33. Kapitel
 

Kapitel 33: Edelmut in Hyrule

 

 

 

Seit den frühsten Morgenstunden starrte Link von seinem Bett aus hinaus in das grau gemalte Wolkenmeer. Und obwohl Samstagmorgen war, einer der wenigen Tage, an welchem sich die Ritterschüler eine große Mütze Schlaf leisten konnten und obwohl Link in seinem derzeitigen körperlichen Zustand Schlaf nötig hatte, fand er ihn nicht. Er hatte sich minutenlang im Bett herumgewälzt, hatte ohnehin kaum Schlaf gefunden in der letzten Nacht und fühlte sich unruhig und durcheinander. Er wusste nicht, warum er sich so nervös fühlte, er hatte nur das Gefühl, dass jemand um ihn besorgt war, so sehr besorgt war, dass auch dieser jemand kaum Schlaf fand. Er hoffte sehnlichst, dass es Zelda war…

 

Außerhalb erhob sich die Sonne verhüllt hinter einem silbernen Nebelgewand und Schneeflocken des nahenden, eisigen Winters tanzten nieder. Er wusste noch wie erstaunt er war, als er das erste Mal Schnee gesehen hatte. Damals hatte er Schnee für Watte oder Tränen göttlicher Wesen oder Federn gehalten. Das war damals, als er Kokiri verlassen hatte. Denn er hatte vorher nie Schnee gesehen. In Kokiri schneite es nicht. Der Wächter schützte den Wald vor dem Vergehen und auch vor niedrigen Temperaturen…

 

Mit einem quengelnden Murren rappelte sich Link auf, zog sich leise die schwarze Schultunika über den rußig weißen Stoffanzug aus festem Material. Er streifte bemüht, unnötige Geräusche zu unterlassen dicke Strümpfe über seine abgemagerten Füße und huschte in seine Stiefel. Mit dem Ziel sich in Ruhe in den Badesaal zu begeben, zog er seine schwarze Tunika zurecht. Er wollte Will nicht unnötig wecken und verhielt sich so still wie möglich. Er beabsichtigte seinen Kumpel schlafen zulassen, hatte ohnehin ein schlechtes Gewissen bei dem Gedanken daran, dass der Laundry ebenso wie Ariana in den letzten Tagen und Wochen einiges für ihn riskiert hatten. Die beiden hatten sich aufgeopfert, vor allem nach zwei weiteren Anfällen seines Fluchs, die er jedoch mit dem neuen Heilmittel bekämpfen konnte. Will hatte kaum geschlafen, immer wieder nachgebohrt, wie es ihm ging. Ariana hatte sich jede Menge Ärger mit ihrer Direktorin Madame Morganiell eingehandelt und hatte sogar Hausarrest. Und das alles nur wegen ihm und seiner Krankheit…

 

Einige Bruchstücke der letzten Tage krochen an die Oberfläche seiner Gedanken und schürten weitere verbitterte Gefühle. Er hatte mitbekommen, als Ariana eine heftige Diskussion mit einigen hochnäsigen Mädchen der angesehen Morganiellschule austrug. Wäre dies nicht Schmach genug gewesen, hatten weitere Mädchen, die Ariana ohnehin nicht leiden konnten, und einige Ritterschüler zugeschaut und entwickelten absurde Ideen darüber, was Ariana zu später Stunde bei den Ritterschülern trieb. Ideen, über die Link gar nicht so genau nachdenken wollte…

 

Link hatte von Lord Aschwheel den Auftrag bekommen einige Kräuter für seinen Unterricht zu dem Wissen über Wundheilung zu beschaffen und war mit einem Korb erschöpft über den Innenhof gestiefelt. Auch wenn sein Krankheitsschub abklang, hatte er noch Mühe sich lange genug auf den Beinen zu halten. Er hatte aus seinen Augenwinkeln eher zufällig gesehen, dass eine Schar Mädchen der Schule der Morganiell im Kräutergarten stand und jemanden umzingelte. Verwundert und seiner neugierigen Nase folgend schlich der junge Held näher und lauschte den entehrenden und verärgerten Worten.

„Aber ich habe nichts Unrechtes oder Falsches getan“, sprach eine vertraute Stimme missmutig. Das Bild der eigenwilligen, stolzen Ariana Blacksmith huschte durch seine Gedankengänge, als jene Stimme ein weiteres Mal schrill ertönte. „Geht mir aus dem Weg, ihr närrischen, eingebildeten Gänse“, lachte sie zynisch. „Urteilen könnt ihr wahrlich wunderbar einfältig und selbstherrlich. Und mir solch schändliches, verdorbenes Getue unterstellen findet Ihr wohl amüsant.“ Aus dem Klang ihrer Stimme konnte Link hören, dass sie die Lust verloren hatte überhaupt noch zu diskutieren.

„Aber wir haben dich beobachtet, wie du nachts in die Ritterschule geschlichen bist. Nicht nur, dass du die Schulordnung missachtest, du hältst dich des nachts bei den männlichen Hylianern auf. Du begehst Sünde um Sünde, und so die Göttin Nayru dein Tun beobachte, hast du dich womöglich mit einem der Ritterschüler für Rubine eingelassen und tust Beflecktes, was wir feinen Mädchen der Schule nicht dulden können“, sprach eines der Mädchen, dass sich vor wenigen Wochen bereits mit Ariana angelegt und sich eine Ohrfeige eingehandelt hatte. Als Link die Unterstellungen vernahm, blieb ihm vor Schreck und plötzlichen Schuldgefühlen das Herz für einen Augenblick stehen. Dachten die Mitschülerinnen der Schmiedtochter inzwischen tatsächlich, dass sie irgendwelche schändlichen Dinge tat? Nur, weil sie sich um seine kränklichen Anwandlungen gekümmert hatte?

 

Ariana aber ließ sich von dem Gerede nicht beindrucken. Sie klapperte mit ihren schwarzen Stiefeln, verschränkte die Arme und grinste überlegen. „Und ihr, sagt mir nicht, ihr findet keinen Gefallenen an kräftigen, mutigen Ritterschülern. Ihr selbst verkehrt dort, allesamt, und nun bezichtigt ihr mich, meinen Körper für Rubine zu verkaufen. Wie billig seid Ihr eigentlich? Aber, oh, ich vergaß, was man anderen unterstellt ist oft nur das, was man selbst tun würde, was?“

Einige der Mädchen zwinkerten verdattert und wussten darauf nichts zu sagen. „Aber nicht nur, dass man dich gesehen hat, du gingst in die Schule mit lediglich einem Nachthemd bekleidet, das ist unartig und unkeusch. Du solltest dich schämen dich so darzustellen“, sprach eine andere.

„Nun, wie ich schon einmal sagte, es interessiert mich nicht einmal die Bohne, was Ihr von mir haltet. Und es tut mir unendlich leid, dass Eure Gehirnzellen nicht ausreichen um mein Handeln zu verstehen.“ Einmal mehr hatte Ariana das letzte Wort. Mit erhobenem Haupt und nicht einer ängstlichen Regung in ihrem schönen, seidenen Gesicht, starrte sie in die Runde der missbilligenden Mädchen.

„Aber wir haben gesehen, dass du dich mit der Hure abgegeben hast, die die Ritter nachts beschenkt und eine sittenlose Halbgerudo ist.“

„Und was, glaubt Ihr zu wissen, sagt das über mich aus?“

„Es sagt, dass du nun mal ein dummes Bauerntrampel bist, das keine Achtung vor Anstand und Adel hat.“

„Und was sagt Eure lächerliche, kurzsichtige Annahme über Euch selbst aus?“ Überfordert sahen die Mädchen sich an und schüttelten ihre Köpfe. „Endet das hier genauso wie die Unterstellung, ich hätte Petrilanas Schmuck geklaut, der so ganz verwunderlich und ganz unverhofft, am nächsten Tag in ihrem Schrank aufgetaucht ist und zwar dem Schrank, der die ganze Zeit abgeschlossen war und zu welchem nur sie einen Schlüssel hat?“ Ariana lachte köstlich, machte sich mit ihren Ellenbogen Platz und trat mit deutlichem Widerstand der Mädchen aus dem einschüchternden Kreis heraus. Die Mädchen zerrten an ihren Armen und wollten sie zurückhalten, aber die schwarzhaarige Schönheit bewegte sich so flink und raffiniert, dass sie sich einfach durch die Menge hindurch katapultierte und einigen Mädchen einen gemeinen Tritt verpasste.

 

„Ich kann Euch nur so viel verraten, wenn dieses Jahr vorbei ist, seid Ihr alle einen Kopf kleiner. Das verspreche ich Euch und das ist kein leeres Versprechen. Das, was ich behaupte, trifft meistens ein. Also zieht euch schon mal warm an, ihr kindischen, verblödeten Hühner!“ Und wäre ihre Drohung nicht genug, streckte Ariana den Mädchen die Zunge heraus und begann zu gackern. Sie lachte erheitert, beinah gekünstelt, worauf sich Link nur noch fragte, ob sie dies wirklich alles so kalt ließ, oder ob sie nur schauspielerte. Gab es eigentlich irgendein Mädchen in der Schule außer der unbeholfenen und dicken Olindara Heagen, das Ariana respektierte. Sie schien ein noch größerer Außenseiter zu sein als Link…

 

„Genug!“, rief plötzlich eine hochgewachsene, kräftige und überraschend attraktive, kurvenreiche Frau mit weißem, enganliegendem Kleid mit Spitze und beteiligte sich an der heftigen Diskussion. Als die Frau näher trat, verstummten die Mädchen schlagartig. Auch Link verstummte, als er sie sah. War das eine der Lehrerinnen? Und er fragte sich, als er sie musterte außerdem, ob sie überhaupt eine Hylianerin war. Er hatte zumindest noch nie eine Hylianerin gesehen, die so aussah, wie diese vielleicht vierzig Jahre alte Dame.

Die Elfenohren der Dame waren spitzer als jene von gewöhnlichen Hylianern und stachen luftig aus vollem, dunklem, lilaschillerndem Haar hervor, das die elegante Frau hochgesteckt hatte. Ihre Haut war käseweiß und schillerte beinah wie die Schuppen eines Zoras. Aber was sicherlich die meisten Blicke auf sich zog, war ein Mal, dass die die rechte Wange der Lady schmückte. Es sah aus wie ein Muttermal oder eine Zeichnung mit schwarzer Tinte. Dargestellt war ein verschnörkeltes Symbol mit Schmetterlingen und Blüten, aber irgendwie… wunderlich und unförmig. Link kratzte sich am Kinn, erinnerte Geschichten, denen er am Hafen Hyrules oft lauschte. Die Seemänner erzählten gerne von fremden Völkern und berichteten einst von einem alten Stamm der Hylianer, welcher sich schon immer von Harkenias Monarchie abgegrenzt haben soll. Und jener Stamm würde sich mit fremden Symbolen schmücken, so hieß es.

 

„Geht zurück zum Ballet!“, rief die Lady stimmgewaltig an die schimpfenden Damen gerichtet und legte der schwarzhaarigen Schönheit, die sich mit Bravur verteidigt hatte, eine Hand auf die Schulter. Alsdann zogen die Mädchen tratschend zurück in die Mädchenschule.

„War dies wirklich nötig, Ariana?“, sprach die Frau missbilligend.

Trotzig meinte sie: „Ja, das war es. Ich komme mit diesen gackernden Hühnern einfach nicht zurecht. Sie stecken ihre gepuderten Näschen immer ungefragt in andere Angelegenheiten…“

„Und das tust du ja scheinbar überhaupt nicht, was? Du weißt, dass ich deine Dickköpfigkeit und kriminelle Ader nicht länger gutheißen kann. Dein Vater wäre mehr als enttäuscht von dir.“

Das hübsche Mädchen mit den bernsteinfarbenen Augen verschränkte aufsässig ihre Arme und konnte sich ein weiteres rebellisches Argument nicht verkneifen: „Dann soll er eben enttäuscht sein, ich gehöre nicht in diese versnobte Schule von dummen Hühnern mit ihren beschämenden Ansichten über den Zweck und die Aufgaben weiblicher Hylianerinnen!“

Aber jenen Satz hätte Ariana wohl doch in ihrem Mund lassen sollen, denn die Lehrerin wirkte alles andere als zufrieden mit dem Wildfang, den sie vor sich hatte. Die Lady schüttelte ihren anmutigen Kopf, schloss die Augen und sprach entrüstet: „So sei es. Wer nicht hören will, muss fühlen. Du erhältst Hausarrest für die nächsten sieben Tage.“

Ungläubig machte Ariana einen Satz und zwinkerte verdattert: „Aber Madame Morganiell! Ich muss in die Schule, ich habe mich um meinen Freund gekümmert, der krank ist.“

„Das mag durchaus edel sein, aber dein zänkischer Ton und deine Art und Weise andere zurechtzustutzen ist nicht in Ordnung. Gerade du solltest mit deiner Klugheit weitersehen und dich nicht auf diese Weise provozieren lassen. Das ist mein letztes Wort.“

„Aber Madame Morganiell!“, rief Ariana noch, aber die Frau wand sich nur kopfschüttelnd um ihre eigene Achse.

 

Gerade da blickte die Schmiedtochter in Links Richtung und sah dann trübsinnig zu Boden. Sie winkte ihm zu, aber schien ihm ihr Gesicht nicht zeigen zu wollen. ,Ja, sie schauspielerte‘, dachte der Heroe. Das kannte er nur zu gut… Dann lief sie schweigend hinter der Direktorin her und wurde vom Schuldgebäude verschluckt.

 

Es war Link äußerst unangenehm das hübsche, selbstlose Mädchen in Schwierigkeiten gebracht zu haben. Er sollte derjenige sein, der den anderen half! Er konnte sich doch nicht von Will und Ariana bemuttern lassen… er war ein Held! Kopfschüttelnd trat er sachte aus dem Quartier, bemüht die unangenehmen Gefühle und Gedanken ruhen zu lassen, auch wenn es ihm mehr als schwerfiel. Ariana war so warmherzig zu ihm, so edelmütig, so fürsorglich. Und er war sich sicher, dass sie auch gegenüber anderen so rechtschaffen war. Sie hatte es nicht verdient so verspottet zu werden. Ob er Ariana nicht irgendwie aufheitern und sich bei ihr revanchieren konnte?

 

Ein wenig genervt trampelte der Heroe durch die vom ersten Sonnenlicht nur schwach erleuchteten Gänge in Richtung Badesaal, wusch sich, rasierte die Stoppeln eines spärlichen Bartwuchses und dachte mit einem ablenkenden Gedanken an die alternative Zukunft, in welcher er annahm, er wäre erkrankt, als er am ersten Morgen in der Zukunft den Bartwuchs bemerkte. Es hatte lange gebraucht, das er mit seinem maskulinen Körper zurechtgekommen war. Aber auf der anderen Seite hatte er durch die Erlebnisse an Reife gewonnen und sehr profitiert…

 

Gerade als Link sein blasses Gesicht ein weiteres Mal in das Waschbecken tauchte, um sich zu erfrischen, hörte er klappernde Holzschuhe hinter sich. Überrascht wand er sich um seine Achse und sah den kleinen, untersetzten Mondrik Heagen an der Tür zu dem Badesaal stehen. Mittlerweile fragte sich Link, ob es mehr als Zufall war, dass er diesen zwergenähnlichen Wicht immer im Badesaal traf. Mondriks kastanienbrauner Lockenkopf war zerzaust und machte darauf aufmerksam, dass jener wohl gerade erst aufgestanden war. Er wirkte unbeholfen, als er Link sah und lief rot an.

„Gu-Guten Mo-Morgen…“, stotterte er und verbeugte sich vor dem unerkannten Heroen.

„Morgen“, murmelte Link und verleierte seine Augäpfel. Fing der komische Knilch einmal mehr mit seiner Heldenhuldigung an? Link kam sich mittlerweile vor als wäre er eine gottgleiche Gestalt, die von halb Hyrule angehimmelt wurde. Der mutige Blondschopf versuchte den Mitschüler zu ignorieren, aber Mondrik trat unsicher näher, stammelte etwas und schien sich dann zu schämen.

„Ich hab‘ dich nicht verstanden“, meinte Link genervt und versuchte nicht gereizter zu wirken, als er ohnehin deswegen war, dass dieser Knirps sein Geheimnis wusste.

„Es ist so…“, babbelte der Ritterschüler. „Ich hab‘ Ian belauscht!“, brachte er lauter aus seinem piepsigen Mundwerk. „Er plant etwas gegen dich und hat gemeint, er werde dein Geheimnis sehr bald an der Schule verkünden.“ Der Junge atmete dann tief durch und zwinkerte.

„Mein Geheimnis? Du hast doch nichts verraten, oder?“

Aufgeregt schüttelte Mondrik mit dem Kopf. „Er meint etwas anderes und hat gesagt, dass bald ein neuer Mitschüler käme. Wenn jener hier ist, dann könntest du einpacken, hat er gesagt.“

Link runzelte die Stirn. Von welchem Geheimnis könnte Ian dann reden? Hatte Viktor irgendetwas ihm gegenüber preisgegeben?

„Und er hat von einem Ritual gesprochen, dass er zusammen mit einigen Schülern durchführen will um stark zu werden. Er nannte es das Ritual des Moblinfleisches.“

Als Mondrik das Wort Moblinfleisch in den Mund nahm, verschwand die Ruhe in Links Gesichtszügen. Er hatte von jenem abartigen Ritual gehört, und dies schon vor langer Zeit. Es war ein grausiges Ritual, das helfen sollte stärker zu werden, aber letztlich zu oft nur den Wahnsinn mit sich brachte.

„Wenn er dies gemacht hat, will er dich loswerden, hat er gesagt, ich wollte dich nur warnen… und weil ich dachte, du wärst jemand, der dies wissen sollte.“

Link nickte, brachte aber kein vernünftiges Wort aus seinem Mund. Es war gut, dass Mondrik ihn gewarnt hatte, nur half das nicht gegen das ungute Gefühl, dass sich in seinen Venen ausbreitete. Wie sollte er gegen ein paar besessene Schüler ankommen, die sich dämonische Kräfte aneigneten?

„Ich hoffe, die finden nicht heraus, dass ich dir das gesteckt habe… sonst bin ich…“ Aber Link ließ den Jungen nicht ausreden und beschwichtigte sofort. „Es ist gut so, es muss ja keiner herausfinden… Danke für die Information, Mondrik“, sprach Link ernüchtert. Aber er ballte die Fäuste. Diese Neuigkeit fühlte sich bitter an, aber auch nur, weil Link dieses dumme Ritual bereits am eigenen Leib erfahren hatte…

 

Erfrischt, aber beunruhigt durch Mondrik Heagens Worte, trat Link schließlich in Richtung des Speisesaals. Er hörte Leute von dort her diskutieren und sah glücklicherweise die Köchin der Schule mit einem Korb voller Gebäck in den Saal huschen, was bedeutete, dass es bereits Frühstück gab. Er tapste mit Vorfreude auf ein gesegnetes Essen näher, hörte dann Viktors schmierige Stimme und die von Nicholas, was ihn veranlasste kurz stehen zu bleiben. Gewieft platzierte sich Link vor den Eingangstoren zu dem Speiseraum und lauschte. Er konnte nicht alles hören, dafür waren die Stimmen zu weit weg, aber er vernahm einige Bruchstücke. Er hatte sich schon immer gefragt, wie es kam, dass Nicholas auf den Direktor so schlecht zu sprechen war und weshalb die Ehefrau Viktors in den Nächten dem einstigen Schwindler immer wieder einen Besuch abstattete. ,Obwohl‘, dachte er schmunzelnd und wurde dabei rot um die Wangenknochen. So langsam verstand er, als er sich nervös an seine Träume mit Zelda erinnerte, dass es wohl schlichtweg schön war, sich von einem Mädchen streicheln zu lassen…‘

 

Gerade da schlug einer der beiden Lehrer auf den Tisch, und zwar so heftig, dass die darauf befindlichen Teller und Krüge wackelten. „Ihr seid das mieseste Stück Hylianerfleisch, das in Hyrule jemals das Licht der Welt erblickt hat“, fauchte Nicholas. Und es war selten, dass Link den geheimnisvollen Schwindler so wutgeladen erlebt hatte. Normalerweise tat er immer so gelassen und kühl, als könnte ihm kein Gorone Feuer unter dem Hintern machen. Viktor, der nur lachte, musste einen empfindlichen Nerv des mysteriösen Nicholas angesägt haben.

 

„Ich wusste es“, lachte der blonde Direktor siegessicher. „Ich wusste, wer du bist, als ich dein künstliches, komisches Gesicht hier das erste Mal gesehen habe, Nicholas Doomrent. Ein Jammer, dass es dir nichts nützen wird, hier als Sir Newhead dein restliches Leben zu verbringen. Du wirst deinen Familiennamen niemals reinwaschen können. Und deine Frau gehört immer noch mir.“ 

Link konnte nur hören, dass sein Lehrer mit den Zähnen knirschte. Er schwieg, wollte sich scheinbar nicht noch mehr verraten oder aushöhnen lassen.

„Du bist erbärmlich, hechelst einem alten Traum hinterher, den dein verrückter Vater kaputt gemacht hat.“ Auch da schwieg Nicholas, aber Link ahnte, dass er ausrasten würde, wenn Viktor nicht endlich sein riesiges Schandmaul hielt. Link schaute flink um die Ecke und konnte sehen, dass Nicholas bereits eine Hand auf dem Griff seines Schwertes liegen hatte.

„Ach, und grüße deine durchgeknallte Schwester von mir. Geht es ihr denn gut in dem Irrenhaus der Hauptstadt?“ Viktor lachte dümmlich, würde den letzten Satz jedoch bitter bereuen. Alles, was Link noch wahrnehmen konnte, war ein heftiger Schlag und ein Klirren. Der vergessene Heroe trat dann sachte um die Ecke und sah den Direktor winselnd und sich seinen Magen haltend an einer Seitenwand angelehnt hocken. Das Fenster hinter ihm war zersprungen und es gehörte nicht viel dazu, zu begreifen, dass Nicholas dem Kerl einen so heftigen Schlag versetzt hatte, dass er an das Fenster geknallt war.

 

Als Viktor den einstigen Helden an der Eingangstür stehen sah, schaute er mürrisch zu Boden, erhob sich fluchend und verließ schleppend den Raum. Als er an Link vorbei trat, warf er jenem noch ein giftiges Grinsen zu, aber sprach kein weiteres Wort.

 

Nicholas atmete in diesem Moment tief durch und ließ sich geräuschvoll auf seinen Platz niedersinken. Er donnerte mit seiner rechten Faust ein weiteres Mal auf den Tisch und schloss seine undefinierbaren Augen.

 

Zögernd tapste Link in den Speisesaal. Und obwohl sich Link von Essen sehr leicht ablenken ließ, galt in jenem Moment seine gesamte Aufmerksamkeit einem mies gelaunten Nicholas, von dem er endlich den Nachnamen wusste. Nicholas Doomrent. Hieß das etwa, die riesige Burg Doomrent, die als Gefängnis diente, war einmal das Zuhause dieses Mannes?

 

„Viktor weiß, wer du bist…“, murmelte Link leise und trat unsicher vor den kampferfahrenen Mann. „Und ich jetzt auch…“, ergänzte er. „Die Burg, in welcher wir eingesperrt waren vor einigen Wochen… ist… war dein Zuhause?“ Nicholas atmete tief durch und rückte den Holzstuhl neben sich zurecht.

„Hol‘ dir ein Frühstück…“, murmelte der Mann verdrießlich und deutete den Fünfzehnjährigen an es sich danach neben ihm bequem zu machen. Link nickte stumm, wollte Nicholas nicht ausfragen oder ihn nerven. Er wusste selbst sehr gut, wie es war, von anderen verurteilt oder ausgefragt zu werden.

 

Zur Freude Links waren schon die ganzen morgendlichen Köstlichkeiten, die Hyrule zu bieten hatte, aufgetafelt. Das musste der vergessene Held zugeben. In der Ritterschule zu sein, war vor allem wegen dem reichlichen Essen schon Belohnung genug. Nachdenklich belud er seinen Teller mit zwei Lon-Lon-Milchbrötchen und Lyriellens Rundhornziegenschinken, der im Nachbardorf hergestellt wurde. Er nahm sich eine Tasse Kakao und ließ sich schweigend auf den Platz neben seinem Lehrer nieder.

 

Link nahm einen kleinen Bissen des flaumigen und süßlich duftenden Gebäcks, aber fragte sich brennend, ob Nicholas ihm nun endlich etwas von seiner Lebensgeschichte erzählen, oder schweigen würde wie vorher auch. ,Nun ja‘, dachte der einstige Heroe, ,es war nicht einfach etwas preiszugeben, das so tief saß und an dem Seelengleichgewicht nagte.‘ Es gab nur eine Hand voll Hylianer, die wussten, was es bedeutete, alles zu verlieren und alles zu opfern, was man hatte, für Ideale und Stolz. Und Link war einer davon. Er war der einzige, der den einstigen Schwindler verstehen konnte.

 

„Vor zwanzig Jahren…“, begann der Lehrer leise und ließ seine grünlich schillernden Augen melancholisch durch den Raum wandern. Er grinste etwas, und Link spürte, dass es nur ein unbeholfener Versuch war, eine Maske aufzusetzen. Eine Maske, die schützte, was sich in seinem Herzen abspielte.

„Vor zwanzig Jahren“, wiederholte er. „… gründete mein Vater ein Bündnis. Eine Kriegergemeinschaft, die es sich zum Ziel setzte, gegen jedwede ungerechte und grausame Macht vorzugehen. Es war ein Bündnis, das edle Ziele besaß, ein Bündnis für Gerechtigkeit in Hyrule. Das war damals, als Harkenia, unser König, noch im Schatten seines Bruders stand. Damals gab es Aufstände und eine große Unsicherheit zog durch das Land. Die edelsten Ritter wie die Sormans, die McDawns, die Fearlessts und auch die Doomrents, ahnten, dass, wenn der amtierende König nicht handelte, die Konflikte im Land sich ausweiten und uns düstere Zeiten bevorstehen würden. Mein Vater Sir Niles Doomrent erkannte dies und gründete eine teure Gemeinschaft, die jedoch… mit mehr und mehr Gräueltaten, mit mehr und mehr Machtgier ihre einstigen guten Absichten vergaß… Dies war der Beginn einer Sekte, die neue Ziele für Hyrule besaß.“ Er erzählte die Geschichte kühl und ohne jeden Hauch Mitgefühl oder Trauer. Link blickte angespannt zu seinen beiden Brötchen, schwieg weiterhin und lauschte jenen Worten, die selbst sein erfrorenes Herz berührten.

 

„Es gab Mitglieder des Bündnisses, die eher unbedeutend, aber intrigant waren. Mein Vater starb, als er sich gegen jene manipulierenden Mitglieder stellte, gegen das Bündnis, das er selbst ins Leben gerufen hatte. Vorher hatte er behauptet, ein vergessenes Dämonenvolk würde sich, wenn die Zeit reif wäre, in Hyrule breit machen und eine gigantische Schlacht verursachen. Damals war gerade der Krieg über Hyrule gezogen. Keiner wollte ihm glauben und etwas von einem dunklen Bündnis wissen… keiner außer mir.“ Er lachte, trank von einem Krug Hylanorsaft und wischte sich das säuerlich schmeckende, alkoholisierende Gebräu von den blassen Lippen. „Ich habe versucht meinen Vater zu rächen und den Rat der Ritter von der Existenz des Bündnisses zu überzeugen. Aber niemand glaubte mir. Zu schwer war die Kriegslast, und zu grausam die Konflikte unter den Völkern Hyrules. Ich wurde als Schwindler beschimpft, bis ich einige Kerle der Sekte töten konnte. Aber anstatt auf mich zu hören, verlor ich meine Burg Doomrent und wurde inhaftiert. Viktor erhielt meine Burg, als meine jüngere Schwester noch dort lebte. Er hat sie brutal misshandelt und missbraucht, bis sie durchgedreht ist…“ Dann brach er in den Worten ab und schlug ein weiteres Mal auf den Tisch. „Ich würde alles darum geben, dass ich dies ungeschehen machen könnte. Meine Schwester retten… Ich würde alles tun, restlos alles, wenn ich sie heilen könnte… aber ich kann nicht. Und Viktor wurde für diese Tat niemals zur Rechenschaft gezogen. Ich würde alles dafür tun, diesen Kerl hängen zu sehen, aber ich kann nichts bewirken im Moment…“

Geschockt ballte der einstige Held der Zeit seine Hände zu Fäusten. Und trotz dieses Hasses, den Nicholas gegenüber Viktor empfand, trotz dieser brutalen Geschichte, schaffte er es immer noch sich unter Kontrolle zu halten? Er schaffte es tatsächlich immer noch, diesen Kerl nicht mit blanken Fäusten umzubringen. Wie stark musste Nicholas sein um dies auszuhalten und zu ertragen? Er war immer so ausgeglichen und gelassen, so unheimlich beherrscht…

 

Und es war eines der ersten Male, das dem einstigen Helden der Zeit der Appetit vergangen war. Viktor hatte Nicholas‘ Schwester misshandelt… Hatte dieser schmierige Kerl niemals eine gerechte Strafe dafür erhalten? Stattdessen saß er noch in der Burg, die das teure Zuhause eines der ehrenwertesten Männer Hyrules war. Link ballte seine Hände zu Fäusten. Er konnte sogar nachempfinden, wie es sich anfühlte, dass etwas Kostbares, ungeheuer Wertvolles, etwas, das mit Rubinen nicht zu bezahlen war, von grausamen Händen geschändet wurde. Link haderte in der alternativen Zeit ständig mit dem Gedanken, dass Ganondorf Zelda misshandelt oder umgebracht haben könnte. Zu wissen, dass etwas so Reines und Schönes misshandelt wurde, hatte ihm mehr als nur einmal sein Herz beladen. Und als sie entführt wurde von diesem Widerling, hatte der Heroe mehr als einmal versucht aus ihren Gesichtszügen zu lesen, zu begreifen, dass Ganondorf keine Hand an sie gelegt hatte. Wie schwer musste es für Nicholas sein mit der Schuld zu leben? Der Schuld, das erst sein unüberlegtes Eingreifen in die Geschehnisse verursacht hatte, das Viktor seine Burg erhielt und jener erst dadurch seine Schwester schänden konnte…

 

Es war eines der wenigen Male, dass sich Link wünschte, er könnte in die Vergangenheit reisen und Nicholas‘ Schwester vor Viktors schmierigen Händen retten. Die Vergangenheit verändern… Gerechtigkeit walten lassen… Aber Link wusste auch, dass er dazu nicht das Recht hatte… nicht mehr…

 

„Es tut mir leid… Nicholas…“, murmelte Link trübsinnig und starrte zu seinen beiden Brötchen. Nicholas hatte so viel durchgemacht… und nicht nur er. Es gab so viele rechtschaffene Wesen in Hyrule, und er, wo er ein auserwählter Held war, stellte sich zur Zeit an, wie ein armseliges, selbstmitleidausübendes Dummerchen. Der Gedanke daran, dass er sich so gehen hatte lassen, fühlte sich gerade noch schmerzhafter an.

 

„Link… es kann doch keiner etwas dafür. Ich kann die Vergangenheit nicht ändern, aber ich weiß, eines Tages, wird Viktor büßen. Und bis dieser Tag kommt, werde ich mich zurückhalten. Ich weiß, aus einem sicheren Gefühl heraus, dass es für meine Schwester irgendwann eine neue Zukunft gibt. Und ich weiß, es wird sich alles zum Guten fügen. Irgendwann…“

Überfordert sah Link in die grünlichschillernden Augen seines Lehrers und konnte einmal mehr nicht verstehen, wie Nicholas es schaffte seinen Hass und seine teuflische Wut Viktor gegenüber so im Zaum zu halten. Er war so unglaublich edelmütig, das es den Fünfzehnjährigen fröstelte…

„Prinzessin Zelda gab mir mein anderes Gesicht, meinen Namen Newhead und half mir neu anzufangen. Ich werde diese Chance nicht verspielen. Was Viktor angeht, ich bin sicher, er wird niemandem erzählen, wer ich wirklich bin. Wer sollte ihm auch glauben?“

Link nickte einmal mehr.

„Jetzt weißt du, warum ich einiges über die Geschundenen der Macht weiß. Und weshalb ich hinter dieser Sekte her bin.“

Link nickte wieder und wusste nicht so recht, welchen der vielen Gedanken in seinem Kopf, er zu Ende denken sollte. „Ich kann nicht verstehen, warum niemand dir geglaubt hat…“, sprach der Junge irritiert. „Was ist mit Prinzessin Zelda?“

„Sie war damals noch ein kleines Kind…“, entgegnete der Mann. „Und wenn du dir vorstellst, dass Hyrule gelitten hat, ein düsterer Krieg über das Land zog und man mit aller Macht versucht hat Frieden zu finden, denkst du, irgendjemand will etwas davon hören, dass erneut düstere Zeiten bevorstehen? Die Hylianer, die Zoras, die Goronen und die letzten Überlebenden der Shiekah hatten genug von Blut und Schlachtfeldern.“ Nicholas nahm noch einen Bissen von seinem Knistertrüffelkuchen, schluckte den Bissen nur widerwillig hinunter und schob den Teller weiter von sich.

„Aber mittlerweile weiß man doch, dass es die Geschundenen der Macht gibt, warum kannst du nicht begnadigt werden?“, wollte Link wissen.

„Weil ich gemordet habe…“ Eine unangenehme Pause schlich sich in die Konversation.

 

„Ich verstehe…“, sprach Link dann trübsinnig. „Und was ist mit deiner Schwester?“

Nicholas versuchte etwas zu grinsen und blickte den Jungen neben sich prüfend an. „Link, es ist gut jetzt. Sie hält Abstand zu mir und ist an einem sicheren Ort, wo man sich kümmert. Du solltest dich damit nicht auseinandersetzen und schauen, dass du wieder fit wirst.“ Der Held der Zeit verkrampfte auf diese Worte und erhob sich. Er stemmte sich auf den Tisch und in seinen tiefblauen Augen erstarkte ein alter Zorn, den er viel zu lange unterdrückt hatte.

„Nein, es ist eben nicht gut“, murrte er. „Die Geschundenen der Macht, diese teuflische Sekte, plant irgendetwas… und ich habe das ungute Gefühl, dass ich viel mehr in diese Machenschaften verwickelt bin als mir lieb ist.“

Nicholas zwinkerte. „Weil du von einem Blutschatten angegriffen worden bist?“

Link schüttelte den Kopf, ließ sich geräuschvoll nieder und stützte seinen Kopf auf seinen Händen ab. Grübelnd fuhr er sich mit seinen Händen durch das goldblonde Haar.

„Da ist mehr dahinter. Ich kann mich nur nicht erinnern.“

„Du redest von deiner Amnesie?“

Link nickte fahl. „Es geschehen immer mehr Dinge, die nicht einfach nur Zufall sein können. Da fällt mir ein…“ Verdutzt sah der einstige Heroe auf. „Du hast meinen Kompass noch, oder?“

„Dieses alte, verrostete Ding?“, lachte Nicholas. „Ja, er ist gut versteckt. Was ist damit?“

„Erinnerst du dich an das merkwürdige Buch, das ich dir gezeigt habe über diese dreizehn Schlüssel?“ Nicholas nickte verständnisvoll.

„Die Kompassnadel gehört zu diesen Gegenständen, genauso wie Hopfdingens Ring. Könntest du dir vorstellen, dass die Geschundenen der Macht etwas damit zu tun haben und diese Schlüssel suchen?“ Begierig brachte Nicholas nur ein banales „Das weiß ich leider nicht…“ über seine Lippen, obwohl in seinen undefinierbaren Augen Verblüffung und leichtes Entsetzen stand.

„Du weißt mehr darüber, habe ich Recht?“

„Nicht zwangsläufig, aber ich werde mich informieren. Von dir jedoch erwarte ich, dass du dich heraushältst. Du musst erst wieder fit werden, bevor du dich in solche Abenteuer stürzt. Ich habe mitbekommen, dass es dir die letzten Tage nicht sonderlich gut ging.“ Link seufzte. Fing Nicholas jetzt auch schon so an ihn zu bevormunden?

„Link, ich meine das ernst! Du bist angeschlagen und krank. Ich kann dir nicht erlauben, dich in solche Affären zu stürzen.“

Link brummte etwas und dachte rebellisch. ,Als ob er sich jemals von jemanden hatte etwas verbieten lassen. Und Nicholas brauchte nun wahrlich nicht damit beginnen, sich als sein Vormund aufzuspielen. Warum behandelten ihn nur alle so, als käme er alleine nicht mehr zurecht? Sowohl Zelda, als auch Ariana und Will und nun sogar Nicholas!‘

 

Abtuend versuchte der Fünfzehnjährige das Thema zu wechseln. „Kann ich mir heute ein Pferd von dir borgen… ich muss in die Schlossbibliothek…“ Das war wohl aber bloß eine Ausrede. Eigentlich wollte er Zelda besuchen, oder es zumindest versuchen, auch wenn er sich gerade sehr feige fühlte angesichts des Gedanken.

„Sicherlich kann ich dir mein Pferd leihen, du weißt aber schon, dass bis heute die Aufträge fertig sein müssen, oder?“

Link zwinkerte unbeholfen und grinste hilflos. „Äh… heute?“ Waren denn mittlerweile schon so viele Wochen vergangen?

„Ja, heute! Wir machen zwar nicht lange Unterricht, aber zumindest ein paar Minuten, damit ihr die Aufträge abgeben könnt. Und denk‘ an die Theorie zum Bogenschießen bei Kramanzia heute. Du wirst deinen Ausritt in die Schlossbibliothek auf nachmittags verschieben müssen.“ Der vergessliche, heroische Bursche kratzte sich dümmlich an seiner linken Wange. Heute sollten die Aufträge fertig sein? Warum hatte ihm das niemand gesagt? Link blinzelte und fühlte eine ungute Nervosität in sich aufsteigen. Es war etwas anderes bei Viktor Hausaufgaben nicht zu erledigen, aber Nicholas als seinen Lehrer wollte er eigentlich nicht enttäuschen.

„Du hast deinen Auftrag doch nicht vergessen, oder?“, fragte Nicholas misstrauisch.

„Ich? Nein!“ Und Link schüttelte aufgeregt mit den Händen. „Ich habe mich über Arn Fearlesst informiert, überall informiert… nur…“ Nur hatte er es bisher nicht fertig gebracht, darüber einen Aufsatz zu schreiben…

„Wie dem auch sei… das, was ich dir vorhin anvertraute, bewahre Schweigen darüber. Wenn die Ritter wüssten, dass der einstige Schwindler hier Unterricht gibt, ist es aus mit meinem neuen Leben.“

Link versuchte ein wenig zu grinsen. „Kein Thema…“, sprach er, erhob sich und tapste unsicher aus dem Speisesaal.

„Und Link, erinnere dich an meine Worte“, rief ihm Nicholas hinterher. „Du hältst dich in deinem Zustand aus diesen Angelegenheiten heraus. Wenn du fit bist, werden wir mit dem Training deines Fragmentes anfangen, vorher nicht.“ Link hätte an liebsten geknurrt auf diese Worte und irgendetwas bissiges entgegnet, aber er schwieg.

 

Im Schloss Hyrule wachte die Gesellschaft des Hofes allmählich aus dem Schlaf, der sich jeden Abend sanft, aber übermächtig hinter die starken, alten Mauern schlich. Auch Zelda war gebadet, geschminkt und von ihren Zimmermädchen in ihre königliche Gewandung gepresst worden. Mit unruhigen Gedanken hastete sie direkt in die königlichen Gemächer ihres Vaters. Er ließ sich morgens oftmals Zeit und sie war sich beinahe sicher, dass er noch in seinem Bett lag, Bücher oder Zeitungen studierte. Die Zimmermädchen, die seine Gemächer putzten, und die Wachposten beäugten sie verdutzt, als sie wie ein unsäglich schlecht gelauntes Trampeltier in die Privatgemächer einmarschierte. Und keine der jungen Mädchen traute sich irgendetwas zu sagen, wenn Zelda ihre momentane, schlechte Miene aufsetzte.

 

„Liegt mein Vater noch im Bett?“, sprach die Prinzessin mürrisch und steuerte die große Doppeltür in sein Schlafzimmer an. Die Zimmermädchen nickten scheu und ängstlich, widmeten sich sofort wieder ihren Putztätigkeiten und es war dann, dass Zelda in die hoheitlichen Gemächer eintrat. Tatsächlich war es noch ziemlich dunkel im Gemach mit dem gigantischen Himmelbett und dem Schreibtisch mit dem riesigen Stapel Verträgen und Anträgen. Sie hörte ein leichtes Murren aus dem verschlafenen Mund ihres Vaters, der noch in seinem Schlummer schwelgte. ,Der sollte sich was schämen. Gerade er meckerte oft genug, wenn sie einmal länger schlafen wollte. Na warte, der kann was erleben.‘ Ohne weiter zu überlegen und mit einem knisternden Schabernack in ihren Gedanken, zogen sich Zeldas Mundwinkel in die Breite. Das erste, was sie tat, war die übergroßen weinroten Vorhänge auseinanderzuziehen, sodass ihr Vater von der aufgehenden Morgensonne geblendet wurde. Gefährlich ruhig und mit tyrannischem Auftreten schirmte die Königstochter das Licht der Sonne dann von dem schlafenden Harkenia ab, der mit einer Schlafmaske und hässlichen Haube auf dem Kopf die Nacht herumbrachte. Er öffnete nur eines seiner saphirblauen Augen und grunzte irritiert auf. Als er seine Tochter wahrnahm, verging ihm das schlaftrunkene Grinsen und er zwinkerte mehrmals. Er kratzte sich an seinem Kopf und beäugte sie misstrauisch. Wenn Zelda so früh auf den Beinen war und in seine Gemächer stapfte, musste irgendetwas vorgefallen sein. Zuerst wirkte er noch besorgt, als er aber Zeldas entschlossenen Blick und ihre temperamentvolle Haltung sah, wurde er das Gefühl nicht los, dass sie etwas zur Weißglut gebracht hatte.

„Zelda, Liebes, was suchst du so früh am Morgen hier?“, sprach er verblüfft und grinste sie fröhlich an. Aber er hatte, bei allem Pflichtgefühl, das er für Hyrule besaß, heute einen weniger stressigen Tag und sich erlaubt länger liegen zu bleiben.

„Vater, wie kannst du nur so seelenruhig im Bett liegen. Du hast Pflichten zu erfüllen!“, sprach sie laut und entrüstet. Der König aber amüsierte sich. War nicht eigentlich sie immer diejenige, die gewisse Pflichten von sich wegschieben konnte? Sie hatte es sogar geschafft nicht in der Mädchenschule sein zu müssen, obwohl es der Wunsch ihrer Mutter gewesen war.

„Tochter, ich weiß nicht, was in dich gefahren ist, aber ich erwarte ein wenig Respekt. Es ist lange her, dass du mich so früh in meinen Gemächern aufgesucht hast.“ Zelda klapperte mit ihren Stiefeln und stemmte ihre Hände in die Hüften. Sie schnaubte. Für sie war das alles nicht lustig, sie spürte, dass sie unbedingt etwas tun musste. Und diese furchtbare Ruhe, die Harkenia gerade ausstrahlte, brachte sie erst recht auf die Palme.

 

„Jetzt steh‘ endlich auf, Vater. Du musst dich um unsere Bündnispartner kümmern und zwar sofort!“ Er schaute irritiert drein. Und man konnte es ihm nicht übel nehmen. Zelda sollte ihm zumindest eine Erklärung für ihren Gemütszustand und ihre Unruhe geben, bevor sie etwas erwartete. Nur war es nicht das erste Mal, dass sie etwas veranlasste, was andere nicht verstehen konnten.

„Was immer es ist, ich bin mir sicher, dass hat noch Zeit bis nach dem Frühstück“, murmelte er und streckte sich. „Wir können ja später-“, begann Harkenia zu erklären. Aber er kam nicht mehr dazu, seinen Satz zu Ende zu sprechen. Denn seine Tochter, die zwar ein zierliches Äußeres hatte und auch sonst wie ein zartes Mädchen wirkte, ballte die Fäuste und zerrte den überraschten König so heftig an seinem rechten Arm, dass er fluchend, sodass einige Zimmermädchen in das Schlafgemach eilten, aus seinem hoheitlichen Bett plumpste. Erst dann war er richtig wach, richtete sich mit einem bitterbösen Ausdruck in seinem alten Gesicht in die Höhe und sah seine Tochter verärgert an.

„Nein, das hat eben keine Zeit“, sprach sie aufgebracht, sprang hinüber zu dem Schreibtisch, nahm sich Feder und Tinte und zimmerte mehrere Namen auf ein Stück Pergament. „Du musst sofort heute, und frag‘ mich nicht warum, diese Leute kontaktieren. Wir brauchen unbedingt neue Verträge. Ich bitte dich, Vater.“ Erst dann realisierte er, dass es seiner Tochter wirklich ernst war. Er blickte sie väterlich und besorgt an und sah neben Zeldas Aufregung Schatten der Sorge in ihren neugierigen, strahlenden Augen.

 

„Es ist dir wirklich wichtig, dass ich das sofort erledige?“ Er streckte sich und trat in seiner weißen Schlafgewandung zu ihr hinüber. Er hob ihr Kinn in die Höhe, als die Zimmermädchen wieder davon eilten. Er las in ihrem Blick, bis Zelda die Augen schloss.

„Ich werde mich um den Anliegen kümmern, aber nicht so voreilig. Erkläre mir das beim Frühstück“, meinte er.

„Nein, bitte“, sprach sie dann und wirkte teilweise verzweifelt.

„Zelda, zügle deinen Tatendrang!“, sprach er etwas ernster. „Es wird schon nicht gleich Hyrule untergehen, nur, weil wir…“ Er brach ab, als Zeldas Gesicht immer blasser wurde. Er packte sie sanft an ihren Oberarmen und las ein weiteres Mal in ihrem Blick. Dann drückte er sie auf einen gepolsterten Sessel und kniete vor ihr nieder.

„Was ist geschehen, mein Kind?“ Was konnte so dringend und schlimm sein, dass Zelda überreagierte? Sie seufzte und streichelte das Fragment auf ihrem rechten Handrücken.

„Ich wurde gewarnt… schon vor einigen Tagen“, murmelte sie. „Impa erschien mir in der Nacht. Sie bat mich darum vorzusorgen wegen möglichen Angriffen der Geschundenen der Macht.“ Bedacht erzählte die Prinzessin nur einen Bruchteil der letzten Ereignisse.

„Und mit vorsorgen meinst du die Tatsache, dass wir unsere Bündnisse erneuern? Bündnisse mit Labrynna und Holodrum? Und unsere Verträge mit anderen Völkern?“ Harkenia zupfte sich an seinem grauen Bart. Zelda nickte lediglich.

„Und das ist alles? Deshalb machst du so einen Spektakel?“ Sie schluckte und grübelte, wie sie ihrem Vater beibringen sollte, dass Link ihr in mehreren Träumen von einer bevorstehenden Schlacht erzählt hatte. Links derzeitiger Status in Hyrule war nun mal nicht der Beste. Und an den zerstörten Mythenstein wollte Zelda auch nicht unbedingt denken.

„Du verheimlicht mir etwas“, sprach er dann. „Ich hoffe, deine Verschwiegenheit hat einen guten Grund.“ - „Bitte, Vater… Ich würde dich nicht darum bitten, wenn es nicht wichtig wäre und ich mir nicht sicher…“

Er atmete tief aus, kratzte sich erneut an seinem Bart und nickte dann. „Na gut, ich werde nachher noch ein paar Schriftstücke aufsetzen, aber unter einer Bedingung“, sagte er aufheiternd.

„Und die wäre?“

„Du schmeißt mich nicht noch einmal aus dem Bett, Zelda“, erwiderte er grinsend. Darauf lächelte auch seine Tochter. Sie war so dankbar, dass ihr Vater ihr glaubte und ganz anders als früher, ihren Rat sofort befolgte. Je älter Harkenia wurde, umso mehr spürte auch er, dass er Zelda maßgebliche Entscheidungen überlassen musste. Er lebte schon lange nicht mehr in der Illusion unsterblich zu sein. Wenn seine Zeit gekommen war, wollte er nichts bereuen müssen.

 

Er zog seine Tochter auf die Beine und umarmte sie liebevoll. Auch dies hatte sich Harkenia vor wenigen Jahren nicht getraut. Der Zeitkrieg, selbst wenn er in dieser Zeit niemals wirklich stattgefunden hatte, schien dennoch tiefe Spuren in Harkenias Herzen hinterlassen zu haben. Und er hatte noch andere Pläne, von denen auch Zelda bisher nichts ahnte.

„Du würdest es mir sagen, wenn es etwas gäbe, das ich wissen muss, nicht wahr?“, meinte er.

Unsicher öffneten sich Zeldas schöne blaue Augen und sie blickte ihm schuldbewusst über die Schulter. „Ja, doch, Vater“, log sie. Sie wusste, wie schändlich ihr Verhalten war. Aber sie konnte ihrem Vater die Wahrheit einfach nicht erzählen. Sie konnte nicht davon berichten, dass Hyrule von Dämonen überrannt werden könnte, genauso wenig über Links vermeintlichem Verrat.

„Und du würdest mir auch immer sagen, was dich belastet, richtig?“

Auch diesmal log Zelda, und schämte sich sogleich. Aber sie konnte einfach nicht. Sie konnte ihrem Vater das Vertrauen und die Hoffnung in die Helden Hyrules nicht nehmen. Sie konnte einfach nicht…

 

„Da fällt mir ein, erinnerst du dich an den alten Hylianerstamm der nördlichen Insel, von dem Madame Morganiell abstammt.“ Nickend löste sich die Prinzessin aus der väterlichen Umarmung.

„Und erinnerst du dich an Lady Ornella Morganiell, die Freundin deiner Mutter?“ Ein leichtes Unbehagen stieg in Zelda auf, als Harkenia das Thema anschlug. Zelda erinnerte sich schwach. Die Morganiells waren eine große Sippe, die eine Insel ganz im Norden bewohnte. Es war eine Insel mit dem Namen Hyladién, die durch hohe Mauern geschützt war und alle politischen und wirtschaftlichen Angelegenheiten regelten die Morganiells alleine. Sie waren unabhängig, aber Hyrule niemals feindlich gesonnen. Sie hegten andere Traditionen und ihre Glaubensvorstellungen waren andere. Sie glaubten nicht hauptsächlich an die Großen Drei, eher an Götter, welche Din, Nayru und Farore untergeordnet waren. Zelda hatte schon damals ungute Gefühle getragen, wann immer die Freundin ihrer Mutter zu Besuch kam, vor allem dann, als ihre Mutter erkrankte und wenig später verstarb.

„Lady Morganiell wird mit ihren beiden Kindern in Kürze zu Besuch kommen“, erzählte Harkenia erfreut.

„Warum das?“ Zelda sah irritiert auf.

„Auch der Stamm der Morganiells gehört zu unseren Bündnispartnern. Es ist ein guter Zeitpunkt.“ Harkenia schien über diesen Umstand sichtlich erfreut. Er lächelte, wohl, weil es eine vornehme und sehr edle Person war, welche zu Besuch kam. Und Zelda wusste, dass ihr Vater dem weiblichen Geschlecht niemals abgeneigt war. Er war lange alleine gewesen nach dem Tod ihrer Mutter. Zelda spürte, dass er sich nach weiblicher Gesellschaft sehnte. Sie würde es ihm kaum ausreden können.

„Wie alt sind Lady Morganiells Kinder?“

„Es sind ein Mädchen und ein Junge, die beide in deinem Alter sind. Ich schätze, du kannst eine gute Basis mit ihnen finden. Der Junge wird in Kürze in der Ritterschule beginnen zu lernen. Das Mädchen wird in die Schule nebenan geschickt.“

„Das heißt, die Morganiells bleiben länger im Land?“, sprach Zelda verdutzt. Sie versuchte nicht die Abneigung, die sie empfand, an die Oberfläche zu lassen.

„Vermutlich“, sprach Harkenia lächelnd. Und sein Lächeln war angenehm. Es machte ihn jugendlich und frisch. Manche tiefe Sorgenfalten verschwanden mit dem Gedanken an Besuch.

„In Ordnung“, entgegnete die Prinzessin, auch wenn sie dieser Umstand überhaupt nicht freute. Vielleicht sah sie mittlerweile überall Feinde, erst recht jetzt, wo ihr Urvertrauen durch Links vermeintliche schändliche Tat, erschüttert wurde. Aber ihr gefielen diese Entwicklungen überhaupt nicht.

„Und eine Sache noch, die Familie Laundry hat vorige Woche um eine Audienz gebeten. Du wirst diesen Termin erledigen, wenn ich mich um unsere Bündnispartner kümmern muss. Ist das in deinem Interesse?“

„Was möchten die Laundrys mit uns besprechen?“

„Das gilt es wohl herauszufinden. Nun aber geschwind, Zelda, ich habe einen Auftrag, oder nicht?“ Zelda nickte entschlossen und verließ die Gemächer hastig.

 

Mit geballten Fäusten stapfte Link den Gang zu seinem und Wills Zimmer entlang. Er dachte an die selbstlosen Wesen des alten Landes Hyrule. Jene Wesen, die für Gerechtigkeit kämpften und litten. Jene guten, reinen Geschöpfe wie Ariana oder Nicholas, die für ihre Ideale verkannt wurden. Auch ihm, einen selbstlosen Helden, erging es nicht anders. Man sah ihn als Ammenmärchen, und man sah viele seiner Taten als so selbstverständlich… aber wenn man ihm zuhörte, wenn man nur einmal seine tiefblauen Augen las, wusste man, dass sich hinter seinen Idealen und Motiven sich so einzusetzen, tiefe Beweggründe verbargen. Link hatte für viele Geschöpfe gekämpft und nie etwas dafür verlangt. Sein Antrieb war einst und würde es immer sein, für jene Herzen zu kämpfen, die edel und unschuldig waren. Für solche Herzen wie das von Ariana, die verspottet wurde, oder Nicholas, der angezweifelt wurde… Für solche schönen Wesen, musste er, bei Farore, endlich wieder erstarken!

 

Will war gerade dabei sich anzuziehen, als Link in das Zimmer eintrat. Mit verschlafenen smaragdgrünen Augen blickte Will seinen Kumpel an und fragte sich noch im halbtrunkenen Zustand, was ihm Gewaltiges über die Leber gelaufen war. Link sah so aus, als könnte er sich am liebsten auf der Stelle selbst ohrfeigen, zerrupfen oder seinen Kopf in das nächste Mogmaloch hineinstecken. Er ließ ein mürrisches ,Guten Morgen‘ über die blassrosa Lippen gleiten, knallte sich auf sein Bett und starrte missmutig an das Deckengewölbe.

 

,Jap‘, dachte Will. ‚Dem ist wohl einmal wieder ein Gorone über die Leber gelaufen.‘

„Guten Morgen, mein toller, mutiger und zumeist sehr verdrießlicher Mitbewohner“, sprach der Laundry erheitert. Mittlerweile hatte er sich bestens an Links komische Gemütszustände gewöhnt und keine Lust mehr sich anschnauzen zu lassen.

„Morgen…“, sprach Link leise, steckte die Arme hinter seinen Kopf und seufzte. Noch immer richtete er seinen Blick völlig an die mausgraue Zimmerdecke und seufzte mehrmals.

„Gibt es eigentlich mal einen Tag, an dem du nicht trübsinnig an die Decke starrst und so tust, als laste das Schicksal der ganzen Welt auf deinen Schultern?“

„Ja, vielleicht gibt es diesen Tag nicht…“, murmelte der einstige Held. „Hast du jemals für etwas verbissen gekämpft und warst voller Überzeugung, dass es das einzig Richtige ist?“ Doch Will konnte Links melancholische Worte im Augenblick überhaupt nicht verstehen. Mit einem Satz war er neben ihm und starrte in seine Gesichtszüge, als wollte er ihn untersuchen. „Bist du schon wieder krank? Ich dachte, du hättest dich die letzten Tage einigermaßen erholt.“

Link richtete sich streitsuchend auf und brüllte beinahe. „Denkt ihr alle eigentlich nur noch an meine bescheuerte Krankheit?“

Will zuckte zurück und der restliche Schlafsand in seinen Augen hatte sich vor Schreck aus dem Staub gemacht.

„Sorry…“, murmelte Link sogleich und fuhr sich über die Stirn, während Will seinen Kopf schüttelte. Er startete seinen zweiten Anlauf: „Also, was ist eigentlich los mit dir?“

„Ich hab‘ Mist gebaut…“, flüsterte Link.

„Und das heißt im Klartext.“

„Ich… ärgere mich… dass…“ Der Laundry machte ein Gesicht, als stand die Entdeckung des Jahrtausends vor ihm, weil Link das erste Mal versuchte ihm ehrlich mitzuteilen, was mit ihm los war.

„Worüber ärgerst du dich?“, bohrte William geduldig nach.

„Dass…“

„Ja?“

„Dass ich mich so…“, wollte er erklären.

„Wie war das?“

Link brüllte dann: „Dass ich mich so kindisch und trotzig anstelle!“

Will grinste und lachte dann. „Ein Wunder ist geschehen! Bei den Göttinnen, Link ist endlich mal ehrlich zu seinem geduldigen Freund. Endlich gibt er zu, dass er sich wie ein eingeschnapptes, mürrisches Kind benimmt! Es geschehen noch Zeichen und Wunder. Und das in Hyrule.“

„Haha…“, meinte Link tonlos. Aber aus irgendeinem Grund hatte Will es mit seiner Art und Weise geschafft mehr als Vertrauen in Link zu wecken. Und es war nicht einmal mehr schlimm oder demütigend für den einstigen Heroen. Es fühlte sich gut an, und völlig normal…

 

„Aber jetzt mal ehrlich“, begann der hochgewachsene Grünäugige. „Was ist eigentlich los, dass du schon so früh auf den Beinen bist.“

„Ich habe die letzten Tage wohl einfach zu viel geschlafen“, sinnierte Link nach Erklärungen. „Und völlig vergessen, dass wir heute die Aufträge abgeben müssen.“ Etwas schuldbewusst sank das Grinsen aus Wills Gesicht. „Ah, tut mir leid, ich wollte dich noch daran erinnern, hab‘ es aber vergessen.“ Link zuckte mit den Schultern, hätte seinem Freund ohnehin keine Vorwürfe gemacht.

„Wie wäre es, schreib‘ den blöden Aufsatz jetzt, muss ja nicht viel sein, oder? Es ist nirgendwo etwas festgelegt, wie viel es sein muss. Du hast ja noch eine Stunde Zeit!“ Perplex, nicht selbst daran gedacht zu haben, hüpfte Link hinüber zu seinem Schrank, nahm sich eine Feder, Tinte und Pergament und pflanzte sich an den kleinen Tisch in der Ecke.

„Na hoppla, du nimmst die Aufträge aber ernst, huch?“, sagte Will verdattert.

„Mag sein… hast du eigentlich inzwischen die goldene Kralle einer Pteropia gefunden?“

Will nickte und präsentierte die Kralle voller Stolz. Wie ein von einem Goldschmied hergestelltes Ausstellungsstück lag die golden schimmernde Kralle auf Wills langen Händen.

„Artus und Robin hatten ähnliche Dinge zu suchen, wir sind gemeinsam auf Beutejagd gegangen.“

Link versuchte ansatzweise zulächeln. „Das freut mich… für dich…“ Er hatte seinen Satz noch nicht ausgesprochen, als Will ihn ein weiteres Mal keine zehn Zentimeter vor seinem Kopf entfernt anstarrte. „Was hat Ariana eigentlich mit dir angestellt, du bist irgendwie wie ausgewechselt. Du hast früher niemals so etwas sagen können!“

„Es liegt nicht an Ariana, auch wenn sie sich die letzten Tage so gekümmert hat“, maulte Link und wurde etwas rot um die Wangenknochen.

„Woran dann?“

„Will“, und Link konnte sein mittlerweile knallrotes Gesicht ohnehin nicht mehr kaschieren. „Können wir ein anderes Mal darüber reden, ich muss den Aufsatz schreiben.“

„Klar“, sagte der Laundry bloß und tapste mit knurrendem Magen aus dem Raum.

 

,Es lag nicht unbedingt an Ariana‘, dachte Link. ,Sondern daran, dass er auf dem Weg war seine Krankheit zu akzeptieren und… an den lebhaften Träumen mit Zelda…‘ Er räusperte sich, gab sich eine Kopfnuss und tauchte dann die Feder in das schwarze Tintenfässchen…

 

Zuerst wusste der junge Kerl überhaupt nicht, wo er beginnen sollte. Er hatte noch nie einen Aufsatz geschrieben und war nicht gerade begabt hinsichtlich dem Dichten oder Schreiben. Er war eher der begabte Schwertfechter oder Bogenschütze, aber nun mal kein Philosoph oder Künstler. Über fünf Minuten vergingen, in denen ihm überhaupt nichts einfiel. Es war eher Zufall, dass ein aussagekräftiges, wunderschönes Wort durch seine Gehirnwindungen streifte. Ein Wort, vor dem sich Böses fürchtete…

 

Edelmut…

 

Vielleicht war genau das der Beginn einer kleinen Geschichte, in welche er Arn Fearlesst einordnen konnte. Eine Geschichte über Helden und jene Wesen, die für die schönsten und stärksten Ideale der Welt kämpften und untergingen.

 

Link dachte mit einem geruhsamen Lächeln an seine Abenteuer, die vielleicht nie wieder zurückkehrten. An das, was er geleistet hatte, als die Zeiten düster waren. Er dachte an all‘ die Helden in Hyrule, bis hin zu den Hylianern, die Tag ein Tag aus für ihre Ziele Risiken und Schmerzen eingingen. Er dachte an Ariana, die sympathische Schmiedtochter mit ihrer rebellischen, zickigen Ader, und er dachte an Nicholas, einen ehrenwerten Mann, der trotz herber Schicksalsschläge nicht gebrochen war. Und diese Gedanken brachte ihn unweigerlich zu seinem Vorbild. Arn Fearlesst war einer jener wunderbaren, edlen Wesen, für welche es sich lohnte zu kämpfen und an welche Link mit jeder Faser seines Herzens geglaubt hätte.

 

Mit einem angenehmen Gefühl, einer beruhigenden Stimmung, als wandelten freundliche Gespenster durch Links Zimmer und schauten ihm über die Schulter, als führte ein alter Geist die Feder, begann er zu schreiben: 

 

,Wir alle kennen sie, jene Geschichten über Ritter und ihre Ziele, über vernichtende Schicksalsschläge, und wir kennen die Märchen, die man sich in den hylianischen Landen erzählt. Mit einer unglaublichen Faszination erinnern wir Kämpfer, die ihre gesamte Lebenszeit in den Dienst des Guten gestellt haben. Alles für eine Welt, die man, wenn man ihr begegnen und jeden kostbaren Winkel bewandern und erforschen konnte, auf ewig lieben und verehren würde. Hyrule hütete goldene Schätze und Mächte. Aber Hyrule besaß auch etwas viel wertvolleres, nämlich jene Helden, die für andere einstehen würden bis zum Blut. Bis zum Tod…

Einer jener Männer war ein Ritter ohnegleichen. Er verehrte Hyrule bis zum Schluss, und er hatte stets auf sein Schicksal und die Elfen vertraut, die ihn begleiteten. Er hatte Leid gesehen, verlor alles, was ein Mann verlieren konnte, und doch, war sein Herz rein und er stets auf dem Weg geblieben, den er als den wahren und richtigen angesehen hatte und er trug einen Namen, der beispiellos für das gefürchtete Ideal Edelmut stand. Er war einer der Furchtlosen, wie sie jene Familie in Hyrule nannten. Einer derer, die man oft als übermütig oder leichtsinnig beschimpfte, vielleicht sogar als dumm und schwachköpfig. Aber er hatte immer auf sein Schicksal vertraut, ein Grinsen denen gezeigt, die ihn niedermachen wollten. Er war nicht umsonst ein berühmter Ritter, der sich bis an die Seite des Königs vorarbeiten konnte.

Er war ein Fearlesst, einer eines alten edelmütigen Geschlechts, das sich Ängsten und Dämonen stellte.

Er war Arn Fearlesst, ein Familienvater, ein Ehemann, und ein Held.

Ja, Arn Fearlesst hatte einen berühmten Namen. Aber er hatte ihn, wie seine Ahnen, nicht nötig. Denn diejenigen, die bedeutend für Hyrule sind, leben irgendwo in unserer Geschichte… und sie leben weiter… Wir müssen ihre Namen nicht erinnern, um zu wissen, dass sie existierten, jene selbstlosen Wesen, die sich für andere aufopferten. Jene selbstlosen Hylianer, die alles tun würden, um anderen zu helfen und andere zu beschützen. Jene, als Inbegriff von Edelmut und Freiheit…‘

 

Als Link die Feder absetzte und etwas irritiert auf Wills merkwürdige Kuckucksuhr blickte, hatte er das Gefühl, er wäre für einige Minuten völlig in Trance gewesen und konnte sich teilweise nicht einmal daran erinnern, was er hier geschrieben hatte. Er blinzelte, erhob sich und öffnete das Fenster. Er brauchte aus irgendeinem Grund frische Luft und sah dann irritiert noch einmal auf die Uhr. Tatsächlich waren keine fünf Minuten vergangen, in denen er ein ganzes Blatt Pergament vollgeschrieben hatte.

 

Gerade da steckte Will seinen Schädel durch den Türspalt. „Hey, Link, ich gehe jetzt runter in den Speisesaal, soll ich dir was mitbringen?“ Verwundert heftete der einstige Held der Zeit seine tiefblauen Augen zu Will und wirkte schlichtweg durcheinander.

„Was ist? Du solltest endlich mit dem Aufsatz anfangen“, meinte er.

„Ich bin, glaube ich, schon fertig…“, entgegnete Link und kam sich gerade irgendwie veralbert vor. 

„Ach echt? Hast du die Zeit manipuliert, oder was?“ Will stiefelte wie immer neugierig in den Raum und steckte seine Laundrynase in fremde Angelegenheiten. Je mehr William las, umso mehr trat eine wundersame Form der Anerkennung in seine leuchtend grünen Augen.

„Hey, der Aufsatz ist unglaublich gut. Das klingt nicht nur so, als hättest du ihn gekannt, das klingt so, als wüsstest du wirklich, wovon du hier schreibst.“

„Ich weiß nicht“, brachte Link hervor. Ihm war irgendwie etwas mulmig. „Ich brauche frische Luft…“, setzte er hinzu und trat dann nachdenklich aus dem Raum.

 

Will jedoch nahm am Schreibtisch Platz und las die Worte ein weiteres Mal. Sie berührten ihn und er dachte scharfsinnig: ,Einen solchen Aufsatz konnte nur jemand schreiben, der wusste, was es bedeutete ein Ziel zu haben und für dieses Menschenunmögliches zu leisten. Diese Worte konnte nur jemand finden, der das Grausamste gesehen und überstanden hatte. Jemand mit einer unzerstörbaren, alten Seele. Ein Held…‘

 

Will war sich nun sicher, dass er sein Zimmer mit dem Helden der Zeit teilte. Und allmählich konnte er verstehen, warum er sich so abweisend verhielt. Er grinste etwas. Link schrieb von ,edlen Seelen‘. Dabei war er derjenige, dem solche Worte gelten sollten. Er war der Edelmut in Person. Nur er…

 
  Insgesamt waren schon 112726 Besucher (404572 Hits) hier!