ihn äußerst frech an.

„Aber...“, babbelte Link und wusste dennoch nicht ein und aus.

„Was aber? Du würdest in meiner Umarmung sogar sicher sein“, lachte sie und zwinkerte. „Sicherer als du denkst.“

 

In dem Moment fiel ihr eine weitere Kleinigkeit auf. Links Augen waren wieder so tiefblau und durchdringend wie immer. Die stürmische Farbe darin, die sie mochte und die sie immer wieder anzog, war zurück zu ihrem Ursprung.

 

„Bitte setz’ dich zu mir, du dussliger Held.“ Und Ariana deutete mit einem übertriebenen, frechen Grinsen auf die Bettkante, direkt neben ihrer selbst. Er atmete tief ein und trottete mit roten Wangchen und zunehmendem Herzklopfen an das Bett und setzte sich zögerlich. Er spielte nervös mit den groben Händen und sprach babbelnd: „Also... warum interessiert es dich... was mit mir ist?“ Er schämte sich schon beinahe dafür ihr diese Frage zu stellen, schämte sich überhaupt solche verweichlichten Worte zusagen, wo er ein Held war, der seine Stärke niemals einbrechen lassen durfte. Sie rutschte einige Zentimeter näher und hauchte leise: „Link... es muss nicht immer tiefe Gründe geben für unsere Handlungen oder unsere Entscheidungen. Manchmal ist es soviel sinnvoller, soviel wichtiger, auf das hier zu hören...“ Sie führte ihre Handinnenfläche zu seinem Herzen und setzte einfühlsam hinzu: „Das Herz...“

„Du interessierst dich für... mich... wegen deinem Herzen?“ Er verschränkte die Arme und meinte kindisch: „Das versteh’ ich nicht...“ Ariana lächelte und erwiderte: „Nein, das musst du auch nicht. Noch nicht, du naiver Held.“

,Aber wenn alles überstanden ist, dann wirst du es verstehen’, setzte sie in Gedanken hinzu. 

 

Entschieden sah er auf und wagte sich der schwarzhaarigen Schönheit eine weitere Frage zu stellen: „Du weißt es?“

„Was meinst du?“ Er rollte mit den Augen und stand wieder auf, lief zappelig hin und her.

„Na, dass ich... ich meine, das, was ich bin... oder war...“ Und Link verhaspelte sich zunehmend. „Ich bin ein... war ein...“ Er hüstelte und babbelte aufgeregt einige unverständliche Worte hinterher. „Arg... verdammt!“ Er wühlte entnervt in seinem zerzausten Haar herum und sah Ariana nur herzhaft lachen. Sie lachte so ausgelassen, dass sie ihre Hände vor den Mund halten musste und damit bewies sie einige vornehme Tugenden, die sie sich in der Schule unbewusst und ohne dass sie es wollte, angeeignet hatte.

 

„Link... Hör’ zu. Es war nicht schwer für mich, dein großes Geheimnis herauszufinden. Ich habe vor wenigen Tagen im Hinterhof, als du Duschen warst, das Triforcefragment auf deinem linken Handrücken bemerkt. Es war nicht schwer herauszufinden, dass du der legendäre Held der Zeit bist.“

Link antwortete lapidar mit einem: „Oh...“

„Und ich habe auch beobachtet, dass es dir nicht gut geht.“

Noch einmal: „Oh...“

„Und ich würde dir gerne meine Hilfe anbieten, wenn du sie brauchst. Einfach nur, weil du ein wunderbarer Hylianer bist, nicht, weil mich dein Heldentum wissbegierig gemacht hat.“

Und das dritte Mal erklang ein: „Oh.“ in Arianas Ohren. Es war im Moment wohl einfach zuviel des Guten für den armen Link. Noch nie hatte ihm jemand so deutlich Hilfe angeboten, ihm so zugeredet. Er wusste ganz einfach nicht, wie er auf so etwas antworten sollte. Ariana interessierte sich für ihn und das vielleicht nicht weil er einen ungerechtfertigten Heldentitel trug, sondern weil er etwas Besonderes war. Und irgendwie wurde sie ihm mit jeder weiteren Minute vertrauter, als ob er sie schon sein Leben lang kannte. ,Verdammt’, dachte er. ,Sie verhielt sich so sehr wie Zelda.’

 

Sie lächelte und lud ihn wieder ein es sich auf der Bettdecke bequem zu machen. Er tat wie geheißen und watschelte wie ein braves Hündchen zu ihr hinüber, setzte sich zappelig auf die Bettkante und wich ihren bernsteinfarbenen Augen aus. Sie nahm entgegen seines Willens seine Hände in ihre und sprach gedämpft: „Kann ich nicht eine gute Freundin für dich sein?“ ,Unfassbar’, dachte er. Sie bot ihm wirklich ihre Freundschaft an. Einfach so? Ohne Bedingungen? Noch nie hatte jemand ihm ohne Bedingungen etwas angeboten... Das konnte Link nicht glauben!

 

„Okay, und was verlangst du dafür?“ Verständnislos wich sie zurück und verzog das Gesicht.

„Ich verlange überhaupt nichts dafür.“

„Das kaufe ich dir nicht ab. Sag’ schon, was springt für dich dabei heraus?“, meinte Link erbost. Aber Ariana schüttelte mit dem Kopf und wirkte verletzt wegen seinen Worten.

„Ich habe noch nie etwas ohne Grund und ohne Bedingungen bekommen, also: Was willst du für deine Freundschaft?“ Ariana neigte ihren Kopf in die entgegengesetzte Richtung und sprach finsterer: „Ich glaube, mein dussliger Held. Wir haben ein schweres Stück Arbeit vor uns.“ Er schwieg darauf. Aber Ariana wusste ganz genau, um welche Form von Arbeit es sich handelte. Es gab so viele Dinge, die Link lernen musste. Zum einen, dass er anfangen musste jemandem so zu vertrauen, dass er es nicht bereute. Dann musste er lernen, dass auch ein Waise und ein ausgenutzter Held wie er einen Anspruch hatte auf Glück und das nicht jede Form von Glück irgendwann ein Opfer verlangte. Er musste verstehen lernen, dass es auch glückliche Momente im Leben gab, die ihm niemand nehmen konnte und das nicht jedes Verhalten von nahen Menschen an Bedingungen geknüpft war, die sich auf den beiden Schalen einer Waage wiederfanden... Ein schweres Stück Arbeit. Aber sie nahm es gerne auf sich. Für ihn... nur für ihn...

 

„Wenn du unbedingt etwas für mich tun möchtest, dafür dass ich dir ein Freund bin, dann habe ich da schon eine himmlische Idee.“ Ariana grinste schmuckhaft. So schön, dass Link erneut errötete und lieber wegschaute.

„Bist du so lieb und schaust in das kleine Schubfach des Nachttisches?“ Link nickte mehrmals und öffnete vorsichtig ein kleines, quietschendes Fach. Das Fach war erstaunlich leer und nur ein Gegenstand befand sich in dem dunkelbraunen Innenräumchen. Eine altrosa Bürste, wo einige Borsten fehlten.

„Eine Bürste?“, fragte er strittig.

„Mmh...“, murmelte sie und sie drehte ihm den Rücken zu. „Würdest du bitte?“ Aber Link zögerte. „Nun mach’ schon, du wirst mir nicht gleich die ganzen Haare herausrupfen!“ Und der dusslige Held ging artig und tüchtig ihrem Appell nach, befolgte jeden ihrer Befehle und fand die Situation wie sie war schon wieder zu vertraut. Unheimlich vertaut. Beinahe gespenstisch, sodass er vielleicht doch sichergehen sollte, dass an Arianas Ähnlichkeit mit Zelda nicht mehr dran war als ein bloßer Zufall.

 

Er nahm einige Haarsträhnen in seine eine Hand und fuhr mit der Bürste in der anderen sachte durch das ungekämmte, schwarze Haar. „Dein Haar ist... sehr strubbelig...“, quasselte er aufgeregt und fühlte sich wieder wie im Schwebefieber. Noch nie hatte er einem Mädchen die Haare gekämmt. Hoffentlich erfuhr William das nicht. Der Kasper würde doch sofort wieder mit seinem unsinnigen Gerede anfangen, dass vor Link kein Mädchen im Umkreis von zwanzig Meilen sicher wäre. So ein Blödsinn, dachte der Heroe.

„Äh... ist das in Ordnung?“

„Mmh... Danke dafür“, sagte sie sanft und erweckte mit ihrer Einfühlsamkeit und Mildtätigkeit in Links Gehirnwindungen erneut den Gedanken an Zelda. Es war nicht nur Arianas Umgang mit ihm, sondern auch ihre Stimme. So warm. So beruhigend...

„Warum kämmst du dir dein schwarzes Haar eigentlich nicht selbst?“, meinte er leise, aber wollte damit nicht grob wirken und den Eindruck vermitteln, er tat es nicht gerne. Denn irgendwie machte es ihm Spaß ihr langes Haar zu bürsten.

 

„Es ging mir den Tag über nicht so... besonders... und deshalb bin ich leider nicht dazugekommen... weil mir alles weh getan hat.“ Link stoppte das Bürsten und musste einfach eindringlicher nachfragen.

„Es ging dir nicht gut?“ Diesmal war es das Mädchen in jenem Himmelbett, das schwieg. Und Link legte die Bürste wieder zur Seite, wartete auf eine Antwort und fürchtete sich beinahe davor.

„Warum... ging es dir nicht gut? Ist irgendetwas geschehen?“ Sie nickte schwach. Und das sonnige, heitere Gemüt, welches ihn so an seine Prinzessin erinnert hatte, wandelte sich ein wenig. Sie legte eine Hand auf ihre Stirn. „Ich möchte nicht darüber nachdenken...“, wimmerte sie fast, drehte sich aber mit verängstigten Gesichtszügen zu ihm um.

„So schlimm?“, fragte er leise, weil er einfach keine Ahnung hatte, was man in eine solchen Situation fragte und weil er noch nie ein Mädchen getröstet hatte.

Sie schloss die Augen und Link erkannte für einen Bruchteil eines Augenblicks glitzernde Spuren an ihren langen Wimpern.

 

„Es... war so schrecklich“, sagte sie zitternd.

„Ähm... bitte nicht weinen“, erwiderte er und hoffte, er könnte sie damit trösten. Sie nickte erneut, presste ihre Lippen aneinander und meinte leicht scheu: „Darf ich dich vielleicht doch... richtig umarmen?“ Link aber war wie vor den Kopf gestoßen und hatte nicht den Hauch einer Chance darauf zu antworten, noch nicht einmal die Worte verarbeiten konnte er. Denn Ariana war so schlau und deutete seine Unsicherheit als unwiderrufliches: ,Freilich, gerne doch.’

Sie schluchzte, drückte ihren hübschen Kopf an seine Brust und belastete Link mit genug Gewicht, dass er keine Wahl hatte und mit dem Rücken auf die weiche Matratze krachte. Ein schauriger Laut entkam seiner Kehle und als er seine missliche Lage kapierte, denn er brauchte einige Minuten dazu, war es schon längst zu spät. Haltsuchend lag Ariana in seinen Armen und brachte Link in einen gehörigen Schlamassel ohne, dass sie es wusste. ,Farore, dachte der Jugendliche, wenn das William rauskriegt. Der lacht noch lauter als ein gackerndes Huhn.’

 

,Das gibt’s doch nicht’, dachte Link, als er jenen Schlamassel mehr und mehr verstand. Das ging zu weit! Er konnte doch nicht mit einem Mädchen, zum Teufel, mit einem Mädchen, in einem Bett liegen. Das war gefährlich, dachte er. Er musste sofort weg von hier, sagte ihm sein Fluchtinstinkt.

 

Aber während sie beide so dalagen, musste Link trotz seines knallroten Kopfes einsehen, dass jenes Gefühl nicht das unangenehmste war. Hier auf der weichen Matratze. Umarmt von einem hübschen Mädchen, welches ihn verstehen wollte ohne irgendwelche Bedingungen. Umschmeichelt von ihrem weichen Haar, das sein Kinn kitzelte. Es war ein neues Gefühl für ihn. Eine Empfindung, die er noch nie erfahren hatte. Die Erfahrung von wärmender Nähe...

Himmel, es tat einfach nur gut... und es war so schön, dass er nicht wollte, Ariana würde jemals wieder verschwinden...

Er fühlte sich fast wie in einem Wunschtraum. War nicht gerade diese Empfindung das verlorene Teilchen in seinem Herzen? Die Sehnsucht, die er noch nie erfahren, aber immer vermisst hatte? 

„Ariana?“, murmelte er leise und wagte es sich ohne Scham seine Hände über ihren Rücken wandern zu lassen. Auch das hatte er sich noch nie getraut und nun? Wo war seine Zurückhaltung hin und seine Angst jemandem zu nahe zu kommen?

„Bist du angegriffen worden?“, meinte er. Sie blickte mit ihren bernsteinfarbenen Augen auf und nickte trübsinnig. Dann sank ihr Kopf wieder an seine Schulter und sie seufzte.

 

Aber war das nicht seltsam? Link war beinahe felsenfest sicher, dass seiner Prinzessin etwas zugestoßen war und nun erzählte ihm Ariana, sie wäre angegriffen worden. Schon wieder ein blöder Zufall?

 

„Wer hat dich angegriffen?“

„Moblins...“, antwortete sie und streichelte über die dunkle Tunika seines Ärmels. Sorgsam glättete sie eine Falte dort mit ein wenig guter, leiser Magie, die Link dank Nayru nicht bemerkte.

„Erzähl’ mir mehr darüber“, meinte er leise und fühlte sich trotz der angenehmen Nähe mehr und mehr unbehaglich. Hoffentlich kam niemand in dieses Zimmer... 

„Ich wohne am Rande der Provinz Lanayru... und es ist ein ziemlich weiter Weg von der Schmiede meines Vaters zu der Mädchenschule. Aber es gibt eine kleine Abkürzung, vor der mich mein Vater immer gewarnt hat. Ich bin stur gewesen und dann...“ Sie erzählte ihr kleines Märchen ohne Bedauern und irgendwo tief in ihrem Inneren wusste ein anderer Teil ihrer selbst, dass Link ihr Märchen schon lange durchschaut hatte.

„... da waren einige Moblins und... ich wurde verfolgt, bis sie mich einholten... und dann hab’ ich ihre schwarze Magie abbekommen. Deshalb brauchte ich Schlaf.“

„Ich habe dich vorhin humpeln sehen.“

„Mmh... mein linker Fuß ist verstaucht.“ Sofort kramte Link in seiner Hosentasche herum und hielt ihr das Heilmittel unter die Nase. Aber sie schüttelte schnell und stur mit dem Schädel.  „Nein! Das ist für dich. Du hast es nötiger als ich.“ Und erneut wurde der junge Heroe misstrauischer, was Arianas wirkliches Gesicht betraf. Verschleierte sie sich vor ihm? Er blickte trübsinnig auf und traute sich länger als sonst in die Augen seines Gegenübers zublicken. Er sprach das folgende Wort leise und sorgfältig, mit Sehnsucht und vielleicht auch mit etwas, was er glaubte, nicht empfinden zu können: mit Liebe.

„Zelda?“

 

Plötzlich stapfte jemand mit lautem Getöse in das spärlich erleuchtete Kämmerchen und knallte die Tür mit ein wenig zu viel Druck zu. Es war die Mitbewohnerin Arianas und sie schien nicht sofort zu bemerken, dass in jenem Raum, eindeutiger wäre in jenem Bett, gerade der Jugendliche mit Ariana lag, den sie eigentlich von ihr fernhalten sollte. Sie zog sich ihren breiten Mantel aus und starrte dann mit ihrem kleinen Augen zu dem Bett. Sie sagte erklärend: „Ariana, ich habe deine Besucher alle abgefangen, so wie du es mir gesagt hast und...“ Aber als sie Link entdeckte, verlor sie kurz das Wort und brachte schließlich ein lautes: „Bei den Göttern!“, aus ihrem Mund. Ariana richtete sich sachte auf und Link wich soweit weg, dass er jauchzend von der Bettkante fiel.

 

„Allmächtige Göttermutter Destinia. Was habt ihr beide denn gemacht?“, kreischte sie. Es war nichts Ungewöhnliches, dass sie lärmte. Schließlich war in einer sittsamen Mädchenschule wie dieser Männerbesuch sowieso nicht gern gesehen und dann lag dieser perverse Link- ja, sie erinnerte sich immer noch an den Badetag am Glücksteich- mit Ariana in einem Bett! Ausgerechnet hier in der feinen Mädchenschule!

„Ariana?“, brachte sie verwundert hervor. „Was machst du denn mit einem Jungen in einem Bett. Das ist doch unanständig!“

„Keine Sorge, du interpretierst zuviel in eine Umarmung, Olindara“, sagte die Angesprochene kühl und erhaben über jegliche Form von Peinlichkeit. Und Arianas sanfte Augen fielen grinsend zu Link, der so rot wie eine Tomate auf dem Teppich hockte und nicht wusste, was Olindara überhaupt meinte.

„Nicht wahr? Du bist doch ein außerordentlicher Gentleman, mein dussliger Held.“

Er nickte, weil er sich keinen Rat mehr wusste, Ariana nur in irgendeiner Weise zu widersprechen. Sie dachte, was er nicht denken wollte und sie sagte, was er nicht konnte...

 

„Es ist bereits kurz vor zehn Uhr...“, murmelte sie, stand auf und führte den Jungen zu der Tür.

„Möchtest du, dass wir uns öfter sehen?“, fragte sie gedämpft und faltete ihr Hände erwartungsfroh hinter dem Rücken. Er nickte scheu und wendete seinen Blick nach unten.

„Vielleicht können wir zusammen ausreiten, wenn du möchtest.“ Doch darauf wurde sein Blick wieder trauriger und er sagte mit Unbehagen und leichtem Schmerz in der Stimme.

„Das ist leider nicht mehr möglich... man hat mir Epona weggenommen.“ Ariana blickte erstaunt auf und verstand in dem Augenblick die Gründe für seine zunehmende Verbitterung, seine Unzuverlässigkeit.

 

„Epona wurde dir weggenommen?“, sagte sie strenger, so als hätte sie seine Worte vorher nicht verstanden. „Warum?“

„Das ist eine lange Geschichte“, erklärte er abtuend und erneut erschufen Schicksalsproben in seinem Gemüt unvergleichliche Kälte und Hass, den er nur gegen sich selbst richten wollte.

„Und ich habe nicht vor, sie dir zu erzählen“, endete er eisig und drehte sich seitlich.

Ariana schüttelte den Kopf, rümpfte die Nase, aber legte eine Hand auf seine Schulter und suchte damit erneut eine verbotene Nähe.

„Dann behalte sie doch für dich, Dussel.“ Sie grinste hämisch. ,Sei’ doch grausam und kalt zu mir, damit wirst du mich sowieso nicht los’, dachte sie radaulustig und rutschte einige Zentimeter näher. Frech, aber unkonventionell, drückte sie einen zärtlichen Kuss auf seine linke Wange und lächelte: „Danke für deine Hilfe mit dem Buch. Träume süß, Link.“

 

Noch bevor jener reagieren konnte, schob sie ihn aus der Tür und schloss diese. Mit sanftem, mildem Blick lehnte sie ihren Kopf stirngerichtet gegen die Tür und hoffte, dass ihre Worte ihm eine ruhige Nacht bescheren würden...

 
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