37. Kapitel
 

Kapitel 37: Die Chadarkna

 

 

Völlig aufgelöst und mit zitternden Gliedern, als hätte man einen Fluch durch seinen Körper gejagt, erreichte Will die traditionsreiche Ritterschule, die auf einem größeren Hügel gelegen war. Er trabte durch aufgeregte Menschenmassen hindurch in Richtung des Stalles. Schüler aller Altersklassen und auch einige Mädchen standen laut diskutierend im Hof der beiden Gebäude. Noch wusste keiner so recht, was geschehen war, aber die läutende Alarmglocke ließ alle unruhig werden. Die Leute um sich herum ignorierend kam der junge Schüler Laundry im Stall an und stieg mühevoll von dem schwarzen Hengst. Ängstlich zitterten Wills Hände. Der Schrecken von vorhin saß noch tief in seinem Herzen und er wünschte sich nichts sehnlicher als sich einfach in seinem Bett zu verkriechen.

In dem Augenblick stapften Robin Sorman und Artus McDawn in die Stallungen und begrüßten Will. Sie waren beide aufgeregt und wissbegierig, wollten umgehend wissen, was geschehen war. Nur selten erklang die Alarmglocke an der Schule und dass sie überhaupt benutzt wurde, hieß nichts Gutes. Etwas musste passiert sein und da Will noch vorher auf der Steppe war, musste er es wissen. Mit besorgtem Gesichtsausdruck, käseweiß und fahl, trat William vor Artus und Robin und spürte in dem Augenblick eine schwere Müdigkeit über sich hereinbrechen. Er seufzte, wusste nicht, was er jetzt sagen oder tun sollte und kam sich vor wie in einem Alptraum.

Weitere Schüler rannten in den Stall der Schule, umzingelten den jungen Laundry und löcherten ihn mit Fragen, die er gerade nicht beantworten wollte.

„Was ist denn eigentlich passiert, Will?“, riefen sie hektisch. Will sah den Jugendlichen um sich verzweifelt entgegen und blieb sprachlos. Seine sonst so vorwitzigen, leuchtenden Augen waren wässrig und gereizt. Er sah mittlerweile so aus, als hätte er Fieber. Er schloss seine Augen und seufzte ein weiteres Mal.

„Nun lasst ihn doch einfach mal in Ruhe“, meinte ein weiterer Schüler dann. Es war Kieran von Irien, ein älterer Schüler einer höheren Jahrgangsstufe. Er war ein in Magie bewanderter langer Kerl mit schwarzglänzendem, gelocktem Haar und brauner Haut. Er war eher unauffällig und war jemand, der sich kaum mit den anderen Jugendlichen unterhielt. Er gehörte seit einigen Tagen zu Ians Gang und schien eigensinnige Motive zu haben sich in Ians Gang zu halten. Dann schob er Will gemeinsam mit Robin und Artus aus den Stallungen. Sie liefen über den vollgefüllten Innenhof, wo Sir Viktor sich mit einer aufgesetzten, sich selbst feiernden Rede schmückte. Die Schüler klebten an seinem Mund, weil jeder wissen wollte, was geschehen war. Selbstherrlich begann er zu erklären:

„Werte Schüler der Ritterschule. Ja, in der Tat, die Alarmglocke läutete und sie wurde benutzt aus dem einzigen Grund, weshalb ihr hier auf der Schule seid. Auf unserer Steppe, nur wenige Meter von der Schule entfernt hetzten fünf Kreaturen Hyrules dunkelster Zeit näher. Aber wir Hylianer, wir, da wir in diesem Land regieren, erfüllten unsere Pflicht und begegneten den niederen Kreaturen und schickten sie unter die Erde, auf dass sie niemals wiederkehren mögen. Wir Hylianer haben gesiegt wie wir immer siegen werden. Deshalb seid ihr hier an der Schule, um euch zu beweisen und diese Monster zum Teufel zu jagen! Deshalb sage ich: Wir feiern heute und werden auch jene angehenden Ritter feiern, die in diesen Sekunden weitere Dämonen auf der Steppe besiegen. Dämonen, die wie gottlose Viecher feige wegreiten. Wir werden die zukünftigen Ritter in dieser Stunde feiern und deshalb soll morgen kein Unterricht sein. Hoch leben die Ritter! Bringt Tod denen, die unser Hyrule beschmutzen wollen!“ 

Als seine Worte endeten, brüstete er sich noch, erhob sein schmieriges, blondes Haupt in die Höhe und lachte. Und die Schüler pfiffen. Fast jeder klatschte auf seine Worte, bis auf einzelne Schüler. Und bis auf Will, der zu diesem Wahnsinn und zu dieser Lügerei nicht applaudieren konnte. Link wurde mit keiner Silbe erwähnt. Link war einmal mehr unbedeutend für viele…

 

Schließlich gingen alle Schüler zurück in ihre Zimmer. Die Gefahr war gebannt, aber kaum ein Jugendlicher konnte nach der Aufregung Schlaf finden. Aus den Gemächern drangen wilde Geräusche und viele diskutierten laut und aufgeregt. Denn noch war nicht alles geklärt und die älteren Schüler waren noch nicht von ihrer Verfolgungsjagd heimgekehrt…

Will trat mit Robin und Artus in den Gang, wo er sein Zimmer hatte. Erst jetzt fiel ihm wahrlich ein Stein vom Herzen, denn nun begann er zu realisieren, dass er außer Gefahr war. Er fuhr sich durch sein nussbraunes, schulterlanges Haar und blickte nachdenklich nach draußen. Einmal mehr fielen Schneeflocken in der eisigen Nacht. ,Wenn die Nacht doch nur vorüber wäre und auch Link wieder an der Schule sein würde‘, hoffte Will.

„Nun erzähl‘ uns endlich mal, was Sache ist, Laundry!“, sprach Robin energisch. Er saß wie auf glühenden Kohlen und hielt es kaum mehr aus nicht informiert zu sein. Will entließ einen elenden Laut aus seiner Kehle. Eine Mischung aus Seufzen und Winseln und sah den jungen braunäugigen Sorman trübsinnig an. „Link ist noch da draußen bei den Dämonen…“, sprach er endlich und stemmte sich gegen die kalte, beschlagene Fensterscheibe. „Link und ich sind von der Hauptstadt hier her geritten“, erklärte er. „Wir waren keine zwei Meilen von der Schule entfernt, als wir von einer Horde von Monstern attackiert wurden…“ Es fiel ihm ungeheuer schwer diese Worte überhaupt über seine aufgesprungen, trockenen Lippen zu bringen, während sowohl Artus, als auch Robin entsetzt drein schauten. Ihnen fielen die Kinnladen herunter und starrten einander schockiert entgegen. Weitere Schüler tapsten über den Gang und verschwanden in ihren Zimmern. Auch Kieran von Irien war unter ihnen, aber er zögerte. Dem Gespräch unauffällig lauschend stand er am anderen Ende des Ganges.

„Scheiße! Ihr wurdet angegriffen?“, rief Robin entgeistert, konnte den Worten des Laundry kaum glauben. „Wie kann denn sowas passieren? Das ist doch völlig unmöglich!“

„Darum geht es doch gar nicht, viel wichtiger ist, dass du überlebt hast!“, sagte Artus und wollte Will etwas aufheitern. „Und wo ist Link?“, setzte er hinzu.

Will kniff die Augen zusammen, schämte sich elend und murmelte gezwungen: „Ich weiß es nicht…“

„Was soll das heißen, du weißt es nicht?“, meinte Robin. „Sag‘ schon, du bist doch zusammen mit ihm unterwegs gewesen. Wo ist er?“ Energisch packte der junge Sorman seinen Kollegen an den Schultern. Will fluchte dann: „Er hat diese Biester auf seine Fährte gelenkt… rund fünfzig Kreaturen waren alle hinter ihm her. Er sagte, wenn er nichts tue, würden diese Bestien zur Schule reiten.“ Will riss sich los und brüllte: „Versteht ihr nicht! Er hat diese Gefahr für uns auf sich genommen. Er allein. Nicht Viktor und auch kein anderer Schüler wären dazu in der Lage gewesen. Und was machen wir? Er kämpft alleine gegen fünfzig Dämonen, während wir hier alle ahnungslos herumstehen, uns an den Ereignissen aufgeilen und Viktor seine schmierigen Reden hält!“ Mitfühlend und vielleicht auch beschämt sank die Aufregung aus den Gemütern der beiden Ritterjungen. „Aber wie…“, sprach Artus. „Wie kann Link so etwas nur tun? Wie kann er nur so lebensmüde sein? Glaubt er denn tatsächlich, er müsse uns alle retten? Wir können schließlich kämpfen!“

„Er wollte nicht, dass irgendwer verletzt wird oder sterben muss“, murmelte Will. Seine tiefe Stimme war weich und leidend, so untypisch für ihn. „Und vielleicht hat er das auch nur getan, damit ich flüchten konnte.“ 

„Beruhige dich, Will“, sagte Artus. „Es ist doch nicht deine Schuld, dass diese Biester hinter euch her waren.“- „Aber es ist meine Schuld, dass Link allein mit diesem Abschaum fertig werden muss. Ich bin einfach geflohen wie ein mieser Feigling!“ Anklagend kamen die Worte aus seiner trockenen Kehle. „Ich habe meinen besten Freund diesen Kreaturen überlassen. Das kann ich mir niemals verzeihen…“

Artus seufzte nachdenklich. „Du hast das einzig richtige getan, du bist hier her geritten um Hilfe zu holen. Zu zweit gegen fünfzig Dämonen kann nicht gut ausgehen…“

„Das macht meine Schuldgefühle auch nicht leichter…“, brummte Will sarkastisch. Eine Pause entstand…

 

„Es ist unheimlich, dass so etwas geschieht“, meinte Artus dann sachlich. „Es ist nicht zu glauben, dass eine Horde von Dämonen über die Steppe prescht und keiner merkt etwas. Es gibt doch Grenzposten in jeder Provinz. Es gibt Späher, Soldaten und Ritter, die die Steppe bewachen. Wie kann es denn sein, dass so viele Moblins einfach so durch Hyrule marschieren? Ich meine, ich glaube dir, Will. Aber es ergibt einfach keinen Sinn.“ Die scharfsinnigen Worte des jungen McDawn stimmten auch Will nachdenklich.

„Da steckt sicherlich etwas anderes dahinter… findet ihr nicht, dass es komisch ist, dass sie ausgerechnet dann auftauchen, wenn Link und du unterwegs sind?“, sprach Robin. Auch er wurde misstrauisch.

„Glaubt ihr etwa, sie sind hinter Link her? Oder waren es von Anfang an?“

„Naja, es ist schon etwas komisch, dass fünfzig Kreaturen sich von einem einzelnen Schüler aufhetzen lassen und alle fünfzig hinter ihm her reiten, oder habe ich das falsch verstanden?“

Will schüttelte den Kopf.

„Naja, wir wollen mal nichts mutmaßen, aber Link ist ohnehin ein komischer Kerl. Merkt doch jeder, dass da was faul ist“, raunte Artus. „Hoffen wir bloß, dass er heil aus der Sache herauskommt…“

Robin nickte und Will murmelte ein verzweifeltes ,Ja‘.

„Wenn Link das überlebt, dann schmeißen wir eine Party für ihn“, meinte Robin Sorman dann lachend. Er wollte diese unangenehme Stimmung verscheuchen.  

„Das würde er doch niemals annehmen…“, entgegnete Will trübsinnig, aber er versuchte sich von Robins Worten mitreißen zu lassen.

„Dann sagen wir ihm halt nicht, dass die Party für ihn ist“, lachte er. „Wir sollten nicht solche  Gesichter machen. Er ist der beste Kämpfer an der Schule, oder nicht?“

Will nickte hoffnungsvoll.

„Dann schafft er das garantiert“, sprach Robin.

„Ja, das wird er…“, meinte Will zuversichtlich.

„Ich wette mit euch, dass er es schafft…“, entgegnete der Schürzenjäger Sorman.

„Abgemacht“, sagte Artus. 

Mit einem genervten Gute- Nacht- Gruß trat Will in Richtung seines Zimmers und bemerkte den geheimnisvollen Kieran von Irien, der die Unterhaltung die gesamte Zeit belauscht hatte. Er nickte bloß, irgendwie mitfühlend, aber auch mit einem aufmunternden Grinsen im Gesicht. Dann verschwand er von dem Korridor und trat die Treppen ins nächsthöhere Stockwerk hinauf. 

 

In der Nähe des gigantischen Hylia- Sees, dessen klares, eisiges Wasser gewaltvoll an die Brandungen schwappte und das berieselnde Rauschen des kostbaren Elements bis über die uralte Steppe schallte, sauste ein einsamer Streiter dicht gefolgt von einer Horde brüllender und brutaler Dämonen voran. Seit nun mehr einer halben Stunde floh der vergessene Heroe vor seinen gefährlichen Widersachern. Er hatte die Brücken über die reißenden Stromschnellen des Flusses Hylos passiert, war durch enge, labyrinthische Schluchten geritten mit der Hoffnung die Bestien irgendwie abzuhängen. Aber sie waren ihm noch immer dicht auf den Fersen, metzelten sich durch Sträucher und Gebüsch, und sie kamen näher…

Unzählige Hufe und Klauen bohrten sich mit rupfenden Geräuschen in das mit Reif bedeckte Steppengras. Immer wieder zuckten brennende Pfeile durch die Luft und zischten leise, als sie sich in die gefrorene Erde senkten. In ihrer Welle der Zerstörung klapperten die Rüstungen der dunklen. Ihre gezackten Klingen erhoben sich träge in die eisige Luft, als wollten sie die Himmelsgötter herausfordern. Sie tauschten Signale aus, sprachen in dunklem Hylianisch und spukten verächtliche Worte aus ihren zerfetzten, entstellten Mündern. Sie versuchten den Helden zu umzingeln, schickten schnellere Reiter nach vorne, aber noch war das Glück auf Links Seite. Geschickt lenkte er Lady durch die von Moblins erschaffene Barriere und versuchte das sich immer schwerer anfühlende Schwert von Arn Fearlesst in die gefräßigen, teuflischen Reittiere zu rammen. Aber seine Kräfte schwanden und die oberflächlichen Fleischwunden, die er den Bestien zufügen konnte, stachelten die Kreaturen nur noch mehr auf.

Und dann endlich konnte er wenige Meter vor ihm, in verhüllender Dunkelheit und an der Grenze zu der Provinz Faron, sein Ziel entdecken. Der vor vielen Jahrhunderten errichtete Tempel der Destinia erhob sich stolz und wehrte sich gegen den Zerfall und die Zeichen der Zeit. Der vergessene Tempel war eine Einzigartigkeit hylianischer Baukunst und vor Jahrhunderten aus dunklem, obsidianartigem Gestein erschaffen worden, das wie ein glänzender Nachthimmel funkelnde Lichtstrahlen verschluckte. Auf einem splitternden, riesigen Fels, der sich aus der tiefen Schlucht erhob, war dieses Monument errichtet worden. Majestätisch lag der Tempel dort, reckte sich alte Götter lobpreisend in die Höhe. Sieben Brücken, teilweise zerstört, führten zu dem pyramidenähnlichen Bauwerk, an dem Nässe glitzere, die von dem schwärzlichen Gestein abgesondert wurde…

Link war bereits einmal hier um die vielen Höhlen im Tempel zu erkunden, teilweise auch auf Schatzsuche… und er wusste jener verhängnisvolle Ort hatte viele Geheimgänge und Fallen, die ihn vor den Dämonen schützen konnten. Er preschte durch das trockene, brüchige Gras auf eine der sieben Brücken ohne Brüstungen zu, fühlte sich müde und matt und spürte, dass ihn seine Kräfte mehr und mehr verließen. Seine Glieder zitterten und sein Herz pumpte beinah unregelmäßig, ließ ihn frieren und schwitzen zugleich. Er blickte angstvoll zurück und hatte die Befürchtung ein weiterer Krankheitsschub könnte ihn einholen und diese Verfolgungsjagd schneller entscheiden als er erhofft hatte. Seine rechte kalte Hand wanderte zu seiner ledernen Gürteltasche. Er fühlte das durchmischte Elixier der Tränen der Nayru dort, betete inständig, dass er es nicht schon wieder einsetzen musste…

Weitere Schneekristalle glitten vom stürmischen Nachthimmel, als Link endlich eine der steinernen Brücken über die Schlucht zu dem Tempel passierte. Er spornte die erschöpfte Stute noch einmal an, verpasste ihr sanfte Tritte mit beiden Oberschenkeln und hörte, wie ihre klappernde Hufe auf dem stabilen Gestein der Brücke klirrten. Er ritt zügig weiter, reckte seinen jugendlichen Schädel zurück und sah die Dämonen ebenfalls die Brücke passieren. In dem Augenblick spannten die Dunklen erneut ihre mörderischen Pfeilgeschosse, denen Link bisher geschickt ausgewichen war. Die Bestien brüllten und es war da, dass der Anführer der Dunklen ein weiteres Mal sein riesiges Horn erklingen ließ. Es donnerte eine grausige Melodie in die Nacht, und es rief diejenigen, die ihre Herzen bereits für teuflische Sünde und Rache geopfert hatten. Es ließ die Welt vibrieren, entzweite Schwaches, entzweite Vergangenes und Reines…

Hetzend überquerte der junge Held die Passage, schaute in die unendlich scheinende Tiefe rechts und links von sich und hörte die reißenden Sehnen der dickstämmigen Bögen hinter sich. Es war wie als tickte die Zeit langsamer. Er konnte die mit Horn überwucherten Klauen der Moblins spüren, sah ihre entstellten Finger sich an den scharfen Sehnen schneiden und wie jene die giftigen Geschosse mit der Gewalt der Bögen auf ihr Ziel lenkten. Link kniff seine Augen zu, schnellte auf Lady immer weiter, als die Pfeile zischten. Nur jetzt konnte er dem Pfeilregen kaum mehr ausweichen. Die schmale Brücke bot nicht viel Spielraum und als er zurückblickte, die Geschosse im Visier, riss er seinen Schwertarm kreischend herum, zerteilte einige Pfeile, aber konnte bei weitem nicht alle abblocken. Weitere Pfeile wurden von den finsteren Kreaturen durch die eisige Luft befördert, und als Link Lady zögernd nach rechts steuerte, prallten weitere Pfeile nieder. Ein Pfeil sauste knapp an Links Gesicht vorbei. Ein weiterer schnitt an seinem rechten Bein entlang. Ein heftiger Schrei aus Links Kehle dröhnte in den Abgrund. Zähneknirschend presste er seine rechte Hand auf die nicht tiefe, aber brennende Fleischwunde. Lady wieherte panisch, bockte schließlich und folgte Links Befehlen nicht mehr. Sie bäumte sich auf, trat mit ihren Hinterläufen aus und als der nächste Pfeilregen folgte, erwischte jener das schlanke, muskulöse Tier am linken starken Oberschenkel. Lady entließ ein Geschrei, das die Tiefe der gigantischen Schlucht ausfüllte, bretterte noch einige Meter und knickte mit ihrem linken Hinterbein weg. Der einsame Reiter wurde knackend niedergeworfen, verhedderte sich im rechten Steigbügel und wurde einige Meter weit mit gezerrt. Link brüllte aus Leibeskräften, stürzte endlich zur Seite, als das schwere Tier winselnd niederschlug. Schreiend hing der Held halb über der Kante in den Abgrund, und war mit dem rechten Fuß unter Ladys schwerem Körper begraben. Link war am Rande der Bewusstlosigkeit, als das angsteinflößende Horn des Anführers ein weiteres Mal erklang. Das Triforcefragment des Mutes flackerte kurz auf, aber erlosch dann wirkungslos, es schwieg, so wie das einstige nun so leere Kämpferherz. Wie in Trance konnte Link sehen, dass die Dämonen näher hasteten. Ihre schmierigen vernarbten Häupter grinsten. Ihre Stimmbänder vibrierten siegessicher. Und vielleicht war es nun endlich Zeit, dass der vergessene Heroe die Niederlage erfahren musste, die er immer fürchtete. Es war Zeit zu verlieren… Zeit schwach zu sein…

 

In der entseelten Nacht tanzten die Schneeflocken bemitleidend auf das von triefenden Kratzern übersehene Gesicht des Jungen mit dem einzigartigen Schicksal. Er hing kopfüber an der abgewetzten Brücke, verloren und von seinen Schutzgeistern verlassen. Das wimmernde Gestöhne der leidenden Stute vermischte sich mit seinen hechelnden Atemzügen. Er presste die Lippen aneinander. Seine kalten Hände umfassten das eisige Gestein und er zog sich unter Aufbietung all seiner Kräfte etwas zurück auf die Brücke. Sein rechter Fuß pochte wahnsinnig, als er ihn geradeso unter dem schweren Gewicht der verletzten Stute hervorziehen konnte. Sein Blick wanderte von den Blutschatten und Moblins, die hämisch lachend in seine Richtung stapften, zu dem winselnden Getier. Blut sickerte aus den Nüstern des schönen Pferdes von Nicholas. Weitere Pfeile hatten sich in den Rücken von Lady gebohrt…

„Denkst du, du kannst uns entkommen?“, rief der Anführer der Dunklen, ein breiter Krieger, dessen Kapuze im Mondlicht, das spärlich die Wolkendecke durchdrang, schimmerte. Just in dem Moment fiel die Kapuze hinab und gab sein Antlitz preis. Eine Bestie geschaffen aus Moblinfleisch und hylianischem Wahnsinn. Seine rubinroten Augen blitzten messerscharf durch die Nacht und blieben auf Link haften.

„Es tut mir leid…“, murmelte Link, streichelte kurz über das schöne, rehbraune Gesicht des anmutigen Pferdes und begann zu flüchten. Auf allen vieren krabbelte der verletzte Ritterschüler vorwärts. Er wirkte erbärmlich, wie ein gefallener Held, der sich den Monstern Hyrules zu Füßen warf. An dem Schwert in der Linken zog er sich in die Höhe, kreischte markerschütternd, als er versuchte auf dem rechten Fuß zu gehen. Link humpelte dann grimmig vorwärts, direkt auf den Tempel zu. 

„Du wirst bluten, Held der Zeit!“, rief der Dämon. Seine schweren Stiefel gruben sich wuchtig in den Boden. Hinter ihm krochen Moblins und weitere Blutschatten her. In schwarzen Mänteln gekleidete Kreaturen, menschlich, aber verdorben, mit einem weinroten Dreieck auf der Stirn. Ihre langen, schmalen Leiber tanzten über die Brücke, erinnernd… so wahnsinnig vertraut…

„Dein Blut wird das Gestein benetzen… und in den Abgrund sickern, bis nichts mehr von deinem Lebenssaft übrig ist!“, rief der blonde Mann und blies ein weiteres Mal in sein Horn, doch nun war der Ton ein anderer. Es wirkte beinah, als zerstückelte das hohe Fis die Realität, schallte hinein in eine andere, neue Wahrheit und rief etwas herbei, das die Welt verändern würde.

„Lauf nur weg!“, lachte der Mann spöttisch, trat siegessicher weiter. Seine großen Schritte holten den verletzten, humpelnden Schüler mit Leichtigkeit ein. Verachtend schaute Link zurück und zog sich dennoch weiter. Er würde nicht aufgeben, nicht durch die Hand solcher Wesen, die Hyrule allein mit ihrer Existenz folterten. Er grinste halbherzig… Es war wie die graue Hexe gesagt hatte… Er würde kämpfen müssen als Held der Zeit auch unter der Bedingung mit einem grausamen Fluch beladen zu sein. Dann blieb er einfach stehen, den Kreaturen den Rücken zugewandt. Eine ungewöhnliche Ruhe ging von ihm aus. Schwer atmend wand er sich um seine eigene Achse, als auch seine zwanzig Verfolger stehen blieben. Links Haupt war gen Boden gerichtet und sein goldenes Haar fiel verdeckend über Augen und Nase. Lediglich seine aufgeplatzten Mundwinkel konnte man sehen, die sich in die Breite schoben. Dann lachte er, als hätte der Wahnsinn dieser Verfolgungsjagd die Vernunft aus seinem Kopf vertrieben.

„Und was ist mit euch gottlosen Kreaturen? Blindlings und ohne Verstand reitet ihr alle hinter mir her… erbärmlich… Rund fünfzig Kreaturen. Und die Hälfte von euch sind mir in die Falle gegangen. Glaubt ihr wahrlich, es bedarf so viele Monster mir den Kopf anzureißen? Ihr seid nichts weiter als gehirnloser Dreck.“ Link spuckte Blut, das von einer aufgeplatzten Lippe in seinen Mund gewandert war. 

„Du wagst es noch dich über uns lustig zu machen!“, brüllte der Halbhylianer. Er ließ sein gigantisches kreideweißes Horn zu Boden fallen und schien sich für den Angriff zu rüsten. „Du hast keine Ahnung, mit wem du es zu tun hast. Mein Meister wird dich zum Winseln bringen und den restlichen Mut aus deinen Venen hinaus prügeln.“ Unbeeindruckt umfasste Link die Klinge von Arn Fearlesst energischer, blickte hinter sich zu dem einladenden Eingang des Tempels, der zum Greifen nah war und wieder nach vorn, wo der blonde Dämon in stapfenden Schritten auf ihn zulief.

,Jetzt oder nie‘, dachte Link, drehte sich um seine Achse und sputete sich. In humpelnden Schritten hetzte er weiter, sah sein Ziel so nah, dass er hoffnungsvoll lächelte, aber gerade in dem Augenblick, wo er den Eingang passieren wollte, gerade da, als er Sicherheit finden wollte, prallte er mit voller Wucht gegen eine Barriere, unsichtbar, aber stark und unüberwindbar. Link knallte schreiend einige Meter zurück, schaute entsetzt zu dem Eingang, der durch ein magisches Schild geschützt schien und blickte noch entsetzter drein, als ein mit schwarzer Farbe bemalter und Stahl gestärkter Stiefel neben ihm auf dem Gestein rieb. Verächtlich stand der Halbhylianer mit dem schütteren blonden Haar direkt vor ihm, grinste köstlich und schüttelte schadenfroh seinen Schädel. Noch ehe der Ritterschüler das Schwert in die Höhe heben und sich aufrichten konnte, trat der Bastard mit seinen schweren Stiefeln auf dessen linke Hand und leckte sich währenddessen über seinen lippenlosen Mund. Immer fester trat er zu. Link schrie so laut wie lange nicht mehr und schaute den Dämon von unten herab an. Links schöne Gesichtszüge verzerrt zu einem Trauerspiel. Der Schmerz hatte Wasser in seine Augen getrieben. Aber er würde nicht einbrechen und nicht winseln, nicht zum Gefallen einer Bestie wie dieser. Dann packte der Kerl ihn am Kragen und hob ihn mit Leichtigkeit in die Höhe.

„Dachtest du wahrlich, du hättest eine Chance? Unser Meister ist deinen einfältigen Plänen lange voraus…“, zischte er und umgriff mit seiner kalten Hand eisern Links Kehle. Er röchelte, öffnete seine tiefblauen einen Spalt und kämpfte gegen die Bewusstlosigkeit, die sein Körper seinem Willen aufzwang. Der Mann näherte sich seinem Gesicht und flüsterte mit einem dampfenden, nach Schwefel stinkenden Atem in sein linkes spitzes Ohr: „Er ist nah… er wird gleich hier sein und dich begrüßen… schon lange wünschte er sich ein Wiedersehen mit dem einen Helden…“ Link öffnete ein Auge blinzelnd, blickte herausfordernd in die rubinroten Augen des Dämons und umfasste mit seinen beiden schwachen Händen dessen Klauen, die seine Kehle zerquetschen wollten. Er hatte die Worte des Dämons kaum verstanden, aber er hatte das Wort ,Wiedersehen‘ vernommen. Was meinte der Kerl mit Wiedersehen?

Link konnte seinen Gedanken nicht zu Ende denken, als er ein weiteres Mal gewaltvoll durch die Luft befördert wurde und knackend auf dem leblosen Gestein der Brücke aufschlug. Er krümmte sich, hielt sich mit beiden Händen seinen Magen und schaute in den düsteren schwarzgefärbten Himmel, der sich ein weiteres Mal entlud. Doch nun fielen keine Schneeflocken mehr vom Himmel. Blitze zuckten über den Horizont, die keinen natürlichen Ursprung haben konnten. Diese Nacht war der Anbeginn einer Veränderung in Hyrule, die nur zu einer gewaltigen Schlacht führen konnte…

„Sieh‘, Held! Sieh‘ denjenigen, der rechtmäßig und allein diese Welt beherrschen sollte. Sieh‘!“, rief der Anführer und deutete mit seinem muskelbepackten Arm zu dem Eingang des Destiniatempels, dort, wo eine magische Mauer Link an seinem weiteren Weg gehindert hatte. Und dort, wo die Realität eine andere messerscharf trennte, wo Gesetze verrücktspielten auf ewig, missbrauchte eine niedere Gestalt heilige Mächte. Stück für Stück, kaum erfassbar für das Auge eines Hylianers, und nicht hörbar mit den so ausgeklügelten, spitzen Ohren der Elfen, öffneten sich in der Nacht vergessene Tore. Die Blutschatten hielten mittlerweile rauchende Fackeln in den Händen und stapften mit ihren schweren Stiefeln auf den Boden, produzierten trommelnde Geräusche für ihren einzigen Meister. Und als ein funkelndes, leises Knacken, ein Riss, weißleuchtend und grausam, in der Luft entstand und sich schneeweiße Finger mit spitzen Nägeln durch die Ritze schoben und das Portal vergrößerten, gingen alle Blutschatten und Moblins zu Boden, verbeugten sich vor ihrem Herren, der diese Welt und Zeit verändern würde. Und plötzlich zersprang das Portal und ein Dämon ohnegleichen, einzigartig und stark, erhob sich selbstherrlich in diesem Hyrule…

Betäubt von seinen brennenden Wunden, aber bei Bewusstsein, sah Link auf und spürte eine Grausamkeit und Verdorbenheit, die er seit der Begegnung mit Ganondorf nicht mehr erfahren hatte. Wer war dieser in dunklem Leder gekleidete Dämon vor ihm, dessen breite, athletische Gestalt teilweise von einer tiefroten Rüstung bedeckt, stark und durchtrainiert war? Wer, bei Farore, war dieses Ungetüm mit der ungeschundenen, beinah reinen Haut und der düsteren Aura, die jegliches Licht verscheuchte? Er kannte jene Gestalt nicht, war sich sicher, dass er ihm noch nie begegnet war und trotzdem erschien er ihm vertraut… 

Des Helden zitternden Arme hielten sein Gewicht kaum aus und doch stemmte er sich in die Höhe. Link würde vor einer Bestie wie dieser niemals niederknien. Wackelnd kam er auf seine Beine, hechelte wie ein sterbendes Lamm, aber brachte seinen Körper über dessen Grenzen der Belastbarkeit hinaus. Sein Fuß schmerzte elend und war vielleicht gebrochen. Seine linke Hand war verstaucht und er wäre einige Zeit nicht in der Lage ein Schwert zu halten. Sein Hals brannte wie Feuer, aber all dies hinderte ihn nicht daran dem Bösen die Stirn zu bieten. Einen Trumpft hatte er noch… Zaghaft wanderte Links Rechte zu seiner Gürteltasche, dort wo die Tränen der Nayru in dem winzigen Gefäß pulsierten. Wenn er es nur schaffte, das Elixier zu benutzen, könnte er vielleicht durchhalten…

Doch Link zögerte, als der Dämonenlord seine rechte Hand in die Höhe streckte und mit dem Zeigefinger pendelte. „Ei ei ei…“, sprach er mit einer Stimme, die in der Luft vibrierte. Es war wie als nutzte jener Kerl mehr Stimmbänder als ein wachsendes, gewöhnliches Wesen überhaupt hervorbrachte. Der Klang seiner Stimme, beinah anmutig rein, und doch bösartig und schrill, sauste über die Brücke, drang in die Schlucht vor dem Tempel und endete mit einem langgezogenen Echo. 

„Das wird dir nicht helfen… nicht in meiner Gegenwart…“, zischte er. Und Augen erfüllt mit allen Farben, unrein und verräterisch, kamen unter einer langen Kapuze zum Vorschein.

Link schluckte, nahm die Tränen der Nayru dennoch an sich, schlang einige schwarze Perlen herunter, aber es war, wie der Dämon angekündigt hatte. Nichts passierte… weder sein Fuß, noch seine Hand heilten, und sein Körper blieb erschöpft und matt wie vorher auch…

Sein Gegenüber klatschte mehrfach, bat um Applaus für die Demonstration seiner einzigartigen Fähigkeiten und erhielt Beifall von seinen Untergebenen. Dann endlich zog er seine blutrote Kapuze von seinem geschminkten, mit sonderbaren Zeichen bemaltem Haupt. Er hatte ein langgezogenes, ebenmäßiges Gesicht, schmal und mit hervorstehenden Wangenknochen. Symbole in Dunklem Hylianisch, die für den Begriff ,Krieg‘ standen, bedeckten seine knappe Stirn und reichten bis zu einer eher breiteren Nase. Seine Haut war hell wie die eines Menschen. Und von seiner Stirn an die Schädeldecke spaltend war ein flammendroter Zopf geflochten und lief bis in seinen Nacken hinein.

„Du scheinst nicht gerade erfreut zu sein mich zu sehen, ewiger Held…“, sprach er spöttisch und trat näher. Das Leder seiner Kleidung spannte knirschend, als er sich bewegte. Und als er näher trat, sprangen dem jungen Heroen die seltsamen Gegenstände ins Auge, die der Dämon an sich trug. Gegenstände, geformt aus dem eigensinnigen Metall jener Dreizehn Schlüssel, von denen Link auch jetzt einen bei sich trug.

Angewidert wischte sich Link über seine aufgeplatzte Oberlippe und sprach murrend: „Wer bist du?“ Er hatte Mühe sich auf den Beinen zu halten und stützte sich auf seine Knie. Herausfordernd blitzten Links tiefblaue Augen in Richtung seines Gegners.

„Oh, bei Destinia, der arme Held kann sich scheinbar nicht an mich erinnern“, lachte sein Widersacher, hob seine Hände sich lobpreisend in die Höhe, öffnete seinen schmalen Mund und atmete die eisige Nachtluft genießend ein.

„Ist das nicht verblüffend, meine Kreaturen“, rief er in die Stille der Nacht. „Der Held kann sich nicht erinnern!“ Trunken angesichts seiner Überlegenheit ließ er seine Stimmbänder rollen und sein feindseliges Jauchzen vermischte sich mit dem wahnsinnigen Gelächter der Blutschatten und Moblins hinter Link.

In Sekundenbruchteilen wirbelte der Mann näher und stand direkt neben dem vergessenen Heroen. Er neigte seinen teilweisen kahlen Schädel zu ihm und flüsterte: „Ich bin… derjenige, der dich töten wird… Du bist eine bemitleidenswerte Kreatur, Held… Denn weder die Macht deines Mutes, noch sonst etwas, gibt dir das, was du brauchst. Ich habe dein Leid gesehen, mich daran ergötzt, es genossen wie in keinem Moment vorher, denn ich habe dich die gesamte Zeit beobachten lassen und nichts hast du gespürt, nichts hast du erahnt… Du kämpfst erbarmungslos gegen die Ketten, die dich im Augenblick bannen, aber du wirst nicht in der Lage sein, diese zu brechen, weil ich es so will…“ Amüsiert stolzierte er wieder in Richtung des alten Tempels. „Du hast keine Vorstellung von den Dingen, die in Hyrule geschehen sind und noch geschehen werden. Und weißt gerade mal einen Bruchteil der Grausamkeit, die deine Seele bereits ertragen hat. Du weißt nichts über deine eigene Mordlust, den unzerstörbaren Trieb nach Kampf und Brutalität in deinem Herzen. Du ahnst nicht, wie viele Wesen an deiner Klinge bereits verendet sind, und noch verenden werden… Aber ich, so wahr ich hier stehe im Angesicht der freien Nachtluft Hyrules… und im Angesicht der Göttin des Mondes… und als Richter über deine Scheußlichkeit… ich werde nicht zulassen, dass du uns vernichtest, ewiger Held! Denn wir sind die rechtmäßigen Herrscher über dieses Land, nicht diese widerliche Brut der Hylianer!“ Und je länger er redete, umso lauter und energischer wurden seine grausamen Worte. 

Benommen lauschte Link den Worten der Bestie, die eine sehr mächtige und furchteinflößende Aura besaß. Und Link spürte, dass er, selbst wenn er völlig fit wäre, kaum eine Chance gegen diesen Bastard hatte. Gedemütigt sah der junge Mann zu Boden, schämte sich seiner selbst und konnte kaum verstehen, wovon dieses machtbesessene Scheusal redete.

„Ich sag‘ dir, wer ich bin… obwohl ich dies schon einmal tat…“, flüsterte der Kerl, und schnippte mit seinen langen, schmalen Fingern. Und als das Schnippen verhallte, zu schnell, als dass Link irgendwie reagieren konnte, schossen mindestens zehn grobgliedrige Ketten, kalt und scharf, aus dem Gestein der Brücke, rissen an den Armen des um sich schlagenden Heroen, wanden sich um seinen Hals und seine Hüfte und rissen ihn nieder. Ein quengelnder Laut entbrach dem Mund des jungen Burschen, als er niedergerungen seinem Ende entgegen sah. ,Es war vorbei…‘, summte er in seinen Gedanken. ,Endlich war es vorbei… Verzeih‘ mir, Zelda…‘ Er formte Worte mit seinem Lippen, die er nicht aussprach. Wie in Trance, lethargisch, beinah leer, sah er in die Augen der letzten Kreatur, die er glaubte zu sehen. Er wusste, dass er diese Ketten kaum sprengen konnte, dafür fühlte er sich zu schwach. Und das Fragment in seiner Hand schwieg, vielleicht auch wegen der gewaltigen Übermacht der kampfbereiten Dämonen um sich herum.

„Jeder kniet vor mir… selbst du…“, zischte er und blickte den Fünfzehnjährigen herablassend an. „Ganz allein vor mir kniet alles… denn ich bin ein König unter den finsteren Geschöpfen der Welt. Ich bin Lord Chadarkna… Und mein Name soll als letztes Wort von deinem Lippen klingen, erst dann erfahre ich Genugtuung… Ich will dich betteln hören… schreien nach deiner armseligen Prinzessin Zelda…“ Und als der Name seiner Seelenverwandten fiel, schien es, als flackerte das letzte bisschen Stärke und Mut in Links Körper auf, als brach allein ihr Name seine Trance. Aber Link sprach kein Wort. Er hatte genug geredet. Er war dem Reden mit solchem Abschaum überdrüssig. Seine tiefblauen Augen schimmerten in einem Glanz, der nicht zu brechen war. Selbst in dieser aussichtslosen Lage, war keine Angst in Links Seelenspiegeln zu finden. Vielleicht würde er aufgeben, vielleicht war es zu spät, aber er würde Furcht niemals zeigen…

Einmal mehr lachte der Dämon kollernd, reckte sein blasses Haupt in die Höhe und strich sich durch das spärliche Haar auf seinem kantigen Schädel. Als schwebte er über den Boden, hastete er erneut näher zu Link, berührte sein Kinn und rückte das Gesicht des Helden in seine Richtung. „Du könntest ein so wundervoller und kräftiger Dämon sein, zu schade, dass du nicht willst… Es gibt andere vor dir, die meine schöpferischen Fähigkeiten mit Demut angenommen haben.“ Und der Dämon ließ seine gelblichen Augen zu dem blonden Halbhylianer wandern. „Wie dem auch sei, du besitzt etwas, das mir gehört…“ Und der Chadarkna wühlte in Links Gürteltasche herum, interessierte sich scheinbar für die Tränen der Nayru, aber umgriff dann einen Gegenstand, den Link eigentlich in die Obhut Zeldas geben wollte. Kreischend vor Freude hob der Chadarkna das kupferne Männerarmband in die Höhe, das ein Mädchen dem Helden geschenkt hatte. Aber wie konnte der Dämon davon wissen?

„Ei ei ei…“, hauchte der Dämon „Wer hätte gedacht, dass du hinter den Dreizehn Schlüsseln her bist, was? Nur… zu schade, dass du das nun schon zum zweiten Mal machst…“ Sich amüsierend über Links überraschtes Gesicht und seine Unwissenheit erschufen sich dutzende Lachfalten im Gesicht seines Peinigers. Und auch die Blutschatten und Moblins grölten gehässig. Aber Link schwieg. Was sollte ihn in dem Augenblick noch verwundern? Ja, allmählich passten die vielen Puzzleteile zusammen. Er hatte ohnehin geahnt, dass er in irgendwelche Machenschaften verwickelt war… warum sonst sollte er verflucht sein? Und nun hatte er endlich eine Antwort…

„Zur Belohnung, dafür, dass du mir diesen Schlüssel so gnädig und dankbar überreichst, werde ich dir etwas zeigen, bevor wir uns hier in dieser Zeit verabschieden… eine Wirklichkeit, die wunderschön ist und dir einen Pfahl ins Herz stoßen wird…“ Damit kniete der Bastard nieder und schaute mit seinen gelblichen Glaskörpern und den vielen blutigen und ockerfarbigen Splittern in der sonst schwarzgrauen Regenbogenhaut in Links wunderschöne, leuchtende Augen.

„Wir Chadarkna sind ein in Magie bewandertes Volk gewesen, bevor ein Held uns beinahe auslöschte… Wir verfügen über Mächte, die ganz Hyrule entstellen könnten… ich kann Dinge tun, die du dir in deinen schlimmsten Träumen nicht ausmalen kannst… ich kann die Wirklichkeit zerreißen, noch ehe deine Prinzessin irgendeine Vorahnung davon hat… und nun sieh‘ genau hin und höre, fühle und leide, zerbreche…“ Und obwohl Link es nicht wollte, konnte er diesen widerlichen hypnotisierenden Augen kaum ausweichen. Da war ein Druck, der von dem Chadarkna ausging, den Link nicht wegschieben konnte. Ein Zwang, hetzend und folternd… reißend und gnadenlos…

Und wenn man genau hinblickte und in diese tiefblauen Augen eintauchte, waren dort Bilder, die der Chadarkna zermürbend direkt in Links Gedanken einpflanzte. In den schwarzen Pupillen liefen Bilder ab, Geschehnisse, die hätten sein können und die Links Herz bereichert hätten… Seine Seele wurde schwer, wurde in einen dumpfen Schlaf gewogen, als er Schönheit sah… und unerschöpfliche Wärme…

 

Der junge Heroe blinzelte, war sich nicht ganz sicher, was geschehen war und spürte dann das holpernde Auf und Ab des vertrauten Pferdes, auf dessen Rücken er saß. Er zwinkerte, streckte sich und gähnte dann. Im ersten Augenblick war er völlig irritiert, was geschehen war, aber dann füllte sich sein Bewusstsein mit Wissen und der Erinnerung daran, wo er war. Er wischte sich den restlichen Schlafsand aus seinen Augen und rückte die grüne Mütze auf seinem Kopf zurecht. Er musste eingeschlafen sein, warum und wieso, entschied er nicht zu hinterfragen. Und dann besann er sich weiter, entließ seinem Mund ein erneutes herzhaftes Gähnen und blickte lächelnd um sich. Er ritt gemächlich auf der größten Handelsstraße Hyrules und war nicht weit entfernt vom Schloss. Links und rechts von sich lagen die Hügel der gigantischen Steppe Hyrules, die wie giftgrüne Wellen in der Weite untergingen. Er lächelte und je mehr er lächelte, umso klarer wurde in dem Augenblick seine Absicht und das, was hinter ihm lag. Er war zurück in der Heimat, nach vier langen Jahren von Abenteuern, und hatte, nachdem er den Hafen Hyrules verlassen hatte, nur einen ehrlichen und innigen Wunsch. Er wollte ins Schloss reiten und Zelda sehen. Sein Grinsen wurde breiter. Er malte sich in Gedanken aus, wie es sein würde, Zelda zu besuchen, ihr von den Abenteuern zu erzählen und dachte an ihre Eleganz und ihre wunderschönen Augen, als die kluge Stute unter ihm energisch wieherte. „Ich weiß, Epona, es ist nicht mehr weit!“, sprach Link erheitert. „Dann kriegst du deine Mahlzeit.“ Er freute sich, fühlte sich frei und sicher, genoss den friedlichen hylianischen Wind, der um seine Ohren blies und hatte auf seinen Gesichtszügen den Mut und die Willenskraft, die ihm zustanden, die ihn auszeichneten. Geschwind ritt er dahin, prachtvoll, und als der eine Held, der er doch war.

Er erreichte die Hauptstadt, wurde dann im Schloss von den Wachen erfreut empfangen und erhielt sofort eine Audienz bei dem König Hyrules und seiner Tochter. Mit seinem fünfzehnjährigen Antlitz, kampferfahren, gereift und sehr ansehnlich trat der Heroe vorwärts. Eine sattgrüne Tunika mit goldenem Saum bedeckte seinen durchtrainierten Körper. Schulterplatten aus silberweißem Stahl, Beinschoner und ein feines Kettenhemd machten ihn stattlich und ließen ihn als den starken und kampfbereiten Helden erkennen, der er sein musste. Ein glänzendes Schwert und langer dunkler Umhang waren an seinem Rücken befestigt. Zielsicher trat er vorwärts, edel und zufrieden. ,Endlich‘, dachte er. Endlich war er hier, zurück in Hyrule, dem Land, das von all den Ländern, die er während seiner Reise besucht hatte, doch am legendärsten und prachtvollsten war. Und er hatte viele Länder gesehen…

Als ihm die schweren Tore in den Königssaal geöffnet wurden und er mit seinem beneidenswerten Grinsen in den Raum eintrat, erhoben sich sofort die Ritter, die allesamt an einer langen Tafel saßen. Sie klatschten, zollten ihm den Respekt und die Achtung, die ihm zustanden. Und Harkenia von Hyrule in seiner roten Gewandung und goldenen Rüstung, stolz und erfreut, erhob sich ebenfalls, lächelte begrüßend und deutete Link an näher zu treten. Und neben dem König auf ihrem Thron saß das wohl zauberhafteste Geschöpf, dem Link je begegnet war. Sie trug ihre königliche Gewandung, jene Tracht, die er an ihr in der alternativen Zeit gesehen hatte und sie war… auch mit dem einfühlsamen Lächeln und den kristallenen Freudentränen in ihren warmen Augen… einfach wunderschön… Links tiefblaue Augen blieben auf ihrem würdevollen Abbild haften und seine Augen verloren sich in ihren. Selbst er, als Heroe, der immer stark und gefasst war, spürte nun so etwas wie Freudentränen, die aus seinen Augen quellen wollten. Zuerst wusste er nicht, was er noch tun sollte. Wenige Meter vor dem Thron blieb er stehen und starrte die Prinzessin wie hypnotisiert an. Alles, was er wollte, was er jemals von ganzem Herzen begehrte, verkörperte dieses Mädchen, das sein Schicksal teilte. Und sie lächelte, sie lächelte so tiefsinnig, dass es ihm das Herz wärmte und er wusste, dass er willkommen war.

Unsicher, was wohl in dem Moment von ihm verlangt wurde, sah er Boden, aber das mutige, vielleicht auch etwas unverschämte Grinsen in seinem ansehnlichen Gesicht mit der spitzen Nase, den hohen Wangenknochen und den schönen Augen, blieb. Er sah wieder auf, wollte etwas sagen, aber kam dann nicht mehr dazu. Überwältigt von ihrer Freude und ihren angenehmen Gefühlen, sauste die Prinzessin in seine Richtung. Ihr langes, goldenes Haar flatterte im Wind, als sie sich zügellos in Links Arme warf. Auch er lächelte, packte sie an ihrer Hüfte und wirbelte sie einige Male durch die Luft. Herzhaftes Gelächter schallte durch den Königssaal und erst, als das freudige Lachen endete, umarmte er Zelda innig. Seine starken Arme hielten sie verträumt und liebkosend an sich gedrückt. ,Danke…‘, dachte er. ,Das war die schönste Begrüßung seines Lebens…‘ Genießend schnupperte Link Zeldas Duft nach frischen, strahlenden Blumen auf den Wiesen Hyrules und drückte sie immer enger an sich. Er murmelte dann Worte, die er noch nie gesagt hatte und in diesem Leben vielleicht auch niemals sagen würde… Denn von seinen spröden Heldenlippen erklang ein kleines Sätzchen träumerisch und ehrfürchtig, als er seinen blonden Kopf auf Zeldas Schulter drückte. Er sprach sehnsuchtsvoll und glücklich: „Ich bin zuhause…“

„Ich bin zuhause…“ Worte, die er für sich noch nie gespürt hatte. Worte, für die es doch kein Gegenstück gab. Und die hylianischen Windgeister trugen die Worte hinfort, bis in eine grausamere Zeit und Welt. Folternd flüsterte es: „Ich bin zuhause…“

 

Und jene wunderschöne Wirklichkeit, die in dem Herz des Helden lebte, atmete und an ihren Ketten riss, zersplitterte in dem Augenblick in Tausende Scherben… sie war vielleicht irgendwo geschehen, verunstaltet und letztlich zerrissen, leidend und weinend. Und von Links tiefblauen Augen, da er diese Bilder genossen und gespürt hatte, da er sich diese angenehmen Gefühle und Zeldas Nähe so sehr gewünscht hatte, tropften in dem Augenblick Tränen der Verzweiflung. Kummer, den er niemals zulassen wollte. Und es tat weh, unglaublich weh…

„Nein…“, murmelte er qualvoll. Denn er litt an den Bildern… er litt so sehr wie lange nicht mehr. Es zermürbte und folterte das von einer dicken Schale ummantelte Herz. Es war die größte Grausamkeit für den vergessenen Heroen zu realisieren, dass diese Bilder, jene, die er sich wie nichts anderes wünschte, irgendwo geschehen konnten und vielleicht sogar passiert waren… Es war für Link die größte Schande und Schmach aus dieser Realität zu erwachen. Sein ansehnliches Gesicht war niedergebeugt und zu Boden gerichtet. Seine verblassenden Tränen vermischten sich mit dem Blut seiner Wunden…

„Das ist es, was du hättest haben können, wenn du dich nicht in meine Pläne eingemischt hättest…“, zischte der Chadarkna und blickte den verzweifelten Heroen amüsierend von oben herab an. „Aber in diesem erbärmlichen, jämmerlichen Zustand habe ich dich damals nicht sehen können… es nicht genießen können, wie du bettelst und leidest… Und ich habe, bei Hylia, genug Keime in deinen Kopf gepflanzt um dich zu brechen, nur hast du dich bis zum Schluss tapfer geschlagen.“ Gerade da sah Link auf. Seine leuchtenden, wilden Augen blitzten und sahen den Dämon herablassend entgegen. Jetzt wusste Link wahrlich genug. Hatte dieser Abschaum ihn in seinen schwächlichen Zustand gebracht? Angewidert spukte Link auf die Füße des Dämons und versuchte zu grinsen.

„Danke für die Information…“, murmelte der einstige Heroe zynisch. „Wer immer du bist, die Hylianer werden dich vernichten…wenn nicht ich, dann ein anderer Held…“ Link würgte die Worte geradeso heraus, als sich die eisige Kette um seinen Hals enger zog.

„Niemand außer mir redet hier…“, zischte die dreifach gespaltene Zunge des Dämons. Er kniete nieder, streichelte die Kette um Links Hals und murmelte: „Was hast du gesagt, Held…“

Und obwohl die Ketten an seiner Kehle rissen, sich in seine Haut gruben und er heftige Schmerzen haben musste, brachte der Fünfzehnjährige würgende Worte aus seinem Mund: „Du wirst vernichtet…“

„Wie war das?“ Und einmal mehr zogen sich die Ketten enger, aber Link blieb standhaft, mit dem bisschen Mut und Stärke, die ihm geblieben waren. Der Schweiß perlte sich über seiner Stirn und er wurde so weiß im Gesicht wie die Schneeflocken, die vom Himmel fielen.

„Du…“ Link hechelte nach dem bisschen Luft, dass seine Luftröhre einsaugen konnte. „… wirst…“ Jegliches Blut aus seinem Gesicht verschwand, aber sein Wille ließ ihn das letzte Wort noch stur herauswürgen. „… vernichtet…“ Und gerade in dem Moment, bevor eine siegende Ohnmacht über den Helden kam, ließ der Dämon die Ketten wieder lockerer. Er drehte sich um seine Achse, klatschte in seine Hände und schien vor Freude zu zerbersten.

„Du bist herrlich… ja, so unglaublich herrlich, was für eine Kreatur der Nacht und des Wahnsinns… Wie kann die ärmliche Brut der Hylianer nur einen Mann hervorbringen, dessen Willen durch nichts zu brechen ist? Einfach legendär… atemberaubend… herrlich…“ Link hechelte, rang quälerisch nach Luft und spürte die eisige Nachtluft in seiner Lunge schlitzen. Er hörte mit zusammengekniffenen Augen zu, wusste, dass er keine Kraft mehr hatte länger zu bestehen, aber seinen Stolz würde er nicht wegwerfen. Er war vielleicht ein Schwächling geworden. Er hatte in letzter Zeit zu viele Tränen vergossen. Er war sich selbst fremd, aber seinen Stolz ließ er sich nicht nehmen…

„Ich dachte, es bringt nichts dich zu töten, du würdest eh nur wiedergeboren werden, genauso wie deine göttliche Prinzessin, aber jetzt erlebe ich Genuss und Befriedigung… Jetzt ist meine Stunde… Jetzt… jah… jetzt…“ Und je mehr der Dämon sprach, umso mehr schien er sich an seinen eigenen Worten zu ergötzen. Er schleckte um seine Mundwinkel, streichelte mit seinen langen, schmalen Fingern seinen Oberkörper und atmete geräuschvoll.

„Jetzt… jetzt werden wir herausfinden, wie viel du aushalten kannst, Held.“ Er kicherte dann, trat einige Schritte in Richtung der Blutschatten und Moblins, seiner niederen, verruchten Kreaturen, die er doch gezeugt hatte, die er allesamt begehrte. Und das nächste unerfreuliche Ereignis geschah in Form einer Erkenntnis, die Links Gemüt zusätzlich belasten würde. Und egal, wie viele heroische Taten Link in seinem Leben vollbracht hatte. Die meisten davon wären nicht in der Lage das Übel und Unverständnis wegzuwaschen, welches ihn gleich einnehmen würde.

„Komm‘ zu mir… meine wunderschöne… so unglaublich weibliche… singende Kreatur…“, sprach der Chadarkna, öffnete seine Arme für eine Bestie, die sich aus den Reihen der Blutschatten erhob. Mit unsicheren Schritten, närrisch und kichernd, trat das Wesen näher, und als jener Blutschatten eine schwarze Kapuze zurückschlug, konnte Link seinen Augen nicht mehr trauen. Die Rechtschaffenheit einst so lieblicher Wesen war übertüncht von dem schwarzen Gewand einer grausamen Realität, die der Chadarkna Hyrule aufzwang. Denn vor ihm grunzend, gefährlich und beseelt von niederen Trieben, stand eine alte Freundin, jemand, die wie keine andere es verstand mit Tieren zu sprechen, sich am Singen erfreute und stets gelächelt hatte…

Sie würdigte Link keines Blickes, sondern trat wie eine Untergebene dies zu tun hatte näher zu ihrem Herren und Meister. Sie schien Link nicht einmal zu erkennen und er zweifelte, ob in dieser Hülle noch etwas von dem einstigen Farmmädchen vorhanden war. In ihren Augen, die einst graublau waren, regierte eine erschreckende Leere und Gefühlskälte. Die Ausdruckslosigkeit in ihrem Gesicht zeugte von dem Nichts, das sich in ihrer Seele breit gemacht hatte. Ihr langes, kastanienbraunes Haar hing strubbelig über ihre abgemagerten Schultern…

Malon…

Der Chadarkna, erregt durch seine perversen Gedanken und besessen von Leid und Mordsucht, hatte ein neues Spielchen mit dem vergessenen Heroen zu spielen. Und für jenes Spielchen verwendete er gerne, wie er es formulieren würde, etwas feine Würze…

Er legte dem Mädchen einen starken Arm um die Schultern, schleckte mit seiner dreifach gespaltenen, violetten Zunge über ihre rechte Wange, aber sie rührte sich nicht. Ausdruckslos ließ sie sich von dem Dämon beflecken und benutzen.

„Gutes Kind…“, flüsterte der Chadarkna. Es war grauenhaft, dass er solche Worte überhaupt in den Mund nahm. „Liebes Mädchen“, seufzte er schnalzend. „Wir werden uns jetzt von dem ewigen Heroen verabschieden, seinen Geist zersplittern und seinen Körper zum Platzen bringen… Aber daran sollst auch du Genuss und Erfüllung erfahren. Und deshalb…“ Und der Dämonenlord ließ seine bleichen Fingerkuppen über Malons blutrote Lippen wandern, bis er ihre Lippen mit seinen Fingerspitzen öffnete. „Deshalb… sing‘… Singe für mich dein Heldenlied… Geschöpf der Nacht… Sing‘… so grausam wie vorher auch… Sing‘!“ Das tiefrote Dreieck auf ihrer Stirn begann zu funkeln, begann zu pulsieren und zu leben, fast wie ein übernatürlicher Mechanismus, der das Mädchen ein- und wieder ausschalten konnte. Marionettenhaft tapste sie näher zu Link, blickte ihn mitleidig an und setzte sich dann an den tiefen, elenden Abgrund. Sie pendelte mit ihren Beinen und begann zunächst zu summen. Sie stimmte sich ein für das Lied, das sich in Links Gedächtnis festbrennen würde. Und das Summen glitt hinüber in eine andere Zeit, stahl Wahrheit und Unschuld. Es summte fein und herzzerreißend, so schön… so wunderschön…

Und mit jedem weiteren Ton einer befehlsgewaltigen Melodie trommelte das einst so starke Herz in Links Brust energischer. Es war wie, als war da eine eisige Hand, die sein Herz zerquetschen wollte. Er keuchte, hatte das Gefühl Malons Melodie verursachte mehr Schmerzen als er in seinem Leben bisher ausgehalten hatte. Und dann, als sie endlich mit ihrer Strophe begann, bewegten sich die schweren, teilweise rostigen Ketten um Links Körper, schnitten heimtückisch und grausam,  schienen wie Schlangen einer wahnsinnigen Melodie zu folgen…

„In Teufelsküche, dort lebt der Geschmack,

das Fleisch der Helden wird dort gehackt.“

Und die rupfenden Kettenglieder, ummantelt vom Reif der eisigen Nacht zogen sich einmal mehr enger um den geschwächten Körper des Jungen, der sich allein der Grausamkeit dieser Nacht stellte. Link entließ einen herzzerreißenden Schrei, spürend, wie die Ketten seinen Körper mit den trägen und folternden Bewegungen in Stücke zu reißen versuchten. Erbarmungslos quetschte das rostende, magische Eisen das Leben aus seinem Körper…

„Malon… hör‘ auf damit…“, würgte Link aus seiner Kehle und kämpfte gegen die Folter. Tief senkten sich die Fesseln in sein Fleisch, rissen an Nerven, zersplitterten Knochen…

„Malon…“, japste Link verzweifelt… Aber er würde sie kaum erreichen, sie war eine Marionette der Chadarkna geworden, folgte ganz allein den Befehlen der Dämonen und vielleicht war alles, was ihre Seele zusammenhielt, bereits gebrochen. Sie sang weiter, unbeeindruckt und gefühlskalt, während der Chadarkna seine Arme in die Höhe streckte und zu tanzen begann.

„Kommt trinkt mit uns den leckersten Wein,

das Blut der Helden, schenket uns ein.“

Und mit einer weiteren Strophe bewegten sich die Ketten schneller, fraßen sich tief in den schwachen Körper des Heroen. Hechelnd hockte der vergessene Held auf dem kalten Gestein. Er bekam kaum noch Luft und sein Herz pumpte hetzend, so hetzend, dass es in seiner Brust weh tat. Seine grüne Tunika war zerrissen und an den Ketten, dort an Hüfte, Hals, den Armen und Beinen, wo sie sich fruchtbar und hungrig in seine Haut gebohrt hatten, tropfte Blut. Link japste nach Luft, gefoltert und vergessen. Er wusste nicht mehr, ob er noch etwas anderes als Schmerzen fühlen konnte, sackte weg und sein blonder Kopf knickte vornüber, aber noch war er bei Bewusstsein. ,War das nun sein Ende‘, fragte er sich wie in Trance. Er konnte Stimmen in seinen Ohren hören, die leise und flüchtig beruhigende Worte hauchten und dachte daran, dass es vielleicht die Wesen sein würden, die Hylianer in das andere Reich brachten. Aber noch war es nicht vorbei… und bei all den Schmerzen, die der Held in der Lage war auszuhalten, bei all den Grausamkeiten, gab es doch Ereignisse, die seinen Körper noch weiter zermürben konnten. Denn der weibliche Blutschatten sang weiter…

„Im blutenden Hyrule, seht unsere Macht,

die Helden, sie fallen, lacht und lacht.“

Und diesmal, als Malon ihr Lied beendete, waren es nicht mehr die Ketten, die seinen Körper am schlimmsten entstellten. Mit einer gezackten, schwarzen Klinge, grinsend und befriedigt an Mordlust und Grausamkeit, stand der Chadarkna vor dem Heroen, leckte sich mit seiner gespaltenen Zunge über seine Lippen und lachte. Link sah die Klinge und wusste, dass es nun endgültig vorbei war. Sein Leben in Hyrule… seine Zeit als Hylianer… sein Schicksal… Er schloss seine blutenden Augen in seinem käseweißen Gesicht, wo sich schwache Punktblutungen zeigten. Und auf seinen verletzten Lippen hatte er den Namen der Prinzessin. Sie würde sein letzter Gedanke sein, das hatte er sich immer geschworen…

Der Chadarkna holte aus, bereit die Klinge in das Herz des jungen Mannes zu stoßen. Er lachte närrisch, übermächtig und wusste, dass der Tod des Heroen seine Pläne um ein Vielfaches voranbringen könnte. In einer ewigscheinenden Sekunde ließ er den Dolch in die Richtung des Herzen von Link gleiten. Ein weiterer Blitz zuckte über den Nachthimmel, als sich jedoch das Schicksal einmischte…

Eine silberne Klinge sauste nieder, traf das Teufelsinstrument des Chadarkna und beförderte seine Mordwaffe in den Abgrund. Noch ehe der Chadarkna oder irgendein Blutschatten in der Lage waren das Ereignis zu verstehen, sausten weitere Wurfgeschosse nieder, prallten mit Wucht in die Schwachstellen der Monster. Einige Moblins und Blutschatten knallten durch gezielte Attacken nieder und verloren den Halt. Brüllend verfielen sie dem Abgrund. Der Chadarkna wurde in seinen rechten Arm getroffen. Eine weitere saubere, scharfe Klinge hatte sich schrillend in sein Rückgrat gebohrt. Er fauchte und schaute um sich. Gezielt suchten dämonische Augen den Ursprung des Angriffs und sein Blick blieb auf einem hohen Plateau des Tempels haften. Eine magere Gestalt, gekleidet in einem weißen Mantel, gekrümmt von mehreren schweren Klingen, die er auf seinem schwachen Buckel geschnallt hatte, erhob sich auf dem höchsten Plateau des alten Destiniatempels. Er trug einen Helm, der sein Gesicht verhüllte, aber seine Klingen sprachen eine eindeutige Sprache…

Link versuchte noch dem Geschehen zu folgen, heftete seine verschwommenen Augen nach oben und spürte schließlich wie seine Wunden ihn niederrangen und in eine herbe Bewusstlosigkeit schickten. Die Ketten lösten sich im Nichts auf und sein Körper schlug knackend auf das Gestein…

Weitere Klingen donnerten nieder, bis die Blutschatten und Dämonen Pfeile spannten. Aber mit dem verhüllten Mann, der zielgenau seine Klingen pfefferte, gingen nun weitere Krieger in den Angriff. Nur wenige Meter vor der Brücke erschienen aus der Dunkelheit der nächtlichen Landschaft, kampfbereit und strotzend vor Stärke, zwanzig Reiter des Guten. Ein hylianischer Schlachtruf ging durch die Nacht, als die Reiter, allen voran Nicholas Doomrent, auf die Brücke hetzten und in einer kriegerischen Symphonie den Dunklen den Kampf ansagten. Mit lautem Getöse meuchelten die tapferen Reiter ihre Gegner nieder.

Angewidert trat der Chadarkna zurück, öffnete sein Portal in eine andere Wirklichkeit und sah dem Gemetzel zu. Er lächelte entzückt, warf noch einen Blick zu dem sterbenden Heroen und grunzte. Bewusstlos lag Link dort, geschändet und so stark verletzt, dass es für seinen verfluchten Körper noch länger dauern sollte, zu gesunden. Also was wollte der Chadarkna auch mehr? Er hatte einen weiteren Schlüssel, hatte den Helden ein weiteres Mal demütigen können und würde sich nun zurückziehen. Zügig schritt er durch das Portal, genauso wie der von einer Klinge am Bauch durchbohrte Halbdämon und einige Blutschatten wie Malon, die zwar verwundet, aber lebendig ihrem Meister folgten. Mit einem schrillen Knall schloss sich das Portal wieder und es war nur Nicholas, der versucht hatte den Dämonen zu folgen. Irritiert und fassungslos stand er dort, war außer Atem und blickte zurück, wo die Ritterschüler die letzten Moblins unschädlich machten. Die kräftige Gerudo Kramanzia war die erste, die an Links Seite niederkniete. Sie winkte Nicholas zu, der sofort näher hastete. Geschockt ließ er sich zu Boden sinken, und gemeinsam drehten sie den vergessenen Heroen auf seinen Rücken. Es hatte ihn so sehr erwischt wie in all den Kämpfen der alternativen Zeit nicht. Seine tiefblauen Augen waren geöffnet und leer. Betäubt richtete er seinen Blick in den düsteren Nachthimmel. Seine Arme und Beine waren von den Ketten zerquetscht worden und an den Stellen, wo die Fesseln ihre Arbeit geleistet hatten, waren die Blutadern so massiv durchtrennt, dass seine Glieder unzureichend mit Lebensenergie versorgt wurden. Sein Brustkorb hob sich ächzend, sackte knirschend zurück und ließ vermuten, dass seine Rippen gebrochen waren. Und überall dort, wo die Ketten vorher waren, konnte man hässliche Wunden, Fleisch und sehr viel Blut sehen. Kramanzia schluckte und drehte sich weg. Ihr wurde übel, und obwohl sie schon viele Wunden gesehen hatte, überforderte Links leidender Zustand ihr Gemüt.

Nicholas handelte schnell, zerriss seine Gürteltasche vor lauter Unruhe und hoffte, dass es noch nicht zu spät war. Verzweifelt stützte er Links Kopf mit einer Hand, als jener reagierte und tief nach Luft röchelte. Er schwitzte in seinem Todeskampf, zitterte und starrte Nicholas mit einem Ausdruck des Bettelns an.

„Es tut mir leid… deine Stute Lady…“, hauchte Link jämmerlich. Doch Newhead schüttelte beinah befehlend seinen Kopf. 

„Bitte… sag‘ Zelda nichts… hiervon…“, stieß Link noch aus seiner Kehle, bevor Nicholas ihm ein starkes rotes Elixier mit Schlafmittel an die Lippen setzte.

„Hör‘ auf zu reden und trink‘ gefälligst, ich will nicht, dass du abkratzt!“, fauchte er. In einem Akt der Verzweiflung flößte Nicholas dem Jungen das Elixier in den Mund, war dabei ihm das zweite Getränk an die Lippen zu setzten, als aber das Schlafmittel wirkte. Links Körper entspannte, sank lasch zurück und die schlimmsten Wunden schlossen sich langsam, ganz langsam und stückchenweise. Sein Leben, das doch am seidenen Faden hing, war vorerst verschont…

Sein letzter Blick vor der tiefen Ruhe, die wie eine Welle über ihn schwappte, glitt hinauf zu dem höchsten Plateau auf dem Tempel, dort wo der Klingenwerfer gestanden war, aber auch jener war verschwunden, dann endlich fand Link Ruhe, fand Schlaf und Heilung…

 

Gerade da traten die Ritter, Soldaten und Ritterschüler, zum Teil verwundet näher, blickten bemitleidend zu dem Heroen und schwiegen. Eine unangenehme Stille erfüllte die Welt erneut, dort wo vorher die wahnsinnigen Klänge und grausamen Gesänge der Bestien herrschten. Es wurde still, dort wo Hyrules Geschichte eine Wende erfuhr. Es wurde still und tröstlich…

Und die Gedanken der wenigen Ritter, Soldaten und Ritterschüler kreisten um das, was edle Seelen ertragen konnten. Sie alle ließen ihre Häupter sinken und dachten mit Verwunderung und Respekt an den jungen, bewusstlosen Mann, der für andere zu viel ausgehalten hatte… Denn er hatte die Bestien von der Ritterschule weggelockt, zur Hälfte vernichtet und andere beschützt…

Wie konnte er nur so edelmütig sein dies durchzustehen? Es bedarf Jahrtausende… noch mehr… Jahrmillionen, um eine solche Seele zu finden. Und wenn die herrschenden Völker Hyrules Gerechtigkeit in all ihrer allumfassenden Form kennen würden… Wenn sie ahnen würden, was es kostete so gut und so mutig zu sein… Sie alle würden es nicht ertragen und dem Helden wünschen, dass all das, was er begehrte, in Erfüllung ging… Er hatte es nicht verdient benutzt zu werden… Er hatte es nicht verdient zu leiden, denn er war so viel mehr als ein Spielball oder jemand, den man verspotten durfte… er war so viel mehr als der eine Held, der in der Lage war, die Grausamkeit Hyrules zu verändern… Er allein, von all den legendären Seelen, hatte es verdient glücklich zu sein…

 
  Insgesamt waren schon 112811 Besucher (404840 Hits) hier!