41. Kapitel
 

Die Morganiells

 

 

Als sich die Winternebel in der namhaften Provinz Eldin lichteten und der Abend nicht fern war, hatte sich ein Großteil der Schlossgesellschaft auf dem größten der fünf Innenhöfe des Schlosses versammelt. Heute war der Tag, wo Hyladiéns Adel in die Hauptstadt Hyrules einreisen sollte. Das berühmte Geschlecht der Morganiells, die seit mehreren Jahrhunderten ihre stolzen Stammbäume aufzeichneten, würde erscheinen, Hyrules König erneut die Treue schwören und vergangenen Zeiten, geknüpft an Bilder der Freude unvergesslicher Taten und Geschehnisse, die ein ganzes Jahrzehnt alt waren, gedenken.

Der gesamte Innenhof war winterlich mit glitzernden Figuren und Kristallen geschmückt. Schneerosen und Gebilde aus Wachs wurden für die Begrüßung der Morganiells angefertigt und verschönerten die Szenerie. Ein weißer Hirsch mit prächtigem, goldenem Geweih aus Kristall erhob sich auf dem riesigen Springbrunnen in der Mitte des Hofes. Ritter der hylianischen Tafelrunde in ihren schimmernden Silberrüstungen, ältere im Ruhestand befindliche Krieger, die Ministerposten übernommen hatten, feine Ladys in Gewändern mit allen Farben der Welt, Soldaten, Hofnarren, Mägde warteten ungeduldig und aufgeregt auf das Erscheinen der ehrenwerten Gäste.

Und an vorderster Front, die besten Ritter des Landes in seinem Schatten, thronte Harkenia von Hyrule auf. Stattlich, frisch und begnadet sah er aus mit seiner wie Licht funkelnden Rüstung, die geschickt seinen gealterten Körper umschmeichelte. Ein tiefroter, langer Mantel mit goldenen Stickereien fiel an seinem Rücken hinab. Jener und die reichlich verzierte Krone auf seinem Haupt ließen ihn als den wahren Herrscher Hyrules erkennen. Und neben ihm, verhalten wirkend, trat Zelda, die Prinzessin Hyrules, hob ihr trübsinniges Gesicht in Richtung des blaugesichtigen Himmels, wo die Nebelschleier vergingen. Sie schien der Anziehungspunkt der meisten Augenpaare zu sein, trug sie doch ihre königliche Gewandung, eine teure, seidene Tracht mit aufwendigem Schmuck. Sie war wunderschön, vielleicht auch mit dem geheimnisvollen, wenngleich leicht traurigen Ausdruck auf ihren jugendlichen Gesichtszügen. Aber die leichte Kümmernis hüllte sie in noch mehr Mysterien als ohnehin schon.

Die saphirblauen Augen stetig auf das große Tor gerichtet, wo in wenigen Minuten die Kutschen des Adels aus Hyladién erscheinen würden, suchte Harkenias rechte Hand die linke seiner Tochter. Aus ihren Gedanken gerissen prüfte sie ihren Vater, prüfte die Aufregung in seinem faltenreichen Gesicht und entdeckte Unruhe neben seiner Vorfreude auf die Gäste. „Du bist traurig, Tochter“, äußerte er sachlich und ruhig, machte die Aussage ohne jene in Frage zu stellen. Es war so offensichtlich, dass es der Prinzessin Hyrules nicht gut ging. Ihr Gesicht war blass, obwohl die Hofdamen ihre Blässe und die dunklen Augenringel mit reichlich Schminke zu bedecken versuchten. Und es wäre für Zelda unmöglich erneut zu lügen und ihre momentane Erschöpfung und ihren eher schlechten Gemütszustand abzustreiten. Sie nickte leicht, bemüht ihre Äußerungen vor den anwesenden Rittern zu kaschieren.

„Was macht dein Herz so schwer?“, flüsterte er, noch immer seine Augen starr zum Burgtor gerichtet.

Sie seufzte. „Es ist nicht der Rede wert, Vater. Du solltest dein Herz nicht mit meinen Sorgen beladen, sondern dich an deinem Besuch erfreuen.“

„Dazu muss er erst einmal erscheinen“, erwiderte er schmunzelnd. Aber allein Zeldas Hinweise und Bemerkungen bezüglich seiner Gäste ließ seine Mundwinkel beben und sein Gesicht um einige Jahre jünger wirken. „Aber es stimmt, Tochter, wir sollten heute nicht an die Sorgen des Morgens denken, wo es Neuigkeiten aus Hyladién geben wird.“ Er lächelte, er lächelte so entzückt wie schon lange nicht mehr. Und dies schien wohl auch der Grund, warum Zelda ihm seine abrupte Gesprächsführung und sein Abwinken ihrer Sorgen nicht übel nehmen konnte. Er wirkte so glücklich, dass sie ihn ihre Angst um Link, ihre Sorge bezüglich der dreizehn Schlüssel und auch ihre weniger angenehmen Gedanken, die sich um das Erscheinen der Morganiells drehten, nicht aufbürden wollte.

„Zumal wir alles arrangiert haben, was wir in der derzeitigen Situation für Hyrules Sicherheit tun können“, setzte Harkenia sicher und gefasst hinzu. „Verträge mit unseren Bündnispartnern wurden erneuert. Valiant macht eine hervorragende Arbeit an der westlichen Grenze. Auch unsere Waffenschmieden sind gut besetzt. Dann hast du eine neue Anwärterin für den Posten der Weisen des Lichts gefunden und deine Kontakte zu den zwei verborgenen Völkern spielen lassen. Mehr können wir im Augenblick nicht tun.“

,Ja, wie einfältig‘, dachte Zelda fahl und sie konnte kaum auf Harkenias Worte eingehen. Jeder redete von Sicherheit. Ihr Vater tat dies. Die besten Ritter taten dies. Selbst Valiant redete nur noch von Hyrules Sicherheit. Und doch, so wusste ein kleiner Teil in Zeldas Seele, war nichts auf diesem großen Kontinent und nichts in dieser ereignisreichen Ära wirklich sicher. Sie alle vertrauten auf das, was sie mit ihren menschlichen Augen sehen konnten, beriefen sich auf das, was sie mit ihrer hylianischen Intelligenz wissen konnten, und waren doch alle zu blind und zu ängstlich um ihre Augen für das zu öffnen, was hinter dem Scheinbaren lag.

 

Noch immer hielt Harkenia die linke Hand seiner Tochter fest umschlossen und als die ersten Fanfaren ertönten, bezeugten, dass die vielen Reittiere aus Hyladién, Kutschen und Karren von den Wachposten mit bloßem Auge auf der vielbefahrenen Steinstraße von der Hauptstadt zum Schloss erspäht wurden, umfasste der Regent die zierliche Hand Zeldas noch energischer. „Ich weiß, dass du es nicht für eine so gute Sache hältst, dass die Morganiells kommen…“, hauchte er über seine Lippen und während er sprach funkelte in seinen lebenserfahrenen Augen väterliche Besorgnis.

„Du hast meine Abneigung gemerkt?“

„Ja, in der Tat, auch wenn ich sie nicht völlig verstehen oder akzeptieren kann.“ Er schloss für lange Sekunden die Augen, wirkte zögerlich in dem, was er an sie herantragen wollte. „Zelda… nur weil Ornella mich besuchen kommt, bedeutet das nicht, dass ich sie mit dem Platz deiner Mutter ersetze“, flüsterte er und blickte sie leicht prüfend an, aber Zeldas plötzliche Verwunderung, sichtbar in ihren edlen Gesichtszügen, konnte er kaum deuten. Zaghaft strich sich die Prinzessin eine Strähne ihres langen Haares, das sich aus dem geflochtenen Zopf gelöst hatte, nach hinten.

„Bei Nayru, Vater… das ist wahrlich nicht meine Sorge“, erwiderte sie etwas schmunzelnd. Die Annahme ihres Vaters, Zelda könnte eine Stiefmutter nicht ertragen, war völlig deplatziert und entsprach nicht der vollen Wahrheit. Ihre geringste Sorge drehte sich um eine neue Liebschaft ihres werten Herren. Ganz im Gegenteil, er sollte sich in den Jahren, die er in diesem Leben noch besaß, alles Glück gönnen, der er ergreifen konnte. Zelda wünschte ihm dies von Herzen… es war lediglich ein ungutes Gefühl, das sie mit den Morganiells in Verbindung brachte, ein warnendes Gefühl, das auch Zelda nicht zuordnen konnte.

„Nun dann lassen wir dieses Thema ruhen und genießen den Tag“, erwiderte er und heftete seinen starken, fröhlichen Blick nach vorn. „Die Morganiells lassen sich immer Zeit… es ist ein Wunder, dass sie noch vor Sonnenuntergang erscheinen.“ Ja, die Morganiells waren es eigentlich gewohnt, dass man auf sie wartete, wohingegen es nicht der Sitte entsprach, dass man jenen nördlichen Adel warten ließ.

 

Erneut erklangen die Fanfaren, ein Rhythmus, eine Melodie der Begrüßung, die schnell und fröhlich durch den Innenhof bis hin zu den höchsten Zinnen des Königshauses dröhnte, eine Melodie, die schon seit langer Zeit nicht mehr erklungen war. Und als sich die goldenen Fanfaren im Sonnenlicht noch einmal erhoben, von weither der Jubel von den Hylianern der Hauptstadt hörbar wurde, erschienen die ersten Reiter der nördlichen Insel auf ihren stattlichen, edlen Silberschneehirschen. Ihre Rüstungen funkelten im Licht der Sonne wie Perlen. Karren und Kutschen schlossen sich an, bis weitere Ritter des Hausstands der Morganiells in den Innenhof einzogen. Innerhalb weniger Minuten war der Innenhof prall gefüllt mit Wägen und Reittieren und die Menge tratschte heftig, jubelte und applaudierte. Denn im Volk der Hylianer war der nördliche Adel mit Respekt gesegnet und ihre Aufwartung beim König freute das Volk.

Die größte Kutsche, die mehrere Stockwerke besaß, kam wenige Meter vor dem Antlitz Harkenias und seiner Tochter zum Stehen, ein Gefährt, das kaum ein Hylianer im Lande jemals gesehen hatte. Große, mit goldener Farbe verzierte Räder trugen die riesige Kutsche mit ihren vielen, runden Fenstern, Bannern aus festem, edlem Stoff, Verzierungen hyladischer Malkunst. Und als sich die große Tür der Kutsche öffnete, eilten eiligst drei Untertanen des Hausstands herbei, legten samtene Teppiche zu Boden und erbauten flink eine Treppe für den Adel, das jener elegant aus der Kutsche heraustreten konnte. Und es war dann, dass zuerst die ranghöchste Person der nördlichen Insel ihre Reiseunterkunft verließ. Ornella Morganiell, eine feine Lady, die auch sehr viel Raffinesse in politischen Angelegenheiten bewies, stieg als erste aus der Kutsche. Die Blicke der Schlossgesellschaft fielen mit Respekt und Achtung zu ihrer langen, schlanken Gestalt. Sie war eine äußerst große Frau mit langen Beinen und vollem, dunklen Haar, das in einer aufwendigen Frisur in die Höhe gesteckt edel und geschmackvoll wirkte. Ein Diadem mit orangefarbenen Steinen wand sich wie eine Schlange auf ihrer Schädeldecke, hielt das lange Haar nach oben, wobei wenige, feine, rote Strähnen mit einer eigenwilligen Flechtarbeit zu kleinen Nestern gearbeitet waren. Es musste Stunden gedauert haben eine solche aufwendige Frisur zu erschaffen. Eine samtene ockerfarbene Robe mit feinen schwarzen Stickereien, hohem Stehkragen ließ sie als eine kühle Herrscherin erscheinen. Und edel, das Bild vervollkommnend, war feiner Schmuck dezent am Hals, an den sehr spitzen Elfenohren und Armen der Dame platziert. Denn Hyladién war bekannt für teuren Schmuck und liebliche Edelsteine, selbst Goronen bezahlten hohe Preise für die Gesteine, die auf der Insel in verschiedenen Mienen abgetragen wurden.

Ihr glattes, mit Puder und teuren Cremen benetztes Gesicht, straffte sich zu einem Ausdruck des Gefallens, wenngleich das kühle Lächeln kaum sichtbar war, als sie den König in ihren hellen, schwach blauen Augen spiegelte. Ein den Hyladiérn vertrautes Symbol war auf ihrer linken Wange aufgemalt worden, eine Blume, lang und schmal wie Lady Morganiell, und in dem Flechtwerk jener Blume waren Runen eingezeichnet. Auch für diese Kunst waren die Bewohner der nördlichen Insel bekannt. Die Einwohner Hyladiéns waren begabt in der Verwendung von durch Schriftzeichen gestützter Zauberei. Und jenes Symbol auf Ornella Morganiells Wange verbarg einen leichten Zauber.

Verzückt trat sie näher, schritt majestätisch vorwärts und schenkte dem Regenten weitere verzauberte Blicke. „Harkenia, mein König, es ist wundervoll Euch nach der langen Zeit zu begegnen. Wie lange es wohl her sein mag, stolze zehn Jahre?“, sprach sie auf eine vertraute Weise, verbeugte sich anmutig vor dem Staatsoberhaupt und hielt ihm schließlich ihre weißen, langen Hände entgegen.

„Ornella“, sprach Harkenia erfreut, nahm ihre Hände in die seinen, die von dunkelroten Lederhandschuhen gewärmt wurden. „Es ist auch mir eine Freude.“ Er lächelte, Harkenia hatte lange Zeit nicht mehr auf diese entspannte Weise gelächelt. „Lasst Euch anschauen. Es scheint, als seien die zehn Jahre spurlos an Euch vorüber gegangen.“

„Ein ehrvolles Kompliment von einem ehrvollen Mann, ich danke Euch.“ Sie fühlte sich geschmeichelt und atmete die frische Winterluft genießend ein. Und schließlich fielen ihre strengwirkenden Gesichtszüge zu Zelda, wo sich kaum Falten zeigten trotz der vier Lebensjahrzehnte, die Ornella bereits auf der Welt war. Ihre lange, schmale Nase wackelte, als sie stärker lächelte, ihre runden Augen funkelten. „Und Ihr müsst die Prinzessin Hyrules sein. Aus Euch ist ein wunderschönes Mädchen, ein Juwel geworden, so wie die Reisenden in Hyladién immer sagen. Ich begrüße Euch herzlich, Prinzessin“, sprach Ornella. Und obwohl sie streng und kühl wirkte, war ihre Stimme warm und einschmeichelnd angenehm. „Als ich Euch das letzte Mal sah, wart Ihr noch ein kleines Mädchen von sechs Jahren, ein aufgewecktes Kind, nun aber sehe ich eine reife, erwachsene Lady vor mir.“ Sie legte der verwunderten Prinzessin beide Hände auf die Schultern und drückte ihr einen Kuss auf die rechte Wange. „Ich wünsche mir, wir finden baldigst etwas Zeit für Konversationen.“

Die Thronerbin entschied sich wortlos zu nicken, lächelte zaghaft und wusste noch nicht recht, was ihr erster Eindruck von Ornella aussagte. Sie wusste nur, dass die Adlige der nördlichen Insel scheinbar bemüht war gepflegte Manieren vorzuspielen, wusste jene doch sicherlich ganz genau, dass aus Zelda keine reife, erwachsene Lady geworden war. Es gab genügend Gerüchte im Volk, die mehr der wahren Persönlichkeit der Königstochter näher kamen als solche Worte. Und Zelda war mit Abstand nicht die Prinzessin, die man sich vielleicht wünschte. Ornella wusste das, hatte die junge Prinzessin es der Adligen der nördlichen Insel schon damals bei ihren Besuchen nicht leicht gemacht. Die adrette Königstochter erinnerte sich mit einem Schmunzeln, dass sie Ornella damals Streiche gespielt hatte, ihre Haarfärbemittel mit Dreck ausgetauscht, ihr sogar Essensreste ins Bett gelegt hatte. Ob die Herrscherin der nördlichen Insel dies bereits vergessen hatte?

„Ornella“, sprach Harkenia und lächelte ihr ein weiteres Mal aus seinen stolzen Gesichtszügen entgegen. „Ich habe vom Tode Oreduns II. gehört. Von meiner Seite ein herzliches Beileid, ich hoffe, unsere Briefe und Aufwartungen haben Euch erreicht.“

Lady Ornella senkte den Kopf als Bestätigung und wippte zögerlich, sodass die aus Haar geflochtene Krone auf ihrem Kopf wackelte. Sie faltete ihre Hände und schien für einen Augenblick benommen. „Ja, Eure Anteilnahme erreichte mein Haus“, sprach sie klar und schickte dem König einen tiefgehenden Blick. „Mein Gemahl ist im Kampfe gefallen, so wie er es sich wünschte, wie er es als Krieger der Hylianer verdient hat. Kein anderer Tod hätte uns allen die Genugtuung bringen und ein Loslassen ermöglichen können wie jener.“

„Und vielleicht kann die Zeit hier Euch wieder ein Lächeln auf das Gesicht zaubern, Ornella“, setzte der König hinzu, verbeugte sich noch einmal vor dem stolzen Antlitz der Adligen und küsste ihre rechte Hand.

„Das wäre mein Wunsch“, sprach sie und trat neben den König, blickte schließlich wieder zu der riesigen mehrstöckigen Kutsche, wo ein junger Bursche, der in etwa Zeldas Alter hatte, schwungvoll heraussprang. Die junge Königstochter heftete ihre kristallblauen Augen neugierig und interessiert zu dem Jungen, der sportlich und agil wirkte. Trotz schwarzbemaltem Brustpanzer mit weißem Silberschneehirsch, hellen Schulterplatten, Beinschonern und Waffenrock aus schwerem Stahl bewegte er sich locker und flink, genoss das Spiel von durchtrainierten Muskeln unter seinem silbernen Wams und musste auch in der Kampfkunst sehr begnadet sein. Ein langes Schwert mit Edelsteinen besetztem Griff trug er vorbereitend an seiner Hüfte. Und ansehnlich war der junge Mann ebenfalls. Zelda schluckte etwas, spürte eine leichte Aufregung und Unruhe, war es lange her, dass sie beim Anblick eines jungen Mannes verlegen wurde. Aber dieser Morganiell, und Zelda ahnte, wie sein Vorname war, hatte etwas an sich, das sie entgegen ihres Willens beeindruckte. Flink und grinsend bewegte er sich über den Innenhof, winkte dem Volk zu, ließ die Töchter der Ritter am Hofe dahin schmelzen mit Augen, die wie Lichter aus einer anderen Zeit, silbern mit einem weißen Ring und messerscharf, funkelten. Dunkles, leicht lila gesträhntes Haar spielte im kühlen Winterwind, schulterlanges Haar, das er am Hinterkopf zu einem Zopf verbunden hatte. Und da fiel es der Prinzessin wie Schuppen von den Augen, warum er auf sie wirkte, warum sein verspielt wirkendes Erscheinungsbild diese Übermacht besaß ihr eine Gänsehaut über den Rücken zu schicken. Wäre sein Haar blond und wären seine Augen blau… würde sein Erscheinungsbild und seine athletische Art und Weise sich zu bewegen sie noch mehr an ihren damaligen Helden der Zeit erinnern…

Sie verzog ihr hübsches Gesicht, als mit dem Gedanken an Link alle Wunden in ihrem Inneren wieder aufbrachen. Sie presste die Hände auf die Brust, als eine Stütze die aufkommenden Tränen wegzudrücken. Zwanghaft versuchte sie zu lächeln, zuckte mit den feinen Muskeln in ihrem Gesicht, als sie dies tat.

In dem Augenblick stand der durchtrainierte Morganiell bereits vor ihr. Seine Haut war blass, aber straff, sein gepudertes Gesicht verbarg leichte Mitesser verschuldet der Pubertät. Und seinen dunklen Bart hatte er seit mindestens drei Tagen nicht rasiert. Ein männliches Parfum wedelte um Zeldas spitze Nase, roch eigenartigerweise südländisch nach fremdartigen Gewürzen, scharf und feurig. Er begrüßte sie gepflegt und seinem Stand entsprechend, aber mit einem mehr als charmanten Grinsen. Und dieses Grinsen behielt er bei, als er sich verbeugte und ihre Hand küsste. „Seid gegrüßt, edle Prinzessin der hylianischen Lande.“ Er zwinkerte, als er sich wieder aufrichtete, ahnend, dass seine leichte Flegelhaftigkeit eine verblüffende Wirkung bei Zelda erzielte.

„Ich grüße Euch ebenfalls, Oredun Morganiell, den III.“, entgegnete sie vorschriftsmäßig. Er nickte, legte eine von dunklen Lederhandschuhen bedeckte Hand auf seinen Brustpanzer und begann auch ihrem Vater seine Aufwartung zu machen. Er schien kurzangebunden, kaum Interesse an den Anwesenden zu tragen und als er ein weiteres Mal seine raue Stimme erhob, war alles, was er erfragte, zu wissen, wo sich die Kampfarena befand, wo er sein Schwert schärfen lassen konnte und ob sich einige Ritter als Übungsduellanten für ihn zur Verfügung stellen konnten. Ja, das war Oredun Morganiell und sein Ruf als Krieger, der kaum ein anderes Interesse als das an Waffen und Fechten besaß, eilte ihm weit voraus. Auch sein Vater Oredun II. war berüchtigt für seine Leidenschaft im Kämpfen. Eine Leidenschaft, die er teuer bezahlt hatte…

Mit einer raschen Verbeugung vor Harkenia stolzierte der Spross der Morganiells wieder zu der Kutsche und schien auf eine weitere Person zu warten. Er war keine drei Meter vor der Kutsche entfernt, als sich eine Peinlichkeit ausgehend von einer tollpatschigen, jungen Dame zutrug, die sich durch ihre unbeholfene Art ebenfalls einen erheiternden wenn auch weniger ruhmreichen Titel im Lande der Göttinnen gemacht hatte. Es war die Tochter von Ornella, die Erstgeborene, nur ein Jahr älter als ihr Bruder, die bemüht war sich auf ihren großen in schwarze Stöckelstiefel gepackten Füßen exakt und vorschriftsmäßig aus der Kutsche heraus zu bewegen. Sie heftete ihren Blick nach vorn zu ihrer Mutter und trat unbeholfen vorwärts, knickte auf einer Stufe der kleinen Treppe um und krachte donnernd zu Boden. Einige Ritter aus Hyladién lachten, waren dies wohl gewöhnt, aber keiner half ihr auf. Sie zögerte einen Moment, wimmerte leicht und kam so unbeholfen wie sie gefallen war kaum wieder auf die Beine.

„Bei Hylia, Schwester, kannst du deine Füße nicht benutzen wie andere Hylianer dies tun!“, schimpfte Oredun, hastete näher und wirkte nun keinesfalls mehr gelassen. Seine Schwester und ihre Unfähigkeit sich mit ihrem langen Körper elegant zu bewegen, schienen sein Blut wallen zu lassen. Sie war eine Morganiell. Und eine Morganiell hatte sich mit Grazie zu bewegen. Er half ihr auf die Beine zu kommen und schickte ihr einen eisigen Blick entgegen.  Dann schüttelte er missbilligend den stolzen Kopf und begann sich mit einem der treuen hyladischen Ritter zu unterhalten.

Ophelia presste ihre Beine aneinander, als müsste sie dringend eine Toilette benutzen, wirkte schlaksig mit ihrer langen, zierlichen Gestalt und war rot wie eine Tomate in ihrem auffallend ebenmäßigen Gesicht. Sie war so schön wie ihre Mutter, besaß die gleichen schmalen, rosigen Lippen, die gleiche lange, gerade Nase und ebenfalls runde, kleine Augen von einer blassen verwaschenen blauen Farbe, aber von Charme und Eleganz keine Spur. Ihr blutrotes Gewand mit hohem Kragen, langen Trommelärmeln, das ebenfalls schwarze Stickereien als Verzierung besaß, war am langen Rock, wo eine etwas hellere in orangem Ton gehaltene Schürze angebracht war, durch ihren Sturz mit Schlammflecken besudelt. Hektisch versuchte Ophelia Morganiell den Dreck zu beseitigen, schaute hilflos zu ihrer Mutter, die standhaft nicht darauf reagierte. Sie winkte sie lediglich näher, sprach mit den kühlen Augen eine Aufforderung aus, sich vorzustellen.

„Mein König“, stotterte die junge Morganiell und zupfte sich an ihrem dunklen mit rosa Strähnen angefärbten Haar, das mit geflochtenen Zöpfen an ihrer kleinen Brust hinabfiel. „Ich möchte Euch ganz herzhaft…“, begann sie und brach rotwerdend ab. Sie dachte über ihre Worte nach, machte auch die Anwesenden auf ihren Sprachfehler aufmerksam und als die Runde aus Adligen zu lachen begann, wusste sie, wie peinlich ihre Worte klingen mussten. „Ich… ich begrüße Euch herzlich… Es ist mir eine Ehre den Kontinent Hyrules besuchen zu dürfen…“, rasselte sie herunter, konnte kaum so viel Mut aufbringen dem amtierenden Herrscher in die Augen zu schauen und biss sich auf ihre mit orangener Farbe bemalten Lippen.

„Es freut mich ebenfalls Eure Bekanntschaft zu machen, Ophelia“, sprach Harkenia und hielt dem jungen Ding seine rechte Hand entgegen. Zögerlich nahm das Mädchen jene an, verbeugte sich ungeschickt und küsste den Handrücken schmatzend.

Im ersten Moment schien Ophelia völlig vergessen, sich auch bei Hyrules Thronerbin vorzustellen, bis ihre Mutter sich energisch räusperte und ihrer Tochter einen ernsten, auffordernden Blick entgegenwarf.

„Oha… jaja…“, stammelte das Mädchen, trat vor Zelda, aber konnte auch der Thronfolgerin nicht in die schönen Augen schauen. Hastig verbeugte sie sich, brachte Worte über die Lippen, die kein Anwesender verstehen konnte und hetzte zurück an die sichere Seite ihrer Mutter.

 

Mit leichtem Unmut, sich aber vor zu schnellen Schlussfolgerungen bremsend, versuchte Zelda einen Blick in die Seele der jungen Morganiell zu werfen. Sie spürte Mitleid, bedacht, dass jenes nicht in Verachtung absank, aber hatte den Eindruck, das sie als Seelenleserin vor einer dunklen, schwarzen Wand stand, die es unmöglich machte, in Ophelias Inneres hineinzublicken. Das Mädchen musste etwas erfahren haben, das sie verändert hatte, das sie kurios wirken ließ, vielleicht ein Trauma, eine verhängnisvolle Erfahrung, oder sie wünschte schlichtweg nicht, dass ihr jemand zu nahe kam. Und aus diesen Erlebnissen, aus diesen Erfahrungen schöpften sich Unsicherheit, Trauer und Angst…

Weitere Gäste stellten sich vor, darunter wenige Minister und Ritter. Der bedeutendste Ritter aus Hyladién, über den Kinder bereits großartige Geschichten in ihren jungen Köpfen hatten, war Sir Lowena, ein stolzer, starker Mann mit langem, weißen Haar, das er unter seiner Rüstung versteckte. Er war ein halber Hüne, so groß, dass er selbst dem König von Hyrule, der stattlich und hochgewachsen war, auf den Kopf spucken konnte. Seine Bekanntheit wuchs durch die Schlacht an der Meerenge vor Hyladién, wo er es gewesen sein soll, der als einzelner Krieger die Brücke bewacht und eine Armee von Untoten abgewehrt haben soll. Seitdem beherbergte er als Belohnung für seinen Einsatz den größten Silberschneehirsch, der jemals von den Meisterzüchtern erschaffen worden war. Und jener war sein Ross, sein Eigentum, seine Familie.

Auch Zelda bewunderte jenes riesige Ross, streichelte verzückt über dessen schlanken Hals und spürte das samtig weiche, kurze Fell unter ihren kühlen Händen. Sie fühlte Beständigkeit und Stärke mit süßer Gewissheit, sah für einen kurzen Moment sich selbst auf einem dieser Wesen reiten, fühlte das Auflodern von einer Erfahrung, die älter war als diese Welt… und doch konnte sie das Bild kaum festhalten oder verstehen. Sie konnte nur zusehen, wie ihre Fähigkeit der Vorsehung durch ihre Finger sickerte…

 

Im prallgefüllten Innenhof loderten die ersten Fackeln wild, ließen Schatten tanzten und auch Musik erklang. Flöten erhoben sich zwischen Geigen und Trommeln, vereinigten sich mit den Gesängen eines hylianischen Chores. Anmutig war sie die Melodie, die den Innenhof erfüllte wie ein Zauber, der die vielen Kristalle mit einem Wettspiel der brennen Fackeln zum Funkeln brachte. Einiges wurde mit den Rittern und Adligen diskutiert, so manches wurde berichtet, und annähernd eine Stunde stand Hyrules Adel mit seinen Gästen außerhalb. Viele tanzten. Viele diskutierten eifrig und es schien, als sprühte diese besondere Nacht vor Entzückung Funken. Eine aufheizende Stimmung lag in der Menge und so manche traurige Seele war bereichert. So mancher Hylianer ließ sich von dem Abend verwandeln.

Nur die Prinzessin Hyrules blieb bekümmert. Sie spürte ihre Zeit dahin rennen, wo sie sich doch um andere Angelegenheiten viel dringender kümmern musste. Sie seufzte, fühlte sich erschöpft und beobachtete die silbernen Rösser mit ihren klingenden Hufen in verschiedenen Stallungen verschwinden, als ihr eine Idee kam. Mit einem hoffenden Lächeln, endlich etwas Ruhe zu finden, einen Ort aufzusuchen, der ihre Kraftreserven auffüllen würde, bat Zelda ihren Vater kurz um ein Ohr.

„Erlaubst du mir die nächsten Tage auszureiten?“, sprach sie inständig, wollte ihn nicht noch mehr belasten und entschied ihm dies mitzuteilen, obwohl sie unter anderen Umständen wohl einfach ohne zu fragen aus dem Schloss verschwunden wäre… wie üblich…

„Jetzt, wo wir unseren Besuch haben, Zelda? Ich hatte gehofft, du würdest Gefallen an einem Gespräch mit den Morganiells finden.“

„Das ist nicht der Grund. Ich habe etwas zu erledigen, Vater“, betonte sie mit Nachdruck.

„Ich weiß, dass ich dich kaum an deinem Abenteuersinn hindern kann. Aber seit dem Angriff in den Schlossgärten wünsche ich nicht, dass du ohne Begleitung die Schlossmauern verlässt. Es ist zu deinem eigenen Schutz, Liebes.“ Seine saphirblauen Augen schillerten im Licht der Verwunderung und der Sorge.

„Ich weiß, Vater.“ Aber ein schelmischer Gedanke, dass sie auch die letzten Tage das Schloss ab und an verlassen hatte, brodelte in Zelda und ließ sie trotz ihrer Erschöpfung und beginnenden Kopfschmerzen etwas grinsen.

„Und der Zeitpunkt ist ungünstig.“ Harkenia zupfte sich nachdenklich am Kinnbart.

„Auch das ist mir klar… aber…“ Und dann seufzte sie. Sie fühlte sich in der Zwickmühle. Sie konnte ihrem Vater kaum erklären, dass sie Ruhe brauchte, weil sie ihre Pflichten nicht mehr schaffte. Sie konnte ihm kaum erklären, dass sie sich von ihrem wertvollsten Freund enttäuscht und verraten fühlte…

„Aber ich würde dies begrüßen“, mischte sich Ophelia Morganiell ein, die mit halbem Ohr zugehört hatte. Der rote, warme Herzbeerenwein, der ausgeschenkt wurde, und ein Glas davon, welches ihre Mutter erlaubt hatte, schien ihren Gaumen zum Vibrieren gebracht und ihre Hemmungen geschmolzen zu haben. Ihre Wangen waren rot und ihr Mund redefreudig. „Ich bin zwar nicht so gut im Reiten, aber zum Glück noch nicht vom Pferd gefallen, wo ich doch sonst nicht so geschickt bin…“, sprach sie. Und noch ehe Harkenia erneut das Wort erheben konnte, sprach Ophelia munter weiter. „Vielleicht könnte Zelda mir die Landschaft um das Schloss zeigen. Das würde mir sehr gefallen. Ich bitte Euch, mein König.“ Einmal mehr öffnete der König seinen Mund, wurde aber im selben Moment von der Morganiell überfahren. „Es wäre doch die Gelegenheit für mich Hyrule zu sehen, und wenn ich dadurch Zelda etwas besser kennenlernen kann, ist das doch ebenfalls erfreulich. Versteht Ihr, mein Lord?“ Die Unsicherheit der jungen Morganiell und der süße Rausch des Alkohols schienen ihr ein so rasches Mundwerk verliehen zu haben, dass sie kaum mehr wahrnahm, wie sie andere damit überforderte.

Zelda zwinkerte verdattert und war davon nicht ansatzweise so begeistert wie sie ihre Gestik und Mimik für eine wünschenswerte Reaktion zurechtrückte.

„Jaja, tut dies!“, sprach der König wie aus der Pistole geschossen, hoffend, er könnte Ophelias Redeschwall beenden. „Aber nicht ohne ritterliche Begleitung.“

„Sir Lowena könnte uns begleiten. Ich werde ihn darüber unterrichten“, sprach Ophelia ohne Pausen zu machen. Und noch ehe Zelda ihren Unmut über die Situation ausdrücken konnte, war die junge Morganiell schon wieder verschwunden. Die erschöpfte Königstochter fuhr sich über ihre Stirn, seufzte und konnte den Gedanken kaum ertragen, sich um ein weiteres Anhängsel kümmern zu müssen. Ein weiterer Energievampir und erneut hatte sie keine Wahl…

 

Und dann in den nächsten Minuten traten Harkenia im Schutze seiner Ritter, sowie seine Gäste Ornella, Ophelia und Oredun Morganiell mit ihrem Hausstand durch den von sanftem Abendschein, funkelnden Lichtern und brennenden Fackeln erleuchteten Innenhof in Richtung des größten Burgtors des Schlosses. Mit feiner Unterhaltung schien der König abgelenkt und entspannt zu sein, bemerkte nicht, dass seine Tochter mit schweren Gesichtszügen stehen blieb und tief durchatmend im Innenhof verweilte. Sie richtete ihr Haupt gen Norden, wurde ein sinnierender Zeuge der vielen Funken hochschießendem Feuers, gedachte der Zukunft, gedachte der Vergangenheit, bis eine heiße Träne sich über ihrer rechten Wange perlte.

„Eine so wunderschöne Lady sollte niemals so traurig dreinblicken wie Ihr dies tut, Prinzessin…“, sprach eine ausdrucksvolle, tiefe Stimme anschwellend. Es war Sir Lowena, der inzwischen seinen schweren Stahlhelm abgenommen hatte und sein mit etlichen Narben übersätes Gesicht von der frischen Abendluft benetzen ließ. Er hatte ein gutmütiges Grinsen, obwohl er mit seinem dunklen Teint, den vielen Narben, bedrohlich wirkte. Die Schatten der flinken Flammen, die sich in seinem Gesicht spiegelten, trugen ebenso zu seiner gefährlichen Maskerade bei.

„Ich…“, seufzte sie und schloss den inneren Widerstand verlierend die Augen. Wozu sollte sie sich rechtfertigen und wozu sollte sie erneut eine glückliche Fassade aufsetzen? Auch das kostete sie gerade zu viel Kraft…

„Ich hoffe, es ist nicht wegen einem Mann“, bemerkte Sir Lowena. „Keine so anmutige Person wie Ihr sollte wegen einem Mann Tränen vergießen.“

„Und wenn es ein besonderer Mann ist…“

„Auch dann nicht. Kein Hylianer ist es wert, dass man für denjenigen Qualen und Schmerzen durchmacht.“

Skeptisch hob Zelda eine Augenbraue, fand den Gedanken von Sir Lowena auf eine Art düster und abscheulich. „Meint Ihr dies tatsächlich?“, erwiderte sie spitz. 

„Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es keiner und keine jemals wert waren um sie zu weinen…“, sprach er fest. „Was immer dieser besondere Mann tut, er scheint nicht zu verstehen, dass er Wunden hinterlässt an einem Herzen, das viel zu kostbar ist um vernarbt zu sein.“

Auf diese Worte hob Zelda ihr schönes, wenn auch trauriges Gesicht nach oben, traf mit ihren blauen die ebenfalls blauen Augen des stolzen Ritters und fand Besänftigung, Trost und Anteilnahme darin. „Und wenn dieser besondere Jemand auch um die besondere Frau weint… wenn beide dies tun?“

„So etwas… scheint dann wahre Liebe zu sein.“

„Ja, so scheint es…“, schluckte sie und ärgerte sich über ihre eigene Rührseligkeit. Warum nur hatte sie mit diesem erwachsenen Mann auf diese vertraute Weise gesprochen? War sie mittlerweile völlig neben sich? Erst verlor sie ihre Fähigkeiten, dann versagten ihr Temperament und ihr Dickkopf und schließlich holte sie sich Trost bei einem ihr fremden Ritter? Sie verwandelte sich in etwas, das sie gerade sehr erschreckte. Sie konnte nicht so weiter machen, zumindest das, sagte ihr einstiger Sturschädel noch. Und sie wusste auch, was sie tun würde. Sie brauchte Abstand von all diesem Chaos des Schlosslebens. Sie brauchte etwas Glück und sie wusste auch, wo sie sich das holen würde… Sie brauchte Link…

Mit einem entschlossenen Lächeln begegnete sie ein weiteres Mal dem gutmütigen Grinsen des Ritters aus Hyladién. Er wirkte überrascht, als Zelda plötzlich schmunzelte. „Ihr habt mich auf eine Idee gebracht, Sir Lowena“, sprach sie erheitert. „Habt Dank!“

Er nickte wortlos, verbeugte sich und behielt sein verblüfftes Grinsen bei, als Zelda in Windeseile durch den Haupteingang des Schlosses stürmte.

 

„Verzeih‘, dass ich jetzt erst frage, aber wie war Eure Fahrt hierher, Ornella? Ihr müsst erschöpft sein“, sprach der König wenig später in dem kleinsten der vielen Speisesäle des Schlosses. Eine gemütliche Atmosphäre regierte dort, wo ein großer Kamin Wärme spendete und den Speiseraum, der nur für kleinere Gesellschaften ausgelegt war, erhellte. Der Saal war winterlich geschmückt worden. Wenige Kristalle am Kronleuchter, am Tischschmuck und an den Wänden funkelten, brachen das Licht der riesigen weißen Standkerzen. Und eine Tafel aus weißem Holz, wo lediglich acht Personen Platz nehmen konnten, verschönerte den Innenraum. Riesige silberne Gardienen schmückten den Raum zusätzlich und eine Karte von Hyrules Kontinent, wo auch das nördlich liegende Hyladién aufgezeichnet war, hing über der Wärmequelle.

Lediglich Harkenia und Ornella Morganiell befanden sich in dem geschmackvoll eingerichteten Raum, saßen gemütlich am Tisch und pflegten ihre Konversation.

„Mein König, die Fahrt hierher war erfrischend, würde ich sagen“, schmunzelte Ornella erheitert. Sie strich sich eine dunkle Strähne ihres Haares, das sich aus ihrer aufwendigen Frisur gelöst hatte, nach hinten und lächelte ihrem Gastgeber entgegen. „Es war ein wunderbares Erlebnis Hyrule nach all der Zeit wiederzusehen“, setzte sie höflich hinzu. Ihr geheimnisvoller Blick fiel von Harkenia zu den wenigen Soldaten, die an dem doppeltürigen Eingang Wache hielten.

„Dies zeigt Eure Liebe und Hingabe Hyrule gegenüber“, meinte der König sanft. Unter seinem grauen Bart, der den Bereich unter seiner Nase mit seinem Kinn verband, war ein erfreutes Lächeln erkennbar. „Ihr habt Hyrule vermisst, schätze ich.“

„Das ist in der Tat der Fall, ich habe Hyrules weite Steppen und tiefe Täler vermisst, die Wärme des Südens…“, sprach sie nickend. Ihr Blick blieb bei den stummen Wachposten haften. „Ich hoffe doch sehr, dass Eure Wachen an das Gelübde des Schweigens gebunden sind.“ Eine Sorge und leichtes Misstrauen nahm von Seiten Ornella den Raum ein, überdeckte die angenehme Ruhe und das Knacken des Feuers.

„Ich bitte Euch, Ornella. Natürlich ist das Leben von ihnen an das Schweigen gebunden. Sorgt Euch nicht“, sagte der Herrscher des Landes mit sicherer Stimme.

„Entschuldige, ich bin erschöpft und hungrig. Ich zweifle nicht an der Treue Eurer Soldaten.“

„Aber ihr seid dennoch besorgt?“ Harkenias saphirblaue Augen funkelten mit der gleichen raffinierten Schläue wie jene Zeldas in vielen Situationen vorher.

„Seit dem Tod meines Mannes, ja“, entgegnete sie seufzend, umfasste mit ihren beiden in sanfte dunkle Lederhandschuhe gepackte Hände die große Rechte des Königs und drückte diese leicht. „Sein Tod hat mein Haus in große Unruhe geschickt und uns Hyladiérn ein gesundes Misstrauen in die Gemüter gelegt“, erklärte sie. „Ophelia ist seit seinem Tod völlig verändert.“

„Erzählt mir mehr von Ophelia“, sprach Harkenia mit Mitgefühl in seiner tiefen Stimme.

Ornella entging nicht die Form der Zuneigung in den blauen Augen des Königs und ihr entging nicht das Wohlgefallen ihres Händedrucks. „Ophelia ist eigentlich ein sehr liebes Mädchen, sie war auch sehr talentiert, spielte das Spinett außergewöhnlich gut, war begabt in vielerlei Dingen wie dem Tanzen und im Anfertigen feiner Handarbeiten. Sie war zurückhaltend, bezaubernd und höflich, edel wie eine Morganiell. Aber seit Oreduns Tod begann sie sich seltsam zu benehmen, wurde schusselig und tollpatschig. Es stimmt mich trübsinnig zu sehen wie ihre anmutige Art verfällt…“

„Das bedauere ich sehr, Ornella. Es ist nicht viel bekannt über die Umstände von Oreduns Tod, nicht wahr?“

Die Adlige der fernen nördlichen Insel senkte den Kopf und ihre Augen schimmerten wie hellblaues Glas. „Ophelia ist mit ihm auf ihren Silberschneehirschen ausgeritten, als es passierte… man sprach von einem Angriff von Dämonen, obwohl meine ergebensten Ritter keine Spur finden konnten. Es scheint, als hätte sich jene schändliche Brut einfach in Luft aufgelöst. Mein Gemahl war der beste Krieger von Hyladién, es ist schlichtweg unmöglich, dass er so leicht besiegt werden konnte und keine Opfer auf der Seite der Dämonen zurückgeblieben sind. Keine Blutspuren. Keine Leichen, nur Fragen und Melancholie blieben zurück…“

„Ihr habt mein Mitgefühl, Ornella.“

Sie nickte entzückt, lächelte geheimnisvoll und traurig wie vorher auch. „Ophelia redet bis heute nicht darüber, sie war ohne Verletzung. Auch die Leiche meines Gemahls war beinahe ohne Harm, lediglich sein geliebter Ohrring fehlte…“

„War an jenem etwas Besonderes?“ Eine sonderbare Aufregung glich dem König auf das starke, straffe Gesicht.

„Nun, nicht dass ich wüsste“, entgegnete die Morganiell. „Der Ohrring war ein Erbstück, soweit ich erinnere und jener bestand aus einem teurem, sehr seltenem Material, aber enthielt keine Edelsteine.“

„Es war also nicht wegen jenem Schmuck, dass er attackiert wurde?“

„Nein, wohl kaum“, sprach sie sicher. „Es würde mich verwundern.“

Harkenia seufzte, behielt seinen leisen Verdacht für sich. Er erhob sich, stolzierte mit klappernden Beinschonern und Schulterplatten zu der Karte des hylianischen Königsreichs. Ornellas Worte stimmten ihn nachdenklich, schickten eine Brise eisige Warnung über seine fünfzig Jahre alten Schultern. In Hyrules gab es für alle Ereignisse ein Schicksal, eine mehr oder weniger wertvolle Ursache. Und in dem Strudel der göttlichen Geschehnisse war es oftmals schwierig das Ruder zu behalten, wo das winzige Boot durch die Irrfahrt des Lebens kentern konnte. Harkenia von Hyrule hatte das Ruder immer festgehalten, hatte immer an sein Land gedacht und daran, wie Sicherheit und Frieden erhalten bleiben konnten. Und dafür liebte ihn das Volk abgöttisch. Seit sein Bruder vor fünfzehn Jahren fiel, regierte er das Land mit Weitsicht und Hingabe, ließ das Königreich blühen. Und nichts war Harkenias geschultem Auge entgangen, nur die Warnung seiner Tochter bezüglich der Gerudos, jene hatte er vor wenigen Jahren nicht wahrhaben wollen. Und diese Erinnerung fühlte sich bitter in seinem Herzen an, stieß ihm übel auf. Es wäre töricht von ihm den Mord an einem herrschenden Adligen wie Oredun Morganiell nicht ernst zu nehmen. Und Harkenia hatte in Unkenntnis von Ornella bereits vor vielen Wochen Nachforschungen angestellt, hatte sich über den merkwürdigen Ohrring, der gestohlen wurde, informiert. Harkenias Augen beobachteten wie ein starker Adler die Geschehnisse von weitem…

 

„Und was ist mit Eurer Tochter? Ihr wünscht, dass sie in die Mädchenschule kommt, genauso wie Oredun in der Ritterschule der Söhne des Schicksals unterwiesen werden soll?“, entgegnete er, ließ seinen Blick währenddessen über die ockerfarbene Karte Hyrules schweifen, bis er schwermütig einen nördlichen Punkt in der Provinz Lanayru fokussierte.

„Ja, das ist meine Absicht. Ophelia könnte sich ihres Selbst erinnern an einem Platz wie diesem. Und mein Sohn ist ohnehin bestens aufgehoben an einem Platz, wo er trainieren kann.“ Sie schmunzelte ein wenig. Und das leichte Lächeln in ihrem schmalen, langen Gesicht trug zu der natürlichen Schönheit Lady Morganiells bei. Harkenia mochte ihr stilles Lächeln, hatte sich mit einem angenehmen Gefühl in seinem Herzen an jenes erinnert und war froh, dass es noch vorhanden war.

„Er ist außergewöhnlich begabt, das hörte ich von Reisenden“, meinte der Herrscher neugierig.

„Nicht nur das, er hat eine besondere Gewandtheit mit der Klinge. Sein Stil ist scharf und tödlich. Und die meisten machen den Fehler ihn aufgrund seines Alters zu unterschätzen, was zu deren Niederlage führt. Wenn Ihr mich fragt, ist Oredun ein Anwärter auf einen Heldentitel.“

Harkenia klatschte begeistert in die Hände und nahm wieder an der Spitze der Tafel Platz. „Dann wird er die Ritterschule mit seinem Talent bereichern können wie es andere vor ihm bereits getan haben. Hyrules Ritter waren immer stark und tapfer, bereit für unseren wertvollen Kontinent zu kämpfen.“ Der König und sein Gast lächelten einander mit Verständnis entgegen. Es hatte zwischen der Königsfamilie und dem Haus der Morganiells immer ein starkes Band bestanden, eine tiefe Freundschaft, die gesegnet war mit Ehrlichkeit und Vertrauen. Und beide Anwesende spürten dieses Band gerade aufleben.

„Und was ist mit Eurer Tochter, Harkenia. Ist sie geeignet für den Thron?“, sprach Ornella wissbegierig. „Ich hoffe, Ihr entschuldigt meine Neugier. Aber die Prinzessin Hyrules ist nun mal in aller Munde und wenn sie den Thron erben sollte, dann betrifft das auch Hyladién, unsere Bündnisse und wirtschaftlichen Verpflichtungen.“

Er nickte und hob bestätigend seine rechte Hand. „Ich verstehe, worauf Ihr hinauswollt, aber ich versichere Euch. Zelda ist das Beste, was Hyrule jemals haben kann, vorausschauend, tapfer, stark und weise. Wenn die Legenden wahr sind, dass im Königshaus göttliches Blut fließt, würde ich jeder Zeit meine Hand ins Feuer legen dafür, dass meine Tochter dieses Blut besitzt.“

Ornella lächelte glattzüngig. „Dann braucht sie einen guten Gemahl, der ihr hilft ihre Fähigkeiten weiter auszubauen.“

Harkenias saphirblaue Augen blitzten mit Erstaunen auf. „Ihr denkt über eine Vermählung mit Oredun nach, nicht wahr?“

„Ist dies so offensichtlich?“ Ornella lehnte sich zurück und nippte von ihrem blutroten Wein, genoss den leicht feurigen Geschmack der mildscharfen Frucht der Herzbeerensorte, die in Hyladién nicht wuchs.

„Ja, allerdings“, lachte der König und lehnte sich mit dem Krug Wein in der Hand ebenfalls zurück. Er nahm einen herzhaften Schluck seines Getränks und grinste. „Ihr habt Euch wie mir berichtet wurde kaum verändert.“

„Soso…“, sprach sie amüsiert. „Ist dies ein Kompliment oder eine bloße Feststellung, ich hoffe auf ersteres.“ 

„Einer bezaubernden Lady wie Euch sollte man niemals mit einfachen Feststellungen begegnen.“

Sie schwieg darauf, lächelte in sich hinein und schloss sinnierend die Augen.

„Aber, was meine Tochter betrifft, ich werde niemals von ihr verlangen aus Pflichtgefühl Hyrule gegenüber einer Eheschließung einzuwilligen, welcher ihr Herz nicht ebenfalls zugeneigt ist.“

„Ich verstehe, Ihr möchtet Ihr dies selbst überlassen?“

„Zelda hat beinahe göttliche Gaben. Sie wird alleine entscheiden, mit wem sie das ewige Bündnis eingeht.“

Ornella strich sich über die aufwendige Blütenzeichnung auf ihrer rechten Wange, spürte die Magie des Symbols, das einen Schutzzauber darstellte, vibrieren, während ihr sanftes Gesicht mit Kummer bedeckt wurde. „Ganz anders als es damals bei uns war… Wir konnten nicht für uns selbst entscheiden.“

„Ornella…“

„Verzeiht mir, ich wollte nicht rührselig werden…“, brach sie ab. Mit einem auffälligen Zwinkern wechselte sie das Thema. „Aber sagt, stimmt es denn, was man sich im Hause Hyladiéns erzählt? Zelda und der sogenannte Held der Zeit pflegen ein inniges Band, aus dem Liebe entstanden ist?“

Die dunkelblonden Augenbrauen des Königs hoben sich kritisch. „Nun, das sind Gerüchte im Volk. Der Held bekommt die Prinzessin wie in den Märchen, die wir als Kinder so bewunderten. Ein wünschenswerter Irrsinn im Volk. Letztlich betrifft auch dies nur meine Tochter.“ Harkenia zupfte sich am Bart, wusste ja, dass hinter Zeldas Zuneigung zu dem Heroen mehr steckte als bloßes Getratsche im Volk, aber er würde dies kaum zur Sprache bringen, und erst recht nicht vor Ornella.

Die Adlige der nördlichen Insel hielt sich verlegen eine Hand vor den mit oranger Farbe bemalten Mund. „Ein feiner Irrsinn des Volkes, wenn man bedenkt, dass die Identität des Helden nach wie vor anonym ist. Kaum jemand kennt sein wahres Gesicht, ist dem nicht so?“

„Ja, das ist korrekt.“

„Und welchen Beweis könnte dieser jemand erbringen der Held der Legende zu sein? Mehr als ein Fragment scheint es nicht zu sein, nicht wahr?“

Der König seufzte. „Ich ahne, Ihr seht diesem Kämpfer mit einer sehr misstrauischen Haltung entgegen?“

Ornella stützte beide Hände gewagt und ihre Missgunst andeutend auf dem Tisch ab. „Sollte ich nicht? Jeder könnte der Held der Zeit sein und jeder könnte damit ein falsches Spielchen treiben.“

„Ich versichere, der wahre Held der Zeit würde alles tun um Hyrule und seine Völker zu unterstützten. Ich wäre bereit in jeder Angelegenheit hinter ihm zu stehen, so wie meine Vorfahren hinter den legendären Helden standen.“

„Dem widerspreche ich auch nicht, mein König“, sprach sie beflissen. „Aber könnte nicht jeder behaupten dieser Held zu sein? Ich zweifle nicht an der Legende, wohl aber an der Identität des Helden der Zeit. Mir wurde berichtet, er wäre ein scheinbar unauffälliger, schwach wirkender Jüngling. Es gibt Zweifel von vielen Seiten. Hast du nie in Frage gestellt, dass der von dem Ihr glaubt der Held zu sein, tatsächlich der eine Held ist?“

Harkenia schüttelte seinen mit goldener Krone geschmückten graublonden Kopf. Sein Tonfall wurde missmutig. „Nein, natürlich nicht. Ich verließ mich immer auf das Wort meiner Tochter und ich habe andere Gründe, die ich nicht darlegen werde.“

„Natürlich…“, meinte die Morganiell erneut scharfzüngig. „Erlaubt mir die Bemerkung, aber Zelda wirkt, ehrlich gesagt, sehr mitgenommen und erschöpft… anders als der Wirbelwind, den ich von damals noch in Erinnerung hatte.“ Sie blickte schräg in das wildsprudelnde Feuer des Kamins, verbot sich weitere Worte, war es doch nicht ihr Recht sich darüber zu mokieren. Sie erhob sich träge, tapste zu der Karte des hylianischen Kontinents und verschränkte die Arme. Auch Harkenia erhob sich, suchte ihren Blick und nahm ihre Hände in seine. „Es ist auch Euch aufgefallen…“, entgegnete er.

„Verzeiht mir, Harkenia. Ich wollte Euch nicht beunruhigen. Aber ich habe mehr von Eurer Tochter erwartet, sehe aber vor mir ein zerbrechliches, trübsinniges Mädchen. Sie wirkt nicht wie die stolze, starke Thronerbin, die Hyrule so abgöttisch liebt.“

Der König runzelte die Stirn, seufzte und weitere Sorgenfalten erhoben sich auf seiner Stirn. Er hatte es gemerkt, natürlich hatte er das. Ihm war nicht entgangen, dass seine Tochter in letzter Zeit neben sich stand, ihre Stärke eingebüßt hatte. Er wusste, dass sie sich viel aufgebürdet hatte, dass sie sich sorgte, vor allem um den Helden der Legende, der ihrem Herzen sehr nah gekommen war. Aber Harkenia war auch davon überzeugt, dass seine Tochter in der Lage war ihre Kräfte zu stärken, wenn es darauf ankam. Zelda war trotz ihrer Erschöpfung eine unheimlich starke, eigensinnige und kämpferische Seele.

„Ornella, unterschätzt sie nicht. Womöglich hat sie sich viele Aufgaben aufgebürdet in den letzten Wochen, hat darin ihre Stärke investieren müssen, aber sie spielt niemals mit falschen Karten. Zelda ist sehr raffiniert, weiß um die Geschicke der Welt besser als jemand sonst. Was nun wohl geschehen muss, ist, so scheint mir, dass sie ihre Pflichten einige Tage zur Seite schiebt und Erholung findet.“ Der König lächelte und führte seinen Gast zurück zu ihrem Sitzplatz. „Genauso wie man Euren Sohn nicht unterschätzen sollte, solltet Ihr sie nicht unterschätzen. Ihr wärt überrascht, wenn Ihr wüsstet, wozu sie fähig ist.“ Ornella nickte mit Genugtuung in ihrer Mimik, nahm Platz und nippte erneut an ihrem mundigen Wein.

 

In dem Augenblick erklangen von außen klappernde Geräusche. Mehrere Stiefel und Stöckelschuhe klirrten auf den gewienerten Bodenplatten aus Marmor, kündigten das Erscheinen weiterer Gäste an. Als die doppelwandige Tür geöffnet wurde, traten im Schutze der Ritter McDawn, Sorman und Lowena die Prinzessin Hyrules in den Speiseraum und hinter ihr folgend die unbeholfene Ophelia Morganiell eingehängt in den Arm ihres Bruders Oredun. Die Kinder der Herrschenden nahmen ebenfalls an der Tafel Platz, während die Ritter an den Seitenwänden Wachposten einnahmen. Schließlich brachten zwei Mägde und die Köchin Maia, die seit dreißig Jahren die Mäuler des Königshauses versorgte, Spezialitäten der hylianischen Küche. Auf einem kleinen Wagen waren seltene Früchte aufgetafelt wie beispielsweise eine sehr energiespendende, betörend duftende Sorte der silbernen Herzbeeren, mit scharfen Gewürzen ummanteltes Gemüse und der feurige, aus den jungen Blättern der Donnerblume hergestellte Salat, den Hyladiér liebten. Die Bewohner der nördlichen Insel besaßen generell sehr eigenartige Vorlieben, was Gewürze und Braten betraf. Sie liebten gepökelte Speisen, mochten Fleisch, das vor Blut triefte und aßen Innereien, die zu Delikatessen verarbeitet wurden. Aus diesem Grunde hatte Maia die ungewöhnlichsten Speisen auf einem zweiten Essenwagen gepackt. Mit Hylanorflocken gebackene Leber, ein süßlicher Eintopf mit Gemüse und Innereien, die die Prinzessin nicht aussprechen wollte und blutiger Fisch. Ein wenig angewidert betrachtete sich Zelda die ungewöhnliche Mahlzeit, roch das frische, rosafarbene Blut in dem nur kurz gerösteten Seejabufisch, der mit Kräutern eingedeckt die Mitte der Tafel dekorierte.

Innerhalb kürzester Zeit war die gesamte weiße Tafel geschmückt, warmer Herzbeerenwein und Kräutertee eingeschenkt und das Küchenpersonal verschwand. So wie es der Sitte entsprach, bediente sich der König an der Spitze der Tafel als erster von dem Fischbraten und hob seinen goldenen Kelch in die Höhe, begrüßte noch einmal seine Gäste und ließ seine Freude über den Besuch mit geschmeidiger Stimme verlauten. „Speist mit mir, meine Gäste. Auf die Zukunft Hyrules und Hyladiéns.“

Entzückt nickte Ornella an seiner rechten Seite den Worten zu und blickte die ihr gegenüber sitzende Prinzessin der hylianischen Lande erneut begutachtend an. Ihr Lächeln war beflissen und herausfordernd, sendete der jungen Thronerbin Neugierde. Auch Ophelia, die an Ornellas Seite saß, kam nicht umher die Königstochter bewundernd anzustarren. Sie beobachtete, welche Gabel Zelda benutzte, wie sie ihr Weinglas hielt und welche Speisen sie aß. Die kokette Prinzessin war es gewohnt im Mittelpunkt zu stehen, aber schenkte ihren Beobachtern einen kühlen Blick und entschied dies zu ignorieren. Sie musterte interessiert Oredun, der neben ihr saß und als einziger nur sein Essen anstarrte.

Grinsend belud er seine Gabel mit dem blutigen Fischfilet, leckte sich die auffallend dunklen Lippen, als er es aß und spürte sofort, das Zelda ihn beobachtete. Er grinste, starrte mit seinen kühlen silbernen Augen zurück und hob sein Glas zu einem hyladischen Trinkspruch. „Auf die bezaubernden Ladys an unserem Tisch“, sprach er, erhielt dafür eine herabwürdigende Gestik im Gesicht seiner Mutter.

„Auch meine reizende Mutter ist damit gemeint“, entgegnete er scharfzüngig. Er ließ sich nichts gefallen, auch das war über ihn bekannt im Volk, und er war ein eingebildeter, selbstverliebter Neunmalkluger, so hieß es, obwohl sich die Prinzessin ihr eigenes Bild machen würde. „Mein König“, setzte er schleimend hinzu. „Eure Speisekarte ist wahrlich ein Genuss.“ Er nahm sich eine große Suppenschüssel von dem Eintopf aus Gemüse und Innereien, aß schmatzend und beinahe leidenschaftlich. Sein Adamsapfel hob sich auffallend, als er schluckte.

„Der Dank gilt Maia, unserer Köchin“, entgegnete Harkenia und lächelte in die Runde. Er hatte gehofft, der Abend würde herzlich und gemütlich werden und zumindest Oredun hatte einen Teil dazu beigetragen.

„Ihr habt Euch tatsächlich Mühe gemacht, dass sich Eure Küche an unseren Mahlzeiten orientiert, mir ist bewusst, dass die hyladische Küche nichts ist für verwöhnte und einfache Gemüter. Sie ist doch sehr speziell. Habt Dank, Harkenia“, sprach Ornella, um die Worte ihres Sohnes zu entschärfen. Der König nickte ihr entgegen.

„Ja, und unser Essen mag nicht jeder, nicht wahr?“ Ophelia erhob ihre Stimme auf eine piepsige Weise, wollte sich mit aller Gewalt am Gespräch beteiligen. „Es würde mich nicht wundern, wenn Eure Lordschaft das Essen nicht mag.“

Der König hob schlichtend seine Hände in die Höhe. „Es ist gut so, danke Ophelia.“

„Ich wette, Prinzessin Zelda traut sich nicht den Eintopf zu essen“, sprach sie herausfordernd und blickte erwartend in die überraschten Augen der Thronerbin.

„Bei Hylia, Schwester“, knurrte Oredun und legte sein Besteck zur Seite. „Bitte halte dich zurück.“

Etwas irritiert und eine leichte Nervosität spürend musterte die Prinzessin den Morganiell, der neben ihr saß. Es war in ihrem Leben sehr selten, dass jemand sie verteidigte. Und Oredun hatte seiner Schwester beinahe das Wort verboten. Sie stemmte interessiert ihre von samtenem Handschuh bedeckte Rechte an ihr Kinn, und fühlte sich innerlich das erste Mal seit langer Zeit wohl in der Gesellschaft von Jungen in ihrem Alter.

„Ich schätze, eine Thronerbin kann selbst für sich entscheiden“, schmeichelte der Morganiell und grinste ihr verschlagen entgegen. „Ist dem nicht so?“

Zelda nickte mit Genugtuung. Aber Ophelias Unterstellung würde sie dennoch nicht auf sich sitzen lassen. Zur Verwunderung aller Anwesenden nahm sie sich eine Schüssel, belud diese randvoll mit dem zwiespältigen Eintopf und aß, ihr Blickfeld in Richtung der jungen Morganiell gerichtet. Der Mund von Ophelia stand sperrangelweit auf, und sie spürte, dass sie sich nicht mit der Prinzessin messen konnte.

„Prinzessin, Ihr überrascht in jeglicher Hinsicht“, lachte Oredun. Er hatte ein prickelndes Lachen, das selbst Zelda, die sich immer kühl gab, die standhaft und erhaben wirkte, eine leichte Röte ins Gesicht brachte. Sie konnte sich kaum wehren, aber Oreduns charmante Art beeinflusste sie, erinnerte sie an das, was sie vermisste…

 

„Ich habe gehört in der Ritterschule haben sich einige seltsame Vorfälle ereignet“, meinte die Herrscherin der nördlichen Insel, um das Gespräch zu einem bedeutenderen Inhalt lenken. Sie richtete ihre blassen, blauen Augen mit einem vor Zuneigung strahlenden Leuchten zu den saphirblauen des Königs. Auch Zeldas himmelblaue Augen blitzten auf, als das Gespräch sich zu dem Thema Ritterschule bewegte. Seit Tagen hatte sie den Eindruck ihr Vater verschwieg ihr wichtige Inhalte.

„Nun, das ist leider korrekt, auch zu meinem Bedauern. Aber schließlich sind Dämonenangriffe keine Seltenheit in Hyrule. Wozu bilden wir unsere jungen Burschen auch sonst so gut aus?“, argumentierte der König sachlich und trank von seinem goldenen Kelch. Er hob den Kelch in Richtung der drei Ritter, die ihre Schwerter haltend im Raum standen.

„Ich kenne nur die Berichte von den Reisenden und unseren Boten“, begann Oredun wissbegierig. In seinen silbernen Augen glomm Aufregung und ein verbotener Durst nach dem Kampf. „An meine Ohren drang die Kunde von einem unauffälligen Ritterschüler, der eine heldenhafte Tat vollbracht, Dutzende Kreaturen in den Tod gelockt haben soll und dabei schwer verwundet wurde. Aber welche Dämonen haben den Angriff zu verantworten? Darüber war nichts bekannt.“

Fahl im Gesicht werdend starrte die Prinzessin ihrem Vater in dessen alte, wissende Augen und fühlte sich verhöhnt und vor den Kopf gestoßen. Nicht er, noch einer der Ritter haben ihr davon berichtet. Sie hatte von einen Angriff gehört, aber nichts darüber, dass ein einzelner Schüler daran beteiligt gewesen sein soll. Beschämenderweise war es Zelda außerdem entgangen ihre wissbegierigen Adleraugen zu nutzen und sich zu informieren. Sie verkrampfte sich und spürte erneut, dass die vielen Aufgaben über ihren Kopf wuchsen… Sie hatte in den letzten Tagen nur noch an die ,Dreizehn Schlüssel‘ gedacht und sich mit den beiden verborgenen Völkern verständigt…

Und als Harkenia den Blick seiner Tochter bemerkte, sanken seine Augen schuldbewusst nach unten. „Euch, Oredun, ist nichts bekannt, da wir selbst nichts darüber geäußert haben. Es wird demnächst eine Anhörung zu dem Thema stattfinden.“ Harkenia putzte sich die Essensreste von seinen Mundwinkeln und trank von seinem Herzbeerenwein, als hatte er noch nie etwas getrunken. Hastig schlürfte er das heiße Getränk hinab und versuchte das Gesprächsthema zu umzugehen.

„Vater“, sprach Zelda und ballte die Hände zu Fäusten. „Ist es das, was ich vermute?“ Zelda fixierte ihn, nagelte ihn fest mit ihren anklagenden, wissenden Augen, und eine Antwort musste er ihr ohnehin nicht mehr geben. Sie öffnete schwach ihren Mund und schloss die Augen um zu begreifen. Sie spürte es… in ihrem Herzen, in ihrer Seele. Sie spürte alles, was sie wissen musste. Es gab nur einen Ritterschüler, der mutig genug war sich für andere auf eine derartige Weise zu opfern… Sie schluchzte leise und schluckte den Schmerz und ihre Sorge um Link ihre Kehle hinab. Und es enttäuschte sie, dass ihr Vater ihr nichts gesagt hatte. Vielleicht hatte er noch ganz andere Dinge vor ihr verschwiegen…

Oredun bemerkte die traurige Stimmung, die sich wie ein grauer Schatten über das anmutige Gesicht der Prinzessin legte. „Andererseits“, meinte er aufheiternd und lehnte sich in den breiten Sessel zurück. „Habe ich auch gehört, dass keiner getötet wurde.“

„Das ist richtig… die Verwundeten wurden bereits versorgt, sparen wir uns dieses leidige Thema.“ Harkenia blickte mit seinen saphirblauen Augen schräg und zupfte sich am grauen Bart.

„Aber auch heute ist etwas Komisches passiert“, sprach Ophelia. Sie konnte ihren Mund nicht halten, bemerkte nicht, dass ihre Aussage unangebracht war. „Ich habe vorhin ein paar Ritter belauscht. Es soll ein Ritterschüler namens Mondrik Heagen verprügelt worden sein. Das ist nicht schlimm, aber unheimlich ist, dass er mit Blut das Wort ,Held‘ an die Wand geschrieben hat. Ist das nicht wahnsinnig?“ Die Ritter, allen voran Sir Lowena, seufzten zu jenen Worten.

Oredun Morganiell verdrehte seine Augen, räusperte sich auffällig und war es wohl leid seiner Schwester erneut über den Mund zu fahren.

„Liebes, das war unpassend“, sprach Ornella kühl und strich ihrer Tochter eine Strähne ihres dunklen Haares aus dem Gesicht. „Respektiere das daran geknüpfte Leid und die Schande, die dieser Junge aushalten muss. Es ist geschmacklos sich daran zu ergötzen.“

Beschämt starrte sie auf ihren vollgefüllten Teller und nickte. „Verzeiht bitte. Aber es ist doch furchterregend…“

„Das klingt beinahe so, als hätte ein Held in dieser Angelegenheit grausame Taten begangen“, bemerkte Oredun und beobachtete das Verhalten Zeldas dabei kritisch. Auch er kannte die Geschichten im Volk, das Gerede über die Prinzessin und den vergessenen Helden. Und wenn ihn etwas interessierte, dann ein Kampf gegen den angeblichen Helden der Zeit. Mit heimlicher Befriedigung sah der Morganiell die Prinzessin auf seine Worte anspringen. Ihre sanften Augen wurden bissig und aus ihrer Haltung sprach Angriffslust.

„Macht Euch das nicht stutzig, Prinzessin Zelda?“, sprach der Kämpfer.

Sie funkelte ihm mit ernüchternder Strenge entgegen, ließ sich nicht herausfordern, obwohl er das gerne erlebt hätte. „Nun, es wäre wohl vorschnell und dumm darüber ein Urteil zu fällen ohne entsprechende Anhörung der Beteiligten. Und warum auch sollte mich dieser Vorfall stutzig machen?“ Die Wahrheit jedoch war eine ganz andere, es machte sie misstrauisch, dass Mondrik Heagen, der schwächste Rittersohn an der ganzen Schule, einen solch fatalen Hinweis an die Wand malte. Und es trug nicht gerade dazu bei, die Anschuldigungen von Impa, die sich auf Links Verrat bezogen, zu entkräften…

„Wenn der Ritterbursche den Hinweis gibt, ein Held habe ihn zusammengeschlagen, könnte man wohl annehmen, es handle sich dabei um den einen Helden, dessen Identität nach wie vor streng gehütet wird.“

Zelda schloss die Augen, ließ sich ihre innere Wut nicht anmerken. „Sehr geschickt, Eure Kunst Puzzleteile zusammenzufügen. Die Wahrheit ist jedoch oftmals eine ganz andere.“ Sie sprach wie eine Herrscherin, standhaft und zweifellos.

„Wahrheit hat viele Gesichter. Es gab in Hyrules Geschichte schon öfter gute Männer, die ihre Ideale verraten haben… Helden können fallen“, argumentierte er.

Zeldas saphirblaue Augen leuchteten mit einem Feuer, das Oredun nicht erwartet hatte. Erschrocken wich er zurück, als die Thronerbin ihn kühl musterte. „Selbst Götter können fallen“, sprach sie trocken. „Macht Eure Hausaufgaben, Oredun, vorschnelle Schlussfolgerungen von jungen, unreifen Herrscherkindern brachten Hyrule nicht nur einmal in Gefahr. Und derartiges Denken über Prozesse in unserer Welt, wie Ihr es vermögt, kann gerade dazu führen, dass gute Menschen fallen.“ Zelda lächelte heimtückisch, als sie endete. Der Morganiell grinste ebenfalls und klatschte Respekt zollend in die Hände. „Ihr lasst Euch nicht provozieren, huch?“, sprach der Hyladiér.

Verschlagen antwortete sie: „Dafür braucht es weitaus mehr als die Beleidigung des Helden der Zeit.“

Er grübelte, kratzte sich an seinem Dreitagebart und vielleicht waren weitere Worte unangemessener als die Aussagen seiner Schwester, aber der Adlige aus dem Norden wusste auch, dass Zelda die gewollte Botschaft seiner Worte erkennen würde. Die Botschaft einer Herausforderung. Eigensinnig. Und berechnend.

Er lachte mit seiner prickelnden Stimme, löste die dunklen Haare aus dem Pferdeschwanz und griff nach Zeldas linker Hand. „Sagt, Prinzessin“, sein Händedruck war überraschend, aber nicht unangenehm. „Es ist doch gewöhnlich und richtig, dass Prinzessinnen den ganzen Tag nichts anderes tun als Sticken, geschwollen reden und Tanzen, nicht wahr?“ Er küsste ihre Hand. Erschrocken über diese Aussage verlor Sir Sorman im Hintergrund sein Schwert und ließ es zu Boden plumpsen. Er erwartete ein heftiges Donnerwetter, wusste jener Ritter nur zu gut, wie Hyrules Prinzessin in die Luft gehen konnte.

„Ihr irrt Euch gewaltig, junger Morganiell“, entgegnete sie amüsiert und blieb wider Erwarten kühl. „Das ist Klischee, nicht wahr? Dann könnte ich annehmen, Ihr tut genau das, was die meisten Prinzen den gesamten Tag tun.“

„Und das wäre?“

„Arme Tiere erschießen, Wein trinken und Röcken hinterher jagen.“

„Oh, ich versichere, dass ich keineswegs Röcken hinterher jage.“

Auf die Bemerkung blitzten nicht nur Ornellas Augen verräterisch auf, sondern auch die von Zelda. „Ich verstehe, Ihr interessiert Euch lediglich für Schwerter.“ Die Prinzessin grinste heimtückisch.

„Wie meint Ihr?“ Etwas nervös, Zelda könnte ihre Worte in einem anderen, seine Mutter verstörenden Licht geäußert haben, sah Oredun zu seinen blassen, langen Händen.

„Nun… Schwerter können eine Leidenschaft sein. Ich kann jedoch mindestens genauso gut mit einem Schwert umgehen wie Ihr!“, sprach die Königstochter ablenkend und beobachtete kritisch die Gestik des Morganiell. Sie wusste mit welchen Waffen sie wertvolle Informationen erhalten konnte.

„Ach, und bei welchem Lehrer wollt Ihr dies gelernt haben?“ Hilflos blickten sich die Ritter in der Runde um und trafen auf ein nervöses Grinsen des Königs.

Zelda lachte rechthaberisch. „Eine der letzten Shiekah war meine Trainerin und lasst Euch gesagt sein, dass Shiekah körperlichen Schmerz eher ertragen und Schnelligkeit viel besser beherrschen als wir Hylianer.“

„Eine Shiekah, das ist allerdings interessant.“

„Und nicht nur das“, sprach sie sicher. „Ich hatte wesentlich mehr Zeit meine Technik zu verfeinern, ich habe sieben Jahre länger gelebt als Ihr, Oredun.“

Er musterte sie mit einer versteckten Unsicherheit, bis er diese Warnung verstand. Als eine der wenigen hatte die Prinzessin des Schicksals Erinnerungen an die alternative Zeit. „Und ich bin der beste Krieger Hyladiéns. Jeder, der gegen mich das Schwert erhebt, ist töricht!“

„Wenn das so ist, dann will ich töricht sein. Tretet gegen mich an!“, zischte Zelda, wirkte wie die Rebellin, die sie war, ließ ihr Kämpferherz handeln und ihr göttliches Blut wallen.  Und mit ihren Worten erhob sich der Hyladiér ebenfalls, stützte sich grinsend mit beiden Händen auf den Tisch und der kampfbereite Ehrgeiz wucherte in seinen silbernen Augen wie ein Gewächs der Magie.

Die Ritter und selbst der König, der Zeldas Dickkopf kannte, erstaunten. Ornella lächelte ängstlich und zuckte mit ihren Händen. Ophelia aber rutschte auf die Bemerkung von ihrem Platz, krallte sich die rechte Hand ihres Bruders und sprach flehend: „Bitte nicht, Oredun… Bitte keine Kämpfe!“

Er nickte seiner älteren Schwester entgegen. „Ophelia hat ausnahmsweise Recht.“ Er reichte der Prinzessin eine entschuldigende Hand. Er hätte sie keinesfalls auf diese Weise provozieren müssen. „Ich sollte keine Mädchen schlagen.“

Zelda durchschaute seine Absichten, aber würde nun nicht mehr zurückweichen. Sie wollte die Herausforderung, sich spüren, ihre Stärke erglühen lassen so wie früher. Unschuldig dreinblickend spazierten ihre Blicke an die verzierte, mit silberner Farbe bemalte Zimmerdecke. „Ich hingegen habe kein Problem damit Mädchen zu schlagen. Soll ich es Euch beweisen?“ Sie hob die Hand gegen den Morganiell mit einem verteufelten Grinsen, worauf er die Hand blitzschnell abfing und eine aufgeregte Verwunderung über seinem Gesicht aufflackerte. „Kokett…“ Melodisch kam das Wort über seine dunklen Lippen. Er schloss die Augen. „Ich kann leider nicht widerstehen. Verzeih‘ mir, Schwester“, liebäugelte er an Ophelia gerichtet. „Diese Herausforderung muss ich annehmen. Was für ein Krieger wäre ich, wenn ich vor einer anmutigen Lady weglaufen würde.“

Aber da schlug Ornella, die sich das Gespräch bisher mit hochgezogenen Augenbrauen angehört hatte, auf den Tisch. „Oredun Morganiell, ich sage nur so viel. Du spielst mit deiner Ehre!“, sprach sie scharfzüngig und erhob sich ebenfalls. Aber da packte Harkenia sie an der Hand und zupfte sich erneut an seinem Bart. „Bei den Göttern… sie sind beide temperamentvolle, sture Raufbolde… Lasst sie sich ihre Hörner abstoßen.“

„Aber, mein König…“, murmelte sie benommen. War er denn nicht besorgt, einer der beiden könnte einen solchen Kampf mit Wunden oder gar mit dem Tod bezahlen?

„Habt etwas Vertrauen, Ornella“, sprach er erheiternd und zwinkerte seiner Tochter entgegen. Er war so dankbar, dass Zelda etwas von ihrer Stärke und Lebenslust zeigte, dass er diesen Kampf gerne erdulden würde.

Ihr mit oranger Farbe bemalter Mund spitzte sich, bis sie sich wieder tiefer in ihren gepolsterten Sessel sinken ließ. Mit geschlossenen Augen und einer sonderbaren Ruhe ließ sie sich von den Worten des Königs überzeugen. Sie umklammerte seine Rechte und lächelte ihm entgegen. Sie flüsterte: „Ihr hattet Recht, Harkenia, ich muss mich korrigieren. Ich hatte ein falsches Bild von Eurer Tochter…“

Der Regent lächelte erfreut. „Gut, dann lasst uns diesen gelungenen Abend beenden.“

„Der Abend ist noch nicht ganz ausgeklungen“, widersprach Zelda und grinste heimtückisch. Ihr Körper vibrierte vor Aufregung in der Erwartung eines Kampfes. „Es steht noch eine Herausforderung im Raum und es würde mich betrüben, wenn diese nicht ernst gemeint wäre.“ Harkenia schluckte verdattert und schaute in Richtung der Pendeluhr im Raum und dann in die silbernen Augen des Morganiells. „Aber Liebes, unsere Gäste sind müde und müssen rasten.“

„Dem stimme ich zu. Wie wäre es mit einem Kampf morgen in aller Frühe?“, entgegnete Oredun.

Leicht bissig und unzufrieden reagierte Zelda auf die Bemerkung. „Wie wäre es mit einem Kampf sofort? Oder seid Ihr zu müde um Euren Schwertarm zu heben?“, neckte sie und fühlte ihre alte Macht brodeln. Seit langer Zeit fühlte sie sich endlich wieder kräftig und stark, bereit zu kämpfen. Und es war vielleicht das erste Mal, dass ihr Vater mit seinen Hoffnungen Recht hatte. Er hatte sich gewünscht, dass der Besuch seiner Tochter gut tat… und zu Zeldas Eingeständnis wirkte der Besuch der Morganiells wie ein überfälliger Heiltrank, lenkte sie ab, wenn auch vielleicht nur für ein paar Stunden. Überrascht wanderten ihre Augen zu den drei Rittern im Raum, die ehrerbietend klatschten. Ja, so kannten sie ihre Thronfolgerin. So kannten sie die Prinzessin des Schicksals und ihr feuriges Temperament!

Oredun erhob sich erfreut, ballte beide Hände zu Fäusten und lachte. Er streichelte sein rostrotes Schwertheft, strich sich mit einer Hand spielerisch durch das lilagesträhnte Haar und ließ seine prickelnde Stimme rollen. „Wie Ihr wünscht, aber wenn ich einmal kämpfe, lasst Euch gesagt sein, dass ich keine Rücksicht nehmen werde“, sprach der Hylianer des Nordens.

„Das braucht Ihr auch nicht. Ich werde Euch zeigen, was eine Prinzessin kann!“, sprach Zelda erfreut. Sie hastete zum Ausgangs, strahlte, als vergaß sie alle Zweifel der letzten Wochen. „Kommt, oder wollt Ihr hier sitzen bis Ihr angewurzelt seid?“, lachte sie. Und es war eines der ersten Male, dass das Lächeln einer Frau den Morganiell erröten ließ. Er ließ sich nicht länger bitten und stapfte mit seinen schweren Stiefeln hinter der Prinzessin her.

 

„Das ist außerordentlich interessant“, freute sich Ornella und klatschte in die Hände. Sie hatte gehofft, ihr Sohn und die Prinzessin des Reiches würden sich anfreunden und war entzückt, dass dies der Fall war. „Aber ich bin doch zu erschöpft um dem Kampf beizuwohnen“, erklärte sie und gähnte. 

„Gibt es Wünsche, die das Königshaus seinen Gästen im Augenblick erfüllen kann?“, meinte Harkenia, erhob sich und bot Lady Ornella seinen Arm an. Sie ließ sich von ihrem Gastgeber aus dem Raum geleiten und die Ritter folgten gemächlich.

„Was ich baldmöglichst wünsche, ist, dass mir meine Gemächer gezeigt werden, sowie ein angenehmes Bad erwarte ich.“

„Ich habe eine Hofdame, die Euch alles zeigen wird. Richtet an sie alle Wünsche, die Ihr erfüllt erwartet.“

„Danke, das ist großzügig, Harkenia“, sprach sie und strich mit ihren langen, dünnen Fingern über das Blumensymbol auf ihrer Wange. Plötzlich verharrte die Herrscherin der nördlichen Insel in ihrer Position, bis sie taumelte, sich sofort wieder fing und nach Ophelia Ausschau hielt. Noch immer saß das sechzehn Jahre alte Mädchen auf ihren Platz im Speisesaal, schien zu träumen. Ihre schmalen hellblauen Augen verloren sich auf der Karte Hyrules, bis die Stimme ihrer Mutter sie aus den Gedanken riss.

„Ophelia? Folgst du uns bitte.“

„Ja, doch, aber ich will den Kampf von Oredun nicht sehen, das gehört sich nicht!“, maulte sie und hetzte in Richtung ihrer Mutter. Sie stolperte, krachte unbeholfen an die Seite von Sir Lowena, der sie ohne mit den Wimpern zu zucken an den Armen packte und ihr auf die Beine half. „Ich hasse Kämpfe!“, brüllte sie. 

„Dein Bruder wird das richtige tun“, sprach Ornella und streichelte ihr über den Kopf.

„Mein Bruder ist ein charmanter Blödmann, der es toll findet, Mädchen zu beeindrucken und das mit dieser scheußlichen Vorliebe, die er hat!“

Harkenia grinste. Anscheinend sagte Ophelia nicht immer unpassende Dinge, sondern bewies auch ein großes, freches Mundwerk.

„Ich weiß, dass du es gut findest, wenn sich Oredun mit Prinzessin Zelda zusammentut. Du willst ja bloß, dass die beiden heiraten. Ich weiß es genau.“

Ornella biss sich auf die Unterlippe, schluckte ihren Ärger herunter und sah betreten in Harkenias Augen. Aber der König lachte, hatte seit langer Zeit keinen mehr so erheiternden Abend verbracht und fühlte so etwas wie Familienbande entstehen. Zumindest hoffte er es. „Ophelia, Ihr seid ein schlaues Mädchen“, meinte er und trat vor sie.

Sie wurde fuchsrot um ihre Wangenknochen, was ihre blasse Haut deutlich prägte und verbeugte sich ehrfurchtsvoll. „Ich danke Euch, mein König…“

„Aber auch Ihr braucht Ruhe und Schlaf, nicht wahr?“ Sie nickte schüchtern. „Gut. So soll es sein.“ Und damit erschienen in Windeseile eifrige Zimmermädchen und die ranghöchste Hofdame des Schlosses, die den Gästen ihre mit warmem Kaminfeuer durchfluteten Gemächer zeigten.

Ein Abend, der Veränderungen in das Königreich und Veränderungen in den schicksalhaften Ablauf der Welt brachte, endete mit Wärme und Wonne im Schloss des Regenten. Und eine Nacht brach an, die den Himmel weiße Perlen weinen ließ. Denn vielleicht war es der Himmel, der sich gegen die Veränderungen auflehnte, wo es die auserwählte Maid des Schicksals nicht konnte…

 
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