4. Kapitel
 

Kapitel 4

 

 

Die Sonne stand glühend im Zenit. Kühle, graue Schleier zogen am hellen Himmel vorüber. Spärlich schienen warme Sonnenstrahlen durch dichte, großblättrige Kronen alter Bäume hier im Herzen des Waldes, wo einst Kokiris spielten, tanzten und lachten. Ein strahlender Schimmel trug seine Herrin durch die alten Wälder, denn es war ihr erlaubt hier zu sein entgegen vieler anderer neugieriger Seelen, die sich in die Wälder wagten, nur um Wissensdurst und Übermut zu stillen. Gemächlich trabte der weiße Hengst über herausstehende knorrige Wurzeln, über uraltes, niemals vergehendes Gras in den alten magischen Wäldern. Seine Reiterin war verhüllt, ein weißlicher, glänzender Mantel gewebt aus gutem Stoff verbarg ein zartes Antlitz.

Reichliches Vögelgezwitscher begleitete ihren Weg. Licht schien sie auszusenden mit jedem leisen Trab der vier Hufe auf altem, sattgrünen Gras. Eine sanfte mit Garn überzogene Hand streichelte über den Hals des Hengstes. „Gut, Silberregen. Wir rasten kurz.“ Anmutig ließ sich die Reiterin aus dem schicklichen Damensattel gleiten und schob ihre weiße Kapuze zurück. Das wunderschöne Bild Prinzessin Zeldas mit geflochtenem Haar gab sich preis. Sachte wischte sie sich einige goldene Strähnen aus dem schwitzenden Gesicht, während ihre Füße leicht, fast schwebend durch den dichten Mischwald wandelten. Sie trat näher an einen der vielen, unbekannten und doch lebenden Bäume heran, legte verträumt eine Hand auf harte Rinde und murmelte mit ihrer glockenhellen Stimme: „Auch du kannst mir nicht sagen, wo ich finde, was ich doch auf ewig suche…“ Sie wand sich ab und ein trauriger Blick ging gen Himmel.

„Link… wo bist du nur?“, sagte sie leise und blickte mit ihren blauen, weisen Augen in den merklichen, näherrückenden Schatten der Wälder.

 

Seit Tagen schon suchte sie nach ihm. Seit Tagen schon… Mit dem Erreichen der Kunde, ihrem Freund aus Kindertagen wurde der Vorwurf einer Entführung gemacht, eilte Prinzessin Zelda, mit der königlichen Erlaubnis ihres fürsorglichen Vaters, durch Hyrule, auf der Suche nach dem Helden der Zeit. Es war nichts Ungewöhnliches mehr für sie, sich außerhalb der Schlossmauern frei zu bewegen. Seitdem ihr Vater wusste, welche Macht sich hinter dem zierlichen Bild seiner wunderschönen Tochter verbarg, hatte er aus aufgegeben, sie, so wie er immer zusagen pflegte, einzufangen…

Zelda erinnerte kurz den Beginn letzter Woche, wo Sir Viktor, ein hochrangiger Ritter des hylianischen Ministeriums, die Anklagepunkte gegen Link verließ, die da waren Entführung Malons und Beihilfe zur Flucht eines Strafgefangenen, der seit vielen Wochen schon auf sein Urteil wartete. Stürzend war sie aus dem Schloss geflohen, mit Gepäck und Proviant bestückt, und suchte nach ihm. Natürlich hatte König Harkenia sofort veranlasst, die Anklagepunkte gegen Link fallen zulassen, auch wenn er sich dadurch einige Feinde in seinen Reihen und natürlich einen schlechten Namen bei der Lon-Lon- Familie machte.

Seitdem suchte die Trägerin des Fragmentes der Weisheit nach Link, wollte ihm die Mitteilung machen, frei zu sein und ihm ferner eine Anmeldungsschrift für die Ritterschule im Norden überreichen. Links Vater war einst Ritter. Es sollte Links weiterer Lebensweg sein, ebenfalls vom dortigen feinen Unterricht zu profitieren. Aber Link ließ sich einfach nicht finden. Er schien wie vom Erdboden verschwunden zu sein…

 

Die Prinzessin der Hylianer stieg wieder auf ihren Schimmel und ergriff die Zügel. Ein melancholischer Blick schweifte hinab zu einem kleinen rotbraunen Eichhörnchen, welches die stolze Hylianerin scherzhaft beäugte. Es hatte eine angebissene Eichel zwischen den kleinen Pfötchen und hüpfte damit piepsend von dannen.

 

Leben… das war das einzigartige Leben, welches Link nicht mehr sehen wollte.

„Wo bist du nur?“, rief Zelda hinaus in die Stille der Wälder. Denn es waren nicht nur die Neuigkeiten, die sie Link überbringen wollte. Was ihr wie ein Stein auf dem Herzen lag, war Links momentaner Zustand. Sie fühlte sich wie erdrückt, schwach, fast hilflos, wenn sie an ihn dachte, als ob mehr als nur die Einsamkeit letzter Tage auf ihm lastete. Zelda spürte und wusste, dass es ihm alles andere als gut ging…

 

„Link… wo bist du?“, schallte es erneut durch den ruhigen Kokiriwald, während der adlige Schimmel weiter seines Weges trabte.

 

Tatsächlich humpelte nicht weit entfernt ein junger Mann durch die Wälder. Hechelnd, nach wenigen Sekunden Laufen schon triefend nach Atem ringend, bewegte er sich vorwärts und konnte sich nicht entsinnen, wie lange er schon hier seine Runden drehte. Ab und an klammerte er sich an Äste, versuchte durch ein tränendes, verschwommenes Gesichtsfeld zublicken, aber konnte nicht ausmachen, wo er war. Tagelang wanderte er nun schon durch die Wälder, verstand nicht, wieso er sich verlaufen hatte. Oder konnte es sein, dass der alte Dekubaum seine Anwesenheit nicht mehr wünschte, nicht mehr duldete?

 

Der fünfzehnjährige Blondschopf ließ sich nach Luft ringend auf das weiche Gras sinken und lehnte sich erschöpft an einen der in die Höhe schießenden Nadelbäume. Er hatte sein Zeitgefühl verloren und die Orientierung. Lange war es her, dass er sich das letzte Mal irgendwo verlaufen hatte und nun quälte ihn seine eigene Schussligkeit und die Tatsache, dass er mit hungrigem Magen hier zusammengesunken war. Seine Augen schlossen sich zwanghaft. Schweißperlen rannen über seine Stirn, während unerträgliches, schnellendes  Herzpochen ihn folterte. Ein leichter, und doch fieser Schmerz in seiner linken Brusthälfte setzte ein, kam gewaltiger mit der Minute und hinterließ einen nach Atem ringenden, müden Hylianer. Krampfartig begann sein Herz nun zu schlagen. Heftig presste der Jugendliche eine Hand auf sein Herz, fühlte sich, als ob etwas ihn auffressen wollte. Der Schmerz wurde schlimmer, beißender, arbeitete sich vorwärts, hinein in seinen Magen und dann stieg die Qual in seinen Kopf. Hechelnd sank Link immer weiter nieder, schlug die Hände an seine Ohren und wusste doch, was folgte. Zermürbende Bilder brannten sich erneut in seinen Geist. Blutender Regen tropfte nieder, während ihn ringsherum Flammen umzingelten. Das Blut tropfte über seinen Kopf, bis er jenen schreiend in die Höhe reckte. Er sah sich selbst von oben herab, sah sein Gesichtsfeld, übersät mit Wunden, übersät mit Blut…

Wimmernd entkam seiner Kehle: „Hör’ auf… Hör’ verdammt noch mal auf.“ Und Link trommelte wie wildgeworden mit seinen Fäusten auf den mit Nadeln und abgefallenen Blättern übersäten, weichen Waldboden, schlug darauf ein, während herzerreißende Laute aus seinem Mund schallten.

 

Nach wenigen Minuten war der Anfall vorüber und Link lag mit totem Blick bauchseitig auf dem Gras. Er rührte sich nicht, während seine tiefblauen Augen durch die vielen langen Grashalme starrten. Kleine Käfer wippten an den Gräsern auf und ab. Ameisen krabbelten über den liegenden Körper Links. Er rührte sich einfach nicht, wollte nicht wissen, dass er lebendig war. Die merkwürdigen Anfälle kamen häufiger, wurden schlimmer und schmerzhafter. Er atmete kaum, schloss die Augen kurz und blieb weiterhin einfach liegen. Link starrte mit offenen Augen umher und doch registrierte er nichts, keine Bewegungen, keine Geräusche.

 

Eine halbe Stunde später lag er immer noch starr auf dem Gras und sein toter Blick verharrte weiterhin an den Grashalmen. Konnten die schmerzhaften Anfälle nicht aufhören? Was passierte nur mit ihm?

 

Seine Ohren vernahmen nicht die besorgte Stimme, die nach ihm rief. Es interessierte ihn nicht, er fühlte sich tot und leblos. Mit jeder Sekunde die schwand, hatte der Blondschopf den Eindruck selbst zu schwinden, zu verblassen, zu vergehen…

 

Hufgetrappel näherte sich. Ein erschrockener Schrei entkam dem Reiter eines weißen Pferdes. Aufgeregt hetzte Prinzessin Zelda von ihrem getreuen Ross, lief mit lautem Geräusch ihrer teurem Schuhe näher, rief Link bei seinem einprägsamen Namen, aber es kümmerte ihn nicht. Er blieb wie er war und starrte mit leerem Blick zu den Grashalmen. Die Welt war so anders von hier unten, so unbedeutend…

 

„Link!“ Zeldas aufgeregter Schrei drang an seine Ohren. Dann fühlte er zwei Arme, die ihn mit einem heftigen Ruck umdrehten. Unbeeindruckt, ja fast teilnahmslos, ließ er die anmutige Hylianerin ihm gegenüber angesichts seines leblosen Körpers verzweifeln. Denn weiterhin starrte er ins Nichts, rührte sich nicht und verspürte nicht den Drang, Zelda mit einem Blick oder einfachen Worten klarzumachen, dass er nicht bewusstlos war.

Ruhelos klopfte Zelda auf Links Wangen, führte dann eine seiner eiskalten Hände an ihre Wangen und murmelte noch einmal seinen Namen.

„Bitte… Link…“, wimmerte sie und ließ sich endgültig zu ihm auf die Knie sinken. Dann fühlte er Tränen an seiner eisigen Hand. Merkwürdig war die feuchte, salzige Substanz von Zeldas Augen. Er hatte so etwas noch nie gespürt oder wahrgenommen. Reine, ehrliche Tränen an seiner linken Hand, mit der stillen Hoffnung, sie könnten das unsichtbare, bestialische Blut daran irgendwie abwaschen. Ihre andere, warme Hand, wie sehr hatte Link eine solche warme Hand vermisst, wanderte an seinen Hals. Ein Schluchzen entkam Zeldas Mund. Sie rang mit der ungeheuren Angst, Link könnte nicht mehr am Leben sein… Angestrengt suchte sie nach seinem Puls, tastete vorsichtig seinen sonnengebräunten Hals ab. Anscheinend fand sie den Puls nicht sofort. Sie wurde nervöser, wurde hilfloser und begann hemmungslos zu weinen. Sie klammerte sich an seine nussbraune Leinentunika und schluchzte leise.

 

Noch nie war Zelda ihm so nah gewesen. Ein angenehmes Gefühl durchströmte ihn und doch ertrug er es einfach nicht. Und es geschah in dem Moment, dass Link zwinkerte, ein Lebenszeichen von sich gab, auch wenn dieses Lebenszeichen mit Abweisung hinterlegt war.

„Lass das…“, sagte er bitter, stieß eine geschockte Prinzessin von sich weg und richtete sich auf, ohne ihrem sanften, tränenreichen Blick zu begegnen. In Zeldas Innerem schien in dem Moment alles zu zerbersten. Ihr Gefühlszustand glich einem reinsten Chaos, bestehend aus Wut, Freude und kalter, übersättigter Distanz.

 

„Ich habe mir Sorgen um dich gemacht…“, flüsterte sie und wischte sich einige Tränen von den Wangen. „Was ist mit dir passiert?“

„Ich habe nur geschlafen.“, log Link, als ob es selbstverständlich für ihn wäre, zu lügen. Damit stand er auf, taumelte schräg zur Seite und hielt sich gerade so auf den Beinen.

„Mit offenen Augen?“, sagte Zelda bedacht und lief langsam zu ihm hinüber.

„Was kümmert es dich. Ja, verdammt!“, murrte Link und fühlte deutlich seine Kräfte schwinden. Schon wieder zehrte irgendetwas an ihm, das er nicht kannte und nicht verstand. Er drehte Zelda den Rücken zu, um nicht schwach oder jämmerlich vor ihrem würdevollen  Erscheinungsbild zu wirken und tat erneut jegliche wärmenden Gefühle ihr gegenüber ab, sah sie als Halluzination oder irrsinnigen Wunsch, verstanden zu werden. Ein Wunschtraum, der sich nicht erfüllen würde, auch nicht in einer magischen Welt wie Hyrule es war. 

Nach Luft schnappend fasste sich Link an seinen hämmernden Schädel, fühlte seine glühende, in Schweiß gebadete Stirn und wollte in dem Augenblick nichts sehnlicher, als einfach seine Ruhe haben. Aber Zelda würde nicht gehen, nicht ehe sie wusste, was er zu wissen galt.

 

„Was willst du?“, hechelte Link und lehnte sich an einen Baumstamm neben ihm, um nicht umzukippen.

„Dir helfen…“, sprach sie leise und legte langsam eine Hand über seine Schulter. Eine kurze Berührung und Zelda fühlte einen gewaltsamen Schlag in ihrem Gesicht durch die seelische Verbindung zu Link. Es schien, als hätte man seine Seele gespalten und ihn stattdessen mit kaltem Wahnsinn angereichert. Geschockt zog sie ihre Hand weg, fühlte Verbitterung und mentale Krankheit durch jene Berührung. Was war das nur? Ein Fluch?  

„Ich brauche keine Hilfe…“, seufzte Link und fühlte immer stärker den Drang, hier auf der Stelle, sofort, vor den Augen der Prinzessin zusammenzusinken. Er spürte immer mehr eine Art Aufgeben, Zelda zu bitten, ihm zu helfen, aber der Funken Stolz und Sturheit in seinem Kopf, der geblieben war, hielt ihn eisern davon ab.

Sein Gesichtsfeld wurde wieder dunkler und das Trommeln in seinem Kopf setzte ein. Nein, nicht hier, befahl er den schwarzen Mächten, die ihn folterten. Nicht vor der Prinzessin…

 

„Lass mich allein.“, brachte Link hervor, spürte schmerzhaft Schweiß in seine Augen laufen und stützte eine Hand an seinen dröhnenden Schädel. 

„Nein!“, sagte sie engstirnig und laut. Die zukünftige Herrscherin kam in dem Moment zum Vorschein und die Tatsache, dass Zelda schon lange darauf getrimmt wurde, laute Reden zuhalten.

„Ich habe seit Tagen nach dir gesucht.“

„Wie schön. Da du mich jetzt gefunden hast, macht es dir sicherlich nichts aus, mich wieder in Ruhe zu lassen.“, entgegnete er verletzend und blickte hinein in die Dunkelheit der Wälder, hoffend, er könnte seinen Weg fortsetzen und nicht einfach zusammenklappen. Zelda blickte traurig zu Boden und kramte eine Rolle hervor, die mit dem königlichen Siegel zugeschweißt war. Mit verkrampften Händen lief sie um Link herum und suchte seinen Blick, aber er sah nur zu Boden, schien nicht einmal registriert zu haben, dass Zelda direkt vor ihm stand. Sein Gesicht schimmerte fiebrig rot. Ja, stellte Zelda bekümmert fest. Link ging es überhaupt nicht gut. Sie legte eine fürsorgliche Hand auf seine brennende Stirn, die er aber anscheinend auch nicht bemerkte.

„Komm’ mit mir, Link. Du brauchst Ruhe, Schlaf und ein warmes Bett.“

„Wer, bei Nayru, bist du, um mir zu sagen, was ich brauche.“, fauchte er und lief langsam über das saftiggrüne Gras der Wälder. Die Sonne stach zwischen den Laubblättern hindurch. Schützend hielt der junge Held der Zeit sich eine Hand gegen die Augen.

 

„Ich bin ein Freund…“, sagte Zelda bekümmert und lief stur hinter ihm her. „Ich habe keine Freunde.“, bemerkte Link widerwillig und stapfte schwankend weiter, fühlte seinen Magen spannen und hatte das Gefühl, sich auf der Stelle übergeben zumüssen. Zelda kämpfte derweil mit den Tränen angesichts dieses in Kälte geschürten Satzes. Es tat weh, direkt in ihrem Herzen. Nicht einmal sie sah Link mehr als Freund an…

„Du sollst mich in Ruhe lassen. Begreift Eure Herrlichkeit nicht, dass sie stört!“, fauchte Link und begann im nächsten Augenblick kläglich zu husten. Er sank auf seine Knie und hustete sich halb die Seele aus dem Leib. Unkontrollierbar begann er zu zittern. Kälte mischte sich mit kostbarem Blut in seinen Venen. Er stützte seine Hände in das weiche Gras und würgte, als ob ihn jemand vergiftet hätte. Nur kurz öffnete sich seine tiefblauem Augen ein letztes Mal, sahen, dass es Blut war, was er spuckte, bis er kraftlos und direkt vor den Augen der Prinzessin Hyrules zusammenbrach.

 

Ein lautes, angstverzerrtes Kreischen schallte durch die alten Wälder, als der blonde Hylianer mitgenommen und knackend auf den Boden aufschlug.

Die schlanke Hylianerin handelte schnell, legte ihre bloßen Hände auf Links Brust und schickte ihm einen Stoß warme heilsame Magie. Linderung… Mit einem Zucken nahm Links schwacher Körper den Energiestoß an, machte der traurigen Zelda ein wenig Hoffnung, dass sein jugendliches Herz doch nicht so erfroren war, wie er jedem beweisen wollte.

 

Nur wenige Minuten von ihnen befand sich ein altes Kokiridorf, wo Link einst einen Platz hatte. Schnell, ohne wertvolle Zeit zu verlieren, pfiff Zelda nach Silberregen, der sofort hertrabte. Mit ihren magischen Kräften beförderte sie den bewusstlosen Jugendlichen quer auf seinen Bauch liegend auf das Ross, sprang auf und preschte mit dem weißen Pferd durch die alten Wälder, auf der Suche nach Schutz und einem Platz, wo sie Link, entgegen seines schwachköpfigen Willens, versorgen konnte.

 

Mit tosendem Wiehern gelangte Silberregen in das kleine Kokiridorf, wo einige in grüne Gewänder gekleidete Kinder lachend mit einem großen Stoffball spielten. Gesäuberte kleine Wege führten von einem kindlichen Baumhäuschen zum nächsten. Viele der Gebäude waren mit Moos und Efeuranken umwachsen und daher sehr unauffällig. Links einstiges Zuhause jedoch stach aus den Reihen, so wie er selbst immer wegen der fehlenden Fee oder wegen seines Nabels, denn Kokiri hatten keinen, aus den Reihen herausstach. Es war ein verwachsenes, mit Pflanzen umwuchertes Baumhäuschen mit Leiter.

„Saria!“, brüllte die Reiterin, als sie hastend von Silberregen sprang. „Wo bist du, Weise des Waldes. Ich ersuche dich!“, setzte Zeldas starke Stimme hinzu. Sie führte ihren Schimmel in das Zentrum des Dorfes und die vielen, spielenden Kokiri stoppten ihre erheiternden Späße, blickten verwundert zu dem stolzen Getier und noch verwunderter auf den bewusstlosen Hylianer, der wie ein Stück erlegtes Fleisch darüber hing.

„Wer bist du, Alternde?“, riefen einige.

„Du kannst nicht hier wandeln, denn die Geister des Waldes bestrafen dich.“, hallten hohe Kinderstimmen umher.

Zelda verlor immer mehr die Geduld, hetzte mit Silberregen weiter, direkt auf das Häuschen zu, wo Link einst wohnte und ignorierte die kindlichen Fragen der vielen Kokiris. Stattdessen rannte sie auf einen kleinen Kerl mit roten Plauschbacken, grünem Strampelanzug und zerzaustem rotblondgelockten Haaren zu. Sie packte den Knirps aufgeregt an seinen kindlichen Armen und sagte nachdrücklich: „Wo ist Saria?“

„Im Verlorenen Wald. Bei der Heiligen Lichtung.“ Ungeduld wechselte die vorherige Panik in Zeldas Augen ab. „Dann hol’ sie. Sofort!“, ordnete sie an und hielt dem Kind einen Zeigefinger unter die vorwitzige Nase. „Ich mein’s ernst. Und wehe du kommst nicht ohne sie zurück!“ Die grünen Augen des Kegels weiteten sich furchtvoll. Er wich zurück und rannte die Arme in die Höhe streckend mit lautem Kindergeschrei einen grünen Hügel hinauf, wo der Eingang zu den Verlorenen Wäldern ruhte.

 

Derweil stand Zelda mit ihrem stolzen Schimmel vor dem kleinen Haus, wo eine Leiter zu dem Eingang führte. Träge schlossen sich Zeldas Augenlider. Sich konzentrierend hielt sie ihre Handinnenflächen in kurzem Abstand zu einander. Wind wirbelte ihr goldenes Haar auf, welchen sie erschaffen hatte. Magischer Wind einer alten Magie, die in Zeldas einzigartigem Wesen zufinden war. Ihre Augen blinzelten schwach. Ein langsamer Atemzug und die Hylianerin erfüllte ihre Lungen mit frischer Luft, ließ die angesammelte Magie frei, murmelte alte hylianische Formeln in ihren Gedanken, bis jene ihren weichen Lippen entkamen. Formeln alter Magie. Plötzlich hob sich Links ohnmächtige Gestalt vom Pferd, als spannte Zelda mit ihrer Magie unsichtbare Fäden, die seinen Körper transportierten. Langsam führte die legendäre Macht des Triforce den schwachen Körper des Helden der Zeit in die Luft.

 

Erstaunt sahen die Kokiri zu, trauten ihren Augen nicht und gafften, stöhnten entgeistert auf.

 

Zeldas blauschillernde Augen öffneten sich ganz, als eine Schweißperle sich an ihrer Stirn zeigte. Immer noch hielt sie ihre Hände nah aneinander, bedacht die magische Kraft nicht enden zulassen. Höher und höher schwebte der verwünschte Körper des Helden der Zeit, bis er sich drehte und sachte, wie durch leichte, warme Schwingen in das Innere des Häuschens bewegte.

 

Zeldas magische Kraft schwand langsam. Sie fühlte, wie stark jene Fähigkeit nun an ihr zerrte, sie aufsaugte. Nur noch ein Stückchen, sagte sie sich in ihren Gedanken. Vor ihrem geistigen Augen sah sie das kleine Bett vor sich, wo Link ruhen sollte. In ihrem Inneren führte die geheiligte Magie der siebten Weisen den jugendlichen Körper näher und näher heran an die mit Decken belegte Liege. Noch wenige Zentimeter und Link könnte ruhen.

 

Die Konzentration brach. Sie ließ sich schnaufend auf die Knie sinken, während oben in dem Häuschen das Bett knarrte, ein Beweis, dass Links Körper angekommen war. Mit einem leisen erleichterten Lacher und wackligen Knien kletterte Zelda selbst die kleine Leiter hinauf und schob vorsichtig olivgrüne Vorhänge vor dem Eingang zur Seite. Es war ungewöhnlich dunkel in dem kleinen runden Raum und nur ein einzelnes Fenster über dem Bett, von wo aus der junge, kleine Hylianer einst die Sterne beobachtet hatte, in der ewigen Hoffnung, am Morgen eine Fee zuhaben und nicht mehr von den anderen Kindern des Waldes gehänselt zuwerden, ließ Licht in das gemischte Dunkel. Sie nahm einen langen Atemzug durch die Nase und roch den ungewöhnlichen Duft hier drin. Ungewöhnlich zimtartig, süß und unglaublich angenehm. 

Ruhig entzündete die anmutige Prinzessin den Docht einer kleinen, dunkelgrünen Kerze, die auf einem Nachttischschränkchen direkt neben dem viel zu kleinen Bettchen stand. Der helle Lichtschein verlor sich flackernd auf dem erschöpften Gesicht Links, der bewusstlos längs in dem Bett lag. Zelda nahm ihre aus Garn gestrickten weißen Handschuhe ab und legte ihm besorgt eine Hand über die Stirn. Sie glühte geradezu…

Was war nur los mit ihm, fragte sie ihr Herz. Seine Abweisung und dann dieser merkwürdige Anfall… Seine Krankheit war in der Tat sehr ungewöhnlich. Er besaß doch das Fragment des Mutes. Link konnte überhaupt nicht krank werden und dann auf diese Art und Weise.

Schnell und sich vergewissernd überprüfte sie das Vorhandensein des Fragmentes, nahm seine linke Hand in ihre rechte und blickte angestrengt auf den Handrücken. Seine Hand war eisigkalt, so wie seine kühle Distanz ihr gegenüber.

 

Das Fragment des Mutes ruhte noch in ihm, das sah und spürte die Prinzessin beruhigt. Auch wenn es sich lediglich verblasst preisgab. Niemand anderes war rein und vertrauenswürdig genug, eine solche Macht zu tragen. In dem Moment atmete Link scharf durch seine Zähne, sendete ein Pfeifen aus und begann einmal mehr, so wie jede Nacht zu zittern. „Link…“, sagte Zelda energisch. Aber er wachte nicht auf, durchlebte wieder seine Alpträume, durchlebte einen Fluch, gigantischen Schatten der Nacht, folternd, quälend.

„Was hat man dir nur angetan…“, setzte sie schwach hinzu. Suchend blickten ihre durchdringenden blauen Augen umher, auf der Suche nach etwas Wärmenden. Hastig klappte sie eine Truhe auf, aber fand nur alten Gerümpel darin. Keine Decke. Kein Kissen. Hatte Link so etwas nicht? Sie schnipste unelegant, gar nicht wie eine Prinzessin, mit den Fingern und hatte eine vortreffliche Idee. Sie entkleidete sich vorsichtig von ihrem schweren, weißlich glänzenden Umhang und deckte den kränkelnden Link damit zu.

Entgegen ihres Willens streichelte Zelda dann durch seine goldblonden Haarsträhnen. Ruckartig griff Link nach ihrer warmen Hand, öffnete blinzelnd die im Kerzenschein flimmernden, dunkelblauen Augen, sah Zelda genau an, träumerisch, vielleicht sogar dankbar. Jene eine Sekunde seines Blickes schien ewig zu währen. Die Prinzessin war sich nicht sicher, aber sie sah Gefühle in seinem Blick, nur kurz, aber doch standhaft. Noch nie hatte er so intensiv, so anspruchsvoll in ihre sanften Augen gesehen.

Er stöhnte auf, bevor sein in Schweiß getränkter Kopf lasch zur Seite sank. Erneut war Link bewusstlos. Kalter Schweiß. Fieber. Husten. Was hatte er sich nur zugezogen? Es konnte keine Erkältung sein. Es konnte keine Grippe sein und auch keine andere Krankheit…

 

In dem Moment hörte Zelda anderes, klapperndes Stiefelgeräusch. Jemand kletterte die Leiter hinauf und überquerte dann den kleinen Balkon. Das Geräusch wurde unterbrochen und die olivgrünen Vorhänge von zwei kleinen Kinderhänden zur Seite geschoben. Ein koboldartiges  Mädchen mit graublauen Augen und grünem Haar trat herein.

„Hallo, Prinzessin.“, sagte eine glockenhelle Stimme.

„Saria.“ Aufgeregt hüpfte Zelda, gekleidet in einer einfachen Miederbluse und einem langen Rock, auf ihre Beine. Das geflochtene kupfernschimmernde Haar wirbelte in der Luft, als Zelda hastend zu Saria lief. „Ich brauche sofort deine Hilfe. Nein, anders, Link benötigt unsere Hilfe.“ Und Zelda zeigte mit ausgestrecktem Arm zu dem bewusstlosen Hylianer in dem Bettchen. Saria legte sich vor Schreck ihre Hände über den kindlichen rosa Mund und stürzte aufgebracht näher. „Link!“, rief sie. „Was ist mit ihm?“ Mit eleganten, ruhigen Schritten trat Zelda neben die kleine Kokiri, die an der Bettkante hing.

„Darauf weiß ich keine Antwort…“, sagte Zelda schwach und setzte sich zu Link auf das Bettchen. „Ich hatte gehofft, wir könnten gemeinsam eine Antwort finden.“, fuhr die Prinzessin fort. Hilflos sah Saria der königlichen Hoheit ins Antlitz und Wasser tropfte von ihren graublauen Augen. „Sein Zustand kam plötzlich. Vor wenigen Tagen noch besuchte er mich in dem Schloss meiner Familie.“ Sarias Mundwinkel zogen sich traurig nach unten. 

„Er ging, mit der Absicht nicht mehr wiederzukehren, und doch ist er geblieben…“, flüsterte Zelda angestrengt, bemüht ihre Fassung zu bewahren.

„Was ist jetzt zu tun?“, sagte Saria, denn sie hatte noch nie einen Kranken geheilt oder eine Wunde verbunden. Das war in den Wäldern der Kokiri nie nötig. Eine Schramme da, ein blutiges Knie hier. Aber Verbände hatte man deshalb nie angelegt.

„Der kalte Schweiß frisst ihn auf. Wir müssen ihn irgendwie wärmen. Ich brauche heißes Wasser.“ Zelda sah ideenreich auf. „Hat Link irgendwo noch eine grüne Tunika?“

„Gewiss lässt sich noch irgendwo eine in seiner Größe finden oder zurecht machen.“, meinte Saria.

Zuversichtlich stand Zelda auf und richtete ihr Haupt gen Sonnenuntergang.

„Dann bring’ mir diese und eine Schüssel mit heißem Wasser. Das wird eine lange Nacht.“ Saria fand den Mut für ein Lächeln auf dem Gesicht und eilte schnell wie der Blitz aus dem Häuschen.

 

Auch Zelda rannte aus dem Häuschen und wühlte in den Satteltaschen Silberregens herum. Sie fand einen Gegenstand, der mit blauen Tüchern umwickelt war, ein langhalsiges kristallenes Fläschchen mit silbriger Flüssigkeit, eine Schatulle mit einer Salbe und die versiegelte Rolle für den Helden der Zeit.

Es musste Vorsehung gewesen sein, die sie diese wertvollen Dinge mitnehmen ließ…

 

Es dauerte nicht lange und die beiden Weisen standen wieder in dem Häuschen neben dem besinnungslosen jungen Hylianer, der noch nie die Hilfe anderer in Anspruch genommen hatte. Saria stand hilflos im Raum und sah nur zu.

 

Die anmutige Prinzessin der Hylianer allerdings saß an der Bettkante und begann zunächst damit den jungen Helden von den durchgeschwitzten Klamotten zu befreien. Ohne Schamgefühle oder verlegenes Rot unter den Augen öffnete sie die kupferne Gürtelschnalle, löste die wenigen Schnüre an dem Kragen der nussbraunen, mit Flicken übersäten Tunika und zog dem ahnungslosen Blondschopf die Kleidung vom Leib.

„Was tut Ihr denn da?“, meinte Saria halb entgeistert. Denn sie hatte noch nie einen jungen Mann, und Link war um einige Jahre reifer als Mido oder ein anderer Junge hier in den Wäldern, halb nackt gesehen. Zelda musterte die verlegene Saria mit einem obskuren Schmunzeln und begann Links schweißnasses Hemd aufzuknöpfen.

„Keine Angst, Saria. Ich lass’ schon alles dran.“, erwiderte Zelda eifernd, wollte die beklemmende Stimmung ein wenig verscheuchen. Mit einem Ruck zog sie dem armen, ohnmächtigen Kerl das Hemd über den Kopf. Aber selbst dadurch war Link nicht aufzuwecken. Ein Grund mehr für Zelda sich zu beeilen. Hastig riss sie Link die Stiefel von den kalten Füßen. Zum Teufel, dachte sie, warum hatte er denn nicht einmal ein paar Strümpfe an?

 

Der schwierige Teil der Arbeit war geschafft, dachte sie, und holte die heiße Schüssel Wasser heran. Sie befeuchtete ein dickes Wolltuch mit dem heißen, klaren Wasser und begann Link sachte den Schweiß von seinem Gesicht zu waschen.

Es stimmte sicherlich, diese Arbeit gehörte nicht zu den Aufgaben einer Prinzessin. Niemand, nicht Impa und auch nicht ihr Vater würden es gutheißen, wenn sie hier Heilerin spielte und damit Arbeit verrichtete. Arbeit. Niemals musste Zelda sich an irgendetwas die Finger schmutzig machen, obwohl sie eigentlich an ein bisschen Arbeit Freude hatte. Regelrechten Spaß hatte sie daran, sich einmal so richtig die Finger schmutzig zumachen, zum Beispiel beim Kuchenbacken oder dem Abwaschen. Letzte Woche, und es gab mehrere solche vortrefflichen Ausnahmen, da hatte Zelda heimlich der Küchenmagd Isa geholfen, das Geschirr abzuwaschen…

Nebenbei war Link ein Freund für sie, wenn nicht gar ihr wichtigster. Für ihn würde Zelda sicherlich noch mehr tun, als einfach nur eine niedere Arbeit verrichten…

 

Liebevoll ließ Zelda das warme Tuch an seinen Hals gleiten, wischte einige Male über seine Haut, bis sie das Tuch in die Schüssel zurücksinken ließ und kräftig ausrang. Dann wusch sie langsam seine Brust und seinen Bauch. Wieder ein Schritt geschafft, dachte sie.

„Saria. Reich’ mir bitte die Schatulle.“ Saria nahm das Döschen zittrig in ihre kleinen Hände und übergab es der Prinzessin. Seltsame Ruhe ging von Zelda aus. Ruhe und Wissen, was es zutun galt. Wie machte sie das, fragte sich Saria. Schon immer bewunderte das Kokirimädchen jene Prinzessin des Schicksals, nicht nur, weil sie außerhalb der Wälder leben durfte, oder weil sie so wunderschön war. Saria beneidete nicht ihren Reichtum oder die vielen Menschen, welche zu ihr aufsahen. Nein, der Punkt, warum Saria sich die Prinzessin als Vorbild nahm, war wohl schon immer das Gefühl, dass Link mehr für sie empfand als für seine einstige Freundin aus den Wäldern. War es Eifersucht? Wohl eher nicht, da Saria niemals die Gefühle einer Frau empfinden würde. Es schien eher Neid zu sein und Bewunderung, aber kein Hassgefühl.

 

„Was ist da drin?“

„Eine Salbe aus Anis-, Eukalyptus- und Thymianöl. Es wird ihm das Atmen erleichtern.“, sagte Zelda selbstbewusst und rieb seine mit Narben übersehene Brust mit dem wohlriechendem Material ein. Als das getan war, drehte sich Zelda zu dem koboldartigen Mädchen um. „Jetzt müssen wir lediglich abwarten.“, sagte sie gedämpft und schaute tiefgründig in das blasse Gesicht des Helden, den niemand kannte. Je länger sie aber in sein Gesicht blickte, mit ihren Augen markanten und einzigartigen Zügen folgte, umso mehr besann sie sich auf die abweisenden Worte aus seinem Mund. Fürsorglich legte Zelda den wärmenden Mantel als Decke auf ihn, achtete darauf, dass er ihn ganz einhüllte und stand dann auf. „Jetzt, wo ich getan habe, was ich konnte, ist es besser ich gehe wieder…“, flüsterte Zelda leise und verriet das erste Mal Schwäche vor den graublauen Augen Sarias.

„Warum denn? Solltet Ihr nicht bleiben, bis er erwacht?“ 

„Er wünscht sich meine Anwesenheit nicht. Deshalb…“

 

Gerade nahm Zelda das kleine Fläschchen in ihre zarten Hände und wollte Saria beauftragen, jenes Link zu übergeben, falls er aus seinem Schlaf erwacht, als Link einen überraschenden Seufzer von sich gab. Beinahe hätte sie die wertvolle Substanz fallengelassen. Sie startete einen weiteren Versuch, kniete vor dem halbwüchsigen Mädchen nieder und drückte ihr das Gefäß in die Kinderhände. „Saria, hör gut zu.“ Zeldas sichere, blaue Augen festigten die Worte, die sie gerade sagen wollte. „In diesem Gefäß befindet sich ein sehr starkes Heilmittel. Ein Tropfen reicht aus, um ein ganzes Heer wieder auf die Beine zubringen. Sollte Link jemals wieder einen Anfall, einen Zusammenbruch erleiden, dann soll er davon einen winzigen Tropfen einnehmen. Es wird ihn im Nu wieder…“ Saria schüttelte plötzlich mit dem Kopf und sagte trotzig: „Ihr könnt jetzt nicht gehen.“ Verwirrt sah Zelda das Mädchen an.

„Aber wieso denn nicht?“ Und Saria deutete mit einem ausgestreckten Arm zu dem erschöpfen Körper Links.

„Saria, ich habe meine Verpflichtungen und Link braucht jetzt alles andere als meine Gesellschaft.“, sagte Zelda verständlich, mit ein bisschen Nachdruck. Doch Saria schüttelte schmollend mit dem Kopf. „Saria!“, sagte Zelda lauter. Jetzt brachte die Weise des Waldes Zelda aus irgendeinem Grund in Rasche.

„Wir Kokiris brauchen Schlaf. Ich kann nicht die Nacht auf Link achten.“, meinte Saria bedauernd. „Wir sind nicht so wie ihr Hylianer, Prinzessin. Unser Kreislauf und Lebensrhythmus unterliegen anderen Gesetzen als Euren. Wie ruhen zu festen Zeitpunkten und wachen zu festen Zeitpunkten.“ Aber eigentlich war dies kein wirklicher Grund, das wusste die Prinzessin. Saria hatte etwas äußerst Tückisches in ihrem Blick. Es war nicht die Lebensgewohnheit der Kokiri, die sie band, nein, vielmehr wollte sie unbedingt, dass die Prinzessin über ihren Freund Link wachte.

„Versteht doch, Prinzessin. Ich kenne mich in der Heilkunst nicht aus. Wenn Link jetzt jemanden braucht, dann seid Ihr das.“ Ihre Augen verleiernd und dann mit trübsinnigem, verzweifelten Ausdruck in dem wunderschönen Gesicht zu Link blickend, nahm Zelda die kristallene Flasche wieder an sich.

„Wie du meinst. Ich bleibe…“, flüsterte Zelda und schloss anmutig die Augen, während sie ihr Haupt zur Seite wand und eine Hand auf ihr Herz legte. Sie hatte sich schneller überzeugen lassen, als es normal war. Wie konnte man auch einen so attraktiven, jungen Mann nicht pflegen wollen, dachte Zelda kurz. Räuspernd besann sie sich wieder auf ihre Manieren.

 

„Hast du weitere Decken für mich? Ich denke, der Umhang reicht nicht aus…“, setzte Zelda hinzu, um von ihrem Trübsinn, der stillen Verzweiflung, Link könnte es gar nicht gefallen, dass sie bei ihm blieb, abzulenken.

„Natürlich.“, sagte Saria erfreut, grinste hinterhältig und fand es ausgesprochen toll, dass die Prinzessin Hyrules sich hier in Kokiri aufhielt.

Wenige Minuten später brachte sie einen Stapel Decken, sowie Kissen, verschwand und ließ die Prinzessin Hyrules alleine mit ihren einstigen, so tapferen Helden.

 

Einige Stunden verstrichen. Noch immer stand ein heller Mond am Himmel, der seinen kühlen Schein durch das kleine Fensterchen in Links Häuschen schickte. In Kokiri war es unheimlich ruhig, denn alle Kinder des Waldes schliefen, träumten vom Glücklichsein und von den zauberhaften Spielen in den magischen, unsterblichen Wäldern.

Zeldas saß mit einer Decke um ihre Schultern auf einem kleinen Holzstuhl, las ein altes, Geheimnisse über Hyrule erzählendes Büchlein, während die kleinen Kerzen in dem Baumhaus herabbrannten. Immer wieder warf sie einen Blick hinüber zu der ruhenden Form des blonden Hylianers und so machte sie sich mehr Sorgen um ihn, als den Inhalt des Buches zu verstehen. Mit einem lauten Klack klappte sie das Buch zu und rieb sich den zunehmenden Schlafsand aus den Augen. In dem Augenblick hörte sie durchdringendes Murmeln aus Links Mund, wenn es auch unverständlich blieb. Hoffend erhaschte sie einen prüfenden Blick, wünschte sich, er würde seine tiefblauen, unwiderstehlichen Augen öffnen, sie anlächeln, so wie er es irgendwann einmal vor seiner Abreise nach Termina getan hatte. Eine kleine Träne tropfte über Zeldas schwachrosa Wange, als sie jenen Tag erinnerte. Der Tag, der alles änderte. Der Tag, der alles zerstörte…

 

Die junge, zwölfjährige Prinzessin stand mit dem Rücken zu ihm gewandt, unterdrückte ihre Gefühle, versuchte nicht den Eindruck zu erwecken, ihn mit den Worten ,Bitte bleib’ an sich zubinden. Sie dämpfte ihre Gefühle mithilfe des Fragmentes, dämpfte ihre Angst um ihn. Denn sie wusste, der junge Held der Zeit würde gebraucht werden, nicht nur in Hyrule, sondern auch in anderen Ländereien. Langsam drehte sie sich um, spielte kindisch mit dem Stoff ihres Kleides und suchte nach Worten des Abschieds, die ihr nicht das sieben Jahre ältere Herz herausreißen würden.

„Sei vorsichtig auf deinen Wegen, Link…“, sagte sie leise und blickte dann in ein lächelndes Gesicht, wo tapfere, so entschlossene Augen sie anstrahlten. Sofort hatte sie sich in jene Augen verliebt, ohne es sich eingestehen zu können. Schon bei ihrer ersten Begegnung mit jenem Jungen waren es diese Augen, die sich in ihr Gedächtnis himmlisch eingebrannt hatten. Es war nicht nur Furchtlosigkeit, die aus diesen Augen quoll, nicht nur unbeschreiblicher Mut, auch Sehnsucht und Suche nach Zuneigung, die jene Augen so besonders machten. 

Er nickte, grinste sie an, als ob etwas an ihrem Erscheinungsbild total lustig war, als ob ihr Hörner gewachsen wären.

„Was ist, Link?“, sagte sie leise, nachdem sie ihm die Okarina der Zeit erneut überreichte  und blickte mit Tränen in den Augen zu Boden. Er kratzte sich verspielt an dem Haaransatz, welches unter seiner grünen Mütze hervorstach. „Äh… also… ich wollte fragen… Bekomme ich denn gar keinen Abschiedskuss?“, brachte er dann rotwerdend hervor. Lachend blickte Zelda auf, ließ ihren Tränen nun vollen Lauf und hüpfte mit ihrem rosa Kleidchen in seine Arme.

„Mach’ dir keine Sorgen, ich bin bald wieder zurück.“ Seine warmen Kinderhände wanderten über ihren Rücken und zogen sie ein Stückchen näher an sich, vielleicht, weil es nicht der zwölfjährige Junge war, der Lebewohl sagte, sondern der Held der Zeit…

„Ich weiß, sei’ trotzdem vorsichtig“, hauchte sie an sein spitzes Ohr.

„Mich haut keiner so schnell aus den Pantoffeln. Das weißt du doch…“, sagte er und löste sich verlegen, mit roten Ohren aus ihrer Umarmung.

„Also dann.“, sagte Link und wollte gerade schwungvoll in den Sattel auf Epona gleiten, als Zelda ihn an seiner Hand zurückhielt. „Du hast ja deinen Kuss noch nicht bekommen.“, sagte sie lächelnd und gab ihn ein schmatzendes Küsschen auf seine linke Wange.

Zappelig stieg Link nun auf, wäre angesichts des Kusses beinahe vom Pferd gefallen, rückte seinen typischen Hut zurecht und lächelte Zelda an.

„Bis bald, Zelda.“, meinte er.

„Bis irgendwann, mein Held und…“ Link drehte sich kurz um, als er mit Epona von dannen trabte. Sein Lächeln würde vielleicht das letzte sein, das Zelda jemals sah. „… ich hab’ dich lieb, mein Held…“, rief sie ihm nach. Erneut das kleine Sätzchen, welches Link nicht erinnern wollte. Ein kleiner unbedeutender, kindlicher Satz, der für Zelda eine große Bedeutung hatte…

 

Wenn sie jenen Tag nur rückgängig machen könnte. Oh, bei den Göttinnen, sie würde es tun. Wenn sie nur die Macht der Zeit für einen solchen Frevel einsetzen könnte. Sie würde ihrer Verantwortung entsagen, für die Rettung ihres wertvollsten Freundes…

 

Andächtig, die alte Zeit erinnernd, ließ sich Zelda auf die Bettkante der kleinen Holzliege sinken, spürte den Wunsch dem Helden der Zeit sein Leiden abzunehmen, wünschte sich, sie wäre zu jenem Zeitpunkt seiner Abreise selbstsüchtiger gewesen. Oh, sie würde ihn mit allen Mitteln daran hindern, abzureisen… Was immer auch geschehen war, es hatte ihn in dieses tiefe Loch gestürzt, aus dem er nicht alleine herausfand.

 

Zelda führte gerade eine warme Hand zu seinem Gesicht, als er begann zu zucken. Er zwinkerte, wollte aufwachen, wollte kämpfen, so wie immer und doch hielt ihn die Hand des Schlafes davon ab. Er stöhnte leise auf, begann zu murmeln, bis Zelda sich näher beugte, um seine Worte zu verstehen. Sein heiseres Hauchen wurde verständlicher, bis die blonde Hylianerin die Fetzen aus seinem Mund deutlich vernehmen konnte.

„Zelda…“, murmelte Link leise. Es war ihr Name, der von seinen Lippen erklang, obwohl er nicht wusste, dass sie neben ihm wachte, obwohl er nicht bei Bewusstsein war.

„…Zelda…“ Erneut kam jenes Wort stockend aus seiner Kehle und die hübsche Thronfolgerin begriff nur schwerlich, dass es in seinem Herzen immer noch einen Platz für sie gab, einen behüteten Platz, der sich aber nicht so einfach finden ließ, nicht einmal von Link selbst.

 

Vorsichtig legte sie eine Hand auf seine Stirn, beruhigt, dass das Fieber schwand und sprach einfühlsam: „Link… hörst du mich?“ Aber er phantasierte nur und befand sich keineswegs an der Grenze des Traumreiches. Zelda seufzte enttäuscht auf und blies einen Luftstrom an den Ansatz ihres Haares. Sie hatte schon geglaubt, er würde aufwachen…

Händeringend und ungeduldig lief Zelda daraufhin im Raum auf und ab, grübelte nach, was sie jetzt tun müsste, was sie tun könnte. Gähnend streckte sie ihre Arme in die Höhe, sich eingestehend, auch eine Mütze Schlaf nötig zu haben. Ein zweifelnder Gedanke kam in ihre auf, das Häuschen zu verlassen und Saria zu bitten, ihr einen Schlafplatz anzubieten. Aber dann…

Erneut besah sie Links ansehnliches Gesicht im Kerzenschein, erinnerte sich an so viele Geschehnisse aus der alternativen Zukunft und schnell war klar, sie würde ihn jetzt auf keinen Fall alleine lassen. Sie nahm sich selbst eine Decke, umschlang sich damit und hockte sich auf dem Boden vor dem Bettchen zusammen. Die Prinzessin Hyrules schlief, während Link ab und an ihren Namen säuselte…

 

Es war Abend des nächsten Tages. Zelda hatte sich die gesamte Zeit über mit den unterschiedlichsten und komischsten Kindern des Waldes unterhalten, die ihr jemals begegnet waren. Einer hatte Zelda munter aufgetischt, wie gerne er Haferbreis aß, ein anderer Knirps wollte unbedingt mit der hübschen jungen Lady Fangen spielen und ein anderes Mädchen zeigte ihr, wie man hier in Kokiri aß. Nämlich mit einem großen Holzlöffel, der jedoch selbstgeschnitzt für die hungrigen Kindermünder viel zu groß schien. Mit dem Vergehen von Stunden hatte sich die stolze Thronfolgerin doch tatsächlich überreden lassen, den Kokiri ein Märchen aus dem großen Buch des Dekubaumes vorzulesen, worauf einige still eingeschlafen waren. Allem Anschein nach hatten die Kokiri sie lieb gewonnen und so hüpfte ein kleiner Knabe von winziger Gestalt, in hylianischen Rechnungen vielleicht sechs Jahre alt, ihr auf Schritt und Tritt hinterher. Es war gerade eben der winzige Kobold, den Zelda bei ihrer Ankunft angedroht hatte, ja nicht ohne Saria aus den Verlorenen Wäldern zurückzukehren, der ihr folgte. Eine rote Stupsnase mit rotblonden, gelockten Haaren und der grünen Latzhose.

„Was möchtest du, Archilas?“ Ein sehr typischer Name bei den Kokiri.

„Bleibt Ihr für immer?“, sagte der kleine Wicht. Daraufhin lächelte Zelda sanft und erwiderte leise: „Ich fürchte nicht. Hier ist doch kein Platz für Hylianer.“ Daraufhin schluchzte das Kerlchen laut auf und begann zu weinen. Verschreckt stolperte Zelda rückwärts und fixierte den Knirps mit entschuldigendem Blick. „Ähm… aber jetzt bin ich doch noch da.“, meinte sie aufheiternd. „Nicht weinen, Archilas.“ Und er nickte mit dem Köpfchen auf und ab.

„Aber jetzt solltest du zu dem Dekubaum gehen. Er liest bestimmt auch noch eine Geschichte vor.“ Mit großen Augen hüpfte der Kleine weiter und Zelda atmete erleichtert aus. Wie um alles in Hyrule hatte Link es hier unter den ganzen kleinen Kindern nur ausgehalten?

 

Gemächlich kletterte Zelda die kleine Leiter zu Links Häuschen herauf und erinnerte sich genau an ihr Gespräch mit dem Dekubaum. Sie hatte ihm von Links Zustand berichtet, da jener weiser Baum nicht fühlen konnte, wie es dem Helden der Zeit ging, wohl aber tiefe Gefühle für ihn hegte. Ferner hatte sie ihm von ihrem Verdacht erzählt, Links merkwürdiger Zustand könnte etwas mit seiner Abreise und der lange überfälligen Rückkehr zu tun haben. Stundenlang hatte sie mit dem Dekubaum beraten, was jetzt zu tun sei und war mit ihm zu dem Schluss gekommen, dass Link nur durch Stärkung seines Willens, seiner Fähigkeiten und durch Training des Fragmentes in seiner Hand in der Lage wäre, den Ereignissen auf den Grund zugehen. Er könnte so die Ursache für den Kummer finden, die seinen Körper und seiner Seele unerträglich zusetzte. Und Zelda würde ihm helfen das Fragment in seinem Besitz endlich zu kontrollieren, denn er konnte es bis jetzt nicht.

Auch war der alte, weise Dekubaum überrascht, dass Zelda dem jungen Link eine Anmeldungsschrift für die Ritterschule mitgebracht hatte. Überrascht und doch erfreut. Saria hatte daraufhin sofort die alte Babydecke herausgekramt, mit welcher Links Mutter ihren Sohn vor vierzehn Jahren mühsam und unter Aufbietung aller Kräfte hierher brachte. Eine Babydecke, die das Abzeichen einer alten Ritterfamilie Hyrules trug…

 

Zufrieden zog Zelda die olivgrünen Vorhänge zur Seite und wagte einen Blick in das dunkle Räumchen. Sie entzündete ein Streichholz und brachte Kerzenschein in den Innenraum. Als sie sich dann zu Link wand, stellte sie überrascht fest, dass seine unbeschreiblich anziehenden  Augen geöffnet waren. Ziellos starrte er an die hölzerne, mit Hunderten Lebensringen versehene Decke.

„Link?“ Ein lauter Ton entkam Zeldas Kehle, so dankbar, dass er wieder bei vollem Bewusstsein war. Ein erfreuliches Lächeln spielte um ihre Mundwinkel als sie schnellen Schrittes näher trat und dem schwächlichen Helden am liebsten um den Hals gefallen wäre. Aber er wich zurück, was Zelda unmissverständlich klarmachte, dass er eine solche herzliche Geste nicht wollte. Stattdessen erklang Abweisung aus seinen tonlosen Worten: „Was machst du hier?“ Und immer noch starrte er lieblos an die Deckenwand, schaffte es einfach nicht der Prinzessin in die Augen zu sehen. Er schämte sich schon fast für seinen Zusammenbruch, schämte sich für die Schwäche des Helden der Zeit, die sie miterlebt hatte. Er durfte nicht schwach sein, redete er sich ein, er durfte vor niemanden Schwäche zeigen, erst Recht nicht vor der Prinzessin Hyrules.

„Ich habe dich gepflegt, Link.“, sagte sie sanft und setzte sich zu seinem Unbehagen neben ihm auf die Bettdecke. Sie zwang ihn fast dazu, in ihre blauen Augen zu sehen. Aber er neigte seinen Kopf gen Fenster und hielt sich tiefeinatmend die Hände auf seine Brust. Überall fühlte er einen dumpfen, seltsamen Schmerz, den er nicht verstand, für den es eigentlich keine Ursache gab.

„Wunderst du dich denn gar nicht, wie du hierher gelangen konntest.“, sagte Zelda leise.

„Mich wundert nichts mehr…“, entgegnete er und richtete sich sachte auf. Mit leichter Verzweiflung wand sich Zelda ab, verkrampfte sich schon wieder angesichts dieser unglaublichen Sturheit und seinem übertriebenen Stolz Hilfe anzunehmen. Sie ballte ihre Hände zu Fäusten und versuchte nicht aus der Haut zu fahren. Es machte sie wütend, dass Link so kalt ihr gegenüber war. Es machte sie fuchsteufelswild und verletzte sie ungemein.

„Du hast eine lange Nacht hinter dir und den gesamten Tag ebenfalls geschlafen.“, fing Zelda an, wollte mit ihm ins Gespräch kommen, aber das schien eine unüberwindbare Hürde zu sein, denn Link, wie so oft, schwieg und blickte aus dem Fenster.

„Ich habe hier etwas für dich.“, setzte die Prinzessin fort und hielt ihm eine Schatulle mit der wohlriechenden Salbe unter die Nase. „Es hat die Schmerzen ein wenig gelindert, hoffe ich. Behalte diese Salbe ruhig. Sie hilft auch bei ganz gewöhnlichen Erkältungen. Und…“ Doch erstmalig unterbrach Link sie.

„Lass das… ich will deine Hilfe nicht. Bitte, Zelda, ich ertrage es nicht…“, flüsterte er, sichtlich mit den Worten ringend. Diese Worte stießen Zelda jedoch irgendwie einen scharfen Dolch ins Herz. Sie drehte sich um, fühlte eine Träne über ihre Wange tropfen und begriff langsam, was sie nie verstehen wollte. Link brauchte sie einfach nicht. Er hatte in seinem Leben genug wegen ihr durchmachen müssen. Könnten seine Worte ein Lebewohl im Sinn haben?

 

Weinend drehte sie ihr stolzes Haupt in seine Richtung, begann zu fühlen, wie ihr Triforcefragment pulsierte. Es loderte in ihrer Hand wie Feuer.

„Was glaubst du, tue ich hier? Wie kommst du dazu, mir zu sagen, dass du meine Anwesenheit nicht erträgst.“, fauchte sie und spürte wie ihre Macht wuchs und wuchs, am Rande einer nahen Entladung. „Nach allem, was wir zusammen erlebt haben. Nach all’ den Kämpfen, unserer gemeinsamen Zeit. Wie konntest du das alles nur vergessen? Bin ich dir so wenig wert? Du bist nicht Link! Du bist ein herzloses Monster geworden!“ Sie stoppte sich selbst, als dieses Wort über ihre Lippen kam, wünschte sich, sie hätte es nicht gesagt…

Link schloss zittrig seine Augen, zog seine Mundwinkel nach oben und sagte selbstrichtend: „Endlich erkennt es jemand. Ich bin ein Monster…“ Dann lachte er plötzlich und vergrub entgegen seines Willens die linke Faust in dem Holz der Wand. „Ein Monster… ganz genau…“, seufzte er schwer und lachte immer noch mit seiner heiseren Stimme.

„Ein verdammtes Monster!“, rief er hinaus aus dem Fensterchen, sodass einige Kokiri seine wahnsinnigen Worte hörten. „Ich bin ein Monster. Die Welt hat ein Monster aus mir gemacht. Kommt und seht das Monster!“, brüllte er, zuckte zusammen, fühlte die Qualen erneut und wurde plötzlich wieder ganz leise. „Ein Monster…“, wimmerte er.

 

Noch nie hatte Zelda jene starke Kämpferstimme so wimmern gehört. Sie hatte noch nie diesen Schmerz aus seinen Worten gehört und die vielen Wunden, die daran geknüpft waren. Mit einem lauten Schluchzen hetzte Zelda zu ihm hinüber, drückte seinen Kopf gegen ihr Brust, ohne Gegenwehr. Link kämpfe nicht gegen sie an, aber er zeigte auch nicht den Mut zur Annäherung. Halb ignorierend ließ der junge Held der Zeit die Umarmung über sich ergehen, gefangen zwischen zwei Stühlen, zu erwidern oder es bleiben zu lassen. Wie immer entschied er sich für die letzte, kühle Alternative… 

 

Einige Sekunden verstrichen und Zelda ließ nicht von ihm ab. Stumme Tränen fielen von ihren Augen und doch wuchs in ihr Zorn auf denjenigen, der Link in diese schwache Situation gebracht hatte, ihm genommen hatte, was ihn einst auszeichnete: Mut, Stolz und Stärke. Unglaublichen Groll hegte sie gegen jene, die den Helden der Zeit kennen mussten, die ihn irgendwie in seinen Teufelskreis getrieben hatten.

 

Sanft sprach sie: „Ich werde herausfinden, was mit dir geschehen ist.“ Doch Link schüttelte angestrengt den Kopf. „Nein, lass’ es. Ich…“

„Du willst es alleine herausfinden?“ Er sagte nichts dazu und wich endlich aus ihrer beschützenden Umarmung zurück, fühlte sich so kraftlos und verletzlich und das gegenüber der Prinzessin…

Er lehnte sich zurück, spürte einige Kissen in seinem Rücken und versuchte sich zu entspannen.

„Erzähl’ mir bitte, was in den letzten Wochen geschehen ist…“, sagte Zelda sanft, während sie hinüber zu dem kleinen Tischchen lief und einen Krug mit Wasser anstrebte.

„Das ist eine lange Geschichte…“

„Dann solltest du besser gleich anfangen.“, sagte sie stur. Sie würde ihn nicht alleine lassen, auch gegen seinen Willen und sie würde, bei den drei Göttinnen, ihm alles aus der Nase ziehen, was sie wissen müsste.

 

Link nahm einen tiefen Atemzug und starrte gedankenlos ins Nichts. Noch immer hatte er Zelda nicht einen einzigen Blick schenken können.

„Es war vor einem halben Jahr…“ Und er begann mit seiner merkwürdigen Geschichte, wusste doch, dass Zelda ihm nicht glauben konnte. Aber war es vielleicht nur seine verfluchte Eitelkeit, sein unverbesserlicher Stolz, der ihm einredete, dass sie nicht verstehen würde?

Fürsorglich reichte die Prinzessin Hyrules dem Fünfzehnjährigen eine Tontasse mit Wasser, die er annahm, aber darauf achtete, dass seine Fingerspitzen ihre unter keinen Umständen berührten.

„Damals spürte ich eine Gefahr im Nordwesten, hinter den Landesgrenzen Hyrules…“

„Du hast dich auf den Weg gemacht?“

Er nickte schwerfällig den Kopf und fuhr leise fort: „Ich habe Epona zur Farm zurückgebracht, weil ich sie nicht in Gefahr bringen wollte…“ Der ewige, besorgte Beschützer kam in diesem Augenblick zum Vorschein, die wunderbare Eigenschaft eines einzigartigen Helden, der vom rechten Weg abgekommen war.

„Warum hast du mich nicht besucht und mit mir darüber gesprochen? Ich habe jeden Tag darauf gewartet, dass du durch das Schlosstor reitest, dass du berichtet, was du erlebt hast, wie es dir ergangen ist. Ich habe die gesamte Zeit auf dich gewartet“, sagte Zelda trübsinnig und neigte ihr Haupt in Richtung der kleinen Tür. Link schwieg dazu, stellte die braune Tontasse auf den Nachttischschrank und begann wie ein Kind mit seinen Kämpferhänden zu spielen.

„Ich weiß noch, dass ich einer Spur nachgegangen bin und dann… dann ist da nichts mehr. Das nächste, was ich erinnere, ist, dass ich in der Steppe Hyrules unter einem Baum aufgewacht bin und ab da…“ Er wurde mit seinen Worten immer leiser. „Ab da…“

„Haben deine seltsamen Anfälle angefangen?“, sagte Zelda standhaft und verständnisvoll. Link nickte bloß, fühlte sich so gebrandmarkt und betreten, seinen Kummer bei Zelda abzuladen. Aber seine Sorgen waren alles andere als eine Last für sie. Sie rutschte näher, sodass Link einige ihrer blonden, langen Strähnen in seinem Gesicht spüren konnte. Liebevoll streichelte sie über seine blassen Wangen, versuchte endlich einen Blick aus seinen tiefblauen Augen zugewinnen.

„Was muss ich noch tun, dass du mich endlich ansiehst?“, sagte sie unduldsam. Link atmete tief aus und ließ sich langsam wieder niedersinken. Er antwortete nicht, fühlte sich, als ob ohnehin alles sinnlos wäre, was er sagte.  

„Erzähl’ weiter…“, sagte Zelda und konnte nicht anders als dem verlegenen, befangenen Hylianer einen Kuss auf die schweißnasse Stirn zugeben. Selbst diese Geste war ihm unangenehm. Er schloss angestrengt die Augen, aus Furcht er könnte trotzdem in ihre Augen sehen, erst Recht, da Zelda so handelte. Aus irgendeinem Grund hatte Link regelrechte Angst, in ihre Augen zusehen. Er verstand nicht wieso, aber sicherlich hatte es etwas mit dem Ereignis zu tun, was seine Seele spaltete und seinen Körper mitnahm…

„Ich bin wochenlang durch Hyrule gegeistert… bis ich dich besuchte… und diese ganzen Schicksalsproben von damals haben mich irgendwie nicht losgelassen.“ Zelda deckte ihn liebevoll zu. „Der Verlust deiner Eltern. Die Kämpfe gegen Ganondorf. Das Alleinsein…“

„Ja…“, murmelte er schwach, blinzelte mit seinen dunkelblauen Augen ein wenig, aber schaute zu Boden.

„Jetzt hör’ mir zu, Link. Niemand und erst Recht nicht der Held Hyrules muss sich für einen Schicksalsschlag, für Kummer, Niedergeschlagenheit und andere Lebensproben schämen. Du hast das Recht so lange traurig zu sein, wie du willst. Du musst verarbeiten und ich bin zuversichtlich, dass du dich dann auch erinnern wirst. Hab’ ein wenig Mut, mein Held.“, sagte sie mit starker, fester Stimme. Es tat ihm gut, Zelda so reden zu hören. Irgendwie beruhigte es…

 

„Und was ist auf der Farm geschehen? Die Ritter des ganzen Landes haben nach dir gesucht.“

„Ich bin jetzt ein Entführer für alle anderen, obwohl ich… für dieses Land meinen Hals riskiert habe. Mehr als nur einmal… Und jetzt soll’ ich eine Farmertochter entführt haben…“, murmelte er und blickte das erste Mal zu der Decke auf seinen Körper. Nanu? Das war ja Zeldas Umhang. Lange hatte er gebraucht, um das wahrzunehmen. Ihr Umhang wärmte ihn. Himmel, Zeldas Umhang…

Die anmutige Prinzessin Hyrules lächelte sanft. Der Ausdruck in ihren Augen war erfüllt von Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit und unbeschreiblicher Zuversicht.

„Wir beide wissen, dass du niemals, noch nicht einmal daran denken könntest, jemanden zu schaden. Wir wissen beide, dass du niemanden entführt hast.“ Und beinahe hätte er dankbar, fast erleichtert, dass Zelda ihm glaubte, in ihre Augen gesehen. Beinahe, aber ihm fehlte der Mut dazu, vielleicht war es eine Art Selbstschutz gegen jene Augen eines Freundes. 

„Daher hat mein Vater die Anklagepunkte gegen dich fallengelassen. Du bist frei, Link.“ Überrascht öffnete Link seinen Mund, wollte etwas fragen, aber er entschied sich es zu unterlassen. Erneut schürte irgendetwas die Distanz.

 

Damit stand Zelda elegant auf und nahm das kleine kristallene Fläschchen in ihre weichen Hände. Link blickte verwundert auf jenes Gefäß, wo sich eine silbrige Substanz verbarg.

„Mein Vater und einige hochrangige Ritter wissen um den alternativen Pfad der Zeit. Einige wissen, was du für unser blühendes Hyrule auf dich genommen hast. Deine Taten sollen nicht ohne Beachtung, nicht länger ohne Belohnung sein.“

„Ich will keine Belohnung.“, murrte Link und drehte sich genervt in Richtung Wand. „Ich will nur… meinen inneren Frieden zurück.“, setzte er leise hinzu. Zelda öffnete den Mund, wollte etwas sagen, spürte die Verzweiflung in seinem erfrorenen Herzen wieder zunehmen und legte eine Hand auf seine nackte Schulter. Sie drückte seine Haut ein wenig, wollte ihm Anteilnahme und Wärme schenken. Aber Link konnte diese Wonne nicht annehmen, er sträubte sich dagegen und rutschte weiter in Richtung Wand.

„Zelda… ich ertrage deine Nähe nicht. Entschuldige…“ Sie ließ schwerfällig und bekümmert das Haupt sinken und stellte das kleine Fläschchen auf das kokirianische Nachttischschränkchen.

 

„Was ist auf der Farm geschehen?“

„Was bringt das, wenn ich es dir erzähle. Ich habe mir doch sowieso alles eingebildet.“, maulte er verärgert. Er wollte wieder weglaufen, wollte aufhören einen Freund an sich ranzulassen, als ob das Eis um seine Seele wieder dicker und kälter wurde. 

„Bitte geh jetzt. Ich…“ Er stoppte seine Worte, als Zelda aber alles andere als verschwand und sich stattdessen zu ihm auf das winzige Bettchen gesellte und sich an ihn herankuschelte.

„Bist du verrückt?“, fauchte Link entgeistert, als sie ihren rechten Arm um ihn legte. Begriffsstutzig und entsetzt drehte sich der junge Held um. Beinahe hätte er ihr, von allen hylianischen Geistern verlassen, ins Antlitz geschaut. Aber glücklicherweise hatte die liebliche Prinzessin ihre blauen Augen geschlossen. Zaghaft wanderte Link mit seinen ernsten, traurigen Augen ihre Gesichtszüge entlang, erinnerte sich an die andere Zukunft, wo er glaubte, einem himmlischen Engel zu begegnen, als Zelda sich ihm in ihrer königlichen Gewandung preisgab. Damals in der Zitadelle der Zeit. Damals, als er noch wusste, welche Ideale sich hinter den Begriffen Mut und Stärke verbargen. So hübsch war ihr Gesicht, dachte er im Moment. Niemals würde er dieses Gesicht vergessen wollen.

 

„Ich lass’ dich nicht weglaufen, du Dummkopf“, sagte sie. „Egal, wie gemein das ist, was du mir an den Kopf wirfst.“, eiferte sie und brachte tatsächlich ein Lachen aus ihrem rosaroten Mund. 

„Erinnerst du dich an den Tag, als ich dir von meinen Alpträumen erzählte, von meinen Prophezeiungen?“, sagte Zelda sicher.

„Ja…“, murmelte Link schwach, fühlte sich erhitzt und wollte nichts weiter, nur weg von diesem Ort. Aber die Prinzessin ließ ihn jetzt in seinem kränkelnden Zustand nirgendwo hinlaufen.

„Du hast mir sofort geglaubt, obwohl wir uns noch keine vierundzwanzig Stunden kannten. Wie kannst du annehmen, dass ich dir nicht glauben würde?“ Und damit öffnete sie ihre Augen. „Bei Nayru, ich werde dir immer glauben, du dussliger Held.“ Geschwind schweiften Links Augen an andere Bereiche des Zimmers und er versuchte sich wieder aufzurichten, blickte zu der silbrigschimmernden Substanz in der kleinen Flasche. Seine Arme fühlten sich an, wie extrem flüssiger Wackelpudding, also schaffte er es einfach nicht, sich in irgendeiner Weise zu halten. Seufzend landete er wieder auf dem hölzernen Bettchen, lag nervös wegen Zeldas Nähe auf dem Rücken und starrte an die blanke Zimmerdecke.

„In der Flasche befindet sich ein Heilmittel. Gespendet von Feen. Ein ganz kleiner Tropfen wird dich wieder in Schwung bringen, sollte dir erneut ein Zusammenbruch widerfahren.“

„Zelda… ich brauche das nicht“, murmelte er heisern. Daraufhin zog sie schmollend ihren Mund zusammen, formte ihre durchdringenden, wissenden Augen zu gefährlichen Schlitzen und boxte Link schmerzhaft an seinen rechten Arm.

„Was hab’ ich denn jetzt schon wieder verbrochen?“, giftete er, und wurde noch verärgerter, als Zelda anfing zulachen. Sie lachte so laut und durchdringend, dass sie die Kokiri aus ihrem zunehmenden Schlaf reißen konnte.

„Das weißt du ganz genau!“, muckte sie und schenkte ihm einen sehr vorwurfsvollen Blick, den er aber wie schon vorhin nicht erwidern konnte. Verlegen und schweigsam sah er zur Seite, wurde ein wenig rot auf den hohen Wangenknochen und fühlte sich immer unsicherer in der wärmenden Nähe Zeldas.

 

„Bitte erzähl’ es mir.“, hakte sie nach, wollte unbedingt in Erfahrung bringen, was auf der alten, gut bewirtschafteten Farm geschah. Link richtete sich auf, stütze verzweifelt seinen schweren Kopf in seine Hände und versuchte die grausamen Bilder in seinem Kopf zu ordnen. Es tat weh, direkt in seinen Gedanken, als ob diese Bilder mit einem Fluch belegt waren.

„Ich kann nicht…“ Seine Kehle zog sich zusammen, als ob man ihm die Luft zum Atmen nehmen wollte. Warum bekam er diese einfachen Worte nicht über seine Lippen? Warum konnte er der Prinzessin, die doch unbedingt darüber informiert werden müsste, nichts mitteilen? Als er Schwindler alles berichtete, kamen diese Worte doch auch ganz einfach über seine Lippen und nun schnürten sie ihm die Kehle zu.

„Da waren schwarze Gestalten… und Feuer… und…“ Link kniff angestrengt seine Augen zu, fühlte das Pochen seines Herzens unhaltbar, unerträglich werden. Nichtsdestotrotz kämpfe Link weiter, ließ sich von den beißenden Schmerzen, die ihn aus der Erinnerung foltern wollten, nicht unterkriegen. „… ich habe Malon befreit… da war eine schwarze Truhe… ausgegraben von Moblins…“ Rasch legte Zelda ihre Hände auf seinen Rücken und sagte sanft: „Ruhig…“ Sie kühlte seinen brennenden Kopf ein wenig mit ihrer heilenden Magie, besänftigte das starke Herzklopfen in seiner Brust mit einer Berührung. „Ich habe verstanden“, setzte sie hinzu. Link entspannte sich langsam, spürte Schweiß an seiner Stirn hinabwandern aus Erleichterung, dass die teuflischen Schmerzen von Gestern nicht wieder einsetzten und atmete tief ein und aus.

 

Zu guter Letzt stand Zelda auf, konnte die unendliche Erleichterung in Links Blick nicht sehen, dass sie ihre beklemmende Nähe zu ihm unterband. Sie wühlte eine Rolle mit dem königlichen Adler in das Siegelwachs eingebrannt heraus.

„Das ist deine Anmeldung für die Ritterschule der Söhne des Schicksals.“, sagte sie freudig. Aber Link glotzte das Stück Pergament nur bestürzt an.

Ein klägliches: „Wie bitte?“, entkam seinem trockenen Mund. Anmutig schritt Zelda wieder näher und drückte ihm das Schreiben in die Hand.

„Versteh’ doch. Du bist einfach dazu auserkoren dort zu lernen, Link.“

„Aber ich wollte niemals Ritter werden. Hör’ gefälligst auf, dich schon wieder in mein Leben einzumischen!“, sagte er gekränkt und wand sich trotzig in Richtung Wand.

„Niemand fordert von dir, ein Schlossleben zu führen. Es ist nur eine Möglichkeit für dich, deine Fähigkeiten zu verbessern.“

„Und wer beim Triforce hat dir mitgeteilt, dass ich das will?“, murrte er giftig. Seine Augen schnitten wieder kalt durch den Raum. „Ich will nicht mehr. Verdammt, Zelda, ich will dieses Leben nicht mehr!“ Zelda wich zurück, erkannte, und verstand. Sie hatte eigentlich nichts anderes aus seinem Mund erwartet. Sie wusste doch, dass er schon lange sein Heldendasein verschmähte. Warum hatte sie den Versuch gemacht, ihm das zu unterbreiten?

„Ich hatte gehofft, neue Bekanntschaften, ein anderer Tagesablauf, andere Verpflichtungen und Gewohnheiten würden dir helfen, abzuschalten. Das war alles, was ich im Sinn hatte.“

„Du hast zuviel in deinem sechsten Sinn. Misch’ dich nicht schon wieder in mein Leben ein. Du hast doch genug kaputt gemacht!“, fauchte er wütend. Dass aber sein Temperament so mit ihm durchgehen würde, hatte Zelda nicht erwartet. Erschüttert trat sie einige Schritte rückwärts, konnte mit Schrecken fühlen, wie die unsichtbare Kälte Link langsam einsaugte. Vorhin noch dachte sie, sie hätte ihren Helden der Zeit wieder. Sie hatte geglaubt, sie hätte einen Weg zu ihm gefunden. Aber nur durch einen unüberlegten Satz, einen dummen Wunsch ihrerseits, hatte sie den kleinen Weg zu seinem einsamen Herzen wieder zugeschüttet, mit Lügen und Bevormundungen.

„Verzeih’, du hast Recht. Ich hätte nicht so voreilig handeln dürfen…“, sagte sie traurig und wünschte sich wieder nichts Sehnlicher, als das Link einen ehrlichen, sanften Blick von ihr erwiderte.

„Die Prinzessin hat nicht nur voreilig gehandelt. Sie hat dumm gehandelt. Das ist ja wohl ein gehöriger Unterschied.“ Zelda war sprachlos. Diese eiserne Verachtung, ganz plötzliche Kälte… Wo war Link? Vor wenigen Minuten noch saß sie mit ihrem besten Freund dort auf dem kleinen Bettchen. Vor wenigen Sekunden war die Hoffnung gestärkt worden, sie könnte ihm helfen und er würde ihre Hilfe annehmen. Nun aber saß einfach nicht mehr Link dort auf dem Bett. Wer war dieser kalte Hylianer, der nur Verachtung in seinen Worten hatte?

 

Sie trat weiter zurück und sprach extrem leise, hoffend nicht noch mehr Hass würde aus seinem Mund sprudeln. „Das Studium in der Ritterschule könnte dir helfen, zu deinem wahren Ich zurück zufinden und du könntest etwas über deine Wurzeln erfahren.“ Der Blondschopf sah in dem Moment eisig auf, auch wenn er nicht direkt in dem Blau ihrer Augen las.

Zittrig sprach sie weiter, während sie nach hinten stolperte. „Außerdem habe ich noch einen Vorschlag für dich. Wenn du… es wünschst… könntest du einmal im Monat im Schloss vorbeischauen und wir könnten versuchen… dir zu helfen… das Fragment in deiner Hand zu kontrollieren…“ Nicht einmal vor Ganondorf, der schlimmsten Angst im Königreich, hatte sie so unentschlossen und ängstlich geredet. Was war das nur? Der Fluch, den Link umhüllte?

Link wand den eisigen Blick ab und starrte gen Wand.

 

„Geh’ …“, erklang es aus seinem Mund und seine Stimme war sanft, entgegen dem eisigen Blick vorher. Zelda nickte stumm und drehte sich langsam in Richtung Tür.

„Bis irgendwann…“, sagte sie schwach. Daraufhin hetzte das Mädchen schnellen Schrittes aus dem Häuschen, stolperte beinahe die Leiter hinab und blickte sorgenvoll zurück. Die anmutige Prinzessin Hyrules klopfte ihrem treuen Pferd Silberregen auf den Hals. Ihre Ruhe wiederfindend, zog sie sich an dem Steigbügel des Sattels hinauf und schaute ein letztes Mal unendlich traurig zu dem mit olivgrünen Vorhängen bedeckten Eingang des kleinen Heimes, wo Link wohnte. Sie murmelte schwach: „Ich hab’ dich lieb, mein Held.“ Alsdann gab sie Silberregen die Sporen und galoppierte in der zunehmenden Schwärze der Nacht geschwind aus dem kleinen Dörfchen.

 

Als Zelda schon lange aus Kokiri verschwunden war, saß Link immer noch nachdenklich auf dem kleinen, knatternden Holzbettchen und ließ langsam seine halbtauben Beine von der Kante baumeln. Sein Kopf schmerzte zügellos, also entschied er sich dagegen aufzustehen und blickte mit ernstem Blick in dem Zimmer umher. Elf Jahre seines Lebens hatte er hier verbracht und nun erschien ihm dieser Ort so fremd, so seltsam. Mehr und mehr verstand er, nicht hierher zu gehören…

 

,Bitte bleib’, schallte es durch seine Gedankengänge. Und beinahe hätte er diese Worte über seine Lippen gebracht, Zelda gebeten, bei ihm zu bleiben, ihm seine Sorgen abzunehmen, ihm zu helfen. Erneut hatte der Mut versagt, eine einfache Bitte auszudrücken. ,Bitte bleib’…

 

Der weiße, warme Umhang der Prinzessin lag an einem Ende auf dem staubigen Boden. Links raue, zittrige Hände, bei Farore, noch nie hatten seine Hände so gezittert, strichen sachte über den Stoff, verwundert wie wunderbar weich sich das Material doch anfühlte. Ohne sich bewusst zu sein, was er tat, nahm er den Umhang halb in seine Arme, fuhr leicht über den Stoff und hielt ihn sich letztlich sehnsüchtig gegen das Gesicht. Er würde es nicht zugeben, oder seinem sturen Kopf eingestehen, dass er seiner Seelenverwandten für ihre Anteilnahme mehr als dankbar war… 

 

Saria stand inzwischen irritiert in dem Raum, sah Link an, als ob er vom Mond stammte, da sie jene herzliche, verträumte Handlung von ihm noch nie gesehen hatte. Erst als sie leicht hüstelte, registrierte er ihre Anwesenheit.

„… ähm… hallo, Saria.“, sagte er schnell und legte den Umhang geschwind beiseite.

„Hallo, mein Freund.“, sagte ihre kindliche Stimme. Schwups gesellte sie sich zu ihm und blickte prüfend auf den weißschimmernden Umhang.

„Was hast du denn gerade mit dem Umhang gemacht?“ Link kratzte sich umständlich am Kopf und sah verlegen zu Boden. „… nichts weiter.“ Saria schüttelte mit den Schultern, sie konnte sich eh keinen Reim daraus machen und beließ es dabei.

Gemächlich versuchte Link aufzustehen, aber es klappte noch nicht, also lehnte sich der junge Hylianer zurück in die kleinen Kissen.

„Wie geht es dir? Du hattest Fieber.“, fing Saria an und trat neugierig zu ihm heran.

„Gut. Ich bin bald wieder fit.“ Unsicher blickte das Kämpferherz an die Decke, wollte eigentlich seine Ruhe haben, aber freute sich dennoch in gewisser Weise über Sarias Anwesenheit.

„Zelda ist schon weg?“ Saria verschränkte die Arme, und schabte mit einem Stiefel auf dem Holzboden herum.

„Ja…“

„Warum denn?“

„Weil sie mich nervt.“, log Link und stand letztlich doch auf. In dem Moment bemerkte er auch die grüne Tunika und das frische blassblaue Hemd, welche an einer Stuhllehne hingen. Langsam setzte Link einen Fuß vor den anderen, fühlte sich kräftiger mit jedem Schritt, den er tat und hatte erstmalig die Hoffnung seine seltsamen Anfälle unter Kontrolle bringen zu können. Jetzt, da er das Heilmittel von Zelda besaß. Jetzt, da er vielleicht wieder auf dem richtigen Weg wandelte.

Saria streckte Link die Zunge heraus und zog eine Grimasse. „Ich bin zwar klein, aber nicht blöd. Ich weiß ganz genau, dass du ihre Anwesenheit wolltest.“ Erschrocken drehte sich Link zu Saria um, sah in ihre graublauen Augen. Unbestreitbar die Augen einer Weisen…

„Du wolltest doch, dass sie bleibt. Warum hast du sie weggeschickt?“, sagte sie stur und ihre Kinderaugen leuchteten voller Erwartung. Der Erwartung einer ehrlichen Antwort.

„Das geht dich nichts an…“, sagte Link leise und zog sich das Hemd an, zog die Schnüre an seinem Kragen zusammen.

„Stimmt. Aber das ändert nichts daran, dass du sie weggeschickt hast.“

„Verdammt, Saria.“ Link kannte ihren kindlichen Dickkopf. Und wenn Saria etwas wissen wollte, dann bekam sie das auch…

„Du wolltest, dass sie bleibt. Das sehe ich dir an deiner Nasenspitze an.“, meckerte sie und deutete unterstützend mit ihrem Zeigefinger auf Link. Schnell streifte jener die grüne Tunika über den Kopf, verwundert, wie gut sie ihm passte und schnürte seinen braunen Gürtel zusammen. Link fuhr sich mit seinen Händen durch die blonden Haare und stütze seinen schweren Kopf auf die Arme. Er suchte nach den Worten und anscheinend fand er diese auf dem beigen, hellbraunen Boden eher, als in seinem Kopf. Wie als würde er die Worte ablesen, sagte er: „Versteh’ doch. Ich wollte bloß, dass sie sich keine Sorgen macht. Zelda hat als Prinzessin genug andere Verpflichtungen. Sie soll’ sich nicht um meine Probleme kümmern müssen.“ Aufgebracht und laut quietschend presste Saria weitere Worte hervor: „Was soll’ das denn für eine Ausrede sein? Hast du dir schon mal überlegt, dass es ihr mehr Sorgen bereitet, wenn du ihr gegenüber so abweisend bist und sie wegschickst. Dazu muss man nicht erwachsen sein, um zusehen, wie behämmert du bist!“ Link glotzte sie baff an, konnte kaum begreifen, wie dumm er doch handelte. Denn von jener Seite hatte er diese Sache noch nie betrachtet.

Sie setzte mit einem Saria-typischen, sehr verständnisvollen Lächeln hinzu.

„Du hast ihre Anwesenheit genossen?“ Link nickte, die Augen verleiernd, drehte sich weg, sodass sie seinen traurigen Blick nicht sehen konnte. In dem Moment patschte Saria mit ihren Kinderpfoten an seinen Unterarm, was sich gar nicht so einfach gestaltete, denn Link war um einige Köpfe größer als sie. 

„Du solltest dich so bald wie möglich bei ihr entschuldigen, aber vorher…“ Und Saria lief hüpfend mit vergnügtem Lächeln auf dem Dreikäsehochgesicht zu der Tür. „… vorher möchte dich der große Dekubaum gerne sprechen.“

Link nickte nur. Damit verließ Saria das kleine Baumhäuschen.

  

Sich über sich selbst ärgernd und erstmalig den Anflug eines Lächelns auf dem Gesicht stand Link in dem leicht modrigen Räumchen. Er schloss seine Augen, schüttelte kurz mit dem Schädel und doch verbarg sich nur unmissverständliche Melancholie in seinem Gesichtsausdruck. In dem Moment fiel ihm ein merkwürdiger Gegenstand in seinem Räumchen auf, der so nicht dahin gehörte. Auf einem kleinen Tischchen lag etwas rundliches in blaue Tücher eingewickelt. Neugierig zupfte Link die Tücher zur Seite, und erkannte mit Erstaunen die Okarina der Zeit vor seiner Nase. Das abendliche Sonnenlicht, welches seine Ausläufer durch das Fensterchen schickte, verlor sich darauf, sodass Link sich selbst in der hellblauen Farbe des Instrumentes sehen konnte. Zufrieden nahm er die wertvolle Okarina in seine Hände und blies einen sanften Luftstrom hinein, lauschte dem wehmütigen, traurigen Klang, der dennoch sein Gemüt erhellte. Sachte ließ er die Okarina in einer Hosentasche verschwinden und machte sich auf den Weg zum Hain des Dekubaumes.

 

Einige Kokiri saßen verspielt vor dem Spross des Dekubaumes, der direkt neben dem alten, in Frieden ruhenden, riesigen Baum in die Hohe schoss. Sie lauschten den abenteuerlichen, manchmal auch grusligen Geschichten des kleinen, rundlichen Bäumchens, erstaunten, wann immer Unheimliches und Überraschendes in den tollen Märchen ans Licht kam.

Leise trat Link näher und setzte sich zu den Kokiri, die seine Anwesenheit nur teilweise registrierten auf die sattgrüne Grasfläche. Der Spross des Dekubaums erzählte die Geschichte eines Helden, der vom Weg abgekommen war. Auch wenn jene Hauptfigur nicht den Namen Link trug, so ahnte er doch, die Geschichte war ein auffälliger Vergleich mit seiner eigenen Lebensgeschichte.

 

„Und so geht der Held auch heute noch seinen Weg, selbst wenn er das Licht nicht mehr sehen kann… Denn auch Helden haben das Recht auf Schwäche, Verständnis und Fürsorge, besonders dann, wenn sie ihrem Schicksal nicht mehr vertrauen können, wenn sie nicht einmal mehr sich selbst vertrauen können. Und eines Tages, da findet jener Held, was er sucht, wenn er seine Hoffnung beibehält…“

 

Die Kokiris verschwanden schlafsüchtig in ihren Häuschen, als der Dekubaum mit seiner Geschichte endete. Saria zwinkerte Link zu, legte ein kleines interessantes Bündel vor dem Spross ab und war die letzte, die den riesigen, märchenhaften Hain verließ.

Link saß nachdenklich auf der Grünfläche im Schneidersitz und starrte zu Boden. Er konnte sich aus der Geschichte keinen Reim machen, vielleicht war er auch einfach nur zu stur, als diese Geschichte als eine Umschreibung seiner momentanen Verfassung anzuerkennen. Auf jeden Fall schwieg er und wartete darauf, dass der mächtige Dekubaum endlich etwas vorbrachte.

 

„Du ahnst, was dich hierher führen sollte, Jüngling.“ Link blickte trübsinnig auf und sprang auf seine Beine. Langsamen Trotts folgte er einem abgetrampelten Weg näher, sodass er in die nussfarbenen, merkwürdigen Augen des Baumes sehen konnte.

„Nein…“, sagte Link ehrlich und sah neugierig zu dem Bündel. Es war eine kleine graue Decke, sehr alt und einige Löcher waren bereits in sie hineingefressen.

„Prinzessin Zelda bat mich vor wenigen Stunden um ein Ohr, obwohl ich doch keins besitze.“, meinte der Baum schnöselig, was irgendwie die ernste Stimmung brach. Link blickte halb grinsend auf.

„Ich bin nicht der alte Dekubaum, besitze nur seine Erinnerungen, nicht seine unglaubliche Ernstlichkeit.“, meinte der Baum und verzog die helle Rinde um seinen Mund ein wenig, sodass man den Eindruck haben konnte, er lächelte. 

„Was wollte sie?“, bemerkte Link entgegen seines Willens. Er wollte sich doch nicht in Zeldas Angelegenheiten einmischen.

„Das ist hier nicht der Sinn, nicht der Grund deiner Anwesenheit, Jüngling.“ Link blickte kühl auf. „Und warum sollte ich dann hier vortreten?“

„Die Geister des Waldes wünschen, dass du aufbrichst, dass du den Wald nun für immer hinter dir lässt, um deiner selbst willen, deiner sehnsüchtigen Seele willen und auf Geheiß deines reinen Herzens. Geh’ Link. Finde einen neuen Weg.“

„Ihr wollt mich loswerden?“, meinte er überrascht und ein wenig verletzt. Trotz allem war doch Kokiri seine Heimat. Er liebte die alten Wälder mit den wunderbaren Singvögeln, das Flüstern der Bäume und die vielen, rätselhaften Fabelwesen, die hier zu leben gedachten…  

„Auf anderem Wege wirst du nicht mehr zur dir selbst finden. Du musst endlich mit denen leben, in dem Bunde des Volkes leben, wo du einst geboren wurdest.“

Link trat unbewusst und leicht enttäuscht einen Schritt zurück. Er wollte es nicht glauben. Der Dekubaum schickte ihn tatsächlich weg?

„Aber ich bin kein Hylianer. Vielleicht durch Blut, durch Ursprünge und trotzdem gehöre ich nicht in die Welt da draußen.“

„Doch, Link, genau dorthin gehörst du. Du spürst, was du vermisst, du spürst die Sehnsucht, die dich antreibt, die Sehnsüchte jedes Hylianers.“ Link verstummte und blickte trübsinnig zu Boden.

„Hör’ gut zu, Kind des Schicksals.“ Und die knorrige Stimme des Baumes wurde immer milder und weicher. „Deine Mutter brachte dich einst hierher, mit der Absicht dich zu schützen, deine Aufgabe zuschützen. Denn in gewisser Weise ahnte sie um die besondere Seele in dir. Und doch hatte deine Mutter sicherlich nicht vorgesehen, dass du dein Leben ewig in den Wäldern lebst. Entfalte dich, Link. Lerne, entdecke andere Wege, die du bisher nicht kanntest.“ Gerade diese Worte und die heimliche Erinnerung an jemanden, der einst ihm eine Familie war, schmerzten leise. Link sah mit ungläubigem Blick auf, durchbohrte das Holz des Baumes beinahe mit seinen Augen und brüllte erbost: „Und wo! Wo verdammt soll’ ich hingehen?“

„Du hast keinen Grund hier laut zu werden, Jüngling.“

Entschuldigend murmelte Link irgendwelche unverständlichen Worte vor sich hin.

„Wisse Link, du hast noch eine riesige, ruhmreiche Zukunft vor dir und ich weiß, tief in deinem Herzen wirst du diese Zukunft annehmen. Daher brich’ auf. Lerne und wachse!“   

Link ballte seine Hände zu Fäusten und kniff die tiefblauen Augen zusammen.

„Sagt’ mir, was ich tun muss.“, brachte er gedämpft hervor und kämpfte damit seinen heiklen Gemütszustand unter Kontrolle zu halten. Er fühlte das Kind in ihm schreien, rufen und bitten, hier bleiben zu können, in der unschuldigen Idylle und nie wieder nur einen Fuß nach draußen zu setzten. Und doch wusste ein winziger Teil von Link, dass endgültig Zeit war, das Leben in den Wäldern als eine Erinnerung zu belassen. 

„Nimm diese Decke in deine Hände, hylianisches Herz.“ Link nickte, frustriert und irgendwie gedemütigt. Und doch geschah alles, was geschah, doch nur zu seinem Besten, für das Auflodern seiner edlen Eigenschaften, dem wahren Gesicht des Helden der Zeit.

 

Sorgsam nahm Link das Bündel auf, erkannte, dass es eine sehr kleine Decke war. Auffällig war ein altes hylianisches goldenes Ritterwappen, welches in den abgenutzten, sogar an einer Stelle abgebranntem Stoff, eingenäht war. Ein langes Schwert stand vor dem königlichen Falken. „Was ist das?“, murmelte Link, obwohl er ahnte, was es war.

„Deine Babydecke, Jüngling.“ Link fuhr leicht und verträumt über das Material und fühlte ein leichtes, noch nie da gewesenes Drücken auf seinem Herzen. 

„Der alte Dekubaum hat Saria beauftragt, sie bis zu diesem Tag aufzubewahren.“

„Ich verstehe…“, meinte Link verbittert. „Ich soll’ also wirklich auf diese bescheuerte Ritterschule gehen? Hat Zelda das veranlasst?“

„Zügele dein Temperament, Link.“, sprach der Dekubaum drohend, worauf Link wieder ganz ruhig wurde. Und dennoch trat blanke Wut und Verachtung aus seinen ernsten Augen. Er wollte diesen Weg nicht gehen, selbst wenn die Prinzessin persönlich ihm die Anmeldung dafür überbracht hatte. Es würde wohl ewig dauern, um Link dahingehend zu überzeugen.

„Das alte Ritterwappen verrät etwas über den Rang, den dein Vater in den Reihen der Oberen Wächter der königlichen Familie hatte. Zu jenen Zeiten, als dein Vater am Hofe des Königs von Hyrule beschäftigt war, regierte Zeldas Onkel noch an der Spitze. Als aber der Krieg vor vierzehn oder fünfzehn Jahren über das Land zog, starb dieser und Zeldas Vater trat den Thron an. Verstehe, Jüngling, dein Vater hätte sich gewünscht, dass sein Sohn in der Ritterschule lernt. Deine Mutter hatte es ebenso gewünscht. Heute wären sie sehr stolz auf dich.“ Link kniff schmerzverzerrt die Augen zu. Er wollte das nicht hören. Die Erinnerungen an seine Eltern, die sich wie glühende Zangen in seinen Venen anfühlten, diese scheußlichen, gemeinen Gedenken an etwas, das er vermisste, wiederhaben wollte…

„Geh’ Link. Finde deine wahren Ursprünge und entdecke deinen rechtmäßigen Platz. Denn du bist allein durch dein Blut auserkoren, ganz andere, bedeutendere Wege zu bestreiten, als es dir ein Waldleben geben kann.“ Vorsichtig legte Link die Decke zusammen, hatte irgendwie das Gefühl, jenes Ritterwappen schon einmal gesehen zuhaben. Aber nicht hier, vielleicht in einem Traum oder an einem anderen Ort, der nicht wirklich war…

„Die Geister des Waldes, die Kokiri und ich wünschen dir unendlich Glück. Und wisse, du wirst immer als ein Gast in den alten Wäldern willkommen sein, doch dein Platz ist woanders, Link. Dein Platz ist in den Reihen derer, die nicht vergessen werden sollen.“ Und das erste Mal trat ein Hauch Einsicht in das ansehnliche Gesicht des Helden der Zeit. Nachdem der Dekubaum ihm diese Dinge über seine Eltern erzählt hatte, dass sie sich für ihn wünschten, dieses Studium zu beginnen, ja, vielleicht war diese Art Neubeginn doch nicht so schlecht, wie Link anfangs dachte.

„Gut…“, bemerkte Link leise. „Wie Ihr meint, weiser Dekubaum, ich werde mich in den Norden begeben.“

„Leb’ wohl, Link. Die Wälder lieben dich…“ Link nickte scheu, wand sich ab und hetzte so schnell ihn seine Beine im Augenblick tragen konnten, hinaus aus dem Hain des Dekubaumes, rannte hinein in sein kleines Häuschen, um die Sachen zu packen…

Lebt’ wohl, ihr Wälder, schallte es leise durch seine tiefen Gedankengänge.

 

„Leb’ wohl, alte Heimat.“, murmelte Link, als er nach wenigen Minuten seinen Krempel in einen braunen, halbzerschlissenen Rucksack gestopft hatte. Langsamen Schrittes trat er an die kleine Tür heran und drehte sich mit einem traurigen Blick noch einmal zurück, prägte sich das Bild dieses Heimes in seine Gedanken ein, und doch stach ein Funken Hoffnung aus seinen Augen. Er würde einen neuen Anfang wagen. Er würde aufbrechen und sich selbst wiederfinden, irgendwo da draußen. Kopfschüttelnd wand sich Link wieder seinem Weg zu, flüsterte noch einmal ein Lebewohl vor sich hin, als eine kleine Träne tropfte. Vielleicht die erste, die er für Kokiri jemals zuließ. Als er außerhalb auf den weichen mit Nadeln überzogenen Waldboden stand, genoss er tiefeinatmend die Nacht hier in den friedlichen Wäldern, sich bewusst, dass er diesen Frieden für immer aufgeben musste. Ein letztes Mal klopfte Link an das kleine Häuschen, wo Saria wohnte. Überrascht öffnete sie mit einem grünen Nachhemdchen die kindsgroße Tür, blickte Link mit dem kupferbraunen Rucksack und einen alten Mantel um seine Schultern geworfen verwundert an.

„Nanu? Gehst du fort, mein Freund?“

„Ja, Saria.“, sagte Link traurig und wagte es sich endlich wieder, jemanden direkt in die Augen zusehen.

„Doch diesmal… wird es ein Abschied für immer sein…“, sagte er gedämpft. Saria biss sich auf die Lippe und Tränen funkelten in ihren graublauen Augen. Link legte anteilnehmend eine Hand auf ihre Schultern und murmelte: „Leb’ wohl, Saria, du wirst immer mein bester Freund sein.“ Er konnte selbst kaum glauben, dass er diese Worte über seine sonst so verschwiegenen Lippen brachte. Saria schluchzte plötzlich laut auf und drückte sich an Link, der überrascht zu ihr herunter sah. Ein merkwürdiges, trauriges Bild, ähnlich einem Kind, das den großen Bruder verabschiedete.

„Mein Link. Bitte sei vorsichtig auf deinen Wegen, ja. Und versprich’ mir, dass wir immer Freunde bleiben.“

„So wie bei unserem letzten Abschied.“, entgegnete er, fast aufmunternd.

„Ja.“ Und die kleine Kokiri sah unter Tränen lächelnd auf.

„Aber du wirst uns eines Tages wieder besuchen, ja?“, murmelte sie, während Tränen über die roten Bäckchen tropften.

„Versprochen.“, meinte Link und hörte plötzlich ein anderes bekanntes Geräusch. Er spitzte seine Ohren und vernahm es schon wieder.

„Das hätte ich ja beinahe vergessen, Link.“, sagte Saria und lächelte wieder. Sie schloss die Tür und hüpfte hinter ihr Haus und folgte dort einem Weg zu einer kleinen Lichtung. Link folgte ihr neugierig und hörte erneut ein bekanntes Geräusch.

 

Sachte trat er aus den dichten Bäumen hervor, wo sich eine kleine Lichtung preisgab, auf der sich silbrigscheinend das Mondlicht verlor. An einem Baum angebunden und mit den Hufen schabend stand eine kluge, starke Stute, die Link sehr gut kannte und vermisst hatte. Aufgeregt rannte er näher, hörte ein begrüßendes Wiehern aus dem Maul der Stute und drückte glücklich seinen Kopf gegen den Hals des Pferdes.

„Epona!“, war alles, was Link herausbekam. Er war nicht nur erfreut, sondern überglücklich, seine Epona wiederzuhaben. Dankbar blickte er zu Saria, die ihren kleinen Mund vergnügt zusammenpresste und ein Lachen zustande bekam.

„Wo hast du sie denn gefunden?“, meinte Link.

„Sie ist uns zugelaufen, einige Tage bevor Zelda dich zu uns brachte.“

Link klopfte stolz auf den Hals seiner Stute, striegelte die Mähne und schwang sich mitsamt seines Rucksacks auf den stolzen Sattel.

„Danke, Saria.“

„Nun geh’ endlich, sonst werde ich ja noch trauriger.“, meinte sie leise, lächelte aber.

„Leb’ wohl, Saria und danke für alles.“

„Jetzt verschwinde endlich, du Taugenichts. Bis irgendwann!“, rief sie und winkte Link zu, der langsam auf seinem treuen Pferd gen Ausgang trabte. Ein letztes Mal blickte er zurück, sah eine weinende und doch lächelnde Saria, seine beste Freundin aus Kindertagen ein letztes Mal an, bis er schließlich Epona in ein schnelles Galopp brachte.

Die Stute verschwand samt Reiter in der ruhigen, friedlichen Dunkelheit der Wälder, auf zu neuen Abenteuern, auf den Spuren seiner grenzenlosen Bestimmung…

 

 
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