44. Kapitel
 

Lassarios Grauen

 

 

Es war, als zog die Welt vor den Sinnen der hylianischen Prinzessin in einem Wimpernschlag vorbei, hier, wo sie ihren weißen Hengst Silberregen über schneebedeckte Hänge und Hügel der hylianischen Steppe preschte. Sie genoss ihre momentane Freiheit mit einem zaghaften Lächeln auf dem Gesicht, spürte die hetzenden Bewegungen des starken Pferdes unter sich und donnerte dahin. Geschmeidig lenkte sie Silberregen vorwärts, vertraute auf seine Stärke und Gewandtheit und ließ ihre Augen von der strahlenden Schönheit ihres Landes benetzen. Die Sonne war erst vor wenigen Minuten aufgegangen, schickte dünne Schleier aus schmerzlosem Feuer über die Welt und brachte den Eiszauber des Winters zum Funkeln…

Ihr Vater, König Harkenia von Hyrule, hatte ihr den Ausflug gestattet trotz der momentanen Gefahr von Moblinherden, die die hylianische Steppe mit Blut und zerfetzten Knochen brandmarkten. Aber er hatte ihr den Ausflug nur unter bestimmten Bedingungen gestattet, zum einen war Ophelia Morganiell ebenfalls an dem Ausritt beteiligt und versteckte sich in einer kleinen Kolonne aus Soldaten und ihrem Ritter Sir Lowena, und zum anderen hatte der König drei seiner besten Ritter zum Schutz der Prinzessin auf die Steppe gesandt. Nur, und Zelda grinste spitzbübisch angesichts des Gedankens, war es nicht das erste Mal, dass sie mit ihrem stolzen Getier die Ritter, in deren Nähe sie sich aufhalten sollte, abhängte und austrickste. Auf einem der zahllosen puderzuckerweißen Hügel konnte sie die wenigen dunklen Punkte der Ritter und Hyladiér ausmachen und erneut grinste sie. Der Ausflug tat ihr gut, trotz der eisgekühlten Wangen und der Schweißnässe unter ihrem schweren, weißen Pelzmantel…

Die wenigen Reisenden zogen über lichte, schneebedeckte Hügel, badeten im sonnigen Glanz Hyrules bis sie in der Nähe eines Monuments des Glaubens an die Götterdreiheit rasteten. In einem Tal, das vom reinigenden Licht des Feuergottes geflutet wurde und wo drei riesige Säulen mit rotem, grünen und blauen Metallen und Gesteinen verschönert thronten, symbolisierten die Macht der Göttlichen, die ihren Atem über die Sonne in die Erde schickten. Die riesigen Säulen waren über Steinbänke miteinander verbunden. Ein ebenfalls steinerner Altar befand sich in der Mitte, war geschmückt mit kostbaren schockgefrorenen Blumengestecken und Opfergaben von seltenen Tieren. 

Als Zelda jenen Ort der Ruhe und Andacht erreichte, erhielt sie missbilligende Blicke ihrer Ritter Sorman, McDawn und Heagen, die eine kurze Rast an jenem Platz vorgeschlagen hatten. Die kleine Gesellschaft hatte Decken auf den Steinbänken ausgebreitet und genoss die frische Winterluft. Geräuschvoll sprang die junge Prinzessin von ihrem Reittier und grinste verschlagen in die Gesichter der Königlichen Garde.

„Prinzessin, erlaubt mir die Bemerkung“, sprach Sir Heagen. „Wir sind zu Eurem Schutz eingeteilt. Wüssten wir nicht, dass außerhalb eine Bedrohung warten könnte, würden wir Euren Wildfang gerne unterstützen, aber die Zeiten sind nicht die friedvollsten und keiner der Anwesenden möchte Euch verletzt wissen.“

„Ich danke Euch für Eure Besorgnis, Ritter Heagen“, entgegnete sie tonlos und marschierte geradewegs zu einer leeren Steinbank, ließ sich darauf sinken und blickte andächtig zu dem Altar in der Mitte. Es war angenehm hier, ein Platz der Reinheit und des Schutzes. Kein Dämon wagte sich in diese Schlucht und ein Gefühl der Sicherheit durchströmte sie. Heute, so entschied sie, wollte sie nicht an die Gefahr denken, die in düsteren Schlupfwinkeln Hyrules aufbegehrte. Ihr Blick heftete sich in die Höhe, wo das Licht am saphirblauen Himmel funkelte. Gerade da trat Ophelia, deren Anwesenheit die Prinzessin bisher ignoriert hatte, direkt vor sie, und wirkte wie ein übernatürlicher Schatten, der Zeldas Blick trübte. Für eine Unternehmung außerhalb war die Adlige aus Hyladién auffallend unpassend bekleidet. Erneut trug sie spitzzulaufende Lederstiefel mit Absatz, musste sich die Seele aus dem Leib frieren in einem Seidengewand, das wie zu Stoff gewordenes Feuer ihre dürre Figur umspielte. Ein knapper, pechschwarzer Pelz reichte gerade bis unter ihre Hüfte und stank nach altem Rind. Ihr langes Haar floss wie Pech mit rosa Strähnen an ihrem Rücken hinab und reichte soweit wie der Pelz. Ihre zierlichen, weißen Hände hielten eine mit goldener Farbe angemalte Schachtel mit hyladischen Runen umklammert. Während des gesamten Ausritts hatte Zelda gespürt wie viel Ophelia daran lag mit ihr ins Gespräch zu kommen, nur war sie dem geschickt ausgewichen.

„Prinzessin, dürfte ich… ich nehme Platz, ja?“, stotterte die Morganiell unbeholfen und pflanzte sich hektisch neben Zelda auf eine dicke Wolldecke. Sie musterte Zelda immer wieder, sah dann nervös zu dem Altar und schließlich zitternd zu den hohen Säulen aus magischem Gestein.

„Ihr seid gut im Reiten, Prinzessin Zelda“, sprach sie leise und presste ihre schmalen Lippen aneinander, vielleicht weil sie sich fragte, ordentlich und höflich zu reden. 

„Ich bin, seit ich das erste Mal auf einem Pferd saß, auf der Steppe unterwegs“, entgegnete die Prinzessin sanft und lehnte sich zurück. „Aber den Hyladiérn sagt man nach die besten Reiter des Weltenpalastes zu sein. Ich vermute, Ihr genießt es auf Euren Silberschneehirschen durch die Welt zu reiten.“

„Ich mochte es früher mehr als heute“, sprach Ophelia leicht schnippisch und zugleich schnell und aufrührerisch. Verwundert blickte die junge Prinzessin in die blassblauen Augen der Morganiell und sah einen leisen Schmerz aufflackern. „Aber es hat Spaß gemacht Hyrules Steppe kennenzulernen…“, setzte sie höflich hinzu. Erneut umklammerte sie ihre goldene Schachtel, als hing davon ihr Überleben ab.

„Ihr habt etwas auf dem Herzen“, sprach Zelda höflich und fragte sich zugleich, wo dieses Gespräch hinführen würde. Sie wollte nicht über Ophelia urteilen, aber sie gehörte zu einem Schlag der Elfen, mit denen sich Zelda kaum umgeben wollte. Die adrette Königstochter hatte das Gefühl durch Ophelias Anwesenheit nichts zu lernen, nichts zu spüren und konnte dieses sonderbare Gefühl kaum beschreiben. Zelda schätzte eher die Anwesenheit von Seelen, die ihr halfen sich selbst zu erkennen, sich selbst am Kragen zu packen, sich zu entwickeln. Irgendetwas an Ophelia blockierte sie. Ob dieses Gefühl ein Problem Zeldas oder vielmehr ein Problem der Morganiell war, konnte sie noch nicht entscheiden…

„Liebste Prinzessin“, begann die Morganiell und während sie sprach, schienen ihre Augen endlich mit Leben zu erwachen. „Ich wollte Euch etwas überreichen…“ Sie wirkte dennoch zögerlich, aber drückte der verwunderten Thronerbin die goldene Schatulle in die Hände. Und während sie dies tat, umfasste sie kurz aber deutlich gewaltvoll das rechte Handgelenk der blonden Schönheit.

„Das sind Pralinen aus meiner Heimat… eigentlich war es die Idee meines Bruders Euch diese mitzubringen, Prinzessin Zelda…“, sprach sie und drehte sich geschwind weg. „Ich wollte Euch ein Geschenk machen“, setzte sie schmeichelnd hinzu. „Überall gibt es die großartigsten Geschichten über Euren Mut und Eure Weisheit.“ Sie lispelte etwas und legte nervös ihre beiden langen Hände auf die rotangekühlten Wangen. „Ich bin so froh, dass ich sie Euch überreichen konnte.“

„Habt Dank, Ophelia“, sprach Zelda verwundert und fühlte sich etwas schuldig bei dem Gedanken mit der tollpatschigen Morganiell nichts anfangen zu können, obwohl jene sich sehr viel Mühe gab mit Zelda gut zu stehen. „Das ist sehr reizend von dir. Ich mag Pralinen schon sehr.“ Es entsprach zwar nicht der vollen Wahrheit, aber sie wollte nicht erneut unhöflich sein.

„Ihr solltet unbedingt von den Pralinen probieren. Sie sind ein Genuss und zergehen auf der Zunge.“

Zelda seufzte und sah die hohe Erwartung in den blassen Augen der Morganiell. Ophelia schien sich gerade nichts sehnlicher zu wünschen, als das Zelda die Schokoladenspezialität kostete. Ein unangenehmer Zwang stellte sich im Magen der Prinzessin ein, aber sie konnte das Angebot kaum verschmähen.

„Ich vermute, Ihr liebt diese Pralinen selbst sehr, nicht wahr?“ Die Königstochter lächelte und erhielt ein aufgeregtes Kopfnicken von Ophelia. Ganz zögerlich öffnete Zelda die Schachtel, zog einen leichten süßlichen Stoff von dem Genuss in die Nase und sah in Dreiecken geformte Pralinen aus dunkler, milchiger und weißer Schokolade. Sie dufteten eigentümlich nach den starken Gewürzen der Hyladiér, aber dennoch unheimlich interessant. Zelda sah das Funkeln in Ophelias Augen und deutete es als eine Hoffnung auf Bestätigung.

„Wisst Ihr was?“, sprach Zelda freundlich und reichte der Morganiell die Schachtel entgegen. „Wie wäre es, wenn wir teilen?“

Ophelia sah das als ein Angebot, das ihre Nervosität und ihre vielen Ängste mit anderen in Kontakt zu kommen mit einem Wimpernschlag vernichtete. Sie nickte mehrfach und begann auf eine nahezu fiebrige Weise zu lächeln. Es wirkte so, als hatte sie sehr lange nicht mehr lachen können.

„Ihr seid so herzlich, Prinzessin, seid bedankt…“, sprach Ophelia und deutete auf die Pralinen. „Ich würde Euch die weißen empfehlen, die sind hervorragend, ich will Euch diese natürlich nicht aufdrängen…“ Und die junge Morganiell bediente sich, nahm sich gleich zwei der cremefarbenen Pralinen. Da war ein Glitzern in ihren schmalen Augen, während sie aß, als belohnte der süße Genuss ihre Bedürfnisse seit langer Zeit wieder.

„Die mit Milchschokolade würden mich gerade eher reizen“, entgegnete Zelda und legte eine Praline auf ihre Zunge. Ein wolliger, angenehmer Geschmack breitete sich in ihrem Mund aus, süßlich wie Zimt und mildscharf wie Pfeffer.

„Und was meint Ihr?“

„Ein interessanter Geschmack“, sprach die Prinzessin und spürte wie der süße Genuss ihre Kehle hinab schlüpfte. „Und Ihr meintet, es war eigentlich Oreduns Idee?“

„Ich sag‘ doch, er ist ein Weiberheld und Charmeur. Als es hieß wir würden die Königsfamilie besuchen, war es sein erstes Anliegen Geschenke an die Prinzessin zu richten. Ich fand, er wollte Euch mit einem unglaublichen Ehrgeiz bezirzen.“

Zelda lachte daraufhin und hielt sich eine Hand vor den Mund.

„Das ist nicht so lustig…“, brummte Ophelia und klang entgegen ihrer vorhergehenden Nervosität wie eine Bärin. „Mein Bruder ist nicht so toll wie er sich gibt… Ihr solltet nicht auf ihn hereinfallen…“

Zelda spitzte ihre Ohren und wurde mit einem Schlag sehr hellhörig. „Ist dem so?“ Sie nahm sich noch eine Praline, diesmal eine von den weißen und war überrascht, wie anders sich diese in ihrem Mund anfühlte als die vorhergehende. Diese war cremig und süß, so wie Schokolade schmecken sollte.

„Er ist auch ein ziemlicher Lügner und würde über Leichen gehen um seine Ziele durchzusetzen…“ Sie verkrampfte ihre Hände, wackelte mit ihrem rechten Bein ununterbrochen, als begann sie sich zu fürchten.

Zelda verzog das Gesicht leicht verächtlich. „Es überrascht mich dies aus Eurem Mund zu hören, Ophelia, wie würde Euer Bruder wohl reagieren, wenn er wüsste, wie Ihr über ihn redet?“

„Er weiß dies schon seit er angefangen hat ein Holzschwert zu schwingen“, entgegnete sie piepsig. 

„Dann sagt mir, Ophelia, wenn Euer Bruder gewisse Ziele verfolgt, welche könnten das wohl sein?“

„Er will König werden, und würde Euch dazu Honig um den Mund schmieren bis er allen Honig von ganz Hyrule aufgekauft hat.“

Abermals lachte Zelda, aber ihr Lachen war keineswegs störend für die Morganiell. Es war aufweckend und herzlich. „Ich hatte eher das Gefühl Oredun hegt Interesse an dem Kampf, an allem, was außerhalb abgeschotteter Schlossmauern vor sich geht und damit steht er nicht allein.“ Die Prinzessin widersprach vorsichtig  und hütete sich davor sich von Ophelia beeinflussen zu lassen, andererseits… hatte sie sich nicht vielleicht bereits von Oreduns Charme manipulieren lassen?

„Glaubt Ihr nicht, er wäre ein guter König?“, meinte sie dann und ließ die Unterhaltung noch einmal durch ihre Gedanken kreisen. Was Ophelia wohl, außer ihrem Wunsch mit Zelda in Kontakt zu kommen, im Sinn hatte?

„Irgendwann vielleicht, aber im Moment finde ich es wunderbar, dass Harkenia den Thron besitzt und wohl mit meiner Mutter teilen wird.“

Irritiert hob Zelda eine honigblonde Augenbraue und ihre mit Saphiren besetzte Tiara verrutschte leicht. Hatte sie richtig gehört, was Ophelia annahm? Harkenia würde den Thron mit Ornella Morganiell teilen? Dies hatte ihr Vater noch nie zur Sprache gebracht.

„Das ist wohl eher dein Wunsch, nicht wahr? Dass deine Mutter den Thron mit meinem Vater teilt?“, sprach die Prinzessin klar und kühl und mit einer Festigkeit in der Stimme, die die junge Morganiell erneut nervös machte. Jene zuckte plötzlich und begann mit ihren Händen zu spielen. „Doch… doch… ich glaube ja…“, sprach sie zittrig. Sie zupfte sich mit beiden Händen die seidigen Haare. „Doch, doch, dem ist so, meine Mutter meinte, es könnte durchaus sein, dass sich Harkenia und sie verloben.“

Die Nachricht versetzte der Prinzessin nun doch einen kleinen Stich in ihrem Magen, es war nicht so, dass es sie erschreckte, aber dass selbst Ophelia davon wusste, obwohl ihr Vater dies bisher abgestritten hatte, enttäuschte sie. Es kam ihr so vor, als beratschlagte ihr Vater diese wichtigen Themen nicht mehr mit ihr, auch einer Diskussion über den Angriff am Destiniatempel war er geschickt ausgewichen.

„Entschuldigt, Prinzessin…“, murmelte die Hyladiérin aufgeregt, hüpfte von ihrem Platz. „Ich… ich fände es gut, wenn wir… zurückreiten.“ Sie hatte Zeldas Missfallen deutlich wahrgenommen und vielleicht konnte sie nicht damit umgehen. Seufzend blickte die Thronfolgerin Hyrules dem unsicheren Mädchen hinterher, spürte ein Gefühl des Mitleids, weil sie diesen Gedanken selbst nicht annehmen konnte. Irgendetwas gefiel Zelda nicht an diesen Entwicklungen. Wenn Ornella Königin Hyrules werden würde, dann hätten sowohl Oredun als auch Ophelia unter gewissen Umständen ein Anrecht auf Hyrules Regentschaft. Ein übles Gefühl stieg in ihr hoch, während sie hier saß, die Reittiere im Hintergrund wiehern hörte, beschützt von den Säulen der Göttinnen. Die wenigen bunten Blumen am Altar begannen zu welken…

 

Als Zelda in Begleitung der wenigen Ritter zurück ins Schloss stürmte, hatte wohl keiner damit gerechnet, dass sie übelgelaunt als erste Amtshandlung die momentane Versammlung ihres Vaters auf sehr stürmische und stimmungsgeladene Weise beendete. Auch Harkenia war mehr als überrascht über den plötzlichen Wutausbruch seiner Tochter, wo sie die letzten Tage erschöpft gewirkt und sich sehr zurückgezogen hatte. Türen knallten durch legendäre Magie, ein Dröhnen ging durch die vielen Gänge im Schloss als Zelda sich ungefragt Zutritt zu einem Beratungszimmer verschaffte. Alle, die an der Besprechung teilnahmen, hüpften vor Schreck von ihren gepolsterten Sesseln. Denn Zelda stapfte wie ein wütender Stier in das Besprechungszimmer, wo eine Entscheidung über vergessene Ländereien gefällt werden sollte. Es sollte ein glücklicher Umstand sein, dass die adrette Königstochter ausgerechnet jene Besprechung störte.

Mehrere Ritter wie Sir Viktor, einige Bauern und Gutsleute waren anwesend. Harkenia von Hyrule saß mit einem Schreiber an der Spitze der langen mit Kuchen und warmem Wein bedeckten Tafel und sah das Donnerwetter seines Lebens bevorstehen, ahnte, dass der jungen Thronerbin etwas ungeheuer Übles über die Leber getrampelt sein musste. 

„Geht jetzt, alle zusammen“, befahl sie. Ihre jugendliche, sonst so reine, helle Stimme schwoll an als ein Versuch ihre Absicht auszudrücken. „Ich habe eine Unterredung mit meinem Vater zu führen.“

„Aber mein König“, begann Sir Viktor aufgeregt. Er deutete auf ein Schriftstück vor seiner Nase. „Ihr habt mir zugesagt eine Entscheidung über die Ländereien der Fearlessts zu fallen. Genauso wie andere finde ich es bedauerlich dieses Land unbenutzt zu lassen. Ich brauche nur eine Unterschrift von Euch. Wir brauchen nicht mehr zu diskutieren!“ Auch andere stimmten mit ein. Und da wusste Zelda, worum es ging. Sir Viktor war interessiert noch mehr Land zu besitzen als ohnehin schon und er besaß mehr als ihm zustand, vielleicht durch sehr unrechte Wege. Ein Grund mehr, dachte sie, diese Verhandlung zu unterbrechen. Sir Viktor war ihr schon lange ein Dorn im Auge. Wenn sie ihn damit eines auswischen konnte, umso besser.

„Und Ihr, Sir Viktor, habt mir gerade eben nicht zugehört. Hiermit unterbreche ich diese Verhandlung, weil es als Thronfolgerin mein Recht ist! Geht hinaus. Ein Urteil über Euer Anliegen soll ein anderes Mal gefällt werden.“

Harkenia, der bisher nur geschwiegen hatte, schüttelte amüsiert den Kopf. Manchmal gefiel es ihm, wenn sich seine Tochter in Entscheidungen wie diese einmischte, so brauchte er zunächst kein Urteil fällen. Und dieser Fall und Viktors Versuche die Ländereien der Fearlessts einzuheimsen, bereitete ihm einiges Kopfzerbrechen. Er nickte lediglich, stopfte seine goldene Feder in ein Tintenfass und lehnte sich in seinem breiten Sessel zurück. Er sah entspannt und unheimlich gepflegt aus und Zelda wusste woran es lag. Sie ahnte, dass er Ornella Morganiell nicht nur bei Tag besucht hatte. Sein graugesträhntes Haar war gewaschen und fiel gepflegt über seine Schultern. Selbst seinen grauen Vollbart hatte er gestutzt. Er sah um mindestens zehn Jahre jünger aus. Er machte eine winkende Armebewegung, worauf die Anwesenden unter Murren und Seufzen das Besprechungszimmer verließen.

„Habt Ihr es wieder geschafft Euren Willen durchzusetzen, Prinzessin“, flüsterte Sir Viktor verächtlich, als er an ihr vorübertrat. Sie blickte ihm bissig entgegen. „Das werde ich immer, Sir Viktor. Immer, wenn Ihr es nicht erwartet.“ Er brummte und hetzte an anderen Interessierten vorbei, stieß einen dürren Gutsherren zu Boden, aber hetzte aufgebracht weiter. Kopfschüttelnd trat die Prinzessin, noch immer bekleidet mit einem weißen, langen Pelzmantel in den Raum und ließ die Tore schließen. Sie wünschte allein mit ihrem Vater zu sprechen und hoffte, er verstand ihr Anliegen.

Er erhob sich, blickte trotz seines amüsierten Lächelns missbilligend in ihre saphirblauen Augen. „Ich hoffe, es hat einen guten Grund, dass du diese wichtige Versammlung unterbrichst, Tochter.“ Er zupfte sich an seinem Bart. „Geht es um die Ländereien der Fearlessts?“

Zelda schüttelte den Kopf und legte ihren Pelzmantel ab und als sie dies tat, blickte Harkenia sie mit großen Augen an. Sie trug ihre Rüstung aus leichtem, goldenem Elfenstahl und er sah sie nicht gerne darin. Es machte aus ihr noch weniger die wohlerzogene Prinzessin, die er sich einst gewünscht hatte. Etwas verausgabt tapste sie hinüber zu ihrem Vater, trat mit fragendem Gesicht vor ihn und rückte näher an sein Gesicht, sodass sie in seinen klaren, blauen Augen lesen konnte.

„Was ist, Liebes?“ Er umfasste ihre zierlichen Schultern und drückte sie sanft in einen Sessel direkt neben seinem.

„Ich verlange Antworten, Vater“, meinte sie tonlos, grabschte einen goldenen Kelch und spülte die Worte mit einem Schluck warmen Herzbeerenwein herunter.

„In welcher Hinsicht?“

Sie durchbohrte ihn nahezu und dem König gefiel dieser Blick nicht. Diesen Blick hatte Zeldas Mutter einst aufgesetzt, wenn etwas nicht stimmte.

„Wie stehst du zu Ornella? Und bitte kein Schönreden. Du musst mich nicht schonen.“

„Ist das alles, deswegen unterbrichst du diese Besprechung?“

Zelda winkte ab und rollte mit den Augen. „Als ob du es nicht genossen hast. Ich weiß, dass du dich seit Jahren davor drückst die fearlesstschen Besitztümer zu vergeben.“ Und in der Tat. Dies war Zelda schon vor wenigen Monaten aufgefallen. Manchmal kam es ihr so vor als hütete ihr Vater ein Geheimnis diesbezüglich, als lag das große Andenken der Fearlessts an seiner Brust und er wollte sich dieses nicht wegnehmen lassen.

„Zelda…“, murmelte er väterlich. Auch er nippte an seinem mundigen, starken Wein. „Es ist ein Gefühl, das mich schon lange verfolgt. Ich habe noch immer die Hoffnung, dass diese Ländereien in die Hände von jemandem gelangen, der ihrer auch würdig ist.“

„Und du glaubst, du könntest eine solche Person finden, nicht wahr?“ Er nickte und doch wirkte er trübsinnig. „Vater, es gibt keinen Fearlesst mehr, wem sollten diese Ländereien zustehen?“

Er grinste und tippte mit seinen Fingerspitzen an Zeldas rechte Wange. „Du wärst überrascht, wen ich im Sinn habe, aber das ist ein Thema für eine andere Stunde.“

„Ich hoffe, du willst Ornella nicht noch mit diesem riesigen Land belohnen, wo du Ihr scheinbar bereit bist einen Platz an deiner Seite und ein Anrecht auf Hyrules Herrschaft zu geben.“ Zeldas Worte kamen kühl und stur aus ihrem vollen, blutroten Mund. Vor Schreck und weil er die Aggressivität in ihren Worten nahezu spüren konnte, spuckte der König den Wein zurück in den Kelch. Er war sprachlos, aber der Ausdruck in seinen Augen verriet Scham.

„Ich bin enttäuscht, dass du mir dies nicht mitgeteilt hast…“, setzte sie hinzu, erhob sich und wendete ihm den Rücken zu. „An deiner Reaktion aber sehe ich, dass es keine Erfindungen von Ophelia Morganiell sind.“ Zelda verkrampfte sich, spannte beide Hände zu Fäusten, sodass ihre Magie die Gläser und Teller auf dem Tisch zum Klirren und Wackeln brachte. „Und ich hatte gehofft, es seien tatsächlich Spinnereien einer tollpatschigen, ängstlichen Hyladiérin, wie beschämend für mich.“

Harkenia seufzte und zum ersten Mal seit langer Zeit verstand er seine Tochter nicht. Alles an ihr, ihre rasenden Worte, die empfindliche Reaktion, die fiebrige Wut und ihre Verwundbarkeit ließen ihn zweifeln, ob nicht etwas anderes nicht mehr stimmte. Sie verhielt sich gerade so untypisch, dass er zweifelte, ob sie bei klarem Verstand war. Er hatte gespürt, dass sie erschöpft war, aber diese Gereiztheit war ihm neu. War er wirklich zu weit gegangen sie nicht zu informieren?

„Tochter, ich kann dich nicht über jede Kleinigkeit unterrichten. Außerdem wusstest du, wie wichtig mir Ornella ist! Warum wohl hat sie diesen weiten Weg auf sich genommen hierher zu reisen? Weil wir schon immer eine gute Verbindung hatten“, erklärte er mürrisch und spürte in sich nicht mehr den Vater Zelda gegenüber, sondern den König, der Befehle gab. 

„Ich wusste es nicht eindeutig“, sprach sie ruhiger werdend. Ihre Kampfeswut flaute ab, stattdessen spürte sie Verletzungen. Wie konnte ihr Vater diese Worte in den Mund nehmen und ihr erklären, dass er sie nicht über jede Kleinigkeit informieren konnte! Sie empfand eine ähnliche Grausamkeit wie bei ihrem verpatzten Gespräch mit Link vor wenigen Wochen…

„Tochter, du bist begabt in der Vorsehung, das hast du mir immer wieder bewiesen und nun willst du das nicht gespürt haben. Natürlich mag ich Ornella, sie ist eine vornehme, intelligente Frau, die jeden Schachzug auf Hyladién im Blickfeld hat, natürlich haben wir über eine Verlobung nachgedacht. Das sollte dich nicht überraschen.“

Und nun war es an Zelda entsetzt und wie vor den Kopf gestoßen zu reagieren. Dass ihr Vater über eine Beziehung zu der Herrscherin von Hyladién nachdachte, war ihr sicherlich nicht völlig fremd. Aber der Gedanke, dass der König tatsächlich über eine Verlobung nachdachte, erschütterte sie. Wo, bei den Göttern Hyrules, war ihr Vater geblieben, der seit den bitteren Lektionen des Zeitkriegs immer wieder auf ihren Rat vertraut hatte, der wusste, wie schwerwiegend solche Entscheidungen sein konnten und wie gewaltvoll unbedachte Konsequenzen? War sie denn die einzige, die spürte, dass irgendetwas an den Morganiells verdächtig war?

„Wäre Valiant hier, wäre er noch erschütterter als ich es gerade bin… Du bist blind vor Liebe und gestattest einer fremden Person Einblick in die Belange des Reiches! Du hättest dies mit mir besprechen können!“, sprach sie wie die weise Prinzessin, die sie doch war. 

„Ich habe dazu nichts mehr zu sagen, Tochter!“, sprach er streng. Er wirkte kühl und unnahbar, wenn er den Herrscher in allem, was er darstellte, zuließ. Die väterliche, warme Seite war in jenem Moment völlig verschwunden.

„Das kannst du nicht ernst meinen!“, sprach sie entrüstet. „Vater, ich bitte dich.“ Sie trat näher und blickte verzweifelt in seine sturen, saphirblauen Augen. „Warte mit dieser Entscheidung.“

„Es gibt nichts zu warten, ich habe Ornella bereits in grundlegende Dinge eingeweiht.“

Zelda zwinkerte und konnte nicht glauben, was hier passierte. Hilfesuchend und tiefdurchatmend blickte sie zu dem großen Stammbaum ihrer Familie, der an einer riesigen Wand des Besprechungszimmers hing. Es war ein riesiger Baum mit vielen Ästen und Zweigen mit silberner und goldener Farbe auf die Wand gemalt, und überall standen Namen, die ehrenvolle Dienste an Hyrule geleistet hatten, angefangen bei der Wiedergeburt der Göttin Hylia, die an der Spitze der Ahnenreihe stand. Die erste Herrscherin, die den Namen Zelda trug und die ihn respektvoll gemacht hatte. Die junge Königstochter hoffte innig, die Göttin, die in der Versenkung verschwunden war, wäre bereit ihr eine Antwort zu geben. Kurz schloss sie ihre Augen, suchte nach Argumenten, obwohl sie ahnte, dass sie mit Argumenten bei ihrem Vater nichts mehr erreichen würde.

 

„Und was ist mit dem Angriff am Destiniatempel?“ Sie wusste nicht, warum ausgerechnet dieses Geschehnis nun durch ihre Gehirnwindungen sprudelte. Andererseits war auch dieses Ereignis ein Beispiel dafür, dass es ihr Vater in letzter Zeit unterließ wichtige Dinge Hyrule betreffend mit ihr zu diskutieren. „Es war Link, der die Dämonen abgehalten hat zur Schule zu reiten, richtig?“ Sie erwartete nicht einmal eine Bestätigung, sie hatte es ohnehin in ihrem Gefühl. „Vater, du weißt, wie wichtig er mir ist und dann verschweigst du mir das?“

„Es war sein Wunsch…“, murmelte er und trank erneut schlürfend von seinem Wein.

„Wie meinst du?“

„Sir Newhead hat mich in Kenntnis gesetzt, dass es Links Wunsch war, dass du davon nichts erfährst.“

Sie taumelte und stützte sich mit beiden Händen auf den Tisch. „Es war Links Wunsch? Warum sollte er mich in Unwissenheit lassen wollen?“ Unzählige furchtbare Gedanken strömten durch ihren Kopf. War an den Gerüchten etwas Wahres dran, dass er den Kontakt zu ihr einstellen wollte und dass er sich mit einem anderen Mädchen traf? Wollte er sie womöglich aus den nahenden Kämpfen heraushalten, weil er sie für schwach hielt?

„Du hast ihn belohnt?“, murmelte sie und versuchte sich von ihrem Gedankenwirrwarr abzulenken.

„Ja, mit einer Geste von Hyrules bestem Schneider.“

„Ich verstehe…“ Ja, dachte sie, und wie sie verstand… 

„Zelda, nun reagiere nicht so trotzig. Ich weiß, du möchtest über alles informiert sein. Vielleicht solltest du lernen Verantwortung abzugeben, anderen Entscheidungen zu überlassen und dich darin üben geduldig und zurückhaltend zu sein.“

Aufgebracht breitete sie ihre Arme aus und stieß die Worte verzweifelt aus ihrer Kehle. „Jetzt belehrst du mich? Ich kenne diesen Mann, der immer froh war, wenn ich die Dinge in die Hand genommen habe, weil er sich vor wichtigen Entscheidungen davon gestohlen hat. Und ich kannte einen Mann, der seine Lektionen gelernt hat, der wusste, wie wichtig es ist auf das Band der Familie zu vertrauen, wie grausam unbedachte Entscheidungen das Reich beeinflussen können und nun sehe ich einen Narr, der blind ist vor Liebe und sich von weiblichen Reizen manipulieren lässt! Sie, deren Namen du seit Jahren nicht mehr ausgesprochen hast, würde sich für dich in Grund und Boden schämen!“

Und das erste Mal in Zeldas Leben spürte sie die starke Hand ihres Vaters in ihrem Gesicht. Noch ehe Harkenia wusste, was er tat, hatte er ihr eine Ohrfeige verpasst, die in ihrem Kopf nachdröhnte. Es hallte kraftvoll nach in jenem Besprechungszimmer. Zitternd verharrte die Prinzessin in ihrer Haltung, hatte den Kopf zur Seite gedrückt und unterließ es ihrem Vater in die Augen zu blicken. Das letzte Mal, dass sie eine solche Belehrung erhalten hatte, war sie eingesperrt gewesen in einem Kerker, und sie hatte die eisige rechte Hand eines Dämons in ihrem Gesicht ertragen müssen… 

Sie schluckte ihre unangenehmen Empfindungen herunter, schluckte damit aber auch alle Gefühle des Verständnisses ihrem König gegenüber herunter.

Harkenia stolperte vor Schreck einige Schritte zurück und sah unheimlich durcheinander aus. Er sah beschämt zu Boden und schien zu realisieren, dass das, was hier Fatales passierte, nicht Zeldas Temperament zur Ursache hatte, und nicht ihre Abneigung gegen die Morganiells verantwortlich war für das Streitgespräch. Er hatte in seiner Rolle als Vater versagt… er hatte gerade abscheulich versagt.

„Ist das alles, mein König?“, sprach Zelda wie in Trance.

„Zelda…“, brachte er benommen über seine Lippen und sah mit Scham in ihr Gesicht. Der Schlag war nicht sichtbar, aber er würde noch lange in Zeldas Seele sichtbar sein. „Es tut mir leid… bei Nayru…“

„Ich sehe keine Notwendigkeit für weitere Diskussionen“, flüsterte sie, wand ihm mit Tränen in den Augen den Rücken zu, legte sich ihren weißen Pelzmantel über die Schultern und stolperte zu dem Ausgang.

„Zelda, nun warte doch!“ Er hetzte hinter ihr her und umfasste zögerlich ihren rechten Arm. Sie wirbelte herum und hob die rechte Hand. In ihren schönen Gesichtszügen war Schmerz begraben, ein Schmerz, den er darin noch nie gesehen hatte und der ihn sprachlos machte. Sie fühlte sich in ihrem Vertrauen verraten, so sehr wie damals, als sie ihn vor der Bedrohung durch Ganondorf gewarnt hatte und er nicht auf sie hören wollte. 

„Auch dafür, was hier passiert ist, würde sie sich schämen…“, brachte sie kummervoll über die Lippen und verschwand augenblicklich aus dem Raum…

 

In verklingenden Nachmittagsstunden eines schneetreibenden Tages nahmen die Ritterschüler von ihren Kameraden Abschied, suchten Schutz und angenehme Stunden in der Obhut ihrer Familien, dort wo ein jeder sein Heim als beständig wusste. Der Gott des weißen Winters schickte riesige Kristalle funkelnden Schnees zur Erde und benetzte die dunkelgrauen Mäntel der vielen Ritteranwärter und Mädchen der Benimmschule von Madame Morganiell, als sie ihre Koffer und Habseligkeiten durch den Schneematsch trugen. Dutzende Kutschen und Karren zogen mit Vorfreude auf das Fest der Göttin Nayru von dannen und die Kinder der Adligen freuten sich auf ihre Familien. Die Schulen wurden heute geschlossen und das erste Trimester war endgültig beendet.

Auch Link trat mit den anderen außerhalb. Einige begabte und gute Herzen hatte er in diesem Vierteljahr kennengelernt und von einigen hatte er sich bereits verabschiedet. Er war vielleicht der einzige, der die Kapuze seines Mantels nicht über den Kopf gezogen hatte und ließ das Schneegestöber seinen blonden Schopf bedecken. Sehnsuchtsvoll blickte er in den Himmel und fühlte sich trotz der bevorstehenden Einsamkeit gut und sicher. Die Verzweiflung, die sich vor einigen Wochen in sein Herz gefressen hatte, schien vorerst gedämpft…

Will trat neben ihn und war vollbepackt mit seinen Schulbüchern, seinen Waffen und zwei Koffern, die den schneenassen Erdboden aufgesaugt zu haben schienen. Er wartete auf seine Mutter Belle Laundry, die ihm vor wenigen Tagen einen Brief geschickt hatte. Sie informierte ihn darüber, dass sie ihn abholen würde, was Will irgendwie beruhigte. Er freute sich darauf seine Familie wiederzusehen und wollte unbedingt wissen, ob es Neuigkeiten von seinem Vater gab.

„Verrückt, wie schnell die Wochen vorüber gezogen sind, findest du nicht?“, meinte Will. Er hatte ein rührseliges Grinsen in seinem hübschen Laundrygesicht.

„Ja, und es sind tatsächlich einige verrückte Dinge passiert…“, murmelte Link und beobachtete die Karren und Kutschen, die just in dem Augenblick an der Schule vorfuhren. Immer wieder stiegen Jungen und Mädchen in die Fahrgelegenheiten ein und ließen die Schulen vorerst hinter sich.

„Wie wahr“, sprach der Laundry und lächelte seinem besten Kumpel entgegen. „Ich hätte nicht gedacht, dass ich innerhalb dieser kurzen Zeit so viele neue Dinge lerne…“

„Naja, soviel lehrreichen Unterricht hatten wir auch wieder nicht“, brummte Link und verschränkte die Arme skeptisch. Wenn er an Viktors Unterricht dachte, konnte er nur die Nase rümpfen.

„Ich meinte auch nicht den Unterricht“, und Will zwinkerte. Auch er starrte in den Himmel und sanfte Schneeflocken benetzten sein leicht gebräuntes Gesicht, wo nussbraune Haare hinfielen. „Es geht eher um Freundschaft und Gemeinschaft“, sprach er. „Hyrule… und die Götter haben sicherlich viel mit uns Ritteranwärtern vor, aber solange wir wissen, Gleichgesinnte zu haben und uns auf heimliche Helden verlassen können, meinst du nicht, dass es uns dadurch viel leichter fallen kann, Vertrauen in die Zukunft zu haben?“ Wenn Will so redete, so wusste Link, schob er das auf seine Laundryweisheiten, die er von seinem Vater gelernt hatte, aber gerade jetzt, in diesem Augenblick, war er von diesen Weisheiten weit entfernt. Will hatte dieses positive, oftmals treudoofe Licht in sich, das auch Link immer wieder verwunderte.

„Ich war völlig blind am Anfang der Ritterschule“, gestand sich Will ein und beobachtete die vielen bekannten Gesicht Abschied nehmen. „Blind wie ich war, wollte ich nicht sehen, welche Verantwortung Ritter gegenüber dem Leben tragen. Ich habe nur das Ziel im Kopf gehabt ein begnadeter, stolzer Ritter zu werden, wollte Menschen haben, die zu mir aufblicken, und irgendwie habe ich die Werte, die mir mein Vater immer wieder einzureden versucht hat, falsch verstanden. Ich habe alles unterschätzt. Ich habe Dämonen unterschätzt, Ängste unterschätzt…“

Wills Worten aufmerksam folgend beobachtete Link weiterhin das freiheitliche Streben der Tausenden Schneeflocken. Er lauschte jedem einzelnen Wort und doch konnte er es kaum an sich heranlassen.

„Es ist nicht leicht… zu kämpfen, die richtigen Entscheidungen zu treffen, wo andere dies vielleicht nicht leisten können“, murmelte der Laundry und beobachtete die schweigsame Reaktion von Link sehr kritisch. „Heldenhaft zu sein, Tugenden zu beweisen und den eigenen Mut zu stärken, sind Aufgaben, die wir an dieser Schule wohl nicht lernen können. Diese Dinge muss man sich selbst beweisen. Und ich konnte dies nicht…“ Will brach mit einem erstickten Seufzer ab und atmete tief durch.

„Will…“ Und Link drehte sich zu ihm, vielleicht das erste Mal blickte er seinem nunmehr besten Freund mit einer Tiefsinnigkeit in die smaragdgrünen Augen, das es den Laundry verwunderte. „Ich weiß, worauf du hinauswillst… es geht um den Angriff der Moblins vor wenigen Tagen.“

Will schluckte und ließ beschwichtigend die Mundwinkel sinken. Natürlich ging es darum. Das war eine bittere Lektion, die der junge Laundry lernen musste. Als der Angriff stattfand, hatte er nur zuschauen können, war geflüchtet wie ein feiges Stück Vieh. Und als er seinen Mut beweisen wollte, hatte er einem Moblin den Tod gebracht, hatte böses Fleisch aufgeritzt ohne nachzudenken und das erste Mal wirklich gemordet… und die Schuld dieses ersten Mordes stank bitter.

„Link, ich respektiere ja, dass du nicht über den Angriff am Tempel der Destinia sprechen willst“, rechtfertigte sich Will. „Und ich kann es vielleicht besser verstehen als manch ein anderer…“

„Wenn das klar ist, was wurmt dich dann…“, murmelte Link abwehrend.

„Es ist einfach… dass…“ Er atmete tief durch und erzeugte einen brummenden Laut mit seiner tiefen Stimme. Seine Gewissensbisse waren das Problem, er fühlte sich noch immer schuldig.

Will ließ die Mundwinkel hängen und erklärte. „Es geht darum, wie das ganze abgelaufen ist! Es war nicht so, dass ich sehr viel hätte tun können, aber ich habe mich so feige gefühlt… Du bist mein bester Freund, Link, und Freunde lassen einander nicht im Stich wie ich es getan habe.“

„Du hast absolut niemanden im Stich gelassen“, murrte Link und wischte sich über das Gesicht. Er wollte nicht über diese Rührseligkeiten reden. Musste das denn ausgerechnet jetzt sein, wo sie sich eigentlich verabschieden wollten?

„Ich habe einen falschen Weg gewählt, das ist das Problem!“, argumentierte Will.

„Aber es war der einzig mögliche Weg… unter Umständen hätten wir beide nicht überlebt, wenn du nicht geflüchtet wärst. Brauchst du diese schwachsinnige Diskussion jetzt um dich schlecht zu fühlen, oder was?“ Link stapfte genervt einige Meter vorwärts und sah einige Schülerinnen mit weißen Ledermänteln aus dem Eingang der Mädchenschule treten. Er spürte Wut in sich, weil Will anstatt erfreut darüber zu sein, dass sie beide lebten, sich schuldig fühlte. „Will, ich weiß, dass ich das mit dir hätte klären müssen, ich weiß, dass ich dir das ganze erklären muss, wo wir tatsächlich… Freunde… sind…“ Es war nicht nur der Gedanke, der sich für Link irgendwie neu anfühlte. Es war ungemein schwer es auszusprechen. Aber Will war mittlerweile tatsächlich sein bester Freund, so wie es die kleine Lilly prophezeit hatte. „Aber das ist nicht so einfach… Kannst du nicht akzeptieren, dass es nicht deine Aufgabe war in dieser Situation zu kämpfen?“

„Wenn das nicht meine Aufgabe war, was ist dann meine Aufgabe als Ritterschüler?“

Die Frage brachte den vergessenen Helden der Zeit auf bemerkenswerte Weise aus dem Konzept. Will hatte wohl oder übel Recht… Wenn es nicht seine Aufgabe war zu kämpfen, wofür lernte er dann in einer Ritterschule? Link seufzte genervt.

„Es erschreckt mich einfach, dass es so viele Dinge gibt, auf die diese Schule nicht vorbereitet… Wie sollen wir uns Gefahren stellen, wenn wir uns nicht mit unseren Ängsten in der Schule beschäftigen? Ich fühle mich schlichtweg unsicher mit diesem ganzen Kram! Kein Lehrer, außer Newhead vielleicht, bereitet uns wirklich darauf vor, was da draußen wartet.“ Wenn dieser Frust in Will schon lange bestand, hatte er ihn wahrlich meisterhaft verheimlicht. „Verdammter Mist, Link, als ich dieses Moblininsekt getötet habe, dachte ich, ich müsste in den nächstbesten Tempel gehen um meine Hände dort reinzuwaschen. Wie hältst du das aus?“

Der Heroe schluckte und sah auf seine Hände hinab. Jene waren vermutlich nicht mehr einfach nur in Blut getränkt. In ihnen hatte sich der Tod eingenistet…

„Du hast Wesen getötet, die ich mir nicht einmal vorstellen kann, nicht wahr?“ Er machte eine kurz Pause, als sich ein alter Schmerz in Links blasse Gesichtszüge grub. „Und ehrlich gesagt, will ich mir das auch gar nicht vorstellen.“ Er klopfte seinem Kumpel auf die Schulter. „Bei Nayru, ich will hier ja keinen Zirkus veranstalten und es muss echt seltsam wirken, sollte uns jemand zuhören, wie wir hier über Gefühle quatschen…“

Link grinste ansatzweise und schnaubte.

„Aber hilf‘ mir das irgendwie gebacken zu kriegen“, meinte Will und erst jetzt verstand Link, dass der Laundry ihm keine Vorwürfe machen wollte, sondern sich schlichtweg hilflos fühlte. „Wie war es für dich, als du das erste Mal getötet hast? Konntest du dann einfach so weitermachen?“

Der junge Held ließ sich seufzend auf einen Koffer von Will sinken und vergrub das mit Sorgen befleckte Gesicht in den eisgekühlten Händen. Er erinnerte sich deutlich an die Schreie der Dämonen, die er ins Jenseits befördert hatte und die meisten schrien in unruhigen Nächten erneut. Und er erinnerte seine ersten Kämpfe im kranken, verteufelten Dekubaum, dem Wächter der Wälder. Damals war es noch einigermaßen in Ordnung, er hatte sich vorgestellt, Unkraut zu jäten. Schwierig wurde es dann, als es Dämonen auf zwei Beinen waren und später von Ganondorf verfluchte Hylianer…

„Es ist niemals leicht einem Wesen den Tod zu bringen… und wir haben nicht das Recht über Leben und Tod zu entscheiden…“, sprach er schwach und beobachtete weiterhin die Mädchen in ihren weißen Mänteln. Sie wirkten so unschuldig und irgendwie reinigend, wenn er die Erinnerungen zuließ. „Aber wenn wir Dämonen nicht aufhalten, wer sollte es sonst tun… vielleicht sagt man gerade in so einer Situation, dass der Zweck alle Mittel heiligt, schätze ich.“

Auch Will setzte sich auf einen Koffer und nahm an Links Ausblick teil. Mitgefühl glomm in seinen grünen Augen und er wollte verstehen. Helden und auch Ritter hatten ihre Pflichten. Mit diesen Pflichten entschied man sich für den Weg als Ritter und das erforderte nun mal Opfer und wenn dieses die einstige Unschuld in sich trug… Natürlich hatte man nicht das Recht über Leben und Tod zu entscheiden, und mit welchem Recht vernichtete das Licht die Dunkelheit? Aber der Laundry wusste auch, dass er nicht in der Instanz war diese Fragen zu beantworten. Er konnte nur nach seinem Gewissen handeln, entscheiden, was gut und was böse war und auch die Grauzonen würde er nicht vergessen. Er konnte nur nach seinem Herzen handeln und die Wesen beschützen, die beschützt werden mussten. Auch das war eine Pflicht der Ritter.

Irgendwie- und das sah er nun vor sich- war diese Erkenntnis wie der Kampf von Links grünem Licht gegen die Dunkelheit, als er bei Undora die Meditation der Farore übte. Er vernichtete das Böse als ein Überbringer des Lichts, weil er tat, was sonst niemand konnte. Er tat es nicht für sich, nicht um grausame Bedürfnisse zu befriedigen, er tat es, weil es richtig war und darauf musste er vertrauen. Eine andere Wahl hatte ein Held nicht.

Der Laundry grinste. Das, was er im Turm bei Undoras Unterricht gesehen hatte, würde er mit einem Lächeln für sich behalten. Ja, er verstand. Alles drehte sich um die Aufgabe eines Helden. Ein Held würde dann bereit sein, dann kämpfen und auch vernichten, wenn nicht sogar sich opfern, dann, wenn andere es nicht konnten… das war seine selbstauferlegte, grausame, aber notwendige Schuld…

 

Gerade hielt ein weiterer Karren im Hof der Schule und eine alte, kluge Stute, die Link als die Stute Katarina erkannte, weckte auch Wills Aufmerksamkeit. Eine schlanke, hübsche Frau mit dunkelgrünem Mantel stieg von dem Karren herab und zog just in dem Augenblick einen schwarzen Schleier von ihrem Gesicht und lächelte Link und Will entgegen. Es war Belle Laundry, die mit ihrer kleinen Tochter hierher gereist war um ihren Sohn abzuholen. Auch Lilly trug eine dunkelgrüne Kutte und war völlig eingemummt, sodass man sie fast nicht erkannte. Ihr dickes, dunkelrotes Haar war unter ihrer gestrickten Wollmütze vergraben, sie wirkte wie ein in Kleidung eingepackter Wollknäuel, aber ihre Augen leuchteten wie grünes Licht. Sie hüpfte trotz der dicken Kleidung wie ein Wirbelwind in Links Richtung und ließ ihren Bruder scheinbar außer Acht. Ehe Belle sie einholen konnte, hastete Lilly zu ihrem heimlichen Helden, umarmte seine Beine so fest, dass er Will neben ihm flehend anblickte.

„Linkelchen!“, rief sie und schmiegte sich eng an seine Knie. Sie erdrückte ihn beinahe, lachte ausgelassen, weil sie sich freute. „Hallo, Linkelchen!“

„Ähm, hallo“, sprach er durcheinander und kam sich immer unpässlicher vor, wenn man bedachte, dass einige Ritterschüler das Schauspiel belächelten.

Etwas enttäuscht kniete Will vor seiner Schwester nieder und sah sie grimmig an. „Na toll, Link begrüßt du überschwänglich und was ist mit mir?“ Er breitete die Arme aus, wohl, weil er seine Schwester tatsächlich vermisst hatte.

„Hallo, mein Lieblingsbruder!“ Sie lachte. „Du hast es nie gemocht, wenn ich dich umarme“, piepste sie, aber warf sich ihrem Bruder herzlich um den Hals. „Aber Link mag sowas, weil er das zu schätzen weiß! Stimmt doch, gell?“ Sie hüpfte aus der Umarmung und sah zu dem Heroen auf. „Aber ich bin leider nicht Zelda, sie würdest du noch lieber umarmen!“

„Äh…“, stotterte er und wischte sich geschmolzene Schneekristalle aus dem Gesicht und sah irritiert zu Boden.

„Sie wird dich besuchen kommen, ganz bestimmt!“, rief Lilly singend und hüpfte zurück zu ihrer Mutter. Belle nahm sie an der Hand und tapste begrüßend zu William und seinem besten Freund hinüber, während Link nur den Kopf schüttelte. Ob Lilly auch diesmal Recht hatte und Zelda ihn besuchen würde? Andererseits, so dachte er, warum sollte sie das tun? Und sie wusste schließlich nicht, dass er in einer Hütte nicht weit entfernt von der Schule nächtigen würde.

Belle überraschte Link und riss ihn mit einer wärmenden Umarmung aus seinen Gedanken. Er war puderrot im Gesicht, als er Belle mit großen Augen musterte. Sie verhielt sich noch immer so liebevoll ihm gegenüber, genauso wie vor einem halben Jahr, als sie ihm eine Fleischsuppe unter die Nase gehalten hatte. „Sei gegrüßt, Belle“, sprach er schüchtern und löste sich aus der Umarmung, worauf Lady Laundry herzlich lächelte. „Ich bin froh dich zusehen, Link“, meinte sie und ließ ihre dunkelgrünen Augen schimmern. „Will hat uns geschrieben, dass du in einen bitteren Kampf verwickelt warst.“

Link winkte ab und schüttelte abtuend die Hände. „Es passt schon wieder, aber wie geht es dir und Lassario?“

Belle sah verwundert drein. „Nun, Lassario wurde auf eine Mission über die Steppe geschickt nach der Sache am Destiniatempel, es macht mir einige Sorgen…“ Belle hielt Lillys Hand in dem Moment fester und blickte schräg seitwärts. Da verstand Link, dass sie über Links Teilnahme an jenem Kampf Bescheid wusste und es musste ihr einen Schrecken eingejagt haben, dass auch Will darin verwickelt wurde.

„Hat Dad schon Briefe geschickt?“, meinte der Laundrybursche. 

„Ja, es ist alles in bester Ordnung“, entgegnete seine Mutter sanft, aber hatte schwache Tränen in ihren schönen Augen. 

„Wozu ist er auf einer Mission?“, meinte Link, ahnend, es war unpassend, dass er so neugierig war, aber es ging schließlich nur um ihn.

„Er soll Dämonennester ausspionieren…“, meinte sie zögerlich und wendete dem Heroen ihren Rücken zu. „Link es tut mir leid, aber ich fürchte, wir können uns kaum länger unterhalten, ich möchte nicht riskieren in der Dunkelheit auf der Steppe unterwegs zu sein. Wir müssen wieder weiter.“ Link nickte einsichtig und sah Belle und William mit den Koffern zu dem Karren treten. Lediglich Lilly stand noch neben ihm und zupfte an seinem schwarzen Kapuzenmantel. Ihre großen, runden Glubschaugen starrten ihn bettelnd an.

„Kannst du nicht mit uns kommen?“, piepste sie. „Ich verspreche dir, es wird nichts passieren. Er wird dich bei uns nicht finden.“

Link ließ sich auf die Knie sinken, versuchte das Gefasel dieses Mädchens ernst zu nehmen, aber fürchtete sich beinahe vor jedem weiteren Wort. Er packte die kleine Lilly fest an den Armen. „Lilly… höre mir jetzt genau zu. Du darfst ihn nicht sehen, begreifst du das. Dieser Mann ist böse und du weißt das. Du darfst ihm nicht erlauben, dass er sich in deine Gedanken schleicht. Hast du das verstanden!“ Mit einem Schlag wurde Link so streng, dass Lilly ihn mit Tränen anschaute.

Sie schluchzte. „Ich weiß ja. Aber er ist beinahe überall. Er wird Zelda weh tun, ganz sehr…“

Link wurde immer bleicher im Gesicht. „Wann?“

„Ich weiß es nicht… Das Licht sieht nicht mehr alles… ich glaube, es ist dann, wenn du gehst…“

„Wo sollte ich hingehen?“

Sie näherte sich seinem Gesicht. „In das Licht…“, hauchte sie an sein Ohr. „Dort, wo keine Schmerzen mehr sind.“

Und noch ehe er der unschuldigen, wissenden Lilly weitere Antworten entlocken konnte, riss sie sich mit einem traurigen Funkeln in ihren grünen Augen los und hüpfte zurück zu dem Karren, wo die Stute Katarina ungeduldig wurde.

Link erhob sich mit weiteren Zweifeln und das beruhigende Bild der Idylle der letzten Tage, wo er mit Will lustige und ehrliche Gespräche geführt hatte, wo er sich von dem dunklen Schatten furchtvoller, grausamer Gedanken gelöst, Nachforschungen angestellt und sogar den Streit mit Zelda weggeschoben hatte, zerbrach just in dem Augenblick, wo Lilly ihn über seine Sterblichkeit belehrte. Er trug einen Fluch mit sich, dessen Gesicht und Konsequenzen er bereits gespürt hatte. Er kramte in seiner Hosentasche nach den verunreinigten Tränen der Nayru, jenem starken Heilmittel ohne dass er schon lange nicht mehr hier wäre… und er spürte, dass auch dieses ihn nicht ewig retten würde. Er war belastet durch vergangene Fehler und Taten des Zerstörens, er war kein Opfer… und auch er würde sich gegen den Tod, der ihn irgendwann ereilen würde, nicht wehren können… Und dass der Fluch sein Leben kosten könnte, das hatte er bei seinem letzten heftigen Zusammenbruch bereits erahnt. Nur war es jetzt das erste Mal, dass es eine andere Seele ausgesprochen hatte. Und Lillys Worte waren nicht zu unterschätzen…

Erneut ließ er sein Haupt von schimmernden Schneekristallen bedecken, spürte das Leben solange er es noch konnte und hoffte, er würde die Gefahr, die derzeit in Hyrule weilte, irgendwie verstehen und abwenden können, aber vielleicht lag dieses Schicksal nicht mehr in seinen Händen…

Unsicher trat Link zu dem Karren hinüber, wo Will, Belle und Lilly bereits aufsaßen und ihm aufmunternde Gesichter zuwarfen. Will nickte ihm entgegen und packte die Zügel in die Hände. „Ich hoffe, du stellst die Ferien über keinen Blödsinn an, ich bin schließlich nicht da und würde einiges verpassen“, sprach er heiter gestimmt, aber auch etwas melancholisch. Link nickte trübsinnig.

„Wir sehen uns im neuen Trimester, Link“, meinte er und auch diesmal nickte der junge Held unsicher. Er konnte kaum etwas darauf sagen und spürte ein neues, noch nie dagewesenes Kloßgefühl im Hals. „Lass‘ es dir gut gehen, ja?“, sprach Will und schien noch immer etwas auf dem Herzen zu haben. Er seufzte und ließ die Zügel wieder los. „Mann, wer hätte gedacht, dass es mir so schwer fällt mich von meinem besten Kumpel zu verabschieden.“ Er murrte und sprang noch einmal von dem Karren. Er trat vor seinem Zimmermitbewohner und reichte ihm die Hand, die Link schüttelnd annahm.

„Du weißt schon, dass ich nicht erneut rührselig werden will“, sprach Will fest. „Aber ich möchte schlichtweg, dass du weißt, dass du bei uns, den Laundrys, immer willkommen bist, und dass du mittlerweile irgendwie zur Familie gehörst.“

Links Mund klappte auf und seine Zunge fühlte sich betäubt an.

„Ich habe durch dich innerhalb weniger Wochen so viel verstanden und gelernt, irgendwann, so hoffe ich, kann ich davon etwas zurückgeben. Du bist mein bester Freund… und wenn du meine Hilfe brauchst, egal bei was, ich verspreche dir, dass ich mein Bestes geben werde.“ Wills listige Augen funkelten erneut mit seiner entwaffnenden Treue und Gutherzigkeit. „Du  bist, und ohne, dass das jetzt schnulzig klingt, irgendwie mein Vorbild. Danke, dass es dich gibt.“ Er lachte scheu und klopfte seinem Freund noch an den Oberarm und sprang erneut auf den Karren. Mit einem weiteren Lächeln verabschiedete er sich und der Karren setzte sich in Bewegung. Mit einem angenehmen, warmen Gefühl im Herzen sah Link den Laundrys nach und auch er begann ein wenig zu lächeln…

 

Der Winter peitschte auch dann noch an die vielen, dicken Glasscheiben der alten Ritterschule, als die letzten Schüler das Grundstück verließen. Mit einem leichten Schmerz in der Brust, weil ihm der Abschied von Will irgendwie weh getan hatte, sortierte der junge Held der Zeit gemächlich seine Habseligkeiten. Es war melancholisch hier zu sein, wo die Schule leer wurde, hier zu sein, wo er auf eine verträumte Weise auf seinem Bett saß und sich in aller Ruhe in dem gemütlichen Zimmer umblickte. Bedeutsame Ereignisse der letzten Wochen zogen an seinen Sinnen vorüber, erinnerten ihn daran, dass er immer irgendwo in Hyrule einen Platz finden konnte, dass er willkommen war und dass es selbst in der ausweglosesten Stunde Hoffnung gab…

Er kramte in seinem kleinen Holzschrank umher, betrachtete sich Gerümpel, den er von seinen Reisen noch immer aufbewahrt hatte… sie halfen ihm oft zu begreifen, dass er sich die Schlachten gegen Monster, das Erkunden verschiedener Tempel und auch Momente mit herzensguten Hylianern nicht eingebildet hatte, dass es Wirklichkeit war, dass es sein Leben war.

Er bückte sich, entdeckte neben einigen Büchern, einem Schlüsselbund, Karten und Flaschen auch die Babydecke, die ihm der Dekubaum ausgehändigt hatte. Nostalgisch betrachtete er sich das vergilbte Stück Stoff, das aus einer feinen Wolle hergestellt war. Jemand aus seiner einstigen Familie, vielleicht seine Mutter, musste es selbst genäht haben, dachte er. Sachte und liebevoll fuhr er über den Stoff und fragte sich, wie sie wohl ausgesehen haben mochte und ob er wohl jemals verstehen würde, was vor fünfzehn Jahren geschehen war. Hatte seine Mutter ihn geliebt? Hatte sie sich dieses Leben für ihn gewünscht? Was würde sie wohl sagen, wenn sie wüsste, dass er der Held der Zeit war?

Mit einem Seufzen entschied er einige Dinge in seinen Rucksack zu packen und jene mit in die verlassene Hütte zu nehmen, in der er den Winter verbringen wollte. Auch der Brief von einer gewissen F.L. fiel ihm in die Hände und die seltsame Karte zu Undoras Heim, die auf der Rückseite des Briefs notiert war. Was hatte Undora nach dem letzten Unterricht gesagt, fragte er sich und beantwortete die Frage gleichzeitig in Gedanken. Er würde den Weg zu ihr sehr bald finden? Noch einmal blickte er auf die fast unlesbare Karte, wo keine Beschreibungen zu finden waren, wo teilweise der Weg und die Orte nicht beschriftet waren. Es musste ein Zauber auf der Karte liegen und vielleicht, so dachte er, gab sich der Weg tatsächlich erst preis, wenn die richtige Zeit gekommen war. Er packte auch diese Karte in den Rucksack, als er sich verwundert zur Tür drehte. Ein leichtes Knacken verriet,  dass jemand in das Zimmer eingetreten war. Es war Nicholas Doomrent, der heimliche Schwindler, der außerordentlich gepflegt, mit einem rotschwarzen, langen Mantel, neuem Wams und kunstvoll gefertigten Beinschonern und Schulterplatten aus schwarzbemalten Eisen, mit einem väterlichen Grinsen vor ihm stand. Seine dunkelbraunen Haare waren gewaschen, sein sonstiger, wilder Bart rasiert und er musste sich ein langes Bad gegönnt haben. Er sah unheimlich gepflegt und gesund aus. Er musste sich aus seinem Verdienst als Lehrer eine neue Garderobe zusammengespart haben. Keiner würde vermuten, dass der einstige dreckige Schwindler in diesen feinen Klamotten steckte.

„Hey, Kleiner…“, sprach er und scheinbar wollte auch er sich vorerst verabschieden. „Du machst dich auch aufbruchsfertig, was?“

Link nickte betreten und kam sich erneut unpässlich vor. Die teilweise unangenehmen Abschiede von heute strapazierten seine Nerven. Er wollte sich nicht auf diese schmerzlichen Empfindungen einlassen und doch fühlte er sich irgendwie traurig.

„Ja, ich übernachte in der Hütte am Glücksteich“, erzählte er und blickte aus dem Fenster. Er wollte sich nicht noch länger mit diesem Abschiedskram beschäftigen und zog sich seinen Mantel über.

„Es ist verrückt, wie schnell das erste Trimester vorüber gezogen ist“, meinte Newhead und zeigte sein typisches Grinsen im Gesicht, diese lebensbejahende und vielleicht übertrieben heitere Geste.

„Jap“, stimmte Link zu und kam nicht umher erneut die tolle Kleidung an Schwindler zu bewundern. Wenn er noch zu seinen Heldentaten fähig wäre, hätte er sich ebenfalls ein solches Gewand herstellen lassen. Aber gerade da fiel ihm das samtene Gewand ein, das die Königsfamilie ihm nach dem Angriff des Chadarkna geschickt hatte. Ob es tatsächlich von Zelda kam?

Newhead trat mit lauten Stiefelgeräuschen in den Raum ein und nahm an Links Ausblick teil. „Hey, Kleiner… ehe du gehst, würde ich gerne noch etwas mit dir besprechen.“

Überrascht drehte sich Link zu Nicholas und las in seinen undefinierbaren Augen weitere Rätsel. „Was gibt es außer, dass ich bewundere, wie du dich heraus geputzt hast“, meinte Link und versuchte selbst die trübsinnige Stimmung zu verscheuchen. Er schob seine momentanen Zweifel so schnell wie er konnte zur Seite.

„Oh, ach das“, lachte Nicholas und kratzte sich an seinem frisch rasierten, spitzen Kinn. „Ich werde meine Schwester in der Hauptstadt besuchen, jetzt wo das Fest der Göttin Nayru vor der Tür steht.“ Dann allerdings bemerkte Link, dass der Ritter etwas in seiner anderen Hand versteckte.

„Ich verstehe…“, murmelte Link und zog sich seinen Rucksack auf den Rücken. Er wollte nicht neugierig wirken und trat in Richtung Tür.

„Link, jetzt warte noch einen Moment.“

„Du wolltest noch etwas mit mir besprechen?“

Nicholas nickte lediglich und wirkte zögerlich. „Ich möchte dich nicht beunruhigen oder dir irgendwelche Bürden aufladen, aber ich muss dir noch etwas mitteilen, bevor wir uns in diesem Winter nicht mehr treffen.“

„Und das wäre?“ Unbeteiligt und kühl stand Link vor der Zimmertür und hoffte, er könnte endlich in die Glückshütte stapfen und alleine sein. Die hartnäckige Besorgnis, die er von Newhead spüren konnte, ließ ihn erneut ein schmerzliches Gefühl in seiner Brust empfinden. Er hatte schon genug Abschiedsrührseligkeiten erfahren, konnte Nicholas das nicht einfach begreifen? Begreifen, dass es für den einsamen Streiter des Guten zu viel war diese Abschiede in die Länge zu ziehen? Und Link musste zugeben, dass sich für ihn ein Abschied lange nicht mehr so grausam angefühlt hatte.

Der herausgeputzte Newhead spürte entgegen Links Annahme sehr deutlich, wie genervt der Jugendliche im Augenblick war. Etwas forsch klopfte er dem Burschen auf den Kopf und murrte entrüstet: „Du brauchst dich nicht so sauertöpfisch anstellen.“

Link seufzte und fragte erneut: „Schön, was wolltest du mir noch mitteilen?“ Bemüht sachlich zu bleiben und seinen Trotzkopf zur Seite zu schieben, blickte er den einstigen Schwindler sorgenvoll an.

„Es geht um die Sache am Destiniatempel…“, sprach er leise, und setzte bei einem plötzlichen genervten Seufzer von Link im selben Atemzug hinzu. „Es geht mir nicht darum irgendetwas an Informationen aus dir herauszuquetschen, ich möchte dir eher noch etwas von meinen eigenen Nachforschungen berichten.“ Und Nicholas ließ sich genüsslich auf das weinrote Kanapee sinken. Er streckte sich und zündete sich eine Zigarre an. Seine Sucht beruhigend zog er den Rauch tief in seine Lungen.

Verwundert ließ sich auch Link noch einmal am Schreibtisch nieder und fixierte seinen Lehrer vom Praxisunterricht. Es war keine Überraschung für Link, dass derjenige, der die Blutschatten wie nichts anderes jagte, Untersuchungen anstellte. Es verwunderte den Heroen aber deutlich, dass Nicholas ihm diese mitteilen wollte.

„Ich habe nach dem Angriff der Dämonen noch etwas dort herum experimentiert, dort, wo jene scheinbar einen Riss in unserem Universum erzeugt haben.“

Link zog eine dunkelblonde Augenbraue verräterisch nach oben. „Wie kommst du darauf, dass es eine Art Riss in unserem Universum war und nicht einfach nur ein Teleportationsfeld?“

Nicholas gähnte und steckte die großen, schmalen Hände über seinem Kopf zusammen. „Es ist interessant, aber die Struktur der Gesteine um den Destiniatempel hat sich dort verändert, wo die Dämonen verschwunden sind…“

„Inwiefern?“

„Es fühlte sich an, als wäre manches Gestein in seiner Grundstruktur verändert, als wäre der Baustein der Elemente zerstört.“

„Aber Gestein ändert sich auch in der Nähe von Teleportationsfeldern“, argumentierte der Held der Zeit. Er wusste dies, hatte er schließlich einige Male solche Felder benutzt.

Nicholas sah mit Besorgnis in Links meerblaue Augen. „Bis auf ein entscheidendes Detail hätte ich das wohl auch angenommen, aber das Gestein zerschmolz regelrecht und das zeugt von einer weitaus größeren Energie als jene, die ein Teleportationsfeld aufrecht erhält.“

„Das Gestein ist zerschmolzen?“, meinte Link irritiert. „Wie das?“

„Das konnte ich leider noch nicht verstehen, auch wenn ein Experte der Goronen sich gerade damit beschäftigt. Es war jedenfalls kein Feuer, das jenes Gestein benetzte, sonst wäre es ziemlich leicht erklärbar. Es war etwas anderes, was die Grundstruktur unserer Elemente so verändern kann, dass ihr Bild, ihr Zweck und alles, was sonst noch an das Element gebunden ist, sich völlig anders verhalten. Das ist in der Tat beunruhigend… Denn wenn wir uns vorstellen, dass ein Dämon in der Lage wäre Elemente so zu beeinflussen, dass sich ihre gesamte Beschaffenheit ändert, und wir übertragen das auf alles, was unsere Welt aufrecht erhält, dann hätte er die Macht mit dieser verbotenen Alchemie alle Kontinente des Weltenpalasts zu verändern.“ Unbewusst verkrampfte sich der junge Heroe auf seinem Holzstuhl, lauschend Nicholas‘ entsetzlichen Worten, die gerade seine Vorstellungskraft sprengten. Ein Dämon mit einer solchen Macht wäre kaum zu besiegen!

Nicholas erhob sich und klopfte dem Jungen mitfühlend auf die Schulter. „Ich weiß, dass dich diese Neuigkeiten sehr beunruhigen, aber ich musste dir dies so schnell wie möglich mitteilen.“

„Danke, Nicholas…“, murmelte Link und freute sich mit immer mehr Ironie auf die Winterferien. Noch eine Sache, der er nachgehen musste. Auch Link erhob sich von seinem klappernden Holzstuhl und fragte sich, ob dieser Wahnsinn niemals endete. Er konnte tun, was er wollte, er würde immer der Held der Zeit bleiben und unheimliche Geschehnisse wie diese würden sich immer mit seiner Teilnahme zutragen…

„Wir werden das herausfinden, Link, und diese Dämonen vernichten…“, meinte Nicholas aufheiternd. Erneut war sein Grinsen erschreckend tapfer. 

„Ja, das werden wir“, murmelte der Blondschopf, aber er zweifelte bitter…

 

„Hey, da fällt mir ein“, sprach Sir Newhead in einer weiteren aufheiternden Tonlage. „Ich hab‘ noch etwas für dich…“ Und er zauberte aus seinem Umhang eine kleine viereckige Truhe hervor, geschnitzt aus dem geschmeidigen und magischen Dekubaumholz. Vergessene Runen waren in das Holz eingearbeitet worden und ein eigenwilliger, aufwendiger Verschlussmechanismus, wie ein kleines Rätsel, verschloss jene Schachtel.

Link blickte irritiert von der Schachtel in Nicholas geheimnisumwitterte Augen und hatte den Eindruck die Schachtel war nur halb so mysteriös wie er.

„Naja…“, redete er unsicher vor sich her, wirkte beinahe genauso tollpatschig und unbeholfen in herzlichen Situationen wie Link. Er wollte zwar etwas dazu sagen, wollte auch erklären, warum er ihm ein Geschenk machte, aber schließlich drückte Schwindler dem perplexen Jungen die Box einfach in die Hände. „Jetzt nimm‘ es halt… es ist für dich zum Fest der Nayru“, murrte er und biss sich auf seine leicht vernarbte Unterlippe.

Zwinkernd hielt Link das Geschenk in den Händen und starrte demütig in Nicholas hübsches Männergesicht. Er wirkte nun gerade nicht wie ein Lehrer, noch wie ein Freund, sondern wie eine Vaterfigur. Nicholas machte ihm tatsächlich ein Geschenk?

„Du… du schenkst mir etwas?“, stotterte Link und sah mit dem Anflug eines Lächelns auf die eigenwillige Zauberbox. In Wahrheit machte sein Herz Jubelsprünge, weil es eines der ersten Male, dass er tatsächlich etwas geschenkt bekam. Etwas, das keinen bestimmten Zweck verfolgte wie es bisher Darreichungen anderer waren. Immer, wenn er bisher etwas erhalten hatte, so diente es nur dem Weiterbringen seiner Mission oder der Rettung anderer…

„Ich bin der Meinung, dass du ein Geschenk bitter nötig hast…“, meinte er grinsend. Und diesmal erinnerte das verschlagene Lächeln deutlich an den Zellengenossen, der vor einigen Monaten mit Link aus der Doomrentfestung geflohen war.

Aber Link blieb stumm vor Erstaunen. Er zwinkerte und eine Freude begann in seinen Augen zu strahlen, die er noch nie empfunden hatte. Er bekam ein Geschenk zum Fest der Nayru… Der Gedanke war so wohltuend. Es war ihm eigentlich völlig egal, was in dieser Box vorhanden war, es interessierte ihn momentan nur die Geste von Schwindler.

„Jetzt sag‘ doch was dazu“, sagte Nicholas und drehte sich ebenfalls etwas verlegen weg.

Aber der junge Heroe brachte kaum etwas über die Lippen, während seine tiefblauen Augen gläsern schillerten. „Ich weiß gar nicht… was ich sagen soll…“

„Wie wäre es mit einem Dankeschön?“, lachte Nicholas. Er rieb sich sein Kinn und packte den heldenhaften Burschen schließlich väterlich in seine Arme.

Rotwerdend wusste Link nicht mehr, wie ihm geschah und schaute über Nicholas Schulter. Etwas unbeholfen löste sich der junge Bursche aus dem väterlichen Griff und zwinkerte verdattert.

„Jetzt guck‘ nicht drein wie ein blaues Hühnerei“, meinte der Erwachsene grinsend. „Das hat alles seine Richtigkeit.“ Er warf die restliche Zigarre in einen metallenen Mülleimer und stand mit dem Rücken zu Link. Noch einmal drehte er seinen Schädel leicht seitwärts. „Hey, Kleiner, in der Box sind einige magische Objekte drin, auch eine Warnanlage vor Feinden, die du an der Hütte am Glücksteich anbringen kannst. Denk‘ bitte daran, dass nach den Winterferien sehr bald der Ball des Winterzaubers stattfinden wird. Also vergiss‘ nicht jemanden zu fragen! Und übe die Meditation der Farore…“ Link nickte schüchtern und blickte dem Lehrer mit Dankbarkeit in seinen Augen hinterher.

„Und pass‘ auf dich auf, Kleiner…“, meinte er noch und trat in den Gang hinaus. Auch Schwindler schien Abschiede nicht zu mögen und das Klappern seiner Rüstung verflüchtigte sich schleunigst, ging in den langen Gängen der Ritterschule unter.

 

Der Winter tobte garstig, ließ Schneegestöber vom Himmel knallen, als wollte er die Welt in einem Bett aus glitzerndem Schnee schlafen legen. Mühselig erreichte Link seinen gemütlichen, und von dichten Schneegewand bedeckten Bestimmungsort, hörte nur den Wind rauschen und begann in diesen wenigen Minuten, da die Einsamkeit ihn heimsuchte, bereits die vielen aufheiternden Stimmen in der Ritterschule zu vermissen. Er schob die quälenden Gedanken beiseite, stapfte durch hohen Schnee und ekelte sich an der Nässe, die durch seine Stiefel drang. Eiskristalle bliesen ihm ins Gesicht, setzten sich erstarrend in das blonde Haar, das unter der dunkelbraunen Kutte hervordrang. Seine Wangen waren rotgekühlt, seine Hände fühlten sich an wie Eiszapfen.

Als er die Türe in die kleine, gemütliche Hütte aufschob, und die Sonne ihren Rundgang am weiten Himmelszelt beendete und allmählich die Klauen der Finsternis über das Land zogen,  hatte auch der junge Held Link das Gefühl irgendwie zuhause zu sein. Erleichtert trat er in die gemütliche Stube ein, schloss das knarrende Türchen mühselig, da einige Brocken Schnee über die Schwelle gefallen waren und erinnerte sich daran, dass die Hütte zwar nicht sein Eigentum war und er sich damit die ein oder andere Schwierigkeit einhandelte, aber entschied auch, dass es irgendwie gut tat hier zu sein. Sofort verriegelte er die Türe mit mehreren Schlössern, schob einen mitternachtsfarbenen Vorhang davor und vor das etwas größere Fenster im Erdgeschoss, sodass niemand seine Anwesenheit hier erahnen konnte.

Er warf den nussbraunen Mantel ab, rieb sich die Hände und fragte sich, warum ihm der Winter so unter die Haut ging. Alle vorigen Winter hatte er körperlich wunderbar weggesteckt, und nun fror er sich halb die Seele aus dem Leib. Murrend werkelte er am Kamin herum, fragte sich, ob es gut war durch den entstehenden Rauch aufzufallen, aber er brauchte Wärme und die Minusgrade waren selbst in die gemütliche Hütte eingezogen. Er schichtete Holz und erzeugte einige Funken. Ein munteres Feuer prasselte plötzlich im Kamin, aber füllte mit hungrigen, knackenden Flammen ebenso wenig die Leere wie Links Versuche sich irgendwie abzulenken. Melancholisch saß er vor den Flammen, hatte sich eine wärmende Decke umgeschlungen und spürte eine unglaubliche Sehnsucht nach Gesellschaft und Nähe… Es war irritierend für ihn, dass er sich innerhalb kurzer Zeit so sehr an die Anwesenheit von anderen gewöhnt hatte, wo er vorher ein mürrischer Einzelgänger gewesen war. Es hatte sich alles verändert… Ob zum Guten oder Schlechten, das konnte er im Augenblick nicht gänzlich entscheiden. Allerdings wollte er auf die Menschen, die er an sich herangelassen hatte, nicht mehr verzichten. Er brauchte seinen dreisten Freund Will, den mysteriösen Nicholas, brauchte selbst die Laundrys irgendwo, und er brauchte Ariana, auch wenn er sich von ihr nicht verabschieden konnte. Ja, er hatte am letzten Tag nach ihr gefragt, aber traurigerweise erfahren, dass sie schon seit einiger Zeit abgereist war.

Er erhob sich mit der Decke um seine Schultern, fühlte sich sichtlich wärmer und versuchte die unangenehmen Gedanken beiseite zu schieben. Er hatte ein paar Ziele für die wenigen Wochen. Er würde sich Zeit nehmen für aufwendige Nachforschungen, bei denen ihm die Bücher von Aschwheel helfen würden, und Zeit für die Trance der Schutzgöttin Farore investieren. Und er würde eine Lösung finden müssen für das Verhör, das eine Woche nach Nayrus Fest anstand. Seine tiefblauen Augen strotzten vor Ehrgeiz, als er begann wenige Kerzen anzuzünden, es sich am Tisch bequem machte, las und die Zeit vergaß…

 

Es war dann in einer trügerischen Nacht, als die schmutzigen Schatten der Finsternis sich wie eine Robe der Entartung über die Welt legten. Nahe der Grenze im unsicheren Westen, dort, wo Männer des Königs stationiert waren, wo auch Valiant von Hyrule fähige Männer unter seinem Kommando gegen Dämonenherden vereinigt hatte, sammelte sich der verwüstende Keim des Bösen, erhob sich spürbar in beißendem Regen, der nassen Schnee unterwanderte, spürbar in einem messerscharfen Wind, der über die Steppe peitschte, und spürbar in den ängstlichen Gemütern der Soldaten und Ritter, die mit fordernden Bewegungen klingend wie trockene Trommelschläge über die eisbedeckte Steppe hetzten. Der schleimige Schneematsch unter den Hufen der Reittiere stank nach Verwesung und Abfall, nach fauligen Gebeinen und aasigen Kräutern.

Lassario Laundry, der auf einem geliehenen Pferd saß, ein kräftiges Tier noch jung und stürmisch, wickelte sich noch enger in seine dunkelbraune Lederkutte, betete innerlich die Götter hätten Gnade mit ihnen und würden diesen unsäglich kalten Regen stoppen. Er lauschte dem nostalgischen Klappern der blutgeweihten Schwerter und pelzigen Schilde, ihr Schlachtruf summte in seinen Ohren nach. Er beobachtete die düstere, gefährliche Welt um sich herum, die Schatten, die von einsamen Hütten über den glühenden Schnee fielen, die Wälder in der Ferne, die das Tal wie eine Kette umarmte und eine Burg, die sich wie ein düsterer, grauer Klotz auf dem höchsten schneebedeckten Hügel der Umgebung, erhob.

Er schloss mit dem jungen Hengst ein wenig weiter nach vorne auf, preschte durch den eisigen Sturm, bis er seinen Befehlshaber ausmachen konnte. Er entdeckte das prächtige Ross von Valiant von Hyrule, das mit einem langen, rubinroten Mantel bedeckt war. Der junge Königssohn schien nachdenklich und grüblerisch. Eine helle Kapuze bedeckte sein ansehnliches Gesicht nur unzureichend, blonde, nasse Strähnen fielen über sein erschöpftes Gesicht. Aber seine grauen Augen leuchteten mit einem verborgenen Feuer der Stärke.

„Mein Prinz“, sprach Lassario bestimmt und erhoffte sich eine kurze Unterredung mit Valiant von Hyrule in der Absicht weitere Informationen über das Ziel der derzeitigen Reise zu erfahren.

Verwundert, so als hatte man ihn aus seinen mühsamen Gedanken herausgerissen, drehte der junge Prinz seinen hübschen und doch hochnäsigen Kopf in Lassarios Richtung, zwinkerte mehrfach und deutete mit einem Winken an näherzureiten. Der Laundry nickte bestätigend und schloss auf.

„Was gibt es, Sir Laundry“, sprach Valiant. „Ich hoffe, Ihr wollt Euch nicht genauso wie Sir Levias über das eiskalte Wetter beschweren.“ Er ließ seine Stimmbänder rollen, während er sprach, ein scharfer, amüsierter Unterton entkam seinen geschwollenen, königlichen Lippen. Irritiert blickte Lassario zu dem langen Ritter Sir Levias, dessen silbernes Haar selbst in der Schwärze zu leuchten schien. Es wunderte ihn ein wenig, dass ausgerechnet der Ritter Levias, der das Wasser liebte, sich über das Wetter beschwerte.

„Nein, nein, mein Prinz“, sprach der Laundry erklärend. „Es ist nur so, Ihr habt uns noch keine Auskunft gegeben, wohin wir reiten und was das Ziel dieses Auftrags ist.“

Valiant ließ seine grauen Augen blitzartig in die gutmütigen schokoladenbraunen des Laundrys stechen. Der Blick des Prinzen erschreckte ihn beinahe. Da war eine mordlüsterne Gewaltbereitschaft, die Lassario nicht gerne in den Augen eines Hylianers sah. Und in den grauen Augen Valiants verbarg sich der Wille zu töten.

„Ihr untersteht wie die anderen meinem Kommando und es ist meine Entscheidung und Voraussicht, die den besten Zeitpunkt auswählt, wann ich Informationen kundtue und wann nicht.“

„Entschuldigt, mein Prinz, ich zweifle nicht an Eurer Weisheit und Entscheidungsfähigkeit“, murmelte Lassario beflissen und fragte sich, ob er mit seiner Neugierde zu weit gegangen war. War es denn so verwunderlich, dass er als einziger des kleinen Trupps von Hylianern zu wissen wünschte, wohin die Reise ging?

Valiant grinste schließlich, so als hätte das kleine trotzige Kind in seinem Inneren, eine immense Genugtuung erfahren. Er wollte seine Macht demonstrieren und war entzückt, wie leicht es funktionierte.

„Ritter Laundry…“, begann er und knirschte kurz mit dem Zähnen, als versuchte er ein unangenehmes Gefühl zu verbergen. „Ihr habt schon Recht. Es wird wohl Zeit Euch und den Anderen nähere Kunde zu liefern.“ Er presste eine Hand auf seinen Bauch, und verzog kurzfristig das Gesicht.

„Seid Ihr verwundet, Prinz Valiant?“, meinte Lassario und erinnerte sich der bisherigen Schlachten. Seit Tagen spürten sie Dämonennester auf, seit Tagen tanzten die Klingen gegen Moblinherden. Es überraschte ihn nicht sonderlich, dass selbst Valiant, der ein begnadeter Schwertfechter war, einmal den Kürzeren aus einer Schlacht gezogen hatte.

„Es ist nicht der Rede wert, Ritter Laundry. Ein Kratzer von vorgestern…“ Lassario nickte lediglich und zwang sein schönes Reittier zum Stehen, genauso wie es die anderen Ritter in der Runde taten.

Als ein Zeichen, das nur ein König in die Welt bringen konnte, hob der junge Königssohn Valiant sein golden funkelndes Schwert in die Höhe, an dem sich der hinab rieselnde Schnee spaltete. Es war sein Zeichen, dass der Kampf nahte, und dass der Tod wartete.

„Ritter Hyrules… Verharrt einen Augenblick und beobachtet die Schönheit Hyrules selbst in dieser eisigkalten Winternacht. Seht die düstere Welt um uns herum, wo das Licht begraben liegt. Und richtet Eure vor Mut strotzenden Augen nach Norden!“ Valiant war es geübt ausführliche, schwungvolle Reden zu halten und bewies dies mit der kräftigen Hylianerstimme, die durch die Nacht dröhnte und bewies seine Absicht zu kämpfen. Seine Schwertspitze, aus der ein goldener Strahl glitt, wirbelartig sich in der Finsternis verflüchtigte, deutete in Richtung einer vor nicht allzu langer Zeit errichteten Villa, die von der Dunkelheit beinahe erstickt wurde. Wie eine geisterhafte Erscheinung ruhte das Anwesen auf einem einsamen Hügel, schien sich in etwas Abartiges, Rauchiges zu hüllen, das dem Tode nahe kam. Sorgenvoll erblickten die Ritter und Soldaten der kleinen Gemeinschaft das Anwesen, spürten eine mörderische Gefahr sich annähern, bemerkten einen Geruch, der nach Leichen stank von dem Gemäuer in ihre Richtung ziehen. Schon von weitem erzeugten flackernde Lichter, die wie glühende Geister hinter riesigen Fenstern vorbeihuschten, Misstrauen und Ängste in den Gemütern der Ritter und Soldaten.

„Vor uns liegt die Villa der Schneestern-Familie. Seit Wochen ist von dort keine Nachricht mehr zu uns gelangt. Ein Späher berichtete, er habe verdächtige Dinge vor sich gehen sehen, Schatten, die ohne Ursprung waren, Schatten, die sich fürchteten.“ Er machte eine kleine Pause, schnappte erneut nach Luft und schien durch ein paar fiese Stiche einer Wunde abgelenkt. „Vor wenigen Tagen sendete ich eine kleine Gruppe Söldner in die Feste, aber auch jene kehrten nicht zurück.“ Valiant sprach wacker und furchtlos zu seinen Kämpfern, wollte die Angst aus ihren Gemütern vertreiben. „Seid tapfer, Ritter und Soldaten Hyrules!“, rief er. „Wir werden diesen Ort erkunden! Und wenn Dämonen dort hausen, sollen sie unsere Schwerter kennenlernen!“

Und es war dann, dass ein zustimmender und todbringender Schlachtruf durch die Nacht dröhnte. Die wenigen Ritter und Soldaten machten sich bereit für eine Schlacht, die bedeutender sein würde als es Hylianeraugen wahrnehmen konnten.

 

Im sich spiegelnden Schatten der düsteren Wolken ritten Valiant und seine Männer vorwärts, verhielten sich immer leiser je näher sie der einsamen Feste kamen, hielten ihre todesmutigen Augen wachsam und offen. Eine Strategie wurde entworfen, ein Hinterhalt, ein Heranschleichen an die Feste mit dem vorsichtigen Gedanken, dass Geißeln in der Burg gehalten werden könnten und es nicht zieldienlich wäre die Meute von dämonischen Abschaum, der diesen Ort entweiht hatte, aufzuschrecken… 

Wenige Soldaten blieben wachsam und verborgen unter dem Kommando von Sir Levias nahe der schattenreichen Hügel, ließen ihre zahlreichen Augenpaare über die erfrorenen Hügel gleiten, würden magische Feuer der Warnung senden hier im gefahrvollen Norden, der von Schneestürmen beherrscht wurde, und falls nötig Verstärkung heranholen. Sir Gmeindal der Ältere und Sir Boldar der Jüngere waren beide begnadete Bogenschützen, schlichen gemeinsam mit einer weiteren Truppe von Soldaten vorwärts, bezogen Stellung an einer breiten, uralten Steinmauer, die rutschende Erdmassen freigelegt hatten und die wohl noch von Ruinen herrührte, die vor Jahrtausenden errichtet wurden. Hier war ein günstiger Platz für den Einsatz von Ferngeschossen. Das feine Zirpen von Sehnen und Armbrüsten, gestopft und gefüttert von vergifteten und lähmenden Pfeilen und Bolzen, klirrte durch die eistreibende Nacht. Dutzende starre Fingerspitzen legten sich an schimmernde Bogensehnen, stachen unter durchnässten Handschuhen hervor und auch sie waren bereit. Zwei weitere Truppen, zu einer jener zählte Lassario Laundry, marschierten eiligst, im Schutze der umhüllenden Finsternis über die todbringende Steppenlandschaft, näherten sich dem Gebäude von Osten und von Westen, unterdrückten zwanghafte Atemzüge in der Nacht, lauschten dem Knistern des Schnees unter ihren stählernen Stiefeln. Zügig bewegten sie sich vorwärts mit den rauen Händen auf mordlüsternen Schwertern und kampfgeweihten Schilden.

Noch unentdeckt schlichen die Krieger in das gespenstische Anwesen, dort wo Schatten flohen, verängstigtes Leben verendet war und die Toten keine Ruhe finden konnten. Heruntergebrannte Fackeln glommen wie feuergebärende Augen, die aus anderen Dimensionen herrührten. Veilchenfarbene Stofffetzen des Wappen der Schneestern-Familie, zerstückelt und beschmiert mit altem Blut hing an den sonst so kahlen Steinwänden und eine sonderbare Stille, nur unterwandert von einem ganz eigenwilligen Knistern aus dem Gemäuer, ließ Blut und Lymphe der Streiter gefrieren. Kein Wort erklang zwischen den Kämpfern, verständigten sie sich doch nur über Handbewegungen und gelernte Mimik, bewegten sich galant in den verräterischen Schatten und schärften ihre Sinne. 

Sie näherten sich den Überresten des Burgtores, starke Schlösser zerbersten, eiserne Verankerungen zerstückelt und stabiles Metall zerfetzt, konnte sich keiner der Streiter vorstellen, welche Gewalt hier gehaust haben musste, und welcher Streitmacht es gelungen war ein so robustes Tor auf diese Weise zerrissen zu haben. Lassario kniete nieder, ließ seinen scharfen Blick über die Erde wandern, suchend nach Räderspuren, aber es waren keine sichtbar, was ihm unerklärlich erschien. Ein riesiger Bolzen, gespannt auf einer Karre, musste dieses Tor auseinandergerissen haben, aber nichts deutete darauf hin… Getrocknetes Blut in der Erde und Brocken von elfischem Fleisch waren alles, was von den Bewohnern der Feste geblieben war und es zeugte von der Gewalt und dem Vernichtungstrieb der Bestien, die hier hausten. Argwöhnisch sah der Laundry auf, fühlte das Unbehagen in seiner Brust zunehmen. Hier an diesem Ort war etwas Grausames vor sich gegangen und hier wartete der Tod… Er ließ einen alten Zauber für sich sprechen, den er einst von seiner Mutter gelernt hatte. Ein Zauber, mit dem er hylianisches Leben in der Feste fühlen konnte. Wie der sanfte Flügelschlag einer Fee summten drei Worte des alten Hylianisch über seine Lippen, als er die Augen schloss und seiner Wahrnehmung folgte. Er suchte mit der Stimme seines Herzens nach Lebenszeichen, suchte nach hylianischen Herzen, die in dieser Feste schlugen. Aber alles, was er spüren konnte, war nur der Tod. Kein Zeichen eines schlagenden Herzens, kein warmes Elfenblut, das irgendwo durch Adern strömte… alles Leben hier war vernichtet.

„Habt Ihr etwas gesehen, Sir Laundry?“, sprach ein junger kahlköpfiger Soldat namens Widon, der seit wenigen Wochen in den Reihen der hylianischen Armee kämpfte. Es war einer seiner ersten Einsätze.

„Wir können vorrücken“, meinte Lassario und senkte den Blick. „Es sind keine Geißeln hier…“ Er ballte die Hände zu Fäusten, sodass sich das Leder seiner stahlbesetzten Handschuhe spannte. Sie waren zu spät gekommen… alles, was hier noch war, war der bittere Gestank zahlreicher Dämonen. Er gab ein weiteres Signal und trat mit der Schar von Kriegern weiter. Beinahe lautlos bewegten sich die Ritter und Soldaten weiter über den düsteren, zerstörten Innenhof, hielten sich geschickt in dem Schatten des Gemäuers. Es raschelte und knarrte, hier wo der Wind scharf über die verlassenen Burgspitzen peitschte. Und je weiter die getreuen Krieger der hylianischen Königsflagge schlichen, umso deutlicher waren da die gefahrprophetischen Stimmen von dämonischen Wachposten. Die beiden Truppen, die sich von Osten und Westen näherten, sammelten sich jeweils an zwei gegenüberliegenden Punkten des Innenhofs, gaben sich weitere Zeichen eines vorbereiteten Angriffs. Valiant führte von Westen her einige treue Krieger unter sich, während Lassario die andere Truppe befehligte. Und ein Signal in der Ferne loderte, erschaffen durch legendäre, hylianische Magie, signalisierte den Streitern an der alten Burgmauer und auch den Kämpfern auf den Hügeln, dass die Zeit reif war. Der Angriff war nicht mehr fern…

Alle Krieger wie sie dort in der eisigen Wintersnacht einem gespenstischen Flüstern lauschten, ihre eisgekühlten Hände auf zerschlissenen Lederheften ruhend, zitternd, aber vorbereitet, machten sich bereit. Ihre Augen funkelten mit Furcht und Tapferkeit, als die ersten dämonischen Wachposten näher kamen. Obwohl sie sich so leise wie möglich verhalten hatten, musste der verräterische Abschaum die Anwesenheit von lebendem Hylianerfleisch gerochen haben. Aus in die Erde gehauenen Kellergewölben kamen sie angestapft, sprudelnd vor barbarischem Verlangen ließen sie ihre kratzigen Schwerter an dem Gestein entlang schmirgeln, erzeugten krächzende Laute, die in die gnadenlose Nacht dröhnten und selbst Geister vertrieben. Entstellte, hässliche Fratzen mit zerschlissenen Eisenpanzerungen erschienen im rostigen Funkeln von zahllosen Äxten und Streitkolben. Dutzende waren es, blutbeschmiert und mordlüstern mit Stacheln besetzter Rüstung…

Valiant und Lassario tauschten sich warnende Blicke aus, hielten sich die Streiter des Guten noch versteckt, war das Überraschungsmoment doch auf ihrer Seite. Valiant nickte entschieden und es war für Lassario das Zeichen, dass die Männer unter seinem Kommando vorrücken sollten. Einen schmirgelnden Hall, klingend wie Hunderte Triangeln, erzeugten die Waffen, die aus breiten Schwertscheiden gezogen wurden und ihr Klang ließ die Meute des Bösen mit noch mehr Furie und Einsatz über die todgeweihte Erde hetzten. Sie erschienen brüllend, erschienen mit dem Durst nach hylianischem Blut.

Die ersten Schreie gingen durch die Nacht hier im verwunschenen Westen, als die Kämpfe gegen dämonische Bestien Blut und Seelen forderten. Erste Schwerter prallten mit donnernder Wucht aneinander. Eine Mauer im Innenhof zerbrach unter einem ohrenbetäubenden Jauchzen, nicht weit entfernt von der Scharr Krieger, die sich um Valiant tummelte, und dahinter warteten weitere mordhungrige Moblins, Skelettritter und von bösem Willen verfluchtes Getier. Ein riesiger Bär, beschmiert mit violettem Blut brüllte und tobte, angestachelt durch schwere Eisenketten, die um seine Gelenke gebunden waren. Ein Moblin reitend auf einem nackthäutigen Wildschwein, übersät mit eiternden Wunden, drängte den riesigen Bär vorwärts…

Betäubt richteten die Streiter, unter denen auch Lassario war, ihre Augen auf die zahlreichen Angreifer, die hier im Innenhof des gebrandmarkten Schneesternanwesens auf sie warteten. Jene erfüllten die stechendkalte Luft mit dunklem Hylianisch. Aber sie kannten die Kampfgewandtheit und den todesmutigen Willen der hylianischen Ritter nicht. Mit tosenden Stimmen setzten die Krieger Hyrules dem dunklen Hylianisch ihre Schlachtrufe entgegen. Es war der Gesang des Mutes, der Gesang des Guten.

„Für Hyrule!“, rief Lassario im Eifer des Gefechts und sauste mit Schild und Schwert bestückt direkt in die Horden des Feindes. „Für Hyrule!“, riefen die stolzen Ritter zustimmend, hetzten mit ihren dicken, blauschillernden Rüstungen über die gefrorene, blutdurchtränkte Erde und ließen Waffen für sich sprechen. Sie kämpften mit aller Kraft, ließen Schwerter singen und tanzen. Zwei junge Soldaten rammten ihre Speere in die wilde, bärige Bestie, schützten sich mit Schildern, die jedoch nicht lange standhalten konnten. Blutend und brüllend stieß die riesige, mit Fell wie Stahl geschützte Kreatur die beiden Soldaten zur Seite. Leuchtende Krallen senkten sich in sterbliche Körper, bis einer der Soldaten buchstäblich auseinander gerissen wurde. Schreie folterten die Szenerie und schürten das erbarmungslose Kämpferfeuer. Eingeschüchtert sammelten sich die Kämpfer, erhielten Unterstützung von außerhalb, als die Ritter Boldar und Gmeindall mit ihren Bögen einen Pfeilregen entfachten. Dutzende Ferngeschosse knallten durch das Burgtor, zerfetzten schmierige Gliedmaßen entstellter Moblins.

„Für Hyrule!“, riefen die Streiter des Guten erneut, metzelten Moblins nieder, spießten dämonische Reittiere auf, aber es war einfach nicht genug. Die Kreaturen der Nacht erstarkten mit jedem weiteren Schlag und mit jedem Kopf, den die Kämpfer des Guten rollen ließen. Es war wie, als herrschte eine düstere Macht über dem sündenvollen Westen und als veränderten die Dämonen die Gesetze…

Auch Lassario kämpfte hier, wo jeder kämpfte und weinte innerlich, weil die Welt Hyrule, wie er sie sich nach seiner langen Abwesenheit erträumt und gewünscht hatte, in seinem Herzen mit jedem reißenden Schlag und mit jedem Kopf, den er abtrennte, zerfiel. Er zerschmetterte seinen Angreifer mit Stolz und einem Gebet an die Götter auf seinen spröden Lippen. Gemeinsam mit den anderen Streitern des Guten brachten sie den aufrührerischen Bär zu Fall, durchbohrten sein hartes Fell mehrfach und drängten auch die anderen Dämonen zurück. Ein erstes erleichtertes Aufatmen erklang aus den Reihen und erneut gab Valiant Kommando. Die Gruppe teilte sich weiter auf, wenige bezogen Stellung im Innenhof, während die restlichen Soldaten und Ritter weiter in das Gemäuer eindrangen. Die Keller und Türme wurden ausgekundschaftet, nach Beweisen wurde gesucht…

Vereint sprachen die Streiter im Innenhof ein tröstendes Gebet für die wenigen Gefallenen und halfen deren leblose Augen zu schließen. Zehn gute Männer mussten ihr Leben lassen, hier an diesem verteufelten Ort, wo einst Lichter des Lebens leuchteten. Zehn fielen und jeder war einer zu viel…

 

Erschöpft und tiefdurchatmend stützte sich Lassario auf sein vor Blut und Dreck triefendes  Schwert, hatte sich während dem Gefecht eine leichte Fleischwunde am rechten Bein zugezogen und drückte seine Handfläche auf die Blutung. „Verdammte Brut des Bösen…“, knurrte er und seine sonst so gutmütigen, dunkelbraunen Augen leuchteten mit einer Abscheu, als er die am Boden liegenden, sterbenden Moblins angeekelt betrachtete.

Ein giftgrüner, mit altem Rindsleder geschützter Moblin, der am Bauch durchtrennt war, zog sich zischend mit seinen Händen vorwärts und spuckte Blut und Schleim in Lassarios Richtung. Er hatte noch einen zackigen Dolch in der Hand, wusste wohl, dass er ohnehin sterben würde, aber schien in seinem Wahnsinn noch das Bedürfnis zu spüren einen Hylianer zu richten. Angeekelt blickte der Laundry nieder. „Tötet, was von diesem widerlichen Dreckszeug noch übrig ist!“, befahl er den restlichen Männern und trat voller Verachtung zu dem Moblininsekt, das ihn mit blutunterlaufenen, grauen Augen anstarrte. Es lachte: „Ihr… ihr seid alle genauso tot wie wir!“ Es zischte und übergab sich mit violettem Blut. Warnend ließ Lassario seine alte Klinge neben der Kreatur in die Erde sausen. „Sprich‘, Dämon! Was habt ihr hier getan!“

Erneut lachte das Moblininsekt, bis Lassario niederkniete und ihm seine letzte Möglichkeit nahm sich zu wehren. Ohne Mitleid ließ der Ritter die in der weichen Erde steckende Klinge zur Seite sinken, trennte beinahe zärtlich die Hand des Unholds ab, in welcher er den Dolch hielt. Es zischte und zappelte, kreischte markerschütternd. „Dummer Hylianer! Verflucht und tot sollt ihr sein, alle zusammen!“ Er schwieg, als er die silbern schimmernde Klinge des Laundry an seiner Kehle spürte. „Und was nun?“, sprach Lassario. „Wie sieht es mit deinem Respekt vor dem kalten Stahl aus?“ Er lachte als Antwort, lachte so laut, dass sich einige Soldaten umdrehten. Darunter auch der junge Kämpfer Widon, der sich kalten Schweiß von der Stirn wischte.

„Ich schenke dir einen schnellen Tod, wenn du mir Antworten gibst!“, knurrte Lassario kraftvoll. Aber erneut kam nur ein Lachen aus der Kehle des Widerlings. „Weißt du was, Hylianer, ich verzichte auf den schnellen Tod!“ Er ließ seine violette Zunge aus dem vernarbten Mund wandern und spuckte in Lassarios Richtung. „Aber ich verrate dir und eurem schwachen Gesindel dennoch etwas…“ Lassario rückte näher, betrachtete sich das sterbende Elend des Monsters, als die wenigen Soldaten näher traten. „Ihr seid alle dem Tod geweiht… der neue Herr über die Welt der Dunklen hat hier einen weiteren Schlüssel gefunden… und einer seiner Diener ist nah… Wie ein Schatten wird er über euch herfallen und nichts bleibt übrig als Fleisch und Blut… denn das blutende Hyrule ist nah…“ Er zischte ein weiteres Mal, ein weißlich-blutiges Knäuel aus Schleim und Blut brach aus seinem mit Reißzähnen bestückten Maul und beendete das restliche mordlüsterne Leben.

Alarmiert erhob sich Sir Laundry erneut, blickte sorgfältig um sich und fragte sich, ob diese Dämonenbrut ihn nur ängstigen wollte, log, oder aber sich tatsächlich ein weiterer Feind nähern würde?

„Widon!“, schallte seine kraftvolle Stimme über die Leichen der Moblins und den Opfern auf der Seite der Hylianer.

„Ja, Sir Laundry, was kann ich tun?“

„Lauf‘ zurück zu Sir Levias und seinen Männern und warne sie mit den Worten, die der Moblin sprach!“ Der junge Soldat nickte mehrfach und rannte so schnell ihn seine Beine tragen konnten hinaus aus dem Tor. Mit einem unguten Gefühl in der lebenserfahrenen Brust blickte Lassario dem jungen Soldaten hinterher, während der Himmel erneut eisige Regenschauer niederhämmerte. Das verdorbene Blut der sterbenden Moblins und das einst so reine der Gefallenen vermischte sich im Regen, der versuchte das Unheil in dieser Nacht zu läutern. Die gepanzerter Kleidung der Soldaten und Ritter triefte vor kalter Nässe und ließ die Kämpfer sich noch langsamer bewegen als ohnehin, hier in der Winternacht. Der stürmische Regen verdunkelte das bisschen Sicht der Streitkräfte noch weiter… lediglich das Gehör war ungetrübt und irgendwo in der Ferne gingen die Schlachtrufe, die morbiden Stimmen der Sterbenden und die ungesagten Worte der Toten dahin, schwanden in legendäre Zweifel, bohrten sich in die Träume der Auserwählten…

Plötzliche, erbarmungslose Schreie fesselten die wenigen Gemüter, denn über den weiten Hügeln, wo der eisige Regen sich verflüchtigte und die Welt stillstand, dort begann eine wahnsinnige Symphonie aus Schreien. Hylianer riefen und flehten erbarmungslos dort auf der einsamen Steppe, kreischten, als riss eine fremde Macht ihnen die leidvollen Herzen aus der Brust… was folgte, war eine grausame Stille, die nicht einmal durch das garstige Pfeifen des Windes unterbrochen wurde. Die Welt ruhte still, hier, wo Dämonen Gesetze veränderten und sich warmes Blut mit starrem Eis vermischte. 

 

„Macht euch bereit!“, rief Lassario, spürte, dass dort draußen etwas wartete, das vielleicht noch gefährlicher war als der Tod, der sich in diese Feste gebrannt hatte. Beinahe gleichzeitig hoben die wenigen Soldaten ihre blaufunkelnden Schilder, wo sich violettes Blut eingegraben hatte. Lassario gab einen weiteren Befehl, atmete die eisige Luft in seine verbrauchten Lungen, spürte gefrorenes Haar an seinem Dreitagebart knistern und lauschte dem Treiben des Bösen… einem dumpfen Grollen in der Ferne… einem Rascheln von Stahl besetzten Stiefeln, die sich tief in vereistes Steppengras fraßen… Jemand war dort draußen auf der Steppe, bewegte sich wie ein flinkes Raubtier und säbelte sich durch die Streitmacht der Hylianer wie ein Messer durch Butter…

„Haltet Stellung!“, rief Lassario, spürte eine gigantische Gewalt in Richtung der blutgeweihten Festung der bereits vergessenen Schneestern-Familie toben, auch wenn in der Nacht, die nur spärlich von einem traurigen Mond beleuchtet wurde, kein Hylianerauge einen weiteren Feind ausmachen konnte. Ein Schatten lauerte dort draußen, befriedigte sich an der Angst der Hylianer, die noch bluten konnten, lechzte und lachte tückisch…

Niemand konnte ihn sehen, den wohlvertrauten und schwertgewandten Feind, der sich wie ein flüchtiger Schatten durch das zersplitterte Burgtor bewegte, sich anpirschte und so gewandt und geschmeidig seine jungen Beine über die sterbenden Reste von Moblins und Hylianer bewegte. Niemand konnte ihn erspüren, wo er einer der besten Krieger des Landes war, sich gewandt und zielsicher näherte, wie ein Gewächs aus Schatten, Blut und Fleisch sich in den dunklen Winkeln der Feste versteckte und zum Töten bereit war. Er donnerte wie eine grünlich funkelnde, gewaltvolle Welle hernieder, näherte sich im Wimpernschlag mit Augen, die wie Stahl durch die Stille schnitten, mit einem Schwert aus bestem hylianischem Metall und einem Willen, der nicht zu Töten war. Kein Laut erklang aus seinem Mund, als er die Soldaten überraschte, wo der Mond erneut von regenträchtigen Wolken ummantelt wurde. Begleitet von einem übernatürlichen Feuer der Brutalität ertränkte er die Klinge im Blut seiner Opfer, ritzte Kehlen von verstummenden Soldaten auf, schnitt in einer rasenden Geschwindigkeit durch die Menge, war kaum fühlbar und loderte mit jedem vernichtenden Schwertschlag in einem immer stärker leuchtenden, smaragdgrünen Schatten auf. Er glitt stumm durch die Lüfte, sprang auf blutgetränkte Schilder, zerfetzte Klingen in den Händen der Soldaten und ließ die Menge eine Brutalität spüren, die keine Seele aushielt… und dort in der Schneestern-Feste weinte das Gute. Gesetze Hyrules und das natürliche Gleichgewicht, das alle Geschöpfe für von den Göttern geschenkt hielten, zerbrachen und rannen dahin… Hyrules Entstellung begann und es begann mit den unsterblichen Seelen, die an Legenden gebunden waren und die Hyrule zusammenhielten. 

Lassario gefror das Blut in den Adern, versuchte er die Person als das zu erkennen, das sie doch war, versuchte in dieser sterbenden Nacht die Welt zu begreifen, die sich entstellt hatte. Da war das schattenhafte Abbild eines Wesens, zu dem die Menschen aufsahen. Dort tobend wie ein Gott des Krieges und des Blutes zerfetzte ein Held seine Kameraden, zerstückelte das Leben mit Genuss in kranken, wahnsinnigen Augen, und ein schattenhafter, grünlich funkelnder Rauch umgab ihn. Wie gelähmt sank Sir Laundry nieder, als die wenigen Soldaten sterbend am Boden lagen und alles so verdammt schnell ging, dass er es nicht hätte aufhalten können. Es war wie als hatte dieser Kämpfer die Zeit manipuliert und sich einen Vorteil über alles Leben verschafft… Er hatte die Zeit manipuliert um zu töten… In einem Gewächs aus grünlichem Rauch sauste der Angreifer näher, durchbohrte Lassario mit eisigen Blicken aus furchtlosen, wunderschönen Augen. Und alles, was der so lebenserfahrene, angstvolle Ritter Hyrules noch tun konnte, war sein wuchtiges Schild in die Höhe zu heben, dem Angriff zu trotzen mit allem, was er noch hatte. Ein Splittern, gefolgt von einem heftigen Aufschrei dröhnte durch die Nacht, als erneut der Regen niederging. Mit einem trommelnden Knistern fiel der eisige, reinigende Regen… brannte sich in die blutige Erde… und spülte Seuche und Leben hinfort…

 

Und mit einem leisen Trommeln, das sich mit seinen Träumen verband, sich einnistete wie ein Keim, der lange brauchen sollte um zu wachsen, geduldig und todbringend, schreckte Link aus dem Schlaf…

Er richtete sich so heftig auf, dass er mit dem Hinterkopf an ein stabiles Eisenregal stieß, fühlte seine Augen tränen und kleben, als hätte er sie vor Angst gewaltvoll zusammengekniffen. Er schwitzte, atmete heftig und brauchte viele Augenblicke um sich zu orientieren. Er war hier… in der Hütte am Glücksteich. Sicher und unschuldig. Er war hier… behütet und allein. Benommen richtete er sich auf, spürte Schwindel und Übelkeit und eine eigenartige Gänsehaut, die seinen Rücken hinab wanderte. Etwas Düsteres hatte sich in seine Träume gebohrt, etwas sehr Grausames hatte er gesehen und doch war mit dem Aufwachen jedes Bild in ihm verschwunden. Alles, was er spürte, war der entsetzliche Nachklang von reißenden Schwertern und zerberstenden Schilden. Und alles, was er roch, war der Geschmack des Todes…

Tief durchatmend erinnerte er sich daran, dass er in dem Buch von Lord Aschwheel herumgeblättert und einige Abschnitte zu alten Dämonenvölkern durchgelesen hatte, bis er wohl eingenickt war. Er spürte eine eigensinnige Kälte in der kleinen Hütte zunehmen, sah, dass das Feuer im Kamin vollständig heruntergebrannt war, als er sich fragte, was ihn wohl aus dem Schlummer gerissen haben mochte. Noch immer benommen und laut gähnend werkelte er am Kaminloch herum, schichtete etwas Holz und sorgte für ein weiteres, wärmendes Feuer, das glühendrote Lichtgebilde in die von Dunkelheit erfüllte Hütte brachte…

Wie spät es wohl war?

Gerade in dem Augenblick ließ ein leichtes Poltern, ein beinahe melodisches Klopfen im Rhythmus mit den Trommeln aus seinem Schatten der Nacht, ihn verunsichert auf die Beine hüpfen. Erneut ein sanftes Klopfen an der kleinen Tür in sein selbstgewähltes Heim ließ ihn begreifen, dass da jemand war, der den Wunsch hatte zu ihm zu gelangen. Im ersten Augenblick war er sich nicht sicher die Tür zu öffnen, wusste doch kaum jemand, dass er hier war. Aber schließlich bewegten sich seine dünnen Beine wie von selbst in Richtung der Eingangstür, geboren aus einer Sicherheit in seinem Herzen, reagierte sein Körper völlig kontrolliert. Link spürte, dass dort jemand war, den er nicht wegschicken konnte. Jemand, auf den er gewartet hatte… jemand, den er brauchte…

Er legte seine kühle, linke Hand auf den Türknopf und öffnete die Tür mit einem Ruck. Und es war dann, dass ihn ein paar warmherzige, bernsteinfarbene Augen so einfühlsam und traurig anblickten, das er für einige Augenblicke vergaß, wer er war… und vergaß, wer sie war…

„Ari…Ariana…“, murmelte er und fühlte sich, als wäre sie bloß eine geisterhafte Erscheinung, ein kleiner in die Wirklichkeit gesunkener Wunsch, der sich in seiner Seele versteckt hatte. Er hatte nicht damit gerechnet Besuch in dieser herben, verschneiten Winterzeit zu erhalten. Und er hatte nicht damit gerechnet, dass eine so liebevolle Seele vor seiner Tür erscheinen würde. Das sanfte Lächeln in ihrem ebenmäßigen Gesicht legte sich schmeichelnd und beruhigend nieder. Ihre aufmerksamen, aber traurigen Augen verschafften sich auf eine so anmutige, wärmende Weise Zutritt zu seinem Herzen, das es ihn entspannte, ihn löste, so, als träumte er noch. Und wenn dies ein Traum war, so entschied Link, dann hieß er ihn äußerst willkommen…


 
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