40. Kapitel
 

Blutige Botschaft

 

 

„Wir sollen doch nicht alleine raus gehen“, sprach der Laundryjunge mit gezücktem Schwert und der Angst im Nacken, die mit seinen Erinnerungen an den Vorfall auf der Steppe lebendig wurde. Er presste seine von der frischen Nachmittagsluft erkalteten, spröden Lippen aneinander, als er gemeinsam mit seinem Zimmermitbewohner Link, der eine winzige, halbrunde Tür ins Freie erspähte, die neuen Regeln an der Ritterakademie missachtete. Ihm war nicht wohl bei ihrem Vorhaben, könnten sie beide schließlich eine saftige Strafe von Sir Viktor erhalten, sollten sie dabei erwischt werden ins Freie zu stiefeln.

Aber Link hatte immer seinen eigenen Kopf und Will kannte ihn in der Hinsicht schon sehr gut. „Hey, es hat keiner von dir verlangt, dass du mich begleitest“, entgegnete der Heroe schnippisch und schob das morsche, unauffällige Türchen in der Mauer auf. Es quietschte einschneidend wie Schmirgelpapier.

„Ich kann dich mit deinem Dickschädel jawohl kaum alleine zur Hütte am Glücksteich marschieren lassen, wenn auf der Steppe Moblins herum wüten“, rechtfertigte sich Will und schlüpfte als erster durch die Öffnung. Link blickte mit seinen scharfen Augen um sich, dass auch ja keiner ihnen folgte oder sie beim Verlassen des Grundstücks beobachtete.

„Nun hör‘ auf zu jammern, du wolltest nach Wulf schauen und ich muss mich unbedingt um ein paar Angelegenheiten kümmern“, meinte Link und stapfte durch den Schnee, hielt sich hinter Will dicht an einigen Baumschatten, sodass das Wachpersonal auf der Mauer ihn nicht entdeckte. Es war frostig außerhalb und eine Nebelsuppe hing in der Luft, machte das Auskundschaften der genaueren Umgebung unmöglich. Die märchenhaften Hügel, die mit Schnee bedeckt waren und wie mit Zuckerguss bedeckte Wellen über das Land rauschten, waren nur verschwommen durch das Nebelgewand erkennbar. Und finstere Wesen nutzen diese Wettererscheinungen gar zu gerne.

„Ja, aber was ist mit den Moblins… sollten wir nicht lieber wieder zurückgehen?“, meinte Will, hielt plötzlich still und spitzte seine langen Hylianerohren, sodass sie beinahe noch spitzer aussahen. Das aufscheuchende Gekrächzte einer Steppenkrähe knallte wie eine Peitsche nieder und ließ den Laundry aufschrecken.

„Will, reiß‘ dich zusammen, es sind absolut keine Dämonen in der Nähe“, meinte Link, klopfte ihm auf die rechte Schulter und marschierte mit seinem Lederrucksack, der klappernd auf seinem Rücken hing, weiter des Weges.

„Aber was ist, wenn nun doch Moblins aufkreuzen, sollten wir nicht einen Lehrer fragen, ob er uns in die Hütte begleitet?“

Link lachte beinahe wie ein Wahnsinniger auf diese Worte. Er funkelte seinen Kumpel ungläubig an und grinste dann ironisch: „Als ob eine Horde von denen von unserem tollen Wachpersonal so leicht aufzuhalten ist!“

„Bei Din, du bist ein tollkühner Arsch…“, brummte der Laundry, zog seine schwere Wollkutte enger um seinen spindeldünnen Körper, aber grinste dann.

 

Die Jugendlichen tapsten schweigend weiter, überquerten eine kleine Steinbrücke über den jungen Fluss Lyriellens Geist, der von den Bewohnern der nahe gelegenen Stadt halb leer gefischt war, dann über eine Handelsstraße, wo die frischen Spuren einer Kutsche im sandigen Schneematsch eingebrannt waren wie feine Schrift in Porzellan.

Vor der Glückshütte war der kleine See mittlerweile von einer dünnen Schicht von Eis bedeckt und funkelte wie ein riesiger Kristall. Auch die kleine einstöckige Hütte war von Schnee überzogen und wirkte unscheinbar, umgeben von chaotisch gewachsenen Bäumen, die das kleine Bauwerk beschützten. Vor der Hütte war ein kleiner Berg von gehacktem Brennholz gestapelt, das Link in den freien Minuten der Schule zusammengesucht und eher schlecht als recht gespalten und zerhackt hatte.

„Hast du das Holz vorbereitet?“, fragte Will neugierig. Das war genügend um die erste schneereiche und kalte Zeit des Winters zu überstehen. Link nickte, wenige Eiszapfen hingen in seinem angefeuchteten, blonden Haar. Mit seinem vollgepackten Rucksack trottete er in das urige Häuschen. Will folgte mit halb durchgeweichten Stiefeln. „Du willst den Winter doch nicht etwa hier verbringen?“, schlussfolgerte der Laundry. Es musste einen Grund geben, dass Link das Holz gehackt hatte. Und einen anderen, als dass er vorhatte in der Hütte zu heizen, gab es wohl kaum.

Der junge Heroe war der Antwort und Erklärung, dass er wohl kaum einen Ort hatte, wo er über die Ferien hingehen konnte, müde. Mit grimmigem Gesicht lud er seinen Rucksack auf einem kleinen von Holzwürmern angefressenen Rotheidetisch ab und entleerte diesen. Es war ein festes Holz, das spärlich auf der Steppe wuchs, eine Baumart, die sehr tiefe, knorrige Wurzeln besaß.

Einige Gläser Eingekochtes, getrocknetes Gemüse und Obst, ein paar Einkellerungskartoffeln, geräuchertes Fleisch und Speck kamen zum Vorschein. Links letzte Rubine gingen für das Essen drauf, das er aus den Resten der Schulküche abgekauft hatte. Auch wenn er einen guten Preis für die Waren aushandeln konnte, machte es ihm Sorgen, ob die Dinge ihn über den Winter bringen würden.

Verdutzt musterte Will die Essensvorräte auf dem Tisch und schaute betroffen zu seinem besten Freund. Link fuhr sich nachdenklich durch das nasse, teilweise gefrorene goldblonde Haar und murmelte unsicher: „Wenn man den Winter überstehen muss, wird man erfinderisch.“ Er wirkte trotz der bevorstehenden, langen Zeit der Einsamkeit zufrieden mit sich.

Während draußen der Gott des Winters seine gefrorenen Kristalle zur Erde schickte, wie in einem Reigen unendlicher Schönheit rieselten die Schneeflocken hinab, begriff Will die Situation und kam sich mit einem Schlag verwöhnt und kindisch vor. Für ihn war es eine Selbstverständlichkeit, dass seine Mutter Belle sich um Essensvorräte und um das Feuerholz kümmerte. Er hatte noch nie mit dem Gedanken gespielt, wie schwer es doch sein konnte, einen Winter in Hyrule ohne großartige Unterstützung zu überleben. Will wusste nicht mehr, was er dazu noch sagen sollte.

Link kratzte sich daraufhin an der Stirn, kam sich etwas hilflos vor, weil er Wills Betroffenheit wahrnahm und räumte die Speisen in einen klappernden Schrank, den er abschließen konnte. Die Hütte gehörte zwar niemandem, aber er war sich nicht völlig sicher, ob nicht doch der ein oder andere Dieb hier herumstreunte. Zu diesem Zweck hatte Link ein neues Schloss an der Haustür angebracht, zumal er einige Schlösser und Schlüssel in seinem Gerümpel herumtrug.

Doch gerade da hielt ihn Will am Arm zurück. „Willst du den Winter wirklich hier verbringen? Ich meine, ich könnte dich zu meiner Familie einladen“, sprach er. Seine smaragdgrünen Augen funkelten mit einer herzerwärmenden Ehrlichkeit und entwaffnenden Treue.

Der vergessene Heroe fuhr sich seufzend durch das feuchte, goldene Haar. „Will…“ Er wusste nicht so recht, wie er es ihm erklären sollte. Aber er konnte nicht riskieren, dass die Dämonen, oder genauer gesagt der Chadarkna, Wills Familie nur wegen ihm angriff. Und dass dieser Feind ein weiteres Mal zuschlagen würde, ahnte Link mit tiefsitzender Beunruhigung. Einige Wassertropfen rieselten von seinem Haar und benetzten seine pechschwarze Tunika. Link biss sich auf die Lippe, versuchte dem Laundry auszuweichen und klopfte sich das Wasser von dem schwarzen Stoff.

„Was ist nun? Ich bin mir sicher, meine Mutter hat nichts dagegen. Mein Vater ist ohnehin nicht zuhause… er ist unterwegs auf einer Mission über die Steppe.“

Link schüttelte banal seinen hübschen Kopf und kümmerte sich um das Essen, das er in einen Schrank räumte.

„Heißt das, du hast keine Lust?“, bohrte Will geduldig nach. Wenn Link so eine Geheimnistuerei veranstaltete, musste wohl etwas anderes dahinter stecken. „Oder…“ Und Will reimte sich ein paar andere paranoide Dinge zusammen. Er grinste über beide Ohren, ein Gesichtsausdruck, mit dem er als Clown durchgehen könnte. „Es gibt einen Grund, dass du hier bleiben willst, was?“ Will kicherte und blickte aus dem Fenster, um nach seinem Wolfshund Ausschau zu halten. Wulf schien auf Beutejagd zu sein und war bisher nicht aufgetaucht. Er hoffte bloß, dass er nicht zu wild wurde.

„Glaub‘ mir, es ist besser, wenn ich hier bleibe“, entschied der blonde Heroe und räumte einige Dinge in der Hütte zusammen. Er schüttelte die Decken aus, wischte den Staub von dem Kaminsims und sprang kurz die Treppen hinauf, um schließlich mit dem Bettzeug wieder hinab zu trotten.

„Du kriegst Besuch, nicht wahr?“, mutmaßte Will und traf ausnahmsweise kein Ziel damit.

Link schüttelte seinen Kopf und schenkte seinem nun mehr besten Freund einen ehrlichen Blick. „Nein, das nicht, aber ich finde es gut so.“ Es war vielleicht auch möglich, dass er mit der Einsamkeit im Winter einige Fragen für sich klären konnte. Link hatte sich in seinem jungen Leben selten einsam gefühlt, war das Alleinsein ohnehin gewöhnt seit der Kindheit in Kokiri. Erst in den letzten Monaten hatte er wahrgenommen, wie trostlos die Welt sein konnte, wenn es in den Nächten niemanden gab, der da war und keine Umarmung, die wärmte…

„Falls du es dir anders überlegst, sag‘ mir Bescheid“, meinte Will lächelnd.

Link nickte dankbar und begann auch das Bettzeug auszuschütteln. Doch gerade da, als er mit den schweren Federdecken in die Nähe des Kaminsims kam, wo das Portrait einer Lady stand, welches vorher im Keller herumlag, erwischte Link jenes unwirsch mit den Stofflaken und das Bildnis fiel klappernd zu Boden.

Der Laundry hob das Bild in seine großen, schmalen Hände und blickte die Lady wie hypnotisiert an. Und auch der junge Held warf einen Blick auf das Gemälde. Und es war dann, dass es ihm wie Schuppen von den Augen fiel. Diese wunderschöne Frau mit den edlen, starken Gesichtszügen, der sanften Haut und dem dicken, vollen sandblonden Haar hatte er schon einmal gesehen… er hatte sie in seinen nächtlichen Schatten gesehen, erlebt, wie sie sich bewegte, erlebt, wie sie atmete.

„Aber ja, das ist die Frau von der ich letztens geträumt hatte… als ich von Arn Fearlesst träumte…“, murmelte Link leise und kam nicht umher sich bei einem Blick auf das wunderschöne Gesicht der Lady, die auf eine magische Weise in dem Ölgemälde lebendig schien, irgendwie verloren zu fühlen.

„Bist du dir sicher?“, sprach Will und schien wie gefangen im Anblick der Frau. Sie war so wunderschön, ganz so wie Prinzessin Zelda.

Link nickte verdattert, ließ die Federdecke zu Boden sinken und riss seinem Kumpel das leicht verstaubte Portrait aus den Händen. „Ich bin mir völlig sicher… ich habe diese Frau gesehen, wie sie sich mit Arn Fearlesst unterhalten hat.“

Will setzte einen Zeigefinger an sein Kinn, das mit braunen Barthaaren ganz spärlich bedeckt war. „Das würde aber doch deinen komischen Traum endlich erklären.“

Link zwinkerte: „Warum?“

„Nun ja, du hast dich lange Zeit mit Arn Fearlesst beschäftigt, hast ihn dir in deinem Unterbewusstsein irgendwie vorgestellt. Und diese wunderschöne Frau kam deshalb in deinem Traum vor, weil du sie vorher hier gesehen hast und du dir vorgestellt hast, dass jemand wie Arn Fearlesst alles hatte, auch das, was du nicht hast.“

„Kannst du aufhören in Rätseln zu sprechen?“, bat Link inständig, unterdrückte das Gefühl des Ärgers deswegen. Will konnte nichts dafür, dass er in letzter Zeit von vielen Leuten auf diese Weise bequatscht wurde, vornehmlich von der grauen Hexe, die es ebenfalls liebte, geheimnistuerisch zu sein.

„Du hast diese hübsche Frau als seine Gattin dargestellt, weil dein Kopf dir damit eine Botschaft senden wollte. Und diese ist ziemlich klar, wenn man den Inhalt deines Traumes deutet. Es ging um Familie…“

Link blickte betreten zu Boden und verkrampfte sich. Er spürte ein Kloßgefühl in seinem Hals zunehmen, als Will davon sprach. Familie… Wenn Link einen Wunsch an das Triforce richten könnte und sonst in Hyrule alles in Ordnung war, dann würde er sich wohl wünschen seine Eltern zu sehen, oder auch etwas Verständnis dafür zu erhalten, warum sie ihn damals nach Kokiri brachten. Manchmal… war da ein unheimlicher Groll, den Link gegen seine Erzeuger richtete. Weil sie ihn einfach in die Wälder verbannt hatten. Weil sie aus ihm einen Sonderling machten. Und weil er wegen ihnen oft dachte, dass er zur Liebe nicht fähig war…

„Mmh, du bist Waise, kein Wunder, dass du dir eine Familie wünschst“, sagte Will berechnend und hoffte, er hatte seinem Kumpel damit die Laune nicht verdorben. Aber Link sah unendlich geknickt aus. Seine meerblauen Augen schillerten gläsern und er ließ den Kopf ein wenig hängen. Da wusste Will auch, dass er zu weit gegangen war…

„Ich will irgendwann auch mal Familienvater sein“, setzte der Ritterschüler hinzu, weil er spüren konnte, wie unangenehm die Situation für Link war. „Aber dazu brauche ich erst das richtige Mädchen. Ich hatte in Labrynna eine Freundin, aber wir sind ja dann weggezogen. Wäre ich noch dort, hätte ich sie wohl irgendwann geheiratet, sie war ein süßes hellhäutiges Mädchen mit dem Namen Larissa, mit zwei geflochtenen nussbraunen Zöpfen. Sie war ein liebes Mädchen, aber jetzt muss ich erst jemanden kennen lernen. Du hast ja einige Damen zur Auswahl…“

„Das stimmt doch gar nicht“, brachte Link rotwerdend hervor. Aber er konnte darüber nicht lachen. Der Gedanke an einen alten Zorn, der in ihm brodelte, wenn er an seine Eltern dachte, kam aus ihm herausgekrochen wie ein Wurm aus seinem Schlupfloch. Da dachte er lieber an jemanden wie Arn Fearlesst, auch wenn es im Traum war. Link konnte sich nicht vorstellen, dass Arn Fearlesst jemanden im Stich ließ und der Gedanke an jenen Ritter als Vorbild, der sein eigenes Kind wohl niemals in die Wälder geschickt hätte, beruhigte Link.

„Ach nein, und was ist mit Zelda oder Ariana? Und bedenk‘ mal die Mädchen, die dir an der Schule Geschenke gemacht hatten, auch die interessieren sich für dich.“

„Ich finde, du gehst damit zu weit. So einfach ist das nicht…“, murmelte Link genervt und stellte das Portrait der schönen Lady wieder verschönernd auf den Kaminsims. Es war irgendwie angenehm, wenn die Augen jener Frau beobachteten, was vor sich ging. Gemeinsam traten die Jugendlichen aus der Hütte heraus, verriegelten die Tür und tapsten zufrieden, auch wenn Will seinen Wolfshund nicht gesehen hatte, zurück in Richtung der traditionsreichen Ritterschule.

 

Zu jenem Zeitpunkt saß die Prinzessin Hyrules mit runzelnder Stirn, schnaufend und betrübt, in ihrem Arbeitszimmer. Sie sah durcheinander aus, das dachte auch der unscheinbare, zwerghafte Bote, der verzagt in den runden Raum trat, wo sich auf dem antiken Sekretär Zettel, Briefe und Anträge stapelten. Ein offenes Fenster ließ ein wenig trockene Winterluft in das Arbeitszimmer, zerzauste das ohnehin ungepflegte honigblonde Haar der Königstochter und kühlte ihre blassen Wangen rosa an.

„Eure Majestät, ich überbringe wichtige Kunde“, sprach der unscheinbare junge Bote, verbeugte sich hektisch und blinzelte unter seinem einfachen Soldatenhelm hervor.

Zelda erhob sich in ihrer weinroten Robe, seufzte und nahm ohne weitere Worte den Brief an sich, der mit einem großen roten Wachssiegel, dem Falke der Königsfamilie, geschmückt war. Nur Mitglieder der Königsfamilie durften jenes Siegel verwenden. Mit einem leichten Lächeln öffnete Zelda das Siegel und wies ohne weitere Worte den jungen Überbringer der Nachricht an, sich zu entfernen.

Zuerst konnte sie auf dem leeren Pergament nichts entdecken, bis sie einen Zauber, der nur wenigen Hylianern aus der Oberschicht vertraut war, anwendete. Es war ein Schutzmechanismus, der half die Zeilen vor unliebsamen Augen zu kaschieren. Wenn der Schreiber des Briefes diesen Zauber nutzte, um seine Informationen geheim zu halten, schien das Schriftstück wertvoll und bedeutsam zu sein. Sie sprach Formeln in altem Hylianisch, ließ jene Formeln leise ausklingen, bis sich Buchstaben auf dem Pergament manifestierten.

Und schließlich dachte die Prinzessin an denjenigen, der diese eigenwillige, stolze Handschrift nutzte und ihre Gedanken wurden klar. Es war ein Schreiben nur an sie adressiert, von keinem anderen als ihrem Fleisch und Blut, von keinem anderen als Valiant von Hyrule. Sie lächelte noch einmal, ließ sich mit ihrem schweren, roten Gewand in den Lehnsessel zurücksinken und las die Worte bedacht.

 

Meine liebste Zelda,

ich schreibe dir hier von der Grenze aus, hier, wo die Wolken verhangen und düster sind, und das Land arglistig, grau und unfruchtbar. Ich hoffe, der Brief fällt in deine Hände, in deine allein und habe den Brief meinem treusten Boten anvertraut, da ich so manches zu berichten habe, das nicht für fremde Ohren bestimmt ist.

Liebes Cousinchen, du magst dich fragen, warum ich nicht zuerst deinen Vater um Rat frage, nun das hat eine sehr einfache Erklärung. Du weißt, dass ich dein Urteil vor allen anderen wertschätze. Ich möchte deine Einschätzung, deine weise Sicht der Dinge, noch bevor ich mir den Rat deines Vaters einhole. Und vielleicht ist das, was ich zu berichten habe, nicht von so großer Bedeutung um damit an Harkenia heranzutreten.

Tatsache jedoch ist, dass, und diese Sache scheint kaum mehr zu verleugnen zu sein, etwas in Hyrule vor sich geht, auf das die königliche Familie kein Auge hat. Hier an der Grenze ist spürbar, vielleicht mehr als im Innenland, dass Dämonenherden aufgescheucht und unruhig sind, dass der schwarze Handel blüht, auffällig viele Reisende Schutz in Hyrule suchen. Es ist spürbar, dass etwas im Gange ist, das wir kaum verstehen könnten.

Und doch, ja, vielleicht ahnst du es mit deiner einzigartigen Gabe der Vorsehung bereits, fanden ich und meine Ritter eine Spur, die uns Erklärungen für die Angriffe in Hyrule, wie auch den Angriff auf die Ritterschule, welcher wohl ebenfalls bereits an deine Ohren gedrungen ist, geben könnten. Vor wenigen Tagen entdeckten wir eines dieser Nester, wo sich Moblins zielgerichtet organisiert haben. Und durch einen Segen der Göttinnen, konnten wir herausfinden, dass derzeit die Suche nach bestimmten Gegenständen im Dämonenreich an oberster Priorität steht.

Liebste Zelda, ich möchte dich weder beunruhigen, noch dir weitere Aufgaben anvertrauen, wo ich doch weiß, wie viel du auf deine zierlichen Schultern stemmst, und doch müssen wir uns vorbereiten. Vielleicht hast du bereits von den sogenannten ,Dreizehn Schlüsseln‘ erfahren. Wenn nicht, dann lass‘ mich dir berichten, dass diese Gegenstände etwas hüten, etwas versiegeln, das wir nicht auf freiem Fuß wissen sollten, etwas Schauriges, das nicht einmal Dämonen beschreiben möchten. Aus den Mündern der Moblins konnten wir zumindest die Kunde herausbekommen, dass einige dieser Schlüssel in Dämonenbesitz verweilen, konnten aber keinen dieser Gegenstände sichern. Cousinchen, was mich beunruhigt ist, dass Dämonen bereits hinter diesen Schlüsseln her sind, und wir nicht wissen, was diese Schlüssel bewachen und wo. Aber wenn Dämonen weiterhin danach suchen und wir sitzen untätig herum, und jene Bestien haben Erfolg mit der Suche, wird das für Hyrule in einer Katastrophe enden, zumindest ist es das, was Informanten und Moblins auf der Schlachtbank berichten. Ich bitte dich, Zelda, wenn Dämonen nach diesen Schlüsseln suchen, sollten wir dies ebenfalls. Es wäre günstig, wenn wir diese Gegenstände vor dem Abschaum Hyrules in die Finger kriegen könnten.

Es liegt mir fern, dir Sorgen zu bereiten, aber Hyrules Sicherheit steht für mich an oberster Stelle und nur du bist in der Lage herauszufinden, wo diese Schlüssel ruhen. Du hast schon immer die Gabe der Vorsehung gehabt, konntest weise entscheiden. Und auch jetzt vertraue ich auf dich, Cousinchen. Hilf‘ mir bei der Suche der Schlüssel, nur das kann uns im Augenblick Sicherheit garantieren. Sicherheit für unser blühendes Hyrules und Frieden für das Land, das uns in die Hände gelegt wurde.

Ich erbitte deine Antwort in kurzer Zeit. Und achte auf dich, Cousinchen. Wir wissen nicht, wem wir trauen können, umso mehr sorge ich mich um dein und Harkenias Wohl.

Die liebsten Grüße

Valiant

 

Zelda seufzte, rieb sich die Stirn und strich sich über ihre von schwerer Wolle bedeckten Arme, bis sie sich erhob und das Fenster schließen wollte. Ein Blick aus traurigen, himmelblauen Augen ging hinaus über die weite, in dichtem Nebel liegende Steppenlandschaft. Von hier oben aus, schien es fast, als hing eine zerklüftete graue Robe über Hyrule und nur das Haus der Regenten strahlte über das dunkle, gefährliche Grau, die Masse, die Hyrule in Nebel hüllte… eine erstickende Substanz, die das Licht verschluckte und Visionen von der Zukunft unmöglich machten…

Genauso war die Situation in ihrem geliebten Land für sie… Weiter zu sehen, die Zukunft zu erahnen, eine mehr oder weniger geartete Gabe der Vorsehung zu nutzen, all‘ dies lag für sie im Nebel…

Valiant sprach von ihrer Fähigkeit weise zu entscheiden. Valiant sprach von den Möglichkeiten, die sie als Prinzessin des Schicksals doch hatte. Er vertraute auf ihre Visionen. Wie enttäuscht würde er sein, wenn er erdulden musste, dass die besondere Fähigkeit seiner Cousine, zerrüttet war, leer war, und vergessen war. Denn Zelda konnte kaum mehr auf ihre Visionen vertrauen, spürte die Zukunft nicht so wie früher, und fürchtete sich vor einem Blick in ihre eigene Seele. Sie hatte sich in den letzten Wochen zu viel aufgebürdet, Ereignisse in die Wege geleitet, die nicht einmal ihr Vater ahnte, und selbst wenn er es wissen würde, er könnte es kaum verstehen. Seine Tochter hatte etwas verloren, das mit nichts ersetzt werden konnte… und mit dem Verlust eines Herzenssplitters verlor sie auch ihre Fähigkeiten…

Und schließlich konnte sie Valiant kaum begreiflich machen, was sie von seinen Absichten hielt. Sie ahnte, dass es unklug wäre, die dreizehn Schlüssel zusammen zu bringen, und doch war auch sein Argument nicht ohne. Wenn die königliche Familie die Schlüssel nicht aufspüren konnte, würden es Dämonen mit Sicherheit, und auf längere Sicht, tun.

Sie schloss die Augen, verriegelte lärmend das Fenster und traf einen Entschluss, der sie schon einmal in schwierige Situationen gebracht hatte. Schon einmal hatte sie mit unüberlegten Handlungen das Chaos heraufbeschworen. Aber vielleicht musste es, mit Hinblick auf keine anderen Möglichkeiten, mit Hinblick auf eine Chance, zu eben besagtem Chaos kommen…

Mit zitternder Hand tauchte die Prinzessin ihre goldene Feder in das schwarze Tintenfässchen und setzte ein Schriftstück für Valiant auf. Es war an der Zeit in die Geschehnisse einzugreifen. Es war an der Zeit ebenfalls nach den dreizehn Schlüsseln zu suchen, unabhängig davon, wie gefährlich dies auch sein würde…

 

Während Link und Will ihren Weg über die Steppe beschritten, und als am nebelverhangenen Horizont die Türme der Ritterschule und jene der Mädchenakademie sichtbar waren, rieselten erneut Schneeflocken nieder, benetzten die Köpfe der Fünfzehnjährigen.

„Ariana hat schon wieder Hausarrest, was?“, sprach der Laundry und kratzte sich an seiner Stirn und schnaufte wegen der Kälte. Er zitterte unkontrollierbar, dachte an Labrynna. So kalt wie im Norden Hyrules war es in Labrynna nie gewesen. „Du sag‘ mal, ehrlich jetzt, was hältst du von der Schmiedstochter? Findest du sie nicht auch etwas merkwürdig?“

Link hatte beinahe mit der Frage gerechnet, denn auch er machte sich Gedanken um den schwarzhaarigen Wildfang und ihre verrückte und doch herzensgute Art und Weise mit anderen Hylianern umzugehen. Und teilweise musste sich Link eingestehen, dass er ihre Anwesenheit, seitdem sie dauernd Hausarrest hatte, irgendwie… vermisste…

Er hielt inne, spürte angesichts einer zunehmenden Nervosität die Kälte kaum mehr und hörte sein Blut in den Ohren rauschen. „Ich muss mich irgendwie bei ihr bedanken… sie hat mir… gut getan…“, sprach er durcheinander und sprach er, obwohl er dies nicht sagen wollte. Er schlug sich gegen seine halbzugefrorene Stirn, wollte sich am liebsten im Schnee vergraben, weil er das zugegeben hatte.

„Schenk‘ ihr ein paar Blumen, darüber freuen sich Mädchen doch immer“, entgegnete Will.

„Aber sie ist kein gewöhnliches Mädchen, sie würde sich wohl über einen Bogen oder ein Schwert mehr freuen als über Blumen…“ Link lachte befreiend auf angesichts des Gedanken. Ja, in der Tat. Sie war genauso ungewöhnlich wie Zelda… Das musste der Grund sein, entschied er, dass er sich von ihr wie magisch angezogen fühlte.

Und gerade da wurde der Laundryjunge fuchsrot im Gesicht, so auffällig, dass es auch Link bemerkte. Peinlich berührt schien er eine weitere Frage auf dem Herzen zu haben. „Du sag‘ mal, hast du eigentlich schon… nun ja… ist vielleicht eine peinliche Frage. Aber hast du schon mit einem Mädchen geschlafen?“, sprach Will stotternd, trat in einen tiefen Schneehaufen und verlor beinahe seine gefütterten Lederstiefel, als er weitereilen wollte. „Vielleicht mit Ariana oder Zelda?“

Link kratzte sich dusslig am Kopf und verstand die Frage nicht. Wie sollte er die Frage auch verstehen, wo er die verschiedensten Zeitpunkte verpasst hatte, etwas über körperliche Vereinigungen zu erfahren. „Was meinst du damit?“

„Naja… halt… das, was Erwachsene machen, wenn sie Kinder zeugen wollen.“

„Mmh…“

„Das ist ja dann auch notwendig, wenn man eine Familie gründen will.“

„Äh…“

„Außerdem soll es echt Spaß machen…“, sprach Will nervös. „Das haben Artus und Robin erzählt, obwohl ich denen nicht abkaufe, dass sie das schon gemacht haben.“

„Öhm…“ Link kratzte sich an einer Augenbraue und fragte sich, was daran Spaß machen sollte mit einem Mädchen in einem Bett zu schlafen. Er hatte in der alternativen Zeit öfters davon gehört, dass Hylianer, vor allem Eheleute, gemeinsam ins Bett gingen, und hatte auch die Gerudo über das Thema Beischlaf reden gehört. Allerdings konnte er sich darunter noch immer nichts vorstellen, bis er an seine Träume mit Zelda dachte…

Er wurde fiebrig rot im Gesicht, begann zu schwitzen, dass er Sorge hatte, der Schnee auf der sandigen Straße wurde von seiner plötzlichen körperlichen Hitze geschmolzen.

„Naja und Mädchen können doch wirklich wunderschön aussehen und stell‘ dir Zelda oder Ariana doch mal nackt vor“, meinte Will, blickte grinsend in die Höhe und in seinen smaragdgrünen Augen funkelten Schamgefühle, aber auch Neugier. Er dachte an gewisse weibliche Reize und lachte frei heraus.

Panisch stiefelte Link vorwärts, versuchte sich von der Vorstellung einer nackten Zelda in seinem Bett abzulenken, aber schaffte dies kaum. „Kannst du nicht aufhören darüber zu reden, das ist ja grausam!“, brüllte Link und drehte sich mit schambesudelter Mimik zu seinem Kumpel um.

„Warum?“, meinte Will und zwinkerte. „Es gibt ja kaum einen Jungen, es sei denn er interessiert sich für Männer, der nicht Interesse an diesem Thema hat.“

„Weil es…“, aber Link fand keine passende Ausrede.

„Sag‘ bloß, du hast kein Interesse daran mit Zelda zu schlafen?“, bohrte Will nach.

Aber auch diesmal antwortete Link nicht und blickte benommen zu seinen Füßen. Doch, irgendwie hatte er schon Interesse daran… zumindest auf die unschuldige Weise, die er sich vorstellte. Und weil es schön war mit Zelda zusammen zu sein…

Nur war das seit ihrem Streit kein Thema mehr. Er hatte sie enttäuscht mit einem kindischen Trotzkopf, mit entehrenden Behauptungen, die gnadenlos über seine Lippen geschossen waren, wo sollte er dann noch daran glauben, dass sie seine Nähe wollte und bei ihm schlafen wollte…

„Wie kann man mit einer heißen Lady wie Zelda nicht schlafen wollen“, sprach der Laundry perplex, stellte sich herausfordernd vor Link und musterte ihn ungläubig. Sein schmales Gesicht war mittlerweile rotgekühlt, seine grünen Augen von der Kälte angefeuchtet. „Die hat einen Körper wie eine Göttin, das muss dir doch aufgefallen sein, und ein Gesicht wie eine Fee.“

Link brüllte seine Verlegenheit mit einem Schrei heraus, zog sich an den blonden Haaren und versuchte die heftigen, erregenden Bilder aus seinen Träumen zur Seite zu schieben, funktionierte nur nicht so, wie er wollte. „Bei Farore, kannst du damit nicht aufhören, Will!“, schimpfte Link verzweifelt. Er wollte nicht, dass sein Körper wegen den Gedanken an eine nackte Zelda verrücktspielte.

Will lachte wie ein Gorone, lautstark und brummig, hielt sich die Hände an den Wanst und klopfte seinem Freund auf die Schulter. „Ist ja schon gut, ich habe ohnehin meine Antwort.“ Er grinste und setzte, bevor Link darauf eingehen konnte, hinzu: „Was anderes, hast du denn ein Geschenk für deine Prinzessin, ich meine für das Fest der Nayru?“

,Das war eine gute Frage‘, dachte Link. Man musste wissen, dass die Hylianer vor allem drei bedeutsame Feiertage in ihrem Kalender hatten. Da wäre zum einen das Fest der Göttin Din, welches man auch als Dins Reifung bezeichnete. Es war ein alter Brauch, der dem Feuer des Lebens gewidmet war. Überall in Hyrule wurden an diesem Tag Feuer gezündet, und jene Feuer, die hoch in den Himmel schlugen, sollten die Lebenslichter der hylianischen Gesellschaft anfachen und der Göttin Din huldigen. Man erzählte sich, jener Tag, der in dem letzten Sommermonat stattfand, stärke die Lebensenergie der Hylianer. Dann war da Nayrus Geburt, das Fest, an dem sich Hylianer beschenkten. Es sollte die Bande der Liebe mit bedachten Geschenken stärken und den Zusammenhalt im Volk. Und als dritten bedeutsamen Tag im Jahr fand Farores Ruheschlaf statt. Ganz Hyrule genoss an diesem Tag Stunden voller Ruhe und Harmonie, und es war jene Zeit, da man den Ahnen gedachte.

Link nickte verlegen. Ja, er hatte ein Geschenk für Zelda… Aber er würde es dem Laundry nicht verraten, dafür war es nicht perfekt genug. Er hatte sich bemüht etwas für die Prinzessin zu basteln, genauso wie Will es ihm gezeigt hatte. Er hatte begonnen einen Adler oder Falken aus Holz zu schnitzen, und war selbst überrascht, dass er es tatsächlich einigermaßen geschafft hatte. Zelda liebte jene Kaiser der Lüfte, es war etwas, mit dem er ihr eine Freude machen konnte… nur fragte sich der vergessene Heroe, ob er ihr dies nach den ganzen Missverständnissen überhaupt noch schenken durfte. Hatte er noch das Recht der Prinzessin an diesem Tag seine Aufwartung zu machen? Nachdem er sie so sehr mit seinen Worten gekränkt hatte?

„Ich bin mir noch nicht sicher, ob ich ihr das schenken kann, was ich im Sinn habe“, erklärte Link leise. Noch immer fühlte er sich beschämt wegen Wills Kommentaren und schuldig, weil er Zelda vor kurzen so angefahren und abgewiesen hatte.

„Nun, du hast ja noch etwas Zeit dir das zu überlegen. Aber lass‘ dir nicht ewig Zeit. Eine Prinzessin sollte man nicht verschmähen.“

„Ich weiß…“

„Na dann, obwohl ich mir vorstellen kann, wie schwierig es sein kann etwas für jemanden zu finden, der ohnehin alles hat, was man sich vorstellen kann. Die Königsfamilie soll eine riesige Schatzkammer haben.“

„Deswegen überlege ich ja… Zelda sollte etwas bekommen, dessen Wert nicht mit Rubinen auszudrücken ist.“

Will nickte. „Es sollte von Herzen kommen und nicht so wirken, als wolltest du dafür ebenfalls etwas.“

„Ja, das ist richtig…“

Doch da kam dem Laundry ein aufheiternder Gedanke. „Andererseits… Wenn du ihr etwas Tolles schenkst, kriegst du vielleicht eine Belohnung und sie schläft erst recht mit dir“, lachte Will aufhetzend und hüpfte kichernd weiter.

„Argh, Will!“, fauchte Link entgeistert, spürte seinen Herzschlag bis in der Kehle und stapfte  weiter, beugte sich nieder und formte einen Schneeball, den er dem heftig lachenden Laundry an den Hinterkopf knallte. Will sank so breit wie er war nieder, kugelte sich weiterhin vor Lachen und war durch Links Schneeballgeschosse keinesfalls zu beeindrucken. Er lachte, bis er den zornglühenden Blick in Links Gesicht sah. Erst dann verstummte er, wissend, diese Diskussion war peinlich genug gewesen…

 

Schweigend tapsten die Ritterschüler vorwärts, fragten sich, warum sie über so etwas Peinliches überhaupt geredet hatten und versuchten sich im Schutz des Nebels so schnell wie möglich in Richtung der Schule zu bewegen. Als sie auf der breiten Handelsstraße liefen, und nahe des Waldes das Kreischen der Steppenkrähen eine schaurige Symphonie anstimmte, waren da draußen im Nebel noch andere Geräusche, die die beiden Hylianer verwunderten. Immer lauter werdend, von Schnelligkeit und Ungeduld erzählend, schienen an die Fünfzig Hufe sich zielgerichtet vorwärts zu bewegen. Und da waren Stimmen, freundliche, gemischt mit unzufriedenen.

„Was mag das sein?“, murmelte Will, zog sich seinen wärmenden Wollmantel enger und musste plötzlich niesen.

„Das sind keine gewöhnlichen Hufgeräusche“, entgegnete Link, schloss die Augen und spürte mit seinen Hylianerohren in die Geräusche hinein. Tatsächlich war da ein leises Klirren, das die hetzenden Laute der Hufe begleitete. Es hörte sich an wie feine Glöckchen, die im Schnee wirbelten, wie die straffen Sehnen einer Gitarre, die gerade gezupft wurden. Wie eine rauschende Welle war da draußen außerdem ein Knacken und mitten in den Stimmen konnten Anwesende einem eigenwilligen Gesang lauschen, eine Melodie in einem Hylianisch, das einen aufbauschenden, langgezerrten, aber runden Dialekt hatte.

Überrascht blieben die beiden Ritterschüler auf dem Weg stehen, als aus dem dichten Schutz des Waldes und der weißen Nebelgewänder die ersten Reiter einer großen Gesellschaft reitend auf Geschöpfen mit silbernem Fell, ähnlich starken Pferden und doch waren es keine, erschienen. Drei Reiter wurden vom Nebel preisgegeben. Und sie alle ließen sich mit ihren würdevollen, glattpolierten Rüstungen, weißlich schimmernd wie Schneestahl, tragen von muskulösen Tieren, die wie Pferde aussahen aber ein entscheidendes ungewöhnliches Detail auf den langen, schmalen Köpfen trugen. Jedes stolze Getier mit den silbernen Mähnen, besaß ein Geweih, auf welches dunkle Symbole aufgemalt waren. Stolz ritten die Kämpfer näher auf jenen starken Geschöpfen, die es nur weit entfernt des großen hylianischen Kontinents gab. Nur auf Hyladién gab es jene Wesen, die schneller galoppieren konnten als gewöhnliche Pferde. Man nannte sie Silberschneehirsche, eine Brut, so sagte man, die einst von Göttern geritten worden wäre.

Wills grüne Augen wurden riesig, als er die pferdeähnlichen Reittiere bewunderte. Er konnte kaum etwas zu Link sagen, als sich aus den Verborgenheit schaffenden Wäldern und dem schützenden Nebel weitere Gebilde zeigten. Da waren mehrere Kutschen, rundlich mit großen Rädern aus einem glitzernden Metall, Karren mit Koffern und allen möglichen Kisten, Waffen und Nahrung, Säcke und Kleidung, über Hundert Ritter und Soldaten auf den stolzen Hirschen der nördlichen Insel. Behände, als schwebte die kleine Gesellschaft leichtfertig über den Schnee, zogen die vielen Hylianer weiter, nahmen allesamt die breite Handelsstraße ein, auf der Link und Will verzückt das Geschehen beobachteten.

„Weicht zurück, junge Burschen, weicht zurück vor dem Adel Hyladiéns“, rief einer der drei Reiter der vordersten Front, jener drei Krieger, die zuerst in das Gesichtsfeld der Jungen gerückt waren. Er war ein großer, langer Mann, der einen silberfunkelnden Helm auf dem Kopf präsentierte, und aufbrausend vor den beiden Burschen thronte. „Ihr blockiert die Handelsstraße!“ Sein weißer Hirsch bäumte sich auf, blieb dennoch stumm und nur seine klirrenden Hufe donnerten im Schnee. Sein langer, pechschwarzer Umhang, wo mehrere kämpfende Hirsche aufgestickt waren, flatterte im kalten Wind, als er sich darbot.

Noch ehe Link und Will entsprechend reagieren, sich aus ihrem hypnotisierendem Erstaunen lösen konnten, schnellten die Kutschen, Karren und Reiter näher, bis die beiden mit überraschten Schreien aus ihren Kehlen von der Straße sprangen. Perplex saßen der Held der Zeit und sein Freund im Schnee und beobachteten die Gesellschaft aus Hyladién in Richtung der Hauptstadt weiterreisen.

Die größte Kutsche fuhr in dem Moment geschmeidig an den beiden vorbei, ein Gefährt, rund und doppelt so hoch wie die anderen, mit zwei Stockwerken und mehreren Fächern. Die Kutsche war geschmückt mit Bannern aus Hyladién, einem weißen Pferd mit Geweih auf dunklem Untergrund, und bemalt mit eigenartigen Blättern und Blütenköpfen. Gerade da steckte jemand seinen Kopf aus einem der runden Fenster, ein gepudertes Gesicht war erkennbar, ehrenwert, mit dunklem, lilaschimmerndem Haar, aber zu kurz um ihn wirklich zu erkennen und sich einzuprägen. Aber ein hohnartiges Lachen, dreist und amüsiert, war ein Markenzeichen eines Menschen, das man nicht vergaß. „Passt das nächste Mal besser auf, dämliche Fratzen!“, lachte er. Mit raschem Tempo sausten die Reisenden weiter bis am Horizont die klirrenden Hufe der Silberschneehirsche im Nebel untergingen…

 

Mit Neugierde und Aufregung diskutierten Will und Link über ihre Beobachtung der Adligen aus Hyladién, als sie sich vorsichtig zurück in die Schule begaben. Das dichte, eisige Nebelgewand über der Steppe schien sich noch weiter zu verdichten, wirkte wie Zuckerguss vor den Sinnen und machte das Auskundschaften der nahen Umgebung immer unmöglicher. Link hatte Mühe den aufgeregten Will, der von nichts anderem als den Rössern aus Hyladién reden konnte, im dichten Nebel zu erspähen.

„Das war gigantisch“, meinte Will begeistert und trat als erster in Richtung des kleinen Tors in der Mauer. „Ich hätte nicht gedacht, dass die Silberschneehirsche der nördlichen Insel so wunderschön sind.“ Er schien genauso wenig wie Link darauf zu achten, sich möglichst vorsichtig zu verhalten und leise zu bleiben. Denn die Wachposten an der Schule waren geübt. Erst letzte Woche waren einige Schüler dabei erwischt worden sich heimlich aus dem Schulkomplex zu stehlen.

Will kicherte: „Das war krass. Hast du diesen riesigen Ritter gesehen, mit dem edlen Wams und der massiven Rüstung. Er hatte das wohl muskulöseste Reittier überhaupt. Wenn ich einmal Ritter bin, will ich auch ein solch prächtiges Ross haben und so edel wirken.“ Der Laundry war so fasziniert, dass er nicht sofort auf Links warnende Zeichen achtete. Denn Link ahnte, dass sie beide sich etwas beeilen sollten. Um Ruhe bittend führte der vergessene Held einen Zeigefinger an seine nassgekühlten Lippen und tippte seinem Freund auf die Schulter.

„Was’n los?“, sprach Will, als sie beide vor dem versteckten Türchen ins Innere der Schule standen.

„Jetzt rede leiser, Will“, wisperte Link und hatte das Gefühl, dass sie beide beobachtet wurden. Plötzlich wirbelte Link herum, fasste mit der linken Hand an den Griff seines Schwertes und trat im dichten Nebelgewand, das sie nicht einmal die eigenen Hände erblicken ließ, einen Meter weiter. Ganz unscheinbar, versteckt, wie ein geübter Wanderer durch den Nebel, verbarg sich jemand in der Nähe von Will und Link, nutzte vielleicht dieselbe Pforte um sich hinaus in die Freiheit zu stehlen. Mit einer raschen Bewegung, einer Attacke gleich, setzte Link dem Wesen, das versuchte sich unscheinbar durch den Nebel zu bewegen, die Klinge an die Kehle, packte den scheinbaren Feind am wolligen Kragen und rang ihn in Sekundenschnelle zu Boden. Ein krachender Schrei glitt durch die Luft und entzweite den Nebel, machte deutlich, dass es kein Feind war, der ebenfalls durch den Nebel gewandert war. Es war ein Mädchen, dem Link und Will bereits begegnet waren. Eine Dame, die kaum Achtung und Respekt an der Schule besaß.

„Lass‘ mich los!“, rief sie mit Angst in der Stimme. „Meine Güte! Ich wollte doch nur zurück in die Schule!“

Link blinzelte, richtete sich auf und erkannte in dem miesen Wetter Ansätze der Mädchengestalt. Sie war kräftig gebaut, leicht muskulös und reif, besaß langes, rotes Haar bis zu den Schultern, zwei ungleiche Augen, und er vernahm eine trübsinnige, etwas unsichere Stimme, die er erst nach langem Überlegen seinem Besitzer zuordnen konnte. Er hatte diese Mädchenstimme am Fest der Ritter gehört, und auch dann, als er in Viktors Büro herumgeschnüffelt war.

Und als sie, eingepackt in einen verfilzten, grauen Umhang, nähertrat, erkannte auch Will das Mädchen, mit dem er seltsamerweise immer wieder komische Begegnungen hatte. Es war die Halbgerudo Midnehret, die ihn beleidigt hatte, die ihn als ,naja‘ Mann bezeichnet hatte. Ihre gemeine Herabwürdigung spiegelte sich noch immer als Beleidigung in Wills grünen Augen. „Bei Nayru, nicht du schon wieder…“, murmelte er und drehte sich weg.

„Pft… das könnte ich jawohl auch zu dir sagen“, entgegnete sie. „Was macht ihr beide denn hier im Freien? Die Ritterschüler haben doch das Verbot die Schule ohne Lehrpersonal zu verlassen, nicht?“ Sie zitterte und ihre Stimme war belegt, obwohl sie versuchte sich vor den beiden Schülern zu behaupten.

„Auch das könnten wir wohl dich fragen. Du bist Putzfrau an der Schule, auch du solltest das Gebäude nicht ohne Begleitung verlassen“, meinte Will schnippisch.

„Ich weiß… aber das geht dich nichts an“, meinte sie und blickte nervös ums sich.

„Wie schön, damit sind wir mal ausnahmsweise einer Meinung“, erwiderte der Laundry murrend. Seit diese Midnehret ihm über den Weg gelaufen war, nervte sie ihn. Ihre ganze Art und Weise und diese dummen Bemerkungen musste doch jemand zurechtstutzten. Sicherlich, er war nicht jemand, der über andere herzog, er war eigentlich überzeugt ein aufrichtiger Hylianer zu sein, aber diese Halbgerudo wusste einfach nicht, was Anstand war, und sie hatte nicht das Recht solche gemeinen Dinge zu sagen! Nicht zu einem Laundry!

„Wie auch immer“, versuchte Link zu schlichten. „Wir müssen alle zurück in die Schule, nicht wahr?“ Er wollte mit solchen Streitereien nichts zu tun haben und hielt sich heraus. Kopfschüttelnd, weil er nicht verstand, warum Midnehret und Will ein solches Drama veranstalteten, trat Link näher an das versteckte Türchen und schob die Pforte lediglich ein Stückchen auf, als ihn ein paar kräftige, dunkle Augen von der Innenseite der Pforte bedrohlich musterten. Link wich im ersten Augenblick die Farbe aus dem Gesicht und er stolperte rückwärts, landete vor Schreck im kalten Schneematsch auf dem Hosenboden.

„Hahaha… wen haben wir denn da?“, lachte eine quietschende Stimme. Ein hinterhältiger Humor und eine genießende Überlegenheit sprachen aus der Stimme eines Lehrers, der auf eine solche Gelegenheit gewartet hatte.

Link wischte sich über seine Augen, ärgerte sich, dass er zwar Midnehrets Anwesenheit, aber nicht die von Viktor wahrgenommen hatte, wurde immer blasser im ansehnlichen Heldengesicht, genauso wie Will und Midnehret, die beide dreinblickten wie Gespenster.

Vor ihnen stand Sir Viktor mit dickem, fleckigem Wams, das er sich in Eile über den Oberkörper gezogen hatte. Sein dürres, blondes Haar hing verklebt über seinen Schultern, die von nassem Schnee bedeckt waren. Er sah zufrieden aus, grinste überheblich, sodass sich die Falten immer tiefer in sein verbrauchtes Lächeln gruben.

„Sieh‘ einer an, das Heldchen mit dem Versager Laundry und der Hure, die glaubt, sie könnte ein anständiges Mädchen werden.“ Der Schuldirektor klapperte mit seinen Stiefeln und kratzte sich mit einigen Fingernägeln Essensreste aus den Zahnlücken. „Wen von euch soll ich zuerst darüber belehren, dass man sich an die Schulregeln zu halten hat?“

„Sir Viktor, ich bitte Euch, das ist ganz anders gewesen“, begann Will in Erklärungsnot. Die Tatsache, dass der Direktor ihn und Link ohne zu Zögern von der Schule werfen konnte, ließ ihn zappelig werden.

„Ihr wisst beide, was es heißt, sich den Regeln zu widersetzen!“, donnerte seine Stimme umher, ließ beinahe den Nebel zurückweichen. „Ich werde euch wegen Regelverstoß von der Schule schmeißen.“ Er lachte schäkernd, verschränkte die Arme und hielt sich vor erregtem Glucksen eine Hand vor den Mund.

„Sie haben sich den Regeln nicht widersetzt, das war ich“, begann Midnehret und trat mit schlotternden Knien vor den Lehrer. Sie hatte Angst und Respekt vor jedem Mann, dem sie bisher begegnet war. Und sie hatte noch nie das Wort gegen einen Kerl erhoben, der sich an ihr vergangen hatte. Aber sie wollte ihr Leben ändern, ein anderer Mensch sein, als der, den die Welt aus ihr gemacht hatte. Sie wollte sie selbst sein, das Feuer der Gerudos in sich erkennen, auch wenn ihr Blut unrein und sündenvoll war. Wie sollte sie ein neues Leben beginnen, wenn sie sich nicht behauptete?

Link und Will sahen das rotgelockte Mädchen mit Verwirrung und Verwunderung zugleich an. „Ah ja?“, fragte Will und erhielt einen Tritt von Midnehret auf den rechten Fuß. Die feinen Muskeln in seinem Gesicht zuckten vor Schmerz, bis er verstand, den Mund zu halten.

„Ich habe die Schule durch dieses Tor verlassen, Link und Will wollten mich lediglich daran hindern und haben damit ritterlich ihre Pflicht getan. Die beiden trifft keine Schuld“, sprach sie zittrig und beobachtete mit Herzrasen das amüsierte Kopfschütteln von Sir Viktor. Nervös strich sie ihr gelocktes, volles Haar zurück und war bereit für eine verbale Gemeinheit oder einen Schlag ins Gesicht. Das kannte sie ohnehin von Sir Viktor.

„Du kleines, schmutziges Ding, glaubst du, nur weil du anfängst andere in Schutz zu nehmen, vergibt dir Destinia dein frevelhaftes Leben als Hure? Du bist Dreck und wirst Dreck bleiben.“

„Dann lieber Dreck als ein Spielzeug für noch dreckigere Ritter…“, sprach sie und biss sich sogleich auf ihre großen, roten Lippen. Es stand ihr nicht zu, diese Dinge zu sagen. Und es waren eigentlich nicht ihre Worte. Es waren die Worte eines Mädchens, das ihr beigebracht hatte sich zu wehren…

„Das hast du nicht umsonst gesagt!“, donnerte Viktors schiefe Stimme umher. Midnehret kniff die Augen zusammen, bereit für eine knochige Faust in ihrem Gesicht, aber der Schlag blieb aus. Als sie die Augen öffnete, standen Will und Link vor ihr, blickten Viktor giftig an.

„Habt ihr nicht gehört, was sie gesagt hat“, sprach Link befehlend. „Es gibt hier nichts zu klären für Euch, Viktor.“ Mit einem auffordernden Nicken deutete der vergessene Heroe in Richtung Schulinnenhof. „Keiner von uns ist auf der Steppe, es ist nicht so, dass Ihr uns auf der Steppe erwischt habt, nicht wahr?“

Viktor spuckte trockenen Schleim neben Link zu Boden, brummte etwas vor sich hin.

„Ihr entschuldigt, wir würden dann gerne am Unterricht teilnehmen“, meinte William Laundry und grinste genauso dämlich und siegessicher wie Link.

Gerade da marschierte ein junger Soldat, jener breite, kleine Kerl, der Link beim Spionieren am Morgen erwischt hatte um die Ecke des Gebäudes, schien dringend wichtige Dinge mit Viktor besprechen zu haben. „Herr Schuldirektor, Heagen ist hier um seinen kranken Sohn abzuholen, ihr solltest so schnell wie möglich in den Saal kommen.“

Mit einem bedrohlichen Funkeln in seinen dunklen Augen wand sich der blonde Direktor um seine Achse, ließ seinen Blick noch einmal zu den tiefblauen Seelenspiegeln des Helden der Zeit wandern. „Ich krieg‘ dich noch, Satansbraten… so war ich hier stehe…“, knurrte er, bis er mit dem Soldat in das Schulgebäude eintrat.

 

„Das war ja mal nervenaufreibend“, murmelte Will und atmete tief durch. Er konnte kaum glauben, dass sie beide einem Schulverweis entgangen waren, und das mit der Unterstützung einer Hure, die völlig selbstlos gehandelt hatte. Mit großen grünen Augen blickte Will in die unsicheren, ungleichen der Halbgerudo. Nachdem er sich ihr gegenüber wie ein Idiot aufgeführt hatte, fühlte er sich etwas unwohl ausgerechnet von ihr aus einem fiesen Schlammassel herausgeholt worden zu sein.

„Ein Danke wäre nicht schlecht“, sprach die junge Halbgerudo und funkelte den Laundry mit ihren großen, roten Wimpern an. „Naja-Mann“, setzte sie schäkernd hinzu. Sie versuchte es sich nicht anmerken zu lassen, aber sie war sichtlich nervös nach ihrer Behauptung vor Viktor. Ihre Knie schlotterten und sie schwitzte.

Will entging ihre Nervosität nicht und er hatte nach der haarscharfen Situation nicht mehr den Nerv sich erneut provozieren zu lassen. Er war dankbar genug, dass er seinen Eltern ein Ausscheiden aus der Ritterschule nicht beibringen musste. Er grinste nur erleichtert.

„Warum hast du uns eigentlich geholfen?“, sagte Link und trat mit den beiden in Richtung des Innenhofs.

„Weil du so wunderbar Okarina spielst…“, meinte sie verlegen. „Und weil Ariana meinte, ihr beide seid gute Kerle…“

„Ariana?“

„Jap, sie ist wohl das Beste, was die Mädchenschule zu bieten hat“, sprach Midnehret begeistert. „Sie ist wundervoll und hat eine so graziöse Figur. Ich mag ihr langes, weiches Haar und ihre natürliche Eleganz. Außerdem kann sie so toll argumentieren, lässt sich ihren Mund nicht verbieten, ist temperamentvoll und eigensinnig, genauso wie ich gerne sein würde.“ Es klang beinahe so, als hatte Midnehret ihre Göttin gefunden, die sie auf ewig anbeten konnte. Ariana schien ihr beinahe den Kopf verdreht zu haben…

„Du solltest nicht versuchen jemanden zu kopieren“, meinte der Laundry. „Jeder hat seinen eigenen Wert.“ Er verschränkte die Arme und bewies erneut die Tugenden seiner Familie. Ein Laundry erkannte solche Muster. Ein Laundry kannte den Wert von Moral und Ordnung.

Mit ihren ungleichen Augen schaute sie betroffen in die grünschillernden des Ritterschülers und blickte beschämt nieder. „Ja, vielleicht… aber ich mag Ariana sehr“, meinte sie abwinkend. „Naja-Mann…“, setzte sie kleinlaut hinzu.

„Bist du nun endlich fertig mit deinen Provokationen?“ Will schüttelte den Kopf und versuchte ruhig zu bleiben, so wie es seine Vorfahren in brenzligen Situationen getan hatten.

„Ja, ich denke schon“, entgegnete sie zwinkernd und deutete zu den aufgeregten Schülern im Innenhof. Erst jetzt schienen Link und Will zu bemerken, dass der Trubel im Innenhof tatsächlich ungewöhnlich war. Sowohl Mädchen mit dicken Wollmänteln wie auch scharenweise Ritterschüler in ihren pechschwarzen Rüstungen standen aufgeregt diskutierend vor dem Schulgebäude. Selbst die älteren Schüler hatten ihre Fechtstunden beendet und blickten neugierig in Richtung des Haupteingangs. Sogar einige Ritter standen aufgereiht vor dem Haupteingang. Eine große Kutsche mit Karren und Koffern war durch den Schneematsch in den Innenhof geführt worden. Zwei schwarze Warmblüter waren an die Kutsche gespannt, schabten schwerfällig mit ihren Hufen, prusteten und zeigten ihre gelben Zähne beim Wiehern.

„Was ist denn hier los?“, meinte Link verwundert, hoffte insgeheim, dass die Diskussionen sich nicht erneut um ihn drehten.

„Ihr habt das noch nicht mitbekommen, weil ihr nicht hier wart, was?“, erklärte die Halbgerudo. „Aber ein Schüler Namens Mondrik Heagen wurde ziemlich übel zusammengeschlagen.“

„Wie bitte?“, murmelte der vergessene Heroe, konnte die Worte kaum glauben und wurde erneut fahl im Gesicht. „Mondrik wurde verprügelt?“ Er packte Midnehret an ihren Schultern, blickte sie entgeistert an und ließ sie augenblicklich wieder los.

„Ja, du hast richtig gehört“, entgegnete sie. „Er wurde windelweich gekloppt, seine Stirn wurde zerschnitten und er soll in einem Zustand geistiger Benommenheit mit seinem eigenen Blut das Wort ,Held‘ an die Wand geschrieben haben. Echt gruselig, nicht? Manche sagen: vielleicht war es ein Hilferuf an einen Helden oder der Held hat ihn zusammengeschlagen.“

„Das ist ja ungeheuerlich, ich habe… ich meine, der Held würde Mondrik Heagen niemals verprügeln…“, sprach Link nervös und richtete seine Augen zu dem Haupteingang, wo gerade besagter Jüngling auf einer Pritsche hinaus transportiert wurde. Er hatte einige Bandagen im Gesicht, schien bewusstlos zu sein. Neben ihm trat ein gutaussehender, wenn auch leichte dicklicher Ritter mit langem Pferdeschwanz, in das er seine dunkelbraunen Locken gebunden hatte, und eine stattliche, sicherlich teure Rüstung umhüllte ihn. Auf dem glattpolierten Stahl seines Brustpanzers war der königliche Falke aufgemalt. Und der kräftige Mann hielt die Hand des Jungen inständig, hatte einen mitfühlenden Ausdruck der Anteilnahme in seinem jugendlich wirkenden Gesicht, wo die Ähnlichkeit zu Mondrik erkennbar war. Die gleichen großen Augen mit hervorstechenden, dunklen Wimpern. Und die gleiche runde Nase. Das musste der Ritter Heagen sein, der seinen Sohn heim holte. Und neben ihm lief Olindara Heagen, die korpulente Zwillingsschwester des Burschen, mit verweintem Gesicht.

„Ich frage mich, warum er überhaupt zusammengeschlagen wurde“, meinte Will. Mit besorgtem Blick musterte er Midnehret eindringlicher. „Was weißt du noch darüber?“

„Ich weiß nur das, was alle wissen“, entgegnete sie und rieb sich ihre schmalen Arme. „Und das habe ich euch gerade erzählt.“ Mit einem bangen Ausdruck ging ihr Blick zu den wenigen Rittern in der Runde.

„Aber da steckt garantiert mehr dahinter. Mondrik Heagen ist alles andere als gefährlich, vielleicht der unbeholfenste Junge der Schule. Es ergibt eigentlich keinen Sinn, warum sich jemand die Mühe macht ihn zu verprügeln“, schlussfolgerte Will und schwenkte seinen Blick nachdenklich zu den tiefblauen Augen seines besten Freundes. „Link, du ahnst etwas, habe ich Recht?“

Der heimliche Heroe seufzte und schloss sinnierend die Augen. Die Sorgenfalten in seinem Gesicht verbargen einen mehrdeutigen Ernst. „Dass Mondrik so massiv bedroht wurde, kann nur bedeuten, dass jemand Informationen von Mondrik wollte. Was viele nicht wissen ist, dass Mondrik scheinbar eine Begabung hat in schaurige Dinge hineinzustolpern. Erinnert Euch an den Mord des Hausmeisters, auch da war er der erste, der ihn gefunden hat.“

„Das heißt, du vermutest, er wurde zusammengeschlagen, weil er irgendwelche Informationen hatte?“, sprach Midnehret ungläubig und zitterte. „Das klingt ja gruselig. Es ist besser, wenn ich mich da heraushalte.“

„Vielleicht hat er in der Schule irgendetwas gesehen?“, bemerkte der Laundry.

„Oder er wusste etwas Wichtiges“, hauchte Link schuldbewusst über seine Lippen. Mondrik wusste schließlich sein Geheimnis…

„Vielleicht etwas, das mit dem einen Helden zu tun hat? Warum sonst sollte er das Wort Held an die Wand schreiben?“ Will sprach seine Worte leise und anteilnehmend, aber auch bestimmend. Link aber schluckte nervös, sodass sich sein Adamsapfel deutlich zeigte.

„Oder es geht um etwas ganz anderes, was wir nicht vermuten können“, sprach Will.

„Nun ja, wer weiß, was wirklich dahinter steckt“, sprach die rothaarige Schönheit. Sie hob beschwichtigend die Hände und wirkte nervös und unpässlich. Ihr rechtes Augenlid zuckte vor Besorgnis. „Ich weiß, dass es bei den Hylianern den Glauben gibt, dass sich die Geschehnisse und Fügungen, die die Götter erwählen, denjenigen suchen, den sie brauchen. Aber ich möchte nicht unbedingt in angsteinflößende Angelegenheiten hineingezogen werden. Ich bin froh, wenn ich mein Leben einigermaßen auf die Reihe bekomme. Es ist daher gut, dass die Schule erst einmal dicht ist über den Winter… Vielleicht legen sich diese seltsamen Vorfälle dann wieder. Einen angenehmen Tag noch euch beiden.“

„Ja, hoffentlich“, meinte Will, als Midnehret bereits davon tapste. Sie warf einen Blick über ihre Schulter und grinste. „Übrigens, vorhin das war echt aufrichtig von dir. Danke…“, setzte Will hinzu.

„Nennt mich Mid, das kann man sich eher merken. Bis demnächst“, rief sie noch und verschwand im Schulgebäude der Mädchen.

 

„Das war schon nett, oder?“, sprach der Laundry und grinste. „Und diese Halbgerudo wirkt ganz anders als sonst, meinst du nicht?“

„Ja, irgendwie schon“, sprach Link, aber schien mit seinen Gedanken auf einer Reise zu sein. Er starrte ins Leere, ein Ausdruck der Benommenheit in seinem käseweißen Gesicht.

„Du machst dir Sorgen wegen Mondrik, was?“

„Eher wegen dem, was er an die Wand geschrieben hat“, brummte Link und rieb sich die Hände. Er freute sich auf den hoffentlich warmen Vorlesungssaal und sein gemütliches Zimmer.

„Nun ja, ich würde es nicht auf die Goldwaage legen. Ich würde mich eher fragen, wer sich in der Schule an den Schwachen vergeht und da fallen mir einige Leute ein“, sagte Will und streichelte seinen spärlichen Bartwuchs.

„Zum Beispiel.“

„Ians Gang, die suchen sich doch dauernd schwache Leute aus zum Fertigmachen.“

„Ich hoffe nur, dass es wirklich eine solche harmlose Erklärung dafür gibt“, sprach Link und in seinen tiefblauen Augen flackerte ein schwaches Licht, erinnernd an Kämpfe und die Grausamkeiten, die in Hyrule warteten. „Aber… du hast bestimmt Recht, Will…“

„Jap, immer!“, neckte er und lachte. „Sei mal‘ froh, dass ich so gescheit bin.“ Er brüstete sich schauspielerisch, worauf auch Link ansatzweise grinste. Doch bevor er mit Will zurück in das mit Schnee bedeckte Schulgebäude trat, hetzte er zu der großen Kutsche, wo die Familie Heagen gerade ihre Waren stapelte. Die aus schwarzem, gebeiztem Seeholz gefertigte Kutsche war gefechtsbereit entworfen worden, zusätzlich mit vielen Eisenplatten beschlagen zum Schutze der Insassen. Wenige unscheinbare Bedienstete des Hausstands der Heagens, darunter zwei Mägde, ein Kutscher, drei Soldaten und ein Stallbursche, werkelten übereifrig an der Kutsche und den Waren herum, machten sich bereit für die Abreise.

Sir Heagen, der lange, etwas dickliche Ritter mit den gelockten Haaren, hatte seine Tochter Olindara fürsorglich in die Kutsche geschoben und den kränkelnden Mondrik eigenhändig hineingetragen, und hüpfte für die letzten Vorbereitungen wieder aus dem Gefährt. Gerade da fielen seine gutmütigen Augen auf Link, der etwas unbeholfen wenige Meter weiter stand. Er hatte seine Hände in die Hosentaschen gesteckt, wusste nicht so recht, was er tun sollte. Eigentlich wollte er bloß wissen, ob Mondrik wieder gesund werden würde. Im nächsten Moment stand Heagen bereits vor ihm und musterte ihn erpicht. Und die warme Aura des Mannes ließ vermuten, dass er einem Gespräch mit Link nicht abgeneigt war.

„Du bist Link, habe ich Recht?“, meinte er sachlich. Und trotz einer Milde, die in seiner Stimme lag, verbargen seine dunklen Augen Funken von einer scharfen, starken Präsenz, ließen eine gefährliche Intelligenz und Begabung in logischem Denken vermuten.

Mit einem ruhigen Nicken bestätigte der junge Ritterschüler die Frage und hielt ihm begrüßend seine linke Hand entgegen. „Ihr seid Sir Heagen?“

„Korrekt“, entgegnete er freundlich. „Ich bin zum Teil den Masterrittern angehörig, tätige aber auch Angelegenheiten die Verteidigungspolitik betreffend.“ Er kratzte sich an seinem Dreitagebart, wirkte ansonsten aber außergewöhnlich gepflegt und blickte überprüfend zu der Kutsche.

„Mondrik redet sehr viel über dich“, bemerkte der Mann. „Nicht ungewöhnlich, wenn man weiß, wer du bist.“ Die Andeutungen in seinen Worten waren gewagt, überraschten Link jedoch nicht sonderlich. Es gab genügend Ritter, die seine Identität kannten, aber größtenteils anzweifelten.

„Ich hoffe, dir ist bewusst, dass es unter uns Rittern auch einige gibt, die mit der Legende nicht viel zu schaffen haben wollen. Ich bezweifle nichts und respektiere das Wort des Königs, aber ich muss mich mit der Legende Hyrules auch nicht unbedingt auseinandersetzen. Alternative Zeiten und Vergangenheit bringen uns wenig Rettung für die Gegenwart.“

Link verstand kaum, worauf Sir Heagen zu Sprechen kommen wollte, aber für ihn war klar, dass Heagen ihn nicht mit Verachtung ansah. „Ich bin nicht daran interessiert, dass mir irgendwer Glauben schenkt“, meinte Link betont. „Ich möchte genauso wie die anderen Schüler behandelt werden.“

Heagen nickte stumm, aber lächelte ein wenig.

„Wird Mondrik wieder gesund?“, setzte Link hinzu, ahnend, dass der Ritter kaum Lust hatte sich zu lange in ein Gespräch mit dem Helden der Zeit zu verstricken.

„Ja… den Göttinnen sei Dank“, sprach der Mann leise. Seine Stimme bekam Risse. „Mir ist klar, dass Mondrik nicht der Stärkste ist. Er ist auch nicht der Begabteste im Bereich Schwertkampf und Magie. Tatsächlich ist er oftmals sehr beschämt, vermeidet die Auseinandersetzung mit anderen, kann sich schwer behaupten. Aber ein solcher Angriff war unnötig und sehr feige.“

„Dem stimme ich zu“, meinte Link und nickte. „Und es beunruhigt mich.“

Heagen grinste etwas und streichelte seinen rechten Lederhandschuh. „Das sollte es auch. Ich bin nicht derjenige, der zu schnellen Schlussfolgerungen greift, aber mein Sohn schrieb schließlich das Wort Held an die Wand, was für viele ein Zeichen sein kann.“

„Ich habe mit dem Angriff nichts zu tun“, sprach Link lauter. Er wusste, dass er sich nicht rechtfertigen brauchte, aber ein Teil in ihm wünschte, es klar zu stellen. „Mondrik ist einer der guten Seelen an der Schule. Es war eine miese, armselige Tat ausgerechnet ihn zusammenzuschlagen.“

Heagen schien zu grübeln und kratzte sich an seiner runden Nase. Er trat noch einen Schritt näher und murmelte, sodass keiner zuhören konnte. „Ich weiß, zumal Mondrik mir versichert hat, dass du es nicht warst. Man hat ihn gezwungen das Wort Held an die Wand zu schreiben. Es sollte dich aufhorchen lassen, wenn du doch der legendäre Held sein willst, dass Hylianer in deinem Umfeld nur wegen dir verletzt werden. Und Mondrik weiß dein Geheimnis.“

Link senkte den Blick, fühlte sich erneut schuldig. Seine Augen wurden gläsern bei dem Gedanken an die Worte des Chadarkna und den Geschehnissen, die ihm eine scheußliche Bürde aufluden. Ja, er war der Held der Zeit und er war derjenige, der andere beschützen und aus diesen Angelegenheiten heraushalten sollte. „Wenn Mondrik wegen mir diese Wunden aushalten muss, werde ich dafür gerade stehen.“ Da war diese schwere und ergreifende Aufrichtigkeit in seinen tiefblauen Augen, die Sir Heagen jegliches Misstrauen nahm. Die Gesichtszüge des Ritters entspannten sich völlig. „Danke für deine Anteilnahme, ich weiß dies durchaus zu schätzen. Und ich achte Mondriks Wünsche. Er steht völlig hinter dir.“

Link nickte dankbar, aber auch verlegen. Mit geschlossenen Augen kratzte er sich an seinem Hinterkopf.

 

„Dennoch… war dieser Angriff auch eine Aufforderung an meine Familie“, meinte der Ritter nach einer Pause. 

„Habt Ihr eine Spur von denen, die Mondrik angegriffen haben“, sprach Link.

Heagen verzog sein mildtätiges Gesicht zu Zweifeln, bitteren Sorgen und seufzte.

„Ihr wisst etwas, habe ich Recht?“

„Ich bin mir nicht völlig sicher und ich hüte mich vor voreiligen Schritten. Ich werde aber den Rat des Königs von meinem Verdacht gerne berichten. Das sollte dem Helden genügen.“

„Dem einen Helden genügen Andeutungen nicht“, sprach Link bestimmend.

Heagen lächelte leicht verschlagen. „Die Ritter Hyrules werden sich um Recht und Ordnung kümmern, auch in dieser Angelegenheit.“

„Auch das genügt einem Helden nicht“, sprach Link geduldig.

Heagen lachte erheitert. Und während er lachte, wirkte er jünger als erwartet. Er legte dem Burschen eine Hand auf die Schulter und grinste. „Und was würde diesem Helden genügen?“

Auch der Ritterschüler grinste, sendete einen hinterhältigen Blick aus seinen tiefblauen Seelenspiegeln. „Antworten“, meinte Link tonlos.

„Die Antwort ist, dass du herausfinden solltest, warum Mondriks Stirn zerschnitten wurde. Und dies muss dem einen Helden endlich genügen.“

Link biss sich auf seine kalte Unterlippe, rief sich Bilder der letzten Ereignisse in seine Gedanken, aber konnte im Moment keinen Bezug herstellen zwischen seinen unerledigten Heldenpflichten und Mondriks zerschnittener Stirn. Er zwinkerte und sah den Kutscher dem Ritter Heagen auffällig zuwinken. Die Abreise war überfällig.

„Wie immer es auch steht, bleib‘ deinem Herzen treu, vertraue auf deine Ideale… und die rechten Menschen werden dir zur Seite stehen. Dass du meinen Sohn verteidigst, wird dir eines Tages von Vorteil sein“, meinte Heagen abschließend. Er warf seinen mit silbernem Zwirn bestickten dunkelbraunen Umhang zurück und nickte dem Ritterschüler auffordernd zu. Verabschiedend hüpfte Sir Heagen ebenfalls in die Kutsche, lächelte noch einmal spitzfindig und schlug das Türchen zu. Mit langsamem Trab zogen die Warmblüter die gut befestigte Kutsche durch den knirschenden Schnee.

Mit einem scharfen, warnenden Blick schaute Link der Kutsche hinterher. Ein neues Ziel erwuchs seinem Herzen. Er hatte Zeit den Winter über in der Hütte am Glücksteich seine Nachforschungen anzustellen. Er würde nun nicht mehr zögern und sich für das nächste Gefecht vorbereiten…

 

 
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