42. Kapitel
 
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Eine vertraute Herausforderung

 

 

Die private Übungsarena der Prinzessin war eine genussvolle Augenweide für jeden, der den Kampf, kühne Herausforderungen und starke Waffen mochte. Versteckt in einem abgelegenen Hinterhof, am Ende der labyrinthischen, verblühenden Schlossgärten beflügelte ein runder Platz umgeben von dicken Steinmauern seit Jahren die Kämpferseele der Königstochter. Unter freiem Himmel hatte sie ihre Energie in kraftvolle Attacken gelegt, sich abreagiert, wenn es nötig war, hier, wo dickes, knöchelhohes Gras in den Sommermonaten ihre Füße kitzelte, wenn sie barfuß wandelte. Und während sie hier trainierte, spürte sie Erdung und die Kraft des reichen Landes unter ihren Füßen. Und dort in jener runden Arena leuchteten hungrige Fackeln an den grauen Wänden. Holzstämme waren errichtet und Waffenständer wie auch Vitrinen aus steingehärtetem Holz, wo weitere Waffen versteckt waren, hingen an den Seiten. Ruhig war es hier, wo der Lärm des Schlosslebens nicht hinfand.

Oredun Morganiell war höchst angetan, erblickte die von mehreren Soldaten bewachte Kampfarena, wo er seinen Wettstreit gegen die Prinzessin ausführen würde, mit strahlenden, silbernen Augen. Und es verwunderte ihn die Vitrinen, die mit wenigen kunstvoll gefertigten Schwertern mit gegerbten, weichen Ledergriffen, dunkelroten Verzierungen und Stahl aus goronischer Schmiedekunst, einem kleinen Schild gemacht für die Hand einer Frau mit dem Königssymbol Hyrules, und jede Mengen abgenutzten Dolchen mit erkennbaren Blutspuren am Stahl, vollgepackt waren.

,Trainierte die Thronerbin tatsächlich alleine hier?‘, fragte er sich. Er musste zugeben, dass ihn der Gedanke trotz der erstaunlichen Gerüchte im Volk und Zeldas Temperament, von dem er vorhin Zeuge wurde, irgendwie erschreckte. Er war es eigentlich gewöhnt, dass Ladys nicht für das Schlachtfeld erzogen wurden. Und ein Teil seines hochmütigen Herzens wollte der koketten Prinzessin zeigen, dass Mädchen nicht für den Krieg gemacht wurden. Er würde sie darüber belehren, wo ihr Platz war…

Auf dem Thron, wo sie hübsch lächeln konnte. An einer Tafel, wo sie gewandt sprechen konnte. Und in einem großen Bett, wo sie ihre Kinder zur Welt bringen konnte…

Als er sich jedoch um seine eigene Achse drehte, einen Luftzug verspürte, der Glanz und Frische versprühte, ahnte er, er müsse seine festgefahrene Meinung überdenken. Denn das zierlich und zerbrechlich wirkende Erscheinungsbild der Prinzessin mit ihrem pinken, seidenen Kleid war dem Erscheinungsbild einer Kriegerin gewichen, die Wunden ertrug, die ihre Welt bis zum bitteren Ende verteidigte und die er im Endeffekt doch ernst nehmen sollte.

Ihre spitzen mit goldenem Stahl besetzten Langstiefel reichten bis knapp über ihre schmalen, hübschen Mädchenknie. Ein goldener Gürtel hielt einen fliederfarbenen Faltenrock aus einem leichten Stoff gefertigt von den geschickten Händen der Gerudos. Ihr Korsett aus weißem Leder war bedeckt von einer Rüstung, auf der sich das Licht der Fackeln brach. Und die Fackeln spiegelten sich ebenso mit einer faszinierenden Eigenheit, brennend und geheimnisvoll, in ihren leuchtenden Seelenspiegeln.

„Ihr überrascht mich ein weiteres Mal, Prinzessin“, erklang Oreduns Stimme frohlockend. Zelda wirkte nun wie eine Kriegerprinzessin, die sich gewandt und flink bewegen konnte, sich nicht einschüchtern ließ und bereit war zu töten.

„Ihr seid nicht der erste, der seine Meinung von mir korrigieren muss“, entgegnete sie und strich ihren langen, geflochtenen Zopf nach hinten. Ihr Blick fiel zu ihren derzeitigen Lieblingswaffen, einem Einhänder und einem Schild aus goronischer Schmiedekunst, welcher Darunia, der Anführer der Goronen, ihr zu ihrem letzten Geburtstag zukommen ließ.

„Wollt Ihr weiter reden oder können wir dann beginnen?“, sprach sie und ließ ihre Hiebwaffe in der rechten Hand tanzen. Dann schnallte sie ihren Schild an ihr linkes Handgelenk.

„Ihr seid ungeduldig“, bemerkte der Morganiellsohn. „Aber es soll mir Recht sein.“ Und damit zog er sein schweres Stahlschwert herausfordernd und trat in Angriffsposition. Sein wärmender Umhang flatterte im kühlen Winterwind, als scheinbar alles andere still zu stehen schien.

„Ich muss zugeben, dass ich keine Herausforderung dieser Weise erwartet hätte, als ich das Königsschloss betreten habe.“

„Ihr wiederholt Euch in dem Inhalt Eurer Worte. Wie oft wollt Ihr noch erwähnen, dass Ihr Euch überrascht fühlt?“, entgegnete sie.

Er grinste schelmisch. „Wie oft wollt Ihr Euch noch darüber wundern?“ Seine Bewegungen über den leicht frostigen Boden waren geschmeidig. Zögerlich und doch bewusst verriet seine Beinarbeit, die Haltung seines Schwertes, Schläue und Genauigkeit. Oredun Morganiell war niemand, der ohne Präzision seine Gegner niederwälzte. Jeder Stich saß sicher und fest. Jeder Tritt und jeder Hieb war hundertprozentig platziert.

Die Prinzessin unterließ es zu antworten, wartete auf den einen Moment, der ihr Bewusstsein wie ein Lichtbündel im Kosmos traf, der sie beflügelte und ihr den Pfad ihres Klingenspiels wies. Oredun schien seine Kräfte zu sammeln, verhielt sich ebenso abwartend wie sie. In ihren Augenpaaren loderte das Verlangen die Seele der beiden Schwerter schreien zu hören, es knisterte vor Spannung. Und als Flocken von Schnee niederrieselten wie Kristalle aus Federn, beide Kontrahenten zwinkerten, glitten sie stumm näher, stießen sich kraftvoll ab und ein Schwert prallte fiebrig an das andere. Ein junger Wachsoldat unterdrückte einen gewagten Schrei im Hintergrund, ein weiterer stützte sich klappernd auf seinen Speer und produzierte Geräusche, die die Kampfarne einfing. Aber weder Oredun noch Zelda ließen ihre Stimmen vibrieren. Wären sie alleine hier, würde man in andauernden Momenten den Schnee am Erdboden zu Eis erstarren hören…

Und dann in den nächsten Minuten war das Feuer in der Kämpferseele der Prinzessin entfacht und das Eis des kühlen Nordens in Oreduns hochmütigem Herzen splitterte. Ein Szenario aus gewagten, schrillen und leidenschaftlichen Bewegungen tobte hier in jenem Abschnitt des Schlossgartens, als selbst die Zeit staunte. Zelda flog durch die Lüfte, drehte sich elegant mit dem Schwert in ihrer Hand und ließ ihre Klinge tanzen. Mit Leichtigkeit federte Oredun ihre Streiche ab, testete sich mit präzisen Attacken heran, schien ebenfalls in der Luft zu schweben, aber hielt sich dennoch zurück und Zelda spürte dies. Seine Hiebe waren gut platziert, aber nicht mit der Gewalt und Stärke, die sie vermutet hatte. Die Schwerter krachten aneinander, bis sie Funken sprühten. Beide Kontrahenten starrten sich lautlos an, spürten das Feuer des Kampfes und doch besaßen sie zu viel Respekt und Vorsicht, zu wenig Vertrauen in die Fähigkeiten des Gegenübers, als dass sie geheimere Techniken nutzen mussten.

„Wollt Ihr Euch nicht mehr zutrauen, Sohn der Morganiell?“, neckte Zelda, als Stahl an Stahl rieb. Ihre saphirblauen Augen blitzten wie das herbe Metall ihrer Waffe und forderte das Silber in Oreduns Seelenspiegeln heraus. Es schien, als wagte er es sich noch immer nicht die Prinzessin als vollwertigen Gegner zu betrachten.

„Dass ich Euch erst verletze, oh nein, nehmt es mir nicht übel, Prinzessin, aber ich werde gewiss nicht weiter gehen als nötig“, schmunzelte er und der Charme in seinen Gesichtszügen hatte etwas Spöttisches.

„Dann werde ich dafür sorgen, dass Ihr weiter gehen müsst“, murmelte sie und zog im gleichen Augenblick ihre Waffe nach links, stieß ihren Gegner mit dem Schild zurück und wich in geschickter Beinarbeit nach hinten. Oredun konnte ihre Absicht nicht erahnen, staunte nur, als Zelda ein weiteres Mal auf ihn zusteuerte. Ihr langes, goldenes Haar flatterte ihm kühlen Wind, ihre geschmeidigen Bewegungen schienen sich dem Rhythmus der Natur anzugleichen. Sie wirbelte näher und Oredun, der diese Attacke als lebensmüde und dumm bezeichnen würde, tat eben dies, was Zelda sich erhoffte. Gewandt stellte er sich in Verteidigungshaltung, ignorierte die Warnung in den schlauen Augen der Königstochter und erstaunte ein weiteres Mal, als sich die Thronerbin noch während sie mit rasender Geschwindigkeit in seine Richtung bewegte, nach hinten fallen ließ und kurz bevor sie ihn erreichte, stützte sie sich flink ab, wirbelte zu seiner rechten Seite, wissend, er würde ihren Angriff blocken, aber noch immer hatte sie ein unermessliches Grinsen auf ihren Lippen. Ihre Atmung ging schnell, als sie Oredun beobachtete und sich der junge Krieger abwartend verhielt. Sie summte, rollte sich geschickt hinter den Morganiell, der seine Waffe zückte. Aber der Angriff blieb aus. Mit einem raschelnden Schnalzen sank die Prinzessin nieder, verpuffte in einer Wolke aus glühenden, dunkelblauen Schatten und schien mit dem Erdboden zu verschmelzen. Irritiert über den Einsatz von Magie sah der Schwertfechter um sich, aber konnte die Prinzessin nirgendwo entdecken und er spürte ihre Anwesenheit auch nicht. Ratlos blickte er zu den Wachsoldaten, die amüsiert grinsten. Oredun lächelte verschmitzt in sich hinein und verstand. Zelda machte es sich auf eine wunderbare Weise zunutze, dass er noch nie gegen ein Mädchen gekämpft hatte…

Und er wurde ein weiteres Mal von Zelda überrascht. Er hatte sie nicht wahrgenommen, hatte nicht erahnt, dass sie sich heran gepirscht hatte und fühlte sich beschämt, als er einen abgekühlten Stahl an seiner Kehle spürte. Listig hatte sich die Prinzessin ihre Schatten zunutze gemacht, sich an seinem Rückgrat versteckt und ihm in einem Moment der Unachtsamkeit die scharfe Klinge an die Kehle gesetzt. Er konnte ihr heimtückisches Grinsen erahnen, auch wenn er es nicht sah.

„Nun… wollt Ihr mich noch immer mit Eurer halbherzigen Schwertkunst abfertigen?“, flüsterte sie in sein Ohr und sah für einen Sekundenbruchteil etwas auf seiner rechten Hand aufflackern. Ein kleines weißes Licht, das durch seine ledernen Handschuhe drang. Irritiert deswegen verlor die Königstochter ihre Konzentration, wurde so schnell entwaffnet wie noch nie in ihrem Leben und spürte einen bitteren Hieb einer fremdartigen Magie, wie ein Strudel aus silbernen Funken, der sie mehrere Meter weiter katapultierte. Gewandt fing sich die junge Thronerbin ab und erhob sich würdevoll. Sie wischte sich eine Schweißperle von der Stirn.

„Ich hab‘ es mir überlegt, Zelda“, sprach er schmunzelnd und spielte mit ihrer Lieblingswaffe, der er in die Höhe warf und spielerisch wieder auffing. Die Klingen tanzten wie Bälle eines geschickten Hofnarren in seinen Händen. „Es muss einen Grund geben, warum Ihr so leidenschaftlich kämpft. Da ist mehr als nur das Blut einer Kriegerin in Euren Adern, nicht wahr?“

„Sehr viel mehr, Oredun“, erwiderte sie spitz.

„Ihr bereitet Euch auf den Krieg vor, habe ich Recht?“, murmelte er in ihre Richtung, sodass es die Wachen nicht hören konnten.

Aber diese Aussage hatte die Prinzessin nicht erwartet. Mit immer bleicher werdendem Gesicht verlor sie jede Fassung, erschrak immer mehr, je länger sie über Oreduns Worte nachdachte. Was, bei den Göttern, war in diesen Morganiell gefahren?

„Es scheint, als habe ich Euch jetzt auch überfordert, Zelda… aber unter uns…“, sprach er leise und trat mit besorgtem Gesichtsausdruck näher. Er überreichte ihr die Klinge, die sie mit Eleganz und Ehrgeiz führte. „In dem Land Hyrule scheint nicht alles in Recht und Ordnung zu sein, meint Ihr nicht auch?“

Die Prinzessin verzog ihre Augen zu Schlitzen, blieb standhaft wie so oft und fragte sich immer mehr, was sie hier tat und ob sie diesem Adligen tatsächlich trauen konnte.

Er strich sich durch sein dunkles, gesträhntes Haar, welches das Feuer der Fackeln annahm und trat neben sie. Ohne sie anzublicken, verließen weitere Andeutungen seine Worte. „Was denkt Ihr, warum ich diesem Kampf zugestimmt habe?“

Zelda unterließ es zu antworten und spürte eine ungewollte Unruhe in sich keimen.

„Es war mir wichtig, dass Ihr Worte von meinen Lippen hört ohne die Anwesenheit meiner Mutter oder Ophelia.“

Erneut blieb die Prinzessin stumm, verfolgte mit ihren Augen jedoch jede Regung, die Oredun tat. Er steckte seine silberne Klinge mit dem blutroten Heft zurück in die Schwertscheide und verschränkte die Arme. „Der Tod meines Vaters war kein Zufall… nichts geschieht ohne Grund…“, flüsterte er und hob sein ansehnliches Gesicht gen Horizont. Der silberne Schein der Sterne schien besinnlich nieder und weckte Hoffnung, die in seinen Augen auflebte. „Ich meine, Euch ist doch sicherlich alles bekannt über die Umstände seines Todes.“ Zelda nickte stumm, aber nahm an seinem Ausblick teil. Je mehr er sagte, umso mehr wollte sie ihm vertrauen. Diesem geheimnisvollen Silber in seinen Augen… 

„Mein Vater war einer der besten Krieger dieses Jahrhunderts, er muss Dämonen verwundet oder besiegt haben… Seit wann können sich Feinde einfach in Luft auflösen?“

„Ihr seid den Spuren nachgegangen… besser wohl eher: den Spuren, die kaum sichtbar sind und von den meisten Augen nicht wahrgenommen werden“, entgegnete sie und zog sich ihren Umhang über. Es war eisig geworden außerhalb, nun da das Feuer des Übungsgefechts geendet hatte.

„Und diese Spuren lassen nur einen Schluss zu, Prinzessin“, sprach er und lächelte melancholisch. „Mein Vater besaß einen Ohrring aus einem sehr eigenartigen, kupferfarbenen Metall. Meine Mutter und auch Ophelia streiten ab, dass jener etwas mit dem Angriff zu tun haben könnte. Aber ich bin mir sicher.“ Er streichelte seine rechte Hand mit der linken und wand sich zu der verwunderten Thronerbin.

Zelda versuchte ihre Sorge bezüglich der dreizehn Schlüssel zu verbergen, aber wie sollte sie dies, wenn vieles dafür sprach, dass Oreduns Vater einen dieser Gegenstände besessen hatte. „Sagt mir, Oredun… Warum erzählt Ihr mir das?“

„Weil es schlichtweg für Eure Ohren bestimmt ist“, meinte er beflissen und hüpfte in Richtung Ausgang. Er streckte sich und gähne genüsslich. „Ah, und Prinzessin… es war ein kurzer Kampf, aber ich habe es genossen. Ich hoffe, wir können uns demnächst wieder zu einem Duell treffen. Ihr habt mir eine Lektion erteilt.“

„Ihr habt Euch trotz allem zurückgehalten!“

„Ihr Euch doch auch, nicht wahr?“ Sie errötete leicht und nickte.

„Ich glaube, es gibt kein Mädchen, das so tadellos kämpfen kann wie Ihr. Euer Kampfstil ist atemberaubend und leidenschaftlich, man spürt, wie Ihr darauf brennt Eure Welt zu verteidigen… einfach nur scharf…“

„Scharf? Was für ein flegelhafter Ausdruck“, lachte sie und spürte, dass Oredun nicht zwangsläufig ihr Feind war, aber war er deswegen ein Verbündeter?

„Aber meine Worte sind wahr… Euer Kampfstil ist einfach scharf.“ Und als die Worte des Morganiell mit seiner prägenden, leicht prickelnden Stimme ausklangen, schienen sich seine Worte mit den weißen Schneeperlen zu vermischen, die andächtig niederrieselten. Es war, als beweinten sie eine Verkettung der Geschehnisse, die das Gute nicht beabsichtig hatte. Es war wie, als beweinte die Welt das aufgedrängte gute Gefühl, das sich Zelda mit diesem Kampf beschafft hatte. Wie ein geölter Blitz schoss die Warnung zurück in die Seele der Prinzessin des Schicksals und es war wie, als erwachte sie aus einem bösen Traum…

Da war jemand in ihrer Erinnerung, der ähnliche Worte wie der Morganiell benutzt hatte. Da war jemand, den sie mit ihrer Lust nach Ablenkung, ihrer Lust nach Abenteuer und einem aufgesetzten Frohsinn verriet…

 

Es war in der Zeit, die sich geopfert hatte, als der Wahnsinn die Welt regierte. Und es war in den Wäldern an einem heiligen Ort, der sich selbst mit vergessenen Zaubern schützte. Eine der letzten Festungen gegen die massive Verseuchung des Bösen thronte dort auf, wo Kreaturen aus geschmeidigem Holz tanzten und heilige Hallen mit tiefem Wurzelwerk und riesigen Blätterdächern bewachten. In der verlorenen Zeit wandelte sie hier mit einer verräterischen Maskerade. Sie hatte sich durch verwelktes Kraut, dürre Kletterpflanzen und Moor gekämpft, war auf einige Laubkerle und Zyklopen mit Morgensternen getroffen, aber fühlte sich wunderbar, voller Energie und Hoffnung. Und das Licht der Hoffnung wuchs, selbst hier in scheinbar düsteren Wäldern. Denn das erste Mal seit fast sieben Jahren drangen goldene Lichtstrahlen durch schattige Baumkronen. Und während sie sich voranschlich und die heilige Lichtung, wo die Weise des Waldes wartete, erspähte, raschelte es unter ihren flinken Füßen. Es raschelte arglistig, bis sie in weiteres Geräusch, produziert durch klappernde Lederschuhe, wahrnehmen konnte. Galant stieß sie sich in ihrer Shiekahrüstung vom Boden ab, krallte sich lautlos einen jungen Ast und saß ihren Atem unterdrückend im Baumwipfel. Ihre glühend roten Augen beobachteten jede Bewegung hier an einem Platz, den das Böse mit aller Gewalt versuchte unter Kontrolle zu bringen.

Und plötzlich endeten die Schritte abrupt und die Warnung hatte ihre Fühler ausgestreckt. Vielleicht hatte die andere Seele, die ihrem Schicksal folgte, ebenso wahrgenommen hier in der Wildnis nicht alleine zu sein. Aufmerksam schaute sich die adlige Kriegerin um, lauschte dem Rascheln der trockenen Blätter, die mit dem Wind spielten, sah mit ihren blutroten Augen Veränderungen in der unheiligen Welt vor ihren Sinnen. Sie spürte Aufregung und entschied ihren sicheren Platz hier, wo der sterbende Wald zu ihren Füßen lag, zu verlassen. Galant bewegte sie sich durch die Lüfte, beinahe lautlos trat sie auf den erdigen, entweihten Boden. Und als erneut ein Rascheln durch die schattige Wildnis ging, zog sie ihre beiden Kampfmesser blitzartig. Sie schnellte herum, nicht sicher, was hier an diesem düsteren Ort verweilte und was sie fürchtete.

Und als sie den Angriff erwartete, gab sich aus dem raschelnden Dickicht eine kampfgewandte und schwer bewaffnete Gestalt preis. Lautlos stürzte sich ein grüner Punkt auf sie, knallte seine Stahlwaffe mit einer verheerenden Stärke nieder, die sie nicht parieren konnte. Mit mehreren Rückwärtssaltos wich sie nach hinten, schnaubte heftig und war erstaunt über eine gewaltige Attacke, die ein Widersacher ausgeübt hatte. Beide Dolche in die Höhe gereckt, angriffsbereit stand sie dort, kurz vor dem Eingang in den Waldtempel und zögerte nicht. Diesmal war sie bereit anzugreifen. Mit einem wilden Geschrei sauste sie näher, ließ ihre Kampfmesser tanzen und legte ihr gesamtes Potential in die Klingen. Leidenschaftlich kämpften die Kontrahenten in der Düsternis der leblosen Wälder, wo das Böse hauste. Und ein weiteres Mal stieß der Gegner die verwandelte Prinzessin zurück und als endlich seine Stimme ertönte, diese angenehme, männliche Stimme, die ihr Herz berührte, ließ sie beide Dolche niedersinken, hastete hinaus aus der Dunkelheit, welche von riesigen Laubdächern geworfen wurde und sah aufgeregt und erfreut zugleich um sich. Kein Feind war hier in ihrer Nähe, es war ein Freund, der sein Leben für sie bereits riskiert hatte.

Das Licht der Sonne funkelte golden nieder, als auch er aus den Schatten heraus trat. Das heilige Licht schien den Jüngling zu umgarnen, der nicht ihr Feind war, wohl aber selbst irritiert war über das vertraute Gesicht eines geheimnisvollen Shiekah. Entschuldigend steckte er seine Waffe zurück, maulte die um ihn herum schwirrende blaue Fee an, die den Angriff befohlen hatte, und reichte dem bekannten Gesicht eine versöhnende Hand. „Äh, entschuldigt bitte… ich habe nicht geahnt, dass sich hier in dem dunklen Dickicht der Wälder gute Seelen aufhalten.“ Er kratzte sich am Kopf und lächelte dann breit. Es schien ihm zu gefallen, dass Shiek hier war. „Es war Navis Idee alles anzugreifen, was nicht bei drei auf dem Baum ist“, erklärte er kindisch und hob den Zeigefinger in ihre Richtung. Die kleine Fee brummte piepsige Worte, quengelte auf eine schrille Weise, aber der junge Held der Zeit grinste nur und ignorierte ihr Jammern.

Erst dann ließ Shiek die Waffen fallen, atmete erleichtert aus und lächelte in sich hinein. Es tat gut zu wissen, dass Link in die Wälder gekommen war wie prophezeit und es tat gut zu wissen, dass er über einen kraftvollen Angriff verfügte, dem sie als Shiek nicht standhalten konnte. „Ihr seid trotz Eures siebenjährigen Schlafes begabt das Masterschwert zu führen“, sprach sie tonlos. „Ihr seid der mutige Krieger, der erwartet wurde und seid talentiert im Schwertkampf.“

„Und Ihr seid scharf…“, platzte es aus seinem Mund, vermutlich weil er spürte, etwas sagen zu müssen, und begriff erst im nächsten Augenblick den Sinn seiner Worte. Erstarrt sah er in Shieks rotglühende Augen, dann nach oben und schließlich beschämt zu Boden. Er murmelte ein verschlucktes: ,Beim Heiligen Deku‘, drehte dem Shiekah seine attraktive Rückenansicht zu und ärgerte sich über das heitere Lachen seiner Fee.

Es war das erste und letzte Mal, dass er es schaffte Shiek zum Erröten zu bringen. Glücklicherweise war das Rot der Wangen unter dem weißen Tuch seiner Verkleidung nicht sichtbar.

„Äh… ich meine Euer Kampfstil ist scharf…“, setzte Link brabbelnd hinterher und errötete ebenfalls. „Ich… ich weiß, was es heißt, wenn Erwachsene sagen, die eine Frau oder der eine Mann wären… scharf…“ Er brachte diese Erklärung kaum über seine Lippen, tat nichts anderes, als nervös mit den Augen zu zucken und zu stammeln. In seinem Verhalten war der elfjährige Junge versteckt…

„Ach ja?“, murmelte Shiek, versuchte ernst und kühl zu bleiben, obwohl er Probleme hatte dies umzusetzen. 

„Ja, ich hab‘ das… im Gasthaus in Kakariko schon gehört.“ Er schien sich mit aller Gewalt rechtfertigen zu wollen. Und es war so einfach in seinem Verhalten abzulesen, wie unsicher er war.

Shiek bemühte sich nicht zu kichern, aber erlaubte sich einen Spaß. „Das heißt, Ihr findet mich nicht scharf, was?“

Sein Verlegenheitsrot steigerte sich weiter bis selbst seine Nasenspitze rot glühte. „Äh, so hab‘ ich das auch nicht gemeint“, brüllte er und sah seine Fee, die kullernd um ihn herum flog, beleidigt an. Es war wie, als wollte er sich dafür bedanken, dass sie ihm in dieser Angelegenheit nicht half. „Ich meine, Ihr seid ja… Ihr seid… ähm doch irgendwie… scharf.“ Er verzog sein Gesicht, bedeckte seine Augen mit einer Handfläche und schien sich noch mehr über sich zu ärgern. „Aber so ist das auch wieder nicht gemeint!“, sprach er beschämt, blickte zu seinen Stiefeln und wühlte den Erdboden mit täppischen Bewegungen so stark auf, dass bereits mehrere Löcher entstanden waren.

„Wie habt Ihr es denn dann gemeint?“

„Beim Triforce… Ihr bringt mich noch um den Verstand!“, sprach er dann lauter. Und auch jetzt konnte er das Grinsen von Shiek unter dem weißen Schal nicht erkennen. „Ich bin nicht so naiv und unschuldig wie die meisten denken… ich glaube, dass ich viele Dinge sehr gut planen kann. Auch dann, wenn es vielleicht nicht so scheint.“

„Wie meint Ihr das?“ Shiek musste zugeben, dass ihn die Worte nun doch sehr neugierig stimmten. Der Bursche, der im Inneren Zelda war, zwinkerte erstaunt.

„Ich habe letztens etwas verstanden… Es gibt deutlich mehr Gefahren in Hyrule als Ganondorf. Ich bin dabei etwas herauszufinden, was nicht unbedingt diese Zukunft betrifft, aber vielleicht eine andere.“ Er schäkerte und kratzte sich am Kopf. „Nichts geschieht ohne Grund, was?“

„Nein, wohl nicht“, entgegnete sie, nicht sicher, was er meinte. 

Sein Lächeln verschwand, als er an einen alten Baumstumpf heran trat, wo einst eine gute Freundin auf ihn gewartet hatte. Beinahe liebevoll streichelte er über das morsche Holz, wo sich trockene Moose angesammelt hatten. „Als wir uns das letzte Mal sahen, Shiek, habe ich die Welt, die sich auf so scheußliche Weise verändert hat, noch nicht gesehen. Und jetzt liegt Hyrule in Trümmern, mehr als ich es erahnen konnte. Alles ist so düster, selbst hier die Wälder sind leer, ausgetrocknet und krank.“ Er drehte sich in Shieks Richtung und neben seiner Entschlossenheit fand sich eine tiefe Traurigkeit über Hyrules momentanen Zustand in seinem ansehnlichen Gesicht. Die schwindende Zeit hatte nicht nur einen Mann aus ihm gemacht, sondern einen ungemein hübschen Mann dazu. Sich dieser Tatsache bewusst werdend, drehte sich Shiek verlegen um.

„Der Himmel ist ausdruckslos und grau… die Steppe verwüstet. Wenn Hyrule in dieser Zeit schon so krank ist, wie viele Dimensionen und Zeiten mag es geben, wo diesem Land das gleiche Schicksal wiederfahren ist?“ Dann schlug er mit der Faust auf das Holz und suchte Shieks Blicke.

Und es war das erste Mal, seit die Prinzessin den Jungen kannte, dass er wahrhaft reif auf sie wirkte, obwohl da nur ein Kind in diesem Männerkörper hauste.

„Link… diese Frage kann Euch niemand beantworten…“

„Ich erwarte auch keine Antwort“, erwiderte er rau. „Aber ich habe mich entschieden… ich will dieses Land beschützen und für es kämpfen, auch in einer anderen Zeit.“

„Du schwörst Hyrule zu beschützen ganz gleich welche Gefahr auf es einströmen mag?“

„Ja, das werde ich… bei dem Masterschwert in meiner Hand.“ Seine meerblauen Augen blitzten mit dem Mut in seinem Herzen.

„Für Hyrule…“, begann Shiek und testete, ob der Held der Zeit jene Worte aus seiner Erinnerung noch kannte. Denn die Prinzessin des Schicksals hatte sie ihm beigebracht. Ein Ruf, der durch die Jahrhunderte eilte, erklang in Hyrule, wenn Schlachten drohten. Und jeder Hylianer kannte jenen Ruf.

„Für Hyrule! Und nur für es werde ich kämpfen, werde ich Mut, Weisheit und Kraft beweisen. Für Hyrule soll meine Seele unsterblich sein. Mein Herz kraftvoll und mein Körper bewaffnet. Für Hyrule!“

„Gut so, Heroe… Wenn Eure Seele bereit ist, dann hört meine Worte…“ Und es war dann, dass Zelda ihn auf seine nächste Mission im Waldtempel vorbereitete und es war dann, dass die Erinnerung allmählich verblasste… ganz zögerlich und dann immer fordernder versanken die Bilder im starren Nebel.

 

Nicht eine Minute war verflogen, als sie aus der geistigen Welt abdriftete in die jetzige Realität. Und eine unsichtbare, kristallene Träne perlte sich auf ihrer Wange mit einer Erinnerung, die so fesselnd und so schön war, dass sie am liebsten für immer in jener Erinnerung leben wollte. Es fiel ihr schwer in der Gegenwart anzukommen, fiel ihr ungeheuer schwer zu begreifen, wo sie war und es tat weh, sich ihrer derzeitigen Hilflosigkeit zu besinnen…

Da waren der ansehnliche Morganiell mit seinem silbernen, durchbohrenden Blick und das erloschene Feuer eines Übungsgefechts. Oredun hatte den Kampf mit ihr genossen, er hatte mitgespielt, aber er hatte die Idylle, ohne es zu wissen, auch wieder zerstört. Und er hatte Zelda mit seinem Hochmut eine Lektion erteilt. Seine Worte waren wie ein Zauberspruch, der einen Fluch gebrochen hatte. Einen scheußlichen Fluch, der die junge Thronerbin an jenem Menschen zweifeln ließ, der an ihr Herz angenäht war… und das seit Jahrtausenden.

„Prinzessin?“ Mehrmals hatte Oredun die junge Königstochter angesprochen. Mehrmals hatte sie nicht auf die besorgte Stimme der Adligen reagiert.

„Ich ziehe mich ebenfalls zurück, gute Nacht, Oredun.“ Ihr war schlichtweg der Hunger nach Herausforderungen vergangen. Ihre Streitlust versiegte mit der Erinnerung an ihren Heroen. Und gleichzeitig begann sie zu begreifen, dass Link oftmals sehr viel weiter dachte, als es selbst sie erahnte. Vielleicht hatte er bereits in der Zukunft, die vergessen wurde, seine tiefblauen Augen auf Gefahren gerichtet, die damals in der Erde brodelten. Und vielleicht, so begann sie zu begreifen, hatte seine momentane Amnesie eine weitaus größere Bedeutung. Niemand sollte den Helden der Zeit unterschätzen, nicht sie, nicht Oredun und auch nicht das Böse.

Sie lächelte schwach und spürte eine wohltuende Energie in ihrem Herzen entstehen. So sehr sie es auch versuchte, und so enttäuscht sie auch von ihm war, sie konnte sich den Helden der Zeit nicht aus ihrem Herzen reißen… nicht hier und nicht in einer anderen Zeit.

 
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