3.Kapitel
 
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Aufgeregt krabbelte die junge Thronerbin näher, in etwa des Bereichs seines Kopfes und sie entfernte langsam und vorsichtig die Kapuze des dunklen Stoffs, der sein Gesicht verheimlichte.

         Sie war umsichtig und wich ein wenig erschrocken zurück, als sie sein Gesicht erblickte. Er war sehr ansehnlich. Mit einem jungenhaften, frischen Gesicht, welches von einem wilden Blondschopf vervollständigt wurde. Er hatte ein ausgeprägtes Kinn. Stolz und erhaben. Seine Lippen waren schmal und sehr blass. Die Nase war spitz, mehr als ihre eigene. Und über die hellbraunen Augenbrauen und die geschlossenen Augen fielen mehrere Strähnen dunkelblondes Haar. Mehr zur Überraschung ihrer selbst fuhr sie durch durchgeschwitzte Strähnchen und legte gesteuert von fremden Mächten eine blasse Hand auf seine Stirn. Er hatte ein wenig Fieber...

         Das war also das Gesicht des legendären Heroen, der Hyrule in diesem Zeitalter vor der Vernichtung bewahren würde. Er wirkte so unschuldig und verwundbar. Nicht wie der große, prophezeite Krieger. Er musste selbst erst sechzehn, vielleicht siebzehn Jahre alt sein...

Und schien eine Bürde zu tragen, die Prinzessin Zelda selbst auf ihren Schultern ertragen musste. Die Bürde, etwas Besonderes zu sein. Die Bürde, auserwählt zu sein...

         Sie nahm den Umhang in beide ihrer Hände und zerrte jenen mit einem Ruck von dem bewusstlosen Jungenkörper. Seine Gestalt war athletisch und reif, so wie es die Wolfsgestalt vermuten ließ. Aber sein sattgrünes Heldengewand war an manchen Stellen zerfetzt und aus üblen Wunden floss dickes, edles Blut.

Das bronzefarbene Kettenhemd unter seiner Tunika hatte gegen den abgebrochenen Pfeil, der seiner Wolfgestalt schadete, nicht ankommen können. Und so war jenes Geschoss wenige Zenitmeter in die Haut und das Fleisch seines Rückens eingedrungen.

         Sie begutachtete den Pfeil, während der Heroe bewusstlos und nichtsahnend auf seinem Rücken lag. In einer seiner Gürteltaschen fand sie Mullbinden und ein kleines Gefäß mit starkem Alkohol. Sie hatte unter Anweisung im Königshaus gelernt, Wunden zu behandeln und entfernte vorsichtig den abgebrochenen Pfeil mit der schwarzbemalten Metallspitze. Jene Geschosse, die nur das verseuchte Heer aus der Schattenwelt verwendete. Sie presste das weiße, in Alkohol getränkte Verbandszeug auf die Wunde und kümmerte sich auch um die anderen, weniger schlimmen Blessuren.

         Nicht ein Laut entkam dem Mund des ohnmächtigen Jugendlichen, als sie ihn mit aller magischen Kraft ihres Fragments, die ihr geblieben war, in das zerwühlte Bett schleppte. Er könnte einige Stunden ruhen, hier in ihrer Nähe, und die Wachen würden seine Anwesenheit nicht einmal bemerken. Nebenbei, sie freute sich über menschliche Nähe, vor allem dann, wenn ein Hylianer wie er so viele Dinge mit ihr teilte.

         Sie teilten ein Schicksal, teilten den Besitz eines Fragmentes, und sie teilten beide ehrliche Friedensliebe.

         Er schlief ruhig und still, rührte sich nicht. Die Minuten verstrichen und Prinzessin Zelda hörte auf sie zu zählen, lief von einer Zimmerecke in die andere; und wagte ab und an einen Blick hinüber zu dem schlafenden jungen Mann, dessen Wunden sich durch die Kräfte seines Fragmentes schneller als gewöhnlich schlossen.

Als der junge Held langsam zu sich kam, saß Prinzessin Zelda weiterhin ohne den magischen grauen Mantel, der das Zwielicht vor der eigenen Gestalt abschirmen konnte, auf dem Stuhl neben dem Fenster; und blickte nachdenklich in die rotglühenden Wogen des Himmels.

Seine Augenlider bewegten sich einige Male und er blinzelte. Im ersten Moment zeigte sich seine Umgebung nur verschwommen, aber sein Gesichtsfeld besserte sich von Sekunde zu Sekunde. Er realisierte allmählich den Ort, an dem er für wenige Minuten oder Stunden Schlaf gefunden hatte, realisierte das kühle Bett mit den zerwühlten Decken unter seinem erschöpften Körper; und erkannte zuletzt eine faszinierende Märchengestalt auf dem Stuhl am Fenster sitzen. Er konnte einen neugierigen Blick auf ihr Seitenprofil werfen und blickte zu ihren halbgeöffneten Augenlidern. Sie war wunderschön. Eingehüllt in den teuren Stoff ihres königlichen Gewandes, bestückt mit dezentem Schmuck. Sie war viel zu schön, als dass man sie in diesem Verlies gefangen halten sollte...

         Es war in dem Moment, dass sich das Mädchen erhob und sie in leisen Schritten hinüber zu dem Bett tapste. Er entschied sich, seine Augen wieder zu schließen. Aus Ehrfurcht vor dem Antlitz der Prinzessin. Und vielleicht auch aus Scham der königlichen Hoheit einfach so gegenüberzutreten.

         Er fühlte ihre Anwesenheit und wurde plötzlich von einer warmen Hand verwöhnt, die sich auf seine Stirn legte. Er wurde unruhig und fühlte sich zappelig aufgrund jener Berührung. Wann wurde ein junger Hylianer wie er, ohne Rang und Namen, schon von den Händen einer Prinzessin umschmeichelt?

         „Wacht auf, Heroe...“, sagte ihre Stimme. Leise und zerbrechlich erklang sie in seinen Ohren und er würde einer Bitte gesprochen von den schönen Lippen der Herrscherin Hyrules immer nachgehen. 

         Er öffnete die Augen lethargisch und blickte sofort in den besorgten Ausdruck in den himmelblauen Augen einer Schönheit, die man nicht beschreiben konnte. Sie hielt seinen Blick nicht stand. Aber tief in ihren Augen wurzelte die selbe Gewissheit um eine gemeinsame Vergangenheit wie in seinen. Und dieselbe Neugierde...

Er richtete sich langsam auf, wand den Blick zu Boden, aus Scham, er würde diese Schönheit ungebührlich anstarren.

         „Wie lange bin ich jetzt schon hier?“, murmelte er. Seine Stimme war warm, anteilnehmend und so sanft, leicht verträumt... So anders als das helle Wolfsgeheul vermuten ließ.

„Das kann ich Euch nicht sagen... ich verlor’ mein Zeitgefühl hier im Zwielicht.“

         Unsicher setzte sich die blonde Hylianerin auf die zerschlissene Bettkante, wand den Blick gen Eisentür und faltete ihre Hände andächtig. Sie fühlte sich ein wenig nervös und unpässlich. Denn schon lange hatte sie keinen Besuch mehr empfangen und sie hatte ein wenig Angst vor seinen Fragen, seinen Worten und dem, was er mittels Blicken ausdrücken würde. Sie konnte ihn nicht einmal ansehen, obwohl sie so viel miteinander teilten.

         Schweigende Minuten zogen vorüber, während außerhalb der Regen an die dichte Fensterscheibe trommelte.

         „Was hat Euch hierher geführt?“, fragte die junge Prinzessin und blickte mit ihren traurigen, blauen Augen immer noch ins Leere.

         Er stützte seinen mitgenommenen Körper auf den Ellenbogen ab und ließ seine Beine von der Bettkante hängen. „Ich weiß es nicht, Prinzessin...“, sagte er und strich sich mit einer Hand sorgfältig über die Pfeilschusswunde am Rücken, spürte einen Verband dort und schaute überrascht zu der neben ihm sitzenden Schönheit.

         „Habt Ihr Euch um die Wunden gekümmert?“, meinte er erstaunt und starrte überrascht in das trübsinnige Gesicht des märchenhaften Wesens neben ihm. Sie legte lediglich eine Hand auf ihre Brust und nickte. „Entschuldigt... ich hätte Euch vorher fragen sollen. Ich hätte mich nicht einfach einmischen sollen“, sagte sie aufrichtig. Sie erhob sich, und ihr langer Rock schleifte wieder auf dem verstaubten Boden.

         „Nein... ich danke Euch dafür“, meinte er schnell und berührte die junge Hylianerin eher unabsichtlich an ihrem rechten Handgelenk, rückte mit seiner linken Hand aber sofort wieder weg. Sie wand sich um und hatte ihre roten Lippen einen schmalen Spalt geöffnet.

         Es war das erste Mal, dass die Prinzessin ihm direkt in die Augen sah. Ihre Augen waren das Schönste und Traurigste, was er in seinem Leben jemals erblickte hatte.

         „Habt’ Dank, Milady...“, wiederholte er, worauf sie wieder zu Boden blickte und ihre traurigen himmelblauen Augen sich dann schlossen. Sie war abweisend. Und obwohl der junge Held wusste, dass es in ihrer Natur als königliche Hoheit lag, sich abweisend und kühl zu verhalten, so spürte er ganz deutlich eine winzige Ängstlichkeit vor der dämonischen Wolfsfratze, die sich im Dämmerlicht über ihn legte. Sie musste einfach Angst haben vor dem Wolf, der sich fast lautlos an seine Opfer pirschte. Denn der junge Heroe hatte selbst ein wenig Angst vor diesem Tier in sich, vor den scharfen Krallen und den vernichtenden Reißzähnen...

         „Habt Ihr Angst vor mir?“, sagte er leise. Seine Stimme war tiefgehend und so verwöhnend, wenn man anteilnehmende Worte lange nicht mehr hören durfte und seit Wochen kein liebgemeintes Wort mehr an das eigene Antlitz herangetragen wurde. Sie wand ihm den Rücken zu und schüttelte den Kopf merklich. „Nein, keine wirkliche Angst. Nur... Ehrfurcht. Bitte fragt mich nicht nach meiner Angst.“

Sie ließ sich wieder auf die Bettkante sinken, auch wenn man ihr von Klein- auf untersagt hatte, sich in die Nähe von Fremden zu begeben. Sie hatte Vertrauen zu ihm und wenn dies nicht ausreichen sollte, dann kam hinzu, dass er die Seele des Helden Hyrules in sich trug.

Es gab keinen anderen Hylianer, der vertrauenswürdiger war als er... Und sie wusste bisher nicht einmal seinen Namen...

         „Verratet Ihr mir Euren Namen?“, meinte sie sachte und drehte ihr Antlitz in seine Richtung. Aber ihr Blick verweilte im Leeren.

„Link... mein Name ist Link“, flüsterte er und blickte durchdringend in diese wunderschönen Augen. Rusl, der Schwertmeister Ordons, meinte immer, Prinzessin Zeldas Augen wären erfüllt von einer anziehenden Schönheit. Sie wären mildtätig, rein und gütig, so wie Zeldas Herz. Doch nun wusste Link es besser...

Sie waren traurig, unheimlich traurig.

         „Link also... Ein schöner Name...“ Sie nickte, erfreut, dass er seinen Namen verriet. Sie versuchte zu lächeln, wusste aber nicht, dass der junge, scharfsinnige Mann neben ihr diese Geste als Versuch erkannte. Ohne Nachzudenken blieben seine Augen auf ihrem lieblichen Antlitz haften. Er suchte nach Beschreibungen für sie, verglich sie sogar mit den Mädchen, die er aus Ordon kannte. Aber... in Ordon lebten Menschen, sie jedoch gehörte zu den Hylianern, genauso wie er selbst. Vielleicht rührte dieses Gefühl nach Verbundenheit auch hieraus.

Sie riss ihn aus seinen Gedanken und fragte leise: „Warum wart Ihr verletzt, Heroe?“

„Es lässt sich nicht vermeiden...“, murmelte er und erinnerte den letzten Kampf gegen scharenweise der pechschwarzen Tentakelbestien aus der Welt des Zwielichts mit ihren unechten Köpfen und langen Armen.

         Sie trat wieder auf ihre Beine und folgte dem trübroten Dunst, der durch das Fenster in jenes Kämmerchen fiel. Der glühende Schein trat auf ihre unschuldige Gestalt, trug noch weiter zu dieser Absurdität bei, dass etwas so Reines wie die Prinzessin hier in diesem dunklen Kerker eingesperrt war.

         „Verzeiht’, meine Frage war töricht...“, meinte sie und ärgerte sich selbst über ihr Unvermögen, mit ihm ins Gespräch kommen zu können. Sie hatte schon so lange mit niemandem mehr kommuniziert, dass es ihr schwer fiel, ein Gespräch aufzubauen, Sätze zu bilden, die Sinn ergaben und, die nicht gleichsam nichtig erschienen.

         Link schüttelte währenddessen den Kopf und trat langsam auf seine ermüdeten Beine, fühlte noch immer den Blutverlust der letzten Schlacht, aber war dank der Heilkräfte des Fragmentes wieder so weit genesen, um seinen Weg fortsetzten zu können. Dennoch, hielt ihn irgendetwas hier...

         Er wusste nicht, was es war. Beinahe an der Grenze zur Bewusstlosigkeit, hatte er sich hierher geschleppt, obwohl er die Prinzessin nicht kannte und sie bis vor wenige Sekunden nicht einmal seinen Namen wusste. Aber er war zu ihr gekommen. Nicht zu Ilya. Nicht zu Midna...

         „Und wo ist Midna?“, fragte die Prinzessin leise, hoffend, sie fände diesmal einen Anfang.

„Sie sagte mir, sie müsse etwas erledigen... und ich habe sie ziehen lassen.“ Er bewegte seine Lippen zu einem einfallsreichen Grinsen.

„Sie kann einem Hylianer schon ziemlich den Verstand zermürben oder die Nerven rauben. Ich war ziemlich froh, diese kleine Nervensäge mal nicht auf der Pelle zu haben“, setzte er hinzu. Die junge Prinzessin wand sich erneut zu ihm, versuchte ein wenig zu lächeln, aber es wollte ihr nicht so recht gelingen. Sie spielte nervös mit ihren zarten Händen und machte den Eindruck, sie wartete auf eine Geste von ihm.

„Aber Midna... sie ist der beste Freund, den man haben kann. Sie beweist jeden Tag eine irrsinnige Art von Stärke, hat immer einen gemeinen und doch aufheiternden Kommentar parat und sie weiß, wie man Schlachten gewinnt. Sie ist etwas ganz Besonderes...“, meinte er aufrichtig.

„Ja, das ist sie... und sie ist mehr als sie jemals zugeben wird“, meinte Zelda leise. „Ich kenne sie schon eine Weile, aber bis heute ist sie mir ein Rätsel...“

„Das kann ich nur zu gut verstehen, Milady. Man wird nicht schlau aus ihr.“ Zelda schüttelte ihren Kopf und senkte dann wieder das Haupt. Er wusste wahrlich viel zu wenig über Midna, wusste nicht einmal, dass auch das kleine Schattenwesen, welches sie für Link darstellte, tiefe Geheimnisse mit sich trug.

         Langsam tapste Link zu der Prinzessin hinüber, stand inzwischen direkt vor ihr. Wie auch immer, dachte er. Er war jetzt hier bei der Herrscherin des Landes und Midna war weit weg. Er war hier und er wusste, er hatte hier etwas zu erledigen, bevor er sich wieder auf den Weg machen musste.

Er nahm allen Mut zusammen und nahm ihre rechte Hand in seine beiden. Wollte ihr hiermit die Ehrerbietung zollen, die sie verdient hatte und ihr den Beistand leisten, den man ihr in den bitteren Zeiten Hyrules verwehrte.

         Sie war überrascht über seine aufrichtige Geste, seinen Körperkontakt, und blickte angsterfüllt, ihre Mauer würde einbrechen, zur Seite.

         „Es gibt nicht viel, was uns verbindet... und doch ist es genug, mehr als genug...“, sagte er leise und blickte auf das Abzeichen des Triforce auf ihrem Handrücken. Es war anders als jenes, welches sich auf seinem linken Handrücken verbarg. Das untere linke Dreieck der Prinzessin war heller, goldener. Bei ihm war es das untere rechte... 

„Es ist mehr als man mit bloßem Auge sieht...“, meinte sie gedämpft und wagte sich erneut in dem tiefen Blau seiner Augen zu schwimmen. Sie sah Hoffnung darin. Hoffnung auch für sie und die marternde Einsamkeit in diesem Verlies.

„Und es ist nicht ewig...“, sagte er, während sich ein Lächeln um seine Mundwinkel bildete. Der erste Versuch, sie aus ihrer Trauer zu reißen.

„... und nicht vollkommen...“

„Aber es wächst...“

„... und gibt über die Zeit mehr preis, was verbindet“, endete sie und scheute wieder seinen Blick. 

         Er entließ ihre Rechte aus seinen beiden rauen Kämpferhänden, als ihr Blick ihn darum bat.

         Ihre Gedanken galten wieder dem roten Himmelsfeuer, welches sich über die Erde senkte und er trat neben sie, nahm an dem Ausblick teil. Von hier oben wirkte die Provinz Lanayru fast rein, eingehüllt in diesen Farben des Abendrots...

         „Wann wird die Wache kommen, Prinzessin?“, murmelte er und lehnte sich mit der Stirn an das glatte Fensterglas.

„Er erschien erst kurz vor Eurer Ankunft. Und er erscheint nur noch selten, vielleicht einmal am Tag... für die Mahlzeit...“

„Somit ist noch Zeit...“, meinte er leise. Sie nickte, wusste aber nicht wofür er Zeit brauchte. Zeit bei ihr? Aber wofür?

         „Lasst uns reden, Prinzessin“, forderte er, aber mit einer Einfühlsamkeit in seiner tiefgehenden Stimme, die sie von einem Hylianer in ihrer Umgebung noch nie gehört hatte.

„Bitte“, setzte er hinzu. Er sah sie eindringlich an, auch wenn sie seinen Blick scheute. Er wollte so viele Dinge von ihr wissen, wie es ihr ging, was sie erlebt hatte. Er wollte ihre Vergangenheit verstehen lernen, wollte wissen, mit wem sie ihre Zeit verbracht hatte vor der Machtübernahme Zantos...

         Links Schädel neigte sich erneut zu dem würdevollen Anblick der jugendlichen Herrscherin. Er legte seine Hände sanft auf die goldenen Schulterplatten und erhielt einen überraschten Blick angesichts seiner Geste. Er schüttelte den Kopf, als sie mit ihren Augen nach Gründen seiner Nähe suchte und schob sie zu dem hohen Stuhl.

         Er verstand den Grund nicht, warum er sich traute, sie zu berühren. Sie war immerhin die Prinzessin Hyrules. Aber ihre Nähe tat gut und fühlte sich natürlich an, so okay...

         Prinzessin Zelda ließ sich langsam auf die gepolsterte Sitzgelegenheit sinken, während der junge Heroe nur ehrerbietend vor ihr niederkniete und in ihren himmelblauen Augen las.

         „Es ist einsam hier...“, murmelte er, um einen Anfang zu wagen. Sie nickte. Was brachte es ihm dies zu verschweigen, wo es so offensichtlich war.

„Manchmal sitze ich einfach hier... und träume“, sprach sie fest, mit einer solchen Stärke, die ihn ein wenig überraschte. „Und dann schwinden die Momente schneller. Die Zeit fließt schneller, wenn man seinen Geist in verborgenen Zuflüchten einschließt.“

„Wovon träumt Ihr in solchen Momenten, Prinzessin?“ Sie führte ihre Hände in eine traditionelle hylianische Gebetshaltung und ihr milder Blick versank mit einer solchen Eleganz im glutroten, fortbestehenden Abendhimmel, der das Dunkel der Nächte und das Leuchten des Tages nicht mehr zuließ.

         „In der Provinz Lanayru, nicht weit entfernt vom Schloss und der belebten Hauptstadt gibt es eine weite Blumenwiese mit den schneeweißen Blumen der Götter.“ Ein zaghaftes Lächeln bildete sich auf Zeldas ebenmäßigem Gesicht. Es war wie ein Lichtschein, der in ihrem blassen Gesicht zu leben begann.

„Die Blumen der Götter?“, fragte er, weil er diese Blumensorte nicht kannte.

„Ja“, sagte sie gedämpft und langsam. „Es sind große, leuchtende Blüten, die man nicht sehr oft in Hyrule findet. Man erzählt sich, sie blühen nur dort, wo eine der Göttinnen einmal mit ihrer Lebensmagie wandelte.“ Fasziniert folgte der junge Heroe ihrer Geschichte und setzte sich im Schneidersitz vor sie hin.

„Diese blühende Wiese ist umrahmt von einzelnen, alten Schicksalsbäumen und man kann von dort aus das Schloss beobachten. Die stolzen roten Banner mit dem goldenen Adler bestickt, flattern im Wind. Und auf dem grauen Gestein der Festung spiegelt sich das Licht der Sonne...“ Sie versank immer mehr in ihrer bezaubernden Geschichte, nahm kaum noch Notiz von Link, der tief beeindruckt ihren Worten lauschte. Es war pure Friedensliebe, die sich in ihren Worten wiederfand. Eine tiefe Liebe zu ihrem eigenen Land und dem Volk, welches Hyrule erst so liebenswert machte.

         Sie war so ehrvoll und sanftmütig. Eine wunderbare Herrscherin für dieses alte Land. Die einzige Herrscherin, die Hyrule so führen und regieren würde, wie es jenes Land verdiente. 

         Prinzessin Zelda umarmte sich selbst und suchte zaghaft einen Blick in die strahlenden Augen des Heroen Hyrules. „Ich vermisse es...“, gab sie zu. „Ich vermisse diese blühende Wiese und Hyrules Freiheit...“

„Irgendwann...“, begann er zögerlich. „Irgendwann werde Ich Euch dort hinbringen... und dann werde ich Euch Geschichten erzählen über das Abenteuer im Zwielicht. Dann, wenn der Frieden nach Hyrule zurückgekehrt ist.“ Sie versuchte einmal mehr zu lächeln, gerührt von seiner Naivität, seiner unglaublichen Hoffnung, dass irgendwann alles wieder so sein würde, wie es war. Wenn es doch nur so einfach wäre...

         „Ich wünsche es mir... irgendwann“, endete sie. Sie verlangte nicht viel, dachte Link, obwohl sie die Prinzessin war und Luxus und andere Reichtümer gewohnt sein musste. Sie verlangte etwas so einfaches, so bescheidenes, was ihn diese Schönheit immer mehr mit anderen Augen sehen ließ. Sie war nicht nur traurig, sie war edel und voller Güte.

         In ihm erwuchs der Wunsch, ihr etwas bieten zu können, ihr etwas zu schenken, obwohl nichts dem gleich kommen würde, was sie begehrte. Er wollte sie lächeln sehen und ihr helfen mit den einfältigen Mitteln, die er besaß...

         „Prinzessin?“ Sie wendete den Blick wieder zu ihm und Link kramte beinahe nervös in einer seiner hellbraunen, ledernen Gürteltaschen umher. Etwas kleines Leuchtendes kam zum Vorschein und wurde dann von seinen leicht verdreckten Händen umschlossen.

„Ich kann Euch vielleicht keine blühende Wiese zaubern, aber dafür...“ Er öffnete seine Hände langsam und das goldene Leuchten wurde intensiver, regte sich, spielte mit der finsteren Umgebung in diesem Gemach. Zwei Flügel flatterten und das Wesen erhob sich langsam, während feiner Staub von seinem Insektenkörper wirbelte. Es war ein Wesen des Lichts. Ein goldener Schmetterling...

„... dafür aber einen kleinen Teil der blühenden Wiese“, endete Link und beobachtete intensivierend das reine Gesicht ihm gegenüber. Zeldas schwermütiges Antlitz erhellte sich ein wenig und sie entließ einen überraschten Seufzer aus ihrem Mund. Sie rutschte näher und lächelte bezaubernd, gerade so, wie Link es sich erträumt hatte.

         Das Geschöpf der Lüfte erhob sich, flatterte mit leisen Schwingen wenige Runden in dem dunklen Kämmerchen und landete erneut auf den Händen des Heroen.

„Ihr könnt es ruhig berühren“, meinte der Heroe und hielt der königlichen Hoheit das lichterfüllte Geschöpf näher. Zelda blickte zuerst leicht überwältigt in des Heroen vertrauensuchenden Blick und dann zu dem kleinen Flatterwesen. Sie legte ihre Hände zaghaft in die des Helden, worauf das friedvolle Geschöpf auch über ihre Hände kabbelte.

„Es ist wunderschön...“, sagte sie.

„Ja, es ist magisch...“, murmelte Link. „Und es ist mir irgendwie gefolgt.“

„Wegen Euren Wolfsinstinkten?“

Link grimassierte leichtes Bedenken und Befangenheit. „Ja, wahrscheinlich deswegen...“

„Es wird Euch Gesellschaft leisten, wenn... die Stunden düster sind.“ Er kämpfte mit den Worten und wählte bedacht eine harmlose Variante seines Versuchs ihre Einsamkeit in Worte zu fassen.

         Das lichterfüllte Wesen nahm erneut die Wege der Luft und ließ sich von seinen starken Schwingen tragen. Auf dem kleinen Sekretär neben der Eisentür blieb er ruhig und friedvoll sitzen.

         Zelda nickte, lehnte sich mehr in die gepolsterte Rückenlehne und wand ihren Blick seitlich.

         „Darf’ ich Euch eine Frage stellen?“

         „Alle, die ihr begehrt“, meinte er prompt und mit einer Spur Charme. Ja, so kam ihr dieser Hylianer vor. Charmant. Offenherzig. Bereit, sich für andere einzusetzen. Treu und sehr, sehr menschlich...

Er trat wieder auf seine mit Kratzern übersehenen Beine und ließ seine tiefblauen Augen nach draußen wandern.

         „Für wen kämpft Ihr?“ Verblüfft schaute er in ihre sanften Augen, war zu fasziniert von der Seltenheit ihrer Augenfarbe als dass er sofort auf diese Frage eingehen konnte.

„Kämpft Ihr für das Gute? Für Eure Freunde? Oder, weil Ihr es als Euer Schicksal akzeptiert habt?“ Der junge Heroe trat neben sie, als sie zu ihm aufschaute.

         Es war eine merkwürdige Frage. Eine Frage, zu der er keine Antwort hatte...

Es war nicht einfach für ihn den wahren Grund zu finden, der ihn sich aufopfern und kämpfen ließ. Und es war nicht selbstverständlich...

         Sicherlich, er tat alles in seiner Macht stehende, weil man ihm mitteilte, er sei der Held, den die Götter erwählten. Er kämpfte für den Frieden und seine eigenen Ideale, für die stolze Rechtschaffenheit, die er verinnerlichte. Aber, er wusste auch, dass diese Selbstlosigkeit nicht alles war. Er verheimlichte denen, die zu ihm aufsahen andere Gründe für sein Handeln und seinen heldenhaften Einsatz. Gründe, die er selbst nicht zugeben wollte.

         Denn er kämpfte ebenso für sich, für den eigensinnigen Stolz eines Helden, der sich nicht in die Knie zwingen lassen wollte. Und er kämpfte für die, die er liebte, auch wenn diese Liebe, die er geben konnte, meist falsch verstanden wurde... 

         „Ich kämpfe, weil ich es will. Ich kämpfe, weil ich Hyrule liebe und verehre. Meint Ihr, das ist Grund genug?“ Sie erhob sich langsam und lief in ihrer wunderbaren Eleganz in die Zimmermitte. Selbst etwas so einfaches wie ein paar Schritte wirkten umgeben von Zeldas eigener Magie so edel, dass er nicht wegblicken konnte.

„Doch, es ist genug für einen Grund. Aber nicht genug für Euer Herz, Heroe...“, sagte sie erhaben.

Link trat näher, träumte in ihren himmelblauen Augen und hatte ein leichtes Angstgefühl bei dem Gedanken, dass er diesen Ort hier in wenigen Stunden wieder verlassen müsste.

„Kämpft Ihr nicht ebenso für Eure Freunde?“, fragte sie.

Er nickte. „Prinzessin... würdet Ihr nicht für Eure Freunde kämpfen?“ Sie wand den traurigen Blick zu Boden und Link erkannte zweifelnd, ob es vielleicht das war, was in dem Leben einer Prinzessin fehlte. Freunde waren etwas Seltenes, wenn man niemanden an eigenen Gefühlen teilhaben lassen durfte und immer an das Wohl eines ganzen Königreiches denken musste. Freunde waren eine Kostbarkeit. Eine Seltenheit in Zeldas Augen...

         „Würdet Ihr auch für mich kämpfen. Bin ich in Euren Augen eines Freundes Geltung wert?“, sprach sie flüsternd und ein wenig zittrig. 

Verstummt stand der Heroe vor ihr. Tausende Gedanken schossen in seinem Kopf umher und nichts hielt er für sinnvoll. Verzaubert berührte er das Kinn der Prinzessin mit dem linken Zeigefinger und hob es zärtlich nach oben, sodass sie seinen Blick traf.

„Ich würde für Euch sterben, Milady...“, murmelte er.

 
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