28. Kapitel
 

Kapitel 28

Nach Professor Twerkfuss‘ Unterrichtsstunde und seinem eigenartigen Traum war Link auf schnellstem Wege in seinem Zimmer verschwunden. Etwas verwirrt und nachdenklich saß er auf seiner Bettkante und umarmte sich beinah selbst. Er wusste nicht so recht, was mit ihm los war. Seine Augen tränten noch ein wenig und er fühlte etwas in seiner linken Brusthälfte stechen. Ein mäßiger Schmerz, der sich nach Beruhigung sehnte. Sicherheitshalber nahm Link eine Perle von den Tränen der Nayru und blickte das Fläschchen verdutzt an. Hatte er es tatsächlich so oft eingesetzt? Denn das Gefäß war mittlerweile halb leer. Er verscheuchte diesen unangenehmen Gedanken, räumte es wieder weg und dachte weiterhin an seinen Traum. Etwas berührte ihn, das er nicht beschreiben konnte. Etwas aus diesem merkwürdigen Traum, den er vorhin gehabt hatte. Es war lange her, dass ihn etwas so sehr berührt hatte. Sehr lange…

Er hatte in seinen Reisen durch Hyrule schon viele Leiden gesehen, hatte Leute sterben sehen, hatte Hylianer sich gegenseitig verletzen sehen. Und in all der Zeit schaffte es kein Blick, keine Berührung und kein Wort ihm nur ansatzweise nah zu kommen. Warum schaffte es ein einfacher, unsinniger und doch merkwürdiger Traum?

Lag es an der Idylle dieser beiden Hylianer, die er nicht kannte? Lag es daran, dass er sich mit Arn Fearlesst in den letzten Tagen beschäftigt hatte? Aber woher sollte er dann wissen, wie seine Gemahlin aussah? Und warum schickte ihm sein Unterbewusstsein eine derartige Szene, in der es um Familienzuwachs ging?

 

Seufzend wischte er sich die letzten Tränen aus den Augenwinkeln und ließ sich rücklings auf sein Bett sinken. Seine tiefblauen Augen begutachteten das mit Flecken übersäte Deckengewölbe, während seine Gedanken auf Wanderschaft gingen. Ja, er hatte während seiner Reisen durch Hyrule und andere Länder viele rührende Szenen beobachtet. Er erinnerte die Hochzeit von Kafei und Anju, erinnerte eine Schifffahrt in eines von Hyrules Nachbarländern, wo Überlebende eines Seeunglücks an Deck gezogen wurden. Er erinnerte die magischen Momente, als Feen geboren wurden. Er erinnerte so vieles und doch hatte ihn nichts so sehr berührt wie dieser Traum. Mit einem Seufzen schloss er seine Augen und versuchte diesen Traum als einen einfachen, unwichtigen Traum zu belassen. Warum sollte er sich mit dieser Gefühlsduselei überhaupt beschäftigen? Eigentlich war doch alles im Augenblick ganz okay. Er hatte ein warmes Bett und das für die nächsten Jahre. Er war unter Jugendlichen, die ähnliche Ziele für die Welt besaßen… und er hatte neue Freunde kennen gelernt. Was machte er sich Gedanken um eine Familie, die er niemals haben würde? Wenn er nun noch herausfinden könnte, was mit ihm passiert war, und wenn er seine Krankheit loswürde, könnte er endlich wieder der Held sein, dem Zelda einst vertraute…

 

Wie auf Knopfdruck klopfte es dann an der Zimmertür und ohne eine Antwort abzuwarten, und scheinbar ein Gespür für unpassende Situationen habend, trat der vorwitzige William Laundry in den Raum.

„Hey, was machst du denn hier?“, meinte er. „Ich habe dich schon gesucht. Die Leute reden alle über dich wegen gestern.“

Link drehte sein Gesichtsfeld zu ihm und ließ die Beine von der Bettkante baumeln.

„Ist alles in Ordnung? Du siehst echt beschissen aus“, sagte er und musterte ihn mehr und mehr. Und da Will einmal wieder seine spitze Nase ungefragt in andere Angelegenheiten stecken wollte, verdrehte der Held seine Augen, aber versuchte seine leichte Ärgernis deswegen zu verbergen.

„Wonach sieht es denn aus, Will?“

„Keinen blassen Dunst“, meinte jener ehrlich und setzte sich zu ihm auf die Bettkante. „Sag‘ du es mir.“

Zuerst wollte Link gar nichts sagen, so wie es auch sonst immer seine Masche war, aber dann erinnerte er sich daran, dass Will ihn im Vorlesungssaal sehr genau beobachtet hatte. Was brachte es, ihm zu verschweigen, dass er einen merkwürdigen Traum hatte? Sehr viel bescheuerter konnte das Bild, das andere inzwischen von ihm hatten, wohl nicht mehr werden.

„Ist im Vorlesungssaal irgendetwas gewesen?“, meinte Will. „Nach deinem kurzen Schlummer hast du dreingeschaut, als hättest du deine eigene Geburt gesehen.“

„Will“, versuchte Link zu beschwichtigen.

„Echt mal, sowas finde ich unheimlich. Hast du irgendwas geträumt?“

Link nickte dann endlich, worauf Will verwundert dreinblickte. Hatte Link jetzt wirklich zugegeben, was mit ihm los war? War doch sonst nicht seine Art. Mächtig verwundert über die plötzliche Offenheit, die Link an den Tag legte, fragte Will weiter. „Und wovon hast du geträumt?“

 

Ratlos trat Link auf seine Beine und sah zum Fenster hinaus. „Wenn ich dir das erzähle, hältst du mich für verrückt.“

„Verrückter als ohnehin schon, geht, glaube ich, gar nicht mehr.“ Will konnte sich diesen Satz wohl einfach nicht verkneifen. Aber Link musterte ihn daraufhin sehr erbost.

„Link, versteh‘ das nicht falsch, aber ehrlich, du tust so geheimnisvoll, benimmst dich wie jemand, der irgendein Schwerverbrechen begangen haben muss, hast komische Angewohnheiten, die jeden stutzig machen. Es ist kein Wunder, dass man dich für verrückt hält, heißt ja nicht, dass du dir damit sämtliche Sympathiepunkte vergeigst.“

Und Will hüpfte vergnügt zum Sofa um sich darauf wenige Minuten breit zu machen. „Wie auch immer, ich habe dich bei Aschwheels Stunde zum Kartenlesen entschuldigt. Ich habe ihm gesagt, du hättest Probleme mit deiner Hand. Ich schätze dafür, dass ich mal wieder so hilfsbereit und schlau war, könntest du mir sagen, wovon du geträumt hast. Und keine Sorge, ich schwöre feierlich, dass ich nichts weitererzähle.“

Link seufzte und besah sich die Jugendlichen außerhalb, die inzwischen die Mittagspause genossen. „Du weißt doch, dass ich mich in letzter Zeit mit Arn Fearlesst beschäftige, das Verrückte ist, dass ich jetzt schon von diesem Ritter träume. Und nicht nur das, ich träume nicht nur von ihm, sondern auch von seiner Familie.“

Verdutzt sah William auf und kratze sich am Kopf. „Kann es sein, dass du dich einfach zur sehr in Arn Fearlessts Lebensgeschichte hineinsteigerst?“

„Vielleicht, aber wie kann ich wissen, wie dieser Arn Fearlesst aussieht?“

„Nun gut, wie schaut er denn aus?“

„Wie ein typischer Ritter halt, blonde Haare, eine olivgrüne Tunika. Er hatte eine breite Narbe im Gesicht.“

„Grüne Tunika? Da haben wir es ja. Nur weil du eine trägst, hat dein Unterbewusstsein das so zusammengebastelt. Du identifizierst dich einfach zu sehr mit ihm. Das ist das ganze Problem.“

„Das erklärt aber immer noch nicht, wie ich mir seine Gattin vorstellen konnte.“

„Wie sah die Dame denn aus?“

„Blonde Haare, blaue Augen…“ Und da unterbrach Will ihn einmal mehr. „Klar, halb Hyrule hat blonde Haare und blaue Augen. Das ist nichts besonderes.“

„Aber…“, wollte Link erklären. Irgendetwas an diesem Traum wurmte ihn dennoch.

„Link, mach‘ dir lieber Gedanken darum, dass man dich gestern Abend umbringen wollte.“

„Ach ja, das…“ Kein Wunder, dass Link nicht mehr darüber nachdachte. Es war ja nicht das erste Mal, dass Dämonen versuchten ihn auszulöschen.

„Ich versteh‘ nicht, wie du da nur so ruhig bleiben kannst.“

„Wenn es dir hilft, ich versteh‘ mich oft selbst nicht“, murrte er dann.

„Das sind ja mal ehrliche Worte“, lachte der Laundry. „Trotzdem, anstatt uns hier zu unterhalten, sollten wir lieber zum Mittagessen gehen.“ ,Das war zur Abwechslung wirklich eine gute Idee‘, dachte der Heroe.

 

Als Link mit Will gemeinsam den Speisesaal betrat, verstummten alle, sodass eine beinah gespenstische Atmosphäre regierte. Viele begafften Link, als wäre er ein Occou, der vom Wolkenreich abgestürzt war. Und gerade dann, als der einstige Heroe seinen Blick auf die Verwunderten richtete, sahen diese betreten auf ihre Suppenschüsseln.

„Die meisten bewundern dich wegen dem Angriff gestern“, flüsterte Will neben ihm, als er Links Verunsicherung bemerkte. „Ignorier‘ es einfach.“

„Leichter gesagt als getan“, wisperte der Heroe und krallte sich eine große Schüssel Suppe mit hylianischer Nussknödeleinlage.

„Es ist zwar etwas kühl draußen, aber vielleicht sollten wir raus gehen“, schlug Will vor und deutete zu der Terrasse. Link nickte dankbar. Und so marschierten die beiden hinaus, wo nur vereinzelt Jugendliche ihr Mittag genossen. Etwas abseits und hoffentlich ohne lästige Blicke begann der Heroe sein Mittagessen zu genießen…

 

Zu einem verwunschenen Ort, wo nur wenige Leute Zutritt hatten und Tote ihren letzten Weg beschritten, tapste Prinzessin Zelda entgegen der Anweisung ihres Vaters vorwärts. Eine dunkle Kutte über ihre zierliche Gestalt geworfen, wollte sie Professor Morchas, der in wenigen Minuten mit der Obduktion der Leiche anfangen würde, beobachten. Er würde sie nicht bemerken, dafür würde sie schon sorgen, aber sie würde eingreifen, falls etwas Merkwürdiges oder Entehrendes geschah. Sie fühlte sich nicht wohl bei dem Gedanken, dass man die Leiche eines Sektenmitglieds, über das man fast nichts wusste, aufschnitt. Sie ahnte beinah, dass in jenen Körpern etwas nicht stimmte, als ob Flüche oder seltsame Energien für den Mordtrieb und die Stärke jener Kreaturen sorgten. Sie dachte daran, dass es durchaus Dämonenvölker gab, die älter waren als Hyrule. Und sie dachte daran, dass es Geschöpfe gab, die sehr wohl Flüche spinnen und mit erschreckenden Mächten arbeiten konnten.

Sie tapste einen steinernen Pfad am Rande der Hauptstadt entlang, bis der Weg unter eine der großen Zugbrücken führte. Sie versuchte unauffällig zu bleiben, tapste sicher und zügig an einem Händler vorbei, bis sie in einer Seitengasse verschwand. Jener Pfad in einem eher unbeachteten Stadtteil schien sehr verwinkelt und unbewohnt. Tatsächlich hingen in den wenigsten Fenstern Vorhänge. Die spitzen Häuser waren dicht und ungeordnet aneinander gebaut, die Gassen hier waren eng und schmal, sodass kaum eine Kutsche hier entlang fahren konnte. Und nur sehr wenig Sonnenlicht fiel in jene unsauberen und verlassenen Gassen.

Zelda seufzte und blickte mit ihren neugierigen, kristallblauen Augen sehr sorgsam unter ihrer Kutte hervor. Professor Morchas Labor war irgendwo in dieser abgelegenen Seitenstraße und es war ebenfalls kein sehr einladender Ort. Sie trat noch einige Schritte und entdeckte einen mit Holzbrettern ausgekleideten Weg über einige Abflussrohre, wo jenes Wasser direkt in den Fluss mündete. Sie trat darüber, hörte das Holz knarren und lief schneller.

 

Sie war sich sicher, das Richtige zu tun, so wie einst und so wie heute. Sie musste Professor Morchas beobachten. Und sie wusste in etwa, wo er zu finden sein würde. Es war schließlich nicht schwer notwendige Informationen aus den Schlosswachen herauszupressen. Und Zelda hatte ihre Informationsquellen, auch was bestimmte Angelegenheiten in der Ritterschule anging. Und so tapste sie über einen ungepflegten Innenhof und entdeckte Stufen, die in ein augenscheinlich verlassenes Kellergewölbe führten. Sie schlich vorsichtig hinunter und sah aufmerksam durch teilweise verdreckte und staubige Kellerscheiben. Ihre blauen Augen funkelten mit Gewissheit, als sie einen kleinen, verhutzelten Mann entdeckte, der gerade den Raum betrat und flugs wieder verschwunden war. Mit einem Hauch Handmagie öffnete Zelda die leicht quietschende Eingangstür und trat einfach ein. Sie versuchte den Professor zu aufzuspüren, umhüllte sich mit einer eigenwilligen Magie, sodass sie unsichtbar war und trat von einer unangenehm riechenden Küche mit Abfällen und obskuren Behältern in den nächsten Raum.

 

Ein kleiner, schmächtiger Mann rückte in ihr Gesichtsfeld. Er trug einen zylinderförmigen schwarzen Hut auf seinem Haupt und lief sehr gebeugt, vielleicht weil ihm sein Buckel zusetzte. Sein fettiges, dürres, grüngraues Haar, fiel in langen Strähnen über sein bleiches mit Altersflecken übersätes Gesicht. Er kicherte und grinste, wuselte mit merkwürdigen Zangen und Skalpellen in einem Aufwaschbecken und hob das frisch gewaschene Werkzeug in die Höhe um es zu begutachten.

 

In der unerkannten Prinzessin stieg mittlerweile ein Gefühl des Ekels herauf. Denn auf einer Pritschte lag bleich und stinkend der Geschundene der Macht, den Link getötet hatte, mittlerweile nackt, und der Verwesungsprozess schien fortzuschreiten. Jener Mann sah irgendwie unwirklich aus, so, als steckte seit vielen Wochen kein Leben mehr in ihm, obwohl er noch nicht lange tot war. Sein Gesicht war eingefallen und grünlich schimmernd. Dicke, harte Blutadern waren unter dünner Haut sichtbar. Links abgebrochenes Schwert steckte noch mitten in der Brust des Unholds und war von abgestorbener Haut und verwesendem Fleisch teilweise umzogen, als ob jener tote Körper den Stahl in sich einsaugen wollte. Zelda stieg ein weiteres Mal der Ekel auf, sodass sie ihre magische Hülle beinah hätte fallen lassen.

 

Im nächsten Augenblick näherte sich der kleine, humpelnde Professor der Leiche an. In seinen Händen hatte er einen Skalpell, Watte zum Abtupfen und eine Säge. Zelda kniff die Augen kurz zusammen und sah dann angewidert zu, wie der scheinbare Mediziner mit der Säge in kleinen Abständen, rupfend und stoßend, beinah genüsslich und doch bestialisch den Brustkorb des Mannes aufschnitt und teilte. Er lachte, während er die Säge durch Knochen führte. Er lachte und keifte. Dann erschrak er, murmelte unverständliche Worte vor sich hin, ließ sogar die Säge aus seiner Hand fallen, als mit einem wuchernden Geräusch sich der Brustkorb öffnete.

Er suchte nach einer Lupe, als Zelda sich den geöffneten Leichnam selbst ansah und auch sie erschrak. Sie erstaunte nicht angesichts der Widerwertigkeit eines solchen Werkes, sie verblüffte das Innenleben jenes Toten, das nicht aussah wie ein gewöhnlicher Brustkorb. Überall, wo dicke Blutadern entlang strömten, wucherte neben jenen, ebenfalls in dünnen Schläuchen eine eigenartige, funkelnde Materie. Es sah aus wie eine fremdartige, rötlich schillernde Energie, die ebenso wie Blutadern zum Herzen führten und wieder davon weg in die gesamte Peripherie…

,Bei Nayru, unglaublich‘, dachte Zelda und widerstand der Versuchung diese fremdartige Energie zu berühren. Professor Morchas allerdings war nicht so voraussichtig und sicherlich zu neugierig, als diese Macht mit seinen Händen zu berühren.

 

Feixend, mit einem perversen Grinsen in seinem Gesicht, zerschnitt er einen jener feinen Stränge. Seine Fingerspitzen näherten sich zitternd und wissbegierig. Ein übernatürliches Funkeln strahlte aus seinen halbtoten Augen. Er war leer in seiner Seele, so leer wie jener Geschundene.

 

Und dann, gerade in dem Augenblick, als der alte Mediziner die seltsame Flüssigkeit berühren wollte, drang ein Funke der Gefahr durch Zeldas Körper. Sie stoppte ihren Unsichtbarkeitsbann und umfasste hartnäckig und fest den alten, dürren Arm des Professor. Mit großen, verquollenen Augen sah er die Prinzessin des hylianischen Volkes an.

„Nicht!“, brüllte sie. „Wollt Ihr diese Energie berühren und womöglich selbst zu einem Geschundenen werden?“

„Prinzessin Zelda!“, entgegnete der Mann entgeistert. Vielleicht hatte die Anwesenheit eines solchen reinen Wesens wie Zelda ihn noch mehr überrascht als das obskure Innenleben der Kreatur auf seinem Tisch. Schwerfällig trat der Mann zu seinem Schreibtisch und setzte eine Brille auf seine dickliche, runde Nase.

„Was führt Euch hierher, in mein Labor?“

Zelda blickte den alten Mann abwehrend und verachtungsvoll entgegen und erwiderte mit fester Stimme: „Ich bin gewiss nicht so leichtgläubig wie mein Vater. Und ich weiß, welchem Tun ihr Euch hingebt. Ich habe Euch bereits beobachtet das Blut der Getöteten zu trinken. Ihr seid nicht vertrauenswürdig, nur deshalb bin ich hier. Und womöglich habe ich Euch gerade vor Eurem größten Fehler bewahrt.“

Der Alte schluckte nur und verzog sein faltiges, durchschwitztes Gesicht. „Oh ja, Prinzessin, wahrhaft edel und vorausschauend Ihr doch seid, ich bin erfreut, dass Eure Schönheit in mein bescheidenes Labor getreten ist. Und ich stehe zutiefst in Eurer Schuld.“

„Lasst Eure Schmeichelleien. Erstattet Bericht an meinen Vater und beendet dieses widerwärtige Tun. Und ich warne Euch, solltet Ihr meine Anwesenheit berichten, werdet Ihr niemals wieder irgendetwas berichten können, geschweige denn jemals wieder eine Leiche aufschneiden.“

Ein wenig umständlich und eingeschüchtert trat der Alte zurück. „Aber Prinzessin...“, begann er aufgeregt.

„Ich dulde kein Aber. Ihr habt gesehen, dass in den Körpern der Geschundenen Grausames und Seltsames vor sich geht. Lasst diesem Körper endlich seinen Frieden!“ Ihr Stimme überschlug sich fast vor Stärke und Macht. Kein Anzeichen ihrer Schwäche der letzten Tage war spürbar.

Der wohl selbsternannte Professor faltete seine Hände, versuchte zu grinsen und nickte verschlagen. „Wie Ihr wünscht, Prinzessin. Bitte gebt mir noch eine Minute und dann…“ Aber Zelda unterbrach ihn. „Hört auf Euch herauszureden und Zeit zu schinden. Näht den Körper wieder zu, vorher werde ich diesen Ort nicht verlassen.“ Er schluckte und nickte dann blinzelnd. Hastig besorgte er Nadel und Faden und begann gerade mit der Nadelspitze in die Haut jener Gestalt einzudringen, als ihm die Brille aufgrund einer Veränderung an der Leiche von der Nase rutschte. Auch Zelda bemerkte, dass sich etwas veränderte und ließ ihre kräftigen blauen Augen begutachtend über jenen toten Körper wandern.

 

In den engen, neugebildeten Gefäßen, wo jene rötlich schillernde, bösartige Energie wie dickes Blut floss, begann sich einmal mehr ein gleichmäßiger Rhythmus aufzubauen. Und an jener Stelle, wo Professor Morchas eine dieser Adern verletzt hatte, floss die Substanz fast sprudelnd aus dem Körper heraus.

„Was…“, sprach der Alte verunsichernd und trat einen Schritt zurück. Auch Zelda bewegte sich rückwärts, als die eigenartige Flüssigkeit bereits an dem Leichentisch hinab lief und sich in einer Pfütze sammelte. Und dort, wo sich jene flüssige Energie sammelte, schien sich etwas aufzubauen, was nur dämonischen Ursprung sein konnte. Es funkelte mehr und mehr in jener geruchlosen, rubinroten Flüssigkeit und es schien, als begann sich jenes Gebilde zu teilen, sich zu vermehren…

 

Und als Zelda einen weiteren Atemzug nahm, formte sich die Substanz zu einem dürren, menschengroßen Gebilde und erstarrte. Die Prinzessin machte sich kampfbereit, während der sture, leichtsinnige Professor aus dem Raum flüchtete. Und als die kampferfahrene und gewandte Hylianerin ihr Langschwert zog, erwachte auch die Kreatur zu Leben. Sie hatte keine Augen um Zelda zu beobachten, keine Ohren um sie zu hören oder Hände um sie zu packen. Aber ein unmenschlicher, teuflischer Wille nährte die Kreatur und hauchte ihr Sinne ein, über jene kein Hylianer verfügte. Das Geschöpf des Bösen bewegte sich flink, versuchte Zelda mit Armen und Beinen anzugreifen, zu treten und mit hektischen Bewegungen zu verunsichern. Zelda wich elegant aus, bewegte sich wie sie es von Impa gelernt hatte durch die Lüfte, und behielt ihren Gegner fest im Auge. Energisch wirbelte die Adlige ihr Langschwert umher und versuchte das eigensinnige Energiewesen anzugreifen. Das Wesen allerdings war geschickt, tanzte auf Zeldas Klinge, als wäre es ein Fliegengewicht und versuchte die Prinzessin mit Tritten außer Gefecht zu setzen. Aber Zelda hatte bereits wesentlich teuflischere Kämpfe und fiesere Gegner niederstrecken müssen. Ja, die alternative Zeit war niemals leicht gewesen. Sie würde nicht aufgeben und nicht durch ein seelenloses Wesen ohne Hände und Füße.

Mit einem Schrei baute die junge Prinzessin ein kraftvolles Schild vor sich auf, wo das Energiewesen mit einem unangenehmen Knacken gegenstieß und zurückgeworfen wurde. Ohne abzuwarten ließ Zelda das Langschwert umherwandern, stieß sich mit ihren Füßen ab und prallte mit aller Kraft, die sie in ihrer derzeitigen gesundheitlichen Verfassung  hatte, gegen das angreifende Geschöpf der Geschundenen. Sie durchbohrte es in der Brust, worauf es in Tausende Splitter zersprang und verendete…

„Das kann ja heiter werden“, murmelte die Prinzessin. Sie seufzte, stützte sich auf ihr Schwert, als sich der letzte Rest der sonderbaren Materie in Luft auflöste…

 

In der Ritterschule war die Mittagspause beinah vorüber und Link hastete aufgeregt mit dem eigenwilligen Buch, das er aus Viktors Büro gestohlen und selbst noch nicht genau studiert hatte, durch die alten Gänge. Er wollte bei Nicholas vorbeischauen und bei der Gelegenheit jenen einstigen Schwindler um Rat fragen. Vielleicht wusste er mit diesem Buch etwas anzufangen, vor allem aber, was der Titel ,Die dreizehn Schlüssel‘ bedeuten mochte.

 

Als Link das kleine abgelegene Büro betrat, kam Nicholas mit nassen Haaren und einem Handtuch aus dem Nebenzimmer und blickte Link aufmunternd entgegen. Er sah aus, als hätte er nicht so früh mit dem Jungen gerechnet. Grinsend beäugte er den Schüler, schien bestens gelaunt zu sein und pflanzte sich zufrieden auf seinen Sessel.

„Und, Link? Ist alles in Ordnung?“ Nicholas‘ undefinierbare Augen wanderten interessiert zu der grünbandagierten Hand.

„Schon, aber die Wunde verheilt nicht so einfach“, sprach er. „Egal, deswegen bin ich nicht hier.“ Ohne weiter nachzugrübeln oder Zeit zu verlieren, packte der heimliche Heroe das sonderbare Taschenbuch aus seiner Brusttasche und hoffte auf Nicholas Wissen hierzu.

„Hast du schon einmal etwas davon gehört?“ Und obwohl Nicholas von vielen Dingen Ahnung hatte und sicherlich noch einige Geheimnisse verbarg, musste er den Jungen diesmal enttäuschen. „Tut mir leid, Link. Aber diesmal habe ich wirklich keinen blassen Schimmer.“

„Hm…“, murmelte der Heroe und war mit den Gedanken bei der nächsten Person, die etwas über diese Schlüssel wissen konnte. Zelda vermutlich, aber er traute sich nach den Ereignissen in den letzten Tagen und nachdem Valiant ihm einiges klar gemacht hatte, einfach nicht unter ihre Augen…

 

„Wo hast du dieses Buch denn aufgegabelt?“, meinte der Lehrer, und stützte sein Kinn interessiert an seinen Händen ab. Und seine undefinierbaren Augen schienen den Jungen mit einem anstrengenden Wissensdurst auszusaugen. Als Link nicht sofort antwortete, verschwand allmählich das Grinsen in Nicholas‘ Gesicht.

„Nun sag‘ schon. Du wirst es nicht gestohlen haben, oder?“ Link schaute drein, als hätte man ihm bei der schlimmsten Sache überhaupt erwischt und da ging auch Nicholas ein Licht auf.

„Du hast es gestohlen“, stellte er fest und schüttelte gleichzeitig den Schädel.

„Ja, aber doch nur, weil ich Beweise finden will, dass dieser Arsch Viktor etwas mit Hopfdingens Tod zu tun hat.“

„Moment, du hast dieses Buch von Viktor gestohlen?“, meinte Nicholas und schien sich die Sache nun zu überlegen und von einer anderen Seite zu betrachten. „Nun ja, wenn du es von Viktor entwendet hast, habe ich kein Problem mehr damit.“ Und Schwindlers geheimnisvolle Gesichtszüge entspannten sich bis er mehr als hinterhältig grinste.

„Ja… ich habe in seinem Büro herumgeschnüffelt.“

„Dich hat doch niemand dabei beobachtet, oder?“, sagte Nicholas.

Aufgeregt fuchtelte Link mit seinen Händen in den Lüften und verschwieg Midnehrets Erscheinen.

 

„Link, jetzt im Ernst.“ Und Nicholas schlug einen für ihn ungewohnten, sachlichen Ton an. „Ich bewundere deine Einsatzbereitschaft. Aber du wurdest angegriffen, du solltest dich zurückhalten und schonen. Außerdem solltest du unauffällig zu bleiben, es gibt schon einige Jungs, die vermuten, dass du der Held der Zeit bist.“

Links Augen wurden so groß, dass sie aussahen, als wollten sie zerplatzen. Das war allerdings eine unangenehme Nachricht für ihn. Er wollte nicht, dass sein Geheimnis  herauskam, erst recht nicht so schnell und nicht in seiner derzeitigen gesundheitlichen Verfassung. Er konnte nichts von dem tun, was für einen Helden selbstverständlich war. Wie sollte er beweisen, dass er in der alternativen Zeit als einziger gegen den Großmeister des Bösen bestehen konnte?

 

„Außerdem hat mir der König einen Brief zukommen lassen, indem steht, dass ich dich trainieren soll, damit du den Umgang mit deinem Fragment meisterst.“ Ah ja, Link erinnerte sich. Zelda wollte ursprünglich mit ihm das Fragment trainieren, darüber hatte sie mit ihm argumentiert. Sie war sogar davon überzeugt, dass er so seinen Bann bekämpfen konnte. Aber vielleicht hatte sie inzwischen tatsächlich das Vertrauen in ihn  verloren. Warum sonst sollte sie nun ihren Vater vorschicken? Konnte es sein, dass sie den Kontakt und vielleicht die Freundschaft zu ihm tatsächlich unterbinden wollte?

„Kannst du dir vorstellen, was der König von dir will?“, riss Nicholas den Jungen aus seinen Gedanken.

„Keine Ahnung“, meinte Link trübsinnig.

„Bei der heutigen Versammlung hatte ich fast das Gefühl, der König macht sich Sorgen um dich.“

Link blinzelte und schaute Newhead an wie eine Überraschungstüte.

„Verstehst du warum?“

Link schüttelte den Schädel.

„Hey, vielleicht will er dich mit seiner Tochter verkuppeln“, lachte Nicholas dann.

Daraufhin glotzte Link den Lehrer im Praxisunterricht bitterböse an, fast so wie ein Ungetüm, dem er gleich den Kopf absägen wollte. Das war nicht lustig für ihn. Der Gedanke an Zelda fühlte sich im Moment unerträglich für ihn an, fast so, als wollte es ihm sein Herz noch schwerer machen. Sie wollte ihn nicht sehen, das hatte Valiant ihm klar gemacht. Und es gab immer mehr Hinweise, dass sie nichts mit ihm zu tun haben wollte. Dass Nicholas diese unüberlegten Sätze über seine Lippen brachte, verunsicherte Link zunehmend und machte ihn trauriger als ohnehin schon…

 

„Egal, ich würde meinen, wenn es dir gesundheitlich etwas besser geht, fangen wir mit dem Training an, was?“ Link nickte, dachte aber mit der Spur eines unangenehmen Gefühls daran, dass er vielleicht niemals wieder so fit wie früher werden würde… was war, wenn seine Krankheit nicht mehr verging?

„Die Pause ist gleich um, Kleiner“, sprach Nicholas. „Viktors Schwerttraining beginnt in wenigen Minuten.“ Link nickte nachdenklich.

„Da fällt mir ein, schau‘ unbedingt in die Waffenkammer. Ohne Schwert macht dich Viktor erst recht fertig.“ Und der junge Bursche hätte sich dafür, dass er nicht selbst daran gedacht hatte, am liebsten geohrfeigt.

„Verdammter…“, grummelte Link und hüpfte so schnell er konnte und ohne weitere Worte an Nicholas aus dem Büro. Zielstrebig rannte er zwischen Massen von Schülern hindurch. Einige blieben einfach stehen, als er vorüber lief. Andere machten bereitwillig Platz und blickten ihm verwundert hinterher. Mittlerweile verhielten sich tatsächlich einige Jungs sehr merkwürdig, dachte Link. Es schien fast so, als würde er bei jedem Schritt, den er tat, auffallen…

 

Schnaubend und sich auf die Knie stützen müssend, erreichte der junge Heroe die Waffenkammer in der Ritterschule. Er war so schnell gerannt, dass ihm die Luft in der Kehle stecken geblieben war. Und er war nur deshalb beinah panisch, weil er nicht riskieren wollte zu Viktors mehr als furchtbarem und unsinnigen Unterricht zu spät zu kommen. Er japste und versuchte sich zu beeilen.

Einmal mehr kam der Schlüsselbund von Orson zum Einsatz und Link trat vorsichtig in die etwas größere Kammer ein. Es war ein schmaler, aber langer Raum, sehr hoch und durch mehrere Säulen abgestützt. Es war düster und nur wenige schmale Fenster ließen durch verstaubte Scheiben Tageslicht dringen. Fast magisch verlor sich das Tageslicht auf den blanken Klingen und es schien wie, als würden die zahlreichen Waffen durch das Sonnenlicht lebendig werden, als funkelten Seelen in den Klingen…

 

Als Link sich in den Raum begab, fiel plötzlich und unerwartet die klappernde Tür hinter seinem Rücken ins Schloss. Seine tiefblauen Augen funkelten mit lang vergessenem Ehrgeiz und Tatendrang, als er die vielen Waffen in dem Raum bewunderte. In einfachen Ständern waren jede Menge Schwerter einsortiert. In einer fast riesigen Vitrine ruhten Bögen und Äxte. Und an den grauen Wänden waren ebenfalls kostbare Schmuckstücke angebracht. Link überblickte allerlei Waffen mit seinem geschulten Blick, aber wusste nicht so recht, wo er beginnen sollte. Mit einem schnellen Blick konnte man zwar eine scheinbar gute Waffe auswählen, aber ob diese auch wirklich zu ihm passte, war eine andere Frage. Er wusste schon immer, dass nicht jedes Schwert sich von ihm führen ließ. Und er wusste, dass er nicht jedes beliebige Schwert haben wollte. Es war beinah eine Wissenschaft für ihn geworden, sich unter den scheinbar gut verarbeiteten Klingen eine auszusuchen, mit der er mehr als nur kämpfen konnte. Er wollte diese Verbindung spüren, die dem ein oder anderen Schwertkämpfer nicht einmal bewusst war. Er wollte spüren, dass das Schwert passte, dass es ihn als Träger würdigte und verstand…

Und ein solches Schwert zu finden, war keine leichte Aufgabe…

 

Unzählige Waffen sprangen ihm ins Auge. Einige hielt er langgestreckt vor sich und führte einige saubere horizontale und vertikale Schwertstreiche aus. Aber keines der Schwerter schien ihm mehr als ausreichend zuzusagen. In der teilweise verstaubten Waffenkammer fanden sich sicherlich einige gute Waffen, aber keine jener Klingen hatte Link beeindruckt. Er schnaubte enttäuscht und überprüfte mit seinen scharfen dunkelblauen Augen noch einmal die einzelnen Regale und Waffenständer. Aber keine der blitzenden, scharfen Klingen bewirkte etwas in seinem Kämpferblut… bis…

 

Etwas versteckt, ganz abgelegen, in einer mit Staub geschmückten, glasbeschichteten Truhe, unauffällig und vielleicht vergessen, ruhte eine Waffe, die vielleicht sogar auf Link gewartet hatte. Mit einem leichten Gefühl der Vorahnung hechtete der einstige Heroe zu der Truhe und blies mit einem tiefen Atemzug den Staub von der Oberfläche. Tatsächlich war durch das milchige Glas eine lange, hochwertige Klinge zu erkennen. Ohne weiter zu überlegen, zerschlug der Ritterschüler das kleine Vorhängeschloss und staunte nicht schlecht, als er ein tatsächlich teures und nicht zu prunkvoll verziertes Schwert mit einer sauber verarbeiteten Klinge vor sich hatte. Er konnte sich nicht erinnern jemals eine so schöne Klinge gesehen zu haben, abgesehen vom Masterschwert natürlich. Am mit grünem Leder umzogenen Schwertheft waren zwei übereinander gekreuzte Schwerter in das Metall eingefasst worden. Ein dunkler Stein verband dieses Wappen mit der scharfen Klinge. Und auch in dem feinen, nicht zu weichen Stahl der scharfen Klinge waren beinah unsichtbar einzelne alte hylianische Schriftzeichen eingefasst. Seine Neugierde nicht mehr bremsend umfasste er die Waffe, fühlte sich, als ob diese Waffe nur ihm zustand und hielt jene himmelwärts nach oben gestreckt. Die Klinge war perfekt ausbalanciert und summte. Das Heft lag geschmeidig in seiner Linken. Etwas verwundert, dass er ausgerechnet hier in der alten Waffenkammer so eine teure Klinge fand, betrachtete er sich das edle Stück noch präziser und lachte plötzlich in sich hinein. In das Heft waren ganz unauffällig zwei Buchstaben eingraviert worden. ,A.F.‘ Links Mundwinkel, die sich in den letzten Tagen so selten nach oben bewegt hatten, verzogen sich leicht und sanft… Er wusste es. Dieses Schwert hatte schon einmal einem Linkshänder gehört. Mehr war nicht zu sagen…

 

,So viel Zeit muss sein‘, dachte der Heroe und suchte sich zu der Waffe eine passende Schwertscheide in der Kammer aus, aber riskierte damit zu spät zum Unterricht zu kommen und eine ziemliche Predigt von Viktor in Kauf nehmen zu müssen. ,Egal‘, dachte er. ,Auf diesen Unterricht konnte er eh verzichten.‘ Wenig später fand er eine dunkelgrüne Schutzhülle mit schwarzen Bändern, er grinste etwas, dachte, dass jenes wirklich gut zu der Klinge passte, und hechtete zufrieden aus dem Raum. Er rannte wie ein Irrer, aber würde nicht mehr rechtzeitig zum Stundenbeginn in der Wettkampfarena erscheinen…

 

Viktor hatte die Jungs bereits in einer strammen Marschlinie vor sich treten lassen und bemerkte sofort Links Nichtanwesenheit, was seine Mundwinkel zum Beben brachte. Es war auch bei den anderen Ritterschülern mittlerweile kein Geheimnis mehr, dass er vor allem den ,komischen Kauz‘ wie einige Link betitelten, auf seiner Abschussliste hatte. Er grinste barbarisch, leckte sich über seine trockenen Lippen und trat in einer immensen Ruhe in seiner klappernden, schweren Ritterrüstung vor Will, der seine grünen Augen über den Innenhof wandern ließ und sich fragte, wo Link blieb.

 

„Laundry“, muckte der Direktor auf und hob seine Stimme, sodass er fast sang. „Wo ist denn dein Mitbewohner?“

„Ich weiß nicht, aber er kommt sicherlich gleich“, sprach er vorsichtig.

„Der Heuchler ist zu spät, egal, ob er gleich erscheint“, amüsierte sich der Mann. Er schnalzte mit seiner Zunge und wischte sich erheitert durch sein dürres, blondes Haar. „Scheint so, als ist dieser Lügner der Meinung, er bräuchte diesen Unterricht nicht. Wenn dem so ist, kann ich auch dafür sorgen, dass er fliegt.“

„Nein“, sagte Will stur. Er wollte Link so gut es ging verteidigen, außerdem hatte er dies schon bei anderen Lehrern geschafft. „Er wird schon noch erscheinen, ganz sicher. Er hat nur Probleme mit seiner linken Hand nach dem Anschlag… auf…“

„Oh ja“, lachte der Ritter in sich hinein. „Aschwheel hat mir Bericht erstattet. Jetzt bildet sich das Heldchen auch noch ein, angegriffen worden zu sein, was?“ Auch einige Jungs wirkten durch Viktors Worte eingeschüchtert, obwohl einige doch dabei waren und die meisten von ihnen durchaus wussten, was in der Nacht geschehen war. Und die meisten bewunderten Link inzwischen…

„Das war keine Einbildung, die Leiche ist unterwegs zum König“, erklärte der blonde Artus McDawn missmutig. Und auch die anderen Ritterschüler der dritten Jahrgangsstufe blickten auf.

„Und wer, bitte schön, kann bestätigen, dass das Heldchen ihn getötet hat?“, versuchte Viktor zu argumentieren.

„Das ist wohl eindeutig, wenn sein Schwert in der Brust des Unholds steckte, und sonst niemand im Raum war, was?“, mischte sich der schlanke Frauenschwarm Robin Sorman ein. Auch er schien mittlerweile einige Stücke auf Link zuhalten.

„Ihr scheint euch ja alle ziemlich einig zu sein, was diesen Waisen angeht. Ihr werdet schon noch sehen…“, sprach Viktor gehässig.

„Was werden wir sehen?“, sprach Will. Und irgendwie schienen auch die anderen Drittklässler den Direktor mit großen Augen zu mustern.

 

Doch gerade da, bevor Viktor eine Antwort hätte geben können, sah er aus seinen dunklen Augenwinkeln Link näher hasten. Der Lehrer murrte angewidert, trat beinah schwerfällig mit dem vielen Metall an seinem Körper vor Link und hinderte ihn an seinem Weg.

„Denkst du wahrlich, du kannst hier erscheinen, wann es dir passt?“ Er brüllte und schien nun ein Riesendonnerwetter zu machen, sodass auch einige Mädchen, die im Innenhof die Kräuter und Hecken pflegten, aufsahen.

„Ich wurde verhindert“, meinte Link kühl und sah dem Direktor mit einem entschiedenen, klaren Blick ins Antlitz. Der scheinbar durchtrainierte Lehrer war nicht gerade ansehnlich, dachte Link. In seinem länglichen Gesicht wirkten seine viel zu kleinen Augen wie die eines Esels. Und das bisschen dürre blonde Haar, das sein Haupt schmückte, war fettig und ließ viel zu viel Kopfhaut durchschimmern.

„Du bist zu spät“, murrte Viktor.

„Das weiß ich, ich sagte doch, ich war verhindert“, erwiderte Link und fragte sich, ob dieser Kerl ihn endlich vorbei zu den anderen treten lassen würde. Der heimliche Heroe tapste einen Meter zur Seite, und wollte vorwärts treten, als der Direktor einen Arm vor Links Gesicht hielt und ihn von neuem hinderte weiter zu laufen.

„Du weißt wohl nicht, welche Konsequenzen es hat, bei meinem Unterricht zu spät zu kommen, was?“

„Nein, sollte ich das wissen?“, provozierte Link. Er hatte ein wahnsinniges Glücksgefühl empfunden, weil er Arn Fearlessts Schwert gefunden hatte. Viktors Drohungen könnten ihm heute wahrlich nicht mehr aus den Latschen hauen.

„Du wirst auch noch frech!“

Link sah ermüdet drein und seufzte. Konnte Viktor ihn nicht endlich in Ruhe mit den anderen trainieren lassen? Was machte dieser Kerl eigentlich jetzt so ein Theater?

„Du bildest dir wahrlich ein, nur weil du gewisse Vorteile hast, dass du dir diesen mangelnden Respekt mir gegenüber erlauben darfst?“

„Ich bilde mir gar nichts ein“, fauchte Link und war inzwischen ebenfalls angestachelt mit diesem Kerl zu diskutieren. „Und vor jemandem wie Euch brauche ich keinen Respekt zu haben! Ihr seid eine boshafte, hirnlose Gestalt in einer funkelnden Ritterrüstung mit einer miserablen Schwerttechnik, bei der es mir übel wird!“

 

„Das hast du nicht umsonst gesagt!“ Viktors finstere Augen blitzten gefährlich auf. Und Link kannte diesen Ausdruck… einen solchen Blick hatten ihm schon einige Feinde zugeworfen. Ohne abzuwarten, was folgte, rollte sich Link geschickt nach hinten und sah gerade noch, wie Viktors schwere Stahlklinge an jener Stelle, an der Link vorher stand, in die Erde gerammt wurde. Einige Jungs grölten erschrocken auf.

„Ihr wollt gegen mich kämpfen?“, lachte Link und wischte sich über seine Lippen. Angriffslustig sah er auf. „Nur zu!“ Er würde diesem Kasper jetzt zeigen, was es hieß ihn herauszufordern. Sicherlich, er war nicht fit genug für einen harten Kampf. Aber diesen Kampf, so war sich Link sicher, würde er alle Male mit Bravur hinbekommen. Er hatte Viktors schmieriges Getue mittlerweile satt. Und es nervte ihn diese kriminelle boshafte Ader, die dieser Mann hatte. Er beauftragte schließlich Jungs bestimmte Gegenstände zu stehlen. Er behandelte Mädchen wie Dreck und das war dem einstigen Heroen dermaßen bitter auf den Magen geschlagen, dass er jetzt etwas tun würde! Und dass man dadurch sein Geheimnis lüften würde, soweit wollte er gerade nicht denken…

 

Link hüpfte auf die Beine, verzog seine Augenbrauen angewidert und herausfordernd und zuckte sein Schwert. Er nahm dieses bewusst in seine linke Hand. Vielleicht war jene noch verletzt, aber Link hatte mit deutlich herberen Verletzungen schon die schlimmsten Ungetüme in die Hölle geschickt. Link machte eine auffordernde Handbewegung, während die anderen Jungs mit offenen Mündern da standen und das Schauspiel begafften.

Will schritt gerade noch ein und trat vor seinen lebensmüden Mitbewohner. „Bitte, reiß‘ dich zusammen. Du weißt nicht, was du tust!“

„Ich wusste immer, was ich tue“, murrte Link und stieß einen entgeisterten Will, der ihn nur vor sich selbst schützen wollte, zur Seite. Er blickte ihn hilflos an, ebenso wie die anderen Schüler, die diesen hitzköpfigen Mut nicht glauben konnten. Es hatte sich noch kein Schüler gewagt Viktor auf diese Weise herauszufordern.

 

Selbstgefällig blickte der aschblonde Direktor in Links Richtung, stemmte sich auf sein Schwert und lachte. „Ich kämpfe nicht gegen einen Schüler!“, rief er belustigt, aber Link grinste. „Soso, Ihr seid zu feige!“ Das allerdings warf einen Schatten über Viktors Gesicht, der seine Zähne fletschen ließ. „Auch das hast du nicht umsonst gesagt!“ Mit der schweren Rüstung hastete er näher und holte mit seinem Schwert gewandt aus. Aber er hatte nicht mit Links strategischem, ausgefeilten Bewegungen gerechnet. Er täuschte an, sich auf Viktor zu zubewegen, wirbelte dann seitwärts herum und traf den Direktor mit seiner neuen Klinge so geschickt am rechten Bein, dass einer der stählernen Beinschoner von Viktors Bein plumpste. Grinsend stand der Heroe hinter dem Lehrer und lugte belustigt zurück.

 

Die Jungs grölten und lachten im Hintergrund. Sie lachten so laut, dass auch die Mädchen mit ihrer Blumenpflege aufhörten und dem Schauspiel zusahen.

 

Der Lehrer allerdins schimpfte erbarmungslos, schnappte sich seinen Beinschoner und warf diesen in Links Richtung. Jener drehte seinen Schädel etwas zur Seite, sodass das gute Stück nur knapp neben seinem linken Hylianerohr vorbeisegelte.

„Soll ich Euch helfen, auch den anderen Beinschoner loszuwerden?“, rief Link eifernd. Genau das war sein wahres Ich, dachte er. Was war die letzten Wochen nur so verdammt schief gelaufen? Herausforderungen. Gewagte Diskussionen. Mut. Das war es, was ihn auszeichnete, das war es, was er sein wollte. Und diese Dinge waren ihm in der dunklen Zeit wichtig, nicht diese schwächlichen Anwandlungen, die sein gesamtes Selbstbewusstsein zerfraßen.

 

Viktor lief inzwischen rot an und rannte wie angestochen mit der schweren Stahlklinge in Links Richtung und machte scheinbar wieder denselben Fehler. Erneut täuschte Link an, bereit sich an Viktors linker Seite abzurollen, aber er wusste, dass auch jemand wie Viktor mit unfairen Mitteln arbeitete. Und tatsächlich erkannte Link innerhalb von Sekundenbruchteilen, dass der Direktor gelernt hatte. Er nahm Links Täuschungsversuch nicht ernst genug, wirbelte gleich zur rechten Seite, aber sah das gehässige Grinsen des Heroen zu spät. Gerade als Viktor das Schwert nach rechts schwang, sprang Link gekonnt über ihm hinweg, landete mit seinen eher untrainierten Beinen hinter dem Lehrer, durchtrennte mit dem Schwert die Riemen, die den Brustpanzer zusammenhielten und auch dieser purzelte mit einem Klack zu Boden. Die Ritterschüler im Hintergrund jubelten so energisch, als zerplatzten sie vor Genugtuung und Freude. Endlich zeigte jemand Viktor, wo der Hammer hing!

 

Link blickte gelangweilt drein und gähnte: „Wollt Ihr Euch nicht endlich anstrengen?“, reizte er den blonden Ritter, der sich inzwischen vor den gesamten Jungs im Hof schämte. Gerade da pfiffen einige Schüler höherer Jahrgänge aus den Stockwerken und auch jene applaudierten dem unerkannten Heroen zu.

„Das wirst du bereuen, Satansbraten!“, röhrte Viktor, sammelte Magie in seinem Schwert und schleuderte jene auf den überraschten Link. Der Heroe wusste, dass er nicht so schnell war wie früher, also blieb ihm keine Wahl als diese geballte Attacke mit einer Wirbelklinge abzuwehren. Er schloss seine tiefblauen Augen kurz, spürte die Kraft des Schwertes in seiner Hand, spürte die Energie, die der kostbare Stahl beherbergte und gerade, als die vielen Schüler dachten, es wäre vorbei, gerade, als die magische Attacke Link hätte treffen sollen, führte er die Klinge in seiner Hand in einem großen Winkel um sich, schleuderte die Magie mit einem gewagten Kampfschrei zurück, aber die Kraft wurde von einer weiteren Person abgefangen. Ein Schwert schleuderte das Geschoss an die kahle Gesteinsmauer des Schulgebäudes und hinterließ einen hässlichen Schandfleck. Newhead hatte sich zwischen Link und Viktor aufgebaut und verhinderte gerade noch, dass Link in dieser scheinbaren Notwehr etwas sehr Dummes tat.

 

Aber auch das, schien die Stimmung im Innenhof nicht zu trüben. Die Schüler lachten und applaudierten. Selbst die Mädchen warfen Link lächelnde Gesichter zu. Er hatte es geschafft. Jetzt würden die Leute erst recht über ihn reden. Nicholas schüttelte nur seinen Kopf und sah den Heroen ein wenig enttäuscht, aber auch belustigt an.

 

Kreischend stapfte Viktor dann in die Runde der gut gelaunten Schüler, brüllte in einem schiefen, hohen Ton, den selbst die ältesten Schüler von ihm noch nicht gehört hatten.

„Was denkt ihr alle überhaupt, wer ihr seid“, dröhnte er. „Geht zurück an Eure Aufgaben!“ Die Schüler der dritten Jahrgangsstufe widmeten sich mit lächelnden Gesichtern und noch mehr Selbstbewusstsein den Holzblöcken, die sie mit ihren Schwertern bearbeiten durften. Viktor aber warf dem Heroen noch einen giftigen Blick zu und verschwand dann mit einem dröhnenden Gebrabbel und garstigen Schimpfwörtern in dem Schulgebäude.

 

„Das war wohl notwendig und deine Rache für den Blutmoblin bei deiner Testung, was?“, meinte Nicholas und grinste Link schelmisch an. Jener nickte, spürte aber, dass es für seinen beanspruchten Körper mittlerweile zu viel war, sich in der Kampfkunst zu erproben. Wenn Viktor weiter gemacht hätte, hätte der Held der Zeit vielleicht den Kürzeren ziehen müssen. Aber soweit war es nicht gekommen, es hatte Spaß gemacht, und es hatte gesessen. Vielleicht, so hoffte Link, würde Viktor ihn nun etwas in Ruhe lassen. Vielleicht war sein Auftritt gerade eben überheblich und unüberlegt. Andererseits hatte er sich damit eine gehörige Portion Respekt bei den anderen Schülern verschafft und das brauchte er zurzeit mehr als vieles andere. Er brauchte Leute, die ihn achteten und akzeptierten, auch wenn er damit das Risiko einging, dass man sein Geheimnis lüftete… 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 
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