25. Kapitel
 

Kapitel 25

 

Seit den ersten Tagen der ehrenhaften Ritterschule, seit alter Zeit, hielten die Knaben, mutig und auf den fordernden Pfaden von Stärke und Edelmut, den Umzug mit einer einfachen und doch notwendigen Mutprobe in den nahe gelegenen, verwunschenen Wäldern ab. Sie zogen mit hellleuchtenden Fackeln auf verschlungenen Wegen durch den Laubwald, unterhielten sich leise. Neugierde und Aufregung tobten in ihren frischen Venen, als ihre Stiefel klappernd über feuchten Erdboden stapften. Viele von ihnen fürchteten sich im Angesicht der starren Dunkelheit der Wälder, nicht ahnend, welche Prüfung auf sie wartete und vielleicht auch verängstigt, da der Wald mit seinen uralten Geschöpfen auch listig und heimtückisch sein konnte.

Link und William bildeten das Schlusslicht und schwiegen. Der junge, unerkannte Heroe war ohnehin nicht der Gesprächigste. Verträumt blickte er umher, war mit seinen Gedanken an anderen Orten. Vielleicht an einem Ort, den er sich herbeisehnte. Ein Ort, den man Zuhause nennen konnte. Während die vielen Fackeln zu ihrem Bestimmungsort zogen, holte den jungen Hylianer etwas ein, das er lange nicht mehr besinnen wollte.

Einst in der alternativen Zeit, als er erwachsener und zugleich jünger war als jetzt, auch dort zogen Hunderte Fackeln für den Frieden über das Land, als mit Ganondorfs Tod der rote Vorhang des Elends über Hyrule verschwand. Auch dort waren Lichter, die märchenhaft schimmerten, als sie über die Welt wanderten. Er sah damals alles von weitem. Auf einem der grünen Hügel Hyrules, nicht allein, sondern zusammen mit einer Seele, die ihn immer wieder gestärkt und eingenommen hatte, beobachtete er damals das wärmende, erfüllende Licht, das Hyrule auf eine hoffnungsvolle Weise überflutete. Als er realisierte, dass damit das Böse von der Erde verschwand, dass es vorbei war, damals hatte er einige salzige Tränen vergossen. Und vielleicht konnten ihn auch im Hier und Jetzt eifrige Lichter eines Neubeginns, den er sich so oft gewünscht hatte, in ein neues Schicksal geleiten. Sein Blick war so mildtätig und weich, mit einem winzigen Hoffnungsschimmer das all das, was hinter ihm lag, endlich ruhen und vergessen werden könnte…

 

Will bemerkte Links momentanen Gemütszustand ehe er selbst verstand, wie sehr man ihm seine trüben Gedanken ansah. Ein wenig unsicher, wie er auf das reagieren sollte, was in Link, dem geheimnisvollen Kauz, nun schon wieder vorging, entschied Will seinen sonst so lauten und wissensdurstigen Schnabel zu halten. Stattdessen lächelte er etwas schief, als Link aufsah und scheinbar noch vor wenigen Sekunden in fernen Welten unterwegs gewesen zu sein schien. Der junge Laundry grinste und zuckte mit den Schultern. Er deutete nach vorn und machte Link deutlich, dass sie vielleicht den Anschluss an die Gruppe verlieren könnten, wenn er weiterhin träumte.

„Weißt du, manchmal ist es sicherlich gut, dass man träumen kann, wo immer unsere Gedanken uns hinbringen“, sprach Will und klopfte Link auf die Schulter, weil er ihm inzwischen fast schon mehr bedeutete als ein Freund. Vielleicht weil er für ihn inzwischen schon so etwas wie ein Bruder war. Und vielleicht half ihm dieses Gefühl dabei Rücksicht zu nehmen, Link nicht wegen jeder seiner komischen Anwandlungen auszufragen.

„Ja, vielleicht… vielleicht ist da ein Funke Wahrheit dran“, entgegnete Link und blickte auf seine linke Hand. Er ballte jene zur Faust, sodass er das Leder seines Handschuhs knirschen hören konnte. „Es ist eine gute Erinnerung…“, setzte er hinzu. „Ja, es war eine gute Erinnerung…“ Er schloss seine Augen und lief etwas schneller vorwärts um aufzuholen. Will blieb noch immer zurück und grinste. ,Bald‘, sagte er sich. ,Bald werde ich dich verstehen, Link.‘ Und auch er hetzte hinter den anderen Jugendlichen hinterher.

 

Es dauert nicht lange und die Truppe, angeführt von dem Lehrer Newhead, erreichte eine geheimnisvolle Lichtung, die sich kegelartig nach innen wölbte. Trat man näher, so entdeckte man Treppen, die nah an immer weiter in das Erdreich hineinführenden, mit Steinen befestigten Seitenwänden gebaut waren und fast wie überdimensionale Pfeiler das Erdreich stützten. Schaute man über den Rand hinweg konnte man nur einen Bruchteil der Tiefe entdecken, die die Dunkelheit vor den Augen verschluckte. „Sollen wir da hineingehen?“, rief ein junger Schüler, dem dieser Ort scheinbar nicht geheuer war.

„Tut mir leid Euch das mitzuteilen, Jungs, aber ja, das ist Euer Ziel. Jeder Ritteranwärter begibt sich in diese Dunkelheit, verzagt nicht, verzweifelt nicht. Eine Mutprobe, die ihr bestehen müsst, allein oder auch gemeinsam.“

„Wirklich? Ist das okay, wenn wir uns den Anforderungen gemeinsam stellen?“, rief Will und mühte sich durch die Reihen junger Schüler hindurch, sodass er dem Lehrer in seine undefinierbaren Augen blicken konnte. 

„Ja, wenn ich es Euch doch sage. Du musst nicht andauernd so misstrauisch sein, William Laundry“, lachte der unerkannte Schwindler und rieb sich mit den Händen seine Brust. „Seid weise, mutig und stark. Die Mutprobe wird vielleicht anders ablaufen, als ihr erwartet... In jenem gigantischen Erdloch könnt ihr Türen entdecken und vielleicht durchquert ihr diese, vielleicht aber entdeckt ihr zu wenig hinter jenen Türen“, erklärte er spitzfindig, als wusste nur er um die Wahrheit der Aufgabe und grinste. Er grinste so breit, dass man seine gelben Zähne bewundern konnte, die zu seinem Dreitagebart einen unangenehmen Kontrast formten.

„Falls etwas nicht okay ist, brüllt so laut ihr könnt, oder gebt mir ein anderes Signal. Ich vermute, das Schlimmste, was Euch da unten passieren kann, ist eine Spinne oder ein anderes Geschöpf von Mutter Natur. Beendet einfach diese Aufgabe und schon ist es vorbei.“ Damit trat Nicholas vorbei, zündete sich eine Pfeife an und machte es sich auf einem umgefallenen Baum bequem. Genüsslich verpuffte würziger Rauch in der Luft. Und mit jedem Zug schien Newheads Grinsen breiter zu werden.

 

„Ich will nicht wissen, was der da in sich reinhaut“, flüsterte Will und blickte Link mit großen und wissenden Augen an. „Wenn mein Vater sich eine Pfeife anzündet, hat er etwas seltsame Anwandlungen“, erklärte er. Er wackelte mit seinem klugen Kopf auf und ab, als Unterstützung des Gesagten.

„Seltsame Anwandlungen?“, fragte Link nach.

„Oh ja“, erwiderte Will in einer Art von geschauspielertem Fast-Ernst. Er wurde etwas rot um die Wangenbäckchen. „Er erlaubt dann fast alles. Er redet über Dinge, die er sonst nicht sagen kann.“ Und damit blickte Will den Heroen etwas grinsend und hinterhältig an. „Aber ja, du solltest vielleicht mal eine Pfeife rauchen, Link.“ Und Will lachte dann. Link fand das weniger lustig. Er würde sich nicht so ein Stück Holz in den Mund stecken, darauf herum nuckeln wie ein Säugling und sich an berauschenden Zuständen erfreuen.

„Du machst dich damit nur lächerlich“, murrte Link.

„Keineswegs“, entgegnete Will. „Mein Vater fühlt sich danach oftmals besser, vielleicht weil er dann einige Dinge gesagt hat, die er sonst nicht sagen kann. Nur deshalb gestattet meine Mutter ihm das Paffen.“

„Dennoch… es ist ein Unterschied, ob man über bestimmte Dinge einfach nicht reden kann… oder ob man über diese Dinge nicht reden will“, schloss der Heroe ab und blickte etwas trübsinnig zu Boden. „Im Übrigen“, ergänzte er und sah wieder auf, diesmal mit dem Versuch eines Grinsens. „Im Übrigen habe ich vor… sagen wir vor einiger Zeit… schon mehr als genug Dinge ausprobiert, die einen in andere, vielleicht auch seltsame Zustände versetzen.“ Und damit trat Link aus Wills Gesichtsfeld und lief die steinernen Stufen schweigsam hinab. Will aber verharrte noch einen Augenblick, nickte und war beinah dankbar. Link begann allmählich aufzutauen. Ja, vielleicht in einigen Wochen war das Misstrauen und das Unverständnis ihm gegenüber vorüber. Außerdem machte er ihn neugierig. Was bei Farores grünem Blut hatte er bereits ausprobiert?

 

Etwas nachdenklich tapste Link allen anderen Jungs voraus die Stufen hinab. Sie hatten ihn allesamt erstaunt und wiederrum erleichtert angeschaut, als er die Führung übernommen hatte. Keiner würde es zugeben, aber sie alle besaßen Respekt vor der Dunkelheit. Wie sollten sie auch nicht? Keiner jener Jünglinge war jemals auf sich alleine gestellt in einem Verlies unterwegs gewesen. Keiner von ihnen musste sich in der Dunkelheit zurechtfinden. Für Link jedoch war die Dunkelheit eines Verlieses oftmals noch einfacher zu ertragen als die sich sorgenden Augen eines Freundes.

Eine Lampe in der rechten Hand und die Linke auf dem Griff seines Schwertes ruhend, das er an seinem Gürtel festgeschnallt hatte, trat der vergessene Heroe vorwärts. Dicht hinter ihm beobachteten Wills smaragdgrüne Augen die Umgebung.

„Ich frag‘ mich immer noch, wie du das machst. Ich glaube, in deinem Kopf müssen irgendwelche Bahnen kaputt sein. Ein normaler Hylianer fürchtet sich im Dunkeln“, flüsterte Will mit wackliger Stimme. Jedes noch so kleine Geräusch schreckte ihn auf.

„Das Geheimnis daran ist nur… dass man Furcht nicht zwangsläufig zeigen muss… das heißt aber nicht, dass ich keine habe“, sprach Link deutlich, sodass hinter ihm einige Jungs murrten und ihn baten, doch leiser zu sein.

Link atmete tief ein, blieb stehen und wand sich um seine eigene Achse: „Denkt ihr wirklich, es ist notwendig leise zu reden? Glaubt ihr, wenn in diesem riesigen Erdloch irgendwo ein Monster lauern würde, dass es euch nicht bemerkt, nur weil ihr leise seid? Wenn hier ein Dämon lauern würde, hätte er euch doch schon lange angegriffen.“ Einige schluckten auf seine Worte, andere schimpften.

„Seid nicht so einfältig euch einzubilden, ihr seid zu kostbar und es darf euch nicht passieren, dass ihr angegriffen werdet. Das seid ihr nicht. Egal, wer ihr seid, Rieseninsekten machen gewiss nicht vor Eurem blauen Blut Halt.“

In dem Augenblick legte Will eine feste, starke Hand auf Links Schulter und schüttelte mit dem Kopf. „Lass‘ gut sein, Link.“ Will unterbrach ihn gewiss um ihn vor sich selbst zu schützen. Und auch der unerkannte Heroe ahnte langsam, dass Will inzwischen auf einer Ebene mit ihm stand. Vielleicht wusste der junge Laundry inzwischen zu viel…

 

Schweigend tapsten die Jungs weiter hinein in die tiefe Dunkelheit, die auch den letzten Rest des leuchtenden Mondes oder das Licht der Sterne am Himmel verschluckte. Ab und an piepste ein kleines Geschöpf in jener gigantischen Höhle. Ab und an wurde eine Fledermaus durch das Licht der Fackeln und Lampen aufgeschreckt und flog mit einem krächzenden Schrei davon. Als die Jugendlichen ihr Ziel erreichten, leuchteten mit einem Mal sehr hell und die Augen blendend an die dreißig Lichter auf und erhellten den so finster und gespenstisch wirkenden Raum. Die vielen, dicken Pfeiler stemmten sich nach oben und es wirkte, als verkrochen sich Wesen hinter ihnen, und als huschten schattenhafte Kreaturen von einem Pfeiler zum nächsten, im Schutze des Feuers und der Nacht…

An den Seitenwänden luden an die zehn Türen ein den Innenraum dahinter zu entdecken. Und die Knaben ahnten, dass hinter jenen steinernen Portalen die Aufgaben und Mutproben warteten, die jeder Ritteranwärter durchlaufen musste, egal ob allein oder in Gruppen. Link fackelte nicht lange, nahm gleich die erstbeste Tür zu seiner Rechten und hörte sogleich wie Will mit zitternden Beinen hinter ihm her stapfte. „Du hast doch nichts dagegen, wenn wir das zusammen meistern, oder?“

Link hängte den Kopf schief und musterte den Laundry: „Du bist doch nicht feige, oder so?“

„Nein, gewiss nicht“, lachte er verlegen, worauf Link sich kopfschüttelnd umdrehte und seufzte.

„Link, ehrlich jetzt, vielleicht ist das genau der Sinn und Zweck so einer Prüfung. Man muss auch teamfähig sein, meinst du nicht auch?“

„War ja klar, dass du wieder mit so einer Rechtfertigung kommst“, murmelte er.

„Und ich habe Recht. Bei all den Dingen, die du über Schlachten weißt, gibt es einen Punkt, den jeder hier mehr verstanden hat als du.“ Etwas verärgert funkelte Link seinen Kumpel an. „Was soll das heißen?“

„Das heißt, dass ich dich kritisiere.“

„Und das maßt du dir so einfach an“, knurrte der einstige Held der Zeit.

„Ja, das maße ich mir an. Erst einmal, egal, was du auch immer in deinem bisherigen Leben erfahren hast, du besitzt nicht das Recht dich aufzuführen wie ein arroganter, eingebildeter Sack, als hättest du mehr Lebenserfahrung als alle anderen Jungs zusammen. Und zweitens scheinst du bei dem Wissen, welches du über Schlachtfelder haben willst, zu vergessen, dass man Verbündete, Gleichgesinnte und Freunde braucht um nur irgendetwas zu erreichen. Das Link, macht dich nicht besser als alle anderen hier. Denn in diesem Punkt sind dir andere meilenweit voraus.“ So, dachte Will, das hatte gesessen. Er sah es in dem verstörten, hilflosen Blick, den Link ihm entgegen schleuderte. Vielleicht war genau das auch mal notwendig, um Link spüren zu lassen, dass er etwas ändern musste. Link blinzelte einige Male und wusste weder auf eine bissige noch auf andere Art auf Wills Standpunkte zu reagieren. Er hatte ihn schlichtweg sprachlos gemacht. Man sah an seiner gesamten Gestik, dass er ernsthaft über Wills Worte nachgrübelte.

„Also meistern wir diese Mutprobe zusammen?“

Link nickte, etwas bleich und fahl im Gesicht, und vielleicht auch etwas beschämt, dass ihm jemand erst einmal die Meinung sagen musste. Aber er nickte…

„Dann mal los. Ich wäre dir trotzdem verbunden, wenn du als erster durch die Tür gehst“, lachte Will dümmlich und gab dem jungen Heroen einen beherzten Stups durch die Pforte, bis er selbst verschwand.

 

Währenddessen paffte der unerkannte Schwindler genüsslich und seine undefinierbaren Augen ruhten in der Ferne, an keinem bestimmten Punkt, sodass man beinah schon seine Gedanken hören konnte wie sie auf Reisen gingen. Er ahnte um Geschehnisse, die nicht aufzuhalten waren. Er ahnte, dass, so sehr er sich auch bemühte, er den Helden der Zeit, den er fast als Sohn betrachtete, in naher Zukunft nicht mehr beschützen konnte. Er tat es nicht nur, weil Prinzessin Zelda ihn darum gebeten hatte. Er tat es, weil er sich ihm verbunden fühlte durch Schicksalsproben, durch Blut und durch Elend.

Der kräftige Rauch stieg aus der Pfeife empor, bildete Muster und Gebilde, und hinterließ einmal mehr ein würziges, angenehmes Aroma. Er grinste halbherzig, schüttelte den benebelten Schädel und atmete tief durch. Wie traurig Hyrule sein konnte. Und wie grausam… in wenigen Monaten, so ahnte er, zogen die nächsten Wogen dunkler Magie über diese Welt. In wenigen Monaten musste der einstige Held der Zeit beweisen, dass er seinen Titel nicht umsonst trug.

Er seufzte und spürte vom Dickicht der Wälder ein paar Augen, die ihn beobachteten. Misstrauisch blickte er sich um. „Gebt Euch preis. Ich habe Euch bemerkt!“, rief er. „Wer seid Ihr?“ In dem Augenblick zog er sein schweres Stahlschwert und machte sich auf einen Kampf bereit. Doch der erwartete Angriff blieb aus, stattdessen trat ein vom Leben gezeichneter Mann aus dem Gestrüpp. Graues, fettiges Haar hing leblos an seinem Kopf herab. Ein zerschlissener Mantel mit Löchern bedeckte seine schmalen Schultern. Und obwohl man vermutete, dass hier jemand zu dem unerkannten Schwindler trat, der sein Leben bereits gelebt hatte, so verrieten die Gesichtszüge des Mannes und vor allem auch seine honiggelben, wachen Augen Kraft und Frische.

Nicholas grunzte etwas angewidert und widmete sich wieder seiner Pfeife. „Sieh einer an, Jake Lancus, der verstoßene Ritter. Wollt Ihr bei mir um Alkohol betteln?“ Der Mann trat japsend näher und wischte sich mit einer schmalen Hand über das abgemerkelte Gesicht. Man sah ihm an, dass er sich lange Monate lediglich vom Alkohol ernährt haben musste.

„Ich weiß, wer Ihr seid“, meinte der Mann trocken und torkelte näher. Er richtete sich etwas auf, presste seine Brust nach außen und hustete.

„Und das heißt was? Dass Ihr mich erpressen wollt?“, lachte Nicholas und schüttelte den Kopf. „Mit Eurem schwächlichen Äußeren und dem Fehlen von Stärke und Rechtschaffenheit hätte ich Euch schon dreimal die Kehle durchgeschnitten noch bevor Ihr beginnen könntet mich zu erpressen.“ Er lehnte sich zurück und ließ sich durch den Mann ihm gegenüber nicht beirren. Er war bemitleidenswert, nicht mehr und nicht weniger.

„Nein…“, sprach Jake Lancus und rückte mit zitternden Händen seinen Mantel zurecht. „Es ist so, dass mich etwas nachdenklich werden ließ.“

„Nachdenklich um Euren Rausch einmal auszuschlafen?“, erwiderte Schwindler spitz und kratzte sich an seinem Dreitagebart.

„Es ist der Junge. Dieser blonde Junge mit diesem verdammten Blick. Dieser Blick, der mich verfolgt“, wollte er erklären. „Er hat das Blut der Furchtlosen in sich. Wie kann das sein?“

Nicholas schloss gelangweilt und zugleich genervt seine Augen. „Du redest wie jemand, der zwischen Alkohol und Nahrung nicht mehr unterscheiden kann. Wer soll nur ansatzweise verstehen, was du mit deinem Erscheinen und deinen Worten bezweckst.“

„Ich will eine Chance“, sprach er und zitterte erneut heftiger, wohl weil der Alkohol ihn wieder zu sich rief und seine Anwesenheit verlangte. Während er sprach, stieg ein beißender Geruch aus seinen dunklen, verquollenen Schleimhäuten. „Und ich möchte wissen, wo dieser begabte Junge seine Wurzeln hat.“ Und da ahnte Schwindler endlich, dass dieser Ritter, dem man seinen Titel und alle Besitztümer weggenommen hatte, tatsächlich von Link sprach.

„Scher‘ dich vom Acker. Was denkst du dir, dass ich meine Schutzbefohlenen an dich ausliefere?“ Nicholas hüpfte schnell und drohend auf seine Füße, hatte in Sekundenbruchteilen seine Waffe gezogen und den älteren Mann mit einem festen Griff niedergerungen. Er setzte ihm die Waffe gnadenlos an den Hals. „Jemand wie du verlangt wahrscheinlich nach dem Tod. Würde ich dich töten, würdest du Ruhe finden und niemand würde dich vermissen.“

Die gelben, benebelten Augen des bemitleidenswerten Mannes blickten weder angstvoll, noch verwundert zu dem scharfen Stahl, der an seiner trockenen Kehle saß. Vielleicht war es ihm inzwischen gleichgültig, dass sein Blut noch floss. Er lachte kratzbürstig.

„Ich warne dich nur einmal. Lass‘ meine Schüler in Ruhe. Und lass‘ vor allem Link in Ruhe. Dieser Junge hat genug hinter sich. Was immer du auch im Sinn führst, erwische ich dich in der Nähe der Ritterschule, bring‘ ich dich in die Schlosskerker!“

„Link also… das ist interessant. Ja, das ist mehr als interessant…“, murmelte der Niedergerungene und lachte. Er lachte so laut, dass es die Schüler in den Tiefen des Erdreichs hören konnten. Und vielleicht lachte er, weil er sich gerade einer Wahrheit bemächtigte, die niemand sonst erahnte…

„Seid leiser!“, brummte Schwindler, aber der Mann ließ sich nicht einschüchtern und lachte nur noch lauter. Nicholas schüttelte angewidert seinen Kopf.

„Ich kann Euch etwas verraten, Herr“, meinte der Mann und umgriff ganz vorsichtig die Schwertklinge, die seine Kehle kitzelte. Er grinste. „Dieser Junge mit diesem ungewöhnlichen und doch beispiellosen Namen… diese Nacht macht jemand mit ihm Bekanntschaft… und seine linke Hand wird ihn in den Wahnsinn treiben… ja, sehr…“ 

„Woher weißt du das?“ In Nicholas Augen spiegelte sich Entsetzen, dass Jake Lancus einfing. „Ich belauschte jene, die sich wie keine anderen an Stärke laben… ich belauschte jene, deren Triebe sich verzehren nach dunkler Magie… und jene, die nichts lieber ertasten als die Kälte und Rauheit des Todes…“

„Wo hast du jene belauscht?“

„Die Wesen, die geschunden waren?“

„Ja, wo hast du sie belauscht?“, knurrte er mit Nachdruck.

„Nicht weit entfernt von hier… ganz nah der Schule.“

„Und das soll ich dir glauben, du Häufchen Elend?“

„Glaubt, was Ihr wollt. Mich hat es schon gewundert, dass diese Geschundenen mich nicht entdeckt haben.... Aber was hätte jemand wie ich schon zu verlieren…“

Nicholas ließ sofort von dem bemitleidenswerten Mann ab und in seinen undefinierbaren Augen blitzte ein gefährlicher Funke. Er verstand das, was ihm dieser scheinbar unglaubwürdige Mann vermitteln wollte. Und er glaubte an die Entsetzlichkeit der Ereignisse, die ein höheres Wesen für sie Sterbliche plante. Und in letzter Instanz wusste er nun auch, welche Gestalten sich womöglich in dieses teuflische Spiel begaben. Er umfasste seine Waffe nur noch fester und hastete in Richtung der riesigen Höhle und als er die ersten Treppenstufen hinab trat, ahnte er bereits, dass er zu spät sein würde…

 

Mit einem unguten Gefühl standen Will und Link in einem weiteren Gewölbe, in welchem feine silberne Lichtstrahlen nicht erkennbaren Ursprungs durch den Raum glitten und der Sand der Zeit, puderartig und flockengleich, sich mit dem weißen Licht vermischte. Schmale Säulen mit unbekannten und beängstigenden Verzierungen, Geschöpfe mit gigantischen Klauen, die andere Wesen zerfleischten, waren in das Gestein gemeißelt worden. Und den beiden gegenüber, an der am weitesten entfernten Wand lehnend, war eine Gestalt mit großer Kapuze. Einzig ein eitles Grinsen konnte man von seinem Gesicht erkennen.

„Seid Ihr unsere Mutprobe? Müssen wir gegen Euch kämpfen?“, murmelte Will und noch ehe sein Satz vollkommen verklungen war, schnipste der unerkannte Kämpfer mit langen, dürren Fingern und es schien als veränderte sich die Umgebung, als verschwammen die Farben für Link und für Will, als vermischte sich eine Realität mit einer anderen. Im selben Augenblick noch sah Will seinen Kumpel neben sich stehen. Im selben, unbedeutenden Augenblick huschte ein Grinsen über Wills Lippen. Und in einem weiteren, eher beachtungslosen Moment, zerfloss der junge, unerkannte Heroe vor Wills Augen und er sah ihn nicht mehr. Will tapste hin und her, blickte sich verwundert um, doch Link und der vermeintliche Krieger, der ihre Mutprobe darstellen sollte, waren verschwunden…

„Link?“, rief Will und verzog mehr und mehr das Gesicht.

„Komm‘ raus, das ist nicht mehr witzig.“ Und Will begriff in dem Moment das scheinbar an der ganzen Situation nichts witziges, noch etwas gewöhnliches dran sein konnte. Dieser Unbekannte hatte Link mit einem Fingerschnipsen in eine andere Realität gebracht oder einfach nur vor rechtschaffenen Augen verschleiert.

 

Link jedoch, ebenfalls begreifend, dass sich mit jedem seines Atemzugs mehr und mehr Gefahren um ihn bildeten, sah ungläubig einen suchenden und nach ihm rufenden Will neben sich stehen. Es war wie, als befand sich eine Barriere zwischen ihnen und nur er konnte ihn sehen. Er griff nach ihm und alles, was er tastete, war Luft. Alles, was er sehen konnte, als er Wills vermeintliche Schulter berührte, war pechschwarze Farbe, welche zerfloss.

„Was zum…“, murmelte der Heroe und sah Will aufgeregt im Raum herumlaufen. „Ich schätze, das gehört nicht mehr zu irgendeiner Mutprobe…“ Und Links tiefblaue, verunsicherte Augen ruhten auf dem Mann, der noch immer grinsend an der hintersten Wand des Gewölbes lehnte.

„Wer seid Ihr?“, murmelte Link und umkrallte vorsorglich und erfüllt mit der Vorwarnung nahender Gefahr die Waffe in seiner Hand, jenes Schwert, das ihm schon immer Treuedienste geleistet hatte. Jenes Schwert, das einige Geheimnisse in sich trug…

Und erst als Links Blick sich wandelte, als vorgetäuschte Unschuld und Jugend vor dem Sturm und der Rauheit seines Kämpferherzens weichen mussten, und sich der Heroe versuchte auf das zu besinnen, was ihn auszeichnete, erst dann bewegte sich jene Gestalt, die den Heroen herausfordern würde. Während er vorwärts trat, in einem gleichmäßigen, fast lautlosen Tempo, und seine rabenschwarze Kapuze wie von Geisterhand zurückfiel, war es ein entsetzliches und entstelltes Gesicht, das dem Heroen den Ekel ins Gemüt trieb. Starre Augen, ohne Leben und Begierden, ließen ein faltiges und geschundenes Gesicht lieblos und verbraucht erscheinen. Eingefallene Wangen und Lippen so schwarz wie Moor erzählten von Leid und der Sehnsucht nach dem Tod. Und das, was diesen einstigen Elf beschmutzte, was ihn kontrollierte und sein Gewissen ausgelöscht haben musste, zierte blutig und hässlich seine kahle Stirn. Ein rotes Dreieck, niemals sollte man es berühren. Ein rotes, mit Sünden und krankhaften Trieben verseuchtes Mal, das Link an die Bitterkeit und Düsternis seines Daseins erinnerte.

Das rote Dreieck… Berühre niemals das blutrote Dreieck, flüsterte es in seinem Herzen, jenem Gefäß von Sehnsüchten und Gefühlen von Einsamkeit und Reue… Berührst du es nur einmal, zerfleischt es dich…

 

Und als Link sich seiner selbst bewusst, sich erinnernd, wer er war und dass er kämpfen konnte, sein gut ausbalanciertes Schwert in die Höhe hob, ein Zeichen vor allem an sich selbst sendete, auf das es ihn an sein einstiges strahlendes Licht eines Helden erinnern sollte, alsdann zog die Kreatur ihm gegenüber zwei Dolche, gewellt und scharfkantig und schwang sich mit Kraft und Leichtigkeit näher. Der Mann prallte mit einer derartigen Kraft in seinen Dolchen auf den sich verteidigenden Link nieder, dass er einfach brutal und hart an eine hintere Wand gestoßen wurde. Entsetzt über die Kraft jenes Mannes und mehr und mehr begreifend, was das letzte halbe Jahr ohne Training und ohne Kämpfe in seinem eigenen Körper verursacht hatte, richtete sich Link auf, wischte sich über eine blutige Lippe und wollte aus Verzweiflung lachen. Er war so schwach, dass er den einfachsten Angriff nicht abwehren konnte…

 

„Sagt mir zumindest, wer Ihr seid, bevor Ihr mich tötet…“, murmelte der einstige Heroe, dessen Stärke und Mut den Völkern Hyrules so viel Hoffnung geschenkt hatte. Nun aber bettelte er schon fast nach der Erlösung.

„Ihr seht selbst, dass sich ein Kampf gegen mich nicht lohnt, also warum demütigt Ihr mich noch!“ Link brüllte vor Zorn. Er wusste es, ja bei Farore, er wusste, dass er zu nichts mehr fähig und zu gebrauchen war. Verdammt, er wusste, dass er nicht mehr kämpfen konnte und dass sein ganzes Ziel im Leben, sein Traum davon, was er einst für Hyrule hätte sein können, von den Winden vergessener und grausamer Ereignisse hinfort getragen wurde. Aber musste er trotz allem noch derartige Demütigungen erfahren? Ein maßloser Zorn, geboren aus Selbsthass und enttäuschten Wünschen, erfüllte sein Herz und ließ auch das sonst so blasse und ruhende Fragment des Mutes auf seiner Linken aufflackern.

„Wisst Ihr eigentlich, was Ihr vor Euch habt?“, kreischte er, packte sein Schwert aus Verzweiflung noch einmal in seine kalten und schwachen Hände. „Wisst Ihr eigentlich, was Ihr da töten wollt?“ Und das bisschen Kraft, ein Hauch von gestern, ließ den außergewöhnlichen, jungen Mann, sich erneut aufrichten, einmal mehr seine Waffe ziehen und einen weiteren Angriff über sich ergehen. Mit einem unangenehmen Knacken wurde er durch den Raum geschleudert. Ein markerschütternder Schrei, kindlich und flehend, ging durch die Dunkelheit und erschreckte neben Will auch andere Jugendliche, die hinter den verschiedenen Türen nichts vorfanden als leere Räume…

 

Ein weiteres heftiges Klirren, ein Summen, gefolgt von ächzenden Lauten und endenden Schreien hallten durch das Gewölbe und drangen noch einmal an Wills Ohren, der jene Geräusche nicht als wahr erachten konnte. Ja, er hatte sich eingebildet, Links Stimme zu hören. Es war fast so, als rührte jene Manifestation von etwas realem von weither, als wäre er irgendwo in den verwunschenen Wäldern nahe der Ritterschule.

Er suchte nach der Tür, fand jene und wusste doch nicht, dass, wenn er sie öffnete, ob er den richtigen Weg finden konnte. Wo nur war Link? Und was war mit dem Kerl, der grinsend in dem Gewölbe wartete. Er konnte sich aus alledem einfach keinen Reim machen. Als er die Tür öffnete und hinter sich verschloss, sah er den Lehrer Newhead aufgeregt und mit seinem Stahlschwert bewaffnet die letzten Treppenstufen hinunter hasten. Aufgeregt und fast angestochen wie eine für den Ofen bestimmte Wildsau hetzte er zu dem nichtsahnenden Will hinüber und packte ihn an den Schultern.

„Wo, bei Destinia, ist Link?“ Auch die anderen Jugendlichen traten näher und beäugten den Lehrer verwundert. Sie quasselten aufgeregt durcheinander.

„Er ist plötzlich wie vom Erdboden verschluckt worden. Ich habe keine Ahnung“, erklärte Will und begriff mehr und mehr, dass etwas faul war.

„Warum? Stimmt etwas nicht?“ Der Lehrer ließ von ihm ab und biss sich auf die Unterlippe. Er brüllte und nahm Worte in den Mund, den keiner der Jugendlichen hier von ihm erwartet hätte und erklärte: „Jungs, die Mutprobe ist vorbei. Sie bestand darin, dass ihr in der Dunkelheit den Weg nach unten findet. Das war alles. Ihr habt diese bestanden, geht bitte nach oben.“ Erleichtert und gleichzeitig quengelnd und schimpfend traten die Ritteranwärter nach oben.

 

„Das heißt, hinter den Türen war absolut nichts? Aber was ist mit Link? Ich gehe bestimmt nicht ohne ihn zurück zur Schule! Er ist mein Freund“, protestierte Will und macht dem Lehrer deutlich, dass auch er sich sorgte.

„Da stimmt etwas nicht, habe ich Recht?“, murmelte der Laundry und versuchte Newheads ernste Mimik zu verstehen.

„Warum, zum Teufel, muss mit diesem komischen Kauz ständig was passieren!“, rief Will, als der Lehrer nicht antwortete und ihm sein rätselhafter, aufgeregter Blick auch ohne Worte mehr als genug Erzählstoff lieferte.

„Durch welche Tür seid ihr beide gegangen?“ Will zögerte nicht lange und deutete auf die Tür ganz rechts. Mit einem mulmigen Gefühl traten sie beide näher, nahmen nur das Flüstern der Jugendlichen wahr, die aus der gigantischen Höhle unter den hellerleuchteten Nachthimmel marschierten, lauschten dem Wind, der in den Wipfeln der alten Bäume rauschte, aber lauschten nicht dem Schrei des Todes, der eine andere Realität in diesen Sekunden zerfetzte…

 

Trübsinnig, aber auch hoffend, erkundeten sie das kleine Gewölbe hinter jener Tür und beobachteten die Lichtstrahlen, die weiterhin auf eine rätselhafte und verzauberte Weise mit der Dunkelheit spielten. Hier wo jene Strahlen eigentlich nicht sein durften… Und erschöpft und mit leerem Blick, niedergerungen auf die teuflischste Weise, lehnte Link an einer Seitenwand. Seine tiefblauen Augen waren geöffnet und starr. Ziellos verloren sie sich in der Dunkelheit, die seine Fühler so sehnsüchtig nach ihm ausstreckte. Seine Lippe blutete und sein Blut war noch warm. In einer eigenartigen Haltung hing der vergessene Heroe an der steinigen Wand. Seine linke Hand war mit einem gewellten Dolch durchstoßen und an die Mauer gekettet.

„Scheiße, Link!“, brüllte der junge Laundry und hüpfte so schnell er konnte näher. Er wedelte mit seinen Händen vor Links erstarrtem Blick, aber er nahm ihn einfach nicht wahr. Wie hypnotisiert blieben seine tiefblauen Augen an einem unbestimmten Punkt des Gewölbes haften. „Sir Newhead!“, kreischte Will, der in dem Augenblick jegliche Farbe im Gesicht verlor. „Link rührt sich einfach nicht.“

 

Schwindler jedoch war etwas anderes in diesem Raum nicht entgangen. Keine zwei Meter weiter, bedeckt von Dunkelheit im Kampf mit feinen Lichtstrahlen, welche heiter und gelassen in diesem Raum spielten, lag ein Elf, vielleicht ein Hylianer mit einem halbzerrissenen Schwert in der Brust am Boden. Ein blutiges Dreieck zierte seine Stirn und das Leben sickerte wie schwarzer Sand aus der tiefen Wunde seiner Brust. Der unerkannte Nicholas wusste, welchen zweiten Namen jene Kreaturen trugen. Er kannte sie, weil er eine Schar von ihnen schon einmal gesehen hatte. Und eine Schar von ihnen tötete wie Schatten, die von einem Punkt zum nächsten huschten. Man nannte sie auch Blutschatten… weil sie ihr nur mehr scheußliches Dasein mit Blut bezahlt hatten… Link musste diesen dämonischen Ableger der Schattenseiten Hyrule trotz seiner Schwäche in den Tod geschickt haben, auch wenn Link dafür einen bitteren Preis gezahlt hatte. Einer der Dolche des Feindes hatte den Heroen gerade dort erwischt, wo ein letzter Rest seiner Stärke, fast wie ein kleines Heiligtum geschützt wurde…

 

„Sir Newhead, bitte!“, rief Will noch einmal, worauf der stattliche Mann und Beschützer junger Ritteranwärter seinen Kopf schüttelnd endlich näher hastete und den jungen Heroen in seinem absonderlichen Zustand begutachtete. Mitleidig blickte Nicholas seinen Schützling an und auch er versuchte Links Reflexe zu testen. Er reagierte nicht, obwohl man eindeutig seine Atmung hören konnte, und obwohl das mitgenommene Herz in seiner Brust schlug.

„Es muss an diesem Dolch liegen…“, sprach er und erinnerte sich daran, welches heilige Symbol sich doch in Links Händen verbarg. Konnte es sein, dass er vielleicht nur deswegen angegriffen wurde? Und war sein Zustand erklärbar dadurch, dass man das heilige Symbol in seiner Linken mit diesem Angriff schändete?

 

„Aber wie kann das sein? Meint Ihr, Link ist vor Schmerz in diesen Schockzustand geraten?“, wollte der junge Laundry wissen und berührte mit einigen Fingerspitzen den eigentümlich aussehenden Dolch. Er konnte bei jener Berührung aber nichts ungewöhnliches feststellen.

„Link hat sicherlich schon weitaus schlimmere Schmerzen ausgehalten…“, sprach Nicholas leise. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein einfacher Dolch ihn in diesen Zustand bringt…“

„Aber das ist kein einfacher Dolch. Vielleicht lähmt er ihn aus irgendeinem Grund…“

„Das wäre zu einfach… es gibt so gut wie kein Mittel, dass Link lähmen könnte.“

„Dann muss er hypnotisiert worden sein… Er sieht so starr wie Eis aus“, argumentierte er dagegen. „Mmh, nein, ich glaube nicht, dass man Links mentale Barrieren und er hat genug davon, einfach so durchstoßen kann.“

Und in dem Augenblick platzte Will beinah der Kragen. Wütend richtete er sich auf und trat mit seinen Füßen an eine der Säulen, worauf sich sogar feiner Staub von dem alten Gemäuer löste.

„Sir Newhead, Ihr tut so als wisst Ihr wesentlich mehr über Link als ich. Hallo? Nur mal so zur Info, er ist mein Freund, und ich habe wesentlich mehr Zeit mit ihm verbracht als Ihr. Ihr redet von Link in einer Weise, die mir nicht gefällt!“

„Klingt fast so, als wärst du eifersüchtig“, lachte Schwindler, worauf Will das Gesicht auf eine beschämende Art und Weise verzog. Er wurde knallrot um seine Nasenspitze, sodass diese rote Farbe selbst in jener Dunkelheit sichtbar war.

„Bei den Göttinnen!“, rief er empört, worauf der Ältere nur lachte. „Das hat doch damit gar nichts zu tun!“ Und da verstand der junge Laundry, dass er aus irgendeinem Grund maßlos übertrieben reagierte. Will wusste nicht, warum er so aus der Haut gefahren war. Sicherlich, er machte sich Sorgen, aber vielleicht realisierte er auch jetzt wieder, dass er über Link, auch wenn er ihn mittlerweile als seinen besten Freund ansah, zu wenig wusste…

 

„Jedenfalls sollten wir versuchen, Link von dieser Wand zu lösen“, murmelte der Mann, umfasste mit Sorge den Dolch und zog jenen mit einem Ruck aus Links Hand, sodass der Heroe endgültig in sich zusammenfiel. Mit einem Knacken, auf das ein leichtes Winseln und Stöhnen aus seinem Mund drang, lag er auf dem steinernen, kalten Boden und hielt sich sofort reflexartig seine verletzte Hand fest. Noch nicht realisierend, dass er den Kampf gegen seinen Angreifer gewonnen hatte, und nicht realisierend, dass zwei Freunde besorgt neben ihm standen, hetzte er auf, krallte sich ein Messer, dass er in seinem rechten Stiefel trug und war dabei den Lehrer Newhead anzugreifen. Link reagierte panisch, fast wie ein sterbendes Tier, dass seinen letzten Fluchtversuch in die Freiheit unternahm, aber gegen ein gefährliches und starkes Raubtier nicht bestehen konnte. Für Nicholas war es ein leichtes Spiel, dem unerkannten Heroen das Messer aus der Hand zu schlagen und ihn in einem starken und gemeinen Griff festzuhalten und erst da blickte Link auf. Seine Augen waren wässrig und mehrere Adern in dem weißen Glaskörper waren geplatzt. Er wurde schlapp und ließ sich einfach zu Boden sinken, als er erkannte, dass es vorbei war.

 

„Link?“, murmelte Nicholas fragend. „Erkennst du uns nicht?“

Sich auf einen unerträglichen Schmerz an seiner linken Hand konzentrierend, presste er seine Rechte darauf, bemüht, das schwach glühende Fragment des Mutes darunter zu verstecken.

„Link?“, sprach auch Will in seiner tiefen Stimme, worauf der Angesprochene erschrocken aufsah. Seine größte Sorge galt der Tatsache, dass Will das Fragment auf seiner Hand entdeckt haben könnte. Jener aber, und Link würde auch dies erkennen, war in diesen schockierenden Minuten so durcheinander gewesen, dass er nicht die Möglichkeit hatte, Links Hand überhaupt genauer zu betrachten. 

„Scheiße, Mann, was ist denn überhaupt passiert?“, murmelte Will und half dem kränkelnden Heroen auf seinen beiden Füßen zu stehen.

„Ich weiß nur noch…“, begann Link zu sprechen, und als er seine Stimme erhob, war auch in jener ein bedrohliches Anzeichen zu deuten, dass auch jemand wie der Held der Zeit Ängste besaß. Auch Heroen fürchteten Schicksalsschläge, Dämonen und die Grausamkeiten der Welt. Selbst Helden waren davor nicht gefeit. Seine Stimme zitterte und sein Körper sehnte sich nach Ruhe und Schlaf.

„Diese Kreatur…“, flüsterte der Heroe und blickte sich mit schläfrigen, noch immer so leeren Augen um. „Er sagte nur eines zu mir… dass ich meine größte Sehnsucht niemals wieder mit eigenen Augen erblicken könnte… Nur eines… und dann griff er mich immer wieder an. Den Rest hat mein Schwert erledigt…“ Link taumelte etwas schwerfällig zu der Leiche, die immer mehr in sich zusammenfiel, und sah sein Schwert halbzerfetzt in der Brust jenes Mannes stecken. Lethargisch stand er da, seufzte und erinnerte sich, dass er einen letzten Trumpf ausgespielt hatte. Sein Schwert hatte ihn beschützt. Sein Schwert, auf dem eine Magierin einst einen wirkungsvollen Schutzzauber gelegt hatte.

„Ich habe diesen Mann nicht getötet, dazu habe ich nicht die Kraft… es war mein Schwert…“, erklärte der Heroe und berührte ein letztes Mal den Griff jener Waffe.

„Es war dein Schwert?“, meinte Will. „Willst du damit sagen, dass…“ Link nickte trübsinnig. „Ein Schutzzauber, den ich immer aufgespart habe und der hiermit verbraucht wurde…“, setzte er hinzu und hielt seine Linke immer fester. Es brannte wie die Pest. Und es blutete ziemlich übel. Und nun, nach einem weiteren Angriff und sich schleichenden bitteren Gefühlen, die sich durch Links Herz wagten, erkannte er weitaus mehr. All das, was in dem letzten halben Jahr, mit seiner Amnesie geschehen war, geschah nicht ohne Grund. Er war nicht schwach geworden durch einen simplen Zufall oder eine Laune der Natur. Jemand war hinter ihm her. Und diese Geschundenen, die einen für ihn noch unbekannten Meister hatten, verlangten seinen Tod…

 

 
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