46. Kapitel
 

Gift, Rauch und Asche…

 

 

Der hylianische Wind heulte gehässig durch die eisige Winternacht, schien den einsamen Wanderer Link, der seit vielen Minuten die zuckerwatteweiße Einöde gefrorener Wälder passierte, auszulachen. Stoßweise trampelte er vorwärts, spürte die erfrierende Nässe des Schnees unter seinen Füßen und zog Ariana auf seinem selbstentworfenen Schlitten immer weiter vorwärts. Er spürte öligen Schweiß unter seinem Mantel, und ekelte sich gleichzeitig vor der Nässe geschmolzener Schneeflocken, welche seinen Leinenmantel durchdrang. Die wärmende Abendsonne hatte den Horizont völlig verlassen und eine unheilvolle Schwärze nistete sich in den stillen, einsamen Wäldern ein, hier wo Schneegestöber die Gestalt von summenden Geistern anzunehmen schien. Schleierhafte Geräusche werkelten sich durch die Stille, klirrende Laute des Eises und raschelnder Zweige, summend und verlockend. Erschrocken wirbelte der verhüllte junge Mann herum, lauschte dem Knirschen von Schnee und dem Klagegesang, den frierende Bäume und wilde Tiere hinterließen…

Link hatte vergessen wie düster und gruselig sich eine herbe Winternacht zeigen konnte. Dort in der ewigen Düsternis des silberweißen Gewandes von Schnee und Eis hausten niederträchtige Eiswesen, warteten auf verirrte Hylianer, warteten voller Gier und mit Hexerei. Eiswesen und Kreaturen, die sich in der Hitze der Sonne verbrannten, warteten dann in den Winternächten, so erzählten alte Geschichten des hylianischen Volkes. Beunruhigt, weil er spüren konnte, dass er mit Ariana nicht alleine war, beunruhigt, weil dort in der zunehmenden Dunkelheit der Wälder etwas Unbekanntes lauerte, versuchte Link sich schneller zu bewegen. Er atmete keuchend, spürte die Minusgrade in seiner Lunge schlitzen, aber wusste auch, dass er sich beeilen musste, egal wohin ihn der Weg auch führen mochte.

Seine linke Hand ruhte auf dem Griff seines Schwertes, das er an einem zerschlissenen Gürtel trug. In seiner Rechten hielt er ein kleines, schwindendes Licht, den winzigen ersterbenden Stern in Gestalt von Undoras Karte, die ihm den Weg wies. Der goldene Schein des verzauberten Pergaments war alles, was er noch besaß. Alles, um sich aus dieser Einöde zu bringen und Ariana in Sicherheit zu wissen.

 

Der dunkelgraue Umhang der Nacht und das Nebels verdeckte Links Sicht immer mehr und nur schwerlich setzte er einen Fuß vor den anderen, lauschte dem Knistern der Eiskreaturen, die sich an seine Fersen heften wollten, spürte den erfrierenden Atem des Winters heißend durch gefrorene Zweige huschen. Die finstere Einöde, in die er gezogen wurde, labte sich an einem wohlvertrauten Verrat, labte sich an jungem Fleisch, welches sie durch Kälte zu brechen nötigte. Weitere unbestimmte Geräusche, die mit ruhelosem Begehr die Stille unterwanderten, zeichneten verschlingende Pfade der Bedrängnis in Links Richtung, bis er seinen stoßweisen Trampelmarsch unterbrach, die funkelnde Karte von Undora in seiner zerschlissenen Gürteltasche verschwinden ließ und das Schwert zog. Mehr denn je spürte er Kreaturen im Unterholz, die bemüht leise durch knirschenden Schnee zu wanden sich die schlechte Sicht durch Nebelschwaden und herabfallende Eiskristalle zu Nutze machten. Link wirbelte herum, schärfte seine Sinne so gut er konnte und bereitete sich vor Eisritter, die er einst vor langer Zeit bekämpft hatte, anzutreffen. Er kannte jene Kreaturen, die sich an Kälte und Wasser nährten, die nur lebten jede Wärme hylianischen Fleisches zu vernichten. Jeder Hauch Wärme war für sie eine Bedrohung. Rasch bewegten sich jene Eisritter, schwangen Schwerter wie ihre knöchernen Vettern, die Skelettritter. Ihre langen Körper bestanden aus einer Symbiose aus Eis und Nebel, bedrohlich und nur mit Wärme zu vernichten…

 

Ein silbriges Flackern umschmeichelte frierendes Laub, flatterte wie durchsichtige, scheinende Umhänge über den schneebedeckten Boden, raschelte und blieb doch fern des einsamen Streiters, der eine Freundin zu Undora, der Hexe, bringen wollte. Bedrohlich in der Dunkelheit marschierten sie auf, die Wesen des Bösen, die kleine Kinder in ihren Träumen fürchteten. Mit dem Schwert in der Hand wartete Link, sah hetzende Schwaden seines eigenen Atems zu Frost erstarren, wartete auf einen günstigen Moment weiter zu eilen. Er spürte sie in der Ferne, Eisritter oder andere Wesen, die näher eilten und vielleicht nach ihm oder seinem Gast suchten. Er spürte ihre Entschlossenheit durch die Finsternis donnern und doch waren die Geräusche in der Ferne verblassend. Sehen konnte Link in der zunehmenden Schwärze nichts als das goldene Schillern von der Karte, das aus der Gürteltasche drang und die ihn zu einem verborgenen Bestimmungsort bringen sollte.

Zögerlich umfasste er erneut die Lederpeitsche und zog den Schlitten mit der kränkelnden Ariana weiter. Er strich sich über das spröde Gesicht, strich sich über die feuchte Nase und stolperte mit Angst im Nacken weiter. Er wusste, dass da draußen sich geschickt verflüchtigend rätselhafte Wesen warteten, er wusste, dass er mit Ariana nicht alleine war, aber was blieb ihm noch als sich weiterhin zu bewegen. Seine möglichen Verfolger wussten wohl, dass er hier war, und vielleicht ahnten sie, dass er nicht kämpfen konnte…

,Verfluchtes Pack’, murrte Link in Gedanken, ahnte, dass jene Wesen der Finsternis Genuss daran fanden ihm in dieser Dunkelheit aufzulauern, ihn nervös zu machen und vielleicht Katz und Maus mit ihm spielen wollten und vielleicht konnten jene Kreaturen, ganz gleich ob es Eisritter waren oder nicht, in der Finsternis mehr sehen als Link. Vielleicht sahen sie bereits seine Fußspuren im verräterischen Schnee…

 

Sein Weg führte ihn weiterhin nach Westen, wo eine Kette seltsam geformter Sandberge ihn empfing. Es war ein Ödland, bewachsen mit dichten Gräsern in den Sommermonaten, aber wenigen Sträuchern und Bäumen. Manche nannten jene Berge, die mit skurrilen Formen in die Höhe schossen, das Labyrinth des nördlichen Westens. Es war geheimnisverbergend und geprägt von erstaunlichen Formationen, wo starker Regen sich formend in das Gestein grub. Eine Schicht glitzerndes Eis bedeckte die eigenwilligen Gebilde aus Sand, die mit Dutzenden beobachtenden Augen Links Weg auskundschafteten. Niemand verirrte sich gerne in dieses unerforschte Gebirge, wo nichts zu finden war außer Sand… und es hieß, einmal vom Zauber des Sandgebirges verschlungen entkam man nicht mehr.

Link zog den Schlitten mit Arianas bewusstlosem Körper weiterhin vorwärts, durchquerte tunnelartige Wege, kleine Schluchten, die peitschender Regen in den Boden geschlagen hatte und erlebte hier im nördlichen Westen an der Grenze zu Eldin, wo der Schneesturm sich allmählich verflüchtigte, eine sonderbare Form der Melancholie sein Herz heimsuchen. Er war bisher nur einmal hier gewesen, aber schon damals spürte er etwas Transzendentes in den Formationen aus gehärtetem Sandstein, aus den von Regenhand geformten riesigen mattgelben Skulpturen, Gebäuden und Labyrinthen, die zusätzlich hier im Winter von silbrig blauen Schneekristallen bedeckt waren. Es schien, als hauste Leben in den Gebilden, altes Leben, das sich Träume für die Welt einbehielt. Geschichten der Hylianer erzählten, dass die Götter ein ganzes Volk in den Sandstein gesperrt hätten als ein schauriges Denkmal für jene, die die ältesten Daseinsformen der Welt anzweifelten.

Links Atem ging schwer und eine siegende Erschöpfung kam über ihn, als er einmal mehr einen Blick auf die golden schimmernde Karte zu Undoras Heim warf und wusste, dass er den richtigen Kurs gewählt hatte. Er trank von einer Flasche eisgekühltes Wasser, genoss die kühle Frische seine Kehle hinab wandern und rieb sich vor Müdigkeit die von Reif bedeckten Augenbrauen. Er wusste nicht mehr, wie lange er bereits durch die schneebedeckte Welt wanderte, aber es kam ihm vor als wären es mehrere Stunden…

 

Im Schutz einer hohen Schneemauer, die aussah, als wäre eine kristallene Welle weißes Meer in einer Sekunde überschäumender Stärke erstarrt, stützte sich Link auf seine schweren Knie, machte kurz Rast und warf einen Blick auf die erschöpfte Schönheit, für die er diese Strapazen auf sich nahm. Ariana ließ sich kaum aus ihrem tiefen Schlaf reißen, reagierte nicht auf Links Ansprache, reagierte nicht darauf, als er ihre pechschwarzen Strähnen aus ihrem blassen Gesicht strich. Zu wissen, dass sie ein reines Wesen besaß, berührte sein Herz. Zu wissen, dass sie unerklärliche Qualen erlebte, ließ den Heroen ein pulsierendes und erstarkendes Ziepen in seiner Brust spüren. Ein kleiner Stich, der ihn daran erinnerte, dass irgendetwas an Ariana mit ihm verbunden war…

Er aß etwas von dem gebackenen Hylanor, wurde hektischer mit jeder Sekunde, die vorüber zog und das erste Mal seit er diese Reise angetreten hatte, schossen Zweifel in sein Gemüt. War er sich im Klaren, was er hier tat? Er selbst, der mit einem unerklärlichen Fluch beladen war, der jederzeit ausbrechen konnte, suchte den Weg durch eine kahle, leblose Winterlandschaft, mitten in der Nacht, in der Hoffnung das Haus einer helfenden Hand zu finden. Und wäre dieses Vorhaben nicht schon töricht genug, so nahm er an, dass eine chaotische Hexe wie Undora ein Mädchen heilen konnte, von dem er nicht einmal wusste, wer sie wirklich war. Trotzallem kannte Link Ariana nur durch ein paar Aufeinandertreffen…

 

Und während die Zweifel durch sein Gemüt huschten, sein Blick sich auf der wunderschönen Ariana verlor, blitzte in der Ferne die Kampfbereitschaft von bernsteinfarbenem Stahl. Wie lodernde Äste weitentfernter Bäume tanzten peitschende Klingen. Stolze Speere mit flammenden Fahnen reckten sich in die Höhe, durchdrangen mit Farben des Dämmerlichts die verbliebenen Nebelschwaden und die Finsternis. Links Intuition hatte nicht gelogen, denn in der Ferne, verborgen unter beinahe unsichtbaren Gewändern, marschierten sie auf, kampfgewandte Krieger, die die Pfade einer anderen Welt nutzen konnten. Hochgewachsene Krieger, die sich geschickt im gespenstischen Nebel und dem verbliebenen Schneesturm kleideten. Eine ganze Scharr war es, die den Pfad des einsamen Streiters beobachtet hatte. Und an der Spitze der stolzen Ritter ragte ein stämmiger Mann empor, erhob sich wie ein Fürst, der er vielleicht sogar war. Seine Rüstung, pechschwarz, und doch bestickt mit bernsteinfarbenen Farbbändern funkelte mit vergessener Magie. Er trug einen Helm, der die Form eines Rabenkopfes besaß, ein mit Zacken versehener und mit schwarzen Federn bestickter Helm, der Gegner sich fürchten ließ.

„Mein General“, sprach einer derer, die sich geschickt der nahen Umgebung anpassten. Auch er trug eine Rüstung, die so wie die Finsternis funkelte. „Er verliert sich mit ihr…“

Der große Ritter an der Spitze, der, der einen schier riesigen Speer in seiner Hand hielt verhielt sich ruhig. Weder Gestik noch Mimik waren unter seinem Helm erkennbar. Er wirkte unmenschlich wie eine Statue. Kein Wort erklang von seinen erkalteten Lippen.

„Er nennt sie Ariana…“, sprach der wohl untergebene Ritter mit einem fremdländischen Akzent, fließend, ruhig und mit vielen zischenden Lauten untermauert. „Das konnten meine Ohren vernehmen. Ariana, ein Name des zielführenden Weges… nicht unbedeutend wir mir scheint.“

Erneut schwieg der Anführer, beobachtete scharfsinnig mit Augen, die wie grelles Feuer loderten, den Helden in der Ferne, der sich um das kränkelnde Mädchen in seiner Obhut bemühte.

„Ist sie die Unsere?“ Der scheinbar Untergebene blieb hartnäckig, wollte Worte aus dem Munde des Generals locken.  Jener ließ den Speer in seiner Hand tiefer in das splitternde Eis wandern und während der magische Stahl in das Eis sank, schien der Untergrund zu schmelzen. Doch nicht einer der Recken wunderte sich. Jeder spürte die Magie des bernsteinfarbenen Metalls die Erde entzweien, aber keiner fürchtete sich.

„Nicht einmal der Rabe kann uns dies beantworten“, erklang es mürrisch mit der rauen Stimme eines Wesens, das zu viele Erdenjahre verlebt hatte. „Was würde auch ihr Name uns sagen…“ Und der General nahm den Rabenkopfhelm ab und das stattliche, aber gealterte Abbild eines starken Mannes kam zum Vorschein. Schneeweißes, aber festes Haar spielte wild um sein Gesicht und fiel in sturen Strähnen auf die Schultern. Ein Feuer wie der letzte Schein der Sonne am Horizont an einem bleiernen Tag brannte in seinen Augen, tief hinein bis in seine alte Seele. Der General musste an die Hundert Winter gelebt haben, und war doch agil und sportlich bis in die kleinsten Knochen.

„Er wird sich und das Mädchen in die Verdammnis des Eises sperren… in ein grausames erstarrtes Element“, bemerkte der neben ihm stehende Ritter, der seinen Helm in der eisigen Kälte kaum abnehmen wollte.

Der General klang amüsiert. „Nein“, sprach er mit Sarkasmus in der Stimme. „Nicht dieser Bursche, alles, nur nicht dieser Bursche.“ 

„Es klingt, als macht Euch sein Wahnwitz kaum Sorgen. Er ist schwach und begeht mit dieser Schwäche den fehlerhaften Irrsinn durch den Schneesturm zu marschieren als wäre er auf der Flucht vor sich selbst. Wisst Ihr etwas über jenen Jungen?“

Der General verzog seine schmalen Lippen, die eine breite Narbe in Richtung Nase zierte, zu einem fast unbemerkbaren Grinsen. „Nun, es scheint als steckt in manchen der schwachen Hylianer doch etwas Mut.“ Der jüngere Ritter unterstützte jene Aussage kaum und schüttelte nur den Kopf. Es war das erste Mal, das er Schweigen der Sprache vorzog.

Wir werden das Schicksal in die Hände eines Jungen legen… so wie es die Magie einst tat. Lassen wir diesen Hylianer ziehen.“ Und mit jener Aussage bedeckte der Krieger sein Haupt erneut mit dem stolzen Rabenkopfschädel.

„Aber mein General!“, widersprach der Ritter entsetzt. „Wollt Ihr diese Chance vertun? Es könnte unsere einzige sein.“ Eine Pause beflügelte das Schweigen der alten Stimmbänder des Generals und alles, was er tat, war ein Handzeichen an seine Männer zu geben. Ein Signal, dass sie sich zurückzogen. Er kannte das Leben und die Leben danach gut genug um zu wissen, dass es für alles nicht nur eine Chance gab…

 

Gerade da erhob sich Link irritiert, blickte in die Ferne und horchte dort in den Nebeln, lauschte verwegenen Geräuschen hinterher, Geräusche von stahlbesetzten Stiefeln, die sich immer weiter verflüchtigten, so wie der Schneesturm im Bündnis mit verschleierndem Nebel mehr und mehr verschwand und das erste Mal in dieser schneetreibenden Nacht das Licht der Sterne den Weg zur Erde fand. Erneut band der tapfere Jüngling die Peitsche um seine Körpermitte und ballte die Hände zu Fäusten. Trotzig marschierte er weiter, spürte die alte Energie seines Willens in den Venen und schwang in seinem eigenen Rhythmus vorwärts. Über rutschige Eisschollen, durch meterhohen Schnee, über Hürden aus sandigem Gestein zog er dahin, bis er in der blassblau erscheinenden Ferne ein sanftes Glühen, wie das letzte Glimmen eines sterbenden Feuers, erblicken konnte. Seine Augen tränten vor Erschöpfung und seine Knie knirschten mit jedem Schritt, wollten ihm den Dienst versagen. Aber das Glühen am Horizont, so tröstlich und hoffnungsvoll, erinnerte ihn an die Macht eines legendären Augenblicks, an den törichten Mut, den er so oft aufgebracht hatte. Und je näher er dem beinahe unwirklichen Leuchten in der Ferne kam, umso deutlicher konnte er erkennen, dass dort ein merkwürdiges Steinhäuschen, geschlagen in das massive Sandgebirge, errichtet worden war, dass dort vielleicht sogar sein Bestimmungsort sich zeigte.

Seine Schritte wurden schneller und die eisige Nachtluft brannte ihm erneut stärker in der Kehle. Aufgeregt trat er weiter, sah sich selbst umgeben von zarten, silbernen Hügeln einer strauchlosen und baumlosen Ebene und nur Sandformationen ragten neben ihm wie Wachposten auf. Er trottete durch ein eigentümliches Labyrinth von heldenhaften Statuen, die Götterhände mit Naturgewalten geformt haben mussten. Über fünf Meter hohe Soldaten und Ritter kreuzten über dem tapferen Jüngling die Schwerter, bewachten das Labyrinth des nördlichen Westens würdevoll. Es schien als würde eine unachtsame Bewegung neugieriger Besucher die riesigen Wachen aus ihren Jahrhunderten andauernden Schlummer reißen können… als schliefen sie bewachend, aber aufmerksam, bis in die Ewigkeit.

Link durchquerte mit Verwunderung in den Augen einen eisigen, glitzernden Torbogen, trat vorwärts über eine reifbedeckte Brücke, ebenfalls erschaffen aus festem Sandgestein, und behielt dennoch sein Ziel im Auge. Das ferne Leuchten eines nahen Anwesens erreichte ihn fordernder und stärker. Und wie tanzende Geister entdeckte er zwei Gestalten in dem blassblauen Schleier des Eises näher kommen. Er rieb sich die Augen und versuchte in der verschwommenen Sicht der nässenden Kälte und der Finsternis auszumachen, ob jene beiden Gestalten, eine davon wesentlich kleiner als die andere, zu einer Gefahr gehörten. Er ließ Vorsicht walten, zog sein Schwert unter dem flatternden Leinenmantel hervor und bereitete sich auf die Ankunft fremder Wesen vor.

Vergessene Lichter funkelten am Abendhimmel, als Links tiefblaue Augen von Verwunderung und Hoffnung erfüllt waren, als seine schönen Heldenaugen sich schlossen nur um sich mit Freude wieder zu öffnen. Denn er kannte jene beiden Gestalten, die sich ihm annäherten, erkannte an dem Körperbau und der gutmütigen Aura die Hexe Undora, die mit einem laubgrünen Greisenstab in seine Richtung humpelte und deren warzenübersäten Gesicht keinerlei Überraschung, sondern nur Hilfsbereitschaft ausstrahlten. Und neben ihr wanderte eine stolze, aber auch gefährliche Kreatur, die scheinbar bis in den fernen Westen auf Beutezug gegangen war. Eine schwarzweiß-gefleckte Bestie auf vier Beinen, mit zotteligem Fell und Augen so gelb wie gemaltes Licht hetzte näher, stellte sich auf die Hinterläufe und warf den jungen Heroen beinahe zu Boden. Es war Wulf, der liebenswerte Wolfshund der Familie Laundry.

Mit einem feuchten Hecheln leckte er dem auflachenden Heroen über das kühle Gesicht, leckte einen Hauch Reif hinfort. Link grinste, spürte wie nun, da ein Gefühl der Sicherheit ihn überschwemmte, er sich unendlich erschöpft fühlte. Er sank auf die Knie, streichelte Wulf über das kalte, nasse Fell und blickte dankbar zu der wunderlichen Hexe, die mit einem unverschämten Lächeln vor ihm stand. Sie reichte ihm die Hand und sprach erheitert: „Sieh‘ einer an. Dieser Hund hat mich die ganze Zeit nicht in Ruhe gelassen, bis ich mit ihm vor die Tür gegangen bin und was, beim gebratenen Storch, finde ich hier: Einen dussligen Burschen, der die rechte Zeit genutzt hat um mich zu erreichen. Einfach unglaublich.“ Und genauso unglaublich war es, dass sie Link mit einem festen Griff um sein Handgelenk auf die Beine zog, mit einer Stärke, die man Undoras gebrechlichen und buckligen Körper kaum zutraute. „Schau‘ nicht so belämmert, begabter Jüngling. Du bist hier bei mir genau richtig.“

Link streifte sich einige Schneekristalle von der Hose und versuchte sich zu erklären. „Undora, bei den Göttinnen, ich bin froh, dass ich Euch finden konnte, bitte, ich brauche Eure Hilfe!“

Undora warf einige Blicke auf die Gestalt, die noch immer bewusstlos auf der zum Schlitten umfunktionierten Tischplatte lag. Ariana ruhte still, wie eine der von Götterhand gemeißelten Statuen im Sandgebirge. Edel und wunderschön. Undoras falte Hand legte sich zögerlich auf Arianas schweißnasse Stirn und zuckte im selben Moment zurück, als erschrak die seltsame Hexe an einem entsetzlichen und wundersamen Gefühl, das Ariana vermittelte. 

„Ich verstehe“, sprach die Hexe leise. „Komm‘ mit mir, wir müssen sie sofort ins Warme bringen.“

Link nickte dankbar, band die Peitsche erneut um seine Hüfte, als aber der bedrohlich wirkende Wolfshund seine Zähne fletschte und ein gellendes Heulen ausstieß. Da war eine kommunizierende Kraft in diesem merkwürdigen Tier, die Link sofort verstehen konnte. „Du willst mir helfen, richtig…“, meinte der blonde Bursche leise und klopfte dem kräftigen Tier über den Rücken. „Will hatte schon Angst, dass du gar nicht mehr zurückkommst…“, setzte der Ritterschüler hinzu. „Aber es ist doch etwas sonderbar, wie du den Weg zu Undora finden konntest.“ Und damit band Link dem heulenden Vierbeiner die Peitsche um, der sogleich in einem hastenden Tempo über den Schnee donnerte und Undora und Link hinter sich ließ. Schnurstracks führte er Ariana zu Undoras alter Steinhütte, eine in das Sandgebirge gemeißelte Unterkunft, die mit vielen Fenstern wie Augen dem Fels Leben einhauchte. Auch Link nahm die Beine unter die Arme, erreichte mit Undora das seltsame Anwesen in Sand, Schnee und Eis und wusste, dass es eine Fügung seiner Schutzgöttin Farore sein musste, die ihm half in jener Sekunde das Richtige zu tun. Er hatte vielleicht nicht als der vergessene Held Hyrules, sondern als hilfsbereiter Ritterschüler seine Pflicht getan…

 

Der Innenraum von Undoras seltsam anmutendem in eine hohe schiefrige Felswand gehauenem Anwesen, das mit Eiskristallen wie Puderzucker tapeziert war, schien noch geheimnisvoller und bewundernswerter als von außen ersichtlich. Die wenigen runden und ovalen Glasscheiben, die mit einer anmutigen Präzisionsarbeit in das Felsengestein eingearbeitet waren, ermöglichten feinen Lichtstrahlen auf eine verspielte Weise nach innen zu dringen, mit der sonderbar warmen Wirkung der grauen und sandgelben Farben des Gesteins zu spielen. Und obgleich Undoras Behausung sehr hoch war und mehrere verwinkelte, steinerne Treppen von lediglich einem Raum in die Höhe führten, so war der Innenraum an sich nicht besonders breit oder lang. Auf mehreren Stockwerken hatte Undora hier am Rande der Zivilisation ein kleines magisches Reich erschaffen, wo seltsame Pflanzen Blumentöpfe sprengten und Insekten und kleine Tiere wie Vögel, Mäuse, Eichhörnchen, ja sogar verlorene Feen hausten. Und überall in diesem Hexenhaus roch es süßlich nach zerschmolzenem Zucker, und Unmengen von Gerümpel wie zerflederte Bücher, Glasflaschen, Kleidungsstücke, und kleinere Möbelstücke lagen herum.

Eiligst legten Link und Undora den bewusstlosen Körper von Ariana Blacksmith auf das steinerne Bett, das mit Dutzenden weichen Tierfellen besteckt einladend wirkte. Nervös hockte Link auf den Knien neben der Hexe, die hektisch die Stirn und beide Handgelenke der schwarzhaarigen Schönheit abtastete. „Beim Kuckuck, das gefällt mir ganz und gar nicht!“, raunte die Hexe aufgeregt, stolperte mit ihrem runden und schweren Körperbau über jede Menge Unrat, hastete an das Bett heran und hüpfte vom Kamin, wo Wulf es sich bequem machte, zu einer Wendeltreppe in eines der höheren Stockwerke. Link hörte sie energisch schimpfen, lauschte der Unruhe, die die Hexe mit ihrer eigenen Magie erzeugte. Und diese Unruhe half weder ihm noch seiner Freundin.

Zögerlich nahm Link die rechte Hand der ohnmächtigen Schmiedtochter in seine beiden Hände, spürte die Leblosigkeit und Schwäche in ihrem Körper und blickte in das bleiche Gesicht, wo kaum mehr Leben atmete. Er sprach ihren Namen eindringlich und streichelte das kaltnasse Haar aus ihrem Gesicht, als Undora mit einem riesigen Mörser gefüllt mit einer schwarzen, ascheartigen Substanz an seine Seite hastete, ihn zur Seite stieß und anpflaumte: „Wir haben keine Zeit, du musst mir sofort unter die Arme greifen!“ Selbst Undoras Aussehen bestürzte ihn. Die gewöhnlich verdreckte, mit schwarzen Federn ausstaffierte Hexe hatte augenblicklich Gesichtszüge wie ein junger Elf und grünes, glimmendes Haar verdrängte mit einem plötzlichen Zauberschub das graue, dürre, das mit Vogelmist bekleckert war. „Hol‘ mir den Korb neben dem Ofen, sofort!“, pfefferte sie umher, zürnte, bis Link vor Bestürzung davon hastete. Erst jetzt schien der junge Bursche in vollem Ausmaß zu begreifen, wie ernst die Lage war. Wenn selbst die immer gut gelaunte, gelassene Undora so wetterte, dann musste sich Ariana in einem schlimmeren Zustand befinden als Link befürchtete…

Während die alte Hexe mit Mörser und Stößel die aschefarbene Substanz an Arianas Seite zerstampfte und eine dicke, laubgrüne Flüssigkeit unter das Pulver hob, betrachtete sich Link einen langen geflochtenen Strohkorb, auf dem ein maßgeschneiderter Deckel saß. Als Link das Gefäß in die Höhe hob, wackelte es und ein abartiges Zischen drang daraus hervor, wie die warnenden Geräusche einer Schlange.

„Jetzt glotz‘ nicht so belämmert, Held, du wirst schon sehen, was in dem Korb ist“, pfefferte Undora wie ein Sturmgewitter durch den Raum. „Bring‘ ihn mir endlich her!“ Schleunigst brachte der nervöse Bursche den Korb an Undoras Seite und verlor sich mit einer auffressenden Unruhe, die ihn heimsuchte. Irgendetwas an Ariana und ihrem bedrohlichen Zustand ließ ihn beinahe seine eigene Schwäche vergessen. Er tropfte und realisierte erst in dem Augenblick, wie durchgeweicht seine Kleidung von dem Schneegestöber war. Hilflos beobachtete er Undoras merkwürdige Handlungen. Die alte Hexe strich ihre langen Trommelärmel zurück, ihre plötzlich nicht mehr faltigen Hände mit langen Fingernägeln wie Klauen bereiteten sich vor zu arbeiten. Bestürzt sah der junge Held zu, wie Undora begann Arianas weinrote Tunika aufzuknöpfen, und nicht nur dies. Rasch zerschnitt die Hexe das weiße Hemd, das Ariana unter ihrer Leinentunika trug, sodass ihre wohlgeformte Brust sichtbar wurde. Links Gesicht wurde augenblicklich so rot wie Feuer, hatte er abgesehen von den Erfahrungen in einem Traum noch nie die Brust eines Mädchens gesehen…

Er stammelte: „Was tut Ihr hier?“ Und ein Teil in ihm konnte und wollte nicht wegblicken, so sehr er sich auch um seine Manieren bemühte. Arianas Körper war wunderschön… ihre Haut so weiß, glatt und rein wie Porzellan.

Erneut giftete Undora mit einer rasenden Stimme durch die Behausung: „Das braucht dich nicht zu interessieren! Hilf‘ mir lieber sie zu entkleiden, wir müssen sie mit der Asche des Bernsteinrabens einreiben, sonst stirbt sie uns weg! Und wenn sie stirbt, Bursche, dann ist für dich alles aus! Alles, was für dich noch Glück bedeutet, ist an sie gebunden.“

Sprachlos musterte Link Undoras farbwechselndes, hypnotisierendes Augenpaar, sah eine unheimliche Gewissheit darin. 

„Hast du mich verstanden, Link!“, schimpfte Undora noch lauter. Energisch packte sie den Ritterschüler an seinem Kinn und zog sein Gesichtsfeld in ihren Aufmerksamkeitsfokus. „Ich glaube nicht, dass sie es gutheißen würde, wenn sie wüsste, wie du sie anstarrst!“

„Entschuldigung…“, stotterte er und bedeckte sein fiebrig rotes Gesicht mit beiden Händen. 

„Du wirst schon noch Gelegenheit haben sie so anzustarren, aber erst, wenn sie wieder gesund ist!“ Und damit zerrte Undora den restlichen weißen und weinroten Stoff von dem anmutigen Oberkörper der bewusstlosen Schönheit. Arianas ruhende Form wirkte so zerbrechlich wie weiße und schwarze Blütenblätter. Ihre brennenden Schweißperlen liefen über ihre Kinnpartie bis hinab zu ihrer Brust wie zarte Regentropfen. Undeutliche Worte vor sich hin brummelnd drückte Undora den riesigen Mörser in Links Hände und tauchte ihre eigenen, faltigen in die cremige, dickliche Substanz und ließ jene wie flüssiges Metall Arianas Körper umspielen. Sorgsam bedeckte Undora den gesamten entblößten Oberkörper des Mädchens, das selbst durch die Handlung nicht aus ihrer Ohnmacht fand.

„Warum… ich meine… was hat es mit dieser Substanz auf sich?“, murmelte Link leise und beobachtete wie Undora in einer geschmeidigen und zärtlichen Weise die Asche des Bernsteinrabens auf Arianas Haut verteilte und einmassierte. Undora musste nichts weiter erklären, musste nicht einmal ihre Lippen bewegen, als Link den Prozess allmählich verstand. Die kostbare, schimmernde Asche begann Arianas weiße Haut zu umspielen als wäre jene flüssig wie geschmolzenes Metall. Träge bewegte sich die Aschecreme über den bewusstlosen Körper, wanderte über Arianas Hals, zu ihrer Brust bis hin zu ihrem Bauch mit einer übernatürlichen, und doch sinnlichen Lebendigkeit. Und als die magische Flüssigkeit, erschaffen aus der Asche des Bernsteinrabens, den glatten Bauch der jungen Schönheit erreichte, wich jene augenblicklich davor zurück, bildete Wellen wie tiefes Wasser, in das man einen Stein warf. In etwa dort, wo Arianas Magen saß, wich die Substanz zurück, zischte, als berührte sie Feuer.

„Da haben wir ja den Übeltäter“, raunte Undora, stellte den riesigen Mörser unsanft zur Seite, sodass dieser energisch klirrte und drückte den raschelnden Strohkorb, aus dem ein unruhiges Zischen drang, in Links von Schwielen überdeckten Hände. „Halt‘ ihn gut fest.“ Er nickte bloß, als die Hexe den kratzigen Deckel vorsichtig herunter schraubte. Und in dem Augenblick, wo sich der Deckel hob, zischte es deutlicher, fauchte wie eine wilde Katze. „Egal, was geschieht, bleib‘ ruhig!“, belehrte sie, und auch diesmal konnte Link mit erstauntem Blick lediglich nicken. Und gerade in dem Moment, erhob sich säulenartig ein glimmender, weißlicher Rauch aus dem Behälter, brannte in den Augen, schlängelte sich fest um Undoras Handgelenk bis hinab zu ihrem Ellenbogen wie ein Kriechtier, pulsierte, knisterte. Und mit ihrer Hand packte sie den augenlosen Kopf der magischen Kreatur, quetschte diesen beinahe. Mit ihrer anderen Hand packte sie Ariana an ihrem zarten Kinn und öffnete so ihren trockenen Mund, aus dem ein quälendes Keuchen drang.

„Ihr wollt doch nicht etwa…?“, stotterte Link und erhielt noch im selben Augenblick einen warnenden Blick aus Undoras Seelenspiegeln, tief in ihnen glomm ein rubinroter Funke der Warnung. Und nur Sekundenbruchteile später schlüpfte der knisternde Rauch in Arianas Mund, arbeitete sich durch ihre Kehle hinab zu ihrem Magen. Mit geweiteten Augen beobachtete Link den Prozess und spürte sein Herz stolpern. Immer weiter schlüpfte das magische Wesen in Arianas Leib, als ihr Körper begann zu vibrieren und schließlich unkontrollierbar zu zucken. Mit einem Schlag riss die junge Schönheit ihre blutunterlaufenen Augen auf, umfasste Undoras Arme bettelnd und begann sich hektisch zu bewegen. Sie kämpfte gegen den Prozess, kämpfte gegen eine bestialische und schmerzvolle Heilung. Tränen rannen ihre Wangen hinab, als die quarzweiße Schlange in ihrem Inneren werkelte. Sie wurde immer panischer, wurde von Undora gewaltvoll niedergedrückt und sah bettelnd in Links sturmblaue Augen.

„Hört auf damit, Undora, Ihr tut ihr weh!“, sprach Link bestimmend und umfasste ebenfalls Undoras Arme energisch. „Seht ihr nicht!“

„Willst du, dass sie gesund wird oder willst du sie gleich hinter meinem Haus begraben?“, fauchte die Hexe und stieß den ohnehin schwächlichen Helden mit einer heftigen Bewegung zur Seite. Fassungslos hockte der Ritterschüler auf dem eiskalten Steinboden und beobachtete wie Undoras Teufelsinstrument in Arianas Bauch auf Wanderschaft ging. Das hübsche Mädchen mit den bernsteinfarbenen Augen keuchte, schrie gegen den zermürbenden Prozess und bewegte sich fortwährend, saugte mit knackenden Tönen Luft durch die Nase und sackte schließlich zusammen, als gab sie den Kampf gegen Undoras fragwürdiger Heilkunst auf.

„Nein! Hört endlich auf damit!“, brüllte Link ein weiteres Mal. Gerade da sprang Wulf mit einem Satz auf das steinerne Bett, heulte eine erschreckende Arie durch das mehrstöckige Anwesen und starrte den verzweifelten Helden bedrohlich nieder. Irritiert wich Link zurück, wollte sowohl Undora, als auch dem mysteriösen Wolfshund der Laundrys vertrauen, aber es fiel ihm verdammt schwer. Arianas leidvolles Stöhnen, ihre bettelnden Bewegungen, schlitzten in seiner Brust…

„Gleich ist es geschehen… “, rief Undora, ihre Stimme hallte von Entzückung zu Wahnsinn, von Freude zu Erstaunen. Und mit einem rupfendem Knacken zerrte sie die Bestie aus weißem Rauch, die sich quälend und zischend erneut um das Handgelenk der Hexe schlängelte, aus Arianas Leib, und mit der weißlich schillernden Kreatur riss sie einen blutigen, rubinrot schillernden Stein aus ihrer Körpermitte und hielt jenen gefangen in dem Maul der Rauchquarzschlange.

„Was ist das?“, und auch Link begutachtete das glimmende Objekt, das fest von den vibrierenden Zähnen der quarzweißen Schlange umschlossen wurde.

„Beim gebratenen Storch!“, zürnte Undora, wirbelte mit der Schlange und im Maul dieser den pulsierenden Stein festumklammernd zu dem Kamin, während ihre Seelenspiegel beinahe zärtlich die Farbe wechselten und giftgrün glühten. „So etwas habe ich seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen. Ein wirklich bestialisches Artefakt!“

Vorsichtig ließ sich der junge Heroe an Arianas Seite nieder, streichelte mit den Handballen über ihre Stirn, spürte kühle und allmähliche Gesundung in den Körper des Mädchens zurückkehren. Arianas schweißnasses Gesicht nahm einen schwachrosa Teint an, ihre Atmung glich dem sanften Plätschern des Lebens. Sie heilte… Link spürte, dass sie heilte. „Den Göttinnen sei Dank…“, murmelte der junge Held schwach, lächelte wunscherfüllt… lächelte ohne zu wissen, dass er lächelte.

Ein raunendes Zischen schreckte den jungen Heroen aus seinen Gedanken. Er blinzelte und sah Undora die Rauchquarzschlange zurück in den Korb stecken, als ein unnatürliches schwarzloderndes Feuer im Kamin in die Höhe schoss, mit einem Ruf durch das Gebäude röhrte als kämpften zehn Bären in den Flammen und mit dem gigantischem Dröhnen knallte eine gleißende Energie durch den Raum, ließ die Gegenstände wackeln und endete mit einem schrillen Pfeifen.

Sorgsam deckte Link Ariana mit einem der Tierfelle zu und trat hinüber zu Undora, die mit einem langen Stock in den glühenden Kohlen herumstocherte. Sie suchte nach dem Objekt, das Ariana leiden ließ und fand den bösartigen Stein schließlich. Es rauchte und stank bestialisch nach verwesendem Fleisch, knisterte und blubberte. „Es ist ein Giftkern, Link“, erklärte die alte Hexe und gerade in dem Augenblick verschwand ihr junges Äußeres. Störrische Falten durchzogen ihr Gesicht, gekräuseltes, graues Haar bedeckte ihr Haupt und der Geruch von Vogelmist haftete an ihr.

„Ein Giftkern?“, sprach Link irritiert.

„Dein Gespür sie zu mir zu bringen hat nicht gelogen“, sprach die Hexe. „Du hättest ihr nicht helfen können… sie wurde vergiftet. Hättest du sie nicht hierher gebracht, hätte sie die Nacht nicht überlebt.“

Fassungslos sprach Link stockend. „Wer sollte Ariana vergiften wollen und warum?“

„Pst, pst! Sieh‘ hin!“, sprach Undora energisch und deutete auf den zerschmelzenden Giftstein. „Du musst es erfahren!“ Tatsächlich floss in dem Augenblick aus dem verkohlten, schimmernden Stein, der vorher von Arianas Blut bedeckt war, eine rubinrote Flüssigkeit, die sich im Feuer räkelte, die sich bewegte wie ein sterbendes ungeborenes Leben. 

„Das ist ja widerwertig…“, murmelte Link angeekelt, sah wie das letzte Glühen der Kohlen die fleischliche Substanz einnahm, und sah mit Erleichterung wie sie sich auflöste.

„Ich sagte doch, es ist ein bestialisches Artefakt, ein magisches Kunstwerk, hergestellt von einer schier mächtigen Kraft“, erklärte die Hexe und stützte sich auf ihren grünen Greisenstock. „Das Mädchen muss dieses Ding schon zwei oder drei Tage in ihrem Körper haben. Normalerweise ist jeder, der so einen Kern verspeist binnen weniger Stunden tot… ein Wunder, dass sie das überlebt hat. Sie muss unheimlich stark sein…“ Undora schüttelt aussagekräftig den warzenübersäten Kopf.

Ja, dachte ein wissender Teil in Links alter Seele… Ariana war stark und sie musste es sein, denn dies war die einzige Rettung für viele. „Es hatte also nichts mit meinem Fluch zu tun?“, sprach der Ritterschüler leise und sah noch einmal nach der schlafenden Schönheit mit dem rabenschwarzen Haar.

„Nein, ganz und gar nicht… andererseits, wer weiß schon?“, entgegnete Undora und legte eine ihrer faltigen, dürren Hände auf Arianas Brustkorb. „Sie ist nun außer Gefahr, ihr Leben soll blühen.“ 

Der junge Held gähnte und streckte sich schließlich. Nun, da Ariana über dem Berg war, spürte er eine marternde Erschöpfung über seinen Körper hereinbrechen.

„Und auch du solltest etwas ruhen, vergessener Held der Zeit“, meinte Undora. Sie deutete auf einen warmen Schlafplatz neben dem Kamin, einige Tierfelle waren dort übereinander geschichtet. Schnaufend ließ er sich dort nieder, fühlte sich wie betäubt und verstand erst jetzt allmählich, was die letzten Stunden geschehen war. Er hatte aus einem Gefühl heraus Ariana zu ihrer einzig möglichen Rettung gebracht… und stand nun vor neuen Rätseln. Ariana, die taffe Schmiedtochter, die ihm so ans Herz gewachsen war, wurde vergiftet… und nicht nur von einem gewöhnlichen Gift wie es die üblichen Gift- und Heiltränkebrauer herstellten, nein, eine fremdartige, überaus mächtige Energie steckte dahinter einen solchen Giftstein zu erschaffen. Und welcher Gedanke lag da näher als der, dass irgendjemand wusste, wie wichtig Ariana mittlerweile für ihn war. Vielleicht ging es nicht um Ariana per se, vielleicht wurde sie nur vergiftet, um dem Helden der Zeit zu schaden…

Link hockte sich trübsinnig zusammen und beobachtete das bisschen Dunst der verbliebenen, glühenden Kohlen emporsteigen. Es war angenehm warm und sicher hier, aber wie wohl würden die nächsten Monate für ihn verlaufen. Er hatte durch die neuen Bekanntschaften und sein neues Leben als Ritterschüler beinahe vergessen, dass er der Held der Zeit war und vergessen, dass andere durch seine Anwesenheit zu Schaden kommen könnten. Wie nur sollte dem jungen Heroen die Reichweite der Ereignisse, die sein Schicksal formten, noch klar werden?

„Ich sehe, du zweifelst“, sprach Undora und auch sie sank vor dem Kamin nieder, verlor sich mit Blicken aus ihren weisen, alten Augen in dem letzten Atemzug, den das Feuer nahm, während im Hintergrund die wenigen Tiere in ihrem Heim summten.

„Ich bringe Ariana in Gefahr, Undora…“, seufzte Link. „Sie sollte nicht so lange in meiner Nähe sein.“

Aber entgegen einem strengen Blick, den Link erwartet hatte, sendete Undora ihm ein erhabenes Lächeln der Zuversicht. „Deine Nähe ist ihre Heilung und ihr Sinn. Bedenke, dass du sie wohl dann am besten beschützen kannst, wenn sie bei dir ist.“

Link stutzte. „Ihr irrt Euch…“

„Ganz und gar nicht“, sprach die Hexe mit ihrer kratzigen Stimme. „Wenn sie nicht bei dir gewesen wäre, wo du deine Pflicht tust und das richtige ersinnst für die Rettung anderer, hätte sie keinen weiteren Tag auf dieser Welt genießen können.“

Das so verbitterte Gefühl in Links Augen schwand mit einer wärmenden Wonne, die aus Undoras Worten geboren wurde. Er kannte diese Wärme, rein, heilsam. Ein sonniges Gefühl berührte ihn… etwas, das er in seinen schlimmsten Stunden so sehnsuchtsvoll erinnerte, sich daran labte wie ein hungerndes Tier an einem kristallklaren Bach… Träume hatten ihn zu einem Wesen wie Ariana geführt… einst, so unvergänglich und transzendent, pochte Erinnerung in ihm. Ja, alles an Ariana erinnerte ihn an jemanden, an eine Aura, die er so oft in seinen Träumen gespürt hatte. Wie oft erklang es in seinen Träumen als sprach jemand mit ihm… wie oft zeigte sich alles, was er brauchte in seinen Träumen in Gestalt von Symbolen und bedeutungsschwangeren Bildern, die er kaum verstehen wollte. Und irgendetwas flüsterte in ihm… flüsterte: ,Realisiere, was sie für dich ist. Du brauchst sie… wie deinen Lebenssaft.‘

 

„Woher wusstet Ihr dass ich zur rechten Zeit in der Lage sein würde die Karte zu aktivieren? Woher wusstet Ihr, dass Ariana zu mir kommen würde“, sprach Link leise, sein Blick glitt erneut hinüber zu der ruhenden Schmiedtochter.

„Ich wusste es nicht, Link. Das, was geschehen ist, ist geschehen, musste so geschehen und nicht anders. Das, was geschah, wusste niemand vorher“, meinte Undora und auch sie erhaschte einen Blick zu der schlafenden Schönheit. Die alte Hexe grinste dann, klatschte in die Hände und bedankte sich bei ihrem Schutzgott, dem Heiligen Storch, für die Kraft der Magie, die sie diese Nacht nutzen durfte. „Du musst dich die nächsten Tage um sie kümmern. Wehe, du schickst sie fort, dann schicke ich dir die graue Hexe vorbei!“

„Keine Sorge!“ Link kniff schuldbewusst die Augen zusammen und wedelte mit den Händen. „Das würde ich niemals…“ So schlimm fand er Arianas Anwesenheit auch wieder nicht, zumindest nicht so schlimm, dass er den Besuch der grauen Hexe, dieser ohrfeigenverteilenden Gewitterziege, ertragen wollte.

„Apropos graue Hexe… was wisst Ihr über sie?“

Undora schnaufte und stützte sich mit zusammengepressten Lippen auf ihren giftgrünen Gehstock. „Es gab einst fünf von ihnen… fünf legendäre Hexen… eine rote, eine blaue, eine grüne, eine graue und eine schwarze“, begann sie und erwartete, dass Link ihren Worten aufmerksam lauschte.

„Du kanntest zwei Schülerinnen der roten Hexe… Kotake und Koume…“, fuhr sie fort.

Link erstaunte und wollte gerade das Wort erheben, als Undora einen Zeigefinger auf ihre Lippen legte und um sein Schweigen bat. „Hör‘ mir gut zu!“, sagte sie. „Die rote Hexe begann Verrat… verflucht soll ihr Name sein, den ich nicht ausspreche.“

„Undora, warum habt Ihr mir davon nicht eher etwas berichtet?“

„Guter Jüngling… es gibt leider so viele Dinge, die du nicht weißt.“

„Das ist wohl wahr“, meinte er trocken und blickte erbost in Richtung der glühenden Kohlen. „Diese graue Hexe…“

„… ist eine meines Zirkels“, setzte Undora fort. „Und sie ist eine der großartigsten Hexen dieses Zeitalters gewesen. Sie verschwand vor einigen Jahren, verlor sie doch ihre Familie in dem Krieg. Es war für mich ein Herzenslächeln sie lebend anzutreffen. Das hätte mir nicht einmal der große Storch verraten können.“ Und Undora lachte wie ein kleines Kind. 

„Und Ihr seid die grüne Hexe, was?“, meinte Link und ballte beide Fäuste.

„So ist es, meine Affinität ist die Heilung, das Leben und alles, was blüht.“

Link grinste gehässig, fühlte einen alten Ärger hochkochen, realisierend, dass er auch jetzt wieder derjenige war, der die Dinge lieber zu spät erfuhr, der nicht eingebunden wurde, der veralbert wurde. Er biss die Zähne zusammen und schüttelte den Kopf. „Und die Affinität der grauen Hexe ist Ohrfeigen austeilen, was?“, murrte er. Aber selbst durch seine Provokation war Undora nicht aus der Ruhe zu bringen, ihr leuchtendes, lebendiges Gemüt schien sich von nichts erschüttern zu lassen.

„Nein, begabter Jüngling“, sprach sie sanft. „Die Neigungen der grauen Hexe umfassen Licht und Zeit…“ Und erneut lächelte die alte Dame und ihr Lächeln ließ die Pflanzen in ihrem eigentümlichen Haus rascheln und Blühten sprießen. „Und jetzt, finde deinen Schlaf, ich muss jemanden konsultieren… vor Morgengrauen werde ich wieder hier sein.“ Und damit hüpfte Undora zu ihrer Eingangstür, und war hastig aus dem Gebäude verschwunden. Sie musste Links Groll gespürt haben, ließ sich davon jedoch nicht anstecken. Und sie sah nicht das trübsinnige Kopfschütteln des Jungen, der dem beschützenden Wolfshund Wulf über den Kopf streichelte. Und sie sah auch nicht den verwirrenden Kummer in seinen gläsernen, und doch so schönen sturmblauen Augen…

 
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