27. Kapitel
 
"Kapitel 27



Beim allerersten Sonnenstrahl, der gleißend und machtvoll durch die Wolkendecke drang und sich über abgeerntete Felder seinen Weg bahnte, bis er sich auf grauem Gestein verlor, überquerten Nicholas Newhead und Lassario Laundry mit einem morschen Karren die Zugbrücke des majestätischen Königsschlosses. Nach einer langen Nacht waren beide Ritter froh endlich in der Hauptstadt Hyrules angekommen zu sein. Sie hatten in der Späte, nur kurz nach Mitternacht, den Auftrag erhalten den Getöteten vom Geschundenenvorfall, wie man diese Angelegenheit mittlerweile nannte, umgehend zu dem König zu bringen. Und anhand der Nachricht der Sturmtaube, die vom König höchstpersönlich zur Ritterschule geschickt wurde, spürten beide Männer eine wachsende Besorgnis bezüglich des dunklen Bündnisses der Geschundenen der Macht. Sie hatten sich lange unterhalten, über den Mordanschlag auf Link, und über die Auswirkungen, falls es diesen Verbrechern gelungen wäre, Link zu töten.

„Wenn wir den Erzählungen der alternativen Zeit Glauben schenken und wir uns bewusst machen, dass dunkle Kreaturen sich nichts sehnlicher wünschen, als ihren Meister wieder zu haben, denkst du nicht, dass es mehr als Zufall war, dass sie Link angegriffen haben?“, meinte Nicholas, der beunruhigt seine undefinierbaren Augen über den prächtigen Innenhof des Schlosses wandern ließ. Der gesamte Garten war gepflegt auf eine Weise, als ob Feen ihre Hände im Spiel hatten. Mehrere Stufen führten hinauf zu dem größten Schlosstor, das er jemals gesehen hatte. Und überall arbeiteten Bedienstete an Ordnung und Schönheit. Eine Magd putzte den Brunnen, wo aus den Händen dreier Nachbildungen der Göttinnen Wasser plätscherte. Einige Ritter übten auf einem für sie gebauten Übungsplatz für großartige Taten.
„Seit ich weiß, wer Link ist, halte ich nichts mehr für Zufall“, murrte Lassario mürrisch. Seit einigen Tagen machte ihn dieser Junge nervös und er wusste nicht einmal warum. Er stritt sich mit seiner Gattin nur wegen diesem Ritterschüler und es war höchst selten, dass sie sich in den Haaren hatten.  
Nicholas grinste ihn schelmisch an. „Ich schätze, du weißt irgendetwas, was du mir nicht unbedingt anvertrauen willst, was?“
Lassario schloss die Augen und seufzte. „Ich würde nicht sagen, dass ich es hundertprozentig weiß, aber für Belle beispielsweise steht es schon fest, obwohl es überhaupt keinen Sinn ergibt.“
„Ich will dir was sagen: das, was du hier von dir gibst, ergibt für mich auch nicht wirklich Sinn.“ Und der einstige Schwindler lachte. Lassario funkelte ihn mit seinen braunen Augen bitterböse an. „Wie auch immer, wir sollten die Leiche endlich zum König bringen.“

Und es dauerte nicht lange und sie durchquerten mit faszinierten Blicken und sehr angetanen Gesichtern einen riesigen Empfangsaal, wo mit Blattgold verzierte Statuen mit heiligen Schwertern den Weg bewachten und riesige Kronleuchter an den Decken nur darauf warteten jemanden unter sich zu begraben. Überall hingen rote Vorhänge und Wachen warfen strenge Blicke zu den beiden Rittern, kontrollierten sie und schienen immer ein munteres Auge zu haben und das um diese Uhrzeit, dachte Nicholas.

Nachdem sie einen langen Gang hinter sich gebracht hatten, betraten beide endlich den Königssaal. Ein Ort, wo Feste gefeiert wurden, wo Verbündete immer willkommen waren, ein Ort der bereits auf vielen Ölgemälden festgehalten wurde. König Harkenia saß mit müdem Ausdruck auf seinem Gesicht auf seinem Thron und wirkte mehr als unzufrieden, auch wenn er sich in seiner Position oftmals nichts anmerken ließ. Er trug eine goldene Rüstung und ein rubinroter Umhang fiel elegant an seinem Rücken hinab. Eine schwere goldene Krone schmückte sein Haupt. Seine rechte Hand ruhte auf dem Griff seines am Gürtel befindlichen Schwertes. Drei weitere Ritter, Heagen, McDawn und Sorman, saßen an einer rechtsbefindlichen Tafel. Der König blickte nachdenklich auf, als Nicholas die Leiche des Geschundenen der Macht auf die schönen Marmorfließen sinken ließ. Dann trat Harkenia auf seine starken Beine und begrüßte die beiden Männer standesgemäß. Auch Nicholas und Lassario ließen hylianische Begrüßungsformeln über ihre Lippen gleiten und verbeugten sich.

„Ist das diese Kreatur?“, sprach der König und warf einen verabscheuungswürdigen Blick zu dem einstigen Hylianer, der sich durch ein rotes Dreieck vergiften ließ, dessen Seele verloren war. „Korrekt“, meinte Nicholas. „Ein Mitglied der Sekte der Geschundenen der Macht.“ Harkenia nickte kühl und deutete einem jungen Boten an, Personal herbeizuholen, um jene Kreatur wegzuschaffen.
„Sir Newhead, Euer Vorschlag diese Leiche von Professor Morchas untersuchen zu lassen, ist nicht gerade auf erfreuliche Ohren gestoßen“, sprach Harkenia kühl. Mit diesen Worten trat der König ebenfalls zu der langen Tafel, von wo aus man über riesige Balkonfenster einen weiten Blick über die Felder Hyrules bis hin zu den massiven Todesbergen werfen konnte. Einige Gläser Wein, Weißbrot, allerlei Kostbarkeiten aus der hylianischen Küche, Würste und Käse, sowie Süßspeisen waren aufgedeckt. Seinem Stand entsprechend ließ sich Harkenia an der Spitze der Tafel nieder und blickte mit scharfen saphirblauen Augen zu seinen Rittern. Er deutete auch Lassario und Newhead an Platz zu nehmen.
„Mir ist bewusst, dass die Geschundenen der Macht mehr denn je eine Gefahr für unser blühendes Reich darstellen. Dennoch gefällt es mir nicht, dass wir solche Kreaturen, wie verteufelt sie auch sind, nach ihrem Tode entweihen. Professor Morchas‘ Methoden haben mir nie zugesagt.“ Sich räuspernd setzte sich Nicholas einige Plätze rechts neben den Monarchen. Lassario belagerte mit seinem breiten Körper einen Platz gegenüber des unerkannten Schwindlers. Von den Rittern schien allein Newhead zuversichtlich drein zu blicken. Sowohl Sorman, ein hagerer, dürrer Mann mit langem braunen Pferdeschwanz, als auch Heagen und der blonde, dickliche McDawn schwiegen und schienen über die Ereignisse nach zu grübeln.

„Verzeiht mir, mein König. Ich bin noch nicht vollends informiert über die Geschundenen der Macht. Was genau ist über diese Sekte bekannt?“ Lassario richtete einen ernsten, und wissbegierigen Blick zu dem Herrscher Hyrules.
„Nicht genug fürchte ich“, erwiderte er und belud endlich seinen goldenen Teller mit Köstlichkeiten und nahm einen Schluck Wein aus seinem Kelch.
„Sie beunruhigen mich bereits seit einiger Zeit. Es war vor vielen Jahren, dass sich jene Gestalten auf eine fatale und scheußliche Weise bekannt gemacht haben.“ Harkenia kaute auf einer Rosine und stützte sein Kinn an seiner rechten Hand ab. Seine blauen Augen verloren sich auf den Gemälden seiner Vorfahren, die den Saal ehrfürchtig schmückten. „Sie überfielen Dörfer, mordeten, vergewaltigten und hinterließen Blutbäder. Zunächst verfolgten wir sie, konnten aber nie Drahtzieher oder Anführer ausfindig machen. In dieser Zeit versuchten meine Ritter alles Wissenswerte über diese Sekte herauszufinden. Es ist uns nicht vollkommen klar, woran sie glauben, klar ist nur, dass sie das rote Dreieck als Symbol der Kraft verehren… Dins Macht, die allen Mächten voran immer jene war, die zerstörerisch und folternd Sehnsüchte in dreckige Ziele verwandeln und Herzen mit grausamen Begehr füllen konnte.“ Er seufzte und machte eine Pause. Leiser werdend sprach er weiter: „Dass sie nun den Helden der Zeit angreifen, beunruhigt mich noch mehr…“ Lassario verstand nicht genau warum. Gut, jeder kannte Geschichten über die alternative Realität. Jeder wusste, dass gerade Link etwas mit den Mächten der Göttinnen zu tun hatte. Nur gab es in Hyrule genügend fähige Ritter. Es gab eine Streitmacht, die selbst von Nachbarländern hoch angesehen und gefürchtet war. Selbst wenn sie den Heroen töten würden, es wäre nicht der Untergang Hyrules. Daran glaubte und darauf vertraute Lassario mit seiner Tapferkeit und seinem Schwert. Es wunderte ihn sehr, dass der Monarch sich beinah Sorgen um den Jungen machte.

„Und was wollt Ihr tun, mein König?“, mischte sich Nicholas ein. „Wir können nicht länger den Gräueltaten der Geschundenen zusehen. Ist es nicht schon genug, dass sie den geschwächten Helden der Zeit angegriffen haben?“ Nicholas fuhr beinahe aus seiner Haut. Er erhob sich und stützte seine Hände energisch auf dem Tisch ab. „Wie weit wollen wir es noch kommen lassen! Es ist an der Zeit etwas zu tun!“ Nicholas‘ Vorwürfe schienen den Monarchen nicht sonderlich zu beeindrucken.
Harkenias Augen blitzten überlegen auf. „Gerade deswegen habe ich diese Versammlung mit fünf der besten Ritter Hyrules einberufen. Heute und hier werden wir entscheiden über das weitere Vorgehen.“, sprach der König mit fester Stimme beschwichtigend. Nicholas machte große Augen und zwinkerte. Seit wann legte die Monarchie einen solchen Wert auf die Meinungen der Ritter und auf demokratische Vorgehensweisen?

In dem Augenblick trat Prinzessin Zelda unter der Begleitung eines Trupps Soldaten in den Raum. Die Soldaten grüßten den Herrscher des Landes und gingen ihrer Pflicht nach, nämlich die Leiche des Geschundenen auf eine Trage zulegen und zu einem anderen Ort zu transportieren.

Die Augen der Ritter fielen jedoch unweigerlich zu Prinzessin Zelda. Ihre königliche Gewandung schmückte ihre Gestalt und der grazile Stoff schlängelte sich elegant um ihre zerbrechlich wirkende Statur. Sie trug ein paar Handschuhe und eine Tiara schmückte ihr Haupt. Auch wenn sie sich bemühte, jeder der fünf anwesenden Ritter sah eine schwere Müdigkeit in ihrem Gesicht. Ihr blondes, volles Haar fiel unfrisiert über ihre Schultern. Sie war erschöpft und vielleicht zehrten ihre Wunden von vor wenigen Tagen an ihrer Stärke. Mit erhabenen Schritten und einem kühlen Blick trat sie zu der Tafel, begrüßte die Ritter kurz,  verbeugte sich vor ihrem Vater und nahm zu seiner Linken Platz. Harkenia musterte sie besorgt und legte eine seiner kräftigen Hände auf die ihren, die sie faltete. Sie war bereits unterrichtet, dass einer der Geschundenen getötet wurde. Doch die genauen Zusammenhänge hatte Harkenia mit väterlicher Weitsicht vor ihr geheim gehalten. Sie war noch immer verwundet und da sollte sie sich nicht zusätzlich mit Gefühlen der Besorgnis quälen.

„Wie geht es dir, mein Kind?“, meinte er, worauf die Prinzessin dankend entgegnete: „Um einiges besser. Aber viel wichtiger: Wozu diese kleine Versammlung?“
„Ich möchte eine Entscheidung fällen, die unsere Zukunft bestimmen kann.“ Und einmal mehr verlor sich Harkenias stolzer Blick auf den Gemälden seiner Vorfahren, der früheren Generationen, die Hyrule in den dunkelsten Zeiten einmal mehr ins Licht geführt hatten. Um sich vor seinen Ahnen nicht zu schämen und aus seinem Verantwortungsbewusstsein heraus, war es Harkenia immer schon wichtig, bedeutende Entscheidungen gemeinsam mit seiner Tochter oder hochrangigen Rittern, Beratern oder Ministern zu treffen.
„Bisher wissen wir noch zu wenig über die Geschundenen der Macht. Bisher wandeln wir im Dunkeln und obwohl mir Newheads Vorschlag sehr irrsinnig und ungeheuerlich erschien, so habe ich mit dem Gedanken gespielt diesen Vorschlag in die Tat umzusetzen.“
Zelda blinzelte, rieb sich über ihre Stirn und blickte etwas nachdenklich zu dem einstigen Schwindler, dessen Identität fast niemand kannte.
„Welchen Vorschlag?“, sprach Zelda klar und eindringlich. Sie war zwar erschöpft und fühlte sich matt, aber wichtige Entscheidungen würden niemals ohne ihr Wort gefällt werden.
Harkenia nickte Nicholas Newhead zu und deutete ihm an, seine Überlegungen noch einmal darzulegen.
„Es gibt Theorien. Einfache Hylianer, die einen Angriff der Geschundenen überlebten, berichteten, dass sie manchmal das Gefühl hatten, diese vermeintlichen Hylianer schienen gesteuert zu sein von fremden Mächten, als schiene ein Fluch auf ihnen zu liegen. Möglicherweise spielt sich in den Körpern dieser Sektenmitglieder etwas ab, was wir noch nicht wissen. Vielleicht gibt es eine teuflische Macht, die diesen vorgeblich schwachen Hylianern ihre Stärke verleiht. Es gibt auch einen Bericht einer Familie, wonach der Vater schon lange begraben als einer der Geschundenen zurückgekehrt sein soll. Wenn wir diesen Berichten Wahrheit zumessen, sollten wir uns überlegen, eine solche Kreatur näher zu betrachten.“ Nicholas sprach die Worte klar und beherrscht, obwohl jeder im Raum spürte, dass er die Anwesenden mit allen Mitteln überzeugen wollte, die Leiche zu untersuchen.
„Mit einfachen Worten gesagt, Ihr befürwortet, dass wir diese Kreatur aufschneiden?“, sprach Prinzessin Zelda dann und verzog angeekelt ihr Gesicht. Sie war schließlich nicht auf den Kopf gefallen solche Vorhaben zu durchschauen. Es war vielleicht gerade deshalb, dass ihr Vater nicht darauf verzichtete sie bei derartigen Besprechungen dabei zu haben.
„Tochter, wir sehen diese Sache genauso kritisch wie du, aber wie Newhead vorhin meinte, es wird Zeit, dass wir etwas tun. Das Königshaus hat dem Treiben der Geschundenen der Macht schon zu lange zugesehen.“
Zelda stützte eine Hand an ihr Kinn und grübelte. „Aber müssen wir dafür so weit gehen?“
„Wenn du einen anderen Vorschlag hast, dann unterbreite ihn schnell“, argumentierte ihr Vater. Aber gerade da musste sich Zelda geschlagen geben. Es war frustrierend und demütigend für sie, aber sie hatte im Augenblick keine andere Idee um Untersuchungen gegen die Geschundenen in die Wege zu leiten. Auf der anderen Seite wollte auch Zelda, dass in dieser Sache etwas passierte. Sie machte sich Sorgen um ihren Heroen und befürchtete, dass die Ziele der Geschundenen etwas mit ihm zu tun hatten, auch wenn sie noch nicht wusste, dass er bereits angegriffen wurde.

„Die Sache ist die, dass das rote Dreieck auf der Stirn eine größere Bedeutung haben muss als bloß ein Kennzeichen. Wenn wir also Experimente durchführen könnten, so würden wir vielleicht Kenntnisse oder ein besseres Verständnis über diese Geschöpfe gewinnen und könnten über diesen Weg nach Möglichkeiten suchen diese Sekte auszuschalten oder auch überlegen, wer vielleicht sonst noch hinter dem dunklen Bündnis stecken könnte.“, erklärte Nicholas und fasste die Prinzessin in sein Gesichtsfeld. „Ich hoffe, Ihr könnt meine Ausführungen verstehen. Ich bin nicht daran interessiert irgendwelche Körper zu schänden, aber ich mache mir Sorgen, dass diese Sekte noch schlimmere Geschehnisse in die Wege leiten könnte.“ Zelda blickte den jungen Lehrer ein wenig misstrauisch an und vielleicht spürte sie, dass es eine Sache gab, die sie noch nicht wusste. Ohne den geringsten Hauch von Hunger oder Appetit starrte die Prinzessin auf ihren goldenen Teller und grübelte. „Und wer soll diese Aufgabe übernehmen?“
Harkenia drückte die Hände seiner Tochter sanft und entgegnete: „Das wird dir noch weniger gefallen. Wir dachten an Professor Morchas.“
„Professor Morchas?“ Sie zwinkerte und schaute entsetzt drein. Ihre sonst so sanften Augen vergrößerten sich und ihr voller, roter Mund öffnete sich einen winzigen Spalt. „Seid ihr alle wahnsinnig?“, fragte sie und fasste ihren Vater irritiert in ihr Gesichtsfeld. Harkenia schloss bloß seine Augen und atmete tief ein. Er schien nicht überrascht, dass seiner einzigen Tochter der Vorschlag missfiel.

„Von wem kam der irrsinnige Vorschlag diesen schmierigen Mann über unsere Probleme wissen zu lassen?“, murrte sie empört. Als Nicholas daraufhin ebenfalls sein Haupt senkte, wusste sie es. Es war nicht besonders schwierig für sie die Absichten und Meinungen eines Wesens an seiner Mimik zu deuten.
„Ihr, Newhead? Ihr enttäuscht mich gerade maßlos…“, sagte sie kopfschüttelnd und wendete ihr Blickfeld einmal mehr zu ihrem leeren Teller. In dem Moment verging ihr das bisschen Appetit, welches sie vielleicht noch hatte.
„Zelda, auch du wurdest von diesen Kreaturen angegriffen. Zügle dein Temperament und deinen Gerechtigkeitssinn. Ich bewundere deine Stärke, das weißt du. Nur erfordert diese Sachlage sofortige Entscheidungen und neue Wege“, erklärte Harkenia fest und ein bitterer Ausdruck legte sich auf sein starkes Gesicht.
„Aber es muss andere Wege geben“, sagte Zelda lauter werdend und nachdrücklich. „Er trinkt das Blut der Getöteten. Er kostet Leichen!“ Und weil keiner der Ritter den Versuch wagte ihr zuzustimmen, und weil sich niemand der fünf Kämpfer traute sie mit einem vielsagenden Ausdruck zu mustern, erhob sie sich. Sie stützte sich energisch am Tisch ab.
„Ich stimme hiermit dagegen!“, rief sie erbost. „Ihr habt allesamt den Verstand verloren!“

Doch da schlug ihr Vater mit seiner Faust auf den Tisch und erhob sich ebenfalls. Er blickte seine Tochter mit Strenge und Unmut an, etwas, was er lange nicht getan hatte. „Das reicht jetzt, Tochter. Ich respektiere deine Meinung durchaus. Nur gefällt mir dein verbitterter und zänkischer Ton nicht. Du wirst dich jetzt aus dieser Versammlung zurückziehen!“ Harkenias Stimme war launischer und gewaltiger als die Ritter es erwartet hätten. Beinah trotzig blickte die Prinzessin ihren Vater an und verbiss sich das nächste Wort. Es war lange her, dass er sie auf diese Weise ansah und ihr Befehle erteilte.
„Und erlebe ich noch einmal, dass du angegriffen wirst und dich so ärmlich wehren kannst, werde ich deinen Freiheitsdrang nicht mehr tolerieren!“, sprach er durchdringend. Er sprach so laut, dass die Wachen an der Eingangspforte schluckten und verunsicherte Blicke austauschten.  

Prinzessin Zelda aber hatte in dem Augenblick schlichtweg vergessen, was sie sagen wollte. Die Bemerkung, dass sie sich aus der Versammlung zurückziehen sollte, war ja noch in Ordnung. Auch dass ihr Vater sich schon längst entschieden hatte die Leiche in Professor Morchas Hände zu geben, war nicht mehr zu ändern. Aber dass ihr Vater begann ihr zu drohen und in seiner Aussage ihre Stärke und Kampfkunst in Frage stellte, traf sie wie ein Schlag. Er hatte in diesen unüberlegten Sätzen gerade ihren gesamten Respekt ihm gegenüber in Frage gestellt. Und was sie noch mehr kränkte war die Tatsache, dass er dies vor fünf hochrangigen Rittern tat…

Sie verstummte vollends und trat gedemütigt zu den gegenüberliegenden Balkonfenstern, sodass sie die Unterhaltung nicht mehr hören konnte. Wie in Trance blickte sie über die majestätischen Wiesen Hyrules und verlor sich mit ihren Gedanken dort, wo das Feuer der Sonne sich wie eine glutrote Decke ausbreitete. Sie seufzte, versuchte die Worte ihres Vaters zu vergessen, aber schüttelte innerlich den Kopf. Er wusste, dass sie im Augenblick nicht in der besten Verfassung war, nicht nach dem Angriff, der ihr mehr abverlangt hatte als sie dachte. Es waren nicht nur die vergifteten Klingen, die sie schwächten, wohl eher der Gedanke, dass die Geschundenen mit diesem Angriff nicht ihr, sondern dem Helden der Zeit schaden wollte. Und ihr Vater wusste dies. Er wusste doch ganz genau, dass sie gerade leicht reizbar und alles andere als in guter Stimmung war. Sie blickte in Richtung des Norden und dachte an jenen einst heldenhaften Jungen, der in wenigen Minuten an dem Unterricht teilnehmen würde. Sie sehnte sich so sehr danach einfach nur bei ihm zu sein…

Und gerade in diesem Augenblick herrschte wildes Durcheinander in dem düsteren Quartier von William Laundry und Link, dem hilflosen Einfallspinsel, der nicht mehr wusste, wo er das kostbare Heilmittel Zeldas gelassen hatte. Und verschlafen hatte er auch noch...
„Verdammt. Verdammt. Verdammt“, schimpfte er, während er mit einem Strumpf an seinem rechten Fuß durch die Gegend hüpfte und unglücklich und täppisch durch den Raum pendelte, und er sich die andere Socke überzog.
Es war kurz vor Unterrichtsbeginn in dem traditionsreichen Fach Shiekahredewendungen und er hatte weder einen blassen Schimmer, wo seine schwarze Tunika in diesem unsäglichen Chaos zufinden sein würde, oder ob diese bereits von einem schwarzen Loch gestohlen wurde, oder ob er jemals aus diesen monströsen Klamottenstapeln in dem muffigen Raum herausfinden würde. Aber am schlimmsten war die Gewissheit, dass er vermutlich wieder zu spät beim Unterricht erscheinen würde.
„Verdammt. Verdammt. Verdammt“, brüllte er wiederholend, rutschte weg, fiel auf die Nase und beobachtete beinahe lethargisch die Staubkörnchen auf dem Fußboden herumrollen. Er konnte wohl wahrlich tun, was er wollte, aber er tapste in seinem Leben tatsächlich von einem Fettnäpfchen ins nächste...

Zwei Minuten später, es waren nur noch wenige Sekunden bis zum Unterrichtsbeginn in dem Fach Shiekahredewendungen rannte Link wie angestochen die alten, klirrenden Schlossgänge hinab. Es war beinahe zu spät, als er im tuschelnden Hörlesungssaal seinen Platz neben einem breitgrinsenden Will mit einem lauten Schlag besetzte.
„Guten Morgen, Herr Schlafmütze“, feixte Will und stützte seinen linken Ellenbogen auf der Tischplatte ab und platzierte seinen Schädel darauf.
„Gut geschlafen, Herr Schlafmütze? Ich glaube, du bräuchtest wirklich so eine Mütze, am besten noch eine richtige Zipfelmütze. Dann könnte man dich gleich daran erkennen. Link: die schlafsüchtige Schlafmütze“, lachte der Laundry. Doch das fand Link weniger lustig...

„Was hast du denn gegen solche Mützen?“
„Sieht doch bescheuert aus.“ Link funkelte streitsüchtig und verschränkte die Arme.
„Du hast ja keine Ahnung, wie toll Zipfelmützen sind.“
„Sag’ bloß, du hattest so was mal auf deinem Kopf.“
„Ja, du Lästermaul!“, schimpfte der blonde Hylianer und setzte ernster hinzu: „In Kokiri trug jeder einen Kopfschmuck. Und außerdem, wenn du mal deine Birne einschalten würdest, dann würdest du daran denken, dass der Held der Zeit genauso eine grüne Zipfelmütze trägt.“ Will machte große Augen. „Ist nicht wahr?“
„Doch! Man sieht es auf Abbildungen und Portraitierungen. Die legendären Helden Hyrules tragen alle das stolze grüne Gewand und da gehört eine Mütze einfach dazu.“ Link fühlte sich beinahe entehrt, weil sich sein neuer Kumpel über diesen Kopfschmuck lustig machte. Und man hörte seine Ärgernis an der gereizten Tonlage.
Will meinte ruhiger: „Und ich dachte immer, der Held der Zeit wäre so ein Riese mit einer tonnenschweren Rüstung und allerlei Waffen an seinem Körper geschnallt.“
„Irrtum“, sagte Link und schüttelte den Zeigefinger. „Der Held der Zeit bevorzugt einen leichten, beweglichen Kampfstil ohne unnötige Rüstungen und Eisenbeschläge, die einen an der Gewandtheit hindern.“
„Du weißt mal wieder viel zu gut Bescheid. Bin gespannt, wann ich dich ertappe!“, sagte Will spitzfindig, worauf sich Links eher fröhliches Gesicht zu bleicher Überraschung wandelte.
„Wie...?“
Aber Will winkte ab. „Die Leute tuscheln alle schon über dich wegen gestern.“
„Was das Tuscheln angeht, das geht mir kreuzweise am Arsch vorbei“, murrte Link. Er hatte andere Dinge im Kopf als sich über sowas noch zu ärgern.
Der Laundry deutete dann auf seine grünbandagierte Hand. „Was ist mit deiner Hand?“
„Es wird schon besser“, murmelte Link. „Ich werde irgendwann nochmal zur Krankenschwester schauen.“
Interessiert beugte sich Will näher. „Stimmt es eigentlich, dass Artus‘ ältere Schwester diese Stelle ausübt?“ Link nickte und erinnerte sich mit einem unguten Gefühl an gestern Abend. Eliza McDawns Anspielungen bezüglich Valiant ließen ihn irgendwie unruhig werden. Ob da mehr dahinter steckte, dass Valiant ständig über Zelda redete?
„Mal wieder witzig, dass ausgerechnet du eine Damenbekanntschaft machst“, lachte der Laundry und brachte den Heroen aus dem Konzept.

Mit roten Wangenbäckchen wollte er Will fragen, wie er das meinte, aber da hörten alle Schüler ein lautes Schlagen mit einem langen Zeigestock an der verhältnismäßig kleinen Schiefertafel hinter dem Lehrerpult. „Bitte um Aufmerksamkeit“, sprach der Professor Twerkfuß mit seiner piepsenden Stimme und es herrschte Stille in dem Saal.

Professor Twerkfuß schlug seine verstaubten Bücher auf und setzte ein konkaves Glas auf das eine Auge. Schräg und stotternd las er einige Geschichten über die Shiekah aus seinen zerfetzen Materialien hervor, brach gelegentlich mitten im Satz ab und rieb sich über seine tränenden Augen. Und registrieren wollte er ebenso wenig, was seine Schüler taten, als er sich zu bemerken erlaubte, wann der Lesestoff zu langweilig wurde. Und so verging die Zeit...

Das Ende der Stunde rückte näher und einige Hylianerköpfe lagen gelangweilt auf den hölzernen Tischplatten, während andere die Fliegen zählten, die an dem Deckengewölbe entlang schlichen.
Link gähnte bereits, machte es sich in seinem Platz immer bequemer, bis ihm geradezu hypnotisiert von Twerkfuß’ schräger Stimme und seinen Verhaspelungen in der Sprache der Shiekah, die Augen zufielen. Er probierte immer wieder sich abzulenken, öffnete die schweren Augenlider, aber sie waren so erdrückend. Es schien fast so, als wollte man ihn in die Traumwelt führen auf dass er erkenne, was er lang schon vergaß...

Link legte den Kopf auf die Arme, fühlte sich mehr und mehr erschlagen und entschied sich dem Drang nachzugeben. Diesem winzigen Funken Vertrauen zu schenken, dass er träumen musste. Außerdem hatte er letzte Nacht ohnehin zu wenig Schlaf bekommen. Und die magische Verletzung quälte ihn zunehmend. Er gähnte ein weiteres Mal und versank dann endlich in seiner Traumwelt…

Er wusste nicht, wo er sich befand. Das einzige, was er wahrnahm und was ihn an etwas Verlorenes erinnerte, war ein angenehmer Geruch in der Luft, ein Braten, der sein Aroma in dem Raum verteilte. Gewürze, die er irgendwann in seinem Leben schon einmal gekostet hatte. Aber er konnte sich nicht erinnern wann…  
Er öffnete seine Augen, verzaubert von diesem angenehmen Aroma in der Luft und fand sich in einer sehr geräumigen Küche wieder. Direkt vor seiner Nase zog eine große Einbauküche seine Aufmerksamkeit auf sich. Dort waren mehrere Öfen, Kühltruhen, in welchen man das Eis der Zoras aufbewahren konnte. Eis, das sehr lange brauchte um zu schmelzen. Und sehr bewundernswert fand Link das kleine Chaos in dem Raum. Überall an den Küchenschränken hingen Löffel und andere Essenswerkzeuge. Zwiebeln und Knoblauch, wie auch Beifuß hingen an den Wänden. Auf einem Küchentisch lagen Kartoffeln, Karotten, rote Beete, Petersilie und viele andere Gemüsesorten, die er nicht alle in Gedanken aufzählen wollte. Er wollte sich bewegen und sich weiter umschauen, konnte dies aber einfach nicht. Es war fast so, als wäre er eingemauert, festgenagelt und konnte nur den Ereignissen zusehen, die sich ihm preisgaben.
Gerade da vernahmen seine Ohren Schritte. Ein paar Holzhausschuhe näherten sich und mit einem Mal wurde eine Tür vor seiner Nase auf gezerrt und eine junge Frau trat in den Raum. Es war jemand, den er noch nie in seinem Leben gesehen hatte und sie schien sich nicht um ihn zu kümmern oder ihn irgendwie zu bemerken. Sie summte mit einer Stimme, die ihm ein Gefühl vermittelte, hier sicher zu sein. Ihr leises Summen wärmte sein Herz…

Als sie sich umdrehte und zu dem Küchentisch tapste, konnte er endlich ihr Gesicht sehen. Und sie war wunderschön, eine der schönsten Frauen, die er jemals gesehen hatte. Sie besaß markante Gesichtszüge und Augen von solcher Tiefe, als könnte man in diesem meerblau ertrinken. Ihr Haar war honigblond und fiel in einem langen geflochtenen Zopf bis zu ihrer Hüfte. Sie trug ein dunkelgrünes Landfrauenkleid und wirbelte mit einer unglaublichen Energie und Lebensfreude umher. Sie lächelte und summte weiter. Link konnte nur lächeln, wusste, dass dieser Ort hier keinen Sinn ergab. Und noch mehr wunderte ihn die Tatsache, dass er angesichts dieser Frau einfach nur lächeln konnte. Er konnte lächeln und das in einem einfachen Traum…

Sie widmete sich gerade dem Braten im Ofen, als eine weitere Person in Links Gesichtsfeld trat. Ein prächtiger Ritter Mitte zwanzig in einer olivgrünen Tunika schlich auf leisen Sohlen näher. Er war durchtrainiert, besaß wildes dunkelblondes Haar und ein Grinsen, das unverschämter nicht sein konnte. Es schien fast so, als wollte er sich an sie heranpirschen oder sie irgendwie erschrecken. Link wusste nicht, wer er war und er war sicher, dass er diesen Mann noch nie gesehen hatte. Und gerade da packte dieser Mann die junge Frau, brachte sie zu einem Schrei, den man auch außerhalb dieses Hauses noch hören würde und lachte so laut, dass sich die Balken bogen. Er wollte sie umarmen, was sie sich voller Empörung anscheinend nicht gefallen lassen wollte. Sie grabschte nach dem erstbesten Kochlöffel, hielt diesen unter des Mannes spitze Nase und schaute ihn sehr grimmig an.
„Du sollst dich verdammt nochmal nicht so kindisch benehmen und mich erschrecken. Du weißt ganz genau, dass ich das nicht leiden kann.“ Sie drohte ihm fortwährend mit dem Kochlöffel, aber grinste dann auch.
„Vielleicht mach‘ ich es genau deshalb immer wieder“, lachte er und lächelte die Frau auf eine Weise an, die jener die Wut aus den Venen saugte. Auch sie lächelte dann und es schien als wäre seine kleine Hinterhältigkeit wieder vergessen.
„Aber ich entschuldige mich, mein Herz…“, sagte er, legte seine Fingerspitzen an ihre rechte Wange und ließ jene bis zu ihren Lippen wandern.
„Das will ich dir auch geraten haben…“, sprach sie leise. Sie drückte einen Kuss auf seine linke Wange und er durfte sie dann doch noch umarmen.

Okay, dachte Link. Er war hier scheinbar im Heim einer kleinen, jungen Ritterfamilie. Und diese beiden waren entweder ein Liebespaar oder Eheleute. Nur was zum Teufel machte er hier eigentlich. Und warum konnte er sich in seiner Position einfach nicht bewegen? Er wusste, dass er nur träumte, aber er schaffte es nicht sich einfach aus diesem Traum herauszureißen, sich zu wehren. Irgendetwas, so verstand er, hielt ihn hier fest.

„Wie war es bei König Gustav?“, meinte sie leise. „Gibt es Neuigkeiten?“ Als sie das Thema ansprach, verging dem Mann das Grinsen wieder. Link konnte direkt sehen, wie er seine Schultern hängen ließ. Es schien fast so, als wollte er nicht über das Thema reden.
„Ja, es scheint, als entsteht ein Konflikt zwischen den Zoras und den Goronen. Der König hat versucht zu schlichten, hat versucht zu vermitteln. Aber bisher gibt es kein Übereinkommen.“
„Das gefällt mir nicht…“, sprach die Frau und drückte sich noch näher an ihren Partner.
„Mir noch weniger…“, stimmte er zu. „Lass‘ uns bitte über etwas anderes reden, Medilia.“
Sie atmete tief ein und blickte ihn mit ihren kräftigen blauen Augen verständnisvoll an. „Es gibt Entenbraten, du solltest etwas essen.“ Er nickte, beinah dankbar, und nahm am Küchentisch Platz.

Sie brachte ihm schließlich eine dampfende Entenkeule, frisches Brot und einen Krug hylianisches Gebräu. Er aß ohne Manieren, aber es schien die scheinbare Lady nicht wirklich zu stören. Im Gegenteil, sie lächelte sogar. Mit einer Serviette tupfte sie um seine Mundecken, was ihm ebenfalls ein Lächeln ins Gesicht brachte. Erst jetzt sah Link Lebensproben und die stummen Zeugen des Schlachtfelds in dem sonnengebräunten Gesicht des Mannes. Eine große Narbe verlief über seiner rechten Wange.
„Wie war dein Tag, Liebste?“, meinte er und legte seine linke Hand auf ihre Rechte.
„Ich muss dir etwas sagen“, sprach sie sanft und sie lächelte fast wie eine Fee oder ein Engel, dachte Link. Ihre blauen Augen leuchteten unglaublich aussagekräftig.  
„Was ist denn los?“ Er zwinkerte, vielleicht war es selten, dass sie so geheimnisvoll tat.
„Ich war heute in Lyriellen auf dem Marktplatz.“
„Und?“ Er unterbrach sie, vielleicht weil er Geheimnisse überhaupt nicht mochte. Diese gaben ihm das Gefühl keine Kontrolle zu haben und das mochte er nicht.
„Jetzt lass‘ mich doch ausreden“, sagte sie strenger, worauf er sich am Kopf kratzte.
„Eine Bäuerin sprach mich an und stellte mir eine… überraschende Frage…“ Fast ein wenig zappelig rutschte der Ritter auf seinem Platz umher. Es machte ihn ungeduldig, wenn man ihn auf die Folter spannte.
„Ich habe meine Mutter deswegen einen Test machen lassen.“
Als sie das Wort ,Mutter‘ ansprach, verging ihm das Grinsen wieder. „Dass du dieser Hexe und Schreckschraube überhaupt noch etwas glaubst, versteh‘ ich nicht“, murrte er.
„Arn!“, fauchte sie. „Sie ist meine Mutter.“

,Moment‘, dachte Link. Konnte bitte jemand die Zeit anhalten. Hatte sie gerade Arn gesagt.  War das hier Arn Fearlesst? Link hatte in dem Augenblick noch mehr den Wunsch sich einfach nur zu bewegen, sich zu rühren, etwas zu sagen und diesen Traum zu beeinflussen, aber es ging nicht.

„Und du hast absolut keine Ähnlichkeit mit ihr“, entgegnete er.
„Ich gebe es ja zu, sie ist kompliziert. Aber sie respektiert dich, Arn. Sie liebt dich auf ihre Weise.“
„Ja, auf eine sehr absonderliche, erschreckende Weise. Die Frau versäumt keine Möglichkeit mich lächerlich oder fertig zu machen. Hinzu kommt ihr ständiger Männerbesuch. Das hier ist meine Feste. Ich kann es langsam nicht mehr ertragen, dass sie jeglichen Unrat in mein Heim bringt.“ Daraufhin seufzte die Lady und schloss genervt die Augen.
„Bei Farore, Medilia, ich weiß, dass du sie hier brauchst. Ich will nicht, dass du nur wegen mir auf irgendetwas verzichten musst. Aber wenn etwas nicht stimmt, kannst du das nicht mit mir besprechen, anstatt dir einen Rat deiner Mutter zu holen?“
Sie blickte schräg an ihm vorbei. „Arn…“
„Ja…“ Und es schien, als würde es beiden leidtun, dass sie sich wegen dem Thema stritten.
„Du weißt nicht, weshalb ich meine Mutter konsultieren wollte und du weißt nicht, um welches Thema es geht.“ Sie erhob sich dann und rieb sich aus irgendeinem Grund den Bauch. „Ich konnte dir nicht irgendeine Hoffnung machen, ohne dass ich einen Beweis habe. Deine Voreiligkeit und Ungeduld kann ich im Augenblick nicht ertragen.“

Mit der Spur eines Schuldeingeständnisses saß der Ritter vor seinem Entenbraten und schien den Appetit verloren zu haben. Schweigsam saß er dort, irgendwie betreten und beschämt. Wenn dies wirklich Arn Fearlesst war, dann konnte Link seinen niedergebeugten und schuldbewussten Ausdruck sogar verstehen.

„Bist du denn gar nicht neugierig, von welcher Hoffnung ich sprechen wollte?“, meinte sie dann, worauf er aufsah. Sie tapste mit ihren Holzschuhen klappernd zu ihm hinüber und legte ihre Hände auf seine verspannten Schultern. Sie lehnte sich an ihn, schloss ihre Augen und summte wieder. Als er ihre Hände, die sich auf seiner Brust wiederfanden, streichelte, war es für Link, den heimlichen Beobachter fast so, als könnte diese Idylle, diese plötzliche Harmonie all das bezwingen, was er in den letzten Wochen und Monaten erlebt hatte. Diese zwei Hylianer fühlten sich so heilsam an für seine Seele. Beinah grausam…

„Doch, natürlich bin ich neugierig, ich wollte mich bloß für meine Angriffslust entschuldigen. Ich wollte dich nicht anfahren…“, sprach er aufrichtig.
„Ich weiß“, murmelte sie und schmiegte sich noch näher an ihn. Er drückte ihre Hände sanft und drehte sich mitsamt des Holzstuhls zu ihr. Sie nahm auf seinem Schoss Platz und umarmte ihn innig.

Link im Hintergrund wollte nur noch weg aus diesem Traum, wusste aber auch, dass er im Augenblick rein gar nichts beeinflussen konnte. Er konnte nur zusehen, wie sich dieses Paar leidenschaftlich küsste. Es war ihm mittlerweile schon unangenehm. Und in diesem Moment hörte er gerade noch ein Flüstern von der Lady, nur ein paar leise Worte, die sie Arn ganz nah ans Ohr flüsterte. Und dann, dieses Szenario vervollständigend, schien dieser Arn Fearlesst vor Schreck vom Stuhl zu fallen. Medilia hatte sich gerade noch fangen können und blickte mit runzelnder Miene zu einem am Boden hockenden Ritter, der sie mit einem Ausdruck musterte, den Link bei keinem Mann bisher gesehen hatte. Es war mehr als Schock und mehr als Überraschung. Es war beinah schon Entsetzen. Und dann sah er so aus, als wollte er ohnmächtig werden.

„Arn!“, rief sie erschrocken, zupfte ihren Rock zurecht und kniete nieder. Gut, er war nicht ohnmächtig, aber scheinbar verwirrt. Mit roten Wangen sah er seine Liebste an.
„Sag‘ das nochmal!“, brabbelte er. Ein Wunder, das sein unbeholfene Gekeife überhaupt zu verstehen war.
„Du wirst Vater“, sagte sie sanft und lächelnd.
„Nochmal…“
„Du wirst Vater…“
„Nochmal.“ Doch da legte sie ihm ihren rechten Zeigefinger auf seine spröden Lippen.
„Wie oft willst du das noch hören, bis du es glaubst.“ Tatsache war, dass er es auch jetzt noch nicht glauben konnte. Sie half ihm aufstehen, legte ihre warmen Hände auf seine Wangen.
„Aber wie…“, brachte er über seine Lippen und sah sie zweifelnd an.
Und weil er sie so verdammt verunsichert und ratlos musterte, erklärte sie es ihm erneut. Sie lachte leise auf und erzählte: „Eine Bäuerin auf dem Markplatz Lyriellens machte mich darauf aufmerksam. Sie sah es in meinem Gesicht. Ich habe dann meine Mutter um Rat gefragt und es stimmt… Es ist passiert. Wir…“ Und da unterbrach er sie wieder. Lachend und unglaublich glücklich packte er seine Frau unter den Armen und wirbelte sie in der Luft herum. Dann küsste er sie liebevoll.
„Aber wir… wir haben doch…“, stotterte er.
Sie grinste. „Was? Arn, warum bist du so überrascht?“
Sie schmiegte sich an ihn und sprach in sein spitzes, rechtes Ohr. „Du benimmst dich so, als wüsstest du nicht, dass das passieren kann. Wir haben jede Nacht…“
„Wir bekommen ein Kind!“, rief er dann euphorisch.
„Einen Sohn“, berichtigte sie.
„Einen Sohn!“, brüllte er beinahe.
„Ja“, meinte sie nachdrücklich. „Mutter meinte, es wird ein Junge.“

Und Link konnte fast schon spüren, dass es für diesen Mann im Augenblick zu viel war. Link konnte und wollte sich nicht vorstellen, wie es wohl sein würde, Vater zu werden. Über solche Angelegenheiten hatte er sich nie Gedanken gemacht. Aber für diesen Arn Fearlesst war es im Augenblick wohl das Schönste zu wissen, eine Familie zu haben und dass diese Familie wuchs. Je mehr Link dieser Familienidylle zusah, je mehr er verstand, umso mehr begann es ihn zu quälen. Es war nicht ohne Grund, dass er diese Bilder sah. Es war eine Botschaft, die er nicht ignorieren sollte. Vielleicht hatte er nichts mit dieser Familie zu tun. Aber es erinnerte ihn daran, dass er diese Wünsche nach einem Heim und einer Familie tief in sich trug. Dieses Paar freute sich, sie lachten, sie jubelten und es gab einen Begriff für ihr momentanes Gefühl. Etwas, was Link in dieser Form noch nie wahrgenommen hatte. Sie waren glücklich…

Und es war dann, dass Link seine Augen im Traum schließen konnte. Er blinzelte, konnte sich von jenen Bildern endlich losreißen, aber schaffte es nicht sofort wieder in die Realität zurückzukehren. Durcheinander und sich nicht erinnernd, an welchem Ort er verweilte, richtete er sich einfach auf. Er stand entsetzt und mit gläsernen Augen auf seinen wackligen Beinen. Alle Augen im Vorlesungssaal fielen auf ihn und sein bleiches Gesicht. Seine Hände zitterten und alles an ihm schrie nach Chaos und Hilflosigkeit. Orientierungslos sah er Will zu seiner rechten Seite an, der ihn nur verständnislos musterte. Und er musterte ihn noch verwirrter, weil er Tränen in den Augen hatte…

Im Schloss Hyrules war die Entscheidung des Königs endlich gefallen. Man würde den Geschundenen der Macht näher untersuchen und sogar entehrende Experimente hatte der König gestattet. Im Augenblick war ihm scheinbar alles recht, nur um der Sekte auf die Spur zu kommen und deren Pläne zu vereiteln.

Zelda saß gekränkt auf ihrem Thron und blickte an ihrem Vater vorbei, der in ihre Richtung lief und sie musterte. „Tochter, du musst einsehen, dass ich dich mit deinem Temperament nicht immer entscheiden lassen kann. Lerne endlich in solchen wichtigen Verhandlungen kühl zu sein, dir nicht immer deine Emotionen anmerken zu lassen.“
„Diese Diskussion hatten wir schon einmal. Ich kann nicht ändern, was ich bin und wie ich bin.“ Harkenia seufzte frustriert. „Genau das meine ich. Du hast immer das letzte Wort, beleidigst mich und unsere Landsleute. Entweder du schiebst deinem zügellosen Temperament und deiner unerträglichen Sturheit einen Riegel vor, oder ich bin gezwungen dich in zukünftigen Entscheidungen herauszuhalten.“ Er trat näher und ließ sich vor seiner Tochter auf seine Knie sinken. Er hob ihr Kinn nach oben und sah sie eindringlich an. „Zelda, ich will doch nicht, dass du dich um Hundertachtzig Grad drehst. Ich möchte auch nicht auf deine Meinung und Weitsicht verzichten.“ Erst dann sah sie endlich auf und blickte ihren Vater müde und enttäuscht an. Er runzelte die Stirn und schien nicht mehr das Bedürfnis zu haben sie zu erziehen, wohl aber wirkte er besorgt.
„Vater, du weißt, verdammt nochmal, dass es mir nicht gut geht. Also warum hast du mich überhaupt zu dieser Versammlung geladen? Ich gebe zu, dass ich gerade gereizt bin, dass ich vielleicht im Moment nicht vernünftig meine Argumente dargelegt habe, aber musstest du mich vor diesen Rittern zurecht stutzen?“
„Scheint so, als sind wir uns in dieser Hinsicht ähnlich, was? Du hast nicht mit der Wimper gezuckt, als du uns allesamt beleidigt hast. Erwartest du dann wirklich, dass ich zögere meinem Unmut Ausdruck zu verleihen?“
Und da schüttelte Zelda endlich ihren hübschen Kopf. Okay, dachte sie, in dieser Hinsicht hatte ihr Vater Recht. Sie hatte sich genauso wie er im Wort vergriffen.
„Auch ich war früher temperamentvoller. Je älter du wirst, umso eher wirst du verstehen, dass du nicht dauernd mit dem Kopf durch die Wand kannst.“ Er machte eine kurze Pause. „Was die andere Sache angeht. Es hatte einen Grund, dass ich dich bei der Versammlung dabei haben wollte. Ich habe dir noch eine unerfreuliche Nachricht zu machen…“
Und da verzog Zelda noch mehr das Gesicht. Sie stellte sofort Vermutungen an und richtete sich auf. „Geht es um Valiant? Ist etwas passiert?“
Harkenia schloss die Augen und schüttelte das Haupt. „Nein. Zumindest wurde nichts berichtet.“
Irritiert trat Zelda auf die Beine und blickte ihren Vater ratlos an. „Was ist es dann?“ Und Harkenia zupfte sich an seinem Bart. ,Ungewöhnlich, dass seine Tochter es nicht gespürt hatte. Sie hatte doch sonst immer ihren sechsten Sinn.‘
„Vater, was ist los?“ Sie legte eine Hand auf seine rechte Wange, sodass er sie ansah.
„Du wirst dich wohl schon gefragt haben, wer diesen Geschundenen getötet hat, nicht wahr?“
„Sicherlich, aber ich dachte, es wäre einer der Ritter gewesen.“
Der Regent seufzte: „Ich wollte es dir in Ruhe sagen, weil du ohnehin geschwächt bist, aber besser ich mache kein Geheimnis mehr daraus. Kurz und knapp: Link hat ihn in Notwehr getötet und er wurde verletzt.“

Doch, dass seine Tochter noch immer so schwach auf den Beinen war, hatte der König nicht vermutet. Sie wurde blass im Gesicht und ließ sich zurück auf ihren Thron sinken.
„Link wurde verletzt?“
Sie stützte eine Hand an ihren Kopf und murmelte: „Wie schwer?“
„Mach‘ dir keine Sorgen. Es geht ihm einigermaßen gut, er hat eine magische Wunde an der linken Hand.“
„Warum konnte ich das nicht spüren?“, sprach sie leise. Was war mit ihrer Verbindung zu dem Helden der Zeit? Sie hatte immer gespürt, wann immer er litt, wann immer ein körperlicher Schmerz in ihm wühlte und wann immer er sich schwer und niedergebeugt fühlte. Gerade diese Verbindung hatte sie stärker gemacht, sie hatte auf diese Nähe vertraut.
„Es scheint, als würde eure Verbindung schwächer“, meinte ihr Vater und blickte sie sehr nachdenklich an.
„Auch das noch…“, sprach Zelda. Sie konnte es sich selbst nicht wirklich eingestehen, aber die letzten Tage waren einfach zu viel für sie. Und dass es jetzt auch in ihrer Seelenverwandtschaft Probleme gab, belastete sie. Konnte es sein, dass Link ein anderes Mädchen in seinem Kopf hatte?
„Kannst du dir das irgendwie erklären?“, meinte ihr Vater.
Sie erwiderte mit gesenktem Kopf einen trübsinnigen Blick, der Bände sprach.
„Das Schicksal beginnt sich zu verformen. Es sind andere Hylianer, die nun sein Leben bestimmen, andere Wege, die sich für ihn auftun. Und er wird sich erinnern und an etwas reifen, das er niemals wählen wollte. Es wird sich alles verändern. Und nur er wird wissen, was zu tun ist…“
 
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