45. Kapitel
 

Arianas dunkle Nacht

 

 

„Darf ich… bitte reinkommen?“ Ihre Worte kamen zögerlich, mit einem geheimnisvollen Hauch eines tiefen Wunsches über ihre rubinroten Lippen. Und wie ihre Lippen von einem kühlen Schleier des Winters benetzt waren, so lag ein rosa Farbfleck der Minusgrade über ihren schmalen Wangen, ließ ihr makelloses Gesicht wie die Schönheit persönlich funkeln.

Sie war dennoch blass, nicht nur, weil es draußen kalt war, und nicht nur, weil ihre pechschwarzen Haare einen intensiven Kontrast zu ihrer puren Haut boten. Traurigkeit ruhte wie ein steinernes Relikt in dem mysteriösen Bernstein ihrer Augen. Sie war blass, weil eine Verwundbarkeit in ihr ans Licht kam. Der vergessene Heroe sah unerwünschte Tränen in ihren Augen schimmern, sah vielleicht sogar mehr als sie ahnte, aber er spürte auch das tiefe Bedürfnis nach Gesellschaft in ihren Gesichtszügen. Die Schönheit in ihren Augen und die Wärme, die das mysteriöse bernsteinfarben ausdrückte, hypnotisierte ihn im Wimpernschlag, überzeugte ihn zunächst ohne einen sorgenvollen Gedanken des Misstrauens, was eine Hylianerin wie Ariana um diese späte Stunde in der Nähe der geschlossenen Ritterschule zu suchen hatte und woher sie überhaupt wusste, dass er sich hier aufhielt… 

Das erste Mal seit Link sie kennengelernt hatte, wirkte sie schüchtern und unsicher auf ihn, ließ ihn zweifeln, ob er sie tatsächlich kannte. Obwohl er sich irgendwie zu ihr hingezogen fühlte, war sie doch noch immer eine Fremde für ihn… sie war nach wie vor die rätselhafteste Gestalt, die sich um ihn gekümmert hatte, die sich selbst nicht erklären konnte, warum sie ihm half.

Sie verschränkte ihre in weinroten Leinenstoff eingebundene Arme, blickte kopfhängerisch zu Boden, bis sie ihre Augen schloss und ihren schmalen Mund zu einem unechten Grinsen verzog. Sie versuchte mit allen Mitteln ihre momentane Stimmung zu verbergen. „Willst du mich hier draußen erfrieren lassen?“, sprach sie mit einem geschauspielerten Humor in ihrer Stimme. Sie hatte ihn so sehr mit ihrer Anwesenheit überrumpelt, dass der junge Held der Zeit lediglich seine Lippen öffnete und doch nicht wusste, was er sagen sollte. Er schüttelte den Kopf und fühlte sich noch überrumpelter, als Ariana über die Schwelle hüpfte und sich bepackt mit einem großen Rucksack, den sie unter ihrem nebelgrauen Mantel versteckte, an dem blonden Burschen vorbeimogelte. Er hatte nicht einmal bis drei zählen können, dass die Schülerin von Madame Morganiell ihren Mantel ablegte, den dicken Lederrucksack auf einem Stuhl niederkrachen ließ und sie sich in der glühenden Wonne des Kamins aufwärmte.

Mit verschreckten Gesichtszügen warf der Ritterschüler einen Blick nach draußen, unterband das plötzlich aufkommende Gefühl sich und seinen Gast in Sicherheit wissen zu müssen und schloss schließlich die knarrende Tür. Etwas durcheinander wand er sich um seine Achse, sah seine neugewonnene Freundin Ariana Blacksmith mit ihrer weinroten Tunika und weißen Hose vor dem Kamin stehen und fand ihre Anwesenheit zwar nicht störend, aber irgendwie… schräg und beinahe bedrohlich… 

„Was machst du hier?“, murmelte er und blickte begutachtend zu dem riesigen Rucksack, den sie mitgebracht hatte. 

„Da ich weiß, wie wenig du zurzeit alleine zurechtkommst, wusste ich, dass ich dich besuchen kommen musste. Man kann dich ja nicht alleine lassen“, erklärte sie stur und öffnete die aus einfachem Metall hergestellte Spange, die das lange schwarze Haar bisher zusammengehalten hatte. Wie Seide gewebt aus einer sternenklaren Nacht fielen die weichen Locken ihren Rücken hinab.

„Aber…“, stotterte der junge Heroe und kratzte sich an der rechten Schläfe. 

„Und Will hat mir letztens gesagt, dass du hier übernachten wirst“, setzte sie hinzu, ohne seine etwaigen Einwände zuzulassen. 

„Das ist wohl eine Erklärung, allerdings…“, meinte er verwirrt, aber hatte nicht die Gelegenheit seine weiteren Gedanken auszudrücken. Erneut unterbrach sie ihn: „Und jemand muss ja auf dich aufpassen für den restlichen Winter. Was ist, wenn du einen erneuten Zusammenbruch erleidest“, und wand sich in seine Richtung. Und als sie ihn diesmal anlächelte, war auch der letzte Rest ihrer scheinbaren Traurigkeit verschwunden. Ihr einfühlsames Lächeln erhellte sein Gemüt auf eine hypnotisierende Weise, sodass er erst Sekunden später den Inhalt ihrer Worte verstanden hatte. Er zwinkerte schockiert. „Äh… Moment! Was heißt hier… restlicher Winter?“

„Ja, ich glaube, du hast nicht an ausreichend Proviant gedacht, richtig?“

„Äh, wie jetzt?“, meinte er hilflos und fühlte sich noch überforderter. Aufgeregt trat er näher und fixierte ihre Augen mit Ernst, Scham und Sorge. Sie konnte nicht länger hier bleiben! Er brauchte Zeit für sich, deswegen war er nicht in Gesellschaft der Laundrys. Und niemand konnte sagen, wann der Chadarkna erneut zuschlug. Das letzte, was Link gebrauchen konnte, war die Sorge, dass Ariana etwas zustieß. Es war wie, als erwachte er gerade aus einem schönen Traum und stolperte in die gefahrvolle Realität. Ariana wäre in Gefahr, wenn sie so lange bei ihm blieb…

Sie wirbelte aufgeregt zu ihrem nussbraunen, weichen Rucksack und begann diesen aufzuknöpfen. „Hier… ich dachte, dass du vielleicht Schokolade magst und…“ Sie überspielte jegliches peinliche, unvernünftige und anstößige Gefühl in sich mit einem überspitzten Lachen. Hastig, so als war sie nicht Herr ihrer Sinne, durchwühlte sie ihre Tasche, holte Dinge hervor, die Link die Augen ausfallen ließen. Da waren zwei riesige Flaschen mit Suppe, zwei Flaschen Herzbeerenwein, eine ausgeblutete Henne, zwei zum Braten vorbereitete Steppenkaninchen, ein riesiger Ordoner Käse, zwei Brote, zwei geräucherte Schinken, würziger Speck und ein Sack altes, aber gesundes Hylanor, und zu guter Letzt drei Tafeln von jener Schokolade, die Link beim Verlassen des Waldes als erstes genießen konnte. Es war eine sehr cremige Sorte, die leicht schmelzen konnte, hergestellt aus den Früchten einer Kakaosorte, die nur in den Ländern der Gerudos wuchs. Spezielle Zutaten aus der Wüstenregion wurden in die Masse gemischt und verliehen der Schokolade einen nussigen Geschmack.

„Ariana… warte bitte…“, begann er perplex. Er hob die Hände und fuhr sich durch seine langen blonden Strähnen. Er trat von einem Fuß auf den anderen, wollte nicht ausfallend ihr gegenüber werden, obwohl er eine alte Wut spürte, die dabei war auszubrechen. Er konnte es nicht leiden, wenn andere über ihn bestimmen wollten. Er konnte es einfach nicht leiden, wenn sich jemand in sein Leben auf diese Weise einmischte.

„Du magst Schokolade, nicht wahr? Ich habe auch daran gedacht, dass du sicherlich nicht viele Dinge hier haben kannst und habe die Vorratskammer geplündert.“

„Ariana!“, sprach Link schließlich lauter und hoffte, er gewann damit endlich ihre Aufmerksamkeit. Sie schluckte und ließ just in dem Augenblick die Schokoladentafel aus ihren Händen fallen. Es klapperte und die cremige Süßigkeit zerbrach am Boden in zwei Hälften.

Er holte tief Luft und schloss die meerblauen Augen. „Das geht so nicht. Wie kommst du darauf hier zu erscheinen?“

Sie schwieg plötzlich, schien sich zu verkrampfen. Ihre zarten Schultern duckten sich.

„Du kannst nicht einfach hier bleiben! Wie, bei den Göttern, stellst du dir das denn vor?“ Er klang entsetzt, beinahe so, als wollte er sie abweisen. 

Sie hob die Schokolade zittrig von Boden, erst dann verharrte sie endgültig in ihrer Haltung und ihr aufgesetztes, fröhliches Gemüt sank in die Leere, die sie hierhergeführt hatte. Vielleicht war hier bei Link der einzige Ort, an dem sie sich bestätigt fühlte und sich ihrer Selbst erinnern konnte. „Ich… ich weiß nicht…“, murmelte sie, biss sich auf die Lippe und hatte nicht damit gerechnet, dass der junge Held ihre Anwesenheit in Frage stellte. Obwohl… eigentlich hatte sie damit gerechnet, dass er sie wegschickte.

„Du kommst hierher, einfach so, und… und verhältst dich, als wäre es völlig selbstverständlich, als hätte ich darauf gewartet hier Besuch zu bekommen…“, murrte er. 

„Ist dem nicht so?“

„Äh… wie bitte?“ Erneut brachte sie ihn mit ihrer unvoreingenommenen, spontanen Art aus dem Konzept. Aber sie hatte verdammt Recht… er hatte sich nach Gesellschaft verzehrt…

„Habe ich den Nagel auf den Kopf getroffen?“, sprach sie spitzbübisch und grinste. Sie verschränkte ein weiteres Mal ihre Arme. „Du sehnst dich nach Gesellschaft, das sehe ich dir an der Nasenspitze an.“

„Aber ich habe nicht gesagt, dass ich es okay finde, dass du dich hier rein schleichst, mich überrumpelst und einfach hierbleiben willst.“

„Es wird nicht zu deinem Nachteil sein, bitte, Link…“ Sie rückte näher, griff nach seinen warmen Händen und hielt diese fest in ihren kühlen. Sie zitterten leicht.

„So einfach ist das nicht!“, raunte er und wand sich ab. Etwas forsch riss er sich los und stemmte sich auf den hölzernen Tisch.

„Aber warum denn nicht?“

Ratlos blickte der blonde Ritterschüler an die Wand, verzog sein Gesicht nachdenklich. „Ich habe kein Bett für dich.“ Es war so einfach aus seiner Haltung abzulesen, dass er nach Ausreden suchte.

„Dann schlafe ich vor dem Kamin!“, argumentierte sie.

„Aber das Essen reicht garantiert nicht für uns beide“, widersprach er.

„Deswegen habe ich ja so viele Dinge mitgebracht“, presste sie trotzig über ihre Lippen. 

Er seufzte lediglich und hatte das Gefühl nicht nur veralbert, sondern wie ein Kind behandelt zu werden. Glaubte sie allen Ernstes, er würde fortwährend so mit sich spielen lassen? Auch wenn Ariana sich um ihn bemüht hatte, auch wenn sie wohl eine herzensgute Seele war, sie besaß nicht das Recht sich in seine Angelegenheiten einzumischen.

„Egal, was ich sage, oder tue, du hast immer wieder ein Argument um meine Zweifel auszuhebeln, was?“, sprach er verärgert.

„Link, bitte…“, sprach sie inständig und hob ihre Hände an die Brust. Sie blickte ihn voller Demut an. „Kann ich nicht einfach hierbleiben… auf dich aufpassen und… dir danken…“

„Wofür“, murrte er, als knurrte da eine Bestie in ihm. Verärgert ließ er sich vor dem Kamin niedersinken und stemmte die Hände an sein Kinn.

„Das…“, begann sie flüsternd, drückte die Hände vor das Gesicht und rieb sich ihre Augen. Erst jetzt fiel dem Heroen auf, wie erschöpft sie wirkte. Es musste schwer gewesen sein den Weg von ihrem Heimatort durch diese dichte Winterlandschaft inmitten der Nacht zurückzulegen und das mit einem schweren Gepäckstück auf ihren zarten Knochen. „Ich wollte danke sagen, dass es jemanden wie dich gibt…“, endete sie. Ihre Stimme zitterte leicht, machte auf ihre Müdigkeit aufmerksam und auf die Verwundbarkeit, die sie im Augenblick besaß. Ja, Ariana war, obwohl sie immer ein strahlender Wirbelwind war, gerade irgendwie sehr verletzlich…

Link seufzte ein weiteres Mal und ließ einen sprudelnden Klang energetisierender Luft aus seinen Lungen strömen. Obwohl er unheimlich sauer war, dass sie ihn hier störte, so konnte er sie dennoch nicht in diese eisige Nacht hinausschicken. Und ihre Worte mit der angenehmen Andeutung von Dankbarkeit, dieser sinnlichen Wonne, die wie fließender Genuss über ihre zarten Lippen glitt, bohrten sich ebenfalls einschmeichelnd in sein kühlgewordenes Herz. Sie wollte ihm danken, dass er existierte… Sie dankte ihm für etwas, was er vor einem halben Jahr gerne weggeworfen hätte… sein Leben und sein Schicksal…

 

Sie biss sich auf die Unterlippe, rieb sich ihre Arme und ein Beobachter konnte deutlich erkennen, dass erst jetzt allmählich warmes Leben in ihren Körper zurückkehrte. Sie musste um die halbe Welt gelaufen sein, um hierher zu gelangen… Als ein Versuch der Annäherung tapste sie in Richtung des Kamins. Ihre schwarzen, langen Stiefel klapperten, hinterließen kleine Pfützen auf dem Holzboden der Hütte. Gemächlich rückte sie ihre weinrote Tunika zurecht und ließ sich neben dem Heroen vor dem Kamin nieder. Sie umarmte sich selbst, genoss die glimmende Hitze des Feuers und blickte nachdenklich in seine Richtung. Wie wunderschön Arianas Antlitz war… so vertraut und warm, als glühte das sonnenfarbene Bernstein in ihren Augen, als schmolz jeder, der versuchte in diese Farbe einzutauchen. Sie lächelte Link entgegen, als ein vorsichtiger Versuch sein aufgeregtes Gemüt zu schlichten. Es war ohnehin zu spät, das wussten sie beide. Es war zu spät, dass Link das geheimnisvolle Mädchen einfach vor die Tür setzen konnte. Und der Bursche kämpfte innerlich mit zwei Wölfen, die sich gegenseitig bekriegten… da war diese sanftmütige Seite, die ihre Anwesenheit forderte… aber auch die sture Bestie, die sie zum Gehen zwingen wollte… Er wühlte unruhig durch sein dichtes, blondes Haar und fragte Farore in Gedanken, was er tun sollte…

Dabei war es eigentlich so klar. Er konnte nicht riskieren, dass Ariana in seine Nachforschungen, die er geplant hatte, mit hineingezogen wurde. Es war völlig klar, welcher Wolf den Kampf in seinem Inneren gewinnen würde. Er sprach zaghaft, aber dennoch fest: „Ich möchte, dass du bei Anbruch des Tages gehst… du kannst nicht den restlichen Winter hierbleiben…“

„Aber warum…“, murmelte sie und rückte näher. Sie wollte ihn zwingen sie anzublicken.

„Du hast keine Ahnung davon, in welche Gefahr du dich in meiner Gegenwart bringst!“, murrte er und schloss dabei die tiefblauen Augen. 

„Dann bezwinge ich diese Gefahr mit dir gemeinsam!“, sprach sie voller Entrüstung. „Ich kann dich nicht den ganzen Winter über alleine lassen, wenn du mit einem Fluch beladen bist!“ Sie wand sich ab, wissend, dass nun die Katze aus dem Sack war. Sie hatte sich endgültig verraten. Es gab vielleicht noch mehr Gründe, warum sie mitten in der Nacht von ihrem Zuhause geflohen war. Aber der wohl wichtigste war der Wunsch dem eigenbrötlerischen Helden Beistand zu bieten.

„Das ist der Grund, warum du mich aufgesucht hast, nicht wahr…“ Link schüttelte missbilligend den Kopf. „Du willst mich… beschützen.“ Der Satz fühlte sich wie die Absurdität persönlich auf seiner Zunge an. Ein schwertgewandtes Mädchen wollte den Helden der Zeit beschützen, weil er zu schwach war sich um sich selbst zu kümmern! Genervt trat Link auf die dürren Beine, bemüht fiese Worte, die ihm auf der Seele brannten, stecken zu lassen. Er wollte nicht von einem Mädchen beschützt werden! Diese Schmach würde er sich niemals gefallen lassen, da entschied er sich lieber für den Tod.

„Bitte, Link…“, murmelte sie leise. „Du musst das alles nicht alleine meistern…“ Auch sie erhob sich und legte beide Hände auf seine angespannten Schultern. Sie hatte das Gefühl, er war kurz davor ihr magische Stromschläge zu schicken, so deutlich spürte sie, dass er gerade nicht berührt werden wollte. Er wand sich verärgert in ihre Richtung und ließ das eisige Blau seiner Augen wie weißen Stahl durch die Luft schneiden. Darin war er gut… er wusste, wie er sich mit seinem Blick Respekt verschaffen konnte. „Wie, bei Farore, kommst du dazu mir diese Gefühlsduselei an den Kopf zu knallen!“, zischte er. „Warum reden wir überhaupt über so etwas! Was willst du eigentlich von mir!“

„Ich habe… Angst um dich…“, flüsterte sie, war beinahe den Tränen nahe und schien sich vor Links Augen immer mehr zu verwandeln. Das war nicht mehr Ariana Blacksmith, das widerspenstige Mädchen, das es genoss sich zu behaupten. Da war ein sanftes, reines Wesen in ihr, das er völlig unterschätzt hatte. Sie war sehr viel mehr… 

„Ich habe Angst um dich…“, klang es in Links Gedanken nach und ein kleiner Splitter davon reichte um sein Herz zu betäuben.

Er atmete tief durch, konnte das schmerzhafte Gefühl, das ihre Worte mitbrachten, erneut nicht bändigen und sah nur den Weg der Flucht. „Es ist spät… wir werden das morgen früh klarstellen…“ Sein rauer Ton erklärte diese Diskussion zu einem endgültigen Ende. Link würde nicht mehr konferieren, er hatte ihre Anwesenheit hier letztlich nicht gutheißen können und sein Standpunkt würde vorerst bleiben… 

„Ich möchte, dass du in dem Bett schläfst“, meinte er zynisch. Noch immer war Ungeduld, Wut und Enttäuschung in ihm fühlbar. Vielleicht aber war er einmal mehr enttäuscht von sich selbst… Er hatte ihre Anwesenheit hier gutheißen wollen, er hatte sich auf eine wundersame Weise gefreut, dass sie hier war… bis jegliches Glücksgefühl in ihm an der bitteren Realität zerbrochen war. Wenn er sie aus seinen Angelegenheiten nicht heraushielt, wenn er sie nicht abwies, war sie in Gefahr. Und das konnte der Held in Link nicht erlauben, noch jemals riskieren…

„Du bist trotz deiner Unnahbarkeit… deiner scheinbaren Kälte… mitfühlend und rücksichtsvoll. Wenn du etwas von deiner Wärme zeigen würdest, ich würde jene ohne zu zögern erwidern… mein dussliger Held…“, säuselte ihre Stimme träge, beinahe wie ein leiser Zauberspruch. Und ohne einen weiteren Blick tapste sie die Treppenstufen hinauf, verschwand in den Schatten, dort, wo das schummrige Licht des Feuers nicht mehr hinfand…

Link konnte sie noch immer dort oben spüren, konnte flüchtige Geräusche ihrer Anwesenheit wahrnehmen und traute sich doch nicht sich der Gefahr eines Gefühls von Nähe hinzugeben. Er konnte nicht… Er konnte einfach nicht…

 

Für den vergessenen Helden, der auf einem alten, leicht nach Schweiß stinkendem Tierfell vor dem glühenden Kamin hockte, alle möglichen Schlafpositionen ausprobiert hatte und doch wieder in einen ruhelosen Halbschlaf sank, ging die Nacht träge und schleppend vorüber. Er zog eine kratzige Decke über seinen blonden Kopf und quengelte angesichts seiner beleidigten Muskeln, die sich nach seinem Bett in der Ritterschule sehnten. Er wusste nicht, wie spät es war, unterließ einen Blick auf die runde, vergilbte Uhr, die auf einem klapprigen Holzregal stand, und entschied sich die Augen noch einmal zu schließen…

Irgendwann in der Nacht, das erinnerte er, ging ein unstillbares, gieriges Flüstern durch die Hütte, fing verwunschene Tränen auf, die von unbekannten Mächten herausgefordert wurden, fing Worte auf, die nicht für verräterische Ohren bestimmt waren… Es war wie, als hatten ihn urväterliche Stimmen gerufen und belehrt, gewarnt, dass etwas nicht in Ordnung war. Der anbrechende Tag streckte vergiftete Wurzeln in Links Richtung aus, vergiftete Wurzeln eines Spross‘, der vor mehreren Stunden gesät worden war. Irgendetwas, lauernd in der nebligen Ferne, ließ den Ritterschüler nicht zur Ruhe kommen. Er hatte dieses Etwas in der Nacht gespürt, wie es hauste, sich gefragt, ob es das hübsche Mädchen war, das im Obergeschoss der Hütte schlief, ob ihre weiche Stimme Worte des Elends geflüstert hatte, geschluchzt hatte. Aber der Gedanke war so schnell er aufgekommen war, wieder erloschen… Ariana war ein strahlender Wirbelwind und vital und gesund, sie hatte nie nur einen Hauch von Krankheit gezeigt. Er war sogar nach oben geschlichen, hatte mit einer Kerze in der Hand nach seinem Gast geschaut und sich gefragt, ob es ihr gut ging. Aber sie schlief tief und fest, rührte sich nicht, war unheimlich bezaubernd, während sie schlief, sodass er aus Nervosität wieder hinab getrottet war.

Das unbestimmte Gefühl einer nahenden Gefahr aber, die er schon bemerkte, als Ariana an seine Tür geklopft hatte, verschwand nicht, es wuchs, wuchs fordernd und fruchtete an etwas, das er nicht zuordnen konnte. Er seufzte und zog endlich die Decke von seinem Schädel, sah unheimlich verschlafen und zerknittert aus. Seine blonden Strähnen standen in alle Himmelsrichtungen. Schlafsand hing in seinen Augenecken, sein trockener Mund war nur halb geschlossen, bis er erneut gähnte. Er quälte sich auf die schlaksigen Beine, streckte sich und rieb sich die müden Augen mehrfach. Er brach einen Happen der Wüstenschokolade ab, die seine neue Freundin mitgebracht hatte, konnte nicht widerstehen, genoss die cremige Süße auf seiner Zunge und erinnerte sich mit einem sehnsüchtigen Blick in das morgendliche Schneegestöber an die Welt dort draußen, an die unvergleichlichen Abenteuer, die nach ihm riefen und die brennenden Herausforderungen, an denen er wachsen konnte. Sie riefen ihn, säuselten in den Winden. Waren vielleicht dies die Stimmen, die ihm diese unruhige Nacht beschert hatten? Stimmen seines eigenen Schicksals? 

Die Sonne zeigte sich kaum in den tiefsten Winterwochen, drang mit keinem wärmenden Strahl zu Boden und wurde von weißen und grauen Wolkenhorden belagert. Schneekristalle rieselten nieder, bedeckten die wenigen, runden Fenster der einsamen Hütte am Glücksteich und sperrten die Dunkelheit in das Innere. Es schien beinahe so, als fürchtete sich reinigendes Licht vor dem, was es in diesen wenigen wohnlichen Ecken finden könnte…

 

Ein vorsichtiges Knarren, unbestimmt und unregelmäßig, erinnerte ihn daran, dass er in der Glückshütte nicht alleine war und riss ihn aus den Sorgen, die mit dieser Nacht gekommen waren. Mit zerzaustem Haar, leerem Blick und ihrer unordentlich übergestreiften, weinroten Leinentunika, welche er für Zeichen von morgendlicher Müdigkeit hielt, trat Ariana die letzten Stufen hinab. Sie schien zu schwanken und auch dies hielt er für die Schwere, die Hylianer aus ihren Träumen mitbrachten. Er begann sich erst zu wundern, als er bemerkte, dass sie weder ihre weiße Hose unter der Tunika, noch die schwarzen Lederstiefel trug und die verschlafene Lady ihn völlig ignorierte, stoßweise einen Fuß vor den anderen setzte, zitterte und er im wenigen Licht ihre Haut vor Schweiß glänzen sah. Das dreiste, kluge Mädchen mit dem pechschwarzen Haar starrte gebannt zu der Haustür, torkelte immer weiter vorwärts und hielt sich mit beiden Händen ihren Bauch.

„Ariana?“, begann Link und fühlte einen inneren Stich, als er realisierte, dass etwas nicht stimmte. Als platzten winzige Fasern darin reagierte sein Herz auf ihren Zustand. „Was ist los?“ Sie hob eine Hand in seine Richtung, deutete an, dass er sich heraushalten sollte und tapste stur vorwärts. Sie riss die Tür in die eisige Welt außerhalb auf, schlürfte nur mit ihren Strümpfen bekleidet hinaus und stapfte durch den weißen, funkelnden Schnee. Eine Welle der Kälte zog in die Hütte ein, schreckte den jungen Helden immer weiter auf, bis er alles stehen und liegen ließ und ihr hetzend hinterher rannte.

War es doch Ariana, die diese Nacht geschluchzt hatte? War es ihre Stimme, die er in seinem Unterbewusstsein, im düsteren Halbschlaf, gehört hatte? Seine Sinne hatten nicht gelogen… in dem Moment, wo sie erschienen war, hatte sie eine Gefahr mitgebracht, hatte sich von fremden Mächten in etwas hüllen lassen, was sie schändete…

 

Nur wenige Meter vor dem zugefrorenen See, sank das seltsame Mädchen in den Schnee, spürte das weiße, eisige Kleid des Winters unter ihren bloßen Knien nicht, spürte die schmelzenden Schneekristalle nicht, die bei Kontakt mit ihrem rabenschwarzen Haar schmolzen. Alles, was sie spürte, waren Zwänge und Krämpfe in ihrer Körpermitte. Sie röchelte, als hatte sie alle Krankheit der Umgebung in sich aufgesaugt. Sie stöhnte, verkrampfte sich immer mehr, bis ihr Tränen vor Schmerzen über die Wangen strömten. Sie kreischte mit einem Mal lautstark auf, rieb sich mit beiden Händen den Bauch und sank vornüber. Das hüftlange, schwarze Haar bedeckte ihr Gesicht, vermischte sich mit ihrem Schweiß und den brennenden Tränen. „Bei Nayru…“, wimmerte sie bettelnd. Link hatte noch nie jemanden so herzzerreißend winseln gehört… selbst während des Zeitkrieges nicht. „Bitte…“, winselte sie und wippte mit ihrem Körper hin und her. Alles an ihr schrie förmlich nach einem Ende ihre Qualen…

Entgegen ihrem Wunsch, dass er sich heraushielt, ließ auch er sich auf die Knie sinken, packte sie vorsichtig an den kleinen Schultern und strich ihr langes Haar nach hinten. Sie hatte nicht einmal die Kraft auf ihn zu reagieren, war eingenommen von dem Schmerz in ihrem Bauch, kämpfte mit einem beißenden Druck, der sich anfühlte, als wollte er ihre Körpermitte auseinanderreißen. Es brannte wie Säure in ihrem Inneren… Sie keuchte, rang nach Luft, kämpfte, zuckte und zitterte, sodass es selbst dem jungen Heroen schwerfiel sie festzuhalten. In dem Moment stemmte sie sich auf ihre zitternden Arme und begann sich mit qualvollen Lauten, die in der Ferne wie Schreie sterbender Tiere untergingen, zu übergeben…

Nur Sekunden später war sie nass geschwitzt von ihren Anfällen, lag zitternd in den Armen eines schockierten Link und war am Rande der Bewusstlosigkeit. Sie blinzelte entschuldigend. „So viel dazu… dass ich mich um dich kümmern wollte… verzeih‘ mir, mein Held…“, murmelte sie stockend. Da waren kristallene Tränen in ihren Augen, die sich an ihren Wangen hinab perlten, als erstarrten sie auf magische Weise, erstarrten trotz der Hitze ihrer fiebrigen Haut. Das einst so feurige, leidenschaftliche bernsteinfarben in ihren Augen verblasste, ganz zögerlich, geheimnisverbergend, als wollte ihr wahres Wesen an die Oberfläche. Das Feuer in ihr flackerte still, das Feuer in ihr war am Erlöschen…

Für einen Sekundenbruchteil entdeckte der junge Heroe ihre gesamte Natur in einem Blick, der die Zeit einfrieren könnte, so ewig schien er zu währen. Für einen bedeutungsvollen Sekundenbruchteil wusste er, warum sie in seinem Leben war und warum er sie beschützen musste, genauso wie sie ihn… Er konnte das Gefühl nicht verstehen, er konnte nichts davon in Worte fassen, aber jenes Gefühl erhob sich über alle Zweifel. Es war der eine Blick in die Seele eines anderen Wesens, der alles veränderte… Vorsichtig, aber mit sturem Willen, etwas, was er lange nicht gewagt hätte, berührte er ihre rechte Wange mit einer Hand, streichelte die magischen Tränen hinfort und versiegelte die Verbindung, die er so tief spürte, mit jener zärtlichen Geste. Nicht ein Wort verließ seine Lippen. Es kam ihm keines in den Sinn, mit dem er dieses Geschehnis erklären konnte und keines half ihr oder ihm…

Mit einem stärkenden Atemzug, wissend, er wollte sie in Sicherheit wissen, ihr helfen, das zu überstehen, was immer hinter dieser Krankheit steckte, und mit einer Kraft, die er sehr lange nicht nutzen konnte, hob er sie in die Höhe, war überrascht darüber, dass er sie zurück in das Haus tragen konnte und das mit seinem kränklichen Körper.

Sanft und bedacht ließ er Ariana auf dem dicken, flauschigen Tierfell vor dem Kamin nieder, eilte zurück und schloss die Tür und wickelte sie sofort mit mehreren Decken ein. Sie war nicht bewusstlos, aber so erschöpft, dass sie sich kaum gegen den Gott des Schlafes wehren konnte… Link spürte dies… sah es in ihrem blassen Gesicht… wusste, wie schwer es war sich in einem Moment der körperlichen Kraftlosigkeit gegen den Schlaf zu wehren… es war wie eine Folter.

„Bleib‘ wach… Ariana…“, sprach er leise und fragte sich, wie er es schaffte so sortiert und ruhig zu bleiben. Das einzige Mal, dass er trotz der Bedrohlichkeit einer gefahrvollen Situation so bedacht handelte, war, als Shiek sich in der alternativen Zeit eine schwere Verletzung zugezogen hatte… Link hatte alles daran gesetzt seinem Freund, der sich als Zelda entpuppte, zu helfen.

Strukturiert erledigte er weitere Handgriffe, schichtete Feuerholz für Wärme, die sein Gast unbedingt benötigen würde. „Bitte, reiß‘ dich jetzt zusammen!“, sprach er fordernder und erhielt einen verzweifelten Blick aus blutunterlaufenen Augen. Sie musterte ihn mit einer Hilflosigkeit, die ihm verdeutlichte, dass es noch nicht vorbei war. Sie hatte sich übergeben, aber der Grund dafür, war kein harmloser…

Sie nickte. „Ich… ich versuche wach zu bleiben…“

„Rede mit mir, okay?“, sprach Link bestimmend, während er Feuer entfachte. Unsinnige Gedanken schossen durch seinen logikbegabten Kopf… Theorien, wie er sich ihren kränklichen Zustand erklären konnte. Warum, bei Nayru, hatte Ariana Anzeichen einer Krankheit, die seinem Fluch sehr ähnelte. Er hatte in seinen Attacken Schweißausbrüche, Schmerzen und fiese Krämpfe. Er war derjenige, der kränkelte. Er war derjenige, der Fehler gemacht hatte, der Hylianer, die sich um ihn sorgten wie Dreck behandelt hatte, der leiden sollte, nicht sie!

Mit einer einschleichenden Unruhe in sich überlegte er, was er jetzt am sinnvollsten tun könnte und schnippte mit den Fingern. Er nahm eine Tontasse, hastete zu einem riesigen Fass, wo er sauberes Trinkwasser aufbewahrte, füllte diese und reichte ihr das erfrischende Getränk. „Kannst du mir sagen, was mit dir los ist?“, sprach er leise. 

Sie schüttelte benommen den Kopf und versuchte sich etwas mehr aufzurichten. „Ich… weiß es nicht…“

„Hast du vielleicht eine Idee, was passiert sein könnte? Vielleicht hast du etwas Falsches gegessen?“

„Nichts… was ich nicht auch sonst esse“, bemerkte sie schwach und nahm einige Schlucke des Wassers. Sie hatte das Gefühl, dass selbst das Wasser in ihrer Kehle und in ihrem Magen brannte. Es schmeckte bitter und abscheulich. Angeekelt stellte sie die Tontasse klappernd zu Boden. Derweil hängte der besorgte Ritterschüler einen Kessel mit Wasser an der Befestigung im Kamin auf. Ariana würde warmes Wasser gebrauchen können.

„Und kann es sein, dass du dich bei jemandem angesteckt hast?“

Abermals widersprach die hübsche Schmiedtochter. „Nein… ich kann mich nicht… erinnern.“ Ihre Augen flatterten zu, aber sie lächelte schwach: „Ich muss aber leider zugeben… dass mir diese Krankheit gerade nicht ungelegen kommt… so kannst du mich wenigstens nicht fortschicken.“ Selbst in ihrer schlimmsten Stunde schien sie der Situation noch etwas Positives abgewinnen zu können. Sie hüstelte und ekelte sich an dem Geschmack von Erbrochenem in ihrem Mund, bis sie einen tiefen Seufzer ausstieß.

„Ariana…“, hauchte Link schwermütig über seine Lippen und spürte eine warme Wonne, die sein Herz umschloss. Das hübsche, taffe Mädchen war schlichtweg bewundernswert. Anstatt zu jammern oder auf irgendeine schwächliche Weise ihren momentanen üblen Zustand zu zeigen, schaffte sie es sogar noch ihn aufzuheitern, Worte zu finden, die die Situation entschärften. Sie war einfach nur stark. „Meinst du, es ist damit ausgestanden?“, fragte er leise.

Sie zuckte mit den Schultern und blickte ihn aus müden Augen an. „Ich weiß nicht, aber kannst du dich nicht einfach… ein wenig zu mir setzen?“ 

Er nickte beflissen. „Da fällt mir ein, wenn es nicht besser wird, da können wir mein Heilmittel ausprobieren.“ Doch da verfinsterte sich ihre Miene und ihre Augen wurden zänkisch. Ihr käseweißes Gesicht verstärkte ihren Missmut auf diese Worte. „Oh nein, Link, das Heilmittel ist schlichtweg für dich bestimmt. Und wenn du dich auf den Kopf stellst, werde ich es nicht nehmen!“ Trotz ihrer Schwäche zickte sie, sammelte ihre letzten Kraftreserven für diese kleine Standpauke. „Ist das klar!“, sprach sie laut und sackte dann mit einem weiteren Schweißausbruch zusammen. Das Wasser stand auf ihrer Stirn und einzelne dunkle Haarsträhnen klebten in ihrem Gesicht.

Link hob schlichtend die Hände. „Es ist okay. Ist ja schon gut, alles gut.“

„Und jetzt nimm‘ bitte Platz…“, murmelte sie benommen und noch ehe er sich völlig niedergelassen und eine angenehme Position gefunden hatte, lehnte sie sich bereits seufzend an seine Seite. Er riss die Augen auf, nicht sicher, wie er diesmal mit Arianas Drang nach Nähe umgehen sollte. Anschmiegsam kuschelte sie sich an seine rechte Seite, drückte den schweren Kopf an seine Schulter und war begabt darin den Heroen ins Verlegenheitsrot zu bringen.

„Ich bin froh… dass ich nicht zuhause bin…“, sprach sie und begann erneut zu husten. Die Säure aus ihrem Magen hatte ihre Kehle wie zugeschnürt. 

„Warum?“

„Ich habe… ein sehr dummes Streitgespräch mit meinem Vater gehabt…“, erklärte sie. Sie blickte entschuldigend in seine meerblauen Augen. „Es ist wohl etwas egoistisch… weil ich das als Vorwand sehe bei dir zu sein…“ Sie blinzelte unter ihren tränenden Augen, wanderte mit ihrer zitternden linken Hand in sein Gesicht und streichelte seine warme Haut. Dieses unschuldige Heldengesicht würde sie auf ewig erinnern wollen…

Etwas wirsch umfasste Link mit einer Hand diejenige von seinem Gast und schob jene weg. „Ariana… bitte konzentriere dich. Irgendetwas muss doch passiert sein, dass es dir jetzt so mies geht“, meinte Link und versuchte vernunftgesteuert zu handeln. Es musste eine Lösung her, es musste eine Möglichkeit her, ihre seltsame Übelkeit zu erklären. Er hoffte inständig, dass es nichts mit seinem Fluch zu tun hatte.

„Ich will jetzt nicht darüber reden… erzähl‘ mir etwas Schönes, etwas Romantisches, etwas, was sich einfach nur gut anfühlt…“, murmelte sie und versuchte sich zwingend wach zu halten.

Link stutzte: „Und was, beim Deku, soll das sein?“

„Ich weiß nicht… eine kleine Geschichte vielleicht?“, flüsterte sie und seufzte tief. Etwas ratlos beobachtete der einstige Heroe das prasselnde Feuer, hörte es glimmen und zischen, suchte in dem galanten Rhythmus nach einer Idee. Aber er war nicht gerade der große Erzähler… überhaupt war er während seiner Reisen immer sehr schweigsam gewesen. Wozu sollte er reden, wenn Worte ihm nicht schenken konnten, was er ersehnte…

Die sich einschleichende Stille brechend entschied sich das erschöpfte Mädchen, obwohl sie noch immer etwas in ihrer Körpermitte schlitzen spürte, es selbst in die Hand zu nehmen sich mit einer wohltuenden Geschichte abzulenken. Sie kannte die Wirkung von Geschichten, diese unglaubliche Macht von Erzählungen, die ein ganzes Land verändern konnten… Geschichten konnten Hylianer so tief berühren wie nur wenige Dinge auf der Welt. „Wenn nicht, dann erzähle ich halt eine wunderbare Geschichte…“, murmelte sie schwach und suchte mit ihren nur leicht geöffneten Augen einen Blick des heldenhaften Burschen. Sie wollte über so viele Dinge mit ihm reden… auch deswegen war sie hier. Diese grausige Krankheit machte ihr gerade einen ärgerlichen Strich durch die Rechnung. 

„Weißt du, Link…“, begann sie zitternd. „Es gibt nicht nur Götter hier in Hyrule… es gibt auch andere Welten…“

Er nickte und legte etwas zögerlich den Arm um ihre Schultern. Er sah dies nicht als annähernde Geste, aber als eine notwendige Stütze, dass sie nicht zusammensackte. Ob es so gut war, dass sie sich hier einfach unterhielten, wo er vielleicht Hilfe holen sollte?

Sie lächelte, und trotz der Blässe ihrer Haut und dem fiebrigen Schweißperlen, war ihr Lächeln so magisch wie das einer Fee. „Und dort… irgendwo in diesen Welten… da lebte eine Magierin, die durch die Spiegel reisen konnte, eine wunderbare Person, die keine Sterbliche war. Sie war edel, sehr begabt in der reinsten Form der Magie… und es ist die Geschichte von ihr und einem Helden…“ Auch Ariana blickte verzaubert in die lodernden Flammen… der glühende Schein jener schien sich mit dem Bernstein ihrer Augen zu verbinden, sehnsuchtsvoll, so wie ihre zarten Worte. „Sie verloren sich in einer riesigen Schlacht… der Heroe opferte einen Teil seiner Seele… damit das Land, das sie gemeinsam beschützen wollten, auf ewig erhalten bleiben konnte… Er verschwand und ging unter in nebligen Sphären… niemand wusste, wo es seine Seele verschlang… niemand wusste es… auch nicht seine geliebte Magierin…“

Link schluckte angesichts der Grausamkeit, die Ariana über ihre zarten Lippen gleiten ließ. Wollte sie ihm nicht eigentlich eine hoffnungsvolle Geschichte erzählen?

„Man sagt, auch heute kann man ihre Gestalt ab und an in den Spiegeln sehen… sie sucht auf ewig nach ihrem Heroen, den sie verlor. Einst versprach er ihr an sie gebunden zu sein für alle Zeit, für immer war sein Blut mit ihrem verbunden, sie liebten sich aufrichtig und doch nur ein einziges Mal, aber mit solcher Hingabe, das man erzählt ihre Seelen seien miteinander verschmolzen“, erzählte sie und seufzte. Ihre Augen schlossen sich vor Erschöpfung.  

„Das ist… wunderschön…“, murmelte Link, spürte eine wonnevolle Wärme in seinem Herzen entstehen. Eine Wärme, von der er dachte, dass sie schon lange erloschen war.

„Es ist eine Geschichte des Spiegelvolkes…“, sprach sie und versuchte abermals trotz ihrer Krämpfe und der Hitze des Fiebers, das sie einzunehmen verlangte, zu grinsen.

„Glaubst du, es gibt dieses Volk tatsächlich?“, meinte Link erstaunt und blickte sie verwundert an.  

„Ich glaube, dass etwas entsteht, wenn jemand daran glaubt… Ich weiß, dass es eine Welt gibt, die nur aus unseren Gedanken erschaffen ist… Wir können erschaffen, Leben bringen, genauso wie die Götter…“ Sie hüstelte ein wenig.  

„Du traust den Hylianern eine unglaubliche Macht zu… das klingt, als hättest du sehr viel Vertrauen in die Elfen… und Vertrauen in diese Welt…“

„Ich muss…“ Ja, sie musste den Hylianern vertrauen… bis zum Ende. „Und es ist… etwas, das ich mir selbst auferlegt habe…“, sprach sie mehrdeutig und kuschelte sich inniger an Links Schulter. „Es ist ein bohrendes, vielleicht manchmal schmerzhaftes Thema… über Gefühle und Vertrauen zu reden…“

„Es ist schwerer als ein Kampf“, erwiderte Link und fragte sich allmählich, was er hier tat. Er hatte sich von Ariana vollkommen verzaubern lassen, redete mit ihr über Dinge, über die er weder mit seiner guten Freundin Saria, noch mit Zelda jemals gesprochen hatte. Gescheut und geschämt hatte er sich solche Worte wie jene überhaupt zuzulassen und nun… in Arianas Nähe flossen die Worte wie von selbst aus seinem Mund. Und anstatt sich Sorgen zu machen, dass sie in Gefahr war, wenn der Chadarkna seine Dämonen auf ihn hetzte, anstatt sich Sorgen zu machen, ob sie diese Krankheit überstand, ließ er sich hinreißen mit ihr vor dem Kamin zu sitzen, sich gehen zu lassen, sich fallen zu lassen…

„Es ist nicht so einfach… das Thema Gefühle… Aber wir haben sie, weil wir auch etwas Wunderbares spüren können… Glück…“ Sie atmete tief und zitterte ein weiteres Mal. „Hast du in deinem Leben noch nie etwas gefühlt, was sich einfach nur wundervoll angefühlt hat…“, hauchte sie zitternd über ihre nur mehr blassen Lippen.

„Sag‘ mir… Held der Zeit…“ Ihre Worte berührten ihn so tief und gerade dort, wo es wirklich weh tat. „Hast du es jemals gespürt… dieses innige, unglaubliche und überwältigende Gefühl, wenn du dem, was du begehrst nah bist… wenn du mit jeder Faser deines Herzens wusstest, dass es richtig ist… dass es der einzige Weg für dein Schicksal ist…“ Ihre Augen leuchteten trotz ihrer Kraftlosigkeit wie Magnete… fordernd verlangten sie nach einer aufrichtigen Antwort. „Sag‘ es mir…“, flüsterte Ariana hoffend.

„Ich habe mich danach gesehnt…“, murmelte er verzagt und schloss sinnierend die Augen. „Sehr oft sogar…“, setzte er hinzu, bis sich seine sturmblauen Augen ein weiteres Mal öffneten. Und irgendwo dort in dem riesigen und gefahrvollen Meer seine Seele ruhte der verborgene Ort tiefer Sehnsüchte, die er doch nicht greifen konnte. „… aber ich habe nie gefunden, was es ist.“

Arianas linke Hand wanderte vorsichtig zu seiner rechten Brusthälfte, dort wo sie den tosenden Herzmuskel des Heroen donnern hörte. „Es ist gar nicht so weit weg…“, flüsterte sie und zitterte heftiger. Die jugendliche Schönheit fühlte sich plötzlich noch erschlagener als vorher… so schwer… so unheimlich schwer. „Du kannst es finden, Link… spüren, wie erfüllend es ist…“, sprach sie leise und lächelte ihm unter ihren tränendem Blick entgegen. „Du kannst es finden… ich weiß es…“

Auch er wagte ein ruhevolles Lächeln… fühlte sich wärmer mit jeder Sekunde, die verstrich. „Woher weißt du das…“, meinte er, ergriffen von der Wonne ihrer Worte und dieser nie enden wollenden Hoffnung. Sie reckte sich ihm entgegen, näherte sich mit ihren weichen Lippen seinem linken, spitzen Ohr und flüsterte, genauso magisch wie vorher: „Eine Göttin… hat es mir gesagt. Und sie machte mir das schönste Geschenk überhaupt hier in Hyrule… Ein Geschenk, so kostbar, dass es mit nichts zu bezahlen ist…“ Sie lächelte und vielleicht träumte sie bereits, versank in einem Fieberschub ihrer Krankheit. Ihr Atem ging hitzig und kränklich… Sie zitterte noch stärker und schloss ihre bernsteinfarbenen Augen. Vielleicht waren ihre Worte immer mehr ein Produkt des Fiebers oder eine unwahre Geschichte ihrer Träume. Aber sie klangen so sehnsuchtsvoll schön und bezaubernd, dass auch Link sich von ihnen berühren ließ. „Sie schenkte mir… dies alles hier… ein Leben… eine Liebe und einen Sinn…“, seufzte sie mühsam. Und als ihre Worte ausklangen, konnte der Ritterschüler sie gerade so auffangen, bevor sie in sich zusammensackte. Die Krankheit hatte sie übermannt, hatte sie in einen langen und herben Ruheschlaf geschickt…

 

Nicht sicher, was er am sinnvollsten tun könnte und was in dieser Situation für seinen bewusstlosen Gast am sichersten war, versuchte Link die Zeit irgendwie tot zu schlagen. Er lief von einer Zimmerecke in die andere, grübelte und fand doch keine Antwort auf die Fragen in seinem Kopf. Seit über vier Stunden befand sich Ariana in einem schlafähnlichen Zustand, seit vier Stunden wartete er voller Zweifel. Link hatte sie schlafen lassen, mit dem geduldigen Gedanken, dass sich ihr Zustand nach und nach bessern würde und dass sie einfach nur etwas Zeit brauchte um zu gesunden, nachdem sie ihre gesamte Kraft verloren hatte. Er hatte vorhin seine Bücher gewälzt, ab und an nach ihr geschaut, konnte sich aber kaum auf die Bücher vor seiner Nase konzentrieren und fragte sich inzwischen, ob er nicht Hilfe holen musste.

Link runzelte die Stirn, rieb sich das leicht kratzige Kinn und blickte besorgt zu der kränkelnden Ariana Blacksmith, die hilflos auf dem dicken Schafsfell vor dem Kamin lag, zusammengekauert und zitternd, bedeckt mit mehreren Decken und leise vor sich hin stöhnte. Die Minuten zogen mit einem ansteckenden Gefühl der Unruhe vorbei, verunsicherten den heldenhaften Burschen immer mehr. Wie konnte Ariana so kränkeln? Was war passiert und was genau steckte dahinter?

Er fasste sich ein Herz, entschied sie nicht länger schlafen zu lassen, schnappte sich das pechschwarze Heilmittel und kniete zu der zitternden Schönheit nieder. Er begann sie vorsichtig an den Schultern zu rütteln, strich einzelne schweißnasse Haarsträhnen aus ihrem Gesicht, begann sie schließlich stärker zu schütteln, in der Hoffnung, dass sie endlich reagierte. Sie seufzte und sprach stockende Worte, weinerlich und hilfesuchend, Worte eines verwaschenen Hylianisch, das Link nicht verstehen konnte. Ganz sanft tätschelte er ihre glühenden Wangen und sprach deutlich: „Ariana, du musst deine Augen öffnen, hörst du mich?!“

Sie blinzelte schwach und weitere Tränen flossen über ihre Wangen, während das Feuer neben ihnen beiden aufwallende Knacklaute von sich gab. „Link… oh Link… es tut mir unendlich leid… ich habe so viel falsch gemacht…“, zauderte sie kummervoll. 

Link atmete tief ein, erzeugte weitere kräftige Worte: „Ariana, sieh‘ mich an!“ Er hielt ihr schweißgebadetes Gesicht fest in seinen Händen, ließ seine tiefblauen Augen fordernd in ihre blicken. „Du musst das Heilmittel nehmen, hörst du!“

„Mein Held… ich…“, murmelte sie und brach in ihren Worten ab. Erneut sackte ihr Kopf lasch nach unten. Es war wie, als war der Gott des Schlafes nicht gnädig zu ihr, als zwang sie jemand in das Reich der Träume. Sie wirkte betäubt, als war es ihr verboten sich zu wehren, zu reagieren.

„Ariana!“, diesmal brüllte Link ihren Namen mit so viel Aufforderungscharakter durch den winzigen Raum, dass ihre Augen vor Schreck aufflatterten. Sie waren blutunterlaufen, ließen Schwäche und Schmerz erkennen. Tränen flossen erneut aus ihren Augen, brennende, salzige Tränen. „Link… bitte hilf‘ mir…“ Alles an Ariana entsetzte ihn in dem Augenblick, sie hatte sich zuvor niemals von irgendetwas unterkriegen lassen, sie hatte ihn niemals auf diese Weise angefleht. Wer hatte ihr diesen Zustand angetan? Wer war dafür verantwortlich?

„Ich bin hier, aber du musst die Tränen der Nayru jetzt schlucken und dafür musst du wach bleiben!“, sprach er befehlend.

„Ich kann nichts schlucken… es tut so weh…“, hauchte sie über ihre trockenen Lippen.

„Was tut dir weh?“

„Mein Bauch… mein Hals… es brennt überall…“ Ihre schmalen, kühlen Hände krallten sich an seiner schwarzen Tunika fest. „Es schmerzt… überall… wie Feuer…“, flüsterte sie. „Es ist… ich weiß, dass ich dir weh getan habe…“

Ihr Gesagtes kaum verstehend, schüttelte Link den Kopf, und nahm das perlenartige Heilmittel in der kleinen Phiole in seine unruhigen Hände. Vorsichtig öffnete er das gläserne Gefäß, und setzte das teure Heilmittel trotz Arianas Sträubens an ihre bleichen Lippen. „Du musst es jetzt schlucken!“, sprach er befehlend. Ihre großen, bernsteinfarbenen Auen ließen Widerwillen erkennen, einen Widerwillen, der sich vielleicht nicht gegen das Heilmittel richtete. In ihren Augen sprudelten Schuldgefühle, die Link weiterhin ignorierte. Er wollte nicht wissen, wovon sie redete, wollte nicht wissen, was ihr leid tat. Im Augenblick zählte nur, dass sie zu Kräften kam. Ganz sachte hob er die kristallene Phiole an, sodass ein großer Tropfen der perlenartigen, schwarzgefärbten Substanz in ihren Mund schlüpfen konnte.

Während draußen erneut der Sturm tobte und Link an Arianas Seite verweilte, tickten die Sekunden zermürbend vorüber, erzeugten Verwirrung und Ungeduld. Mit einem Anflug eines Würgereizes schluckte Ariana das teure Heilmittel hinunter, krächzte mit ihrer sonst so schönen, klaren Stimme, aber blieb in der gleichen Verfassung wie vorher. Link blinzelte, blinzelte mehrfach, hielt die kleine, gläserne Phiole in den Händen und versuchte einen unangenehmen Gedanken wegzuschieben. Irgendwo in seinem Kopf begann es zu flüstern, manipulativ und drohend: ,Es wirkt nicht… es kann nicht wirken… weil sie keine Krankheit hat…‘

Arianas schlapper Körper lag erneut hilflos auf dem weichen Schafspelz, ihr Brustkorb hob sich unregelmäßig, krachend, als besaß ihr Herz nicht die Kraft die notwendige Energie durch ihren Körpermotor zu drängen. Ihr Zustand änderte sich nicht… und je länger die Sekunden dauerten… je langsamer der Puls der Zeit durch die verborgene Holzhütte tobte, umso sicherer wurde Links Erkenntnis. Es wirkte nicht… Das Heilmittel versagte den Dienst gerade dann, wo er es brauchte. War das, was Ariana nun so quälte, vielleicht gar keine Krankheit?

In einem Anflug der Rage sprang Link auf die dünnen Beine, schaute verzweifelt auf das kleine Gefäß mit den leuchtenden, schwarzen Perlen in seiner Hand. „Wozu ist dieses teure Heilmittel überhaupt noch gut, wenn es mich nicht heilen kann und auch Ariana nicht hilft!“, donnerte seine Stimme durch den Raum. In einem Anflug der Wut nahm er es in die Linke, holte kräftig aus und wollte es am liebsten gegen die Wand knallen.

Er bremste sich mit einem tiefen Atemzug, bremste sich in letzter Sekunde und hörte gerade in dem Augenblick Ariana seinen Namen flüstern. Sie murmelte seinen Namen im Schlaf, murmelte Worte der Vergebung, bettelte nahezu, sprach durcheinander und schien sich vor ihm völlig zu verwandeln.

Seufzend ließ sich der junge Heroe erneut auf die Knie sinken, ballte beide Hände zu Fäusten und blickte in das bleiche Gesicht eines jungen Mädchens, das sein Leben durcheinander brachte und ihn immer wieder erstaunte.

„Link… ich wollte so gern… bei dir sein…“, krächzte sie. Erneut flossen Tränen über ihre Wangen, tropften wie milder Regen, der sich durch den Sonnenschein kämpfte. Sie musste wahnsinnige Schmerzen haben, Schmerzen, die kaum jemand aushalten konnte. Er streichelte ihre Wangen vorsichtig und zögerlich, spürte eine innerliche Woge des Schmerzes, als er sie berührte, spürte diesen intensiven Wunsch sie zu begleiten und ihr den Schmerz abzunehmen, etwas, was er sehr lange nicht gespürt hatte… Mitgefühl…

Und während seine Finger verspielt über ihre rechte Wange streichelten, er erstaunt war darüber, wie sanft und weich sich ihre Haut anfühlte, tropfte ein weitere Träne aus ihrem rechten Auge, war so groß und glitzernd wie als entstand er aus einer magischen Gegebenheit. Die Träne bahnte sich ihren Weg ganz langsam und zögerlich in Richtung seines Zeigefingers, leuchtete unerschöpflich, schien die glühendgelbe Glut des Feuers aufzusaugen, bis sie zu erstarren schien. Und je stärker die Träne leuchtete, umso fester schien sie zu werden, nahm eine starre Struktur und Form an, erstaunte an einer Magie, die Leben bringen konnte. Der linke Zeigefinger des Ritterschülers berührte die Träne mit Verwunderung, spürte das feste Material, das sich anfühlte wie Stein… wie ein Kristall. Er fing den seltsamen, winzigen Kristall auf, hielt ihn sachte gegen das Licht des Feuers und war erstaunt über dieses Wunderwerk… Ein Kristall, der in Regenbogenfarben schimmerte, war aus ihren Tränen geboren worden.

Intensiv betrachtete er das schlafende Wesen vor ihm, dieses wohlvertraute Gesicht, diese kleine Stirn und perfekte Nase, die großen Lippen, selbst den Leberfleck an ihrer rechten Wange. Immer mehr realisierte er, dass Ariana kein gewöhnliches Mädchen war. Sie war nicht an der Mädchenschule um irgendwelche Manieren zu lernen. Da steckte etwas viel Wichtigeres dahinter, etwas, was vielleicht auch ihn betraf… sie war magisch… ihr ganzes Wesen bestand aus Magie!

 

Mit einem fluchenden Schrei packte er die junge Schönheit ein weiteres Mal an den Schultern, sprach eindringlich ihren Namen. Er musste handeln. Immer mehr ahnte er, dass er sie nicht hierlassen konnte, dass er sie von hier weg und zu einem Heiler bringen musste.

„Bitte… ich muss jetzt einschlafen…“, hauchte sie über ihre Lippen. Ihr Atem kam heiß und stockend hervor. „Es ist… zu spät…“

„Was ist zu spät?“, rief Link panisch.

Sie öffnete ein letztes Mal die bernsteinfarbenen, wunderschönen Augen, sendete ihm Blicke, die er in den Augen eines Hylianers noch nie gesehen hatte. Es war wie, als war ein Teil ihrer Seele bereits weit weg. „Ich hab‘ dich lieb, mein Held… verzeih‘ mir… für alles“, flüsterte sie und ihre Augenlider wurden schwer. Sie sackte in sich zusammen. Ihr Puls schwächelte. Ihre Haut erkaltete… und das kostbare Leben in ihrem reinen Herzen, so ahnte der tapfere Ritterschüler, hing am seidenen Faden…

 

Links Herz setzte einen Schlag aus, als ein Teil in ihm für wenige Sekundenbruchteile alles verstand, alles, was Arianas Sorge um ihn betraf und alles, was er nicht an sich heranlassen wollte. Hier war sie, eine Seele, die nicht aufgab in ihm das zu finden, was seit über einem halben Jahr erloschen war, ihn an alle Ideale zu erinnern, die er für sich begraben hatte… und alles, was er tat, war, auf ein Heilmittel zu schimpfen, das nicht wirkte?

Der Heroe entließ einen panischen Schrei aus seinen Lungen strömen, schlug mit beiden Fäusten auf die abgenutzten Holzbalken des Bodens, donnerte seine Fäuste nieder in einer Verzweiflung, die sein verletztes Herz nicht ertragen konnte. Er schämte sich für seine Unfähigkeit, für die klagenden Worte der letzten Wochen, brüllte allen Ärger und Frust aus seinen Lungen, gewaltvoll, fluchend und betend… Ariana durfte nicht das Opfer seiner Unfähigkeit werden! Sie hatte in dieser stürmischen Winternacht den Weg hierher gefunden, sie hatte ihn lediglich unterstützen wollen! Und von Anfang an hatte er nur daran gedacht, sie wegzuschicken, weil sie in Gefahr schwebte. Ja, sie war in Gefahr, aber nur, weil sie ihm helfen wollte!

Er musste etwas unternehmen, musste sie von hier wegbringen oder einen Heiler holen! Aber wen sollte Link an diesem stürmischen Wintertag erreichen? Er konnte nicht alleine losziehen und Ariana ihrem Schicksal überlassen… er konnte sie in ihrem bewusstlosen Zustand jedoch auch nicht mitnehmen, dafür war er seit der unbekannte Fluch seinen Körper zerfraß, schlichtweg zu schwach!

Erneut brüllte Link den Selbsthass der letzten Wochen aus seiner Kehle, holte die Worte tief aus seiner Seele, und schlug die knochigen Hände auf das verdreckte Holz, bis sie schmerzten. Er sackte in sich zusammen, biss sich auf die spröden Lippen und atmete keuchend. Er schluchzte und ein weiterer Blick ging zu der verwundbaren Schönheit, die wie eine Prinzessin vergessener Tage in einen grausamen Schlaf gerissen wurde. Selbst seine Stille zerfetzenden Schreie hatten sie nicht aus ihrer Ohnmacht gerissen…

Link sank immer mehr in sich zusammen, hockte grübelnd neben seinem schwachen Gast, hockte wie hypnotisiert in der Hütte am vielversprechenden, fluchlösenden Glücksteich in der Stille jenes schneetreibenden Tages. Außerhalb knisterten die Schneekristalle, sanken mitleidig nieder, rieselten hinab, nur um zu zerfallen und sich mit ihren Geschwistern zu verschmelzen. Außerhalb nahm die Welt das Kleid des Winters bedächtig an, sank genauso wie Ariana in einen tiefen Schlaf, überdauernd und nur ein heller Strahl der untergehenden Sonne brachte ein Licht durch jene hindurch. Ein Licht…

Während der junge Held seinen Blick noch immer stetig auf Ariana gerichtet hielt und eine tiefe Erinnerung an alte Ideale in seinem Herzen pochte, betete er für ein Licht… Er betete für ein Licht, das ihm den Weg wies, ein Licht, das ihm die Zuversicht schenkte, jetzt in dieser schlimmen Stunde das Richtige zu tun…

 

Manchmal, so begannen Geschichten der Alten, und die Erinnerung an eine tiefe Aufrichtigkeit, die in den Herzen der Hylianer pochte wiederfindend, verloren sich Links Gedanken, so wie Ariana vorhin in einer melodiösen Geschichte…. Ja, manchmal… Seine meerblauen Augen erzeugten Blicke tiefer Gewissheit, dass er diesen Tag verändern konnte, mit der Erinnerung an das, was alte Geschöpfe in Hyrule schon immer wussten. Manchmal gab es Fügungen, die nur entstehen konnten aus tiefen, so unglaublich tiefen Gefühlen und Wünschen, die in Herzen atmeten. Manchmal bedurfte es keiner Magie um etwas Sonderbares und Zauberhaftes entstehen zu lassen. Manchmal lockte ein tiefer Wunsch im Herzen Fügungen des Schicksals an und dann… ja, dann manchmal… konnten Kämpfe auch ohne Schwert gewonnen werden.

Wenn ein tiefes, uraltes Gefühl in den Herzen der Hylianer erwachte, sich in das Licht des Lebens reckte wie eine verhungernde Pflanze, brauchte es kein Triforce, es brauchte nur das Gute. Einige Male zuvor hatte Link diese Fügungen in seinem Leben wahrgenommen, darauf vertraut, dass es Mächte jenseits dem Wissen der Götter gab, ein übergeordnetes Bewusstsein, das so viel mehr war als ein Gott wissen konnte. Es waren Momente, als er bluttriefend noch immer erfüllt war von legendärem Mut und besessen kämpfte. Momente, in denen er diese gigantische Fügung des Schicksals wahrgenommen hatte. Einst in der alternativen Realität…

Und sollte nun, wo er ein bisschen Glück und Mut brauchte, dieses verborgene Wissen nicht mehr sein? Seine warmen Hände wanderten zu Arianas rechter Hand, kühl war sie und schlaff, das Leben sickerte aus ihrem Körper… so leise und schutzlos… Er schloss seine Augen sinnierend, hielt ihre weiße Hand fest in seinen, betete, erinnerte die Hoffnung, die ihn einst geleitet hatte… Sie war pulsierend, gleißend weiß, wie das uralte Fragment des Triforce in seiner Hand. Sie war atemberaubend schön, ein Licht, unvergänglich und reinigend. Pochend und strahlend schön, wie das Fragment in seiner Hand.

Und als er seine Augen öffnete, sich erinnerte an ein unsterbliches Gefühl, war es, als erschuf sich mit seinem Wunsch auch hier an diesem verlassenen Ort in der Hütte am Glücksteich ein sanftes Licht, erschuf sich aus der Erinnerung, pochte und erstarkte. Das Fragment des Mutes begann zu glühen, zu leuchten so wie in nur mehr seltenen Momenten… und das gleißende Licht der legendären Macht wanderte, schickte schwingende Böen durch den dunklen Raum, flatterte umher wie ein junger Schmetterling, der einen ersten Flug wagte. Links Blick füllte sich mit Erstaunen, dort in dem schönen Blau seiner Augen erwachte Verwunderung und Hoffnung. Und das tanzende Licht, das von seinem Fragment erzeugt wurde, erhob sich, wanderte in den Lüften bis es zu dem Schreibtisch flatterte und dort stillstand, ruhte und sich wie ein Insekt auf einen Stapel Pergament setzte. Link erhob sich hastend, und sein Blick verweilte verwundert dort, wo sich das Licht seines Fragmentes sammelte… träge… pochend wie ein Herz.

Er trat hinüber zu dem Holztisch, ließ den Schimmer des tanzenden Lichts in sein Gesicht fallen und schob die vielen Pergamentblätter, die er für seine Nachforschungen brauchte, auseinander. Auf einem vergilbten Stück Papier sammelte sich das weiße Licht, funkelte immer stärker und leuchtete für Link und den Wunsch, den er tief in seinem Herzen trug. Ein leichtes Lächeln zauberte sich in seine feinen Gesichtszüge, als er den Brief in seine Hände nahm, dort, wo auf der Rückseite rätselhafter Worte, verschlungene Pfade mit goldener Tinte sichtbar wurden. Über der gesamten Rückseite erschuf sich geboren aus einem kostbaren Bedürfnis eine genaue Karte der näheren Umgebung hier in Lanayru, zeigte einen Weg von dem zugeschneiten Glücksteich zu Undoras Heim. Wortfetzen der skurrilen, alten Hexe drangen erneut in Links Geist. ,Bald ist es soweit, dass du zu mir kommen wirst… dann in der Winternacht, wo ein Gegenstück deines Herzens gequält wird…‘

,Das war es also‘, dachte der vergessene Heroe. Auf dieses Zeichen hatte er gewartet und auf diese Gegebenheit hatte Undora, die Hexe, gewartet. Noch einmal warf er einen Blick von der magischen Karte zu seinem bewusstlosen Gast. Und als er den Brief in seine Hände nahm, die Magie pochen spürte, das samtige Material in seinen Händen, den Schimmer des Lichts auf seiner Haut, entwarf sein Kopf einen neuen Plan. Er würde den Weg zu Undora finden und er wusste nun, was er zu tun hatte.

 

Wenig später werkelte Link aufgeregt in der Hütte umher. Ungeduldig schraubte er die Tischbeine von der großen Holzplatte, hämmerte mit tosenden Schlägen eine alte, aber sehr robuste Lederpeitsche, die er einst in einem Tempel gefunden hatte, an die Holzplatte, sodass er den eigenwillig konstruierten Schlitten über den Schnee ziehen konnte. Hastig füllte er den Rucksack von Ariana mit Proviant, zog sich einen dicken Umhang über, der sein Haupt bedeckte, sodass nur wenige goldblonde Haarsträhnen sichtbar waren und machte sich bereit für die Reise durch die Winternacht. Er wusste nicht, wie lange der Weg zu Undoras Heim sein würde, und er scheute die Anstrengung nicht. Er wollte Ariana Blacksmith nur in Sicherheit wissen. Besorgt trat er an sie heran, versuchte noch einmal ihr Bewusstsein zu wecken, sprach bestimmende Worte zu ihr, aber noch immer blieben ihre bernsteinfarbenen Augen verschlossen. Sie reagierte nicht, sie konnte nicht… Mitsamt der Decken und dem Schaffell legte er die schwarzhaarige Schönheit auf das Holzbrett, band die Lederpeitsche um seine Hüfte und zog den selbst entworfenen Schlitten vorwärts. Er öffnete die Tür hinaus in das federweiße Kleid des Winters, trat durch den knirschenden Schnee, biss die Zähne angesichts der Kraftanstrengung zusammen und marschierte hinaus in den dichten Wald, dort wo die glühende, orangenfarbene Sonne allmählich schwand… und der Himmel einen grollenden Sturm prophezeite.

Link schwor sich diesen Weg zu bestreiten… Ariana zu beschützen mit jedem Funken Kraft, der ihm geblieben war. Das erste Mal seit über einem halben Jahr begann er aus tiefster Seele zu kämpfen, aus tiefster Seele atmeten seine wahren Ideale, zeigten sich mit Stolz und Hingabe. Er würde sich durch die Winternacht kämpfen, jetzt erst recht, kämpfen bis der beginnende Sturm endete…

 
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