4.Kapitel
 

Link schloss seine Augen und trat leicht schwerfällig zu dem Fenster. Er wusste nicht, was ihn dazu brachte diese Worte herauszulassen.

         Aber nun war es passiert und rückgängig machen konnte er sie nicht mehr.

             Sicher, sie teilten nicht viel, aber es war immer noch genug für die Herzenswärme von seiner Seite.

         Ihre Augen funkelten mit einem leichten Tränenschimmer angesichts dieser wärmenden Worte. Und obwohl es Unmengen von Soldaten gab, die für Prinzessin Zelda in den Tod gehen würden, so war an seiner Opferbereitwilligkeit etwas Besonderes, nie da gewesenes. Hyrules Soldaten beschützten ihre Prinzessin, weil es ihre Pflicht war. Nicht aus Edelmütigkeit oder Zuneigung. Links Einsatzbereitschaft jedoch rührte von eben letzterem und es traf sie tief in ihrer verwundeten Seele.

         Sie ließ sich langsam auf die Bettkante sinken und blickte zu der stolzen Silhouette des Heroen, der sich mit beiden Händen an das große Fenster des Turmes gelehnt hatte. Er war noch so jung, dachte sie. Aber seine Macht, Scharfsinnigkeit und Weitsicht erzählten von einer alten Seele in seinem Inneren, die mehr Wunden und Schicksalsprüfungen überstanden hatte als eine andere. Diese Seele war stark und ungewöhnlich, und doch sehr verletzlich.

         „Link...“, sprach sie leise. „Habt Dank...“ Unsinnige Worte in diesen herben Zeiten, aber es war ihr Wunsch dieses zu äußern.

„Danke für Eure Worte... und Euer Vertrauen.“ Er wand sich zu ihr und lief träge in ihre Richtung. Er konnte in ihren Augen Wissensdurst sehen. Sie wollte ihn kennen lernen, aber nicht als Helden, sondern als Freund...

         „Würdet Ihr mir von dem Dorf erzählen, aus dem Ihr stammt?“, bat sie. Ein Lächeln stand auf seinem ansehnlichen Gesicht, wo tiefblaue Augen mysteriös herausleuchteten.

„Gerne...“ Er lief ein wenig schneller in ihre Richtung und setzte sich dicht neben sie, sodass er sie hier im nahen Kerzenschein ganz genau betrachten konnte. Ihre Augen waren noch sanfter, wenn man sie in dieser Nähe betrachten konnte. Und ihr Haar schimmerte fast golden im schlummernden Licht der einzigen Kerze, die auf dem Sekretär ruhte.

         „Das Leben in Ordon ist ein sehr einfaches, einfältiges, aber... man lebt dort in den Tag hinein. Das ist es vielleicht, was das Leben in Ordon einzigartig und friedvoll erscheinen lässt. Die Sorgen des Morgens spielen im Heute keine Rolle...“, sagte er gemächlich. Er pendelte mit den Beinen.

„Das ist wunderbar, wenn die Sorgen des Morgens die Seele nicht berühren“, meinte Zelda leise.

„Ja... aber das Farmleben hat auch seine zermürbenden Seiten. Der Tag beginnt sehr früh am Morgen.“

„Seid Ihr von Natur aus eine Schlafmütze?“, meinte sie sanft und lächelte ihm wieder zu.

Link lachte: „Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie schön es ist, mal im Bett liegen zu bleiben und das Krähen des Hahnes zu überhören.“ Sie ließ ihren Kopf ins Genick sinken und beschaute das finstere Deckengewölbe.

„Das würde ich auch gerne. Einmal bis zur Tageshälfte liegen bleiben, bis sich die Strahlen der Mittagssonne in das Zimmer ziehen...“

„Habt Ihr noch nie verschlafen, Prinzessin?“ Link grinste charmant und legte vorsichtig eine warme Hand auf ihre zu ihm geneigte Schulter. Sie sah auf die Hand und dann in seine tiefblauen Augen.

„Nein...“

„Wirklich nicht?“

Sie schüttelte den Kopf, sodass ihre mit feinen Bändern umkleideten Strähnen vor den Elfenohren baumelten.

„Ach, kommt schon, Prinzessin. Verschlafen ist nun wahrlich keine Kunst.“

„Aber ich habe noch nicht verschlafen. Ich schwöre!“, sagte sie mit einem freudigen Unterton.

„Nicht wahr!“, schauspielerte er und vergrößerte unecht seine Augen.

„Doch.“

„Unfassbar!“ Sie hielt eine Hand an ihre Lippen und kicherte. 

„Dann wird’s aber Zeit dafür!“, bemerkte er tückisch und wünschte sich nichts mehr als sie zum Lachen bringen zu können.

         „Also, Heroe“, murmelte sie. „Ihr seid wahrlich ein Künstler des Lächelns“

„Richtig, aber ich tue es, weil ich dafür belohnt werde!“ Sie blickte verwundert auf.

„Und wie kann ich Euch dafür belohnen?“

„Ihr lächelt, das ist Belohnung genug“, sagte er und sprang auf die Füße.

         Verwundert wanderten ihre blauen Augen zu seinem Hinterkopf. Die grüne Heroenmütze auf seinem Haupt war an wenigen Stellen geflickt worden und sie war leicht verdreckt.

         Erneut eine solche liebgemeinte Bemerkung von seinen blassen Lippen, die ihr das Herz erwärmten. Und er wählte diese Worte ohne Bedacht, ohne einen Gedanken an deren Folgen.

         Es war nicht richtig, dachte sie. Seine offen gezeigte Zuneigung war ein waghalsiges Unterfangen, vor allem, da sie einander fast nicht kannten.

         „In Eurem Dorf, Link. Lachen die Menschen dort ebenso gerne wie Ihr?“ Er nickte und grinste. Seine blauen Augen glitzerten verursacht durch die vorsichtige Art und Weise wie sie ihre Fragen formulierte. Er kniete erneut vor ihr nieder und sah Dankbarkeit in ihren Augen. Dafür, dass er hier war. Dafür, dass er mit ihr redete und vor allem dafür, dass er sie zum Lächeln brachte.

         Sie neigte ihr Haupt und schaute zu dem linken Handschuh, unter welchem sich das machtvolle Fragment verbarg.

„Darf ich?“, fragte sie leise und nahm seine linke Hand in ihre beiden. Er nickte verlegen und sie streifte im Gegenzug seinen Handschuh hinab, beschaute fasziniert das Fragment auf seinem Handrücken. Das Fragment des Mutes... es leuchtete sehr stark. In genau demselben Rhythmus wie ihr eigenes. Sie sah wieder auf und versank halb in seiner Augenfarbe. Wie konnten diese warmherzigen Augen nur jene eines so muskelbepackten Wolfes sein?

         „Die Menschen, die in Ordon leben. Wie sind sie?“, murmelte die junge Hylianerin. 

„Sie haben alle ihre Tücken. Aber alle sind sie herzensgute Menschen.“ Zelda funkelte mit ihren himmelblauen Augen.

„Da wäre zum Beispiel unser guter Fado, der sich für einen unverbesserlichen, talentierten Viehhüter hält. Und Rusl, unser Schwertmeister, der es nicht lassen kann, mich herauszufordern. Und die kleinen Nervenzwerge... und Ilya.“ Link wand sich ab und wand ihr den Rücken zu, wirkte im selben Moment abweisender als vorher.

„Ilya...“, wiederholte Zelda. „Ist sie Eure Liebste?“ Ohne nachzudenken entkam diese Frage aus ihrem roten Mund. Link grinste verschmitzt, packte die Prinzessin an ihren Händen und zog sie auf die Beine.

„Also, Ihr könnt mir ja Fragen stellen, Milady.“

„Entschuldigt...“

         Er kratzte sich am Kopf. „Aber wenn Ihr es wissen möchtet, nein... das ist sie nicht.“

„Ihr wünschst es Euch aber?“ Die junge Prinzessin zog eine Augenbraue nach oben und erkundete verlockende Antworten in der Weise, wie er sich verhielt. Er drehte sich um, verzog das Gesicht zu leichtem Entsetzen. Aber er hatte weder Scham noch einen Ausdruck des Ertappens in seinen Augen. Er schüttelte den Kopf.

„Ilya ist etwas Besonderes und sie hat es gewiss verdient glücklich zu sein, aber das, was sie sich wünscht, kann ich ihr nicht bieten.“

„Wie meint Ihr das?“

„Nun... von klein auf hat man uns in diesem Dorf versucht zusammenzubringen. Es wurde immer von den Älteren erwartet, dass wir irgendwann einen Haushalt teilen. Wir haben immer gemeinsam irgendwelchen Blödsinn angestellt. Gewiss, ich mag sie. Aber ich kann sie niemals lieben.“

„Warum nicht? Liebe ist etwas, was man auch über die Zeit lernen kann...“ Sie belog sich selbst mit den Worten. Denn an eine solche Form der Liebe glaubte sie nicht. Ein Zusammenleben, eine Zweckgemeinschaft ohne die ersten, verliebten Gefühle der schwirrenden Feen in der Magengegend war für sie nicht die wahre, die einzigartige Liebe, nach der man als Liebesuchender streben sollte.

„Weil ich meine Freiheit liebe...“, antwortete er schmunzelnd, aber unsinnig. „Ich bin Hyrules wiedergeborener, legendärer Held. Ich bin einfach kein Familienmensch. Und ich habe Ilya immer als Freundin betrachtet. Als Schwester...“ Und doch klangen seine Rechtfertigungen nicht nach der Wahrheit. Er wand ihr den Rücken zu und spürte am Klang ihrer Schritte, wie nah sie ihm kam. Unmittelbar trat sie inzwischen hinter ihm und er wusste nicht genau, ob es ratsam war, sich in diesem Moment umzudrehen, sich nach ihren sanftmütigen Augen zu verzehren.

         „Warum seid Ihr hier?“, flüsterte sie erneut und wurde das Gefühl nicht los, er wusste den Grund, den ihn hierher geführt hatte ganz genau. Ein unsinniger Grund. Ein Grund, der über diese Form von Freundschaft hinausging.

         „Glaubt Ihr an die einzige, wahre Liebe?“, fragte er leise, fuhr sich durch die blonden, leicht verdreckten Haarsträhnen, die von den Streifzügen des Wolfes so unsauber wurden und blieb weiterhin ihr den Rücken zugewandt stehen. Er stellte ihr unhöflicherweise diese Gegenfrage, weil er ihrer eindringlichen Frage nicht anders auszuweichen wusste.

„Ja, das tue ich... Es wäre schön, eine solche Liebe finden zu können.“

„Seht Ihr... das ist ein Grund, dass ich Ilya nicht lieben kann. Sie ist es nicht.“

         ,Sie war es nicht’, dachte Zelda still. Sie war nicht die einzige, wahre Liebe für ihn.

„Habt Ihr Eure wahre Liebe bereits gefunden?“, sprach sie leise und trat noch näher. So nah, dass er die Wärme ihres Körpers, den unruhigen Herzschlag in ihrer Brust und das rauschende Blut in ihren Venen mit seinen tierischen Instinkten hören konnte.

„Ich denke, das habe ich...“, murmelte er und drehte sich zu der milden Schönheit um, in deren Augen sich Verwirrung, aber auch eine leichte Angst vor seinem Eingeständnis wiederspiegelten.

 
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