34. Kapitel
 
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Kapitel 34: Ausflug in die Hauptstadt

 

 

Kurz vor dem Mittagessen, dessen Duft nach gut gewürzten Hähnchenkeulen bereits die hylianische Luft erfüllte, schaute der einstige Held der Zeit unentwegt auf die große, klappernde Uhr, die im Vorlesungssaal hing. Konnte die Zeit nicht schneller ticken? Er saß gelangweilt und zugleich ungeduldig neben einem enthusiastischen Will, der mit Bewunderung und Interesse den Worten der stolzen Gerudo Kramanzia lauschte. Sie erklärte mittlerweile zum hundertsten Mal Grundlagen über das Bogenschießen, denn ohne diese, erlaubte sie den Ritterschülern nicht auch nur einen Finger an so etwas Edles und Filigranes wie einen Bogen zu legen. Natürlich schlich sich die Langeweile in Links reifes Gemüt. Wie sollte diese auch nicht? Er hatte in der alternativen Zukunft mit seinem Talent im Bogenschießen sogar ein so stolzes, arrogantes Volk wie die Gerudos beeindruckt und einen Rekord erzielt, den das kapriziöse Frauenvolk sehr geschätzt und auch belohnt hatte. Nur über die Belohnung wollte Link nicht unbedingt länger nachdenken. Er wurde etwas scharlachrot im Gesicht, dachte an das alberne Ritual des Moblinfleischverzehrs, das die Gerudoweiber durchgeführt hatten und an die etwaige Belohnung, die er jedoch ausgeschlagen hatte. Man hatte ihn eingeladen eine Nacht in der Festung zu verbringen, und das in verführerisch nach Jasmin duftenden Räumen, die normalerweise nicht zugänglich waren, gemeinsam mit drei jungen Gerudodamen, die, so hatte man ihm gesagt, für die Therme in der Festung zuständig waren. Als er den Raum und die halbnackten Damen in ihren bunten Seidengewändern gesehen hatte, war ihm allein der Anblick der drei attraktiven, braungebrannten Damen zu viel und er war hektisch von dannen gestürmt…

In dem Augenblick stand die rothaarige Dame mit ihrer sandgelben Hose und der bauchfreien Tracht ihres Frauenvolks mit dem Zeigestab vor Links Tisch und musterte ihn zornig. Er lugte zwinkernd nach oben und blickte in das ernste, scharfkantige Gesicht der Lehrerin. Sie ließ den Zeigestab immer wieder in ihrer anderen, glatten Hand niederkrachen und schien verärgert. Will gab Link zusätzlich einen gut gemeinten Stups in die Rippengegend und murmelte etwas, das jener nicht verstand. Aber trotzallem wusste er, dass die kräftige, durchtrainierte Dame mit den katzengelben Augen vor ihm sehr genau beobachtet hatte, wie wenig Interesse er an ihrem Unterricht hegte.

Link versuchte den Knoten in seinem Hals herunter zu schlucken, als die Dame jedoch grinste und den Kopf schüttelte. Sie sprach mit ihrer rauen, tiefen Stimme belehrend: „Es mag stimmen, dass einige in dieser Klasse den Unterricht nicht nötig haben, ich rate euch dennoch aufzupassen, schließlich finden nach den Winterferien kurze Tests statt, auch wenn die großen Prüfungen erst am Ende des Jahres angesiedelt sind. Nichtsdestotrotz beinhalten auch die kurzen Tests jede Menge Theorie.“

Sie schenkte Link noch einen zynischen Blick, zwinkerte aber dann belustigt und da fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Er hatte diese Dame früher schon einmal gesehen, nicht nur, als Naboru sich mit ihr unterhalten hatte, nein, sie hatte ihn damals gesehen und auch angesprochen, als er neugierig an den riesigen Wasserfällen des Gerudotals entlang geschlichen war. Und sie hatte ihn damals sehr grob und fies belehrt, dass er dort nichts verloren hatte.

 

„Gibt es eigentlich irgendein Fach, das dich mal nicht langweilt und wo du nicht mit Erfahrung und Talent punkten kannst?“, murmelte Will gehässig und räumte seine magische Schiefertafel in seine Ledertasche. Er richtete sich auf und streckte seinen schlanken, langen Körper nach Liebeslaune.

„Das kommt dir doch bloß so vor“, entgegnete der Angesprochene. Link hüpfte auf die Beine, blickte noch einmal zur Uhr, erfreut, dass Kramanzias Stunde vorüber war, er nur noch Mittagessen gehen brauchte, und dann könnte er ins Schloss reiten. Endlich… endlich hatte er den Mut gefasst mit Zelda zu reden…

„Warum schaust du eigentlich dauernd zur Uhr, das ist mir bei Newheads Unterricht vorhin schon aufgefallen“, meinte Will verdutzt und hoffte, er bekam eine ehrliche Antwort. Seine Kommunikation mit seinem merkwürdigen Zimmergenossen hatte sich zwar in den letzten Tagen, auch weil er sich so um Link bemüht hatte, deutlich verbessert, aber es gab immer noch bestimmte Dinge, über welche der heldenhafte Junge gerne schwieg. Will hoffte, dass auch das letzte Eis irgendwann schmolz und er ihm die Wahrheit über sich, die vielen Narben an seinem Körper und seinen kriegerischen  Fähigkeiten, erzählte…

„Ich wollte nach dem Mittagessen in die Stadt reiten…“, sprach Link leise und schaute betreten zu seinen Stiefeln.

„Ach echt? Du meinst in die Hauptstadt?“ Will war nicht einfach nur verdutzt, es überraschte ihn maßlos, dass Link einmal etwas anderes vorhatte als einfach nur in seinem Zimmer zu hängen, Okarina zu spielen oder im Wald herumzulungern.

Link nickte umständlich und schabte mit den abgetragenen Lederschuhen verlegen über den Boden.

„Und was willst du dort?“ Erneut musste Will ihm alles aus der Nase ziehen.

Und es war vielleicht das erste Mal, dass der neugierige Laundry den Ansatz eines Lächelns auf dem Gesicht seines mittlerweile besten Freundes erkennen konnte. Ganz versteckt und zaghaft, beinah unwirklich, verschoben sich die feinen Muskeln in Links Gesicht. Aber er schwieg.

Kichernd trat Will mit dem vergessenen Heroen in Richtung Tür und klopfte ihm auf die Schulter. „Ich verstehe schon, du willst die Prinzessin besuchen, habe ich Recht?“ Ertappt sah der blonde Jüngling auf und ärgerte sich fast ein wenig darüber, dass Will ihn so leicht durchschaute. Link nickte weitschweifig.

„Wenn du nichts dagegen hast, komm‘ ich mit. Ich muss ohnehin noch Bücher in der Schlossbibliothek ausleihen. Anordnung von Aschwheel. Und ich hab‘ sonst nix zu tun.“

Link runzelte die Stirn, war sich nicht sicher, ob das eine so gute Idee war, andererseits musste er zugeben, dass er Wills Gesellschaft immer angenehmer fand.

„Jetzt sag‘ bloß nicht nein“, sprach er grinsend. „Weil ich dann nämlich einige Argumente parat habe, die dich überzeugen.“

„Will…“

„Also erstens, du hast mir immer noch dein Versprechen, mit mir zu trainieren, nicht erfüllt.“

„Will“, meinte Link etwas lauter. 

„Dann wolltest du eigentlich mir einen Gefallen dafür tun, dass ich keinem verrate, dass du die Prinzessin kennst.“

Link trat dann vor ihn und hinderte ihn an seinem Weg, ehe sich jener noch in weitere Diskussionen verstrickte. „Will, ich habe nichts dagegen, dass du mitkommst.“

Erheitert sah der Grünäugige auf, war jedoch gleichzeitig verwundert über Links Aussage. „Ach echt?“ Er grinste so breit wie noch nie in seinem Leben und rannte vorwärts. „Gut, ich frag‘ Artus noch, ob er mir sein Pferd leiht. Wir sehen uns dann beim Mittagessen.“ Link schnaubte und atmete tief durch. Will war wirklich unverbesserlich…

 

In schwere Gedanken versunken war Link der letzte Schüler, der sich im Vorlesungssaal aufhielt. Er bemerkte zunächst nicht, dass Kramanzia eines der riesigen Fenster im Saal öffnete und blickte erst dann verwundert auf, als ein stolzer, fast schon riesiger, goldgefiederter Falke stürzend in den Saal rauschte. Das schöne, starke Tier kreischte hell und aufhorchend, erschuf sich Respekt mit einem Schrei, der sonst nur in den weiten Tälern Hyrules umher schallte. Das kräftige Tier ließ sich stolz auf Kramanzias rechtem Arm nieder und ließ sich von der Gerudo eine kleine Rolle Pergament, gebunden an den Hals des Tieres, abnehmen. Zögerlich warf Link einen Blick auf die Rolle. Seine scharfen Augen nahmen ein Gerudosymbol wahr, mit welchem sich nur eine Anführerin schmückte. Sofort verstand er, dass die Rolle von Naboru stammen musste. Gerade da schenkte Kramanzia dem Jungen einen belehrenden Blick und machte ihm deutlich, dass er sich in diese Angelegenheit nicht einzumischen hatte. Link hob entschuldigend seine Hände, trat aus dem Vorlesungssaal hinaus, aber warf noch einen Blick zu Kramanzia. Sie hatte den Brief geöffnet, als der Falke aus dem Fenster flog. Sie war sichtlich berührt von dem Schreiben, faltete es sofort wieder zusammen und schaute mit ihren katzengelben Augen noch einmal in Links Richtung. Und was der Heroe in diesen sonst so starken Augen deuten konnte, war ein Gefühl von Unterlegenheit und Angst. Sie schüttelte den Kopf, trat näher und verschloss die Türen vor Link. Ratlos und ein sehr ungutes Gefühl spürend, stand Link vor dem Saal. Sein Triforcefragment pochte wie wahnsinnig…

 

Und das Pochen und Pulsieren der goldenen Macht schien sich in dem Augenblick mit dem Galopp stolzer Reittiere, die vom nahen Westen in Richtung eines gut bewachten Grenzposten ritten, anzugleichen. Eine Horde stolzer, schwarzer Pferde mit glänzenden Mähnen trampelte näher zu dem Stützpunkt an der westlichen Grenze, wo auch Valiant von Hyrule stationiert war und einigen Vorfällen nachging. Zudem übte Valiant in seiner Position als Neffe des amtierenden Königs viele vertrauliche Tätigkeiten aus und er hatte einen guten Grund sich ausgerechnet dort aufzuhalten. Er hatte weitreichende Pläne für das Königreich Hyrule und wusste nur zu gut, dass sein Onkel nicht mehr der Jüngste war. Valiant war ein stolzer Hylianer und eifrig, was seine Vorstellungen und sein Pflichtgefühl gegenüber Hyrule anging, nur legte er nicht so viel Wert auf demokratische Vorgehensweisen wie sein Onkel dies tat. Und neben seinem derzeitigen Auftrag an der Grenze für Recht und Ordnung zu sorgen, kontrollierte der Prinz gerne die Einwanderer und deren Waren. Und er war misstrauisch gegenüber vielen Völkern, die mit Hyrule interagierten, vor allem gegenüber Abgesandten des Frauenvolks im Westen Hyrules. Seine grauen Augen strahlten von seinem Gemach nach draußen und auch er konnte die stolzen Reittiere, die Gerudos züchteten, näher hasten sehen. Etliche Gegenstände und Schätze transportierten die starken Pferde neben ihren weiblichen Herren. Teppiche. Goldene Gefäße. Bunte Gewandungen. Säcke mit Mehl. Valiant schnallte sich sein Schwert um und verließ sofort seine Gemächer.

Als die Abgesandten der Gerudos, unter denen sich auch Naboru, eine reinrassige und staatliche Kriegerin, befand, am Tor zum Stehen kamen, erschien der Königssohn in seiner funkelnden Ritterrüstung und ließ jene Besucher zunächst nicht passieren. Stolz sprang Naboru in ihrer sandweißen Gerudotracht von ihrem schwarzen Reittier und zog sich ihre Kapuze vom Kopf. Wildes, feuerrotes Haar wurde sichtbar, das sie sich zurückstrich. Sie war etwas verwundert, dass die hylianischen Wachposten ihre Sippe nicht durch die Pforte ließ, zumal sie alle Papiere vorweisen konnte, die notwendig waren, immer Steuern zahlte, und obwohl sie Angehörige des Landes war.

„Was ist hier los?“, sprach die Gerudo und musterte den Prinzen misstrauisch. Valiant trat näher, begleitet von einem belehrenden Klappern seiner Rüstung. Seine rechte Hand ruhte gefasst auf dem Griff seines Schwertes.

„Da sich hier an der Landesgrenze immer mehr Angriffe ereignet haben, ist es meine Anordnung, dass jeder, der Eintritt verlangt, sich einer Kontrolle unterziehen muss“, sprach er, winkte seinen Soldaten zu, die sofort die Pferde und Waren unter die Lupe nahmen.

„Ist das ein königlicher Befehl oder auf Euren Mist gewachsen, Valiant von Hyrule?“, fragte Naboru und stellte sich den Soldaten in den Weg. „Seit wann müssen wir Gerudos Zeugnis darüber ablegen, welche Waren wir von weither mitbringen?“

„Ich bin nicht geboren worden um Gerudos Rechenschaft abzulegen. Das ist mein Befehl und mein Wort gilt hier“, entgegnete er scharf, nickte seinen Soldaten ein weiteres Mal zu, die dann unwirsch die Beutel, Säcke und anderen Gefäße aufrissen. Zuerst wollten sich die fünf weiteren Gerudodamen noch wehren, als aber Naboru mit dem Kopf schüttelte. Sie würde sich von einem Hylianer wie Valiant niemals belehren lassen und sie hatte es nicht nötig sich an schwachen Soldanten wie jenen die Finger schmutzig zu machen. Aber sie würde sich diesen Umstand merken. Es war lange her, dass sie so unehrenhaft von den Hylianern behandelt wurde. König Harkenia oder Prinzessin Zelda würden niemals so misstrauisch ihr gegenüber handeln. Und im Kreis der Gerudos war ein solches Zeichen der Missgunst und Zwietracht, jene Signale, die Valiant gerade aussendete, ein Verbrechen, das sehr hart bestraft wurde.

Naboru blickte Valiant verachtungsvoll, und sicherlich überlegen entgegen und wartete nur darauf, dass er auch ihre Lederbeutel, die sie an ihrem Gürtel festgeschnallt hatte, unter die Lupe nahm. Tatsächlich trat er näher, während seine Soldaten akribisch seinen Befehlen nachgingen. Er musterte die kräftige, vollbusige Schönheit von oben bis unten und sein Blick blieb tatsächlich an Naborus Lederbeuteln haften. „Zeig‘ mir den Inhalt deiner Taschen!“

Er griff an Naborus Gürtel, als sie ihn mit einer starken Hand davon abhielt.

„Für Euch noch immer Anführerin Naboru. Ich habe Euch kein Du erlaubt!“, zischte sie und wich flink aus seinem Zugriff. Valiant spuckte zu Boden und entgegnete scharf: „Ihr wisst eh, dass ich von Eurem Weibervolk nicht gerade viel halte. Ihr habt den damaligen Krieg zu verantworten, vergesst das nicht. Ihr seid Mitschuld am Tod meines Vaters.“ Naboru lachte bärbeißig auf und schüttelte ihren hübschen Kopf. Ihre goldenen Augen funkelten eindringlich. Aber sie ließ sich nicht provozieren. Von einem schwachen Mann wie Valiant, der mit seinen Anschuldigungen und bemitleidenswerten Unfähigkeit zu vergeben, Grenzen überschritt, würde sie sich niemals aus der Reserve locken lassen.

„Und ihr vergesst nicht, dass es die Hylianer waren, die sich haben manipulieren lassen, auch euer stolzes Volk trägt Mitschuld. Eure selbstgefällige Monarchie hat oft genug den widerwertigsten Gräueltaten zugesehen… zu oft in Hyrules Geschichte.“

Valiant ließ einige Schimpfwörter über seine Lippen gleiten, aber ließ nicht locker. Erneut sprach er angriffslustig: „Den Inhalt Eurer Taschen, Gerudoweib!“ Gekränkt über den Umstand, dass ihr so dermaßen misstraut wurde, blickte sie in die Runde ihrer Begleiterinnen, die einfach nur nickten. Sie wussten alle, wie unklug es war, Valiant herauszufordern. Er saß dennoch am längeren Hebel.

Verachtungsvoll pfefferte Naboru ihre Ledertaschen in den Dreck, worauf Valiant diese aufhob und den Inhalt ausschüttete. Es war vor allem Schmuck mit Kennzeichnung. Einige Ketten aus Gold. Ohrringe mit Juwelen, Bauchketten, Armbänder und wertvolle Münzen. Aber unter den Kostbarkeiten war ein Gegenstand, welcher dem Prinzen sofort ins Auge sprang. Eine kleine Schatulle mit einem eigensinnigen Metall war darunter. Die Schatulle war nicht besonders groß, eher schlicht, aber das kupferfarbene, weiche Metall mit dunkelblauen Sehnen weckte sofort seine Aufmerksamkeit. Verblüfft nahm er die Schatulle an sich und während er sie betrachtete, war da ein durstiges Licht nach Macht, das in seinen grauen Augen aufflackerte. Gerade da schlug die Gerudo ihm die Schatulle aus der Hand, rollte sich geschickt über den Boden und krallte sich den Gegenstand. Da war ein Wissen in ihren strahlenden, goldenen Augen und sie wusste durchaus, welchen Schatz sie in dem Moment in ihren Händen hielt.

„Ihr könnt tun, was Ihr für richtig haltet und mich weiterhin verspotten oder unter Druck setzen, aber diesen Gegenstand werdet Ihr nicht erhalten“, sprach Naboru herausfordernd.

„Wer sagt, dass mich Euer Gerudodreck interessiert“, murrte der Prinz. Er wand sich um seine Achse, grinste, aber ließ sich auf keine weiteren Spielchen ein. „Jetzt könnt Ihr von mir aus passieren“, sprach er, hob eine Hand und sendete seinen Untergeben ein Zeichen das Tor zu öffnen. Mit guter Miene zum bösen Spiel ritt Naboru mit ihrer Mannschaft durch das Tor. Wenige Meter weiter, warf sie noch einmal einen Blick zurück und konnte den Prinzen Hyrules auf der Steinmauer stehen sehen. Seine Gesichtszüge waren eindeutig. Er lachte. Denn scheinbar hatte er, was er wollte…

 

Das Mittagessen in der Ritterschule flog schnell vorüber und es war dann, dass Link und Will erfreut, dass endlich Wochenende war, in dem Stall der beiden Schulen standen und die Pferde sattelten. Der schwarze Hengst von Artus McDawn schien unheimlich zufrieden aus dem muffelnden Stall herauszukommen, Newheads junge Stute dagegen schien eher zickig und träge. Link streichelte den langen schmalen Hals des nussbraunen, schlanken Pferdes und flüsterte beruhigende Worte. Sie gehorchte schließlich und ließ sich ohne Mühe den Sattel auflegen. ,Auch dies schien eine von Links besonderen Fähigkeiten zu sein‘, dachte der Laundry. Er hatte ein wundervolles Gespür für die Geschöpfe um sich herum. Nur auf der anderen Seite machte ihn das noch unschuldiger. Etwas nachdenklich musterte Will seinen Zimmergenossen, der zaghaft lächelnd der Stute Lady auf den Hals klopfte. ,Er hatte sich zurecht gemacht‘, bemerkte Will, was Link gewöhnlicherweise nie tat. Er hatte sich rasiert, seine waldgrüne Tunika angezogen, sich die blonden, wilden Haare gekämmt und zu einem sauberen Zopf verbunden. Er hatte seine Kleidung gewaschen, denn sie war ohne Flecken. Und er hatte seine Stiefel geputzt. Alles in allem fiel auf, dass Link sich Mühe machte. Tat er dies alles wegen Prinzessin Zelda? Wollte er bei ihr einen guten Eindruck machen, oder wozu dieser immense Aufwand? Er zeigte sich von seiner allerbesten Seite. Und eine weitere Kleinigkeit sprang ihm ins Auge. An seiner rechten Brusthälfte hatte er ein weißes Abzeichen in Form eines Triforce angebracht. Das war der erste Rang!

„Nanu, wo hast du den denn her?“ Und Will grabschte mit seinen langen, dürren Händen nach dem weißen Abzeichen um dessen Echtheit zu überprüfen. Link zwinkerte und hatte völlig vergessen dem neugierigen Laundry seine Ausrede aufzutischen. Nach kurzer Überlegung erklärte Link ihm die Geschichte und erzählte, dass er ihn erhalten habe durch seine Auseinandersetzung mit Viktor. Es tat ihm leid, Will anzulügen, aber er konnte es nicht ertragen zu wissen, dass sich der neugierige, unerfahrene Laundry in irgendwelche gefährlichen Situationen stürzte. Dafür war er auch Link inzwischen zu wichtig und wertvoll.

„Das ist unglaublich, aber warum trägst du das Abzeichen nur jetzt?“ Wills Augen leuchteten hinterlistig. Und sein Laundrygespür erzählte ihm eine Wahrheit, die Link nur zu gerne mit seinem Kaleidoskop, das die Realität verändern konnte, gelöscht hätte. Abtuend kletterte Link auf das Pferd und zog sich mühevoll in den Sattel. Er pustete die Luft aus den Lungen, ärgerte sich bei dem Gedanken daran, dass er früher einfach auf das Pferd gesprungen wäre, und dies nicht mehr schaffte. Aber Zeit für Selbstmitleid hatte er noch genug… 

„Sag‘ schon, warum trägst du das Abzeichen nur jetzt?“, wiederholte Will verbissen, stieg ebenfalls in den Sattel von Stormynight und schloss neben Link an. Er konnte sein knallrotes Gesicht sehen, aber war dennoch zu neugierig Links Motive zu erfahren.

„Du willst es der Prinzessin präsentieren, was?“, sagte er grinsend. Seine schönen Gesichtszüge wirkten erfreut und frisch, als er lächelte. „Ist ja auch verständlich, es ist ein Abzeichen, das Stolz und Stärke präsentiert. Und jeder Depp sieht, wie du dich extra für sie herausgeputzt hast.“

Link schluckte und blickte schräg seitwärts, als sie beide über den Innenhof der beiden Schulen trabten. ,Das stimmte doch gar nicht‘, entschied er, aber biss sich auf die Lippe.

„Jetzt gib‘ halt endlich zu, dass du in Prinzessin Zelda verschossen bist!“, rief Will, sodass es auch einige Schüler und Schülerinnen mithören konnten. Link sah ihm fuchsteufelswild entgegen und betete, dass er endlich seinen Schnabel hielt. Fing er jetzt auch schon so an wie Nicholas? Warum, bei den Göttinnen, dachten eigentlich alle, dass er in die Prinzessin Hyrules verliebt war! Na gut, dachte er, vielleicht war etwas dran, aber warum wussten alle Leute eher davon als Link selbst?

„Wer weiß, was du in deinen Träumen mit ihr anstellst, so wie du ständig ihren Namen murmelst“, setzte Will hinzu. Daraufhin wäre der gute Link jedoch beinah vom Pferd gefallen. Er wusste nicht, dass er Zeldas Namen so oft und scheinbar auf eine peinliche Art und Weise murmelte. Vor lauter Entsetzen und Nervosität rutschte er mit seinen Stiefeln von den Steigbügeln, verunsicherte mit seinen uneindeutigen Signalen das Pferd, und hing seitlich im Sattel. Er hatte Mühe sich wieder zu fangen und schaute bissig zu seinem Freund, der laut kollernd dem Pferd die Sporen gab.

 

In voller Blüte, strahlend in goldenen Lichtstrahlen, lag die herbstliche Steppenlandschaft Hyrules vor den beiden jugendlichen Reitern. Frei und unbezwingbar hetzten die Pferde vorwärts und genossen wie beide Reiter die frische, kühle Luft, die prickelnden Sonnenstrahlen des Feuergottes am Himmel und die märchenhafte Landschaft vor ihnen. Freiheit in purer, unvergänglicher Form, Leben und Genießen. Und es war eines der ersten Male seit den letzten Monaten, dass Link die Schönheit um sich herum wieder wahrnehmen und bewundern konnte…

Als Link und Will eine große Steinbrücke über Hylos, den größten und reinsten Fluss Hyrules, passierten, blieb Link ruckartig inmitten der viel befahrenen Brücke stehen. Für einen kurzen Augenblick, zu unwirklich, als es deutlicher wahrzunehmen, hatte den Eindruck ein neuer Krankheitsschub sauste seinen Rücken entlang bis hinauf zu seinem Schädel. Er atmete tief durch, blickte zu den rasenden Stromschnellen und beobachtete den Spiegel des Wassers. Hyrules Lichtstrahlen, warm und gleißend, brachten die Wasseroberfläche zum Funkeln. Er wischte sich über seine Stirn, als die Schmerzattacke wieder verschwand. Blinzelnd überblickte er seinen Standort, schaute dann zu einem winkenden Will und konnte sich das kurze Krankheitsgefühl nicht weiter erklären. Mit einem zaghaften Grinsen und der Vorfreude Zelda endlich wieder zu sehen, sich mit ihr auszusprechen, gab Link dem Pferd die Sporen und sauste hinter Will her. Aber keiner von beiden konnte auf der malerischen Steppenlandschaft die Risse wahrnehmen, Risse im Gestein, Risse in allen Elementen und Risse in der Zeit. Auf der funkelnden Wasseroberfläche begann das Wachstum einer Macht, die in Hyrules Geschichte niemals niedergeschrieben und immer in dunkle Erinnerungen verbannt wurde. Der Spiegel des glitzernden Wassers zersprang wie ein Kristall, der zerschmettert wurde. Und irgendwo dort, wo Scherben klirrten, wo Lichtstrahlen gebrochen wurden, irgendwo zwischen Zeit und Schicksal hausten die Dunklen…

 

In einer gefürchteten Dimension, ungesehen von den weisesten Augen des Landes, schoss ein aus starkem Metall und mit Blut beschmutzten Gestein erbauter, hoher Turm in den Himmel, dessen düsteres Gesicht den orangegrauen Himmel verhöhnen wollte. Es war ein Observatorium, ein Ort, der einst genutzt wurde um bis in göttliche Reiche zu schauen und den Sinn Hyrules im Weltengeschehen zu begreifen. Doch der einstige Zweck jenes Observatoriums geriet bereits vor Jahrhunderten in Vergessenheit und keinen interessierte, wann und durch welche Mächte jener schöne stählerne Turm in diese Dimension verschluckt wurde. Er stand auf einem glatten, felsigen Gestein, war durch festes Eisen tief in das Gestein gehauen worden und rings um den Turm floss gemächlich, dampfend und zermürbend flüssige Glut. In gleichmäßigem Takt schwappte Lava, sich verflüssigend und wieder erstarrend an die eisernen Hänge des Turmes. Nicht eine Pflanze wuchs hier. Aber der Boden war angereichert mit den teuersten Erzen. Der Turm besaß eine schwere, glänzende Pforte und in das silbergraue Metall, auf feinste Weise mit dem Schweiß bester Handwerker, waren groteske Fratzen eingearbeitet worden. Und die feine Kunst setzte sich fort bis in die Höhe. Mit Blut und Tränen ergossen Künstler einst riesige Gestalten aus Gestein, die auf Vorsprüngen in jedem der an die Dutzend Stockwerke angebracht waren und die Ebenen bewachten. Von einer riesigen Schlange bis zu einem gefräßigen Raubvogel waren einige Tiere, je eines für die größten Völker Hyrules stehend, erschaffen worden und nur im letzten Stockwerk des Turmes brannte Licht aus runden Fenstern. Lärmende Stimmen, grausiges Gelächter und viehisches Schreien, drang von innen nach außen. Und als ein Dämon, in Gestalt einem Hylianer sehr ähnelnd, nach oben tapste, seine schwarzbemalte Rüstung und ein riesiges Horn auf seinem Rücken geschnallt klappernd, und sich eine weitere Pforte im siebten Stockwerk öffnete, wurden die zischenden Stimmen lauter. Mit furchtlosen Schritten stolzierte er vorwärts. Unten seiner dunkelroten Kapuze leuchteten seine Augen verräterisch. Er trat durch das eiserne Tor, trat ehrfürchtig auf einem schmalen Steg aus dunklem Gestein weiter. Seine rubinroten Augen blickten nach links und rechts, wo in einigen unförmigen Becken dampfende Lava glühte. Und vor einem Thronsessel, der gehüllt war in die finsterste Nacht, eine Membran wie schwarzes Kerzenwachs umrahmte jenen, sackte der muskulöse Dämon auf die Knie. Seine dunkelrote Kapuze fiel zurück und zeigte das Abbild eines Wesens, dass sowohl Hylianer als auch Dämon sein könnte. Schütteres blondes Haar fiel wild bis zu seinen Schultern, aber ein mit frischen Narben überzogenes Gesicht und der Wahnsinn in machthungrigen Augen ließ eine Spur der verruchten Seele erkennen, die in seinem Körper hauste.

„Lord Chadarkna… mein Lord… die Fäden des Schicksals verheddern sich… hier bin ich zu Euren Diensten“, schleimig flossen seine giftigen Worte aus seinem lippenlosen Mund.

„Du bist… meine makelloseste Kreatur, stark und grausam wie ein von uns gezüchtetes Wesen und doch rein und hell wie ein Hylianermann… Die Substanz der Lichtwelt in deinen Zellen pulsiert…“, zischte es. „Was hast du zu berichten?“ Lange schmale Finger drangen von der Gestalt auf dem Thron durch die dünne, flüssige Membran und spitze Fingerkuppen zeigten sich.

„Eure Macht wächst… die Weissagungen der dunklen Weisen treffen ein… und jene, die sehen, sehen nicht mehr. Jene, die lieben, lieben nicht mehr… und jene, die kämpfen, kämpfen nicht mehr… die Wirklichkeit verschiebt sich…“ Seine rubinroten Augen glühten und ein dunstiger Schatten glitt auf sein Gesicht. Freudig erregt sah er auf. Sein Herr und Meister erhob sich ebenfalls von seinem Thron und die schwarze Membran floss wie Wasser die wenigen Stufen hinab, bis sie in der heißen Lava verdampfte. Eine Kreatur ewiger Nacht zeigte sich, lang und muskulös. Ein enges, zähes Gewand lag wie eine zweite Haut auf seinem Körper und ließ seine Stärke und Stattlichkeit erkennen. Ein Umhang, glänzend und gehalten nur an zwei silbernen Schulterplatten, fiel an seinem Rücken hinab. Drei nackte hylianische Frauen lagen zu seinen Füßen, beschmiert mit Blut und Dreck. Sie sangen, streichelten die Füße des Dämons und blickten mit kranken Blicken hinauf zu ihrem Herren. Sie schrien, gruben ihre Nägel in ihr eigenes Fleisch, als der Lord weiter trat. Galligfarbene Augen, grün, gelb und rötlich, trafen auf die rubinroten seines Dieners.

„Was noch… Was ist noch da draußen… wo das Licht vergeht… Was kann mir Befriedigung bringen?“ Der Diener des Dunklen erhob sich lachend. In seinen Augen loderte der Wahnsinn noch stärker. „Die Schlüssel, mein Lord… die Schlüssel können euch Genugtuung bringen…“, entgegnete der blonde Dämon. Daraufhin leckte sich der Meister des Turmes mit einer dreifach gespaltenen Zunge über seine schwarzen Lippen. Er streichelte genüsslich einen kupferfarbenen Ring an seiner rechten Hand.

„Wo… sag‘ mir wo… Wo finde ich das einzige, was mich erfüllt… ich will es spüren… ich will diese Schlüssel spüren… ihr Herz pumpt quälend… ihr Gesang erfüllt meine Ohren… ihre Macht erdolcht mein Herz…“, er leckte sich erneut über seine Lippen und als sich sein Mund öffnete, glänzte dort bei seinen Zähnen ein Zahn ebenfalls in kupferfarbenem Schimmer.

Auch sein Untergebener schien erfreut. Er grinste barbarisch und richtete sein Haupt in die Höhe. Machttrunken glitten weitere Worte über seinen Mund: „Mein Gebieter… der nächste Schlüssel, so sagten die Schatten, die sich fürchten, wird dort sein, wo junges Fleisch heranreift für die Schlacht, wo Metall von billigen Schwertern in lausigen, blutarmen Fechtstunden untergeht. Dort sei der nächste in der Hand des einen Helden… dort sei die Schlacht und unser Blut…“ Er verbeugte sich, grinste wieder. Der Lord lachte kollernd, trat zu seinem Thron und umfasste das Genick einer der gefolterten Hylianerfrauen. Er hob jene Schwarzhaarige in die Höhe, ließ sie zappeln wie gottloses Vieh und leckte salziges Blut von ihrer Brust. Seine linken spitzen Finger gruben sich tief in das Fleisch der Dirne, bis ein unartikulierter Seufzer aus ihrer Kehle schoss. Erst dann ließ er die Frau wie eine körperlose Hülle fallen.

„Dann reite mit fünfzig Kreaturen… reitet, wenn der Himmel sich rot färbt… reitet hinein in die Schlacht und prügelt die Seelen der hylianischen Knaben aus ihren schwachen Körpern“, befahl die Bestie und ließ ihre dunkle Kapuze nach hinten fallen. Sein Gesicht war silbern wie Mondlicht, beinah unbefleckt und rein. Nur ein flammendroter Zopf fiel geflochten, die Schädeldecke teilend nach hinten, wo sonst alle Haare fehlten. Und an seinem rechten rundlichen Ohr hing verschönernd ein weiterer aus kupferfarbenem Metall bestehender Schlüssel.

„Und wenn wir jene gefunden haben… wenn Euch die Schlüssel gehören…“, sprach sein Diener, der verächtlich zu den stöhnenden, seelisch gefolterten Frauen sah. „Wann wird der Thron Hyrules fallen… wann endlich?“ Der Mann stieß die Luft aus seinen Lungen wie ein Stier, schien ungeduldig und lebte nur für die Vernichtung Hyrules.

„Destinia wird fordern, dass die Brut des Bösen auf freien Fuß kommt… auf ewig soll… der Fluch währen… kein Held wird jemals wiederkehren und dann wird Harkenia fallen…“, entgegnete der Lord Chadarkna. 

„Der Held… lächerlich…“, spukte der Dämon und verbeugte sich. „Sehnt Ihr Euch nicht nach seiner Vernichtung? Ist es nicht das, was Euch genauso wie uns alle befriedigen kann?“

Ein gehässiges Lachen kam als Antwort. „Ich sehne mich nach dem Genuss ihn zu demütigen… der Tod kann niemals die Erfüllung bringen, die mir zusteht… Ich allein werde den Mut aus seinen Venen quetschen… Ich allein werde ihm sein schlagendes Herz herausreißen… Ich allein töte, was sein einziger Begehr ist…“ Er schritt anmutig zu einem Beistelltisch. Auf jenem befand sich ein goldener Kelch mit einer tiefroten Flüssigkeit. Genießend hob er das Gefäß in die Höhe und kostete davon. „Sein Blut ist süß… das Blut eines Helden…“, sprach der Chadarkna.

„Er scheint sich nicht zu erinnern, was er bereit war zu tun…“, entgegnete der Untergebene.

„Das ändert nichts an seiner Vernichtung“, flüsterte sein Gegenüber. „Rufe mich mit deinem Horn, dann, wenn du ihn niedergerungen hast… Sein Leid für unseres…“

„So soll es sein“, sprach der blonde Mann, blickte verräterisch zu Boden und seine Augen loderten in einer neuen Faszination. „Mein Lord… mein Lord…“ Er streichelte das Horn, das auf seinem Rücken hing. Er würde jenes benutzen um die Dunklen zur Schlacht zu rufen und das noch am heutigen Tag. Auch er war befriedigt, erfüllt von dem Gedanken nach Gemetzel und Hass…

 

Im winterlich geschmückten Königssaal saß Prinzessin Zelda in ihrer königlichen Gewandung, welche sie nur zu bestimmten Anlässen, Audienzen oder Festen trug, auf ihren Thron. Sie wirkte apathisch und beobachtete die strengen Wachposten, die nicht eine Miene verzogen, wie zu Eis erstarrt hier standen und für ihren Schutz zuständig waren. Sie hatte ihrem Vater, der eifrig Briefe und Verträge an ihre Bündnispartner schickte, einen großen Teil seiner Arbeit abgenommen und hockte seit Stunden hier drin um sich verschiedene Anliegen anzuhören, Berichte zu schreiben und sich um Ereignisse in Hyrule zu kümmern. Vorhin erst ging es um einige Vermisstenmeldungen, die Zeldas Gemüt ebenfalls belasteten. Seit einigen Tagen waren aus unerklärlichen Gründen immer mehr Menschen, die Familien hatten, die wertvolle Arbeit verrichteten, einfach verschwunden. Als nächstes hatten die Laundrys einen Termin, was sie neugierig werden ließ. Was die Familie von Links bestem Freund wohl erkunden wollte? Sie erhob sich, schwebte beinah über den glatten, gewienerten Boden, genoss den Duft der Spätherbstblumen, welche den Innenraum erfüllten und erfreute sich an der Dekoration. Die weinroten Vorhänge waren durch silbergraue mit goldenem Saum ausgetauscht worden. Die Kronleuchter waren mit Kristallen geschmückt worden, vielleicht auch schon als Vorbereitung auf den Ball des Winterzaubers. Nachdenklich musterte Zelda die vielen Gemälde ihrer Vorfahren, auch der Königinnen vorher, bis sich ihre Augen auf einem Gemälde ihrer Mutter verloren. Sie war eine sehr weise und erhabene Person gewesen, hatte vieles von Zeldas Gesichtszügen, war immer mildtätig und warm. Und sie hatte es geschafft, das wilde Herz von Zeldas Vaters zu zähmen. Die silbergrauen Augen ihrer Mutter sahen sie liebevoll durch das Bild hinweg an, als ob sie lebendig wäre. Ihre Augen konnte sie auch in ihren Träumen manchmal sehen und insgeheim wusste sie, dass ihre Mutter sie immer beschützen würde. Auch wenn sie sie nicht sehen konnte, es geschah oft genug, dass Zelda ihre Anwesenheit spüren konnte. Was ihre Mutter wohl davon halten würde, sollte sich ihr Vater neu vermählen?

Gerade da konnte sie außerhalb die nervösen Stimmen des Ehepaars Laundry hören, sowie eine weitere Stimme, die eines Kindes. Die schweren Tore öffneten sich raunend und die Laundrys traten aufgeregt in den Saal. Allen voran stürmte die kleine Tochter der Laundrys. Sie trug ein waldgrünes, schlichtes Kleid mit langen Ärmeln und eine dicke, lila Strumpfhose, die unter dem Kleid hervorstach. Sie lächelte und stürmte in einem wahnsinnigen Tempo in Zeldas Richtung. Noch ehe Lassario Laundry in seiner Ritterrüstung in der Lage war, seine Tochter zurechtzustutzen oder einzufangen, hatte sich die kleine Lilly an Zeldas veilchenfarbener Schürze festgeklammert. Überfordert sah die Thronfolgerin in die vorwitzigen, strahlenden Augen der Kleinen und wusste nicht, was sie tun sollte. Sie entschied sich einfach nur zu lächeln und legte ihre Hände auf den roten Schopf des Mädchens.

„Prinzessin, Ihr seid so wunderschön und toll. Ganz Hyrule liebt Euch“, sprach die Kleine piepsend und ihre leuchtend grünen Augen schienen immer größer zu werden. „Ihr werdet immer alles schaffen und so toll bleiben.“

„Lilly, wirst du wohl hören!“, schimpfte Lassario, der kirschrot anlief. Es war das erste Mal, dass Lassario sich in der Öffentlichkeit schämte. Hastig hetzte er näher, packte seine Tochter an der Hüfte und nahm sie auf die Arme.

„Verzeiht mir, Hoheit“, räusperte er sich, schob Lilly in die Arme von Belle und verbeugte sich umständlich. „Ich habe keine Ahnung, was in das Mädchen gefahren ist.“ Auch Belle Laundry wirkte peinlich berührt und entschuldigte sich mehrmals. Erst dann begrüßten die Eheleute die Prinzessin standesgemäß und verbeugten sich.

Zelda winkte ab, lächelte und trat grinsend zurück zu ihrem Thron. Elegant nahm sie Platz und schenkte dem Mädchen in einem unbeobachteten Augenblick ein hinterhältiges Grinsen. Es war das erste erheiternde Ereignis heute und die Prinzessin war dankbar über jede noch so geringe Abwechslung. Zelda zwinkerte mit einem Auge, worauf auch die Kleine lachte.

„Was führt Euch zu mir, Ritter Laundry?“, sprach Zelda beherrscht und jeder der Anwesende spürte die Macht, die sie unter ihrem Engelsgesicht verbarg.

Lassario räusperte sich, erhob sich und erklärte: „Es geht um Lilly, unsere Tochter. Wir ersuchen Euren Rat.“

„Ich verstehe nicht, in welcher Hinsicht?“, sprach Zelda klar und versuchte über das fröhliche Sonnengemüt der Kleinen nach innen zu schauen, wahrzunehmen, was sich hinter der besonderen Aura des Kindes verbarg. Da war Licht, ein helles, warmes Licht, nicht gleißend weiß, aber sonnig und sattgelb, welches jeden Argwohn und vieles Übel verdrängen konnte.

Da erhob Belle das Wort und trat näher. „Lilly ist kein gewöhnliches Mädchen“, sprach Belle und hoffte, die Prinzessin könnte verstehen. „Sie wirkt wie ein glückliches, zufriedenes Kind. Aber sie ist ihrem Alter entsprechend weit voraus. Sie redet sehr oft wirres Zeug, macht merkwürdige Vorhersagen, hat erbarmungslose Träume, die nicht nur an ihrer Kraft zehren. Wir ersuchen Rat und eine Heilung für das, was sie jede Nacht befällt. Wir ließen sie bereits von einer Heilerin behandeln, aber dadurch sind ihre Träume und Vorhersagen noch schlimmer geworden als vorher. Jemand riet uns, sie vielleicht dem Weisen Rauru im Tempel des Lichts vorzustellen und erbitten Eure Hilfe, Prinzessin.“ Belle war beinah den Tränen nahe, als sie sich ausgesprochen hatte. Auch sie hatte im Leben bereits einiges Übel gesehen und sie wollte ihre Tochter mit allen Mitteln vor Unheil schützen. Prinzessin Zelda, welche als unheimlich begabt in der Seelenkunde und rein, selbst in entfernten Ländern galt, war die einzige Hoffnung Lilly zu reinigen.

Mitfühlend beobachtete Zelda das Mädchen, das im Saal umher tänzelte und summte, winkte ihm zu und ließ es noch einmal vor sich treten. „Komm‘ zu mir, Lilly.“ Artig marschierte sie direkt vor Zelda. Und zum Erstaunen der Laundrys, befolgte sie weitere Anweisungen der Prinzessin.

„Knie nieder“, sprach Zelda klar, ließ ihre in sanften Stoff verpackten Zeigefinger über die kindliche Stirn wandern und las. Sie las eindringlich in der Seele, las und versank immer tiefer. Als die Prinzessin ihre Augen schloss, und Lillys leuchtend grünen Augen schwer wurden, konnte Zelda endlich die Wahrheit sehen. Sie war eine Seelenleserin und hatte immer die Gabe in die Herzen anderer Wesen einzutauchen. Aber sie hatte lange nicht mehr so viel Grausamkeit und Leid erfahren wie in dieser Minute. Und vielleicht war es gerade das, was Zelda sehen konnte, das ihr eine Gänsehaut über den Rücken schickte.

 

Da war Hyrule in den Gedankengängen des Mädchens, lebendig und so unfassbar real, so nah und gigantisch, dass es flüsterte, dass man es riechen und spüren konnte. Hyrule in all seiner Reinheit und Faszination. Als wanderte Zelda mit ihren saphirblauen Augen über eine holographische Karte, konnte sie die Welt, die sie mit jeder Faser ihres Herzens liebte, plastisch vor sich sehen. Die gigantischen Todesberge, die wie ein überwältigendes Mal, belehrend und erschütternd, in die Höhe schossen. Die riesige Steppenlandschaft mit vereinzelten goldenen Feldern, Waldverschlägen und erstaunlichen Formationen. In Lillys Gedanken war Hyrule zunächst blühend und rein, unfassbar schön und schützenswert. Aber je näher Zelda diesem schmerzhaften Punkt in der Seele des Mädchens kam, je mehr mentale Barrieren sie überwand, umso mehr zerbrach Hyrule, das sich so sonnig und getaucht in gelbem Licht spiegelte, in hässliche, blutige Scherben. Und es war dann, dass auch aus Zeldas geschlossenen Augen kristallene Tränen tropften. Dennoch blieb sie standhaft, versuchte mehr zu sehen als sie durfte, weiterzugehen, weiter hinein in den gefährlichen Strudel einer Seelenmaschinerie. Und es schlitzte in Zeldas Herzen, es stach und blutete gefährlich. Als sich der Himmel blutrot färbte, flammende Tornados über die Steppe glitten, gefräßige Bestien mit nackter Haut aus tiefen Rissen im Erdboden kriechen konnten, und Hyrule, diese sonst so sonnige, reine Welt, geschändet wurde auf die barbarischste und schrecklichste Weise, schien in Zeldas Innerem etwas altes, geheiligtes aufzuwachen, das sie immer versucht hatte unter Kontrolle zu halten. Sie sah sich selbst dort, wo Hyrule blutete, sah ihre erbarmungslosen, finsteren Entscheidungen und das eine, mörderische Ende. Heere des Bösen, anorganische leuchtend rote Energieweisen, Menschen mit einem blutroten Dreieck auf der Stirn, kreischend und donnernd, gefräßige Bestien mit entstellten Mäulern, glitten vom finsteren Himmelszelt und zerstörten und folterten das, was menschlich und rein war. Und nur in einem kleinen, bunten Licht stehend, mutig und unbezwingbar schön inmitten der gebrandmarkten Steppe, richtete sich ein Mann schreiend in die Höhe. Sein blondes, wildes Haar flatterte im Wind und sein reines Herz schlug tosend. Seine stürmischen, entschlossenen Augen zeigten den stärksten und reinsten Mut, den Hyrule jemals erschaffen hatte. Er kämpfte und er würde immer kämpfen, selbst gegen schwere, rostige Ketten, die um seine Füße und Arme lagen und sich in seine Haut eingruben. Er kämpfte, so wie er es immer tat. Und kein Dämon, nicht einmal ein Gott war in der Lage den Mut in seinen tiefblauen Augen zu brechen. Selbst hier, wo die Welt blutete und Hyrule unterging. Selbst in der dunkelsten Stunde, schlug sein Herz leidenschaftlich und sein Mut veränderte Gesetze und die Welt…

 

Als Zelda panisch und schreckhaft ihre Finger von Lillys Stirn löste, und ihre Augen blutunterlaufen waren, sahen sowohl Lassario als auch Belle noch blasser im Gesicht aus als sie. Denn sie sahen die Erschöpfung der Prinzessin und spürten, dass etwas nicht stimmte. Es wirkte beinah so, als hätten jene Bilder Zelda das Blut und damit die Lebensenergie aus den Adern gesaugt. Zitternd richtete sich die wunderschöne Adlige auf, stützte sich an ihren Thron, als mehrere Soldaten in ihre Richtung stürmten. Zelda wedelte mit ihren Händen und machte deutlich, dass sie keine Hilfe wollte.

„Prinzessin, ist mit Euch alles in Ordnung?“, sprach Lassario fassungslos. Er wusste aus Erzählungen, dass Prinzessin Zelda die ein oder andere merkwürdige Fähigkeit hatte und Kontakt zu göttlichen Gefilden herstellen konnte. Aber dass jene magische Begabung ihren Tribut forderte, war ihm vorher nicht klar gewesen. Er kniete dann schleunigst vor seiner Tochter nieder um ihren Zustand zu überprüfen. Aber sie war völlig ohne Harm. Sie hatte scheinbar überhaupt nichts wahrgenommen und schien weiterhin völlig fröhlich zu sein. Aber der Zustand der Königstochter bescherte ihm ein mulmiges Gefühl in seiner Magengegend.

Zelda atmete tief durch und versuchte zwanghaft ihre Stärke wieder zu finden, vor allem um die Laundrys nicht zu beunruhigen. Sie wischte sich kalten Schweiß von der Stirn und erinnerte sich daran, dass ihr menschliches Gehirn nicht ausreichte irgendwelche Fähigkeiten zu oft einzusetzen. Sie konnte kaum reden, spürte ein Kloßgefühl in ihrem Hals und wünschte sich gerade nichts sehnlicher als Einsamkeit. Als sie schwankte und sich an ihren trommelnden Schädel fasste, stand plötzlich Belle neben ihr und stützte sie. Zelda zwinkerte und lächelte etwas beschämt. Sie hatte sich vor einigen Sekunden kaum mehr zusammenreißen können, sich nicht im Griff gehabt. Die Bilder aus Lillys Visionen waren heftig und pulsierend in sie übergegangen. So extrem hatte sie lange keine Wahrnehmungen mehr gehabt.

„Was immer Ihr auch getan habt, und ich sollte wohl nicht darauf hoffen, eine Erklärung zu erhalten, aber erlaubt mir die Bemerkung, dass Ihr Euch für unsere Bitte nicht so zurichten solltet…“, sprach Belle besorgt. Auch sie war beeindruckt, dass sich die Prinzessin für Lilly so eingesetzt hatte. Zelda schloss die Augen, nickte und ließ sich wieder auf Ihrem Thron nieder. „Es war wichtig, dass ich sehen und spüren konnte, es sollte weder Euch Belle, noch Euch Lassario, in irgendeiner Weise verunsichern.“ Zelda schloss die Augen und spürte ihre Lebensenergie zurückkehren. Standhaft blickte sie umher, versuchte die brennenden Bilder von Lillys Geist zu verschließen, auch weil sie jene im Augenblick kaum ertrug. „Es ist nicht das erste Mal, dass ich dies tat.“ Zelda versuchte sich mit aller Gewalt zu rechtfertigen, aber das Schamgefühl, ausgerechnet hier, vor den Laundrys und ihren Wachen sich auf diese Stufe begeben zu haben, erschütterte sie. Was, bei Nayru, hatte sie sich dabei gedacht?

„Habt Ihr eine Antwort finden können, was mit unserer Tochter los ist?“, hakte Lassario nach. „Es kann doch nicht richtig sein, dass sie jede Nacht teuflische Bilder sehen kann. Sie ist doch nur ein einfaches Kind!“ Gefasst, aber auch etwas mitleidig schaute Zelda zu Lilly, die einmal mehr in dem Saal umher hüpfte und sich die Gemälde der Vorfahren anschaute.

„Nein“, sagte die Thronerbin leise. „Lilly ist eben nicht nur ein einfaches Kind. Sie hat eine Gabe und sie hat diese Gabe nicht ohne Grund.“

„Kann sie die Zukunft sehen, oder die Vergangenheit, oder was ist das?“, sprach Belle entrüstet.

„Vielleicht ist es weder das eine, noch das andere“, entgegnete Zelda. Erschrocken krallte sich die schöne rothaarige Frau an den Arm ihres Mannes. „Was soll das bedeuten? Ist meine Tochter verrückt oder krank?“

Zelda schüttelte ihren hübschen Kopf und lächelte sanft. Auch die Farbe kehrte langsam wieder in ihre Gesichtszüge zurück. „Nein, Lilly ist etwas ganz Besonderes“, sprach sie klar. „Ihr habt meine Unterstützung, Belle und Lassario. Ich werde sofort ein Schriftstück aufsetzen, mit dem Ihr in den Tempel der Zeit gehen werdet. Der Weise Rauru muss sich Lilly annehmen und sie unterrichten.“

„Unterrichten?“ Belle und Lassario standen noch entsetzter vor ihr. „Warum das?“, sprach sie beide gleichzeitig und sahen sich bestürzt an.

„Seid nicht so überrascht. Ihr sagtet vorhin, Euch wurde bereits der Vorschlag gemacht, sie einmal zu Rauru zu schicken, nicht wahr?“

Belle nickte und suchte weiterhin Halt an ihrem Gatten.

„Von wem kam der Vorschlag?“ Zelda konnte sich allmählich von den Klauen des Sehens befreien und schien sehr wissbegierig.

„Von dem Ritterschüler Link…“, sagte Belle leise. „Ihr kennt ihn ohnehin, schätze ich.“ Und da wich Zelda zum zweiten Mal die Farbe aus dem Gesicht. Link hatte diesen Vorschlag gemacht. Wie, um alles in der Welt, kam er auf diese Idee? Hatte er ihr tatsächlich so viele Dinge verschwiegen? Oder konnte es sein, dass hinter Impas Anschuldigungen nun doch mehr steckte.

„Link hat Euch diesen Vorschlag gemacht, tatsächlich?“

Lassario nickte bestätigend. Etwas durcheinander zog sich die Königstochter auf die Beine, trat sachte zu der langen Tafel und setzte ein Schriftstück für den Weisen Rauru auf. „Geht nun in den Tempel der Zeit. Klopft sieben Mal in gleichem Takt an den Altar. Dann wird Euch Rauru erscheinen und gebt ihm diesen Auftrag.“

„Prinzessin, ich verstehe immer noch nicht ganz. Was soll Lilly bei Rauru lernen?“, sprach Lassario, als er das Pergament an sich nahm. Zelda lächelte erhaben und keine Zweifel standen in ihren schönen Gesichtszügen. „Eure Tochter wird die neue Weise des Lichts. Das ist ihre Bestimmung“, sagte sie entschlossen. „Nun geht.“ Völlig überfordert und wie im Schwebefieber stapften die Laundrys aus dem Königssaal. Aber auch Zelda war überfordert und ließ ihre aufgebaute Maskerade in dem Augenblick fallen, als die Laundrys verschwunden waren. Mit einem heftigen, kreischendem Befehl, ein letzter Kraftakt, schmiss sie die Soldaten aus dem Saal, verschloss mit ihren magischen Kräften die Türe und sackte endlich, Ruhe und Bewusstsein suchend, hinter ihrem Thron zusammen. Die Bilder aus Lillys Geist brachen erneut an die Oberfläche von Zeldas Gedanken. Und es war nicht nur der Zustand Hyrules, der ihr Herz in dem Augenblick zermürbte und folterte, sondern das Bild von Link, der alleine auf den erbarmungslos zerstörten Wiesen kämpfte und an seinen Fesseln rüttelte. Ein Schluchzen ging durch den Königssaal, bis Zelda bitterlich weinte…

 

Am späten Nachmittag waren Link und Will in der blühenden Hauptstadt des hylianischen Reiches angelangt. Es war ein sonniger, fröhlicher Markttag. Und die unterschiedlichsten Hylianer drängelten sich mit vollgefüllten Körben und Taschen heiter gestimmt und laut diskutierend durch die engen Straßen bis zum großen Markplatz der Hauptstadt. Mühevoll trabten die beiden Ritterschüler über die Zugbrücke. Sie folgten dem Strom der Menschenmenge und erreichten in Nähe des Marktes die Stallungen und eine Möglichkeit die Pferde aufbewahrt zu wissen. Sie bezahlten die wenigen Rubine für den Stallburschen, als Link einen vernichtenden Blick in seine Geldbörse warf. Er seufzte. Durch seine Krankheit und die fehlende Möglichkeit hier und da einen Auftrag anzunehmen, war sein Geldbeutel halb verhungert. Es war lange her, dass er sich so mittellos gefühlt hatte. Will jedoch schien dies überhaupt nicht zu interessieren. Mit leuchtenden Augen blickte er um sich und schien überzuquellen vor Neugier und Aufregung. Er hatte die Hauptstadt vorher noch nie gesehen und überhaupt noch nie eine so große Stadt besucht wie diese hier. Jede Menge kleiner Gassen lagen vor ihnen. Schmale, bunte Häuser reihten sich geschickt und platzsparend nebeneinander. Wäscheleinen waren über die schmalen Gassen gespannt und verbanden die bunten Holz- und Steinhäuser märchenhaft. Und von weither drang das Gehabe und Gekreische des Marktplatzes.

„Können wir auf dem Markplatz vorbeischauen, wenn wir schon hier sind?“, sprach Will aufgeregt und klatschte seine Hände aneinander.

„Sicher, wir müssen ohnehin dort vorbei um zum Schloss zu kommen“, erwiderte der junge Heroe und tapste mit einem frohgelaunten Will in Richtung der Innenstadt.

 

Der Markt in Hyrules Hauptstadt war einer der größten und beliebtesten im gesamten Land. Wenn man seltene Gegenstände suchte, war man hier an genau der richtigen Adresse. Kein anderer Ort bot eine solch irrsinnige Vielfalt an Lebensmitteln, Alltagsgegenständen und anderen Waren. Und viele bekannte Leute verkauften mit lächelnden Gesichtern ihre Erzeugnisse. Links tiefblaue Augen wanderten neugierig von einem Stand zum anderen. Er erkannte Anju, die ihre kräftigen, gut gemästeten, weiß- und blaugefiederten Hühner an einem Holzstand verkaufte. Die Hühner gackerten zermürbend in ihren Käfigen. Talon stand inmitten des Marktes mit einem Karren voller Eimer und Flaschen der cremigen, leckeren Lon-Lon-Milch und wurde von ein Dutzend Hylianer umzingelt. Einige Gerudodamen boten selbstgefertigten Schmuck und Seidenprodukte an. Selbst der Wundererbsenverkäufer hatte einen Stand eröffnet und lobpreiste seine schmackhaften Bohnen. Eine ruhige Form der Melancholie streifte Links Gedankengänge. Für wenige Sekunden sah er sich viele Jahre zurück, hier inmitten des Marktplatzes, wo er ausgelassen Krabbelmienenbowling mit einem damals fremden Mädchen spielte. Wie schnell doch die Zeit verflogen war und er bereute vieles, bereute, dass er einiges falsch gemacht hatte, vor allem dem Mädchen gegenüber, das ihm doch so wichtig war. Er wünschte, er hätte anders gehandelt, als er sie nach der langen Zeit im Schloss aufsuchte…

In dem Augenblick wurde er von seinem gewitzten Freund angerempelt, der ihn belustigt anschaute. „Wenn ich gewusst hätte, dass Hyrules Hauptstadt so gigantisch ist, wäre ich schon früher hierher geritten. Wir sollten trotzdem ins Schloss ehe wir uns hier verlaufen oder Dinge kaufen, die wir dann nicht brauchen.“ Er lachte und drängelte sich mit Link durch die Menschenmassen. Auf dem Weg zum Schloss, wo es endlich wieder leerer und übersichtlicher wurde, trampelten die beiden Ritterschüler vorwärts. Sie standen beide auf dem kurzen, sandigen Pfad in Richtung des Schlosses, von wo aus man die gesamte, malerische Stadt in ihrer Pracht und Lebendigkeit bewundern konnte. Das Sonnenlicht spiegelte sich auf den bunten Dächern. Hochgewachsene Bäume beschützten die Stadt teilweise. Und selbst hier konnte man das wilde Gekreische der Marktschreier hören. Link blieb mit einem Mal stehen und starrte in Richtung der alten, geheiligten Zitadelle. Will bemerkte erst, dass Link stehen geblieben war, als er schon etwa fünfzig Meter weiter war und blickte verwundert zurück. Wie eine Statue stand Link dort, sein Blick leer und voller Sorge. Und als der Laundry seinen Blick verfolgte, konnte er zumindest erahnen, was durch seine Gehirngänge ging. Mit Zweifeln schaute der einstige Heroe zu jenem heiligen Platz, wo das Schwert ruhte, das nur ihn, nur seine unzerstörbare Seele, als einzigen Meister auf ewig anerkennen würde. Und Link spürte, dass die Macht der alten Klinge schwieg, dass es rostete, weil niemand mehr in der Lage sein würde, es zu führen. Links Augen wurden gläsern und seine Fäuste ballten sich mit dem scheußlichen Gedanken daran, dass er seine Pflichten und selbst das Masterschwert im Stich gelassen hatte.

„Ist alles in Ordnung?“, meinte Will und ließ seinen Kopf fragend auf eine Schulterseite sinken. Link atmete tief durch und blickte betreten zur Zitadelle der Zeit. „Ich sollte auf dem Rückweg dort vorbeischauen…“, bemerkte er widerwillig und schenkte Will einen nervösen Ausdruck.

„Du willst in das Gotteshaus?“

Link nickte nur und eilte dann weiter. „Ja, ich muss etwas erledigen…“ Er ärgerte sich ein wenig, dass er Will gegenüber mit diesem Thema angefangen hatte.

„Können wir ruhig machen, ich würde mir die Zitadelle der Zeit auch gerne anschauen. Stimmt es, dass man das Schwert des Auserwählten dort anschauen kann?“

„Wenn du willst, kannst du dich auch daran versuchen, was ich dir nicht rate“, meinte Link abwehrend.

„Das ist ja klasse.“

„Nein das ist es nicht“, murrte Link dann und spürte ein bitteres Gefühl in sich aufsteigen. Sich selbst ohrfeigen könnend, weil er mit Will darüber redete, trat er stur weiter und beschleunigte sein Schritttempo. Aber Will war nun mal derzeit wesentlich fitter als er und lief spielend neben ihm.

„Warum nicht? Ich habe gehört, dass sich eigentlich jeder daran erproben kann“, meinte der Grünäugige. „Und das legendäre Schwert zu berühren oder in Händen zu halten, muss doch ein überwältigendes Gefühl sein.“

„So überwältigend damit zu töten?“, erwiderte Link scharf. Seine Mundwinkel bebten und seine gute Laune schien von einem auf den anderen Augenblick verflogen. „Du hast absolut überhaupt keine Vorstellung davon, welchen Schwur du eingehst, wenn du diese Waffe auch nur berührst. Denk‘ gefälligst etwas weiter, Will.“

Völlig überfordert und erschrocken blieb Will stehen und zwinkerte. Er hatte nicht damit gerechnet, dass Link ihn noch einmal so zurechtstutzen würde. Die letzten Tage waren doch so gut verlaufen, dass er dachte, Links schlechte Laune war verflogen. Sein Wutausbruch und seine scharfen Worte gerade eben, zeigten aber etwas anderes.

„Sorry…“, murmelte Link dann und schüttelte seinen Schädel. Musste er gegenüber Will eigentlich immer wieder wegen so einer Kleinigkeit ausrasten?

Will seufzte nur und trat schweigend weiter.

 

Zu diesem Zeitpunkt war Prinzessin Zelda erhaben und augenscheinlich stark wie immer zur alten, staubigen  Bibliothek des Schlosses unterwegs. Als die Wachen ihr die schweren Holzpforten der großen Bücherei öffneten und ihr würdevolles Äußeres über die Schwelle trat, fielen sofort die Augen der Adligen und wenigen Ritterschüler auf sie. Nicht, weil alle wussten, dass sie die zukünftige Herrscherin Hyrules war, aber weil sie mit ihrem entzückenden Äußeren die meisten Blicke auf sich zog. Sie war nicht als Prinzessin erkennbar, hatte sich nach der Audienz der Laundrys in ihrem privaten Übungsraum mit ihrem Langschwert abreagieren müssen und ihre königliche Maske abgelegt. Sie trug nur einen goldenen Stirnschmuck mit Saphiren und ein eher schlichtes meerblaues Gewand. Ein langer Rock ohne Schürze oder Verzierungen bedeckte ihre Beine und eine hellblaue Miederbluse straffte ihren Oberkörper. Sie trug ihre langen, honigblonden Haare geflochten am Rücken. Zügig schritt sie vorwärts und steuerte mit einem fetten Wälzer in die Abteilung der Geheimnisse und Verschwörungstheorien. Seit einigen Tagen schon suchte sie nach Hinweisen zu den Dreizehn Schlüsseln und sie hatte bereits einige Informationen dazu einholen können. Allerdings machte sie dieses Wissen mehr als nachdenklich und es beunruhigte das ohnehin belastete Gemüt Zeldas immens.

Gerade da trampelte William Laundry, der nicht wusste, dass man sich in einer so noblen und riesigen Bibliothek leise zu verhalten hatte, laut und die Leute aufwendig begrüßend in den Raum. Er hielt dem Bibliothekar an der Rezeption seinen Ritterschülerausweis unter die Nase und tapste weiterhin die Leute überschwänglich begrüßend in die Mitte der gigantischen Bücherei, wo jede Menge Bankreihen und Öllampen aufgestellt waren. Auch Zelda wurde durch die Lautstärke und vertraute Stimme des Schülers aufgeschreckt und lugt mit ihrem hübschen Kopf durch eines der Regale. Verblüfft, dass sie den Ritterschüler Laundry, der mit Link in einem Zimmer wohnte, hier vorfand, hüpfte sie auf ihre Beine und trat zielgerichtet, mit einer großen Hoffnung, ebenfalls zu den Lesetischen. Der Laundry schien sie zunächst überhaupt nicht zu bemerken. Versunken in der Lektüre vor seiner frechen, spitzen Nase, schien er die Anwesenden trotz seiner Aufsehen erregenden Begrüßung nicht mehr zu bemerken. Auch er hatte ein dickes Buch vor sich, welches sich um die Gottheiten Hyrules drehte. Zelda lächelte sanft, schaute ihm über die Schulter, sodass auch andere Anwesende neugierig zusahen. Die Prinzessin räusperte sich schließlich und tippte dem Mitbewohner Links auf die Schulter. Er entließ einen überraschten Aufschrei, torkelte umständlich herum und zwinkerte. Hastig sprang er auf seine Füße und versuchte charmant zu lächeln. Er erkannte das Mädchen gegenüber ihm sofort von neulich, als sie in Links Klamotten herumgestöbert hatte. Und auch, weil er sich zugegebener Weise ein wenig in diese Schönheit verguckt hatte.

„Oh, Hallo“, sprach er aufgeregt und reichte der Dame eine schwitzende Hand. Gleichzeitig musste er sich zusammenreißen sie nicht anzustarren und wurde immer nervöser. Aber er hatte dieses entzückende Gesicht nicht vergessen, obwohl sie heute ziemlich erschöpft aussah. Er war zunächst verwundert, dass er sie hier antraf, andererseits überraschte es ihn nicht, dass sie sich hier im Schloss aufhielt, zumal sie etwas wahrlich Adliges an sich hatte. Will wusste schließlich noch immer nicht, wen er hier vor sich hatte.

„Sei gegrüßt, Will“, sprach die junge Lady und lächelte erzwungen. „Ich bin erfreut, dich zu sehen. Du studierst Bücher für die baldigen Prüfungen an der Ritterschule, nicht wahr?“

„Das ist richtig“, stotterte er teilweise. „Ähm… und du, was machst du denn hier?“ Daraufhin kicherte das Mädchen und sprach mehrdeutig: „Nun, ich bin öfters hier. Ich habe es nicht weit von meinem Zuhause zu der Bibliothek.“

„Oh, du wohnst in der Stadt.“

„Ja, so könnte man das in etwa sagen“, grinste sie. Ihre leuchtend blauen Augen schwenkten umher, während einige neugierige Augenpaare dem Geschehen zusahen. Sie hob eine Hand, entließ eine leichte Geste damit und sofort gingen die Schaulustigen ihren Aufgaben wieder nach. Will war verdattert, aber konnte immer noch nicht unter einen Hut bringen, dass das gottesgleiche Geschöpft vor ihm sehr viel Einfluss und Macht zu haben schien.

„Ähm…“, lispelte Will und versuchte zwanghaft Worte zu finden, um ihr ein Kompliment zu machen. ,Solche hübschen Wesen mussten einfach von Komplimenten umschmeichelt werden und jeder Mann machte das‘, dachte Will. Sein Vater machte seiner Mutter auch immer wieder Komplimente. Und vielleicht war das eine Möglichkeit ihr Interesse auf ihn zu lenken.

„Also du…“, begann er. „Du bist wirklich ein richtiges Mädchen.“ Als die Worte gesagt waren, musste Will ein weiteres Mal darüber nachdenken, um zu begreifen, dass er diesen Stuss tatsächlich verkündet hatte. Rotwerdend bedeckte der Laundry über das eben Gesagte seine Augen und wünschte sich im Erdboden zu versinken. „Bei Nayru, ich Depp…“, murmelte er. Er rechnete damit, dass sie durch diese Worte äußerst verärgert davon stiefeln, oder dass sie ihm glatt eine Ohrfeige für diesen geistlosen Blödsinn zusammengebastelter Laute geben würde. Aber nichts von seinen Befürchtungen traf ein.

Stattdessen verzog sie ihre blonden Augenbrauen fröhlich, grinste dann und fing lauthals an zu lachen. „Dass ich ein Mädchen bin, weiß ich schon“, erwiderte sie kichernd. „Aber besser es noch einmal gesagt zu bekommen.“ Sie schien sich sogar darüber zu freuen, dass Will dieser peinliche Ausrutscher passiert ist. Er jedoch atmete tief durch und hoffte, er würde sich nicht noch peinlicher benehmen.

„Tut mir leid, ehrlich“, meinte er noch einmal und traute sich schon gar nicht mehr sie anzuschauen. Sie kicherte wieder, kam nicht umher zu bemerken, dass in Wills Brust ein sehr gutmütiges und treues Herz schlug.

„Das war jedenfalls das erquicklichste Kompliment seit langem“, meinte sie, worauf Will strahlend und enthusiastisch aufsah. Nicht nur das, Wills Fröhlichkeit und Unbeschwertheit, taten ihr im Augenblick unheimlich gut.

„Tja, wir Laundrys wissen halt, wie man Komplimente macht“, entgegnete er und brüstete sich. Wenn das Ganze schon so danebenging, dann war es zumindest gut genug gewesen, die Lady zum Lachen zu bringen.

Zelda reichte ihm noch einmal die Hand, wand sich um ihre eigene Achse und wollte sich gerade wieder ihrer Lektüre widmen, als sie noch zaghaft fragte, obwohl sie nicht auf eine positive Antwort hoffte: „Link ist nicht bei dir, schätze ich.“

„Nein, aber auch nur, weil er etwas anderes zu erledigen hatte“, informierte Will. „Kann es denn sein, dass du ihn gerne sehen würdest?“ Zelda wand sich seitlich, schloss die Augen und nickte. Will stutzte über die plötzliche Traurigkeit, die er vonseiten der Dame spüren konnte. „Er ist an der Ritterschule geblieben?“

„Nein, das auch nicht“, sprach Will dann und konnte den plötzlichen, ernsten Tonfall der Schönheit nicht verstehen. „Wir sind gemeinsam hier her geritten. Aber er sagte, er wollte die Prinzessin besuchen. Ich weiß nur nicht, auf welchem Wege er sich in das Schloss schleichen will oder so.“ Daraufhin ließ die Dame vor ihm erschrocken das Buch aus ihren Händen fallen. Sie drehte sich blitzartig zu Will um und murmelte um es zu begreifen. „Link ist hier? Er wollte ins Schloss?“ Sie legte ihre Hände zusammen und sah aus, als wollte sie beten. Sie strahlte wie eine zweite Sonne.

„Wirklich? Link ist hier?“, erwiderte sie enthusiastisch. „Ja, er hat seit Tagen von nichts anderem geredet als die Prinzessin zu besuchen.“ Daraufhin konnte Will nur noch staunen.

Überschäumend, sich selbst nicht einmal bremsen könnend, umarmte sie einen sehr glücklichen Will und drückte ihm einen Kuss auf die Wange. Mit einem entgleisenden, irren Tempo, raste das adlige Wesen aus der Bibliothek, hetzte so schnell, dass sie auf ihrem Weg einen alten Gelehrten umstieß und mit ihrer magischen Kraft die großen Eichentore beinah auseinander riss. Und innerhalb weniger Sekunden war sie verschwunden.

„Das ging ja mal schnell“, murmelte Will irritiert und hatte das Gefühl zu Butter zerschmelzen zu müssen.

Der Gelehrte, der sich murrend wieder aufrappelte und sich mit seinen wackligen Knochen auf einen Gehstock stützte, schimpfte lediglich. Will trat näher und bot ihm seine Hilfe an, fragte, ob alles in Ordnung sei. Daraufhin beäugte ihn der Mann zänkisch. „Aber ja doch, einfältiger Kerl.“

Er zwinkerte mit alten, grauen Augen und sah Will kopfschüttelnd an. „Versteh‘ einer die jungen Leute. Keine Manieren haben sie. Da steht die Prinzessin vor dir und du verbeugst dich nicht einmal. Stattdessen scheinst du sie zu beleidigen, sodass sie in Windeseile davon stürmt. Ungehöriges Pack“, schimpfte er. „Keine Manieren haben diese neuen Ritterschüler… nicht einmal vor der Prinzessin Hyrules haben sie Respekt.“ Daraufhin schien der Laundry zu erstarren. Überfordert vergrößerten sich seine Augäpfel und sein Gesicht lief rot an. „Was? Das war die Prinzessin?“, stammelte er. Sich weiter in seine Scham stürzend dachte er daran, dass die Prinzessin bei ihm und Link im Zimmer saß, dass sie ihn in seinem hässlichen Nachthemd gesehen hatte und dass er mit der Prinzessin, beim Triforce, er hatte mit der Prinzessin geredet, als wäre sie eine gewöhnliche Hylianern. Nicht nur das, die Prinzessin hatte ihm einen Kuss auf die Wange gedrückt! Will wollte gerade noch mehr im Boden versinken als vorher, weil er sie mit einem mehr als peinlichen Argument überhäuft hatte. Kochend rot vor Scham stürzte auch er hinaus aus der Bibliothek und brüllte: „Warum sagt mir das keiner vorher?“ Sich abreagierend lief er einige Runden um das Schloss.

 

Mit überschäumender Freude und dreifach schnellem Herztrommeln hetzte Prinzessin Zelda durch die geschmückten, langen Gänge in Richtung ihrer gut bewachten Gemächer. Sie konnte es kaum glauben, aber Link war hier im Schloss und er wollte sie besuchen. Es stärkte ihr Vertrauen, dass doch noch alles in Ordnung kommen könnte und sie würde ihn anschauen können, und vielleicht verstehen können, ob in Impas grausamen Anschuldigungen ein Funken Wahrheit steckte. Sie lächelte schwach und erreichte die ersten Wachen vor ihren Gemächern. Sie beauftragte jene, den jungen Burschen in grünen Gewändern, der womöglich durch die Gärten schleichen werde, in ihre Gemächer zu lassen, da er eine Audienz bei ihr habe. Sie wollte vorsorgen, falls Link den normalen Weg nehmen sollte. Und sie war sich nicht sicher, ob er es in seinem angeschlagenen gesundheitlichen Zustand schaffte, Geheimwege zu benutzen. Trotzallem hoffte sie inständig, dass er bereits in ihren Gemächern warten würde. Aufgeregt trat die Prinzessin durch den nächsten pompösen Gang und wurde von weiteren Wachposten ehrwürdig begrüßt. Man musste wissen, dass Zeldas aufwendige Gemächer beinah labyrinthisch angelegt waren. Zwei Arme von Gängen umschlossen die Privatgemächer; und von beiden Seiten konnte man in die rundlich angelegten Bereiche eintreten. Zeldas Gemächer waren sehr aufwendig restauriert worden nach dem letzten Angriff vor in etwa fünfzehn Jahren. Sie besaß dort alles, was sie zum Leben brauchte. Eine Lesestube. Ein geschmackvolles Vorzimmer mit Sekretär und Bar. Eine Wohnstube mit Polsterbank. Und ein hübsches Schlafzimmer mit Himmelbett.

Die adlige Schönheit hastete durch ihre Gemächer, blickte in jeden Winkel und rief letztlich nach Link in der Hoffnung, er war bereits hier. Aber je länger Zelda durch ihre Räume trat und je mehr die Realität sie überflutete wie eine Schockwelle, kamen die Gedanken hoch, dass Link vielleicht nicht an einem herzlichen Wiedersehen interessiert war. Und nicht nur das, Zelda fürchtete je länger sie in ihren Gemächern wartete, dass er vielleicht doch nicht erscheinen könnte. Sie wünschte sich ihn vor sich zu sehen, sein Gesicht zu berühren, in diese tiefblauen Augen einzutauchen, zu erkennen, was ihm auf dem Herzen lag. Nur würde er auch dies momentan kaum zulassen. Wenn er sie also besuchte, warum? Und mit den Zweifeln, die Zeldas Gemüt überschatteten, krochen weitere hässliche Fetzen der letzten Wochen hinauf. Seine Abweisung. Seine merkwürdige Krankheit und das Gefühl, dass etwas Schreckliches passieren musste, ehe die Hoffnung an Hyrules Firmament wieder erstrahlen konnte. Etwas Grausames, dass Zelda kaum ertragen würde. Sie fasste sich an ihr Herz, ballte beide Hände zu Fäusten und wehrte sich mit aller Macht gegen die Fähigkeit der Vorsehung, aber jene würde sie im Augenblick nicht, und erst Recht nicht nach diesem anstrengendem Tag, in Ruhe lassen. Vielleicht sah sie Link irgendwo in ihren Gemächern, vielleicht konnte sie ihn erahnen und spüren, aber etwas an ihm verblasste, erschütternd und erbarmungslos. Gerade eben noch konnte sie ihn vor sich sehen, und plötzlich verebbte alles. Die Sekunden zerrannen wie flüssiges Kerzenwachs im Feuer. Zelda röhrte panisch nach Luft, ließ sich zu Boden sinken und krümmte sich schmerzerfüllt zusammen. Stiche. Überall fühlte sie entsetzliche Stiche, Kälte und Bilder eines Kerkers drangen in ihren Geist. Jemand war dort und rief erbarmungslos nach ihr, aber sie konnte ihn nicht verstehen, konnte nicht begreifen, wer dort nach ihr rief. Dann konnte sie kurz eine Gestalt, ganz gehüllt in silbergraue Gewänder in ihren Gemächern stehen sehen, war sich nicht sicher, ob diese Gestalt wirklich war oder nur eine Einbildung. Und Zelda spürte so lange peinigende Schmerzschübe, bis es ihr Bewusstsein überforderte und sie zusammensackte.

Plötzlich klopfte es zaghaft an der Zimmertür ihrer Wohnstube und Zelda wurde aus ihren Tagträumen gerissen. Sie saß auf ihrer Polsterbank und blickte irritiert zu der großen, trommelnden Standuhr in ihrem Zimmer. Sie hatte eine Vision gehabt, auch wenn deren Inhalt neblig und verschwommen war. Durcheinander richtete sie sich auf, glaubte schon, ihr wären mehrere Stunden abhanden gekommen, aber dem war nicht so. Nur fünf Minuten waren verronnen, als plötzlich zwei Wachen um Eintritt baten. Zelda bejahte. Und beinah magisch öffneten sich die verzierten, mit Stoff beschlagenen Türen. Zuerst sah die Prinzessin nur die beiden Wachposten, starke Männer in hylianischen Rüstungen, die im Licht funkelten. Erst dann konnte sie hinter den beiden Männern etwas Unscheinbares, Grünes entdecken.

„Prinzessin Zelda, dieser Bursche schlich sich durch die Gärten und bat um Audienz, so wie ihr sagtet. Ist dies der Junge, der eine Audienz bei euch haben soll?“ Und als die Wache vorbeitrat und das eine Kind des Schicksals das andere Kind großartiger Talente erblicken wollte, war es, als würde die Welt stehen bleiben. Fast magisch hoben sich Zeldas Wimpern um ihre Sehnsucht zu erblicken. Verwundert betrachtete sich die Adlige die Gestalt, die vor ihr stand, bis ihre Gesichtszüge erfüllt waren von einer herben Enttäuschung und Traurigkeit. Ein kleiner Junge trat vor sie, der gekleidet war in grünem Leinenstoff und er lächelte. Aber Zelda konnte nicht erwidern. Enttäuscht von sich selbst, wie sie darauf warten und hoffen konnte, dass Link sie besuchte, wand sie sich um die eigene Achse und sprach kühl: „Danke, Ihr könnt nun gehen. Auch du, fremder Junge. Ich habe dir nichts zu sagen.“

Die Wachen verbeugten sich und traten zurück, warteten auf den kleinen Knirps, der jedoch grinste. „Aber Prinzessin, ich habe eine Nachricht von einer alten Frau für euch. Sie sagte mir, ich solle euch etwas ausrichten.“ Zelda zwinkerte und wand sich zu ihm. „Ein Ritterschüler würde in den Schlossgärten warten. Das soll ich euch mitteilen.“ Und einmal mehr gierte in Zelda eine starke Hoffnung. Mittlerweile war sie mehr als durcheinander, was hier geschah. Von welcher alten Frau könnte die Rede sein? Und was hatte dies mit Links Erscheinen im Schloss zu tun? Sie drückte dem Kind einige Rubine in die Hände und war in Windeseile auf dem Weg in die gepflegten, sauberen Schlossgärten…

 

Es war genauso unwirklich wie damals hier zu stehen inmitten der wunderschönen, herbstlichen Schlossgärten mit den vielen in faszinierenden Gebilden geformten Hecken, wo Winterrosensträucher blühend in die Höhe schossen und die Luft in einen geschmeidigen Duft hüllten. Damals wusste Link nicht wirklich, was er hier erwarten sollte, worauf er sich einließ. Und nun war es dasselbe. Erneut dieses ungewisse, belehrende Gefühl. Der Gedanke sich noch einmal zu überlegen, ob es richtig war, hier zu sein. Etwas trübsinnig tapste er umher in jenem von hohen Mauern umgebenen Schlossgarten und wartete, dass Zelda erschien. Hin und her gerissen, mit sich ringend, fragte er sich, ob er wieder gehen sollte, wissend, er hatte ihr wichtige Dinge zu erklären, aber auch wissend, dass er sich entschuldigen musste. Er fragte sich vor allem, wie er nur jemals so feige hatte sein können, sich zu weigern, sie zu besuchen. Warum hatte er sich von Valiant so beeinflussen lassen?

Ein ernüchternder, rufender Wind wühlte das dunkelblonde Haar auf seinem Kopf auf. Das Rauschen der Windgeister summte eine alte Weise, sodass er, hier stehend, aufgeregt und doch erinnernd, seine Fäuste ballte, den stillen Zorn auf sein absurdes Benehmen niederzudrücken versuchte. Seine tiefblauen Augen schillerten sich selbst mit Vorwürfen erfüllend bis sich jene schlossen. Es tat ihm leid… all‘ das, was er seiner Prinzessin die letzten Wochen und mittlerweile Monate zugemutet hatte. Er hatte ihre gemeinsame Zeit heruntergespielt, hatte ihre Zuneigung abgewiesen, sie einfach stehen lassen, als sie ihn bat sie zu besuchen. Und wofür? Für diesen idiotischen, sturen und stolzen Helden in seiner lebenserfahrenen Birne?

Link schabte mit seinen nussbraunen Lederstiefeln frustriert über den Boden und ließ sich dann einfach auf eine steinerne Treppenstufe sinken. Er ließ den Kopf hängen. Ein Gesicht wie eine halbe Ewigkeit Regenwetter.

Erst dann bemerkte er, dass sich jemand in diesen Bereich des Gartens gewagt hatte. Seine spitzen Hylianerohren vernahmen ein leises Taptap, ein galanter Rhythmus von teuren Schuhen, aber er sah nicht auf, hoffte darauf, dass sich alles zum Guten wenden und er mit jener bedeutenden Person, die er sich wünschte nur einmal berühren zu können, alles bereden konnte. Schmach und kämpfende Schamgefühle ließen ihn sich wie gelähmt fühlen, als er die Enden eines meerblauen, langen Rockes vor sich sehen konnte. Er schluckte nervös, traute sich nicht aufzusehen, bis er ein paar sanfte Hände spürte, die sich auf seine Schultern legten. Und es waren nicht nur die Hände, diese wärmende, wohltuende Berührung, die ihn unruhig und nervös werden ließ, es war auch ein Parfum, das ihm vertraut schien. Blüten… Frische Blüten auf den Wiesen Hyrules…

Und weil er einfach nicht reagieren, noch sich irgendwie artikulieren konnte, ließ sich die Gestalt vor ihm auf die Knie sinken. Als er aufsah, und obwohl er doch wusste, wen er vor sich hatte, so schien sich eine kleine unwirkliche Welt hinter den Schlossmauern aufzubauen. Er sah ihr nicht direkt in die saphirblauen Augen, aber sie im Gegenzug las so deutlich in seinen Gesichtszügen, was er dachte und empfand. Und da waren Schuldgefühle… jede Menge scheußliche und gemeine Schuldgefühle…

„Link…“, sprach sie und es klang wie Musik in seinen Ohren, wenn sie seinen Namen aussprach. „Du hast einst einmal zu mir gesagt, dass du mich vermisst hast…“, flüsterte sie. Er brachte darauf nicht einmal eine anständige Begrüßung über seine Lippen und versuchte zwanghaft an ihr vorbeizuschauen. Er fragte sich nur noch, ob es wirklich richtig war Zelda mit seiner Anwesenheit zu belasten.

„Jetzt hätte ich dies gerne zu dir gesagt…“, meinte sie leise, worauf er irritiert dreinschaute und etwas zurückwich. Beinah panisch zuckte er auf, als Zelda ihn dann sehr innig und gewagt in ihre Arme zog. ,Träumte er‘, fragte er sich. Oder suchte Zelda tatsächlich nach all den Gemeinheiten und Enttäuschungen seine Nähe? Er zitterte etwas in ihrer Umarmung, war verwirrt und gefangen in dem Gefühl zu erwidern oder es bleiben zu lassen. Aber auch jetzt konnte Link nicht aus seiner Haut. Die Augen nur halb verschlossen blieb er in der Umarmung und fühlte noch mehr Schuldgefühle je länger die Umarmung ging. Aber nicht nur er war unsicher, auch Zelda, die diese Nähe gesucht und schier wahnsinnig vermisst hatte, zweifelte. Und ihre Zweifel wuchsen unentrinnbar…

Und ein Beobachter, den keiner der beiden wahrnehmen konnte, würde nur denken, dass sich jene selbstlosen Seelen über eine eigensinnige Form der Magie gefunden hatten, denn wie keine andere Anziehungskraft wirkte Seelenverwandtschaft…

 
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