35. Kapitel
 

Kapitel 4: Entgleitendes Vertrauen

 

 

In den herbstlichen Schlossgärten, wo die vielen, bunten Blumen verwelkten und ein stürmischer Wind aufzog, saßen die beiden Kinder des Schicksals wie einst zusammen. Eine dämmerige Regenwolke schob sich verhüllend vor den ehrwürdigen Feuergott am Himmel, als Link unsicher und reumütiger wurde. Zelda umarmte ihn noch immer, hatte ihre kristallblauen Augen fest zugedrückt und schien beinahe eingeschlafen. Ihr gleichmäßiger, warmer Atem kitzelte seinen Nacken und es war dann, dass ihre Nähe, selbst das sinnliche Parfum, das ihn an eine riesige Blumenwiese der weißen Hyliarose erinnerte, seinen Herzschlag so sehr beschleunigte, dass er es nicht mehr aushielt. Etwas wirsch schob er die fünfzehnjährige Königstochter von sich weg und hüpfte schlaksig auf seine zitternden Beine. Obwohl er wichtige Dinge mit ihr besprechen wollte, hatte er gerade das sehnliche Bedürfnis einfach nur wegzurennen…

Wie in Trance gewesen, zog sich auch die erschöpfte Prinzessin auf die Beine, richtete ihren Blick zu Boden und führte ihre Hände vor der Brust zusammen. Auch sie verkrampfte sich, ahnend, dass Link für eine so innige Umarmung schlichtweg nicht bereit war. „Entschuldige… ich habe dich überrumpelt…“, murmelte sie schwach.

Nervös drehte sich der einstige Heroe um seine Achse und hüpfte von einem Bein auf das andere. „Nein… ich meine… das ist… es war nicht…“, stotterte er und versuchte sich zwanghaft von Zeldas Nähe abzulenken. Er war zappelig und wusste ganz genau, warum. Ihr Parfum, das sanft seine empfindliche Nase kitzelte, beschleunigte nicht nur seinen Herzschlag, sondern ließ ihn nicht mehr klar denken.

„Es ist in Ordnung…“, sprach sie leise und sich selbst belügend, wand ihm den Rücken zu und war unsäglich enttäuscht, dass er ihre Nähe noch immer nicht zulassen konnte. Sie kannte seine Beweggründe nicht und sprang ohne es zu merken zu weiteren voreiligen Schlussfolgerungen. Hatte sie wirklich geglaubt, er würde sie besuchen und die Verletzungen der letzten Wochen wären damit einfach vergessen? Dachte sie wirklich ihr Held der Zeit stand vor ihr? Wie blind war sie gewesen zu hoffen, dass zwischen ihnen wieder alles in Ordnung war?

„Zelda… ich…“ Link nahm seinen ganzen Mut zusammen und versuchte sich zu erklären. Aber er wusste überhaupt nicht, wo er anfangen sollte. Es war in den letzten Monaten und Wochen so viel passiert, das sich seinem Verständnis entzog. Und es gab so vieles, was ihn verunsicherte und belastete. Er wollte sich doch nur, auf eine aufrichtige und treue Weise, erklären und entschuldigen. Unsicher spielte er an dem Griff seines neuen Schwertes, das er am Gürtel trug.

„Warum bist du hier?“ Und ihre Stimme klang traurig und leidend. Es war lange her, dass Link diesen ermatteten, bekümmerten Klang in ihrer glockenhellen Stimme wahrgenommen hatte. Und es machte sein Herz schwerer als ohnehin schon. Er hatte Zelda verletzt, das spürte er. Er hatte sie mehr verletzt als er sich vorstellen konnte, mit Taten, die er teilweise nicht erinnern konnte…

Als er zunächst nicht antwortete, sich auf die Lippen biss und seine Fäuste ballte, stellte sie ihre Frage noch einmal, nur nicht mehr so sachlich, sondern lauter: „Warum bist du hier, Link?“ Er hörte die Ungeduld aus ihrer Stimme.

Er wand sich in ihre Richtung, bemüht ihr den Respekt und die Achtung spüren zu lassen, welche ihr doch zustanden, aber seine Lippen schienen wie versiegelt. Und er konnte nicht einmal in ihre himmelblauen Augen schauen, sich an die sanfte Farben erinnern.

„Ich…“, flüsterte er und hatte das Gefühl sich selbst ohrfeigen zu wollen. Konnte er nicht natürlich sein? Konnte er sich ihr gegenüber nicht so rechtschaffen verhalten wie früher. Warum nur war er ein so verdammter Feigling und Taugenichs geworden? Er stand hier, vor seiner Prinzessin, nein, vor dem wunderbaren Menschen, mit welchem er durch die Hölle der alternativen Zeit gegangen war und er brachte es nicht einmal fertig sie zu berühren, sie zu trösten, sich zu entschuldigen und ihr klar zu machen, dass er sie niemals verletzten wollte!

„Link…“, sprach sie und ließ sich auf die steinerne Treppenstufen im Garten sinken. Nachdenklich blickte sie zu dem einzelnen laubverlierenden Apfelbaum in jenen Hinterhöfen, wo eine Holzschaukel durch den Wind in Bewegung gesetzt wurde. Wie ein Hypnosegerät pendelte die Schaukel hin und her.

„Link… Ich weiß nicht, warum du hier bist, was du hier erwartest. Es hat sich in den letzten Wochen sehr viel verändert und ich weiß nicht, wo das hinführen kann. Ich weiß nicht, wohin unsere Begegnung führen soll. Aber ich schätze, auch weil du nichts zu sagen hast, und dich einmal mehr abgewendet hast, dass du nicht wegen mir hier her gekommen bist…“ Zumindest war Zelda mittlerweile davon überzeugt. Es tat weh, aber Links abweisendes Verhalten saß sehr tief und das Misstrauen ihm gegenüber wuchs je weniger Nähe er sich traute. Sie schloss ihre Augen und hatte einen trübsinnigen Ausdruck auf ihrem Gesicht. Sie verstand nicht, warum die Freude über seinen Besuch so schnell verschwunden war, alles, was sie noch wahrnehmen konnte, war Enttäuschung und Traurigkeit.

Für Link jedoch war die Aussage beinah ein Schlag ins Gesicht. War das nicht gerade der Grund gewesen? Er war wegen ihr in die Hauptstadt geritten. Er war wegen ihr hier, weil er sich nach ihr sehnte, weil sie ihm wichtig war und weil er…

„Wie kommt es, dass du nun zu mir geritten bist, wo du mich vor wenigen Wochen aus Kokiri weggeschickt hast, und wo du meine Einladung zu Neumond ausgeschlagen hast. Was bringt dich dazu, so unangekündigt zu erscheinen?“ Link wollte sich zwanghaft erklären, aber seine Worte blieben weiterhin wie betäubt in seiner Kehle stecken. Sie ließ ihm Zeit, wartete mehrere Minuten darauf, dass von seinen blassen Lippen entscheidende Worte kamen, aber Link blieb schweigsam.

„Link, das hat doch alles keinen Sinn“, murmelte sie schwach und schluchzte. „Es gab einst diese Zeit, da wir Freunde waren. Es gab einst ein Band des Vertrauens zwischen uns…“ Zelda umarmte sich und zitterte immer mehr in den frischen Herbstwinden, die weitere Regenwolken brachten. „Aber wo sollen wir jetzt anfangen dies wieder aufzubauen? Ich schaffe das nicht allein, und nicht zurzeit“, sprach sie schwach.

Und je mehr sie sagte, umso mehr zerriss es Links ohnehin gedemütigte Herz. Wollte sie ihn wieder wegschicken? Wollte sie ihre Freundschaft beenden, nur, weil er sich wie ein dummer, feiger und lächerlicher Trotzkopf aufgeführt hatte?

„Bitte, entschuldige mich. Ich…“, schluchzte sie und es war dann, dass die vielen besorgniserregenden Ereignisse wie Links Krankheit, die merkwürdigen Visionen und Träume, die neuen Pflichten am Hofe, Impas Anschuldigungen und die mittlerweile kurzen Nächte, Zeldas letzte Kraft aufgefressen hatten. Sie schwankte, war bemüht aus dem Hof zu treten, aber blieb plötzlich müde stehen. Sie spürte eine marternde Kraftlosigkeit und versuchte ihren Kreislauf in den Griff zu kriegen. Sie warf noch einen Blick zu Link, der wie ein Häufchen Elend in den Gärten stand. Er ließ die Schultern hängen, kniff die Augen zusammen und es war nur eine kleine Geste, die sie lange nicht mehr gesehen hatte, die sie davon abhielt einfach aus den Gärten zu stürmen. Denn in den schönen, meerblauen Augen des einstigen Helden, zeigten sich Tränen. 

„Du willst unsere Freundschaft beenden…“, sprach er endlich, leise und fahl. Hatte Valiant tatsächlich Recht? Wollte Zelda nichts mehr mit ihm zu tun haben? Und weil er dies sagen konnte, der erste wirkliche Satz seit er hier erschienen war, wich die Farbe noch weiter aus Zeldas Gesicht.

„Freundschaft…“, widerholte Zelda gekränkt. „Haben wir denn noch so etwas wie eine Freundschaft?“ Sie wurde leicht bissig. „Weißt du, was Freundschaft ist?“

Mit den Tränen in den blauen Augen sah Link auf und schloss seine Augen aus Angst vor der Verletzung, die er in Zeldas Seelenspiegeln erblicken konnte. Er fühlte sich wie das letzte Aas, nicht fähig sich zu entschuldigen, nicht einmal fähig sie einfach nur in die Arme zu schließen und zu trösten, so wie er es unter anderen Umständen garantiert getan hätte.

„Freundschaft zeichnet sich dadurch aus, dass man einander vertraut… dass man füreinander da ist, und sich gegenseitig gerade dann unterstützt, wenn die Zeiten schwer sind. Ich wollte immer… immer deine Freundin sein, dir beistehen und auch dann da sein, wenn es keiner kann. Aber ich kann nicht, wenn du nicht mit mir redest… wenn du mich nicht an dich heranlässt.“ Sie war mittlerweile so verzweifelt, dass sie sich für ihren Ausbruch an Emotionen schämte. Sie fürchtete sich irgendjemand könnte dieses Gespräch belauschen und ihre Schwäche miterleben.

„Hast du eine Ahnung, wie weh es getan hat, dass du nach so langer Zeit einfach in meine Gemächer gekommen bist und es nicht einmal fertig gebracht hast, mich zu umarmen? Ist dir klar, wie weh es mir getan hat, dass du dich so kalt verhalten hast, auch in Kokiri? Und wenn du es nicht für nötig hältst, meine Einladung anzunehmen, dann könntest du zumindest einen Brief schicken und mir erklären warum. Aber es kam absolut überhaupt nichts.“

So bleich wie das graue Mauerwerk um sich herum, war Links Gesicht geworden. Er hatte nicht einen blassen Dunst einer Ahnung gehabt, dass Zelda ihn so sehr vermisst hatte. Es schockierte ihn zutiefst, dass er sich so sehr von diesen eigentlich angenehmen, wunderschönen Gefühlen abgegrenzt hatte…

„Link… rede mit mir… Bitte“, bat sie inständig. „Bitte…“, setzte sie hinzu, drückte ihre Hände auf das Herz und versuchte dem Bedürfnis zu widerstehen ihn weiterhin für seinen sturen Heldenstolz, seine Abweisung der letzten Wochen und seine momentane Unfähigkeit für Nähe zu verurteilen.

„Möchtest du denn noch mit mir reden?“, sprach er kränkelnd. Seine Stimme war rau und belegt. „Nachdem ich… dir diese Sorgen bereitet und alles falsch gemacht habe…“ Er schluckte und versuchte mit der trockenen Spucke in seinem Hals auch die massiven Schuldgefühle hinunterzuschlucken. „Scheinbar ist alles gesagt…“ Seine sturmblauen Augen schillerten wehmütig, bis er diese schloss und sich wieder auf die Steinstufe sinken ließ. Zeldas Ehrlichkeit und ihr Schmerz waren für ihn kaum zu ertragen.

„Nein, nichts ist gesagt… Denn ich wollte immer mit dir zusammen sein… immer mit dir reden, weil du, als mein Held der Zeit, mir wichtiger warst als irgendjemand sonst“, flüsterte sie. Und obwohl die Prinzessin jene Worte ehrlich und aufrichtig gemeint hatte, fühlte sich Link von ihnen verhöhnt. Wo war er schon wichtig? Es war immer nur der Held der Zeit wichtig. Wenn er nicht als Held erwacht wäre, wo wäre dann sein Platz in Hyrule gewesen? Wen hätte sein Schicksal interessiert als Junge, der im Wald zu einem Greis mutieren würde. Auch wenn Zelda wahrlich überzeugt war von ihren Gefühlen, sie hatte viele Dinge niemals verstanden. Sie hatte trotz ihrer Fähigkeit der Vorsehung seine Sehnsüchte und seine Probleme niemals wahrgenommen und auch nie mit ihm darüber geredet. Aber Vorwürfe machte sie ihm für die Dinge, die er einmal nicht meisterte, weil er nicht in der Lage war Nähe zuzulassen. Sie machte ihm Vorwürfe, weil er einmal nicht der Held Hyrules sein konnte…

Seine Augen blitzten in dem Augenblick, als ihm klar wurde, was Zelda verlangte, was sie immer verlangt hatte, gefährlich auf. „Ach ja? Ich war dir wichtig…“, sagte er murrend, versuchte nicht ausfällig zu werden. Aber nun fand er endlich Worte, geboren aus seiner Wut und der Verzweiflung, die sich über Jahre hinweg angestaunt hatte. „Glaubst du denn, du hättest auch nur eine Sekunde Zeit für mich gehabt, wenn ich damals nicht den heiligen Stein des Waldes bei mir gehabt hätte? Und denkst du wirklich, ich hätte irgendeine bedeutende Rolle für dich eingenommen, wenn ich nicht kämpfen hätte können?“ Er sprang auf seine Beine und zischte zynisch. „Für dich ist nur der Held der Zeit wichtig… das war immer schon so.“

Zeldas Mund klappte auf und sie war sprachlos. Ja, sie wollte mit Link reden und sie hatte seinen Schmerz gespürt, aber dass sich dahinter auch Hassgefühle ihr gegenüber verbargen, war ihr auf diese Weise niemals klar gewesen.

„Du warst immer dankbar, wenn ich dich besucht habe. Du warst immer glücklich, wenn ich mich bemüht habe, dir ein Freund zu sein. Aber du hast niemals gesehen, was nicht stimmte in all der Zeit, weil selbst du, wo du die siebte Weise bist, oft nur sehen kannst, was du sehen willst. Wen interessiert schon der Junge hinter dem Helden der Zeit!“

„Link…“, würgte sie aus ihrer betäubten Kehle. Seine Vorwürfe hatten sie so eiskalt erwischt, dass sie überhaupt nicht mehr wusste, damit umzugehen.

„Erspar‘ mir das, Zelda“, sprach er und fuhr sich durch das blonde, wilde Haar. „Mir ist klar, dass du viele Dinge niemals leichtfertig und selbstsüchtig getan hast, aber das macht deine Entscheidungen nicht weniger grausam.“ Er trat auf seine Beine, spürte sein Herz brennen, weil er mit seiner Ehrlichkeit einen weiteren Keil in ihre Freundschaft trieb. Aber er konnte diese Dinge nicht mehr hinunterwürgen und so tun, als wäre er der unbezwingbare Held, den nichts aus den Latschen hauen konnte. Auch er war nur ein Hylianer… ja, ein verstoßener, sich ungeliebt fühlender Hylianer…

„Du redest von Freundschaft und einem Band des Vertrauens. Aber behaupte nicht, du hättest mir jemals vertraut. Du hast mir nichts von den Geschundenen der Macht erzählt, obwohl diese Sekte mich angegriffen hat. Du überlässt mir irgendwelche magischen Gegenstände, weil du vermutest, dass ich damit erneut das Land retten kann. Und warum? Weil du nur auf den Helden der Zeit vertraust. Warum sonst hast du mich in die Ritterschule geschickt, doch nur, dass ich wieder erstarke und kämpfen kann. Du hast mir nicht einmal zugehört, als ich sagte, ich will dieser bescheuerte, verspottete Held nicht mehr sein!“ Link atmete schwer, hatte seine Energie in dieser Standpauke beinah verschwendet und er wusste, dass es nicht fair war. Aber er wollte nicht mehr! Er wollte diese Pflichten nicht mehr. Und nicht mehr für einen illusorischen, unechten Titel seine Seele verkaufen und sich demütigen lassen…

Und nun war es Zelda, die nichts mehr sagen konnte. Neben sich stehend und weil sie durch die momentanen Ereignisse ihre gesamte Kraft eingebüßt hatte, sackte sie auf ihre Knie. Sie presste eine Hand an ihre Lippen und konnte nicht glauben, was hier passierte. Was war mit ihrer Freundschaft, nein, ihrer Liebe, zu Link? Es konnte doch nicht sein, dass alles das, was sie einst teilten, nur leere Worte, nur Lügengebilde, gewesen waren! Empfand Link tatsächlich diesen unglaublichen Groll ihr gegenüber? War sie die ganzen Jahre über denn wahrlich so blind?

„Glaubst du wirklich, ich hätte nicht gesehen, wie wunderschön deine Seele und dein Herz sind, als du damals vor mir standest? Auch wenn du dich nicht zu einem Helden entwickelt hättest, ich hätte dich respektiert, immer. Glaubst du wirklich, ich brauche nur einen Helden?“, sprach Zelda bekümmert. Sie schluchzte bitter, und richtete sich wieder in die Höhe, aber taumelte. Sie fand ihre Stärke nicht. Sie sickerte aus ihren Händen, langsam und vernichtend, auch weil sie spürte, dass es nichts brachte mit Link zu reden. Sie waren beide verletzt wegen all‘ den Ereignissen, die geschehen waren und bei dem anderen Misstrauen ausgelöst hatten.

„Ich brauche einen Freund… keine Vorwürfe… Denn es geschehen immer mehr seltsame Dinge in Hyrule, Ereignisse, die ich nicht verstehen kann, Angriffe, die ich nicht vorhersehen kann“, sprach sie, aber bevor sie weiter erklären konnte, wurde sie von Link unterbrochen: „Dann frag‘ doch jemand anderen dir erneut auf den Schlachtfeldern zur Seite zu stehen. Frag‘ einen Helden, aber nicht mich!“, brüllte Link. „Ich will nicht mehr dein verdammter Held sein“, setzte er schnippisch hinzu und hielt die Konfrontation mit Zelda, obwohl er sich nach ihr gesehnt hatte, obwohl er sie wegen den Dreizehn Schlüsseln warnen wollte, und sogar das merkwürdige Männerarmband mit dem kupferfarbenem Metall bei sich trug, nicht mehr aus.

Mit zusammengekniffenen Augen hetzte er aus den Schlossgärten und konnte Zeldas Zusammenbruch nicht sehen. Zum zweiten Mal heute krümmte sie sich zusammen, weinte heftig und wünschte sich zu vergessen, wer sie war. Sie liebte Link, sie würde es auf ewig tun. Und er würde immer ihr Held bleiben, egal, was auch immer in Hyrule geschehen würde und egal, wie sehr er sich gegen seine Bestimmung wehrte. Denn sie würde ihn von seinem Titel niemals trennen. Link war der Held Hyrules und würde es immer bleiben…

 

Ohne auch nur eine Wache zu grüßen, selbst diejenigen Wachposten, die ihn noch von früher kannten. Und ohne den Blick nach oben zu richten, rannte der vergessene Heroe aus den märchenhaften Schlossgärten. Er war wütend, vor allem auf sich selbst. Er war hierher geritten mit dem Wunsch sich mit Zelda auszusprechen. Er wollte ihr verdeutlichen, dass sie immer auf ihn zählen konnte. Und was war passiert? Er hatte erneut versagt, sich aufgeführt wie ein dummes Kind! Warum nur war das Gespräch mit ihr so verdammt schief gelaufen?

An einem einzelnen Laubbaum, der auf den Pfad in Richtung der Stadt wurzelte, blieb Link stehen. Seine ansehnlichen Gesichtszüge schwer und beschämt. Er war blass und mit lila Augenringeln und gläsernen Augen sah er aus wie ein Gespenst. Er lehnte sich stirngerichtet an die morsche Baumrinde, stemmte seinen linken Arm gegen den Baum und schluchzte. Er fragte sich, was in ihn gefahren war, Zelda mit diesen heftigen Aussagen fertig zu machen, obwohl er doch deutlich wahrgenommen hatte, dass es ihr nicht gut ging. War er mittlerweile tatsächlich so ein Monster, dass er nicht einmal mehr in der Lage war, die Hylianerin, für die er doch die tiefsten Gefühle hegte, mit Respekt und Achtung zu behandeln? Er hatte Zelda noch nie so angefahren, so zurechtgestutzt und angeschrien wie gerade eben. Was, bei Farore, passierte nur mit ihm? War das nur die Wut über sein Schicksal oder veränderte er sich und geriet auf eine finstere Ebene, die er niemals betreten wollte?

Von weitem erkannte er einen gut gelaunten Will, der ihn noch nicht gesehen hatte und mit dem er sich gerade nicht auseinander setzen wollte. Beinah panisch hetzte Link weiter und rannte zu dem einzigen Ort, der ihm eine Antwort auf die Dinge geben konnte, die sich seinem Wissen entzogen. Beinah sehnsüchtig, als ob er einen alten Freund wiedersehen musste, sich reinigen musste, hetzte er in die Stadt und kam außer Puste, sich auf seine schlotternden, abgemagerten Knie stützend, vor den Toren der alten Zitadelle der Zeit zum Stehen.

 

Mittlerweile wurde Hyrules Himmelszelt von vielen grauen Wolkenschleiern überzogen. Eine kalte Brise wehte und wirbelte frisches Laub auf den abgetragenen Steinstufen am großen Tor der Zitadelle auf. Keine Menschenseele war in den Gärten vor der Zitadelle unterwegs. Eine zermürbende Stille schlich sich um das alte Gotteshaus. Ehrfurcht vor jenem heiligen Platz, selbst von den Wettergöttern. Links pulste raste noch von seiner feigen Flucht vor Zelda und sein Herz schämte sich, schämte sich elend. Zögerlich griff er an den übermenschlich wirkenden Türgriff des Gotteshauses, schob das Tor nur einen kleinen Spalt auf und wurde von der dahinterliegenden Dunkelheit verschluckt.

Mit neugierigen und geweiteten Augen erfasste Link das riesige Innere der alten Zitadelle. Er war schon so oft hier gewesen, erinnerte jedes Detail hier drinnen, aber seit seinem letzten Besuch hatte sich einiges verändert. Die Zitadelle war scheinbar umgebaut worden, und zwar in so deutlichem Ausmaß, dass Link den Eindruck hatte, er betrat eine andere Realität. Dort, wo einst nur ein purpurroter Teppich über die majestätischen Marmorplatten verlief, waren links und rechts ornamentierte Holzbankreihen aufgebaut worden. An den tragenden Säulen, wo das kolossale Deckengewölbe mit dem Kampf der drei Göttinnen gegen das Chaos der Gezeiten dargestellt war, hafteten riesige, magische Fackeln, die ihren Schein wärmend in den sonst so kühlen, beinah eisigen Innenraum warfen. Der einstige Altar wurde in ein zweites Stockwerk verlagert, sodass die erstarrten heiligen Steine nicht mehr so leicht berührt werden konnten und das Zeitentor war schlichtweg verschwunden. Stattdessen fußte dort nur ein Opferstein aus pastellfarbenem Gossipgestein, welcher dazu da war Tote an ihrer letzten Gedenkstätte aufzubahren. Verdutzt und zweifelnd, wo der Zeitenfels abgeblieben war und wo die heilige Klinge sich befand, hetzte Link umher und fühlte sich mittlerweile so überfordert, dass er Angst hatte, seine Vergangenheit war niemals passiert. Wo war das Schwert des Auserwählten? Wo war das Tor der Zeiten?

Hektisch stürmte er ein paar neue hölzerne Treppenstufen hinauf, die an den gigantischen Steinsäulen angebracht waren und in das zweite Stockwerk führten. Seine tiefblauen Augen wanderten überfordert und unruhig an dem Altar mit den drei heiligen Steinen entlang. Seine kalten, frierenden Hände legten sich zitternd an die mit einer silbernen Masse umwobenen Steine, ein Schutzmechanismus. Die heiligen Steine waren hier, aber wo war das Tor der Zeiten und wo war das Masterschwert?

Plötzlich spürte Link einen Luftzug hinter sich und drehte sich erschrocken um. Er torkelte zurück und krachte polternd und sich selbst verfluchend an den Altar und erschrak, als er einen Geist vor sich sehen konnte, den er im ersten Moment nicht erkannte. Es war Rauru, der Weise des Lichts. Der alte, graue Mann mit seinem orangenen Umhang führte lediglich einen Zeigefinger an seine Lippen, bat um Ruhe und nickte Link leise zu. „Du möchtest zu dem Schwert, nicht wahr?“, sprach er säuselnd.

Link nickte, blickte jedoch trübsinnig zu Boden.

„Das Schwert ruht nun in verborgenen Katakomben. Da sich so viele Schaulustige daran erprobt haben, ließ Prinzessin Zelda den Hort des Schwertes versiegeln und die Zitadelle von den alten Geistern umbauen“, erklärte er. „Folge mir.“

Link tat wie geheißen und folgte dem Weisen bis hin zum neuen Altar. Er sprach einige Formeln in dunklem Hylianisch. Eine alte Sprache, die kaum einer noch benutzen konnte. Und plötzlich bebte ein kleiner, kreisförmig umgrenzter Bereich unter Links Füßen. Ehe der einstige Heroe begreifen konnte, was geschah, wurde er von einem Gewand aus glühenden, gelben Farben umgarnt und teleportiert.

Als er seine Augen wieder öffnete war er in einem kreisrunden, stillen Raum ohne Einzelheiten oder irgendwelche Verzierungen. Von weitem rauschte Wind oder Wasser und an den Wänden wuchs Moos. Ein paar Fackeln an den Wänden glühten gemächlich und in der Mitte des Raumes, erstarrt zu Stein, rostend und tot, ruhte die heiligste Klinge der Welt…

Wie damals, ehrfürchtig und unschuldig, setzte Link einen Fuß vor den anderen, versuchte dem Klang zu lauschen, den das Masterschwert immer erklingen ließ. Aber das Summen der edlen Waffe war erloschen. Die legendäre Kraft der Heldenklinge war verendet…

Zaghaft führte Link seine kalten, schwachen Finger an das rostende Schwertheft, berührte die Klinge nur leicht, streichelte das einst so geschmeidige Leder. Aber er spürte nichts. Er konnte keinen Hauch Magie wahrnehmen. Nicht einmal das Schwert reagierte auf ihn! Schließlich umfasste er die Klinge fester, rüttelte an ihr, bemüht sie trotz aller Warnung aus dem Stein zu ziehen, aber die Klinge stak fest und starr. Er rüttelte immer mehr, stemmte sein gesamtes Gewicht gegen die Klinge und entließ schließlich einen verzweifelten Seufzer.

Er trat dagegen, spürte die Verzweiflung von vorhin wieder hochkochen, zog noch einmal an dem Heft, bis ihm seine Hände weh taten. „Ist das alles, was du noch bist! Ein stummes, billiges Schwert!“, brüllte er, zog weiterhin an dem Heft und versuchte mit aller Gewalt dem Masterschwert wieder Herr zu werden. „Du verdammtes, nutzloses Schwert! Wozu bist du überhaupt noch gut!“, zischte Link und riss so gewaltsam an dem Heft, bis seine Finger bluteten. „Hilf‘ mir!“, rief er, trat noch einmal dagegen. „Hörst du nicht! Ich bin dein wahrer Meister, ich war es immer und ich befehle dir. Lass‘ dich führen!“

Gewaltsam zog er mit beiden Händen an dem einst so edlen Griff, legte seine gesamte übriggebliebene Kraft in diesen Akt, aber das Schwert schwieg. Nicht einmal eine abweisende Reaktion. Kein Hauch Magie sonderte es ab. Es bestrafte seinen Herren mit Stille.

Verzweifelt, und begreifend, dass er tun konnte, was er wollte, sein Begleiter in den Abgründen der alternativen Zeit, würde ihm nicht zur Seite stehen. Er sackte vor der Klinge nieder, betrachtete sich seine blutenden Hände und hing das Schwert halb umarmend am Zeitenfels. „Ich flehe dich an…“, flüsterte er. „Gib‘ mir, mein wahres Ich zurück… ich flehe dich an… Wäre ich ich selbst, müsste ich Zelda nicht andauernd so enttäuschen… Hilf‘ mir…“

Aber auch mit seiner Verzweiflung und einer aufrichtigen Bitte. Mit einem Ruf, den Herzen hören konnten, ließ sich die Klinge aus ihrem tiefen Schlaf nicht befreien. Es war nicht bestimmt, dass er das Masterschwert wieder führte. Nicht heute und hier…

Plötzlich fühlte er eine warme Hand auf der Schulter. Zuerst dachte er, dass es Rauru wäre. Wer sonst hatte Zugang in diese heilige Halle? Aber Raurus Geisterhand war nicht für einen Hylianer fühlbar und erst recht nicht warm. Links dunkelblonder Kopf glitt langsam nach hinten, als die Fackeln an den Wänden in einem schimmernden, silbernen Licht erstarrten. Es wurde angenehm hell in den alten Katakomben, tröstlich und rein. Links tiefblaue Augen waren weit aufgerissen, als er hinter sich eine alte Frau in einem silbergrauen Umhang entdeckte, jene Frau, die ihm bereits einmal erschienen war. Vor einigen Wochen war sie es, die ihn beruhigt hatte, als Zelda im Schloss angegriffen wurde. Vor einigen Wochen hatte sie ihm seine Zweifel ausgeredet.

„Ihr… Ihr seid…“, murmelte Link und schaute betreten weg. Was wollte sie hier? Sich an seinem Leid ergötzen?

„Die graue Hexe, so könntest du mich nennen, mein dummer Junge…“, entgegnete sie ruhig.

Link räusperte sich, fragte sich bloß, was sie hier wollte und fragte sich außerdem, wie sie es geschafft hatte Raurus Tricks zu durchschauen und seine Fallen zu überwinden.

„Was wollt Ihr von mir?“, murrte der Junge, stützte sich auf seine blutigen Hände und trat auf seine Beine.

„Zunächst einmal muss ich dir klar machen, dass es nicht der richtige Zeitpunkt ist, sich an der Waffe zu testen“, sprach sie scharf. „Du kannst dein Herz für das Schwert herausreißen oder dich aufspießen, dadurch wird es ebenfalls nicht sprechen.“

„Was wisst Ihr schon!“, zischte der Junge und wand der alten Frau den Rücken zu. Was wollte diese Hexe schon wieder von ihm? „Ihr habt überhaupt keine Ahnung. Mischt Euch nicht in Dinge ein, die Euch einen feuchten Dreck angehen!“ Link wusste nicht, was es war, aber diese Dame brachte ihn mit ihrer bloßen Anwesenheit um den Verstand.

„Soso, du glaubst, dein Schicksal geht mich nichts an, hm?“, sagte sie bestimmt.

„Ja, das habe ich gesagt“, sprach Link gereizt. „Und ich glaube das nicht nur, ich weiß es. Es geht keinen beschissenen Hylianer etwas an, was mit mir passiert, und es interessiert auch keinen!“ Link platzte der Kragen, vor allem, weil das Schwert nicht reagierte und nun erschien ihm wieder diese merkwürdige, alte Frau, die ihn einen ,dummen Jungen‘ nannte. Sollte er mit diesen Ereignissen und dem furchtbaren Gespräch mit Zelda etwa noch gute Laune haben?

„Du bestehst darauf zu denken, keine Menschenseele ist an deinem Schicksal interessiert?“

Link blickte zweifelnd zu Boden.

„Aus verlässlicher Quelle weiß ich nur leider, dass es jede Menge Hylianer gibt, die dich lieben…“ Link lachte zynisch und schüttelte seinen Schädel. „Und das sagt mir eine alte Schachtel, die sich nicht einmal vorstellen kann? Wer sollte Euch etwas glauben? Tut nicht so, als wüsstet Ihr nur ansatzweise etwas über mich. Ihr seid das perfekte Beispiel für eine Hylianerin, die sich in mein Leben einmischt und so tut als wollte sie mich unterstützen.“ Link hatte nur leider nicht daran gedacht, dass er eine unglaublich starke Frau, selbst in ihrem Alter, sich gegenüber hatte. Und diese Frau ließ sich nichts gefallen. Sie trat näher und noch ehe Link reagieren oder ausweichen konnte, hatte sie ihm eine saftige Ohrfeige verpasst, die einen fetten, roten Abdruck auf Links Wange hinterließ. Er zuckte zurück, hatte nicht mit einer solchen Kraft gerechnet und hielt sich seit langem seine rechte, schmerzende Wange fest.

„Das ist die erste Ohrfeige heute. Wenn du noch mehr von diesem Stuss erzählst, bekommst du noch weitere!“, sagte sie belehrend. Und ihre gewaltige, alte Stimme ließ ihn aufhorchen und sich zusammenreißen. Etwas ängstlich, und Link hatte vor Ewigkeiten das letzte Mal wirklich Angst empfunden, versuchte er unter die silbergraue Kapuze der alten Frau zu schauen. Er konnte nur ein paar blaue Augen sehen, die scharf und eindringlich waren, mutig und unberechenbar stark.

„Lässt du mich jetzt erklären, weshalb ich hier bin, oder brauchst du sofort die nächste Schelle?“, sagte sie bissig.

Link schluckte, zwinkerte und schüttelte langsam seinen Kopf. Seine Wange pochte wie wahnsinnig. Er konnte kaum glauben, dass eine so alte Frau diese immense Kraft entwickelte.

„Gut. Normalerweise entscheidet sich niemand gegen meine Argumente“, sagte sie klar, worauf Link beinah angefangen hätte sie aus zu höhnen. Wie konnte man nur so von sich selbst überzeugt sein wie diese Frau?

„Also was führt Euch her?“, sprach Link dann, wand der Dame seinen Rücken zu und ließ sich auf eine Treppenstufe sinken. Gut, dann würde er diese Frau eben zuhören, was immer sie auch wollte. Als ob sich durch das Gesülze dieser Schreckschraube etwas ändern würde…

„Normalerweise ist es mir untersagt mich in die Geschehnisse einzumischen, vor allem in das, was diesen Zeitpfad angeht. Und ich hatte gehofft, dass ohne mein Zutun sich die Ereignisse fügen und du auf deinen rechtmäßigen Pfad gelenkt wirst. Aber bedeutsame und wichtige Geschehnisse scheinen sich zu verflüchtigen. Es ist, als ob sich die Realität verändert, als ob sich die Götter von Hyrule mehr und mehr abwenden.“

Link seufzte: „Und was hat das mit mir zu tun? Wenn sich die Realität verändert, so wie ihr sagt, warum sollte das schlecht sein?“

„Es ist schlecht, weil es eine neue Bedrohung gibt. Vielleicht eine alte, grausame Macht oder etwas völlig neues. Eine Macht, die in der Lage ist, die Geschichte, die bestimmt ist zu geschehen, umzuformen. Und das ist keine Zeitreise, die die Zukunft verändert, es scheint als ist jemand in der Lage alles das, was gut ist in einen Gegensatz zu verwandeln…“

Link seufzte erneut. „Und ich sage es noch einmal, was hat das mit mir zu tun?“

Macht aussendend trat die alte Frau direkt vor ihn, beugte sich zu ihm und fixierte ihn mit ihren blauen, scharfen Augen. Sie war seinem Gesicht so nah, dass er ihren Atem riechen konnte. Es stank nach Kräutern, bitter und Kopfschmerz verursachend. Aber endlich konnte er ihr direkt ins Antlitz blicken. Und sie war älter als er vermutete, viel zu alt, als dass er verstehen konnte, wie sie sich auf den Beinen halten konnte. Sie hatte Tausende Falten in ihrem mausgrauen Gesicht.

„Oh, mein dummer Junge, falls du es vergessen hast, in dir schlummert Hyrules mutigste Seele. Du hast gar keine Wahl als den Helden in dir zu erwecken und dich in Schlachten zu stürzen. Und auch ich sage es noch einmal. Du bist und bleibst ein Held. Dein Wille kann nicht gebrochen werden, auch wenn es Mächte gibt, die dies immer wieder versucht haben.“

Desinteressiert, und weil ihm dieser Tag auf die Nerven gegangen war, richtete sich Link auf und wich der Dame aus. Fing diese blöde Hexe jetzt auch damit an ihm klarmachen zu wollen, dass er auf ewig ein Held bleiben würde? Er wollte nicht mehr! Verdammt, konnte das überhaupt keiner verstehen, er wollte nicht wieder morden müssen. Er wollte nicht, dass andere wegen ihm leiden mussten. Und wenn er den Helden spielte, gab es genug Dämonen, die dann die Menschen, die ihm wichtig waren, quälte…

„Ich bin kein Held mehr“, murmelte Link und blickte zu dem verrosteten Schwertheft, wo sein Blut noch immer klebte.

„Doch, das bist du und wirst du immer bleiben.“

„Ich sagte“, sprach er mürrisch und deutlich, so laut, dass das Feuer der Fackeln aufgeregt zu rascheln begann, als ob es sich vor dem Triforcefragment des Mutes fürchtete. „Ich bin kein Held mehr!“ Link hatte so laut geredet, dass ihm die Kehle schmerzte.

„Macht es dir eigentlich Spaß dich selbst zu belügen?“, fragte sie dann, trat zu ihm und nahm seine linke blutende Hand in ihre beiden. „Warum hast du das Schwert aufgesucht, wenn du doch kein Held mehr sein willst? Warum hast du das Schwert angebrüllt dir dein wahres Ich zurück zu geben, wenn du doch kein Held sein willst?“ Beschämt blickte Link zu Boden. Er schloss seine tiefblauen Augen, ahnte, dass diese Frau tatsächlich mehr wusste, als er ihr zutraute.

„Mein dummer Junge“, sprach sie sanfter, streichelte seine Hände, sodass die Wunden verschwanden. „Ich weiß, wie schwer es zur Zeit für dich ist in diesem irren Kampf gegen das, was man Schicksal nennt. Ich weiß, wie verzweifelt du bist. Aber kämpfe mit allem, was du hast. Es ist dir bestimmt zu kämpfen und als derjenige Einzige zu bestehen, wenn andere fallen…“ 

„Wie soll ich noch kämpfen…“, murmelte er wehmütig. „Mit diesen schwachen Händen? Mit diesem abgemagerten, kränkelnden Körper?“

„Ja, mit diesen schwachen Händen und deinem kränkelnden Körper. Der Held der Zeit kann kämpfen, auch unter diesen Bedingungen.“ Link knurrte und stieß die Dame von sich weg. „Da ist es wieder… Ich verstehe schon… jeder braucht nur diesen blöden Helden in mir. Selbst Zelda! Alle brauchen sie nur den Helden der Zeit und nicht mich!“

Link hatte seinen Satz kaum zu Ende gesprochen, dass er bitter spüren musste, wie wenig die graue Hexe von seinem Gejammer hielt. Sie riss ihre meerblauen Augen auf, verzog ihr Gesicht, hob ihre rechte Hand und verpasste dem jungen Trotzkopf eine weitere saftige, und unglaublich dröhnende Ohrfeige. Link zuckte gequält auf und hatte den Wunsch sich mit dieser alten Dame zu schlagen. Er knurrte wie ein Hund und ballte die Fäuste. „Bei dir kommt man mit verständnisvollen Worten nicht weiter, du bist ein genauso sturer Bock wie dein Vater!“, zischte sie. „Höre ich eine solche Idiotie noch einmal von deinem Mund, prügel‘ ich dich windelweich!“ Link schluckte und sah die Hexe argwöhnisch an. Noch immer war ihm völlig unklar, was die Frau von ihm wollte. „Link“, sagte sie belehrend. „Du kannst den Helden und dich nicht trennen. Und Zelda sieht das sicherlich genauso.“

Er brummte, aber sagte keinen vernünftigen Satz dazu. Seine rote Wange haltend, stapfte er im Raum umher. „War es das dann? Könnt Ihr mich nun endlich in Ruhe lassen“, murmelte er.

„Damit du dich weiterhin in deine beschämende Verzweiflung und dein genießendes Selbstmitleid stürzen kannst?“, fragte sie bissig. „Nein, den Gefallen tue ich dir noch nicht.“

„Dann rufe ich halt nach Rauru, dass er mich hier herausbringt. Dann bleibt Ihr eben hier“, schimpfte der einstige Heroe, worauf die Frau anfing zu lachen. Sie lachte in einer unglaublich wahnsinnigen Weise. Ihre alte Stimme quietschte wie ein kaputtes Rad.

„Rauru? Tut mir leid dich zu enttäuschen, aber Rauru hat nur von mir gelernt, ich kenne seine Magie und seine Tricks. Du kannst lange darauf warten, dass er dich hier herausholt, wenn ich hier stehe.“ Link verdrehte genervt seine Augäpfel, aber musste einsehen, dass es nichts brachte diese Frau noch weiterhin herauszufordern. Sanftes Rauschen drang von weither, als die Sekunden zerrannen und Link auf weitere Worte der Hexe wartete.

 

Zu dem Zeitpunkt stapfte William Laundry fröhlich, aber etwas besorgt, weil er keine Ahnung hatte, wo sein Mitbewohner abgeblieben war, in der strahlenden Hauptstadt umher. Er genoss die vielen Menschen hier und freute sich über den Trubel und die Hektik, die er ein wenig vermisste. In Labrynna hatten sie auch lange Zeit in einer größeren Stadt gelebt. Dagegen war die Einsamkeit und Öde an der Ritterschule beinah unerträglich. Als er auf dem Marktplatz die verschiedenen Waren betrachtete, stürmte plötzlich ein kleines Mädchen in seine Richtung, umarmte seine Beine und sah ihn mit großen smaragdgrünen Augen an. Will grinste die Kleine überrascht an, freute sich dann aber ungemein seine kleine Schwester zu sehen. Er nahm sie auf die Arme und wirbelte sie aufgeregt durch die Luft. Gerade in dem Augenblick sah er seine Mutter und seinen Vater näher treten, die ihn ebenfalls liebevoll begrüßten. „Hey, was macht ihr denn hier?“

„Wir hatten eine Audienz bei Prinzessin Zelda wegen den Träumen und dem verrückten Gefasel deiner Schwester“, meinte Lassario und umarmte seinen Sohn. Es war schon einige Wochen her, dass sie sich gesehen hatten. Und obwohl Will solche Gefühlsduselei eigentlich nicht mochte, war er über die Maßen froh seine Eltern anzutreffen, so froh, dass er sogar seinen Vater umarmte. Außerdem wusste er den Wert seiner Eltern mehr und mehr zu schätzen, jetzt, wo er Hylianer in seinem Umfeld kannte, die weder Vater noch Mutter hatten.

„Hi, Mum“, meinte er und umarmte auch Belle, die ihn skeptisch beäugte. Normalerweise hatte Will nichts für Umarmungen und erst recht nicht Umarmungen seiner Mutter übrig. Sie gaffte ihn schockiert an, aber lächelte dann.

„Und konnte euch die Prinzessin irgendetwas raten?“, meinte Will und kratzte sich dann verlegen an der Wange. Er wurde kirschrot bei dem Gedanken, dass er die Prinzessin vor einigen Minuten gesprochen und sogar einen Kuss von ihr bekommen hatte. Aber das würde er für sich behalten.

„Ja, wir haben einige Neuigkeiten. Wir sind auf dem Weg in die Zitadelle der Zeit und wollten danach im Gasthaus speisen. Möchtest du uns begleiten?“, sprach Lassario.

„Was wollt ihr denn in der Zitadelle?“, sagte der Laundrysohn überrascht.

„Das erklären wir dir später. Aber sag‘ mal, bist du ganz alleine hier her geritten?“

Will schüttelte den Kopf. „Link ist mit mir hier, aber ich habe absolut keine Ahnung, wo er abgeblieben ist.“

„Link ist mit hier?“, sprach Belle dann. „Das ist schön.“ Sie lächelte bei dem Gedanken, dass Link und Will scheinbar die besten Freunde geworden waren.

„Ja, er ist wirklich ein guter Kerl“, meinte Will ehrlich. „Wenn wir nachher essen gehen, können wir Link nicht mitnehmen?“ Auch die kleine Lilly mischte sich ein und kullerte mit ihren großen grünen Augen. „Oh ja, das machen wir“, rief sie. „Linkelchen soll mit uns essen gehen. Das wäre toll!“

Lassario und Belle nickten beide und traten schließlich gemeinsam mit Will in Richtung der Zitadelle.

 

In den antiken Katakomben, wo das Blut der Zeit, Rost, Moos und Schimmel sich bildete, stand Link mit leerem Kopf vor der alten Hexe, die ihre silbergraue Magie durch den Raum gleiten ließ. Er wusste überhaupt nicht mehr, was er noch denken, geschweige denn sagen sollte. Er hatte nur das erdrückende Gefühl immer mehr falsch zu machen. Was war nur los mit ihm, dass er sich so sehr gegen sein Heldendasein wehrte? Hatte er es nicht genossen in jedem Kampf dieses wahnsinnige Adrenalin zu spüren, das durch seinen Körper schoss? Hatte es ihm nicht Genugtuung gebracht den Abschaum Hyrules unter die Erde zu bringen und das Licht zurückzufordern, immer und immer wieder? War es nicht sein Lebenssinn gewesen mutig und stark zu sein, vor allem auch für die edlen Wesen wie Zelda…

„Ich weiß, warum du in allererster Linie so unglaublich wütend auf dich bist“, sprach sie. „Es ist wegen der Prinzessin, habe ich Recht?“ Die Frau rückte ihre graue Kapuze etwas zurecht und spielte einmal mehr mit ihrem silbernen Licht, das sie in dünnen Fäden um das heilige Schwert im Stein tanzen ließ.

„Es demütigt dich, nicht in der Lage zu sein mit Zelda so umzugehen, wie du es gerne tun würdest, was? Du würdest sie gerne beschützen, so wie früher, nicht wahr?“, setzte sie hinzu und sie wusste, wie unangenehm sich diese Worte für ihn anfühlten, wie Stiche in seinen Ohren. Er kniff die Augen verzweifelt zusammen.

„Du würdest sie gerne berühren, aber wie sollst du das in diesem Zustand, mit diesem Körper. Du schämst dich, hast das Gefühl, kein vollwertiger Mann mehr zu sein. Und du glaubst, in diesem Zustand, bist du es nicht würdig, so etwas Edles und Schönes wie Zelda zu berühren.“ Und noch ehe die Frau ihn weiter mit diesen Dingen konfrontieren konnte, platzte Link der Kragen.

„Hört auf damit!“, brüllte Link dann und hielt sich seine Hände an die spitzen Hylianerohren.

Innerhalb weniger Sekunden stand die Frau vor ihm, legte ihren Kopf auf eine Schulterseite und grinste beinah barbarisch. „Habe ich den Nagel auf dem Kopf getroffen, mein dummer Junge?“

Und weil es Link mittlerweile zu viel war, holte er kräftig aus und wollte dieser Frau einen Schlag mit der Linken verpassen. Sie wich jedoch flink aus und schüttelte den Kopf. „Oh ja, du bist unglaublich wütend, dass du nicht der Held sein kannst, der du sein willst. Denn das ist deine ganze Motivation. Du willst ein Held sein, aber vor allem für Zelda. Sie war es, in der du nach Verlassen des Waldes einen Lebenssinn gefunden hast. Nur sie…“ Link hatte das Gefühl auf diese Worte zusammenzusacken. War diese Frau eine Seelenleserin, oder woher wusste sie das alles?

„Und gerade zu Gunsten der Prinzessin, möchte ich dir etwas verraten.“ Er hörte weiterhin willig zu, wusste nicht, wie er mit dieser Dame noch diskutieren sollte. Jedes Argument aus seinem Mund hatte bei ihr keine Chance. Sie nahm den Ernst aus seinen Worten wie Wind aus Segeln…

„Es ist nicht gut, dass Zelda und du, dass ihr beide euch anzweifelt…“

„Das weiß ich selbst“, murrte Link beinah boshaft. „Ich habe versucht mit ihr zu reden, aber es ist alles schief gelaufen.“

„Ja, weil du keine Ahnung hast, warum… Aber Zelda leidet, sie leidet wahnsinnig. Sie hat jede Menge Pflichten, jede Menge Aufgaben, sie könnte sich mittlerweile verdreifachen und würde diese vielen Verpflichtungen nicht mehr schaffen. Sie braucht den Helden der Zeit, weil sie bald nicht mehr weiß, wo sie ihre Kraft für die nächsten Geschehnisse hernehmen soll. Mein dummer Junge, deine Prinzessin verliert ihre Kraft, wenn es so weiter geht. Du musst dich entscheiden, dich von ihr fern zu halten oder sie zu unterstützen. Deine momentanen Spielchen machen Zelda krank… Sie ist nicht so stark, wie es den Anschein hat und sie braucht dich, dich, nicht nur den Helden. Du weißt es nicht, aber Zeldas Seele und deine sind untrennbar miteinander verbunden. Ihr seid beide Kinder des Schicksals. Du musst lernen in deine Seele hineinzuhorchen, dich selbst wieder finden und annehmen.“ Link konnte dem ganzen nicht mehr folgen. Die Worte aus dem Mund der Hexe schlitzten an dem bisschen Selbstwert und Stolz, der noch verblieben war und ließen ihn torkeln. Wovon redete die Frau nur? Seine und Zeldas Seele verbunden?

„Vertraue ihr, sie wird dich nicht enttäuschen“, setzte die Hexe hinzu und lächelte das erste Mal warmherzig durch ihre Falten hindurch. Es war das erste Mal, dass sie warm und mütterlich auf ihn wirkte.

„Ach nein, aber sie hat ständig alle Fäden in der Hand, sie entscheidet gegen meinen Willen. Sie…“

Die Hexe unterbrach ihn scharf: „Stopp! Stopp! Stopp!“ Irritiert sah Link auf. „Wann hat sie schon gegen deinen Willen entschieden?“

„Sie hat mich auf diese bescheuerte Schule geschickt!“, warf Link ihr vor.

„Ja und?“, entgegnete sie. „Niemand hat dich gezwungen mit der Anmeldung dorthin zu marschieren. Das ist allein auf deinen Mist gewachsen. Und bedenke, warum hat Zelda dir die Anmeldung für die Schule zukommen lassen?“

Link zuckte mit den Schultern und wusste darauf nichts zusagen.

„Nicht aus Egoismus, auch wenn du das wohl denkst. Sie wollte das Beste für dich und nun tu‘ nicht so, als ginge es dir an der Schule nicht besser! Du hast Freunde, du hast einen Platz, eine warme Mahlzeit, ein Bett. Urteile nicht so über sie, damit schneidest du dir nur ins eigene Fleisch!“ 

Gebrandmarkt und sich erniedrigt fühlend sackte Link wieder auf die Steinstufe. Er vergrub seinen Kopf in den Händen und fragte sich, was hier nur passierte. Musste ihn diese Frau, die nichts mit ihm zu tun hatte, wirklich klar machen, was für ein schlechter Freund er war? War er mittlerweile so zerfressen von Selbstzweifeln, dass es seine Seele spaltete?

„Mein dummer Junge…“, begann die alte Hexe noch einmal. Und dieser unsinnige Kosenamen schien Link mittlerweile nicht einmal mehr zu stören. „Es gibt so viele Menschen, die dich unterstützen, auch, wenn du es nicht einmal sehen kannst, auch in der Vergangenheit. Aber vertraue nicht den falschen Leuten. Lass‘ mich dich noch warnen. Es gibt einige in deinem Umfeld, die dein Vertrauen nicht verdient haben. Bedenke, dass vieles, was andere sagen, nicht der Wahrheit entsprechen muss. Glaube nicht den Worten der falschen Leute.“

Verwundert sah Link auf: „Meint Ihr Valiant von Hyrule?“

„Nicht nur“, meinte sie beschwörend. „Und bevor ich gehe und du endlich deine Ruhe vor mir hast-“ Sie schäkerte und grinste durch die alten Falten hindurch. „- lass‘ mich dir eine weitere Sache mit auf den Weg geben. Es wird der Zeitpunkt kommen, da du noch einmal durch die Zeiten reisen wirst und ich hoffe nicht allein…“

Link zwinkerte. „Wie meint Ihr das?“

„Du wirst schon sehen“, sprach sie noch. „Du wirst es erfahren…“ Sie rückte ihre Kapuze noch einmal zurecht und die silberne Magie, die wie ein Nebelgewand durch die Katakomben wandelte, tanzte näher und umhüllte die Alte fließend.

Eine zaghafte Hoffnung manifestierte sich in den tiefblauen Augen des ewigen Helden Hyrules. Er würde noch einmal durch die Zeiten reisen? Wäre er dann in der Lage alles besser zu machen? Er zwinkerte noch einmal, aber nur in einem Bruchteil einer Sekunde war die alte Frau verschwunden.

„Wartet! Und erklärt mir dies!“, rief er in den mittlerweile leeren Raum. Er hüpfte auf die Beine und hetzte in dem Raum umher, rief nach der Hexe, aber sie war verschwunden. Tief durchatmend blieb Link dann vor dem heiligen Schwert stehen, war unglaublich durcheinander und wünschte sich nichts sehnlicher, gerade jetzt, wo diese Dame ihm einige Dinge, auf eine grobe, aber furchteinflößende Weise klar gemacht hatte, gerade jetzt, wollte er noch mehr ins Schloss stiefeln und Zelda um Verzeihung bitten…

 

Er warf noch einen bekümmerten Blick zu der heiligen Waffe, strich mit der Linken über das Heft, als wollte er sich bedanken, und wurde dann ein weiteres Mal teleportiert. Als ihn Raurus Magie zurück in die große heilige Halle der Zitadelle brachte, war er nicht mehr allein. Sich unterhaltend standen die Laundrys dem Geist Raurus gegenüber. Sie waren so gefangen in dem Gespräch, dass sie zum Glück nicht bemerkt hatten, dass Link auf nicht gewöhnlichen Wegen in das Gotteshaus eingetreten war. Lilly war die erste, die den vergessenen Heroen nahe des Eingangs entdeckte, fackelte nicht lange und stürmte auf ihn zu. „Linkelchen!“, brüllte sie vor Freude und lachte neckisch. Sie stolperte, rappelte sich wieder auf und krallte sich an Links Beinen fest. „Das ist so schön, dass du hier bist. Hallo, Linkelchen!“, rief sie überschwänglich.

Link hatte Mühe das Mädchen von sich wegzudrücken und nicht zu grob oder abweisend zu reagieren und seufzte nur. „Dir geht es nicht gut!“, sagte sie und schaute ihn bekümmert an. Sie drückte ihre rosa Lippen aufeinander, verzog ihr kleines Vollmondgesicht und bekam wässrige Augen. „Das tut mir leid“, sprach sie piepsend. Sie schien ganz genau zu wissen, dass etwas mit ihrem Linkelchen nicht in Ordnung war. Link schloss die Augen, schüttelte seinen Kopf und schaute beflissen und kurz angebunden zu den Laundrys. ,Aha‘, dachte er, Will war auch hier. Ob er in der Schlossbibliothek alles hatte erledigen können? Hoffentlich… Denn Link hatte die Schnauze voll von dem Tag und wünschte sich einfach nur zurück zu der Ritterschule zu reiten. Alles, was er erreichen wollte, war schief gelaufen…

Auch Will und seine Eltern blickten in seine Richtung. Sie hatten ihr Gespräch mit Rauru beendet, wichtige Entscheidungen treffen können und hatten neue Pläne für ihre Tochter. Belle war die erste, die bemerkte, dass Link aussah als ginge die Welt für ihn unter. Als Raurus Geist summend in der Zitadelle verschwand, trat die schöne, rothaarige Frau zu Link hinüber, wollte ihm zuerst die Hand reichen, aber entschied sich dann dagegen. Link sah drein, als bekam er einen Herzkasper, als Belle ihn mütterlich an ihre Brust drückte und liebevoll umarmte. „Hallo, Link“, sagte sie sanft. Heute hatte er wahrlich zu viele Umarmungen bekommen…

„Was macht ihr eigentlich hier?“, fragte er benommen und wand sich irritiert aus der Umarmung.

Lassario reichte ihm seine Hand und begrüßte ihn ebenfalls. „Nun ja, wir hatten etwas mit Rauru zu besprechen, aber konnten bereits eine Lösung finden. Wir wollten uns nun in ein Gasthaus begeben“, erklärte er. In dem Moment stieß Belle ihren Gatten ganz sanft in die Seite und blickte ihn auffordernd an. Lassarios schokoladenbraune Augen sahen unsicher in die leuchtenden seiner Ehefrau, aber er verstand. Er hielt sich eine Hand hinter den Kopf und streichelte durch sein kurzes, bräunliches Haar. „Mmh… möchtest du denn mit uns kommen. Du bist eingeladen“, sagte er dann, worauf auch Will grinsend dreinschaute. Sich fragend, was er davon halten sollte, schaute Link mit seinem trübsinnigen blauen Augen in der Runde umher. Er wollte diese Familienidylle der Laundrys nicht stören und fühlte sich ohnehin gerade unwohl in Gesellschaft, vornehmlich, weil der Streit mit Zelda sein Gemüt belastete…

„Ich weiß nicht, ob das…“, begann Link, wollte diese Einladung auf jeden Fall ausschlagen und wurde dann von Belle beinah böse angeschaut.

„Wehe du sagst jetzt nein“, sprach sie drohend.

„Also…“, stotterte Link.

„Dann wäre das ja geklärt“, meinte dann Will und ließ Link erst gar nicht dazukommen sich Ausreden zu überlegen. Der trübsinnige Blondschopf seufzte, aber sah dann dankbar auf.

Und ganz unscheinbar, und unter ihrem silbergrauen Mantel schmunzelnd, trat die graue Hexe hinter einer Säule hervor. Sie lächelte dann und verschwand in ihrem silbergrauen Licht. Lassario blieb in dem Augenblick kurz stehen und schaute zu dem Bereich, wo die alte Frau noch vor Sekundenbruchteilen stand. Belle bemerkte ebenfalls, dass etwas nicht stimmte. „Was ist los?“, fragte sie skeptisch, gerade deshalb, weil Lassarios Augen in einem alten Glanz schimmerten. „Ich dachte nur…“, sprach er, schüttelte seinen lebenserfahrenen Kopf und schob Belle mit den Kindern aus der Zitadelle.

 

Das beschauliche Gasthaus „Zum bewirtenden Zauberer“ war vollgefüllt mit Hylianern, die lachend und schmatzend an etwa zwanzig Tischen saßen. Ein junges, korpulentes Fräulein, hektisch wirkend, bediente eifrig die vielen Gäste in dem großen Saal mit dem niedrigen bunten Deckengewölbe. Die Laundrys und Link saßen ein wenig abseits in einer Ecke, ein Bereich, der von einem Torbogen von dem restlichen Saal leicht abgetrennt wurde. Unheimlich gemütlich war es hier drin und es duftete einladend nach angenehmen Gewürzen. Die weißen Wände der Gaststube waren mit festem Schimmerholz und üblichen Kristallen ausgekleidet und überall hingen Trophäen und Medaillen des Zaubererhandwerks. Sogar Hörner der schrecklichsten Getiere, die auf Hyrules Steppe hausten, waren an den Wänden angebracht und brachten eine eigentümliche, aber wundersame Stimmung in den Innenraum. Und die guten Gewürze und die sinnliche Wärme des Innenraums umschmeichelten auch Links Sinne. Er hatte hier noch nie gespeist und erst recht nicht in Gesellschaft. Überhaupt war es selten gewesen, dass er zu einer Mahlzeit eingeladen wurde. Etwas nachdenklich, Lassarios Einladung misstrauisch bedenkend und die emotionalen Erlebnisse des Tages verdrängend, schaute er in der Runde umher. Er bemerkte zunächst nicht die Kellnerin in ihrem bunten Kleid, die ihm ein Glas Lon-Lon-Milch-Kakao unter die Nase stellte und schaute trübsinnig ins Leere. ,Wie konnte er nur so dumm sein, sich so jämmerlich und schwach aufzuführen selbst mit seiner Krankheit! Hatte die graue Hexe nicht doch vielleicht Recht? Konnte es sein, dass seine Zweifel nicht nur mit seiner derzeitigen körperlichen Verfassung zu tun hatten? Was war, wenn die graue Hexe Recht hatte und jemand die Realität verändern wollte?‘

In dem Augenblick wurde Link von der kleinen Lilly, die direkt neben ihm saß, aus seinen Gedanken gerissen. „Linkelchen, es stimmt!“, rief sie vorwitzig. Ihre großen grünen Augen knisterten förmlich vor Neugierde und Wissen. Irritiert ließ Link sein blasses Gesicht in den kräftigen Augen des Mädchens spiegeln.

„Was stimmt?“, mischte sich Will ein und wuselte mit seiner großen Hand durch das rote Haar seiner Schwester. Er packte sie kichernd am Kopf, worauf sie mit ihren kleinen Händen sein Handgelenk umschloss und quengelte. „Der, der Link zur Zeit ist, ist er nicht. Und Zelda ist zur Zeit auch nicht Zelda. Und Hyrule ist bald nicht mehr Hyrule!“

„Jaja“, lästerte der junge Laundry erheitert und deutete auch Link an, der etwas bleich im Gesicht zu werden schien, dass er nicht auf das Gefasel seiner kleinen Schwester hören sollte. „Und Papa ist plötzlich Mama. Zoras gehen durchs Feuer und Goronen können seit neustens schwimmen.“ Will lachte dann und hielt sich seinen Bauch fest.

„Du bist blöd, Will!“, schimpfte das Mädchen und zog die Nase nach oben.

„Lieber blöd als so durchgeknallt wie du“, entgegnete er und lachte, wurde aber im selben Moment von seiner Mutter sehr böse angefunkelt. Er schluckte und schwieg.

Link seufzte, versuchte Lillys Worte wegzuschieben. Aber die neuerlichen Ereignisse gefielen ihm gar nicht. War denn das, was er im Augenblick wahrnahm und dachte, vielleicht gar nicht wirklich? Waren Will, Belle, Lilly und Lassario vielleicht nur Gebilde einer anderen Realität?

„Nun lasst uns doch nicht streiten, Lilly wird demnächst bei dem Weisen des Lichts lernen mit ihren Fähigkeiten umzugehen. Wir sollten endlich bestellen und essen“, schlichtete Lassario und versuchte Link freundlich entgegen zu lächeln. Er war ihm nicht abgeneigt, aber Links Verhalten und seine Charakterzüge beunruhigten ihn deutlich. Er wollte es nicht zeigen, aber der Ritter beobachtete den einstigen Helden sehr genau und Link spürte dies…

Es dauerte nicht lange und der Tisch war gedeckt mit einer Platte Rundhornziegenbraten mit Herzbeerenpüree, gebratenen Hylanortafeln mit Steppennussspeck und Schalen mit Himmelskürbissuppe. Lassario schob Link als erstes einige der kleinen Speiseplatten zu und schien ihn mit seinen schokoladenbraunen Augen beinah auszusaugen. Je mehr er über Link erfuhr, umso außergewöhnlicher fand er ihn. „Bitte bedien‘ dich“, sprach er klar und anbietend. Link zwinkerte und wusste nicht, womit er so viel Freundlichkeit verdient hatte. „Lass‘ es dir schmecken. Du bist unser Gast.“ –„Danke…“ Ein sehr unsicheres Murmeln brachte der einstige Heroe über seine Lippen und er kam nicht darum zu denken, dass an Lassarios Freundlichkeit irgendetwas faul war.

„Wie ist es euch eigentlich an der Ritterschule ergangen?“, meinte der Ritter an Link und Will gerichtet und schlürfte genüsslich von der Suppe.

„Es ist super“, sprach Will begeistert. „Zwar ziemlich anstrengend mit dem vielen Schwertunterricht und stressig, aber es gibt echt tolle Fächer wie den Praxisunterricht bei Newhead oder die Vorlesung bei Aschwheel. Ich freu‘ mich auch auf die Meditation der Farore und das Bogenschießen nächstes Trimester. Noch machen wir ja nur etwas Theorie.“

„Scheint so, als ob es euch dort nicht langweilig wird, was?“

„Mit Link sowieso nicht“, schmunzelte Will. Er schlürfte von seinem Kakao und grinste. „Kannst du dir vorstellen, dass Link Viktor fertig gemacht hat.“ Verwundert sah Lassario auf. Er zuckte nervös mit einem Augenlid. „Wie das?“

„Viktor hat ihn provoziert, daraufhin hat Link ihm eine Lektion verpasst, die sich gewaschen hat.“ Stolz erzählte Will von Links Taten.

Doch jener seufzte nur und spielte das Ereignis runter. „Der Typ hat sie nicht alle. Wie will der unfähige Tropf den Schülern beibringen wie man kämpft?“, entgegnete Link gelangweilt. „Das Schwert ist unsere wichtigste Waffe und wir brauchen jemanden, der das Fechten beherrscht, nicht so einen Spinner.“ Lassario runzelte die Stirn und zupfte sich an seinem kurzen Bart. Er wusste darauf nichts zu sagen. Es war lediglich interessant für ihn, dass Link mit Viktor aneckte.

„Einer der besten Schwertfechter und Klingenwerfer war einst Jake Lancus, ich frage mich, was wohl aus ihm geworden ist“, sprach Lassario nach kurzer Pause.

„Was? Du meinst den Säufertypen?“, sprach Will verwundert und lachte sogleich. „Der kommt in die Kneipe nahe der Schule und besäuft sich ständig. Das kannst du nicht ernst meinen?“ Lassario ließ vor Schreck sein Besteck fallen. „Jake Lancus ist ein Säufer geworden?“ Lassario schien völlig entgeistert und wurde fahl im Gesicht.

„Was ist mit ihm? Kanntest du ihn?“, sagte Link. Der nach schlechtem Bier muffelnde Kerl und seine komischen Worte von neulich kamen ihm wieder in den Sinn. Der Typ hatte Link sehr bitter und übel beschimpft. Weil Lassario benommen auf den Teller vor seiner Nase blickte, übernahm Belle die Erklärung. Mitfühlend legte sie ihrem Gatten eine warme Hand auf die Schulter.

„Jake Lancus war einer unserer besten Freunde, ein zu achtender Mann und begnadeter Schwertkämpfer. Von ihm hättet ihr so manche geheime Kunst lernen können.“

Will blickte verwundert drein. „Aber das kann doch nicht sein, wie kann jemand denn nur so abstürzen? Ihr glaubt nicht, wie armselig der Kerl aussieht. Er hat graue, fettige Haare, eine magere Gestalt und ist gelb angelaufen an der Haut und in den Augen vor lauter Alkohol“, sagte er. „Der Mann hat höchstens noch die Kraft seine Weinflasche in der Hand zu halten, mehr aber auch nicht.“

Lassario und Belle schien diese Nachricht mehr als nachdenklich zu stimmen. Sie blickten sich traurig lächelnd entgegen. „Da scheint irgendetwas passiert zu sein“, murmelte Belle. Sie wischte sich eine Träne von den Augen.

„Artus und Robin haben erzählt, er sei dem Alkohol verfallen, nachdem er versucht habe ein Kind zu töten“, erklärte Will und stopfte sich gut gewürztes Ziegenfleisch in den Mund.

Daraufhin schlug Lassario mit der Faust auf den Tisch. „Halt deinen vorlauten Mund, mein Sohn!“, giftete er. Er klang angefressen und aufgebracht. „Jake Lancus würde niemals versuchen jemanden umzubringen. Da stimmt etwas nicht!“

Belle versuchte ihren Gatten zu beruhigen und griff auch mit der anderen Hand an seine Schulter, drückte sanft zu, was ihn sich beruhigen ließ. „Lassario“, sprach sie warnend. „Wir wissen viele Dinge nicht und können nur mutmaßen. Jake hatte genauso wie Arn auch seine dunklen Seiten. Wären wir nicht aus Hyrule geflohen, wüssten wir jetzt vielleicht mehr.“

Als sie diese sagte blitzte der Zorn in Lassarios dunklen Augen auf. „Höre ich da einen versteckten Vorwurf?“ Belle hielt ihm daraufhin drohend einen Zeigefinger unter die Nase. „Jawohl, werter Ritter. Es war deine Entscheidung Hyrule zu verlassen. Also lebe auch mit den Konsequenzen. Begreife endlich, dass vieles passiert ist, was du nicht wissen kannst.“

„Ja, aber keiner zwingt mich, dass ich diese alten Kamellen aufwärme“, brummte er.

„Es sei denn diese alten Kamellen sind wichtig für unser neues Leben in Hyrule. Du musst dich endlich mit der Vergangenheit auseinandersetzen und dich deinen feigen Schuldgefühlen stellen.“ Lassario reckte den Kopf zur Seite und ließ einen alten Trotz an die Oberfläche und bestrafte seine Frau mit Schweigen. Er konnte und wollte die Schatten der Vergangenheit nicht an sich heranlassen, denn er hatte sehr viel zu bereuen. Und er konnte und wollte nicht begreifen, dass in Hyrule vieles passiert war, was er nicht verhindern konnte…

„Warum habt ihr Labrynna überhaupt verlassen?“, sprach Link dann. „Nur wegen dem Angebot des Königs?“ Er erinnerte sich dunkel, dass Will einiges dazu erzählt hatte. Abtuend aß Lassario seinen Braten und schien sich nicht länger an dem Gespräch beteiligen zu wollen.

„Das ist nur nicht ganz richtig“, entgegnete Belle und strich sich ihre roten Haare zurück.

„Aber es war der Hauptgrund“, brummelte Lassario.

„Nein, war es nicht“, stritt Belle.

„Doch war es, und basta!“ Lassario verschärfte seinen Ton, sodass die Leute am Nebentisch aufsahen.

„Es war, weil wir uns nach der Heimat gesehnt haben“, sagte Belle angriffslustig. Sie hatte sich nie von ihrem Mann das Wort verbieten lassen und würde nun gewiss nicht damit beginnen. Derweil sahen sich Will, Link und Lilly fragend an.

„Labrynna war sehr schön und wir lernten viele gute Menschen dort kennen. Aber es ist eben doch nicht Hyrule…“, erklärte Belle stolz, aber auch traurig. „In Hyrule sind unsere Wurzeln, und ich für meinen Teil, wollte immer herausfinden, was mit den Hylianern passiert ist, die mir wichtig waren.“

„Und konntest du es herausfinden?“, meinte Will. „Ihr habt nie über die Vergangenheit geredet, ich weiß zu wenig über meine Großeltern und so weiter.“ Belle strich ihrem Sohn daraufhin über das sonnengebräunte Gesicht. „Zu gegebener Zeit werden wir darüber reden, das heißt, wenn es dein Vater für richtig hält.“

„Du wirst es nie für richtig halten, Papa“, piepste Lilly dann. Sie sprang von ihrem Platz und krabbelte auf seinen Schoß. „In der Ritterschule hängt ein Bild von deiner Schwester. Jemand muss es dir geben.“ Daraufhin sah Lassario aus, als wollte sein Geist den Körper verlassen. Es wurde mucksmäuschenstill am Tisch, bis er Lilly zu Belle drückte und sich vom Tisch entfernte.

„Scheiße, das war nicht gut“, meinte Will und blickte seinem Vater hinterher.

„Nein, das ging wahrlich daneben“, sagte Belle zustimmend.

Link zwinkerte nur, wusste nicht so Recht, was er von Lassarios Reaktion halten sollte, aber er verstand es nur zu gut. Wozu sollte man über die Vergangenheit reden, wenn sie weh tat? „Was genau ist mit Lassarios Schwester?“, fragte er dennoch und beobachtete Lassario, der sich an der Theke einen starken Schnaps bestellte.

„Das ist wohl genau das Problem. Keiner weiß, was mit ihr passiert ist. Das ist sehr bitter für ihn“, sprach Belle. Sie wischte Lilly über die vollgekleckerten Mundecken. „Lillyschatz, ist das wahr? Hängt in der Ritterschule ein Bild von Lassarios Schwester?“ Sie nickte und knabberte dann an ihrer Hylanortafel. „Nun ja, es hing immer da irgendwo, aber ich weiß nicht mehr genau.“

Die sanfte Frau nickte und drückte die Kleine an sich. „Es ist gut jetzt, mein Schatz, dein Papa muss sich irgendwann damit konfrontieren.“

Nachdenklich musterten Links tiefblaue Augen den kräftigen Ritter weiterhin. Und obwohl er so stark war, seine alte Ritterrüstung abgenutzt und daraufhin deutend, dass er einige Biester in die Hölle geschickt hatte, wirkte er für den Fünfzehnjährigen wie ein gebrochener Mann. Er hatte seine Familie in Hyrule zurückgelassen, gerade als der Krieg ausbrach. Er war wie ein Feigling geflohen um vielleicht das ungeborene Leben in Belles Bauch zu schützen. Und nun hatte er mit vernichtenden Schuldgefühlen einen sehr üblen Preis dafür zu zahlen…

Wenig später kam Lassario wieder und schien wie ausgewechselt. Heiter gestimmt und einfallsreich hatte Lassario den ein oder anderen Witz parat, zu denen seine Kinder schäkernd lachten. Link sagte nicht mehr viel, aber das musste er auch gar nicht. Die Laundrys respektierten sein Schweigen, lächelten ihn an, aber zwangen ihn nicht sich am Gespräch zu beteiligen. Es war angenehm für Link sich einfach entspannen zu können und nichts erklären zu müssen. Nachdenklich, aber abgelenkt von seinen Problemen, genoss er seine warme Mahlzeit und war mehr als dankbar für die Einladung…

 

Als sich abendliche Ausläufer über Hyrule niedersenkten und die lichte Welt vom Abendrot verschluckt wurde, hatten sich Will und Link von den anderen verabschiedet, auf die Steppe begeben und ritten gemächlich und wachsam zurück zur traditionellen, gelobten Ritterschule. Sie waren bereits zwei Stunden durch die abendliche, von Nebelschwaden durchzogene Lanayru- Provinz mit ihren tiefen, schattigen Tälern, aalförmigen Pfaden durch Berge und Brücken über gigantische Schluchten geritten, als wenige Schneeflocken vom düsteren Himmel fielen. Sie trabten über ein großes Stück Steppe, wo wenige Bäume wurzelten. Der Wind peitschte heftig und rauschte brausend über die finstere Landschaft. Er sang sein Lied des Klages, sang warnend und als ein letzter Zeuge vor dem nahen Sturm…

„Hey“, meinte Will, der die gesamte Zeit hinter Link geritten und beinah eingeschlafen war. Eingehüllt in seinen dicken Wollmantel nahm er die Kälte um sich herum kaum war. „Ich hab‘ dich noch gar nicht gefragt, wie dein Gespräch mit der Prinzessin gelaufen ist. Konntest du sie treffen?“ Link nickte bloß, hatte beinah das Gefühl allein von der Erinnerung daran, überfordert zu werden.

„Und wie war es nun?“

„Nicht gut…“, brummte der vergessene Heroe, wünschte sich, der sonst immer so neugierige Will gab sich mit der Antwort zufrieden. Er blickte mit seinen scharfen, tiefblauen Augen umher, fixierte die alte, verrottete Steinmauer neben ihnen und einen unauffälligen Waldverschlag weiter westlich. Er wusste nicht genau, was es war, und obwohl Link sich sicher war, dass ihr Pfad ungefährlich war, so hatte er für einige Augenblicke das Gefühl von dutzenden Augen in seinem Nacken. Er ergriff die Zügel fester und gab dem Pferd das Signal zu stoppen.

„Du willst nicht über das Gespräch mit der Prinzessin reden, oder?“, entgegnete Will verständnisvoll. Seine grünen Augen schillerten mitfühlend unter seiner braunen Kutte hervor. Erneut schüttelte Link seinen Kopf.

„Du musst ja nicht darüber reden, wenn du nicht willst“, sagte er und ritt neben Link, versuchte in der immer dichter werdenden Dunkelheit dessen Gesichtszüge auszumachen. „Aber du hättest mir wenigstens sagen können, dass das gottesgleiche Geschöpf in unserem Zimmer neulich tatsächlich die Prinzessin gewesen ist.“ Er wollte etwas schäkern und Link aufheitern, auch wenn er merkte, dass Link von irgendetwas abgelenkt war. „Du glaubst nicht, wie geschockt ich war, als ich sie in der Schlossbibliothek angetroffen habe und realisierte, dass sie die Thronerbin Hyrules ist.“

Überrascht blitzten Links Augen auf. „Du hast sie im Schloss getroffen?“

„Jap, sie wirkte ziemlich erschöpft, ich fand es war irgendwie ein unpassender Zeitpunkt“, erklärte der Laundry. Sich schelten wollend, dass sogar Will Zeldas Kraftlosigkeit wahrgenommen hatte und er sie noch so zurechtgestutzt hatte, kniff Link seine Augen zu, spürte die kalten Schneekristalle in seinem Gesicht und hatte den Wunsch auf der Stelle für sein Fehlverhalten bestraft zu werden…

Aber er hätte diesen Gedanken vielleicht nicht denken sollen…

Beunruhigt fixierte Link mit seinen tiefblauen Augen die kleine ruhige Waldkette westlich und lauschte dem Rauschen des Windes. Für einen schwindenden Moment, nicht lang und laut genug, als es für echt zu halten, konnte Link ferne Geräusche wahrnehmen. Wie ein holpriges Hufgetrappel, leise vibrierend. Argwöhnisch, und Link traute dem Frieden der Steppe so wenig wie seinem verteufeltem Schicksal, schaute er vorwärts. Majestätisch ließen sich die blühenden Wiesen, vereinzelten Sträucher und einsamen Bäume von dem glühenden Schimmer des Abendrots in einen vertrauten Zauber hüllen. Nebelschwaden krochen wie Geister über die Wiese, tanzend, beinah lachend. Und wenn die Seele des Landes schlief in der anbrechenden Nacht, konnte kein Lichtgeist länger über den Frieden wachen. Es war dann in der Nacht, geheimnisvoll und bestialisch, dass andere Geschöpfe aus den Tiefen der Erde krochen, die Welt mit Blut beträufelten und sich barbarisch daran labten…

Auch Will stoppte dann das Pferd von Artus, der laut schnaubte und viehisch wieherte. Der schwarze Hengst wurde fahrig, ließ sich kaum beruhigen. Mit befehlender Stimme klopfte Will dem schönen Tür auf den Hals. Er blickte misstrauisch zu seinem besten Freund und nahm auch dessen Aufregung wahr. „Findest du nicht auch, dass es unheimlich auf der Steppe sein kann, wenn sich das Abendrot niedersenkt?“, meinte Will dann und fragte sich, warum ihm das vorher noch nicht aufgefallen war. Er wurde nervöser, je mehr er die Zweifel in Links Gesichtszügen ablesen konnte. Er hatte den gleichen bedenklichen Ausdruck auf seinem Gesicht wie in der Höhle als sie beide von einem Riesenwurm angegriffen wurden.

„Link?“, sprach Will dann fragend, spürte eine marternde Nervosität in seinen Adern zunehmen und blickte ebenfalls ängstlich über die noch ruhige Landschaft. In blutroten Farben getauft schien sich die Steppe auf ein baldiges Gemetzel vorzubereiten.

„Link!“, wiederholte der Laundryjunge aufgebracht.

Doch der einstige Heroe antwortete nicht. Wie in Trance fixierten seine scharfen Augen, entschlossen, aber auch besorgt die nördlichen Hänge, dort, wo ihr Pfad in Richtung Ritterschule führte. Plötzlich wieherte auch die Stute von Newhead aufgeregt, ließ sich nur unter gutem Zureden von Link beruhigen und es war dann, dass Will endlich wusste, dass etwas nicht in Ordnung war.

Und von weitem, gefährlich und berauscht, genährt von verwesendem Fleisch, trunken von Mordlust, donnerten harte, scharfe Klauen und schwere Rüstungen in den jammernden Boden. Ächzendes Gebrüll erfüllte die Luft und ließ den Wind erzittern. Ein scharfes, hektisches Galopp wurde hörbar und der Boden begann zu beben.

„Was ist das?“, rief Will entgeistert, umfasste zitternd die Zügel des Pferdes und versuchte in der zunehmenden Dunkelheit und den schleichenden Nebelschwaden am nördlichen Horizont etwas auszumachen. Nur düster erhoben sich die nördlichen Berge und unscheinbar, beinahe verräterisch, schlichen leise Schatten über die Steppe in Richtung der beiden jugendlichen Hylianer. Ihre Herzen trommelten hektisch und waren doch nur ein einladender Klang für jene, die sich nach jungem Hylianerfleisch und reinem Blut verzehrten.

Link konnte nicht einmal antworten, als beide Pferde überreagierten, stürmisch und panisch um sich schlugen. Ein aufhetzendes Wiehern wie das eines sterbenden Einhorns erfüllte die zitternde Luft. Will begann zu schreien, hielt sich krampfhaft an dem schönen Hengst fest und konnte nicht begreifen, was hier geschah. Denn er hatte noch nie die Dämonen gesehen, die nachts in einer wahnsinnigen Manie über die hylianische Welt hetzten, Blutspuren hinterließen und folterten, was ihnen in die Quere kam. Und als Link, geübt und wissend, die Stute Lady wieder unter Kontrolle brachte, seine entsetzten blauen Augen sich weiteten in einer Sekunde gefrorener Zeit, war es, dass sich der Abschaum Hyrules mit gnadenlosem Gebrüll, entsetzlich und übermächtig, am nördlichen Horizont zeigte. Da waren gefräßige Moblins mit nackter Haut reitend auf riesigen entstellten Wölfen mit Krallen so scharf wie Rasierklingen. Schwere Rüstungen aus billigem Eisen, schneidend und bluttrunken lagen auf der kalten, schleimigen Haut weniger der ältesten Dämonen des Landes. Weitere Reiter zeigten sich am Horizont, menschengroße Gestalten mit schimmernden, schwarzen Umhängen und ein blutrotes Dreieck leuchtete durstend auf so mancher Stirn, und auch sie ritten auf starken, halbzerfleischten, dämonischen Pferden. An die fünfzig Kreaturen, bis an die Zehen bewaffnet, gierig und kannibalisch, hetzten näher, trommelten die Angst aus der toten, leidenden Erde und sangen mit schrillen Stimmen grässlich:

 

„In Teufelsküche, dort lebt der Geschmack,

das Fleisch der Helden wird dort gehackt.

Kommt trinkt mit uns den leckersten Wein,

das Blut der Helden, schenket uns ein.

Im finsteren Hyrule, seht unsere Macht,

die Helden, sie fallen, lacht und lacht.“

 

Ein gigantisches, kreideweißes Horn erklang ohrenzerreißend, das ein Dämon in dunkelroter Kutte spielend in einer entstellten Hand hielt, versetzte die Steppenlandschaft in ihren pechschwarzen und blutroten Farben in Schwingungen, erzittern ließ jenes die Tiere, die friedlich auf der Steppe lebten. Steppenhasen, Füchse und kleineres Getier hetzte kreischend davon und rannte markerschütternd und geächtet direkt in die Richtung von Link und Will. Und die Welt stand still, die Zeit schien zu gefrieren, gerade da, wo der einstige Held der Zeit die Zügel seines Pferdes fest umfasste, und wusste, dass er nur zwei Möglichkeiten hatte. Kämpfen und Sterben oder Fliehen und sich das mit Scham besudelte Herz aus der Brust reißen. Wie einst war er konfrontiert mit dem Bösen, roch den galligen, verwesten Geruch der Dunklen, wusste, er würde die Biester bekämpfen, mit allem, was er hatte; und dieser Kampf, diese Gefahr, die sich tief in die Geschichte Hyrules eingrub, dieses gigantische Ausmaß einer Bestimmung war nur da um erfüllt zu werden. Diese Gefahr war sein Schicksal. Seines allein.

Mit einem letzten Glühen karminroter Strahlen löschte die Nacht das Licht des wärmenden Feuergotts und gerade in dem Moment, wo die Finsternis wie ein würdeloser Schatten über die Welt kroch, blickten die Dämonen lachend und kreischend zu den beiden jugendlichen Reitern, bliesen noch einmal das erschütternde Horn, riefen zur Schlacht und riefen den Sensenmann auf ihre Seite. Links Schrei glitt rufend durch die Lüfte und mit einer hetzenden Reaktion wollte er die Stute Lady in Richtung des kleinen Waldverschlags treiben, eine Chance zu entkommen, nicht mehr. Link brüllte regelrecht, ließ die Biester am nördlichen Horizont nicht aus den Augen und konnte hören, wie die fünfzig Kreaturen ihren wahnsinnigen Gesang ein weiteres Mal anstimmten und ihre räuberischen Reittiere mit harten Schlägen vorwärtshetzten. Nur kurz vergewisserte sich der einstige Held dem Zustand seines Freundes, der nicht begreifen konnte, was hier passierte. Er war noch nie mit einer mörderischen Schlacht konfrontiert, kannte die Gefahr nicht und kannte schmerzhafte Wunden nicht. Der Laundry schien vor lauter Angst und Unverständnis vergessen zu haben, seinen Körper zu bewegen. Leer und starr wie Eis hockte er auf seinem Pferd, ließ sich auch von Links Schrei nicht aus seinem Schock reisen. Geistesgegenwärtig ritt Link zurück, verpasste dem schwarzen Hengst einen Schlag auf die Flanke und das stolze Tier stellte sich aufbrausend auf die Hinterläufe, brüllte wild und donnerte in einem schnellen Galopp hinter Link her. Der einstige Kämpfer betete seit langem zu den Göttinnen, betete, sie mögen sie entkommen lassen, betete, dass Will nichts passierte. Verzweifelt schnellten die beiden jugendlichen Reiter auf ihren Pferden in Richtung des Waldes, spürten die Stimmen der Dunklen zischen, trauten sich kaum zu atmen, hörten das erbarmungslose Gebrüll und spürten die Steppe dröhnen. Ab und an sah Link zurück, während sich die Wälder näherten, aber auch die Dämonen hinter ihnen näher kamen und ihre stachligen, brennenden Schwerter in die Höhe reckten. Dicke Pfeile zischten durch die Luft, glühend und vernichtend…

Und es war dann, dass die Hetzjagd über die Steppe begann. Die Treiberei der Dunklen nach ihrem Abendbrot würde den Tod anlocken. Und die dämonische Sehnsucht nach süßem Blut, um vergangene Rachegelüste zu stillen, erwachte…

 
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