43. Kapitel
 

Kapitel 43

 

 

Nachdenklich saß Link eine halbe Stunde vor Unterrichtsbeginn auf seinem Platz im staubigen Raum der Zauberkunde und hatte seinen schweren, aber hellwachen Kopf auf seine Arme gelegt. Er starrte aus den mit funkelnden Schneekristallen bedeckten Glasscheiben, hörte die Schule munter werden, lauschte dem Poltern in den winterlich geschmückten, eisigen Gängen an diesem letzten Unterrichtstag. Einige Fackeln hingen an den sonst so kahlen Wänden in diesem Turm, wo die von vielen als Gespensterunterricht bezeichnete Lehrstunde abgehalten wurde. Und die letzte Stunde im Ersttrimester, so erzählten die älteren Schüler, würde eine ganz spezielle sein. Eine Magierin ohnegleichen würde erscheinen und ein waghalsiges Unterfangen eingehen. Eine Herausforderung würde im Raum stehen, die jeder Ritteranwärter meistern musste.

Niemand sonst war so früh unterwegs wie der junge Heroe, dem die Ereignisse der letzten Tage den Schlaf geraubt hatten. Er atmete seufzend aus, sah kühle, neblige Luftblasen aus seinem Mund wandern, die außerhalb seines Körpers zu erstarren schienen und schillerte mit seinen tiefblauen, ernsten Augen in Richtung des düsteren Horizonts. Er wischte sich blonde Strähnen von den Augen, die sich anfühlten wie Eiszapfen und doch störte ihn die Kälte nicht. Er fühlte sich sonderbar betäubt, grübelte melancholisch darüber nach, was wohl geschehen wäre, hätte der Chadarkna ihn an jenem verhängnisvollen Tag am Tempel der Destinia getötet. Wäre er zu den Göttinnen in ihr hohes Himmelshaus eingeladen worden oder war es, wie der Chadarkna gesagt hatte… es hätte vielleicht nicht lange gedauert und er wäre erneut reinkarniert… und wer wusste schon wie oft seine Seele diesen verdammten Wahnwitz schon unternommen hatte…

Er schlug mit der Faust auf den Tisch, ein unangenehmer Laut dröhnte in dem spitzen Ohr nach, das die Tischplatte, auf der er lag, berührte. Die hässliche Fratze des Chadarkna- Dämons grub sich in seine Gedanken, machte ihn mürbe und zugleich wütend. Der Gedanke, dass dieses Scheusal für seinen erbärmlichen Zustand verantwortlich war, fraß den jungen Heroen regelrecht auf. Er kniff die Augen zusammen, schämte sich für sein Unvermögen zu handeln, wünschte sich zu kämpfen. Und gleichzeitig hatte er keine Idee, wie er sich dieser Gefahr stellen sollte, selbst wenn er fit wäre… Er hatte keinen Plan irgendetwas Sinnvolles zu unternehmen.

Er hatte es ja versucht, rechtfertigte er sich in Gedanken, er hatte versucht ein einigermaßen unauffälliges Schulleben zu führen. Und er erledigte nach wie vor Heldenpflichten, denn die Schüler waren im Zuge des Angriffs unter seinem Schutz gestanden. Was wollte Farore noch von ihm? Er bewies ständig seinen Mut, konnte die Göttin seines Fragments ihm nicht doch einen Wink geben, ihn unterstützen?

Und Link sollte mittlerweile wissen, dass man oftmals das bekam, was man sich wünschte, nur meistens nicht in der Gestalt, die man erhoffte.

Er hörte die runde Tür in diesen Raum klappern und erkannte an dem Wirrwarr an gehässigen Schritten vier Gestalten, die in den Raum donnerten, ihre Ledertaschen lässig auf eine Bank warfen und sich schließlich abfallend unterhielten. Sie schienen Link, der in einer hinteren Ecke saß, noch nicht bemerkt zu haben, schäkerten und produzierten einen Lärm an diesem frühen Morgen, der Link auf die Nerven ging. Er murrte angewidert und blickte in Richtung der Unruhestifter. Er lehnte sich auf seinem Platz zurück und erkannte neben Ian, dem aschblonden Viktor-Fanatiker, noch drei andere Schüler, mit denen er einige Fächer hatte. Er kannte nur die Vornahmen von den dreien, die da waren Sironimus, Wygard und Nolan, mehr wusste er nicht von den drei Burschen… und es interessierte ihn auch nicht sonderlich. Es war jedenfalls unschwer zu erkennen, dass alle drei hinter Ian herliefen, ihn anhimmelten wie ihre begnadete Gottheit und versuchten seine Dummheit zu übertreffen…

Link Augen blitzten in dem Moment in Richtung der vier Jugendlichen, als er den Namen Mondrik Heagen aus ihrer Konversation heraushören konnte. Ob Ians Bande vielleicht doch etwas mit dem feigen Angriff auf Mondrik zu tun hatte?

Einer der Burschen machte schließlich auf Link aufmerksam, worauf Ian sich zu ihm umdrehte und mit geschwollener Brust zu ihm hinübertrat. Er stützte seine lange Gestalt auf Links Tisch ab. Sein aschblondes, dürres Haar ließ Platz für kahle Stellen auf der Kopfhaut. Und überhaupt wirkte Ian heute noch unsympathischer als sonst.

„Was glotzt du so!“, sprach er dröhnend.

Entspannt lehnte sich Link zurück, ließ sich nicht provozieren, obwohl er unter anderen Umständen Ian wohl gerne wieder eine verpasst hätte.

„Bist du mittlerweile ein riesiger Streber, dass du so früh auf den Beinen bist?“, reizte Ian und funkelte den Heroen mit seinen rabenschwarzen Augen an.

Aber Link unterließ es darauf anzuspringen und gähnte. Er drückte die Hände an den Hinterkopf und blickte dem Anführer der schlimmsten und dümmsten Bande an der Schule zornig in die Augen.

„Hör‘ auf so zu glotzen!“, brummte Ian und erhielt Gesellschaft von seinen anderen drei Unterstützern, die Link umzingelten.

„Oder was?“, piepste der junge Heroe schauspielerisch. „Brichst du dann wieder in mein Zimmer ein?“ Link grinste und kurbelte seine linke Schulter. „Oh weh, der böse Ian, der eine Null im Schwertkampf ist, wird mich ganz übel und ganz bitter verprügeln“, piepste Link erneut, ließ seine Stimme ängstlich und kindisch klingen und amüsierte sich. Er schaute mit einer glanzvollen schauspielerischen Leistung in die Runde und zog eine dümmliche Grimasse. „Bei der Göttin des Mutes, Farore, ich hab‘ ja solche Angst!“

Wygard, der längste der Burschen und vielleicht der längste Kerl an der Schule, begann zu lachen, die beiden anderen wichen zurück. Die gesamte Schule wusste, wie talentiert Link in den meisten Fächern war und die wenigsten wollten sich mit ihm anlegen, jetzt, da er im Alleingang Dämonen vernichtet und bewiesen hatte, dass er sich Gefahren stellen konnte.

„Lass‘ gut sein, Ian… es hat doch keinen Zweck!“, sprach Sironimus, ein lachsfarbener Brillenträger und ein Abkömmling einer reichen Familie aus Hyrule, und seinen Stand kennzeichnend, trug er Goldketten um seinen Hals, Goldringe an beiden Händen und mehrere Ohrringe.

„Er hat uns zum Narren gemacht und beleidigt, findest du das etwa gut so?“, erwiderte der aschblonde Jugendliche und ballte die Hände zu Fäusten. „Nur weil er mittlerweile sowas wie der Held der Schule ist, heißt das noch lange nicht, dass er uns alle auf einmal besiegen kann!“ Die drei Jugendlichen in der Runde, die Mitglied von Ians Bande waren, schüttelten beinahe gleichzeitig ihre Köpfe und wanden sich ab. Mit offenem Mund blickte Ian seinen Freunden hinterher und ärgerte sich über seine eigene Dummheit. Keiner von den Burschen wollte sich mit Link anlegen, Hilfe konnte er in einer Prügelei von niemandem mehr erwarten.

„Du wirst dich noch wundern… namenloser Bastard, im neuen Trimester wird sich hier einiges ändern! Ich krieg‘ dein Geheimnis noch heraus, wetten?“, zischte der Ritteranwärter. 

„Viel Spaß dabei“, lachte Link.

„Ich werd‘ dir irgendwann auflauern und dann bist du fällig!“, setzte Ian drohend hinzu.

„Mmh… etwa so wie Mondrik?“, entgegnete der unerkannte Held und erfragte auf geschickte Weise, was er wissen musste. „Was hast du angestellt?“, stellte er ihn zur Rede.

„Was soll das heißen?“ Irritiert verzog Ian sein langes Eselgesicht.

„Nun ja, Mondrik wurde von jemandem verprügelt, nicht wahr?“, meinte Link und erhob sich. Der Ernst in seinen Seelenspiegeln durchbohrte Ian wie ein Speer.

„Moment mal“, sprach er und schüttelte abwinkend die Hände. „Damit hab‘ ich nichts zu tun.“

„Sicher?“

Ian rülpste und kratzte sich unsicher am Hintern. 

Link deutete auf das Schwert von Arn Fearlesst, das er an seiner rechten Seite trug. „Wenn ich zu Kämpfen gegen Moblins fähig bin, meinst du nicht, du solltest dich besser nicht mit mir anlegen?“

Er spuckte etwas Schleim aus seinem Mund und verschönerte damit den Steinboden.

„Wenn du etwas mit Mondrik angestellt hast, und ihm diese Wunden zugefügt hast, krieg‘ ich das noch raus, Ian!“, drohte Link. „Ich hätte dich für den Einbruch in meinem Zimmer anschwärzen sollen…“

„Tja, du bist halt zu gutmütig, Idiot…“, lachte Ian. „Dachtest du, ich lass‘ mich so einfach von dir einschüchtern?“

„Du kriegst noch dein Fett weg, Ian…“, knurrte Link wie ein Hund und ballte seine Fäuste.

„Das bezweifle ich. Warte ab, bis Oredun Morganiell in die Schule kommt. Dann vergeht dir das Grinsen und dein beschissener Ruf als Held der Schule ist erledigt!“

Oredun Morganiell… Mehrmals ließ Link den Namen über seine Lippen wandern und hatte für Sekundenbruchteile ein Bild von einem jungen Kerl mit überragender Schwerttechnik in seinen Gedanken. Irgendwie kam dem jungen Helden der Name auf eine sonderbare Weise vertraut vor, aber völlig unter einen Hut bringen konnte er das ihn beschleichende Gefühl nicht.

„Und ob du mir glaubst oder nicht, ich habe Mondrik nicht verprügelt und ich habe auch nichts mit seiner zerschnittenen Stirn zu tun… Frag‘ meine anderen Leute, auch die älteren Schüler und frag‘ Kieran von Irien, der wird dir das gleiche erzählen!“, brummte Ian noch und trat mit den Händen in den Hosentaschen zurück zu seinen Kumpels.

Zwinkernd schaute Link dem Tunichtgut Ian hinterher und erlebte eine Explosion von verwirrenden Verbindungen in seinem Kopf. Mit einem Mal dachte er an den Chadarkna, dachte an Kieran, der eine vernarbte Stirn besaß und von jenem Dämon geredet hatte und er dachte sofort auch an Mondrik Heagen, den wehrlosen Jungen, der das Opfer scheußlicher Taten wurde.

Sich ohrfeigen wollend rieb sich der Heroe die Stirn, blickte hinaus zu dem Innenhof, wo die älteren Schüler ihre Fechtübungen begannen, dort außerhalb, wo sich der Horizont allmählich hellgrau färbte. „Ich bin so dämlich! Warum bin ich da nicht eher drauf gekommen!“, rief Link erbost, rannte durch den Raum, sodass er einige Stühle umwarf und war im Handumdrehen aus dem Saal der Zauberkunde verschwunden.

 

Außer Puste hetzte der junge Ritterschüler die Wendeltreppe hinab, wühlte sich durch Schüler, die nach oben wollten und hatte nur noch das eine Ziel: Im Handumdrehen herausfinden, was es mit Kierans zerschnittener Stirn auf sich hatte. Ob es vielleicht nur Zufall war, dass auch Mondriks Stirn zerschnitten wurde?

Link war so in seine Gedanken versunken, dass er Will beinahe nicht bemerkte. Bepackt mit seiner Zauberschiefertafel stiefelte der Laundry mit Artus und Robin die Treppen hinauf und rief seinem besten Kumpel hinterher. Der junge Heroe bemerkte ihn und erklärte kurzangebunden. „Hey, Will, ich muss Kieran finden…“

„Wen?“

„Kieran von Irien, du weißt schon den dunkelhäutigen Kerl, der in Ians Gang ist, der aus einer höheren Jahrgangsstufe.“

Will blickte drein, als hatte er keine Ahnung von irgendetwas und meinte lediglich: „Aber der Unterricht fängt gleich an!“

„Das ist mir gleich… ich muss das jetzt herausfinden!“ Link wirkte unruhig und aufgeregt, als wäre er in ein Nest Riesenkillerbienen hineingeraten. „Es geht um Hyrules Sicherheit!“, setzte er hinzu und hielt weiterhin Ausschau nach den älteren Schülern, die im Innenhof trainierten. Kieran war sicherlich unter ihnen. Wenn er Kieran heute nicht mehr antraf, war es zu spät. Die Schule war ab morgen geschlossen!

Fassungslos und Link mit trübsinnigen, smaragdgrünen Augen musternd stand Will vor ihm. Er hielt ihn am Arm zurück, als er weitereilen wollte. „Hyrules Sicherheit?“, stutzte er. „Wieso?“

„Das erklär‘ ich dir ein anderes Mal, kannst du der Magierin sagen, ich verspäte mich?“

Will nickte verdutzt und blickte dem Heroen mit einem unguten Gefühl hinterher. Und als sich Link entfernte, inmitten der wenigen Schüler unterging, die in seine Richtung strömten, hatte der Laundry für wenige Sekunden das Gefühl, dass Link irgendwann verschwand, dass er erneut seinen Weg ging und in der Geschichte vergessen wurde. Ein Gefühl, das er nicht begreifen konnte, beschlich ihn, war es doch eher so, dass seine Schwester diese seltsamen Wahrnehmungen hatte. Er tat sein ungutes Gefühl als einen Nachhall schlechten Schlafes ab und stapfte hinauf in den Turm.

 

Die verschmähte Morgensonne warf hässliche gelbe Flecke durch die graue Himmelsdecke, ließ ein Feuer vermuten, das über den Wolken brannte. Ein Feuer, das auf die Ritteranwärter, die heißblütig außerhalb trainierten, überzugehen schien. Aneinanderprallende Schwerter und grobe Schritte trommelten einen heißen Rhythmus in den frostigen Boden. Der junge Heroe spürte das Feuer, so tosend, so mächtig und rufend, als wollte es ihn verschlingen. Es war hypnotisierend die Schwertfechter zu beobachten, ihre fließenden Bewegungen, die Gewalt der Waffen und den anheizenden Zauber zu spüren, der sich aus jedem Kämpfer nährte…

Und während sie sich duellierten, geschah es eher unabsichtlich, dass sich Link in den Mittelpunkt der Szenerie begab und auch seine Wahrnehmung für die Leidenschaft eines Kampfes geöffnet wurde. Rings um ihn herum duellierten sie sich, bildeten abstrakte Formationen, und er trat dort in den Mittelpunkt, wand sich mehrfach um seine eigene Achse, spürte Kühnheit und Macht, ein sonderbare Energie, die den Innenhof berauschend füllte. Da war die Herrschaft der Schwerter um ihn herum, erzwungen von Ritterschülern in stählernen, grauen Rüstungen, geebnet von jenen, die ihren Mut demonstrierten.

Aber in jenem Zirkel der machtvollen Kämpfer, die Magie und Raffinesse benutzten, konnte Link Kieran von Irien nicht ausmachen. Einem nach dem anderen sah der vergessene Held in die Augen unter dicken Stahlhelmen, aber es sah keine sandfarbenen Augen, die denen Kierans entsprachen. Einer der Burschen nahm seinen Held ab und zum Vorschein kam das hübsche Gesicht von Elyon Levias, dem Ritterschüler mit dem silbernen Haar. Jener Ritteranwärter hatte Link neulich im Speisesaal verteidigt. „Es muss einen Grund geben, dass du dich als Zielscheibe zur Verfügung stellst“, meinte er erheitert. Trotz der Eiseskälte liefen Schweißtropfen über Elyons ausgewogenes Gesicht.

„Ich suche Kieran von Irien, hat ihn jemand von euch gesehen?“, sprach Link erklärend. Erst jetzt schien er zu begreifen, wie dümmlich es ausgesehen haben mochte, dass er mitten ins Kampffeld spaziert war.

Elyon zupfte sich an dem spitzen silbernen Bart, den er besaß, und schien zu grübeln. „Ist es dringend?“, sprach er deutlich.

„Jap“, meinte Link ehrlich und spürte einige verächtliche Blicke in seinem Nacken. Es musste aus irgendeinem Grund merkwürdig aussehen, dass er ihn sprechen wollte. Einige Siebzehnjährige begannen zu lachen.

Elyon grinste ebenfalls, winkte Link hinterher und marschierte in seiner Soldatenrüstung in Richtung Haupteingang. „Gut, ich bring‘ dich zu ihm, aber ich hab‘ eigentlich was Besseres zu tun.“ Dankbar hetzte Link hinter Elyon hinterher, der sich auffallend leicht in seiner Rüstung bewegte.

 

Elyon Levias führte sie beide in Richtung der Katakomben der Schule, vorbei an den Latrinen, wo Hopfdingen den Tod fand, weiter hinein in die Tiefe, wo sich oftmals ältere Schüler in den dortigen, kalten Aufenthaltsräumen trafen. Der Silberschopf nahm eine Fackel von den Wänden, worauf Link es ihm gleich tat. Aber es wunderte ihn der Umstand, wohin sie sich begaben, beträchtlich. Denn sie tapsten hinab zu den einstigen Kerkern der Burg.

„Was willst du eigentlich von Kieran?“, meinte Elyon und seine glockenhelle Stimme, die so hell klang wie der Gesang einer Meerjungfrau, hallte durch die Gänge.

„Er hat Informationen, die ich für eine Sache benötige“, entgegnete Link und versuchte so wenig wie möglich zu verraten und keine schlafenden Hunde zu wecken. Er kannte Elyon kaum, wusste nur, dass er einer alten Ritterfamilie angehörte, sehr gut fechten konnte und ihn neulich im Speisesaal verteidigt hatte. Seine Familie besaß einige Seen in Lanayru, und das Geld jener Familie floss hauptsächlich aus der Fischerei und man munkelte sich, die Levias-Familie hatte Blut eines anderen Volkes als den Hylianern in den Adern. 

Elyon, der silberhaarige Anführer der wohl besten älteren Ritterschüler, trat nickend vorwärts. „Es sollte mich wohl nicht interessieren, was du von ihm willst, aber du solltest nicht zu lange mit ihm allein sein. Es gibt einige Gerüchte über ihn… Und in diese Gerüchte willst du sicherlich nicht mit einbezogen werden.“ Elyon kratzte sich am Haaransatz, als wirkte er etwas hilflos.

„Welche Art von Gerüchten?“

„Nun ja“, murmelte Elyon verlegen, und schien gleichzeitig angeekelt zu wirken. „Er hat etwas andere Geschmäcker… wenn du verstehst.“

Link wackelte mit seiner Nase und verstand keineswegs. Er entschied sich mit den Schultern zu zucken und spürte, dass es besser war, sich mit diesen Themen nicht genauer auseinanderzusetzen. Und manche Umstände wollte er auch gar nicht zu genau wissen…

 

Es dauerte nicht lange und sie beide erreichten in der unendlich scheinenden, labyrinthischen Enge der Katakomben einen Bereich, wo einst Verräter und Feiglinge ausgepeitscht wurden und ihre Strafe absitzen mussten. Hyrule hatte seine Schattenseiten und weitaus mehr dunkle Zeitalter als in den Texten niedergeschrieben wurden…

Und je näher sie den Kerkern kamen, umso deutlicher klangen von dort Laute, die sich wie zischende Schlangen durch die Gänge bohrten. Laute, die in den Ohren stachen und sich mit jedem weiteren Schritt in der klirrendkalten Dunkelheit zu Schreien wandelten. Als ob verwundete Tiere hier wüteten, sprengte ein qualvolles Stöhnen unsichtbare Barrieren, die Geister zurückhielten. Elyon Levias deutete mit seinem rechten Zeigefinger vorwärts, ein Ausdruck des Mitleids in seinem milchig weißen Gesicht.  „Nun geh‘ schon, Kieran hält sich meistens in der hintersten Zelle auf…“ Link nickte und trat vorwärts, obwohl er nicht vermuten wollte, was ihn hier erwartete. Er sah Elyon mit seiner Lichtquelle in den Gängen verschwinden, er rannte beinahe, als ob er sich hier in dem Gemäuer nicht sonderlich wohl fühlte. Link schluckte, spürte eine Gänsehaut über seinen Rücken wandern und teilte jenen Gedanken. Was Kieran von Irien hier in den verlassenen Kerkern trieb?

Link trat sachte vorwärts, zuckte zusammen bei jedem weiteren Schrei, der sich anfühlte, wie als wollte sich jemand damit schänden. Es waren keine reinen Schmerzschreie, eher ein qualvolles Japsen und Röcheln, vermischt mit einer Befriedigung, die den jungen Heroen erschreckte. Er tapste durch stehendes, dreckiges Wasser, spürte Spinnweben in seinem Gesicht und erkannte die Schreie als von der raschelnden Stimme Kierans stammend.

Da war Grausamkeit in allem, was der sonst so unauffällige bronzehäutige Kieran tat. Als Link verstand, was seine Augen benetzte, hatte sich der Iriensohn erneut geschändet. Unaufhaltsam drängte sich das Schauspiel vor Links Sinnen auf und ließ den Heroen erkennen, dass ein Hylianer noch weiter als er dachte, sinken konnte…

Mit einer knielangen Stoffhose bekleidet stand Kieran in einer frostigen Zelle. Sein Oberkörper war frei, aber nicht dies erschreckte Link in der Eiseskälte, sondern ein mit roten Striemen, blutig und nässend, vielleicht eiternd, übersäter Rücken und eine schwarze Peitsche aus Dodongoleder, die wuchtig in junges Fleisch gegraben wurde. Kieran verwundete sich selbst, knallte die Waffe mehrfach nieder und entließ mit jedem weiteren Schlag einen Schrei, der Knie zum Zittern brachte. Absichtsvoll versenkte sich die Peitsche in seinem Fleisch, zerstückelte ihn… brach ihn…

Mit offenem Mund und mitleidige Worte auf seiner Zunge stand Link daneben, wusste Kieran hatte ihn längst bemerkt, aber er unterließ seine Schändung nicht. Sein Rücken brannte wie Feuer, seine Hände waren aufgeschürft und doch konnte er sein Leiden nicht beenden. „Was willst du?“, stöhnte er zähneknirschend, als er die reißende Waffe kurz stoppte und sich stirngerichtet gegen die moosige Kerkerwand stemmte. Blut lief tropfend über seinen Rücken, der glänzte wie erdfarbene Juwelen, und sammelte sich an dem Bund seiner Hose, wie auch auf dem dreckigen Erdboden.

„Ich…“, murmelte der junge Heroe mitleidig, spürte tiefstes Bedauern für Kierans Situation.

„Sag‘ schon…“, brummte er mürrisch. Erst dann flackerten seine sterngelben Augen in Links Richtung und er erkannte den neuen Helden an der Schule, erkannte den blonden Burschen, mit dem er sich letztens unterhalten hatte. Schambleich wendete er sich ab.

„Du bist in Ians Bande…“, meinte Link leise, nicht sicher, ob er vielleicht wieder gehen sollte. Es war nicht schwer wahrzunehmen, wie wenig Kieran bei dem, was er tat, nach Gesellschaft verlangte.

„Ja… bin ich…“, murrte er unter seinen brennenden Wunden. „Du wirst nicht… hierhergekommen sein, um mich das zu fragen…“

Link verstummte und schüttelte den Kopf. Kieran hatte überall am Körper Narben, nicht nur auf der Stirn, wie er angenommen hatte. Vielleicht hatte er sich auch die Wunden an der Stirn selbst zugefügt und jene Narben hatten nichts mit dem Angriff auf Mondrik zu tun.

„Erschreckt dich das, was ich tue, nicht?“, fragte er und rieb mit den Händen an dem gerillten Griff der Peitsche entlang. Link nickte, spürte eine Abweisung von Kieran ausgehend, die ihn verstehen ließ, wie es auf andere wirken musste, wenn er selbst kühl und abweisend war… und wie dies auf seine Prinzessin gewirkt haben musste.

„Wenn du nichts weiter zu sagen hast, geh‘, ich bin hier noch nicht fertig, verschwinde gefälligst! Ich werde nichts mehr sagen!“, zürnte er, schien nicht bereit eine Unterhaltung mit Link zu führen und machte sich für weitere Schläge bereit. Link ignorierend begann er sein tödliches Folterinstrument erneut zu schwingen.

Aber er hatte nicht mit Anteilnahme und einer Geste der Freundschaft gerechnet, die ihn in seinen Taten verändern würde. Er hatte nicht damit gerechnet, dass ihn jemand an seiner eigenen Schändung hindern würde.

Mut und Mitgefühl wechselten sich ab in Links tiefblauen Augen, als er Kieran in seinem Wahn stoppte. Er fing die Peitsche mit der bloßen Hand ab. „Deine Wunden ändern nichts an der Vergangenheit… Sie machen dich nur schwach…“, sprach der Heroe und ließ einen Funken seines wahren Gesichts an die Oberfläche. Er wurde geboren zu beschützen und zu retten… und er war in der Lage Mitgefühl zu zeigen. Ja, unsterbliches Mitgefühl war eine Gabe, die in einer grausamen, kriegsträchtigen Zeit nur wenigen eigen war. Und es erforderte Mut Mitgefühl zu zeigen.

„Meine Schwäche erdulde ich gerne…“, hauchte er über seine Lippen, die nach Blut schmeckten.

„Niemand hat es verdient so bestraft zu werden…“, entgegnete Link.

„Das ist richtig… niemand außer mir…“ Es war wie, als glitzerten schwefelfarbige Tränen in seinen katzengelben Augen.

Als er erneut zuschlagen wollte, riss der Held die Peitsche dem überraschten Ritterschüler flink und gewandt aus der Hand. „Wenn du Vergebung willst, für das, was du als Hylianer getan hast, dann suche sie in Taten für andere, nicht in eine grausamen Selbstverstümmelung. Dies sehen Götter nicht als Abbüßung… Was du tust, ist feige.“

Kieran sackte auf die Knie. Seine blutbesudelten Hände sanken in eisiges Wasser, das nicht wusste, wie helles Tageslicht verbrennen konnte. „Aber ich habe Dinge getan, mit denen ich nicht leben kann…“, bibberte er und drückte seine blutbeschmierten Hände ins Gesicht. 

„Und deshalb glaubst du mit selbstverstümmelnden Handlungen leben zu dürfen?“

Schockiert sah der verwaiste Rittersohn auf und zuckte ungewollt mit seinem Kopf. Erneut machte sich sein Tick bemerkbar. 

„Unsere Welt ist nicht gerecht… und Hyrule funktioniert auch nicht nach unseren Vorstellungen von Belohnung und Bestrafung. Das einzige, was wir tun können, ist so zu leben, dass wir nichts bereuen müssen. Und für dieses Leben hat jeder von uns eine Chance verdient, selbst wenn wir dies oftmals nicht sehen können… selbst ich nicht.“ Er gestand sich ein, dass auch er an diesen Worten gezweifelt hatte, viel zu lange. Und doch keimte da eine friedvolle Hoffnung in ihm, die ihn befähigte Kieran, ganzgleich welches Herz in seiner Brust schlug und welche Teufeleien er auch plante, zu heilen. Er kannte ihn kaum, aber Anteilnahme und Güte hatte jedes Herz verdient…

Nichts geschieht ohne Grund…“, flüsterte Link, als Farore in Abbild ihrer Macht, auch den Jungen mit den mildtätigen Worten belohnte. Das Fragment des Mutes pulsierte, leuchtete herzerwärmend und reinigend, drang wie glühende Lichtstrahlen durch die Gänge und reinigte Blut, reinigte Wunden und reinigte ein verzweifeltes Herz…

Mit Tränen in den Augen erhob sich Kieran, blickte den goldenen Strahlen hinterher, die ihm erschienen wie Feen, Lichtwesen, die seine Schuld wegtrugen. Er trat zögernd und schwankend vorwärts und erstaunte. Das erste Mal seit vielen Jahren fühlte er sich warm und friedvoll.

„Warst du das?“, murmelte er blinzelnd, gerade da, als die Lichtstrahlen erloschen.

Link begann ein wenig zu lächeln, auf eine Weise, die er lange nicht erfahren hatte und hatte keine Ahnung von den weitreichenden Konsequenzen, die sein Handeln ermöglichte. Aber er entschied, dass sein Tun richtig war… Er bedeckte seine linke Hand und war sich sicher, dass Kieran das Fragment nicht bemerkt hatte.

„Geh‘ hinaus ans Tageslicht und trainiere mit deinen Kameraden“, meinte Link und hatte den eigentlichen Grund seines Erscheinens beinahe vergessen.

Kieran nickte, zog sich schmerzverzerrt ein Leinenhemd über und warf sich außerdem einen graumelierten Umhang über die Schultern. „Jetzt verstehe ich, wie du diesen Aufsatz über Arn Fearlesst schreiben konntest“, sprach er leise. „Du hast ein reines Herz…“ Dann sah er auf und schien Link mit seinen gelben Augen zu durchbohren.

„So rein ist es nicht mehr“, murmelte der Heroe widerwillig. Auch er hatte Blut an seinen Händen, edles Blut, unsterbliches Blut…

Kieran wischte sich ein paar Tränen aus den Augen und schien erst jetzt, als seine Trance aufgehoben war, zu spüren, wie eiskalt es hier in diesem Kerker war. Er rieb sich die Arme und zuckte erneut ungewollt mit seinem Kopf. „Danke…“, sprach er und verbeugte sich vor Link. Jener sah drein wie ein Gespenst bei der ehrerbietenden Geste und zwinkerte verdattert. Er kratzte sich am Kopf, sah den schwarzhaarigen Jungen auf wackligen Beinen vorwärts trotten, als ihm noch etwas einfiel.

„Kieran, warte kurz…“ Link trat hinter ihn, wollte unbedingt seine Antworten. „Eine Sache noch. Warum bist du in Ians Gang?“

„Tja… Es ist auch nur eine Strafe“, erwiderte der Iriensohn trübsinnig.

„Und deine vernarbte Stirn?“, meinte Link neugierig. Seine Augen schillerten mit aufrichtigem Wissenswunsch. „Hast du dir dies selbst zugefügt… oder…“

„Ich sag‘ nur eines…“, unterbrach er den Blondschopf. Er winkte Link zu sich, trat näher und näher, bis seine Lippen sein rechtes Ohr beinahe berührten. Ganz schwach murmelte er ein zögerliches Wort in Links Gehörgänge. „Blutschatten…“, hauchte er und fürchtete sich zugleich.

„Blutschatten?“, stutzte Link und zupfte sich an seinem Kinn. „Du meinst… die Geschundenen der Macht haben dir das angetan?“ Innerlich kochte der Heroe vor Erstaunen. Er war seinem Gespür gefolgt, hatte seine Sinne geschärft und nun endlich einen Anhaltspunkt. Wenn Kieran von ihnen angegriffen wurde und dabei seine Stirn zerschnitten wurde, mit welcher Absicht auch immer, war mit Mondrik vielleicht ähnliches geschehen.

„Du hast es nicht gehört… Blutschatten…“ Kieran überschlug sich vor Angst mit seiner hellen, beinahe hohen Stimme. Er schaute nach links und nach rechts, als befürchtete er beobachtet zu werden. Er führte einen Zeigefinger an seine blassen Lippen und wackelte noch extremer mit seinem Kopf, zuckte nervös immer wieder nach links. „Bitte schweig“, bat er inständig und verbeugte sich noch einmal mit gefalteten Händen.

Link spürte, welche Angst der Gedanke in Kieran verursachte und hatte keine Wahl als seinen Wunsch zu folgen. Er würde schweigen… vorerst. Aber er würde mit diesem Wissen arbeiten.

 

Link rannte hektisch die lange, hellerleuchtete Wendeltreppe hinauf, wo sich das kristallene Sonnenlicht ergoss, und starrte die große Uhr am Deckengemälde an und fragte sich, wo die Zeit hingelaufen war. Von dem neunzigminütigen Unterricht der Magierin, einer besonderen Magierin wohl gemerkt, die heute erscheinen würde, waren bereits dreißig Minuten verstrichen. Er machte sich bereit für das Donnerwetter seines Lebens, spürte seinen Herzschlag bis in der Kehle, während er schnaufend die runde Holztür zu der Turmspitze öffnete. Es quietschte herb, produzierte einen Laut, den Link innerlich verfluchte. Als er aber seinen strohgelben Kopf durch den Türspalt steckte, die Schüler diskutierend auf den Bänken sitzend oder an den Fenstern stehend sah und kein Lehrpersonal entdeckte, lachte er selbstverliebt in sich hinein. Zufrieden trat er in den Raum, schloss die knarrende Tür unauffällig und huschte zu dem Sitzplatz neben Will. Freudlos lag der hellbraune Schopf des Laundry auf dem Tisch und seine Augen waren fest verschlossen. Er wackelte mit der Nase und öffnete die smaragdgrünen, listigen Augen, als Link einige Pergamentblätter aus seinem Rucksack nahm.

„Beim Triforce, dass du nur immer so ein verdammtes Glück haben musst!“, raunte er und grinste sogleich. „Wir warten schon eine halbe Stunde auf die Magierin. Artus hat Sir Viktor Bescheid geben wollen, der war aber wieder mit anderen Dingen beschäftigt und sagte lediglich, wir sollten die Zeit hier absitzen und warten.“

„Das ist ja mal wieder typisch Viktor…“, murmelte Link, aber er war nach dem Gespräch mit Kieran so zufrieden endlich eine Spur zu haben, dass ihm heute sicherlich nichts die Laune verderben würde.

Will stemmte den hübschen Kopf an seiner Rechten ab und blickte seinen Kumpel neugierig an. „Sag‘ schon.“

„Was meinst du?“

„Was wolltest du von Kieran und was sollte dieses Gefasel über Hyrules Sicherheit?“

Link seufzte und versuchte auszuweichen, aber Will wusste mittlerweile zu viel über ihn… und er ahnte garantiert, dass er der Held der Zeit war.

„Du brauchst dich jetzt nicht dumm zu stellen“, murrte der Laundry und ballte beide Fäuste. Mit einem geschauspielerten Todernst schaute er seinen besten Freund in die mutigen Heldenaugen.

„Will…“, murmelte Link, biss sich auf die Unterlippe, als sich der Laundry erhob. Er tapste zu dem Fenster, lehnte sich mit dem Rücken dagegen und fixierte seinen Kumpel mit Zweifeln.

„Ich kann es dir nicht erzählen“, meinte Link aufrichtig. 

Will atmete geräuschvoll aus, aber schien nicht enttäuscht zu sein. Er hatte seine typische gutmütige Grimasse aufgelegt und lächelte verständnisvoll. „Ist doch in Ordnung“, sprach er. Er wartete auf eine Reaktion seines besten Freundes, die aber ausblieb.

Denn Link fixierte mit scharfen meerblauen Augen einen schwarzen, sich bewegenden Punkt außerhalb. Etwas scheinbar Großes flog mit hoher Geschwindigkeit in Richtung der Schule, hob sich deutlich vom hellerleuchteten, weißen Firmament, das wirkte wie ein Teppich mit blauen Flecken, ab. Aufgeregt sprang Link auf, schupste Will zur Seite und lehnte seine Hände gegen die Fensterscheibe. Er vermutete, dass es ein Drache war, obwohl er wusste, dass jene Wesen in Hyrule kaum mehr gesichtet wurden. Auch die anderen Schüler bemerkten die faszinierende Erscheinung am Himmelszelt und begannen zu diskutieren. Und das fliegende Objekt näherte sich weiterhin, glitt entspannt durch die Lüfte, segelte auf unsichtbaren Bahnen über die Welt. Und je näher der schwarze Punkt kam, umso mehr konnte Link erkennen, dass es sich weder um einen Drachen, noch sonst um ein bloßes Tier handelte.

Dort oben, wo der Horizont weit war und die Welt wehrlos zu Füßen lag, schwebte eine bekannte, dickliche Hexe näher, hatte sich in einen riesigen Raben mit kohlenschwarzem Federkleid verwandelt und nur ihr mit Warzen bedecktes Gesicht war menschlich geblieben. Sie lachte, segelte in einem wahnsinnigen Tempo vorwärts und steuerte gerade jenes Fenster an, an welchem Link nach außen blickte. Sie lachte und noch ehe der Heroe verstand, was sie vorhatte, grinste sie makaber und plumpste mit ihrem Affenzahn durch das dicke Glasfenster und erwischte den blonden, heldenhaften Ritterschüler unsanft. Ihr wieder einmal spektakulärer Auftritt kam schnell und unerwartet und mit einer zerberstenden Scheibe, die ihre Splitter in den gesamten Raum verteilte und eine herbe Brise eisiger Winterluft nach innen stieß.

Link hatte nicht einmal die Gelegenheit sein Gesicht zu verziehen oder zu schreien, als er von ihrem schweren Gewicht begraben wurde. Kaum sichtbar, mit flimmernden Sternen vor den Augen, diente er breit und platt als Landungsbahn für Undora, jener Magierin, die die Schüler am Beginn ihrer dritten Jahrgangsstufe begutachtet hatte. Sie lachte geifernd und erhob sich nur schwerfällig, schüttelte sich, bis ihr Federkleid verschwand und sich in eine schwarze Robe verwandelte. Sie ignorierte ihren vermeintlichen Retter Link, der ihr eine bequeme Landung ermöglicht hatte, und blickte mit ihren katzenartigen Augen, welche rasch die Farbe wechselten, im Raum umher. Sie rieb sich die schrumpeligen Hände und begrüßte die überforderten Ritterschüler freudig. „Oh oh, ich bin zu spät. Ist das zu fassen, nein, ich bin zu spät. Die Hälfte der Stunde ist vorbei und ich bin zu spät!“ Sie stieg über den am Boden liegenden, quengelnden Link darüber, schien irritiert, weshalb er am Boden lag.

Er richtete sich etwas auf, klopfte sich an seine Stirn um zu überprüfen, ob er noch heil war und sich das gerade nicht eingebildet hatte und sah Undora, die Magierin, sich wackelnd zu dem Lehrerpult begeben. „Hexen machen mich einfach fertig“, quengelte er und erinnerte sich, dass er bei seinen Abenteuern niemals gut auf Hexen zu sprechen war. An Sexy Thermo Hexy wollte er gar nicht erst denken… Und selbst beim Fest der neuen Ritterschüler hatte Undora nicht mit der Wimper gezuckt ihn zu ärgern und bloß zu stellen.

Will half ihm auf die Beine und führte ihn kichernd zu seinem Sitzplatz. „So viel zur Sicherheit Hyrules“, lachte er und erhielt von Link einen giftigen, belehrenden Blick. Er wetterte: „So viel wohl eher zu meinem Glück“, worauf der Laundry weiterhin grinste.

Undora rückte eine sechseckige Lesebrille auf ihre krumme Hexennase und richtete ihren schwerfälligen Körper auf, sodass es widerlich im Rückgrat knackte. Das Knirschen ihrer Gelenke schien den Schülern mehr auszumachen als ihr. Es klang wie, als rieb man Schiefertafeln aneinander, folterte die Gehörgänge auf eine fiese Art und Weise. Allesamt steckten sich die Burschen die Finger in die Ohren und verzogen die Gesichter, als saßen sie auf Dekubienen.

„Meine werten Schüler“, quietschte ihre uralte Stimme, als wären ihre Stimmbänder eingerostet. Niemand konnte sagen, ob sich das Knacken ihrer Gelenke oder ihre Stimme schlimmer anhörte und anfühlte. „Heute an diesem letzten Tage, dann, wenn das erste Trimester sich abschließt, und die Zauberei in euren Hirnen geboren werden soll, erscheine immer ich. Nur aus diesem Grund bin ich hier, werde euch den einen wundervollen und mächtigen Zauber näherbringen, euch einweihen in eine verborgene Kunst, die eure Seelen ruft und stärkt. Heute erhaltet ihr die Einweihung in die Meditation der Farore, obwohl Meditation vielleicht ein falscher Begriff dafür ist… es ist eine absichtsvolle Reise, tollkühn, in die Welt von Farore…“

,Sie würde heute die Meditation der Farore lehren?‘, dachte Link. Aber er wusste doch schon in etwa, wie es funktionierte… er hatte es nur aus Bequemlichkeit nicht mehr versucht. Und da fiel ihm ein, dass es ja Undora war, die den Auftrag an Nicholas ihm diese Meditation unbedingt nahezulegen, übermittelt hatte.

Die Magierin kratzte einige Laubblätter aus dem schneeweißen Haarbüschel hervor, der wie ein Nest ihren Kopf bedeckte, nahm einen tiefen Atemzug und ließ jene verwelkten, bunten Blätter durch den eiskalten Raum schweben. Sachte flatterten sie zu dem zerstörten Fenster und als sie dort zu Boden rieselten, und Link, der nicht weit weg saß, die Blätter beobachtete, verwandelten sich diese in kleine bunte Strichmännchen, die hastig die vielen Scherben auflasen und mit reiner Magie an das Glas hinaufkletterten und die Scheibe erneuerten.

„Boah… das ist erstaunlich!“ William Laundry war fasziniert und angetan von Undoras Zauberkünsten. Vielleicht würde sie heute noch weitere Magie vorführen.

Und als die Scheibe wieder ganz war, die kleinen Blätterwesen ihre Arbeit getan hatten, hüpften sie zurück zu ihrer Meisterin, kletterten an ihrem kohlrabenschwarzen, kratzigen Umhang hinauf und verschwanden in ihrem schneeweißen Haar.

„Seit über einhundert Jahren verleihe ich die Meditation der Farore den Mutigen, den Furchtlosen und den Tapferen. Und es ist mir immer wieder eine Ehre.“ Sie lächelte breit, schien höchst erfreut hier sein zu dürfen und sah von einem Schüler zum anderen. Ihre glimmenden, winzigen Augen wechselten erneut die Farbe… sie schien die Schüler mit ihrer Magie abzugleichen. Zumeist waren ihre Augen kupferbraun… bei einigen waren sie blau… nur, als sie Link fixierte, mit einer erstarrenden Haltung, waren ihre Augen wiesengrün.

„Mann, seit hundert Jahren…. Wie alt wird Undora wohl sein?“, flüsterte Will.

„Wie alt ich bin?“, fragte sie laut und eindringlich, als hätte sie ihre Ohren überall im Raum.

Rotwerdend sank Will an seinem Platz zusammen und sah betreten weg.

„Ich bin 169 Jahre alt… hab‘ ich mich nicht gut gehalten?“ Sie knackte erneut mit ihren Gelenken und die Schüler gaben eine erwartete, verzweifelte Zustimmung, brüllten quälerisch und hielten sich die Ohren zu. Sie kicherte siegreich. „Heute seid ihr aber nicht hier um alt zu werden, sondern um die Einweihung einer Kunst zu erleben, die euch nicht nur im Kampf, sondern in der Entwicklung eurer Fähigkeiten weiterbringt und eurem Lebensziel näherbringen kann. Ihr werdet einen Zauber lernen, der kein Zauber und gleichzeitig der stärkste Zauber ist, den eine Magierin lehren kann. Die Kenntnis um einen Pfad in eurem Schicksal!“ Sie erklärte mit Begeisterung, drehte sich im Raum, spürte ihre Magie überall leben und atmen.

„Die Meditation der Farore ist etwas, das man nicht beschreiben oder in ein Lehrbuch pressen kann… man kann sie nur erfahren… Sie ist ein Werkzeug und arbeitet mit der Kraft des Mutes.“ Sie machte eine kleine Pause in ihrem Redeschwall und blickte erneut in der Runde umher. „Erst nächstes Trimester werdet ihr jene wundervolle Trance üben… aber der Zauber braucht Zeit zum Atmen… ich darf euch heute alle verhexen!“ Ängstlich blickten sich die jungen Burschen gegenseitig an. Magie war ja eine interessante Geschichte, aber wer wollte sich schon von einer durchgeknallten Person wie Undora verhexen lassen?

Sie rieb sich die von Warzen übersäten Hände. „Ihr müsst lernen in eine Welt einzutauchen, in der ihr die Krieger in euch findet… einige von euch sind bereits initiiert worden… ein anderer Teil eher nicht…“

Sofort glitt Wills Arm in die Höhe. „Was bedeutet das?“, warf er ein.

„Mmh… Initiierung… mmh…“ Sie starrte den neben Will sitzenden, grübelnden Link an und wechselte ihre Augen erneut zu einem giftigen Grün. „Du!“, rief sie. „Du weißt es, was ist eine Initiierung?“ Alle Augen fielen auf Link, der den Kopf schüttelte erneut im Rampenlicht zu stehen. Schwach sprach er: „Es ist ein Ritus, der uns in eine neue Gemeinschaft aufnehmen soll… und dafür braucht es manchmal die Begegnung mit dem Tod.“ Er konnte Undora von vornherein nicht leiden und ihre Art und Weise ihn in den Unterricht einzubinden, trugen nicht gerade zu einer Verbesserung seiner Ansicht bei. Ihm kam ihr Unterricht wie ein riesiges Theaterspiel vor!

Undora klatschte mehrfach in die Hände, und während sie klatschte sprudelten Seifenblasen in allen Regenbogenfarben aus ihren Händen. „Ja, das ist es… eine Seele muss erst Schmerz, Angst und Elend kennenlernen um ihren Schliff zu erhalten. Wie wahr! Einen Bonuspunkt an den Burschen mit der grünen Aura. Und ich erinnere doch gerne daran, dass ihr euch bei mir auch einen Rang erarbeiten könnt.“ Sie zwinkerte dem unerkannten Heroen entgegen.

Ratlos und begriffsstutzig blickten sich die fünfzehnjährigen Burschen an und fürchteten sich beinahe vor Undoras Absicht sie heute allesamt zu verhexen.

„Aber ist das nicht gefährlich?“, kam eine Wortmeldung von Artus McDawn, dem dieses Spielen mit seiner Seele nicht gefiel. „Wir sollen alle Angst und Schrecken durchleben in einer Trance?“

„Mmh… ja, nicht ganz so… so ähnlich… aber ja, das sollt ihr.“ Sie machte eine kleine Pause, wackelte mit ihrer krummen Warzennase und rieb sich ihr rechtes Ohr. Sie zog ein kleines Blättermännchen aus ihrer Ohrmuschel. „Oh, das hat gekitzelt… mmh, es könnte sein, dass ihr den Weg nicht mehr findet, oder… verrückt werdet!“, schnalzte sie laut. „Aber das wird schon nicht passieren, ich hatte höchstens fünfzig Schüler, die durchgedreht sind.“ Sie winkte ab, spielte es herunter und machte die Burschen damit noch nervöser. Ängstlich tauschten sie Blicke der Skepsis aus.

„Ihr habt sowieso keine Wahl euch das auszusuchen, ihr müsst die Reise in jene geistigen Sphären lernen, ob ihr nun wollt, oder nicht.“ Sie wirkte übereifrig mit ihrer absurden, aufgeweckten Magie, schien liebevolle Absichten den Schülern gegenüber zu haben. Jedoch… Vertrauen in Undoras Fähigkeiten war eine ganz andere Geschichte.

„Lasst euch nicht beirren, es ist in Ordnung Angst zu empfinden, sie ist ein Katalysator, ein Treibmittel für eure Kraft.“

Ein weiterer Schüler hob seinen Arm. „Aber das, was ihr mit uns vorhabt, klingt so einschüchternd, wir haben alle zu viele Fragen zu jener Magie.“

„Es gibt immer wieder Fragen, die man sich als bewusstes Wesen stellen sollte…“, erwiderte sie. „Fragen wie jene, warum wir kämpfen müssen und wohin dies führen soll… Fragen des Seins… Über den Eintritt in geistigen Sphären gelangen wir zu einer einzigartigen Macht über das, was wir Leben, Bewusstsein und Zeit nennen… Ihr könnt eintauchen in die Vergangenheit, in die Zukunft und vielleicht in Dinge, die ihr vergessen habt…“ Dabei funkelten ihre Augen, erneut giftgrün, in Links Richtung. Ihre Stimme wurde weich und klirrend, wie eine Klangschale…

,Dinge, die ihr vergessen habt‘, schallte es in Links Gedankengängen nach. Wie zerberstendes Kristall splitterten die Worte durch seinen Kopf, rupften an einer Barriere, die ihn schützen sollte und die er sich vielleicht selbst auferlegt hatte.

,Dinge, die du vergessen hast und vergessen wolltest…‘, klirrte es, als brachen überall in Hyrule Glasscheiben, als ging eine gläserne Welt zu Bruch.

Er verkrampfte sich auf seinem Sitz, sein Körper stand unter glühender Energie und in seinem fiebrig roten Gesicht blitzte vergangener Schmerz herauf. Da war Folter in seinen Gedanken, in seinem Herz… und in seiner Vergangenheit. Für einen Bruchteil entehrender gestohlener Zeit sah er einen Turm in einer fernen Dimension, wo riesige Bestien aus erstarrtem Gestein als Abbilder aller Völker wachten. Dort war es finster und grausam, glühend heiß und bösartig kalt. Dort war das Böse und die Wahrheit.

„Nana, mit Magie spielt man nicht“, riss ihn eine wie Schmirgelpapier klingende Stimme aus den Gedanken. In einem Wimpernschlag trat die lehrende Hexe mit ihrem runden Erscheinungsbild vor Link und rückte so nah an sein Gesicht, dass er ihren fauligen Atem riechen und ihre gelblichgrünen Zähne sehen konnte. „Und besonders bei dir kann ich sehen, dass du kurz davor stehst, magische Attacken einzusetzen. Du bist wütend… wohl eher auf dich selbst … aber auch hoffnungsvoll, mmh. Du hast versagt… ich kann es in deiner Aura sehen, da brodelt Aufregung in dir, weil du etwas herausgefunden hast.“ Bitterböse funkelte Link in ihr faltiges Gesicht und machte mit einem Blick seiner tiefblauen Augen deutlich, was er von ihrem Gerede hielt. Aber erst jetzt verstand er wahrlich, dass niemand sonst die Worte gehört hatte. Undora hatte sich telepathisch in seinen Kopf geschlichen.

„Newhead hat den Zauber an dir bereits ausgesprochen, nun wollen wir einmal schauen, wie es funktioniert. Und es ist richtig, was du vermutest… wenn du diese Seelenreise absichtsvoll meisterst, kannst du deine Amnesie ergründen…“ Damit wand sie sich ab und ließ einen schwitzenden jungen Burschen in weiterer Verwirrung zurück. Er sah käseweiß aus, als näherte sich ein neuer Krankheitsschub, den er aber mit gewaltvollem Erfolg zurückdrängte. Sein Atem ging rasch und zwei feine Adern in jeweils einem Auge waren geplatzt. Es sah aus, als weinte er Blut…

Will hatte seine listigen grünen Augen sofort wieder dort, wo der Heroe sie nicht haben wollte und bemerkte den kränklichen Zustand seines Freundes. „Hey, Link! Geht es dir gut? Deine Augen sind blutunterlaufen“

Der angesprochene Bursche hob beschwichtigend seine Hände und biss sich auf die Unterlippe. Er rieb sich die Augen, bis es wieder ging und wollte nicht schon wieder Mitleid von seinem Kumpel. Er winkte ab und starrte aus dem Fenster, als Undora weitere Erklärungen anstimmte.

 

Alsdann breiteten die Schüler inmitten des Raumes Decken aus, schoben die Bänke an die Turmwände, alles streng nach Anweisung der Hexe, und nahmen im Schneidersitz auf den Decken Platz. Sie wies die Ritterschüler an sich zu sammeln, die Augen sanft zu schließen und ihren Atem gleichmäßig und fließend werden zu lassen.

Der Zauber würde kommen mit Ruhe und Besonnenheit. Der Zauber würde seinen Weg finden mit Konzentration und Absicht. Der Zauber erstarkte im Bunde…

Ihre schrille Stimme nahm ein eigenartiges Säuseln an, ein reinigendes Zischen wie jenes einer Schlange, das eine Gänsehaut verursachte. Und als sie spürte, dass die Zeit reif war, bewegte sie ihre schrumpeligen Hände in ehrfurchtsvollen Bewegungen durch die Luft, erschuf ein smaragdfarben funkelndes Dreieck, das sich vervielfältigte und lautlos, aber mit spürbarer Magie zu jedem einzelnen Schüler wanderte. „Gut, dann könnt ihr alle jetzt mit Magie spielen!“, jubelte sie. „Farore, da du bist in deinem Haus über den Wolken, schenke den auserwählten Jünglingen deine Gnade, deine Güte und Tapferkeit. Dein Weg soll unser sein. Dein Ziel liegt vor uns. Dein Zauber lehrt uns. Wir sind deine Behälter, fülle uns mit deinem Mut…“ Und als ihre tranceverstärkende Stimme kraftvoll anschwoll, legten sich die vielen Dreiecke erforschend und bemächtigend auf jede einzelne Stirn der besorgten und doch neugierigen Ritteranwärter. Allen, außer bei Link, dem diese Gunst bereit gewährt wurde…

Es begann eine lodernde Fahrt des Mutes, eine Achterbahnfahrt in vergessene Seelenstrudel dort in den Herzen von jedem einzelnen Jungen. Allesamt waren sie verhext, und angespannt. Einige konnten die Konzentration nicht halten, wurden nervöser und sahen, spürten, rochen und hörten nichts… die Wahrnehmung war eine komplizierte Geschichte. Manch einer war bereit und ein anderer noch lange nicht… Einige sahen Bilder aus ihrer Vergangenheit, ein andere spürte reinigende Magie. Ein Dritter roch beißenden Rauch, wo keiner sein konnte. Ein vierter hörte die lieblichen Feen des Wasserreiches singen… Die Trance, geführt von einer göttlichen Instanz, führte sie alle auf einen Weg und doch war jeder Weg ein anderer. Alles war richtig, auch das, was nicht passierte…

Nach wenigen Minuten öffnete der erste Ritterschüler seine Augen, blickte im Raum umher und hatte scheinbar die Geduld verloren. Weitere folgten. Auch Artus und Robin gaben auf oder konnten mit dem, was sie wahrgenommen hatten, nichts anfangen. Neugierig blickten sie in die Runde, wo einer nach dem anderen aus der seltsamen Tranceübung ausstieg. Auch Will verließ den Zugang zu seinem Unterbewusstsein oder einer Welt fern abseits und er konnte mit dem, was er erfahren hatte, kaum etwas anfangen. Er erinnerte sich lediglich an eine Schlacht und dort zogen Drachen vorüber, zumindest dachte er, dass es Drachen waren. Denn gesehen hatte er noch keinen…

Dann allerdings geschah etwas Merkwürdiges, etwas, dass den jungen Laundry nun doch an den Sinn dieser Tranceübung Glauben ließ. Er blickte zu Link, der noch immer tief in Trance ruhte, völlig entspannt schien und unter seinen Augenlidern bewegten sich seine Seelenspiegel rasend. Er war mittlerweile der letzte, der meditierte, sein Atem ging langsam und gleichmäßig. Er ließ sich von allen, die ungeduldig auf ihn warteten, nicht beirren.

Und es war dann, dass Will etwas sah, was nur seine in Magie begabten Augen erfahren konnten. In der Unsichtbarkeit dieser Welt ruhten heilige Gesetze, etwas so Verborgenes, das nur göttlich sein konnte. Und in jenen Sekunden wurde er Zeuge jener alten, in der Welt schlummernden Wahrheiten.

Will stotterte, und in seinen giftgrünen Augen zündeten sich Feuer einer neuen Wahrnehmung. „Krass…“, hauchte er über die Lippen und erhob sich. Träumerisch huschten seine Augen von einem Punkt des scheinbar leeren Raumes zum nächsten. Da waren unzählige grünlichgolden schillernde Wolken, die an dünnen Seilen an Link angenäht schienen. Sie nahmen die staubige Turmspitze völlig ein, tanzten, bis sich aus den Wolken Bilder erhoben. Umrisse bildeten sich, verschiedene Grün- und Goldtöne zeigten Wesen und Orte, leidenschaftlich und von ungeheurer Beständigkeit. Will traute sich nicht wegzublicken, als die Lichtwesen begannen sich zu bewegen. Und in dem Rauch erkannte er Gesichter, Lichtwesen und Kreaturen mit glühenden Augen. Da war ein riesiger Golem aus funkelndem Gestein in dem Rauch und Link, der wirkte wie ein Zwerg, aber sein Wille war todesmutig und pulsierend. Mit einem Schwert in seiner Hand sprang er und kletterte an dem Wesen hinauf, zerfetzte mit gnadenloser Wucht einen Arm der riesigen Kreatur. Dann zeigte der Rauch ein neues Bild… es war wieder ein Kampf. Erneut sah er den Helden im grünen Gewand kämpfend gegen eine riesige Schlange mit nur einem Auge…

Und plötzlich zerbrachen die Bilder und Will stand mit gläsernen Augen inmitten des Sitzkreises. Schleunigst nahm er wieder Platz, kam sich vor als hätte er seinen Verstand verloren. Was war das gerade eben?

„Du hast es gesehen, Laundryjunge…“, flüsterte es säuselnd. Rasch wanderte Wills pochender Schädel zu Undora, die die Lippen nicht bewegte. Sie sprach telepathisch und ihre Augen färbten sich das erste Mal glühend rot. „Das kannst du gut, weil Magie in deinem Blute steckt. Du bist begabt… lass‘ es zu. Sperre dich nicht dagegen wegen den unheimlichen Fähigkeiten deiner Schwester…“ Verstört sah er zu Boden.

Und gerade da kam Link zur Besinnung, streckte sich und gähne. Er fühlte sich, als hätte er einige Stunden geschlafen und sah dann den geschockten Will ihn mit offenem Mund anstarren. „Ist irgendwas?“ Aber er erhielt keine Antwort. Es war eines der ersten Male, dass Will nicht wusste, was er sagen sollte…  

 

Alsdann beendete die Hexe die Stunde, bedankte sich für die Aufmerksamkeit und versprach den Schülern neue und lehrreiche Erfahrungen mit der Trance, die nun in dem Blut der Schüler steckte. Zufrieden und sich auf die Ferien freuend stürmten die Rittersöhne den Turm hinab.

Doch bevor Undora ging, hielt Link sie auf. „Ihr könnt mir erklären, warum sich meine Augen vor einigen Wochen beinahe weiß gefärbt haben, nicht wahr?“

Sie sabberte etwas, nahm ein kleines Schächtelchen mit Schnupftabak und zog das Gebräu in ihrer Nase brummend hinauf. „Nun, du hast mit einer Macht gespielt, die du schon einmal verwendet hast und ein Bruchteil dieser Macht steckt noch in dir… Was ist mit dem Kriegergott, dessen Form du angenommen hast?“ Sie schien benebelt und ihre Augen versanken immer weiter in den Höhlen.

„Als… in Termina?“, sprach Link laut. „Aber ich habe alle Masken von damals zerstört.“

„Das Problem ist, dass Fierce Deity dir sehr ähnlich ist. Hab‘ keine Angst vor ihm… er hat sich deiner nicht bemächtigt, aber wenn du deine Macht nicht kontrollieren lernst, wirst du zu etwas, dass du nicht sein willst… Macht hat immer auch eine gefährliche, düstere Seite. Auch deine Seelenverwandte könnte sich in etwas verwandeln, dass sie nicht ist, wenn sie ihre Macht auf falsche Weise einsetzt, oder vielleicht hat sie dies schon lange…“ Sie steuerte zu dem Fenster und klatschte aufbrausend in die Hände, sodass diesmal schwarze Federn daraus flogen.

Link fühlte sich sprachlos und dachte über Undoras Worte nach. Erneut ein Geheimnis, das er nicht unbedingt herausfinden wollte. Aber blieb ihm denn eine Wahl? „Ich will meine Stärke zurück…“, sprach er sehnsuchtsvoll, schabte mit den Stiefeln über den Boden und wirkte wie ein unschuldiges Kind, das eine schlechte Tat begangen hatte.  

„Darauf warten alle Verzweifelten in Hyrule, alle Hoffenden und die, die hinter dir stehen“, sprach die Hexe und traf ihn mit Wärme und einem brennendem Mitgefühl. 

„Und ich noch mehr…“, sprach er aufrichtig und schuldbewusst. Er sah weit vor sich seit einer ewigwährenden Irrfahrt von Dunkelheit und Leere endlich wieder eine Lichtquelle leuchten. Endlich spürte er eine vergessene Wärme in sein Herzen zurückkehren… und es war nur der Gedanke, dass er von Nutzen sein konnte…

Undora lächelte und es war wohl das erste Mal, dass ihr faltiges Lächeln angenehm und ehrlich war. „Bald ist es soweit, dass du zu mir kommen wirst… dann in der Winternacht, wo ein Gegenstück deines Herzens gequält wird… Erinnere dich an den Brief mit der Karte zu meinem Heim… Jetzt muss ich aber los!“ Und diesmal ohne das Fenster zu zerstören, hüpfte die gute Hexe nach draußen, verwandelte sich während ihrem Sturz in einen dicken, riesigen Raben und segelte über die Türme der Ritterschule, bis sie über den nördlichen Wäldern nur noch ein kleiner schwarzer Punkt war und verglühte…

 
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