3. Kapitel
 

Kapitel 3

 

 

Zielstrebig marschierte Link mit gesenktem Haupt, seinen Kopf vor dem Regen schützend unter einer grauen Kapuze vergraben, auf die alte, mit hohen Mauern umzingelte Farm der rühmlichen, weitzurückreichenden Lon-Lon- Familie zu. Ab und an durchbrach helles Mondlicht glimmend die dunklen wütenden Gewitterwolken. Tiefblaue Augen stachen kühl und beherrscht unter dem grauen Umhang Links hervor. Kalt und distanziert. Sachte hob er seine Kapuze ein Stück an, sah Lichter, viele, viele Lichter auf der alten Farm, die sein Interesse weckten. Fast von alleine wurden die Schritte des einstigen Helden der Zeit schneller. Er stapfte durch das hohe, durchgeweichte Steppengras und mit jedem Schritt hinterließ er verräterische Fußspuren im kalten Matsch. Etwas war im Gange, das sagte ihm sein sechster Sinn. Denn Link spürte die Gefahr, ohne sie sehen zumüssen, ein Geheimnis seiner besonderen Seele, der Segen ein Kind des Schicksals zu sein.

Ruckartig schnitten gewaltige Schreie, grölende Stimmen durch die Stille der Steppe. Flehende Hilfeschreie, Jammern und Wimmern, welches seine Schrecken, seine gefahrvollen Ausläufer zu vielen Bereichen des Landes schickte. Verzerrte Angst, Kälte und Tod.

Näher und näher kam Link der Farm und mit jeder Sekunde, die verging wurden die Lichter zahlreicher, mörderischer und gnadenloser. Feuer war es, das dort in die Höhe schoss. Giervolles Feuer wütete auf der alten Farm, steckte in Brand, was einst blühend und glücklich war. Link hetzte, raste über die Steppe, ständig die vielen Schreie von Mensch und Getier im Genick.

 

Es kam ihm vor, als wäre er Stunden gelaufen, als er hektisch mit rasendem Puls zu dem eingetrümmerten, hölzernen Tor der wirtschaftlichen, alten Farm rannte, ständig begleitet von dem Gefühl, sehr genau zu wissen, was ihn erwartete. Erneut die gefährlichen, furchtvollen Schreie in seinen Ohren, versuchte sich Link mühevoll durch die vielen, zerfetzten Holzbretter zu wühlen. Verdammt, was war hier am Werk, schallte es durch seinen Kopf. Fluchend griff Link an die heißen, glühenden Holzbretter, verbrannte sich seine Finger an dem in Feuer aufgegangenem einfachen Holz, zerrte unter zermürbenden Atemzügen ein großes Brett zur Seite, um einen Zugang freizulegen. Ein Schrei entkam seiner Kehle, als er sich die Finger mehr und mehr ansenkte und sich glimmende Holzscheitel in seine Haut bohrten. Angewidert kämpfte er sich durch den verschütteten Eingang, spürte das Auflodern von Gefahr in seinem Blut. Böses wütete hier. Teuflisches schien im Gange zu sein. Wieder entsetzliche Laute von trockenen Kehlen, die gefoltert wurden, gemischt mit hellen Stimmen. Dann Trommeln und fremde Gesänge, die mit einem kraftraubenden, beißenden Gesang die Nacht verhöhnten, Hyrules Steppe bestialisch verschmutzten.

Links Blick fiel zuerst entgeistert zu den vielen alten Eichen, die allesamt in Brand standen. Kleine verbrannte Teilchen wirbelten durch die Luft und benetzten das Gesicht und die Hände des fünfzehnjährigen Jungen, während der Mond seinen hellen Schein nicht mehr zeigen durfte. Die Häusergruppe stand ebenso in Feuer, durchgedrehte Kühe, wütende Stiere und wiehernde Pferde, gackernde Hühner und Enten rannten ihm entgegen. Hysterisches Vieh trampelte gnadenlos, wie vor dem Tod fliehend in seine Richtung. Schnell und gekonnt wich Link den Tieren aus, hetzte hinter einige Kisten, die ihm noch Schutz boten, von wo aus er nicht gesehen werden würde. Er konnte den Boden vibrieren fühlen, als zahllose Hufe sich in das grüne Gras bohrten.

Vorsichtig, schleichend, wagte der junge Kämpfer einen Blick hervor, wanderte mit seinen scharfen Augen in Richtung des Zentrums der Farm, wo gewöhnlich in einem riesigen  abgezäunten Bereich die Kühe weideten und die Pferde Auslauf hatten.

 

Er schlich näher an die Szenerie, sah viele Fackeln, geführt und präsentiert von unzähligen Gestalten in schwarzen Roben. Etwas begann zu schlitzen auf der linken Hand des Helden, dann in seinem Rücken, ähnlich einer Warnung vor grausamen Erinnerungen, die er doch so zahlreich in seinem jungen Leben hatte erfahren und nicht vergessen müssen. Erneut die hellen Menschenschreie und Links Augen durchbrachen mit einem Hauch Magie die Dunkelheit, nur um zusehen, dass einige Menschen am Zaun angekettet dem Untergang der Farm zusehen mussten. Sechs Hylianer waren dort, soweit Link dies erkennen konnte. Diese kleine Gruppe schauderte angesichts der vielen anderen Gestalten, die in ihren tiefschwarzen Gewändern teuflische Reden schwangen, die jetzige Herrschaft unter Harkenia von Hyrule ankreideten, verächteten und ihre gespenstischen Parolen unter den geweiteten Himmel trällerten. Link vernahm nur einige Fetzen des Gesanges einer alten, verbotenen Teufelssprache, die schon Ganondorf damals gerne genutzt hatte. Es widerte ihn an, vergiftete die Wärme in seinem jungen Herz wie schwarze Magie. Geführt von Zorn und Hass wanderte eine raue Kämpferhand an das lederne Heft eines Schwertes, während kühle Augen dem Geschehen zusahen, um auf die perfekte Gelegenheit zu warten. Link roch die Gefahr, gemischt mit säureartigem verbranntem Gestank.

 

Zahlreichen Kreaturen versammelten sich in einem Kreis, genau im Zentrum der Farm. Einige gebuckelte kleinere Wesen, vielleicht dumme, einfältige Moblins, die dafür bezahlt wurden, hatten Schaufeln in ihren Händen und begannen zu graben. Gebieterische kalte Stimmen zwangen die Dämonen der alten Zeit zur Arbeit, während in Link immer mehr Groll und Kampflust anstieg.

 

Langsam, unbemerkt schlich Link näher und näher, verbarg sein Erscheinungsbild hinter den absterbenden Bäumen, dann hinter Pfählen des Zaunes, bis er mehr und mehr sehen konnte. Viele, viele in schwarzem Samt gehüllte Wesen, von denen man nicht wusste, ob sie menschlichen Ursprungs waren, ob sie vielleicht schon lange dem Pfad des Lichtes abgeschworen hatten, versammelten sich, tanzten schauderlich zu ihrem unheimlichen, verspottenden Reigen. Ihre Gestalten, so kalt und böse, wie die dunkle Seite des Triforce. Grausamkeit zelebrierten sie, schufen mit ihren kratzigen Kehlen Respekt, der doch nur aus Angst gezeugt wurde.

 

Eine Schweißperle rannte Link über seine Stirn, während er langsam die Kapuze von seinem Schädel zog. Ein Impuls der Gefahr, der Vorbereitung auf den Kampf, jagte seine Venen entlang. Sein Puls wurde schneller, da sein Herz mit den Trommeln der dunklen Diener im Rhythmus zuschlagen begann.

 

Mehr und mehr sahen seine Augen, als der Regen langsam verging und die gespenstischen Fackeln die alte Farm in ein blutendes Meer roter Farben verwandelten. Die unheimlichen Hünen zogen ihre Gewänder zurück und Link konnte deutlich verwandelte Köpfe erkennen. Hylianer... es waren Hylianer, die für diesen Schrecken verantwortlich waren. Und auf jeder Stirn dieser vielen Gestalten war ein Zeichen aufgemalt. Ein blutrotes Dreieck, wohl das Symbol für das Fragment der Kraft. Und ein schwarzer Dreizack durchschnitt jenes mächtige Relikt auf jeder Stirn...

 

Es schien als würden jene dem Tode Geweihten etwas suchen, etwas altes, was einst auf der Farm vor fremden, lüsternen Gemütern versteckt wurde.

 

Langsam pirschte sich der jugendliche Held an die Gefahr heran, schlich wie ein Schatten über das verbrannte Gras zu den gefangenen, wehrlosen und wimmernden Hylianern. Leise hüpfte Link näher, verbarg sein Abbild geschickt in den Schatten anderer Besitzer, so wie Shiekah sich in dem Schatten anderer, sogar lebloser Objekte verstecken konnten. Mit vorgezogener Schwertklinge erreichte er die vielen Gefesselten, deren Wimmern abrupt und verräterisch stoppte, als Link mit zurückgezogener Kapuze seine Anwesenheit preisgab. Malon, das junge Farmmädchen, war die erste, die ihn erkannte und beinahe einen Freudenschrei ausgestoßen hätte. Schnell legte Link der fassungslosen rotbraunhaarigen Farmertochter eine Hand über den Mund. Sein mutiger Blick ging von einem zum anderen Gefangenen, als er seinen rechten Zeigefinger an seine Lippen führte, um den Opfern klarzumachen, was zu tun war. Zwei ältere grauhaarige Hylianer, der schmächtige Basil und der dickliche Talon mit seinem runden Bierbauch und dann noch ein Link unbekannter Bursche mit einem kleinen Baby auf dem Arm und eine weitere Frau, waren hier in Geiselnahme. Schnell und ohne Zeit zu verlieren durchtrennte der Held mit seinem Schwert die Seile, sodass die Hilflosen jetzt flüchten konnten. Unbemerkt schlichen Malon und die andere hinter dem Zaun entlang, ständig damit ringend schreiend zurennen, die Angst sich besiegen zu lassen. Unter enormen Druck Ruhe zu bewahren schlich einer nach dem anderen hinter Kisten, hinter den brennenden Bäume entlang, angstvoll und verzweifelt.

 

In dem Moment näherte sich Link dem Geschehen im Zentrum, verbarg sein Antlitz geschickt im Dunkel. Ein dunkles Augenpaar jedoch spürte fremde Energie, ja sogar Macht an diesem Ort, wo doch nur etwas Vergessenes gefunden werden sollte. Prüfend wand sich jenes machtgierige, verschmutzte Augenpaar in die Richtung der Geiseln, erkannte verräterisch, dass jene flüchteten. Eine tobende Stimme sendete zischendes Dröhnen über die Farm, sodass all jene des geheimen Bundes ihre mit Blut bemalten Häupter in die Höhe reckten, erkannten, wussten.

 

Links heller Ruf schallte durch die rauchige, verbrauchte Luft: „Lauft!“, brüllte er zu jenen, die doch um ihr Leben rannten. Malons schöne Singstimme klagte flehend auf, stimmte einen jammervollen Chor mit den anderen Flüchtenden an. Die Hylianer rannten geschwind, so wie ihre zitternden Knie sie tragen konnten, sie rannten vor der namenlosen Gefahr, die ihr Zuhause zerstört hatte.

 

Giftendes, vibrierendes Krächzen derjenigen, die foltern wollten, die töten wollten, tobte durch die Nacht, und viele fassten den inzwischen ungeschützten Helden ins Auge. Quälende, glühende Augen, die ihre Seele, welches einzig einen Blick durch die Augen auf das Antlitz des Inneren gewährte, verkauft hatten. Ein Pfand hatten jene Teufelsdiener bezahlt, nur um einer Macht willen. Gezänke wurde laut. Tiefe Stimmen. Einige hetzten mit einfachen, rostigen Schwertern auf Link zu, andere sprangen in das Loch, welches Moblins gegraben hatten. Furchtlos wirbelte Link die Klinge umher, kämpfte sich kraftraubend durch die niederträchtigen menschlichen Wesen. Erneute Last für sein Gewissen, da er tötete. Erneuter Mord, ausgeführt von fünfzehnjährigen Händen, für die er sich irgendwann vor den Göttinnen  verantworten müsste. Doch hatte Link wirklich eine Wahl? Konnte er dem Tod, dem Morden entrinnen, wenn er selbst nicht sterben wollte?

Zügellos, ohne Mitleid wanderte sein scharfes Schwert durch Leiber niederen Abschaums, die dem Land seine Ruhe raubten. Für Hyrule, schallte es durch Links Kopf. Für Hyrule. Morden, zum Wohle Hyrules...

 

Von weitem erkannte Link viele aus dem Graben kriechende in dunklen Roben gekleidete Gestalten, während er sich durch andere zischende Feinde hindurchkämpfte. Sie trugen etwas. Eine Art Truhe, vielleicht auch einen Sarg. Mehr konnte Link durch die Dunkelheit und durch den Qualm nicht mehr erkennen. Erneut fiel der Regen, während die Klinge Links blutig im hellen Mondlicht schimmerte. Und er kämpfte weiter, folterte seine jungendliche Seele mit dem Kampf, den er doch niemals gewinnen würde- dem Kampf gegen sein eigenes Schicksal. Brodelnd schnitten biestige Stimmen durch die Luft, beschimpften das Einmischen jenes Jungen, der in einer alternativen Zukunft ein strahlender Held gewesen war.

 

Sie umzingelten ihn, attackierten Link von jeder Seite. Ein schmerzhafter Stoß an seine Stirn, ein Treten und der junge Held verlor das Bewusstsein, während Bilder des Schreckens, der unbezwingbaren Flammen, des Rauches und der Qual in seinem Gedächtnis haften blieben.

 

Es war spät. Die gewaltige Sturmherrschaft über der endlosen Steppe gab auf und ein stiller Mond leuchtete am Himmel empor, senkte sein Haupt dem Morgen entgegen. Eine Schar Krähen flogen um schwere, schwarze Türme einer Festung nahe der alten Lon-Lon- Farm. Doch keiner der vielen Söldner, Wächter und Ritter, die hier ruhten, um am morgigen Tage ihrer Pflicht wieder nachzugehen, bemerkte das Feuer, welches gnadenlos in die Höhe stieg. Niemand sah den Untergang der alten Ranch, denn es konnte niemand sehen. Von weitem erklang kein Laut, die Nase kitzelte kein Geruch nach Verbranntem, denn es geschah nicht für die Augen anderer Hylianer… Niemand war in der Lage das Ungesehene zu erkennen, oder zu erinnern, nicht einmal die, die Link rettete…

 

Einige Reiter preschten über die Steppe, und ihrer glorreichen Ankunft preisend, wurde eine schwere Zugbrücke hinabgelassen und ein verrostetes Gittertor öffnete sich mit sturem Getöse. Es waren Ritter, getreue Diener der Königsfamilie, die in einem Karren einige Gefangene, Verräter der Monarchie und sonstige Verbrecher transportierten. Ein Späher der Gefangenenfestung läutete eine schrille Glocke und rief vom höchsten Turm der Burg hinab.

„Sir Viktor mit seinen Männern erreichte soeben die Feste. Sir Viktor!“ Ein lautes Jubeln ging los als, der bekannte namhafte Ritter in den Burginnenhof einritt, stolz auf seinem Friesen sich selbst präsentierend. Erhobenen Schwertes in einer glänzenden Hylianerrüstung trabte er voran. Schwungvoll sprang er aus dem Sattel und nahm seinen aufwendigen Stahlhelm ab. Aschblondes, dünnes Haar fiel bis zum Kinn und schwarze Augen blickten eitel auf, als einige Stallburschen angelaufen kamen und dem Herren der Burg die Zügel abnahmen, um die Pferde zu versorgen. Ein rechtsseitig gelähmter, älterer Mann kam an einem Krückstock angehumpelt. „Lord Aschwheel, humpelt Ihr immer noch durch die Gegend?“, sprach Viktor verhöhnend, als er seine Waffen abschnallte und diese einem kleinen Kerl mit einem gewaltigen Anpfiff auf den kindlichen Rücken auflud.

 

„Und Euch macht es anscheinend nach Eurer langen Reise immer noch Spaß, andere wie Aß zu behandeln. Ich sehe schon…“, meinte der alte Humpelnde. „… Ihr habt Euch mit keiner Silbe verändert, Viktor.“ Doch der aschblonde Vierzigjährige grinste nur spöttisch und deutete auf den Karren mit den Gefangenen.

„Wir haben Beute.“ Ein niederes Gerede von einfachen Hylianern, da Viktor selbst alle die, welche nicht in sein Weltbild passten, als minderwertig ansah. „Sperrt diesen Abschaum in die Kerker. Die drei älteren haben König Harkenia beleidigt und der jüngere, bewusstlose Kerl mit der nussbraunen Tunika hat ein Mädchen entführt. In den nächsten Tagen sollten wir diese enthaupten lassen.“ Er lachte giftig, ähnlich dem Gezische einer Schlange und hielt sich seine dreckigen, rauen Hände an den Wanst.

Doch Lord Aschwheel hielt ihn zurück. „Ihr scheint nicht auf dem neusten Stand zu sein. Unser König hat die Todesstrafe abgeschafft. Ihr könnt Euch nicht mehr an hängenden oder enthaupteten Köpfen erfreuen.“ Diesmal war es jener alte, humpelnde Mann, der lachte und sich an dem leicht verärgerten Gesicht des Ritters ihm gegenüber belustigte.

„Ja, und vergesst nicht, dass in wenigen Tagen die zukünftigen Ritter in der Schule vorgeführt werden. Ihr sollt dort Unterricht geben.“, sagte der alte Graue und lief langsam auf seiner Krücke zu einem Seiteneingang.

„Keine Sorge, ich werde den jungen Spunden schon beibringen, wie man tötet.“, lachte der Kerl. „Wo ist eigentlich Lavender?“, setzte die kratzige Stimme Viktors hinzu. Lavender war eine junge Lady, braunes, extrem langes, häufig hochgestecktes Haar und sie war die Tochter des humpelnden Mannes, dem es gar nicht Recht war, dass seine einzige und dazu noch so liebliche Tochter gerade mit diesem Dreckskerl von Sir Viktor liiert war. Fünf Jahre hatte sie auf die Rückkehr ihres Mannes warten müssen und doch war Viktor nicht der, den jene lediglich siebenundzwanzig Jahre alte Lady einst geliebt und geheiratet hatte…

„Sie wartet in Euren Gemächern.“, meinte der Alte und verschwand.

 

Indessen wurden die Gefangenen aus dem Karren gestoßen, landeten knackend, schmerzhaft auf dem mit Stein beschlagenen Boden mit dem vielen kalten Matsch. Doch selbst durch den harten Aufschlag wachte der Jugendliche mit dem blonden Schopf nicht auf, dem der Vorwurf der Entführung gemacht wurde.

 

Wenig später befanden sich die Gefangenen in tiefen, unterirdischen, stinkenden Schlosskerkern, wo Ratten ihre Schlupflöcher hatten und Schlangen durch kalte, schwarze Pfützen krochen. Ein junger Blondschopf lag zusammengekauert auf einer einfachen, kalten Pritsche in einer der vielen Zellen. Nur ein kleines mit Gitterstäben versehenes Guckloch gewährte einen Blick nach außen, hinaus zur in Nacht gehüllten Steppe.

Zitternd wand sich der Jugendliche hin und her, hatte Alpträume, wie jede Nacht, fühlte Elend und Schmerz auch dann, wenn er aus seinem Schlummer aufwachen würde.

 

Ein Wärter lief langsam außerhalb durch die feuchten Gänge, blickte mit seiner Öllampe in die vielen dreckigen, dunklen Zellen mit den Gefangenen und lief dann mit Klacken durch die schmierseifenartigen Pfützen hier in den alten Kerkern.

Einige Gefesselte zankten, andere schnarchten und viele wimmerten, erzählten Unfug und paranoide Geschichten vom Hier und Jetzt und einer träumerischen Welt, die noch folgen konnte.

 

Der Fünfzehnjährige schreckte plötzlich zusammen, den Namen Zeldas auf seinen Lippen, bis er seinen Körper unkontrollierbar hin und herschlug, sich quälte, hoffend, der Name in seinen Gedanken könnte ihm die Folter abnehmen, die er jede Nacht durchmachte. Ein bettelndes Wimmern entkam seiner Kehle, bis er plötzlich zusammensank. Ruhig und still wurde sein Körper und das leiderfüllte tiefe Blau einst so mutiger Augen gab sich blinzelnd preis. Seine Augenlider öffneten sich schwach und doch begriff er nicht, wo er war, verstand nicht die Umstände, hatte keine Ahnung von den Dingen, die man ihm zur Last legte. Er sah sich um, fühlte Kälte und Nässe in dieser Zelle und lehnte sich den Kopf haltend an die Wand. In seinem Schädel hämmerte es so stark, als ob irgendjemand ihn spalten wollte. Er schwitzte und fror zugleich und besann sich auf die Ereignisse von vor wenigen Stunden. Er erinnerte den blutrünstigen Kampf, die schrecklichen Kreaturen und die entsetzlichen Schreie derjenigen, die dem Ende ihres Zuhauses zusehen mussten. Ob Malon und die anderen in Sicherheit waren?

 

Fluchend richtete er sich vollkommen auf und bemerkte ein paar stechende Augen in der Dunkelheit, die ihm interessiert zusahen. Merkwürdige Augen, deren Farbe so undefinierbar war, dass man sie sich niemals merken würde. Schwachgrün und doch graublau, mit einem braunen Ring, der sich um die Pupille zog.

„Auch schon aufgewacht?“, sagte eine raue, aber doch angenehme Stimme. Eine starke Stimme. Fast belustigt wiederholte der Insasse der Zelle seine Worte.

„Wo bin ich denn jetzt schon wieder?“, meinte Link, der sich doch allmählich daran gewöhnen sollte, plötzlich und ohne Sinn an fremden Orten aufzuwachen. Die in Schwärze gehüllte Gestalt gab sich preis und sprang von dem oberen Bereich eines kläglichen, knarrenden Doppelstockbettes herab. Im Schein einer Fackel, die außerhalb an der Wand hing, konnte Link seinen Leidensgenossen gut mustern. Ein kräftiger Mann, etwa dreißig, stand vor ihm. Fettiges, leichtgewelltes braunes Haar hing offen bis über seine breiten Schultern. Link erhaschte einen Blick zu der rechten Hand des Mannes, wo zwei Fingerkuppen fehlten, die er beim Kampf verloren haben musste. Ja, tatsächlich schätzte Link den Mann so ein, als ob er sehr gut fechten konnte. Aber es mussten ärmliche Verhältnisse sein, aus denen er kam, denn sein mit Rost beschmiertes helles Hemd, die an einem Knie aufgerissene Hose und der halb zerfetzte Gürtel an seiner Hüfte erzählten dem jungen Hylianer Link genug. 

„Du bist im guten alten Doomrent.“

„Doomrent?“, erwiderte Link.

„Eine alte Burg, früher einmal ein warmes Zuhause, doch heute sperrt man hier den Abschaum Hyrules ein. Leute wie dich und mich.“

Ungläubig schüttelte Link seinen Kopf und sprang mit einem gutgemeinten Sprung von dem kalten, rissigen Bett. „Ich habe nichts getan! Also, wie beim Heiligen Triforce bin ich hier gelandet?“, fauchte er. Nur wenige Sekunden bemühte sich Link auf den Beinen zubleiben, aber irgendetwas machte ihm einen Stich durch die Rechnung. In seinem Kopf begann es zupochen, sein Magen begann zuarbeiten und erst jetzt registrierte er die Schwäche der letzten Tage ohne Nahrung, die sich mit purer Schwärze vor den Augen bemerkbar machte.

„Ach nein? Du willst unschuldig sein? Dann würde man dich ja wohl nicht eingesperrt haben.“ Wütend über diesen Kommentar schenkte Link dem Typen einen anklagenden Blick und lief niedergebeugt zu den eisigen Gitterstäben. Er brüllte in den Gang, verlangte nach einer Antwort, warum er hier eingesperrt war und hörte doch nur abstoßendes Gemurmel von anderen Häftlingen.

„Halt’s Maul, Kerl.“

 

Dieser Kommentar genügte und Link trat mehrmals mit lauten Schimpfen an die Eisenstäbe, als aber der Zellengenosse Links Hände packte, hinter seinen Rücken zusammenhielt und ihm drohend ins spitze Ohr flüsterte: „Bist du des Wahnsinns! Wir können froh sein, unsere Ruhe zu haben, oder bist du scharf auf eine Tracht Prügel?“ Warnung erklag herb aus jenem trockenen, muffigen Mund und doch meinte es der lebenserfahrene Mann nur gut. Er ließ Link ohne weiteres wieder los und hatte etwas Vorwurfsvolles in seinen undefinierbaren Augen. Kopfschüttelnd ließ sich Link überzeugen und setzte sich langsam wieder auf die Pritsche. Dem Dreißigjährigen huschte ein kurzes Lächeln über das Gesicht, wobei seine gelbgefärbten Zähne aus dem aufgeplatzten Mund hervorblitzten. Der Typ ließ sich auf einem alten Holzstuhl nieder und sah Link neugierig an. „Wie heißt du eigentlich?“, meinte der Mann.

„Link. Und wer bist du, wenn wir hier schon eine Zelle teilen müssen?“ Etwas Verletztes stach aus den Augen des Mannes, der vielleicht genauso wie Link nicht mehr den Namen haben wollte, den er doch trug.

„Nenn mich Schwindler, der einzige Name, den mir die Leute noch geben…“

„Schwindler? Hast du dir diesen Namen erlogen?“ Wut in einem mehrdeutigen Blick ließ Link vorsichtiger mit seinen Worten umgehen.

„Ich sitze hier, weil ich die Wahrheit gesagt habe, und mir diese niemand glauben wollte.“, sagte der Kerl und stand von seinem Platz auf, funkelte mit seinen durchdringenden, bitteren  Augen durch ein kleines Guckloch nach draußen. Ein interessanter, ernster Hylianer, dachte Link und einsam, vielleicht so wie er selbst…

„Und weshalb sitzt du hier, Kleiner?“ Nachdenklich wand der junge Hylianer seinen Kopf gen Ausgang und versuchte sich an das Grauen zu erinnern. Den widerwärtigen Schrecken auf der alten Farm.

„Ich weiß es nicht.“, meinte er und verschwieg dem Typen bewusst die Wahrheit. Was interessierte es einen Außenstehenden, was mit ihm geschehen war? Wen kümmerte das Schicksal des einstigen Helden der Zeit, ohne den Hyrule schon lange kein sicherer Ort mehr wäre?

„Im Gegensatz zu dir, weiß ich wenigstens, warum ich hier mein Grab finden soll.“, sagte Schwindler belustigt.

„Oh nein!“, sagte Link stur. „Ich finde hier ganz gewiss nicht mein Grab.“

 

Mit einem winzigen Hoffnungsschimmer in seinem verletzten Herzen, blickte er auf seinen linken Handrücken, nahm den ledernen Handschuh ab und suchte nach dem Triforcefragment, welches schon lange verblasst war. Nur undeutlich erkannte Link das Abzeichen der Göttinnen und wusste doch, dass der aufrichtige, ehrliche Mut in seiner Seele schon lange nicht mehr ausreichte, um dieses Symbol zum Wirken zubringen.

„Und wie kommst du darauf? Du besitzt nicht die Mittel und Wege, um hier herauszukommen.“ Frustriert musste sich Link wohl oder übel eingestehen, dass Schwindler Recht hatte. Nervtötend war diese ganze Situation. Alles, was Link noch wusste, war, dass man ihn bewusstlos geschlagen hatte und nun war er hier, in einer stinkenden Gefängniszelle, bei fressgierigen Ratten, ohne Licht und Wärme. Wie ein Kind zog der Blondschopf seine Beine zu sich heran und legte den Kopf auf die Knie. Soviel hatte Link für Hyrule getan, das ganze Land hatte er gerettet, wo andere nicht stark sein konnten, wo andere davonliefen und nun saß er hier in den Kerkern Doomrents, vergessen und verschmäht. Zum Verrücktwerden, dachte Link. Und ein Abbild der schönen Belle und des unreifen William Laundry geisterte durch seinen stechenden Schädel. Wenn er nicht so eigensinnig und stur gewesen wäre, hätte er die Nacht sicherlich in diesem warmen Haus bei den Laundrys verbringen können. Er hätte die Nacht nicht wieder morden müssen. Er hätte nicht leiden müssen und wäre nicht in dieser modrigen Zelle mit der abgestandenen Luft und den vielen Übeltätern ringsherum. 

 

„Du hast einen seltsamen Schlaf, Junge.“, sagte der Mann, nur um mit Link in ein Gespräch zu kommen. Tiefblaue Augen blickten kühl in die undefinierbaren Schwindlers.

„Du hast viel geredet.“ Beinahe ertappt und beschämt ließ Link das Haupt sinken. Er wollte nicht, dass sich jemand einmischte, erst recht nicht in seine Angelegenheiten der alternativen Zukunft.

„Schön und was geht dich das an? Halt dir das nächste Mal doch die Ohren zu.“, giftete Link mit seiner einprägsamen Stimme.

„Nana, sei doch nicht gleich so unfreundlich.“, murrte Schwindler und kratzte sich mit einer spitzen Nadel den Belag von den Zähnen. Links Kopf ging von der eisernen Nadel zu dem einfachen Schloss an der Gefängniszelle. Hastig sprang Link von der Pritsche und wollte dem Typen die Nadel, wenn nötig mit Gewalt entreißen. Gerade griff Link danach, als aber der Kerl nuschelte: „Noch nicht, denkst du, ich wollte das nicht versuchen?“

 

Link sah dem Typen interessiert ins Antlitz. Und ein verblümtes Grinsen zeigte sich an den Mundfalten Schwindlers, wo ein kratziger, brauner Dreitagebart über das Gesicht lief. Gedämpft sagte er: „Es ist zu früh dafür. Nächste Nacht sind die Wächter nur in halber Zahl auf ihrem Posten, weil die Huren aus der nahen Stadt antanzen. Die ultimative Gelegenheit.“ Link nickte bedächtig. Immer sympathischer wurde ihm der komische Kerl, der niemanden seinen wahren Namen sagen wollte. Bedacht und langsam setzte sich Link wieder und vergrub seinen Kopf in den Armen. Melancholie kam in ihm auf und immer dann, wenn sich die Hoffnungslosigkeit breit machte, war es Zelda, die in seinen Gedanken herumhastete. Es mochte verrückt sein. Als ob die weise Prinzessin des hylianischen Reiches Links Trübsinn fühlte, so legte sie sich mit ihrer reinen Seele über die schweren, erdrückenden Schatten seines Gedächtnisses, obwohl es doch dumm war an sie zu denken, obwohl er sich geschworen hatte, nie wieder an sie zudenken…

Dennoch, den Schmerz in seiner Seele, die Einsamkeit, konnte auch sie nicht lindern. Sie konnte es einfach nicht, auch wenn sie die ewigwährende Verbindung verwandter Seelen besaßen. Er versuchte sie aus seinen Gedanken zu verscheuchen, wie immer, denn es tat ihm einfach nur weh, wenn sie Zeugin des Schmerzes wurde, der sich in seinem Leben breitgemacht hatte…

 

„Ja ja…“, begann Schwindler. „Die Liebe… wegen der sitze ich hier.“ Ausgebreitet ließ er sich auf dem oberen Bereich des mit verstaubten Laken überzogenen Bettes nieder. „Die Liebe…“, seufzte er.

„Ist sie deine Liebe? Das Mädchen, von dem du in deinen Träumen redest?“, meinte der Kerl wissbegierig.

„Ich liebe niemanden.“, bemerkte Link entgegen seines Willens. Denn er konnte mit dem Wort an sich überhaupt nichts anfangen, wusste nicht warum sich Hylianer überhaupt verliebten. Bei den Kokiris, und er war unter dem kleinen Waldvolk aufgewachsen, gab es so etwas nicht. Liebe? Wozu sollte das denn gut sein, dachte Link.

Schockiert über diesen bedeutungsvollen Satz: ,Ich liebe niemanden.’ sahen undefinierbare Augen von dem Doppelbett hinab. „Aber jeder liebt irgendjemanden.“, sagte der lebenserfahrene Mann. „Und jeder wird von mindestens einer Person geliebt. Das ist ein Gesetz der Welt. Es sei denn man ist ein Ungetüm…“

„Ja. Es sei denn, es gibt niemanden, den man kennt und der einen kennt.“, sagte Link trotzig. Wieder hatte er entgegen seines Willens sein Mundwerk betätigt. Ärger und Abscheu stiegen in ihm auf.

Schwindler schüttelte sein Haupt und starrte nachdenklich an die kalte, graue Decke. Ein komischer Kunde, dieser Link, dachte er. Interessiert wanderten seine Augen hinab, sahen den Trübsinn, sogar leichte Feindseligkeit in tiefblauen Augen, Hass, den Link gegen sich selbst richtete.

 

„Das tut dir nicht gut, Junge…“, meinte er leise.

„Was?“, sagte der blonde Hylianer stur.

„Dich so gehen zulassen. Es gibt soviel Schönes in Hyrule.“ Mit diesen Worten legte sich eine merkwürdige Stille in die Zelle. Nur das Knistern der Fackeln außerhalb drang herein. Wut gemischt mit stiller Traurigkeit stand in Links Blick. Soviel schönes in einem alten, märchenhaften Land wie Hyrule… ja, wenn man noch in der Lage war die Schönheit der Welt zusehen, dann entsprach dieser Satz der Wahrheit. Aber Link hatte zuviel Schreckliches gesehen, den Tod gesehen, dass es ewig dauern würde, bis er Licht mit all’ seinen Formen wiedersah, erkannte und fühlte… Er konnte die vielen Farben des Windes nicht sehen, die Muster der weißen Wolken am Himmel, die reichlich Rätsel offenbarten. Link konnte die Einzigartigkeit des Lebens nicht mehr sehen und seine Fähigkeit die Geheimnisse in den Seelen der Welt zu lesen, verschwand mit dem verlorenen Tage seiner grausamen Veränderung in einem Land des Chaos.

 

„Und es gibt immer jemanden, der uns liebt, gerade in einer Stunde wie dieser…“, meinte der Kerl aufrichtig und ein angenehmes Lächeln huschte ihm über das verdreckte Gesicht, wo fettiges Haar hereinhing.

„Man weiß es nur nicht, fühlt es vielleicht nicht. Aber daran glaube ich. Solltest du auch tun. Mit dieser Hoffnung, Kleiner, macht das Leben viel mehr Spaß.“, sagte der Kerl nachdrücklich. Meine Güte, dachte Link. Bei diesem zuversichtlichen Mann war das Triforcefragment des Mutes sicherlich besser aufgehoben. Ganz kurz dachte Link daran, dem Typen das Fragment vielleicht zuübergeben. Da es für den Helden der Zeit eben keinen Wert hatte und mehr Fluch war als Segen, kam der Gedanke auf. Auserwählt… was, wenn er dazu bestimmt war, anderen die Macht des Mutes zuüberlassen. Was, wenn er dazu bestimmt war, vergessen zu werden?

Link sprang auf seine Beine und lief zu dem Doppelbett hinüber, sah den Kerl durchdringend in seine undefinierbaren Augen, vielleicht das erste Mal, dass er einen so langen, intensiven Blick standhielt und wollte gerade seinen Mund aufmachen, um Schwindler sein Angebot zu unterbreiten, als aber das Schicksal sich einmischte… 

 

Dumpfes Stapfen kam aus dem Gang und mehrere Stiefel bewegten sich durch nasskalte Gänge. Mehrere Ritter in strahlenden, glänzenden Rüstungen eilten herbei. Einige unbeeindruckte Gesichter, aus denen Verachtung und Demütigung vor jeglichen anderen Gefühlen Platz machte, blickten in die Zelle, wo Link und Schwindler saßen. Ein Ritter mit aschblonden Haaren öffnete das kleine Schlösschen an der Zellentür. Mehrere Orden hingen an seiner mit Fett eingeschmierten, glänzenden Rüstung. Herablassend blickte er zu dem Blondschopf und dann irgendwie belustigt zu Schwindler, der seinen Blick einfing. Wahnwitz stand in schwarzen Augen, blanker Wahnwitz, nicht mehr.

 

„Ach Sir Viktor. Geht Ihr wieder junge Dinger vergewaltigen?“, sprudelte es aus Schwindlers Mund. Grob wurde er wegen diesem Kommentar von dem Bett gezerrt und landete makaber auf dem eisigen Boden. Dennoch lachte der Kerl und blickte furchtlos in das überlegene mit einer breiten Narbe über dem rechten Augen versehene Gesicht Viktors. Der mit reichen Orden bestückte Ritter schlug mit den Fäusten auf Schwindler ein, trat nach ihm, bis Link wütend von seinem Bett sprang und sich einmischen wollte. Doch er hatte seinen schwachen Zustand nicht bedacht, vergessen, dass er seit Tagen nur Brot und Wasser zu sich genommen hatte. Mit blanker Gewalt schupste man ihn zurück auf die Pritsche. „Misch’ dich nicht ein, Trottel.“ Weitere Beschimpfungen und Gelächter hallten umher, während Schwindler in der Zelle zusammengeschlagen wurde.

Ein letzter Schlag krachte gegen Schwindlers Brust worauf er Blut spuckte, aber seinem Peiniger beinahe amüsiert in die Augen sah. Viktor näherte sich dem Gefangenen, sodass verqualmter Atem aus dessen Lungen in Schwindlers Gesicht schlug.

„Irgendwann krieg’ ich dich, verlogener Satansbraten und dann hilft dir kein dummer Spruch mehr aus der Patsche.“

 

Dann wanderte Sir Viktors kalter Blick zu dem schwächlichen Link, der mit verschwommenen Blick auf der Pritsche hockte.

„So, und du, Würstchen? Was hast du zu deiner Verteidigung zu sagen?“

„Ich brauche mich für nichts verteidigen, denn ich habe nichts getan. Also, bei Farore, wieso sitze ich in dieser miesen Zelle?“ Daraufhin begann die Meute aus Rittern zu lachen und zu kichern, sie kugelten sich schon auf dem Boden. Brüllend und sich erneut seinen Wanst haltend protzte Viktor: „Dir wird der Vorwurf der Entführung gemacht. Die Lon-Lon-Familie beschuldigt dich, das Farmmädchen Malon entführt zu haben.“ Entsetzt starrte Link den Kerl an, fand zuerst keine Worte dafür und schluckte den Knoten in seinem Hals hinunter.

„Aber ich habe niemanden entführt.“ Sich rechtfertigend sprang Link von der Pritsche und breitete seine Arme aus. „Ich war vor wenigen Stunden dort, das gebe ich zu, ich war auf der Farm.“ Sich beinahe verschluckend sprach Link so schnell, dass man ihn nicht ganz verstehen konnte. „Da waren komische Leute, in schwarzen Kleidern, sie haben die Farm angezündet und und…“, meinte der junge Held wortsuchend.

 

Darauf lachten die Kerle nur noch lauter.

„Die Farm angezündet?“, sagte Viktor. „Dann solltest du mal nach Osten schauen. Die Farm steht in voller Blüte vor uns. Also hör’ auf solche Lügenmärchen zu erzählen und sag’ uns lieber, wohin du das arme Mädchen verschleppt hast.“

„Aber ich habe niemanden entführt!“, fauchte Link fuchsteufelswild und weigerte sich, länger in dieser Zelle zubleiben.

„Diese komischen Leute auf der Farm haben etwas ausgegraben und ich habe mich eingemischt. Ich hatte ein Schwert bei mir, wo ist das?“

„Jungchen, du bildest dir wohl ein, der ganz große Held zu sein, was?“, eiferte Viktor spöttisch. „Die Familie der Farm hat dich dabei gesehen, wie du Malon verschleppt hast und basta. Erzähl’ deine paranoiden Geschichten dem König von Hyrule. Der glaubt dir aber auch nicht, kleiner Bengel. In zwei Tagen wirst du dem Haftrichter vorgeführt und basta.“

„Aber ich habe niemanden entführt!“, brüllte Link diesmal so laut und ohrenbetäubend, dass Viktor sauer wurde und energisch auf Link zuschritt.

„Verkriech’ dich lieber bei den Würmern, du nutzloser kleiner Held.“ Etwas Gefährliches blitzte in Viktors Augen auf, etwas, dass Link erschreckend absurd schien. Es war nicht nur die Drohung aus seinen Worten, nein, sondern das Wort Held, welches er scheußlich verhöhnt aussprach.

 

Lachend trat Viktor aus der Zelle, die hinter ihm sofort wieder quietschend zugesperrt wurde. Rot vor Zorn trampelte Link an die Eisenstäbe und schlug mit blanker Faust dagegen. „Bleibt gefälligst hier. Ich will hier raus!“, brüllte er und fühlte im selben Augenblick eine Hand auf seiner Schulter. Schwindler sah ihn kopfschüttelnd an. Blut tropfte von dessen Oberlippe und ein Riss über seiner rechten Augenbraue ließ dickflüssige rote Substanz an seiner Schläfe entlang wandern.

„Es hat… keinen… Zweck.“, brachte Schwindler stockend hervor und krümmte sich ein wenig vor Schmerzen. Link half dem zusammengeschlagenen Kerl wieder auf den hölzernen Stuhl und schwieg, ständig damit ringend diesen Viktor den Fluch der Farore auf den Hals zu hetzen, den aber nicht einmal ein doppelt so schlechter Hylianer wie Viktor verdient hätte. Der Fluch der Farore war eine Qual, eine Folter für niedere Seelen und das Opfer saugte sich auf, bis es sich voll und ganz in Luft auflöste. Link hatte nur einmal die Kontrolle verloren und jenen Fluch gegen einen widerlichen hochrangigen Moblin ausgesprochen, seitdem hütete er sich davor, überhaupt daran zudenken. Denn die Grausamkeit jener magischen Waffe sprengte einfach nur die Vorstellungskraft.

 

„Jetzt weißt du ja, warum du hier sitzt.“, schmunzelte Schwindler unter seinen Schmerzen. Ein dämliches Grinsen huschte Link über das Gesicht. Selbst jetzt konnte Schwindler noch lachen, wie zum Teufel machte der das?

„Was ist das für ein Scheißkerl, dieser Viktor?“, meinte Link.

„Ein hochrangiger Ritter, der sogar beim Rat des Königs ein Wort hat. Er ist der unrechtmäßige Herr von Doomrent und sollte sogar die Chance haben, die rechte Hand des Königs zu werden.“ Wie bitte, dachte Link. Wie konnte sich ein solcher dreckiger Bastard bis in jene hohen Schichten vorarbeiten und sogar bei dem König Hyrules gut dastehen?

„Aber die liebliche Prinzessin Zelda soll ihren Vater dazu abgeraten haben. Die Göttinnen mögen sie segnen.“, seufzte Schwindler. Seltsame Wärme trat für wenige Sekunden in Links Augen. Zelda… das war typisch für sie. Sicherlich hatte sie diesen Viktor sofort durchschaut, als sie ihm das erste Mal begegnete.

„Ja, die Göttinnen mögen Zelda segnen…“, wiederholte Link. 

„Aber warum hat dieser Kerl denn so einen Groll gegen dich, Schwindler?“, fragte der junge Held wissbegierig und setzte sich mit einem Sprung wieder auf die verschrumpelte Liege, versuchte seine Wut im Zaum zuhalten, hier zu sein.

„Weil ich genau weiß, dass er sich das, was er besitzt nur mit Verrat und Lügen verdient hat. Ich kannte ihn gut, bevor er sein wahres Ich entwickelte… Ja, er war sogar einmal ein Freund meiner Familie.“ Familie. Schwindler hatte eine Familie. Ein weiterer Punkt, der ihn von Link unterschied. Und doch sprach Schwindler das Wort Familie sehr langsam aus, als müsste es auf der Zunge zergehen, um wirklich zu sein.

 

„Und wie konnte er soweit in höhere Schichten kommen?“, meinte Link zweideutig.

„Ach, denkst du, nur weil ich so dreckig aussehe, dass ich aus der Gosse komme?“, sagte Schwindler spielerisch, aber nicht beleidigt.

„Sorry, so habe ich das nicht gemeint.“, erwiderte Link entrüstet.

„Auch ich hatte einst ein schönes Heim.“, sagte Schwindler und schien kein Geheimnis aus seiner Vergangenheit zu machen, ganz im Gegensatz zu Link, der einfach nicht über sich reden wollte. „Aber das ist Vergangenheit.“, setzte er leiser hinzu und erweckte etwas Trauriges in Link, das er selbst schon ewig kannte. Das Gefühl, alleine zu sein…

„Was ist mit dir?“, meinte Schwindler. „Familie?“ Link schüttelte betrübt den Kopf und wirkte wieder verletzlich und angreifbar.

„Und so ein komischer Kauz wie du, soll ein Mädchen entführt haben? So harmlos wie du aussiehst, kann das einfach nicht stimmen.“

„Harmlos?“ Link erinnerte sich an seinen Kampf gegen den Großmeister des Bösen, zu dem Zeitpunkt sah er mit dem blutüberströmten Gesicht, dem scharfen, zum Töten bereiten Masterschwert und der Kälte in seinen tiefblauen Augen alles andere als harmlos aus…

 

„Wie lange sitzt du hier eigentlich schon?“, meinte Link und baumelte mit seinen Beinen auf der Pritsche.

„Viel zu lange. Und vor zwei Tagen hat mir jemand dann diese Nadel zugesteckt.“

„Und wer?“, sagte Links neugieriger Verstand.

„Das verrat’ ich nicht.“ Ein schmackhaftes, übertriebenes Schmunzeln gelangte über Schwindlers Lippen, der sich sofort mit einem fluchenden: ,Aua’ wieder an die blutende Stirn fasste. „Ich sage nur, dass es immer jemanden gibt, der einen liebt, egal wie dunkel die Stunde ist. Kennst du das denn nicht, Kleiner?“ Betrübt schüttelte der junge Held seinen Kopf und setzte die Mutlosigkeit auf, die er sich die letzten Monate als einen starren Schutzpanzer angeeignet hatte.

„Ich bin Waise.“, sagte Link gedämpft, beschämt darüber, dieses Wort überhaupt in den Mund nehmen zu müssen. „Ich kenne das nicht.“, ergänzte Link trocken.

Schwindler richtete sich auf und sah ihn irgendwie aufmunternd an. „ Bescheuert von mir, ein solches Thema anzusprechen, was? Vergiss’ es einfach wieder.“, sagte Schwindler entgegenkommend. Trotz allem fand er den kleinen Helden Link irgendwie bewundernswert. Er besaß in den Augen Schwindlers etwas Besonderes, etwas Großartiges, das nicht jeder sehen konnte.

 

„Was anderes.“, begann der Dreißigjährige, funkelte Link mit undefinierbaren Augen an, während er sich das Blut von der Lippe wischte.

„Die Sache auf der alten Farm. Was waren das für Kreaturen?“ Link ging das jetzt zu schnell. Wieso interessierte Schwindler das? Und warum alles in der Schattenwelt glaubte er ihm das? Sofort fragte Link diesbezüglich nach. „Du glaubst, was ich gesagt habe? Du hältst mich nicht für verrückt?“

Schwindler schüttelte ehrlich mit dem Kopf, und das fettige Haar baumelte darin. „Warum solltest du dir so eine komische Geschichte ausdenken? Hatten diese schwarzen Gestalten ein komisches Zeichen auf der Stirn?“, meinte jene tiefe, vibrierende Stimme. Woher zum Teufel wusste Schwindler das?

„Hey, ich frage das nicht zum Spaß, Link. Und ja, ich habe so meine Informationsquellen. Sag’ schon.“

Link nickte nur und setzte leise fort. „Ich sah Rauch und Feuer über der Farm aufsteigen, denn ich war auf dem Weg dorthin, um einen Freund abzuholen…“ Epona kam über seine Lippen. So sehr hatte er sich auf ein Wiedersehen mit ihr gefreut. Aber Epona war spurlos verschwunden. Der nächste kleine Lichtpunkt, der in seinem tristen Dasein erloschen schien. Das nächste unerwartete Ereignis, das seine Seele spalten konnte. Es war so ungerecht. Seine Eltern, sein Leben, seine Freunde und nun Epona. Welchen Preis verlangte das Schicksal noch, ehe es aufhörte ihn zu quälen?

 

Bekümmert murmelte Link. „Und dann habe ich sie gesehen, diese Hylianer in ihren schwarzen Gewändern.“ Link sah auf, als ihm das Entscheidende wieder einfiel.

„Diese Idioten haben Moblins Grabarbeiten verrichten lassen.“ Und die Bilder liefen wie in einem schlechtzusammengeschnittener Film vor seinem Inneren Auge ab. „Ich habe Malon, das Farmmädchen und die anderen befreit, während diese Mistkerle eine Truhe aus der Erde herausgeholt haben. Sie bemerkten mich und schließlich habe ich mich ihnen gestellt, damit Malon und die anderen fliehen konnten.“ Überrascht blickte Schwindler auf. „Das war aber überaus mutig von dir, wenn nicht sogar heldenhaft.“

„Übermütig trifft es wohl eher.“, sagte Link schusslig. „Denn schließlich überwältigten sie mich und dann weiß ich nichts mehr.“ Zorn blitzte in den Augen der merkwürdigen Mannes mit dem störrischen Blick auf und er lief hinüber zu dem Guckloch, sah wie sich die Morgensonne über der Steppe erhob. Und etwas altes Geheimnisvolles wurde gerade mit dem Morgenanbruch in Schwindlers Gestalt erweckt.

„Man nennt sie die Geschundenen der Macht.“

„Geschundene der Macht?“, wiederholte Link verwirrt. Ein merkwürdiger Name für ein solches Bündnis, das auf einer alten Farm seine Existenz zelebrierte. Geschundene der Macht… was hatte das wohl zu bedeuten?

„Doch niemand will wahrhaben, dass ein solches gefährliches Zusammenkommen in Hyrule existiert. Seit dem Krieg vor fünfzehn Jahren, verschließen die Hylianer wohl einfach die Augen vor derartigen Gefahren.“

„Das stimmt nicht.“, bemerkte Link widerwillig. Seine kindliche, unvernünftige Seite kann zum Vorschein, als er redete. „Es gibt genug, die sehen, so wie Prinzessin Zelda.“ Ein Grinsen huschte über Schwindlers Gesicht. „Prinzessin Zelda. Ich hoffe nur, dass sie noch rechtzeitig sieht.“ Link schwieg dazu, drehte sich um, aus Angst Schwindler könnte mit seinem Scharfsinn und dem klugen Kopf auf seinen Schultern mehr sehen, als er durfte. Und der verschwiegene, mit Geheimnissen umhüllte Kerl besaß sehr viel Wissen angesichts seines doch schmächtigen Lebensalter. Er hatte genug gesehen, erfahren und ertragen müssen…

 

„Vielleicht solltest du schlafen, Kleiner. Ich wecke dich, sobald es was Neues gibt.“ Dieser nickte bloß dankend, ließ sich auf die Pritsche fallen, drehte sich gen Wand und starrte doch nur mit offenen, leeren Augen umher, während der Gedanke an Zelda einmal mehr einen Versuch für ihn darstellte, das Licht in seiner Seele wieder zufinden…

,Es gibt immer jemanden, der uns liebt.’ Ein schöner Satz, dachte der junge Held der Zeit und doch kamen gerade in dem Augenblick die Zweifel wieder zurück, die lange Einsamkeit und die depressiven Tage des Kummers mit den leisen Anfällen, die ihn gelegentlich heimsuchten. Was, wenn die Ereignisse auf der Farm auch nur einer dieser Anfälle gewesen waren? Nur Bilder in seinem Bewusstsein? Wie sollte er verstehen und damit leben, vielleicht die junge Farmtochter Malon entführt zu haben? Mit stiller Verzweiflung starrte der Fünfzehnjährige an die Wand, versuchte das Unmögliche zu begreifen, auch wenn es sich dem Verständnis vieler, vieler Augen entziehen konnte… 

 

Link befand sich tief in seinen Träumen, verstand nicht, wo er war oder wer ihm direkt gegenüber saß. Er sah nur glänzende Vorhänge, ein stolzes Ritterwappen an der Wand vor ihm und eine runde Tafel mit dem Triforcezeichen in das Holz des Tisches eingearbeitet in einem Saal. Verschwommen und grau wirkten die Bilder, als ob er in der Vergangenheit feststeckte, als ob er auf einem vergilbten Portrait existenziell war. Nachdenklich und erfüllt mit unendlicher Traurigkeit saß Link auf einem Stuhl mit hohen verzierten Armlehnen, wie sie es in Schlössern oder Villen üblich waren. Eine alte Frau mit hochgestecktem grauem Haar, entschlossenen, tapferen Blick aus zwei Paar tiefblauen Augen, die jenen Links gewaltig ähnelten, saß vor ihm und hatte ihre rauen, runzligen Hände fest in seine jugendlichen gelegt. Sie lächelte ihn an, nickte. Link spürte das Spannen seines Herzens, als reagierte ein vergessener Teil seiner Selbst auf diese warmherzige Gestalt. Sie sprach leise zu ihm, als er in ihren Augen zu vergessen begann, vergas vielleicht, wer er war und was sein Schicksal sein sollte. „Du musst dich selbst beschützen, Link. Die Vergangenheit ist in Gefahr. Finde einen Weg…“, sagte ihre warme Stimme und ihr Handdrücken in seinen Händen  wurde fester. „In Gefahr befindet sich jede Zeit. Risse bilden sich zwischen den Zeiten. Beschütze die Vergangenheit und die Zukunft, die nicht sein sollte. Link, finde zurück!“ Und ihre Stimme wurde stimmgewaltiger, als ob er diese Worte nicht verstanden hätte. „Geh’ zurück!“, rief sie und hielt dem Blick ihrer tiefblauen, entschlossenen Augen stand. „Kehre zurück. Beschütze dich vor dir selbst!“ Ihr Abbild wurde echter, lebendiger, als sie ein weiteres Mal nachdrücklich sagte: „Finde zurück!“ Dann verschwamm ihr Bild. Ein Bild, das er nicht kennen sollte und doch irgendwann kennen lernen durfte, wenn das Schicksal es ihm gewährte…

 

Als Link zur Besinnung kam, lief Schwindler in der Zelle auf und ab. Ein Teil des Kragens  seines verschmutzten Hemdes hatte er abgerissen und sich als Pflaster über die aufgeplatzte Stirn geschlungen. Nervös trampelte er umher, hatte seine müden Augen geschlossen, bis er sich auf seinen mit Blut und Dreck beschmierten Armen abstützte.

Er schien noch nicht bemerkt zu haben, dass Link aus seinem Schlaf erwacht war und murmelte irgendetwas vor sich hin. Schweiß tropfte von seiner verdreckten Stirn auf den kleinen Holztisch in der Zelle. Dann schlug er widerwillig mit seiner aufgeschürften rechten Hand auf die mit Spreißeln bestückte Holzplatte und verfluchte den Namen Viktor aufs Übelste.

 

Mit einem Räuspern machte sich Link bemerkbar und schaute in den langen Gang außerhalb und schließlich zu dem schmalen Guckloch, welches einen Blick nach draußen gewährte. Anhand der tiefstehenden Sonne schätzte Link die Uhrzeit auf nach drei Uhr.

„Gegen vier kommt normalerweise die Mahlzeit des Tages.“, sagte Schwindler ironisch. Das Wort Mahlzeit hätte er sich schenken können. Meistens war es vergammeltes Brot mit einer Schüssel Wasser, das man vom Boden in den schlammigen Zellen aufgesammelt hatte… Trübsinnig und schwer atmend stand Link auf und spürte mehr Schwäche in seinen wackelnden Gliedern, als er ertragen konnte. Sein Gesichtsfeld verschwamm. Kraftlos sank der junge Held wieder auf die Pritsche.

 

„Gewöhn’ dich lieber an den Fraß hier, besser als zu verhungern.“, meinte Schwindler schnippisch und humpelte erbost und aus irgendeinem Grund verärgert zu den verrosteten, kalten Eisenstäben. Ein Murren und Zanken ging durch die Reihen. Dann konnte Link langsames Fußstapfen durch Pfützen hören und das Quietschen von Zellentüren.

„Das Essen kommt.“, murrte Schwindler belustigt und lehnte sein Gewicht an die Kerkertüren, um mit seinen geheimnisvollen Augen durch die dunklen, feuchten Kerkergänge zu starren. Link lief mit tränendem Blickfeld und übelkeitserregenden Kopfstechen näher und blinzelte durch die Eisenstäbe. Ein humpelnder Kerl mit einer Krücke erschien und schob einen mit Holzrädern versehenen, klappernden Wagen näher. Er hatte ein Grinsen auf dem alten, in die Jahre gekommenen Gesicht und blieb vor dem kleinen Gefängnis stehen. In dem Augenblick wand der Alte seinen Kopf einige Male von rechts nach links, so als ob er kontrollieren musste, von niemanden bei seinen Handlungen beobachtet zuwerden. Umständlich beugte sich der Alte hinab und zauberte ein eisernes Tablett unter dem Wagen vor. „Danke, Aschwheel.“, flüsterte Schwindler, als der Alte ihm Hähnchenbrust auf dem Tablett mit einigen Scheiben Frischbrot reichte.

„Bei Dins Segen, Nicholas. Warum fliehst du nicht endlich?“, nuschelte der Alte mit seiner belegten Kehle. „Ich kann nicht. Noch nicht.“, entgegnete Schwindler. Lord Aschwheel schüttelte bloß den Kopf angesichts dieses Satzes. „Viktor bringt dich noch um, wenn du nicht bald abhaust!“, sagte der Alte stur und dämpfte wieder seine Worte, als andere Gefangene ihre Ohren spitzten. Dann sah Aschwheel hinüber zu Link, der dem Gerede ebenfalls lauschte. Sofort unterband der Alte sein Gerede.

„Keine Sorge.“, meinte Schwindler. „Der Junge dort hat das Herz am rechten Fleck.“ Undefinierbare Augen leuchteten dann wieder durch die Gefängnistüren. „Wie geht es Lavender?“ Der Alte senkte den Kopf und schwieg dazu. Er reichte Schwindler noch eine tiefe Schale, gefüllt mit Met und schob dann den Wagen wieder voran. „Verschwinde, Nicholas.“, sagte er, bevor er endgültig zur nächsten Zelle humpelte.

 

Nicholas… Aha, dachte Link. Dies war also der wahre Vorname des Kerls mit den undefinierbaren Augen und dem großen Geheimnis. Zufrieden brach Nicholas die saftige Hähnchenbrust in der Hälfte entzwei und reichte Link die eine duftende Hälfte. „Hier, du kannst das bestimmt eher gebrauchen als ich.“

Mit dem Anflug eines Lächelns nahm Link das Angebot an und stopfte sich gierig eine Portion Fleisch in den jugendlichen Magen. „Vielen Dank.“, meinte Link schmatzend. Noch nie hatte jemand so edelmütig etwas mit ihm geteilt. Ein schönes Gefühl, wenn man auf diese Weise beachtet wurde. Den Blick wieder senkend aß Link langsam und genießend weiter. Seit Tagen das erste Stück Fleisch, welches er in den Magen bekam.

„Es schadet dir bestimmt nicht, wenn du ein wenig öfter ein Grinsen zustande bekämst.“, bemerkte Schwindler mit belehrenden Blick und hielt Link eine Scheibe Weißbrot unter die Nase. Link schwieg wieder, wusste ohnehin nicht, was er dazu sagen sollte. Er schwieg. Der Held der Zeit schwieg, weil er nicht wusste, wie er seine Geheimnisse und die Wahrheit hinter seinem Gesicht erzählen sollte. Schweigen war einfacher und tröstlicher, wenn die Wahrheit so unverständlich und unglaublich klang.

 

„Möchtest du auch einen Schluck Met. Aber ich warne dich, Kleiner, der ist ziemlich stark.“ Und Schwindler trank schlürfend von der Schale. Das starke Gebräu lief fließend an dem zerzausten Bart des Dreißigjährigen hinab. Link zuckte wie so häufig mit den Schultern und nahm die Schale an. Vorsichtig roch er daran und setzte die Holzschale an die Lippen. Er fühlte das hochprozentige Gebräu auf seiner trockenen Zunge und begann fürchterlich zuhusten, als der Met seinen Gaumen berührte. Hastig stand Link auf, atmete scharf ein und hustete immer weiter. „Verdammt!“, fauchte er. „Welch’ Teufelszeug.“ Ringend hielt er beide Hände an seine Kehle, brach ein Stück Brot ab, nur um einen anderen Geschmack im Mund zu haben.

Derweil lachte Schwindler nur begeistert. „Ich habe dich ja gewarnt.“, sagte er belustigt. Haha… wirklich lustig, dachte Link gelangweilt. War das Leben für diesen Kerl nicht mehr als ein spaßhaftes Spiel?  Verärgert setzte sich Link wieder auf die Pritsche, aß sein Hähnchenfleisch und spuckte die Knochen aus.

 

Schwindler lugte wieder nach draußen. Ernst wurde sein Blick nun. Er wartete auf die Nacht, wartete auf die Freiheit, auch wenn er aus irgendeinem Grund an diesen Ort gebunden war…

 

Es dauerte nicht lange und die gewünschte Nacht brach herein. Schwindler zog sich derweil einen grauen, verschmutzten Umhang über, der bisher lässig über der Stuhllehne hing. Er schnallte seinen Gürtel enger und prüfte mit wachem Blick die erleuchteten Gänge. Auch Link machte sich bereit. „Hast du schon mal ein Schloss gebrochen, Junge?“, fragte Schwindler wissbegierig. Link nickte bloß, erinnerte sich an die Hunderte von Schlössern, die er geöffnet hatte und besann sich auf jenen Aufenthalt in Gefangenschaft der Gerudofrauen. Den unsäglichen, makaberen Zuständen dort war Link durch viel Geschick und ein vorlautes Mundwerk entgangen. Heikle Zustände, dachte er, denn wann immer Gerudofrauen einen knackigen Mann in ihrer Gewalt hatten, waren dessen Aussichten nicht gerade rosig. Diesen widerlichen Gedanken abtuend, denn Link verstand sowieso den Sinn der Dinge nicht, die Gerudoweiber von ihren Gefangenen wollten, blickte er mit seinen kühlen, scharfsinnigen Augen nach draußen, grübelte kurz nach Möglichkeiten die vielen Fackeln zum Verglimmen zu bringen, denn ihr helles, feuriges Licht war verräterisch für jene, die flüchten wollten.

 

Schwindler reichte Link die lange Nadel und murmelte: „Dann versuch’ dein Glück.“ Sofort machte sich Link an dem Fluchtweg zu schaffen. Während Schwindler wachsam den verdreckten, muffigen Flur beäugte.

„Da kommt wer. Weg!“, nuschelte Schwindler schnell und hievte den Fünfzehnjährigen auf seine Beine. Hastig legten sich die Gefangenen wieder in ihre Pritschen, schauspielerten und begannen gespielt zu schnarchen.

 

Es war nur ein Wächter, der seine Runde drehte und dann pfeifend, wohl auf Vorfreude, sich an irgendeiner Hure zu vergehen, davon hüpfte.

 

„Aber jetzt.“, eiferte Link und sprang ruhig Blut bewahrend zu der Kerkertür. Es dauerte nicht lange und der Blondschopf hatte das Schloss geknackt.

„Du bist nicht mal schlecht, Kleiner.“, meinte Schwindler und schob die Kerkertür auffallend sachte, sodass nicht ein Quietschen durch die Gänge hallte, zur Seite.

„Hatte ja genug Training.“, murrte Link und schlich leise, ohne das geringste Stiefelgeklapper zu hinterlassen hinaus in den Gang, löschte planvoll, als kluge Vorkehrung das Feuer der ersten Fackel. Schwindler war ohne es sich anmerken zulassen beeindruckt von dem Jungen. Vorkehrend legten sie die zerfetzten Decken und das bisschen Unrat der Zelle auf die Pritschen, deckten alles ordentlich zu, sodass der Eindruck entstand, die Gefangenen jener Zelle würden schlafen. Grinsend schlich Nicholas als erster geräuschlos vorwärts, wusste genau, wie man sich unauffällig vorwärts bewegte und fühlte den jungen Link hinter sich herschleichen.

 

Niemand bemerkte die zwei Paar Stiefel, die sich ruhig und sachte durch die Gänge stahlen, denn es war spät und die Nacht legte ihre Arme über die Welt. Kein Gefangener legte Wert auf das Leuchten der Fackeln, das in der Dunkelheit Doomrents verging. Es war Glück, dachte Link, Glück musste es sein, dass sie bisher noch niemand bemerkt hatte. Leise und mit kochendem Blut erreichten die Entflohenen eine in die Höhe führende, steinerne Wendeltreppe, hörten gehetztes Atmen aus ihren beiden Mündern. Schwindler schlich vorneweg, lockte Link mit einer vertrauenspendenden Handbewegung hinter sich her. Still war es hier, nur ein Rauschen des Windes sang ein einsames Lied in der Feste Doomrents. Nach wenigen Minuten gelangten die Fliehenden einen weiteren Gang, wo Fackeln an den kalten Mauern den Weg leuchteten. Alte, verstaubte Vorhänge hingen wie Wachposten an den Fenstern und neben den Türen in andere Bereiche der Burg.

Plötzlich Schritte. Dumpfes Geklapper, welches sich gefährlich näherte. Schnell hastete Link zur Seite, versuchte sein Abbild hinter einem Vorhang zu verstecken, aber Schwindler packte ihn leichtfertig am Kragen, zwang ihn dazu einfach stehen zu bleiben. Empört wendeten sich Links kalte tiefblaue Augen in die Richtung von Schwindlers Gesicht, der standhaft und sicher in dem Gang stehen blieb.

 

Als ob die Götter ihnen einen Fluchtweg ebneten, entfernten sich die Schritte wieder und zurück blieb nur Stille. Nicholas musste sich in dieser Burg sehr gut auskennen. Stimmt ja, dachte Link. Immerhin saß er schon viel länger hier fest. Vielleicht hatte man ihn für das Verrichten niederer Arbeiten in andere Räumlichkeiten geführt. Sicheren Schrittes eilte Schwindler nun voraus, bog an der nächsten Kreuzung rechts ab und betrat eine winzige, unauffällig Seitentür. „Hierher.“, flüsterte er Link zu. Geschwind folgte er dem Häftling und staunte nicht schlecht, als sie beide nun in einer stolzen Waffenkammer standen. Mehrere Äxte und Morgensterne hingen an den Wänden. Stolze Hylianerschilde mit dem königlichen Falken standen hier und da. Und nicht weit von den Schilden lag Links Schwert und seine anderen Sachen auf einem Tisch. „Mein Schwert.“, freute er sich und schnallte sich seine Waffe zufrieden auf den Rücken.

„Du bist Linkshänder?“, meinte Schwindler verblüfft, denn er hatte einen genauen Blick für Details und bemerkte die Art und Weise, wie Link das Schwert auf den Rücken schnallte.

„Bewundernswert.“, setzte er fort. „Es ist gefährlicher für das Herz das Schild in der rechten Hand zu haben. Aber…“ Und Nicholas schmunzelte, während er sich selbst einen Dolch an seiner linken Wade umschnallte. „… ich kannte früher einst einen talentierten Schwertkämpfer, der ebenso Linkshänder war und im Grunde genommen als unschlagbar galt. Mein Lehrmeister.“, sagte Schwindler stolz. „Arn Fearlesst war sein Name. Aber was aus ihm wurde, weiß ich nicht. Wahrscheinlich hat er zusammen mit seiner edlen Gemahlin das Land verlassen, als der Krieg vor fünfzehn Jahren begann. Von seinem Unterricht profitiere ich heute noch.“ Schmunzelnd steifte Schwindler einen langen Umhang über und versteckte ein Schwert an seinem zerschlissenen Ledergürtel.

„Zeit zu gehen.“, sagte er selbstsicher und öffnete sachte die kleine Tür erneut.

 

Gemächlich und vorsichtig wandelten die Beiden wie Gespenster durch die eigentümliche Burg und sahen mehr und mehr Lichter aus dem Nordbereich des Gebäudes.

„Dort drüben ist der große Saal.“, murmelte Nicholas leise. „Seitdem Viktor hier der Herr ist, finden dort immer unkeusche, dirnenhafte Feierlichkeiten statt. Du weißt schon, Kleiner…“, meinte Schwindler, als er den irritierten Blick auf Links unwissenden Gesicht bemerkte. „Die Wachen, Soldaten und der andere Abschaum, der sich königlicher Ritter nennt, laden sich dann immer die Huren ins Schloss ein, um sich zu amüsieren. Unser Glück.“ Link schüttelte abtuend die Schultern, denn das war eine seiner großen Fehlerchen, welche ein Waldleben bei den Kokiris mit sich brachte. Man hatte keine Ahnung von Liebe und Leidenschaft und Link war hinsichtlich dieser Dinge so unwissend wie kein Zweiter. Ahnungslos und einfältig. Denn Link war wohl alles andere als aufgeklärt darüber, dass bei den Hylianern die Kinder nicht von Bäumen erschaffen wurden… (Armer, armer Link . Aber das ist die logische Konsequenz eines Erwachsenwerdens bei einem kleinen Waldvolk, die von dem weisen Dekubaum erschaffen wurden. Diesen Umstand hat wohl noch niemand bedacht…)

 

Ihr unbemerkter Weg führte sie hinaus ins Freie, in den Burginnenhof, wo das Wiehern der Pferde als unverhohlener Laut in die Nacht schallte. Vom prall mit Leuten gefüllten Saal der Burg dröhnte lautes Geschrei, Gegröle und widerliches, schiefes Gesinge von angetrunkenen Rittern, die mit Dirnen auf das Wohl Hyrules anstießen. Schwindler und Link sputeten unbemerkt hinaus ins Freie, durchquerten erneut einen kleinen Geheimgang, da die Zugbrücke als einzige gut bewacht schien.

 

Eine halbe Stunde war vergangen und die zwei Hylianer standen erleichtert und zutiefst zufrieden auf einem Feldweg hinter dem Gebäude. Schnell setzten sie ihren Weg fort und machten erst eine Pause hinter einigen Felsen, wo sie sich seufzend ins weiche Steppengras fallen ließen.

„Wir haben es tatsächlich geschafft.“, sagte Schwindler lachend und spielte mit einen mit Edelsteinen verzierten Dolch. „Ich muss sagen, ohne dich Glückspilz wäre ich wohl nie so gut herausgekommen. Die Göttinnen scheinen ein Auge auf dich zu haben, Kleiner.“ Mehr als nur eins, dachte Link, denn immerhin befand sich das Fragment des Mutes in seinem Besitz. Das Schicksal und vielleicht die Göttinnen als dessen Stellvertreter hatten sicherlich noch eine Menge mit dem einstigen Helden der Zeit vor… Wieder schwieg Link, versuchte die Fassung zu bewahren und nicht den Eindruck zu erwecken, dass es ihm inzwischen wieder piepegal war, aus dem Gefängnis entflohen zu sein. Denn jetzt lief er als Bandit frei herum. Als Entführer… Wohin sollte Link gehen? Sicherlich würden die Wachen am Morgen den Betrug in der kalten Zelle feststellen und sofort nach Link und Schwindler fahnden…

 

„Was tust du jetzt?“

„Ich muss zur Farm.“ Schwindler stand auf und packte Link grob an den Schultern. „Davon rate ich dir ab. Sei froh, dass du deinen Kopf noch auf den Schultern hast. Wenn du jetzt zur Farm aufbrichst, wird die Familie des entführten Farmmädchens alles andere als erfreut sein, dich zusehen.“

„Und was bei Farore soll’ ich tun? Wie soll ich meine Unschuld denn sonst beweisen? Basil und Talon wissen, dass ich Malon nicht verschleppt habe. Schließlich sind sie mit ihr geflüchtet.“ Schwindler setzte ein trübsinniges Gesicht auf, etwas, was Link bei diesem merkwürdigen Kerl noch nicht gesehen hatte. „Denk’ an die Worte Viktors, Kleiner.“

„Ja? Und was ist mit ihm?“

„Hast du vergessen, was er sagte? Die Familie Lon-Lon beschuldigt dich mit dem Entführungsvorwurf. Niemand anderem hast du die elende Nacht in der Gefängniszelle zu verdanken.“

 

„Toll. Und was interessiert dich das?“ schallte Links Stimme durch die Nacht. Aus Schwindlers geheimnisvollen Augen leuchtete ein nie da gewesenes Feuer des Wissens. Er schüttelte seinen Kopf und bemerkte, als er aufstand. „Setz’ deinen Weg fort, Link. Aber sei’ dir gewahr, dass man dich sucht. Du bist nun ein Geächteter, ein Verfolgter der Monarchie Harkenias.“

„Zum Teufel mit Harkenia. Du hast absolut keine Vorstellung davon, was ich nicht schon alles für dieses beschissene Land getan habe.“ Und die grenzenlose Wut auf sein Schicksal übermannte den einstigen Helden der Zeit. „Ich habe Blut an meinen Händen.“, brüllte Link entgeistert und achtete nicht auf das entsetzte Gesicht Schwindlers. „Blut für Hyrule. Niemand und erst Recht nicht der tolle König Hyrules hat das Recht mich für irgendeine Lüge einzusperren.“ Außer sich vor Rasche riss Link seinen Handschuh herunter, wo sich das mit Flüchen befleckte Triforcefragment verbarg.

„Siehst du das?“, sagte link auffordernd, während Starsinn und blanker Hass aus seinen tiefblauen Augen drang. „Dieses verdammte Fragment hat mein ganzes Leben zerstört. Niemand…“ Und damit stand Link auf und lief einige Meter weiter, bis er in den Himmel starrend stehen blieb. „Niemand hat das Recht mir irgendetwas vorzuschreiben.“ 

 

Und das erste Mal hatte Schwindler keinen Kommentar parat. Er war sprachlos, so wie noch nie in seinem Leben. Dieser Junge besaß ein Abzeichen der drei Göttinnen, etwas, was jedem Wesen unermesslichen Reichtum, Macht und Weisheit versprach. Dieser Junge… er war ein Kind des Schicksals. Deshalb also umgab eine seltsame Form des Glückes diesen Kerl. Und deshalb war Link etwas so Besonderes, das Nicholas sofort gespürt hatte.

 

Mit eingeschlichener Kälte in seinem Blick drehte sich Link zu dem Dreißigjährigen, der nun vielleicht nicht mehr den fünfzehnjährigen Jungen vor sich hatte, nein, selbst jener konnte nun erkennen, wie wissend und lebenserfahren der einsame Hylianer ihm gegenüber war.

„Du weißt nun etwas, dass du nicht wissen solltest.“, sagte Link und drehte sich um. „Leb’ wohl, Nicholas.“

„Warte, Link. Wohin wird dich dein Weg führen?“

Zurück…“, war alles, was er sagte. So schnell ihn seine Füße tragen konnten, rannte Link davon, auf zurück in die kleine Scheinwelt, aus der er stammte. Zurück in die märchenhaften Kokiriwälder, ein Ort, an dem ihn niemand finden würde, wo er seine Ruhe hatte, auch wenn er nicht dorthin gehörte. Mit zusammengekniffenen Augen rannte er zurück, wünschte sich, er könnte sein Leben beim Verlassen des Waldes ganz von vorne beginnen. Er würde der Verantwortung auf seinen Schultern vielleicht entsagen, wäre niemals auf die Bitte Prinzessin Zeldas eingegangen, ihm die Drei Heiligen Steine zubringen. Er hätte vielleicht niemals das verlogene Schicksal akzeptiert, welches in jetzt so quälte und wäre niemals als der Held der Zeit, den doch niemand kannte, erwacht.

 

Der Held der Zeit- ein Ammenmärchen war es nur, denn niemand erinnerte sich. Niemand ahnte um die einstige Gefahr des Bösen aus der Wüste. Nicht ein Ereignis Links Abenteuers in der alternativen Zeit war Wirklichkeit. Nichts…

 

Schwindler beobachtete den einsamen Jungen aus der Ferne. „Bis bald, Kleiner.“ Mitgefühl zeigte sich in jenen undefinierbaren Augen, denn auch Nicholas hatte in seinem Leben alles verloren, was ein Mann verlieren konnte. Doch das waren vergangene Dinge, die er niemanden mitteilen wollte. Auch er hatte ein unbestreitbares Ziel. Ein weniger edles Ziel mit dem Namen Rache…

 
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