47. Kapitel
 
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Kapitel 16: „Dein Fluch ist die Amnesie.“

 

 

Als Ariana sich aus krankhaften Schatten erhob, ihre schweren Augenlider unregelmäßig zuckten, wusste sie, dass sie von bilderleeren Dingen geträumt hatte… Bilderleer nannte sie ihre Träume, die sie seit Wochen begleiteten. Ohne Verstand. Ohne Gefühl und ohne Gestalt. Und als sie ihre bernsteinfarbenen Augen öffnete, eine eigensinnige Kälte in sich spürte und ein süßlicher Geruch ihre spitze Nase umschmeichelte, wusste ein Teil in ihr, dass sie hier an diesem Ort nicht ohne Grund war. Ein uriges Hexenhäuschen gab sich vor ihren Sinnen preis, und ihre Neugier erkundete verlockend die fremdartige und doch gemütliche Umgebung. Wände aus frostigem Gestein. Karamell, das die Luft färbte. Und tickende, piepsige Geräusche kleineren Getiers summten in ihrem Ohren.

Sie nahm die Nacktheit ihres Körpers wahr und doch beunruhigte sie diese nicht, denn alles, was sie spürte, war diese ehrliche Neugier und ein Gefühl, als hätte sie jemand aus einem Alptraum gerettet. Sie fühlte sich befreit, auf eine widersinnige Weise erlöst. Ihr gesamter nackter Körper vibrierte vor Wohlgefallen und erweckender Aufregung, sodass sie sich selbst umarmte und immer inniger berührte. Sie streichelte über ihre kühle, leicht zitternde Haut ihrer Arme und hatte den Eindruck noch nie etwas Wundersameres gespürt zu haben. Diese unbezweifelbare und scheinbar gottgegebene, wohl aber kreative Symbiose aus Energie und Materie beeindruckte sie immer mehr… und diese irrsinnige Fähigkeit der Seele den Körper zu spüren…

Sie blinzelte mehrfach und spürte erst jetzt die Anwesenheit eines stolzen Getiers, welches an dem Bettende wachte und in einer entspannten katzenartigen Haltung die ruhende Schönheit mit gelben Augen, die wie gleißendes Licht funkelten, musterte. Es war Wulf, der Wolfshund von William Laundry, der sie anstarrte, als wüsste er alles über sie. Er verhielt sich völlig ruhig, wärmte ihre Füße und ließ sich selbst durch Arianas Bewegungen nicht aufschrecken, bis er seine katzengelben Augen wieder schloss und die Schmiedtochter wusste, dass er sich nicht weiter rühren würde.

Sie erhob sich träge, schlang eine leicht kratzige Wolldecke um ihren nackten Körper und wurde von einer stummen kleinen Fee begrüßt, die klirrend um ihre spitze Nase tanzte. Ihr zuckersüßes Antlitz, bestehend aus bronzefarbener Haut, dunklen Locken bis in ihre Fußsohlen und ein Kleidchen wie flüssiges Karamell, trug zu einem Lächeln bei, das Ariana auf ihren erschöpften Gesichtszügen spürte. Die rebellische Schmiedtochter hatte schon immer eine Neigung zu dem Feenvolk, wenngleich sie leider noch nie die Geburt von Feen beobachten konnte. Das kleine Geschöpf deutete auf ihren kurzen Halsbereich und Ariana verstand ohne Weiteres. Die kleine Fee war stumm, konnte kaum wie anderer ihrer Artgenossen liebliche Klänge erschaffen. Vorsichtig berührte die junge Schmiedtochter den winzigen Hals der Fee mit der Fingerspitze ihres rechten Zeigefingers und lächelte erhaben.

„Das ist traurig… eine Fee sollte singen können…“, sprach sie mild, worauf das magische Geschöpf eine kleine Träne über die Wange perlen ließ. Und die kleine, liebliche Fee deutete mit einem herzlichen Grinsen zu einem Platz neben dem Kaminloch, wo alte Glut schmorrte. Verwundert entdeckte die schwarzhaarige Schönheit den vergessenen Helden Hyrules zusammengekauert neben dem Ofen ruhen und erst da kamen ihre Erinnerungen wieder. Sie erinnerte sich, dass sie aus absurden Gründen nach ihm gesucht hatte, dass ihr gesamtes Wesen bei dem Gedanken an ihn erfüllt war von Sicherheit. Und sie wusste wieder, dass sie in einer gesundheitlichen Bedrängnis war…

Ariana lächelte der Fee einmal mehr entgegen und nickte lieblich, worauf die Fee in die Höhe tanzte und sich in einem Nest versteckte. Ihre Aufmerksamkeit widmete sich erneut dem jungen, ruhenden Helden der Zeit, der so unschuldig auf mehreren Fellen kauerte. Barfuß trat Ariana zu ihm hinüber, spürte den kalten Steinboden unter ihren weichen Fußsohlen und schlang die Decke etwas enger um ihre schlanke, leicht zitternde Gestalt. Als sie sich bewegte, fielen ihre in Schweiß getränkten pechschwarzen Strähnen hinab und streichelten ihren nackten Rücken. Sie wusste um ihre Attraktivität, wenngleich sie sich nicht sehr fiel daraus machte. Es gab mehr als eine Situation, in welcher sich das männliche Geschlecht ihrer bedrängt hatte, aber selbst dann hatte sie mit Bravur ihrem Raufboldcharme nachgegeben. Sie kniete vorsichtig nieder, war verzaubert von dem stillen Licht des Guten, das den einsamen Ritterschüler Link umgab. Sie wusste irgendwo in einem warnenden Splitter ihrer Persönlichkeit, warum sie den Helden suchte und warum er ihr… egal, was auch immer kommen mochte, am Herzen liegen würde.

Sein Gesicht war blass, eine der frischen Narben des Kampfes am Destiniatempel war im schwachen Licht der Glut gut sichtbar. Ganz zaghaft berührte sie jene Stelle an seiner Wange. Sein goldenes Haar war ein wenig zu lang mittlerweile… nur mühsam hielt der unsaubere Zopf, den er sich gebunden hatte, die langen Strähnen zusammen. ,Sie würde ihm die Haare in den nächsten Tagen schneiden‘, entschied sie mit einem Grinsen.

 

„Der Storch hat nicht zu viel versprochen wie mir scheint“, raunte es mit mürrischer Stimme direkt hinter Arianas Rücken. Sie erschrak und musterte mit großen bernsteinfarbenen Augen eine dickliche Dame über die Schwelle der Eingangstür huschen. Sie war mit Schnee bedeckt, ein ranziger, grauer Mantel über ihrer runden Figur war an einigen Stellen gefroren. Aber in den Gesichtszügen der Hexe waren ihre Wangen rotgekühlt, leuchteten wie Tomaten. Sie schlug die quietschende Tür unsanft zu, sodass der neben dem Kamin schlafende Link einen kurzen Seufzer von sich gab, sich umdrehte und weiter schlief. Auch der mausgraue Wolfshund ließ sich nicht von Undoras Anwesenheit beeindrucken, erhob sich kurz und kuschelte sich erneut in das Bärenfell auf dem Steinbett.

„Du bist bei bester Gesundheit, Mädchen?“ Die Frage klang eher nach einer belanglosen Feststellung. Ariana nickte fahl, warf noch einen Blick zu dem schlafenden Link und trat vorsichtig in Undoras Richtung. Sie musterten sich beide mit verstecktem Ehrgeiz und tiefem Wissen, musterten sich interessiert, wo sie beide Magie in dem anderen spüren konnten. „Da ist eine Magie, die kämpft und beschützt, heiligt und schändet, liebt und hasst. Eine Magie wie eine kristallene Oberfläche… wie spiegelndes Eis… und doch so rot wie ein sich erhebender glutroter Sonnenaufgang“, murmelte Undora und stapfte mit ihrem gewichtigen Äußeren näher. Sie schnupperte an Arianas pechschwarzem Haar, schnupperte mit einer feinen Nase, wo sie doch nach Vogelmist und verfaulten Kräutern stank. „In dir wohnt die Magie wie ein Fass, das beinahe überquillt. Du weißt dies, Mädchen, nicht wahr?“

Arianas Augen verengten sich zu Schlitzen und ihr Lächeln wurde schelmisch. „Das könnte man wohl vor einer der legendären Hexen nicht verstecken“, sprach sie spitz. Ihre sonst so klare Stimme klang krächzend, als habe sie seit Wochen ihre Kehle nicht mehr befeuchtet.

„Wahrlich nicht.“ Undora lachte leise und deutete auf einen Krug, der mit frischem Wasser gefüllt war und setzte hinzu: „Du kannst dir sicherlich selbst einschenken.“ Ariana rümpfte die Nase und murrte unverständliche, aber streitsüchtige Worte vor sich hin. „Das habe ich durchaus wahrgenommen, junges Fräulein. Wenn du glaubst, dass du hier bedient wirst, kannst du gerne in deinem nackten Zustand dieses Heim verlassen.“

Die junge Schönheit verdrehte die Augen, atmete tief ein, nahm sich eine Tontasse, füllte diese mit ihren zitternden, weißen Händen und trank das kristallklare Gut so schnell, dass sie sich beinahe verschluckte. ,Als ob sie es nötig hatte sich von einer uralten Hexe bedienen zu lassen‘, dachte sie. Sie war kein eitles Prinzeschen, das andere herum kommandieren mussten. Mit einer weiteren gefüllten Tasse wand sich das sechzehnjährige Mädchen in Undoras Richtung, die gerade ihren Mantel ablegte und sich streckte. Es war wie, als schüttelte sich ein mit grauen Federn ausstaffierter, unechter Vogel, denn die mit Federn benähte Schürze an Undoras fettem Leib erzeugte ein beinahe tierisches Antlitz. Und überall an jener Schürze hing Dreck und Vogelmist.

„Mich wundert womöglich kaum, dass du nicht sofort fragst, was hier geschehen ist“, sprach Undora sachlicher.

„Mich wundert ebenfalls nicht, dass du über mich Bescheid weißt, Undora“, erwiderte Ariana stur.

„Oh, ich weiß bei Weitem nicht alles und vielleicht noch weniger als ich hoffe“, entgegnete sie. „Ich spüre nur eine starke Magie, die sich hinter deinem Erscheinungsbild verbirgt, was nicht heißt, dass mir diese Magie klar ist.“

Seufzend nahm die jugendliche Schönheit wieder Platz und trank gierig von der Tasse. In ihrem Mund lag ein schwefliger Geschmack, es fühlte sich beinahe an, als war ihre Kehle wund und aufgerieben.

„Und ich frage mich, ob dir selbst deine Magie überhaupt klar ist.“

Arianas bernsteinfarbene Augen funkelten mit tiefen Geheimnissen, die sie keiner Menschenseele preisgeben würde. Auf eine beinahe erschreckende Weise sprachen ihre Augen von Macht und Reichtum, mehr als Undora es erahnen konnte.

„Du hast diese Momente, wo du ganz genau weißt, wer du bist, habe ich Recht?“

Arianas Blick wurde bärbeißig. Mittlerweile fühlte sie sich hier bei dieser legendären Hexe wie auf einer Anklagebank. Ja, sie wusste durchaus, dass sie Momente hatte, in denen ihr das Leben, welches sie in Hyrule führte, mehr als seltsam vorkam. Das Zuhause, das sie bei ihrem Vater Lynel Blacksmith fand. Ihre Identität als Schülerin einer Benimmakademie. Und ihr zänkisches Gemüt und schließlich eine eigenartige Anziehungskraft, die sie ausgehend von Link spürte, einem Jungen, mit dem sie kaum etwas verband und den sie nicht kennen konnte.

„Der Junge hat seinen Hals riskiert um dich hierher zu bringen, du warst in einem sehr miserablen, brenzligen Zustand“, erklärte Undora und streckte sich einmal mehr, sodass ihre uralten Gelenke knackten. „Aber was erzähle ich, du weißt ohnehin, dass du vergiftet wurdest.“

Sie nickte bestimmend, senkte ihr Haupt und legte eine Hand auf ihr Herz, eine edle Geste, die ihr wahres Ich kaum mehr anmutiger erscheinen lassen konnte.

„Obwohl ich durchaus überrascht bin, wie ein Artefakt wie jenes der Roten Hexe in deinem Körper landen konnte. Wirst du mir dies erklären, Mädchen?“

Ariana schüttelte schweigsam den Kopf. Irgendetwas in ihr wollte sich mit diesen Dingen nicht beschäftigen. Gefahren waren überall in Hyrule zu finden und der Keim des Bösen wucherte in jeder Epoche des Lebens. Wozu sollte sie sich damit beschäftigen, wo es nicht ihre Aufgabe war irgendetwas davon zu lösen? Oder war es dies doch? Sie rieb sich über ihre Stirn, spürte den Anflug von Kopfschmerzen bei dem Gedanken, dass etwas in ihr ein abscheuliches Pflichtgefühl verlangte.

„Die Rote Hexe vergiftet nicht ohne Grund ihre Ziele, du musst dir im Klaren sein, dass es nicht bei diesem einen Versuch dir zu schaden bleiben wird.“

Ariana nickte einmal mehr. „Und es wird auch nicht dabei bleiben, dass versucht wird all dem Guten zu schaden. Alles, was in den nächsten Wochen geschieht…“ Und sie krallte sich inniger in die Decke. „… ist eine verfaulende Wurzel, die sich in die Geschichte Hyrules gräbt in der bittersüßen, zerstörerischen Ignoranz das gesamte Gleichgewicht unserer Völker umzukehren.“ Und das schwarzhaarige, anmutige Mädchen kniete nieder, streichelte einmal mehr dem schlafenden Link über das Gesicht. „Und man wird versuchen ihm zu schaden… ihn soweit zu erniedrigen, bis er sich nicht mehr aufrichten kann. Links Seele ist an das Fortbestehen der gesamten Weltenordnung geknüpft und es gibt nur eine Kraft, die versucht ist, dieses Gesetz zu brechen. Es ist das Urböse, Undora.“

„Beim gebratenen Storch“, und die alte, stinkende Hexe hockte sich auf einen mit Leinen bespannten Sessel. „Du langweilst mich, junges Fräulein.“

Entsetzt erhob sich Ariana und funkelte der Grünen Hexe mit bleichem Gesicht entgegen. „Das ist kein Scherz, Undora.“

„Natürlich nicht, aber wenn dir Link und Hyrule so wichtig sind, dann verstecke dich nicht länger hinter einem falschem Gesicht“, raunte sie in einer mehr als giftigen Stimme. „Ich habe meine Pflicht getan und dem Burschen geholfen dich zu heilen. Herausfinden, was mit dir geschehen ist und Kenntnisse darüber gewinnen, wer hinter diesem Übel steckt und wie man denjenigen aufhalten kann, entzieht sich meinen Fähigkeiten, das weißt du besser als ich.“

„Du bist die Grüne Hexe, auch du hast Pflichten!“ Arianas hübsches Gesicht verzog sich mit einem hässlichen Gram. 

„Aber dein widersinniges Hin und Her nervt mich und es kommt selten vor, dass ich von etwas genervt bin. Entscheide dich endlich, ob du nachforschen und dich konfrontieren willst oder ob du lieber nichts tust!“

Ariana seufzte, aber war gleichzeitig dankbar über Undoras Standpauke, die absolut notwendig war. Es kam nicht oft vor, dass sich jemand mit Ariana auf kommunikativer Ebene messen konnte… 

„Was wirst du also tun, Mädchen?“ Undora funkelte mit ihren übersinnlichen, farbwechselnden Augen in die bernsteinfarbenen der Schmiedtochter.

„Ich werde tun, was ich kann…“, antwortete sie. „Restlos alles…“  Und sie sprach von uralten Idealen, von einem unzerstörbaren Ehrgeiz, alles zu tun, was diese Welt ihr abverlangte.

„Das bedeutet, du wirst dem Helden helfen seinen Weg wieder zu finden?“

Ariana nickte.

„Und du wirst beginnen in dich zu lauschen?“

Ein weiteres Mal nickte das schöne Mädchen. „Ja, ich werde beginnen… dem Schicksal nicht länger zu entfliehen.“ Dies war vielleicht das richtige Wort für den Zustand, in dem sie sich seit einer halben Ewigkeit befand. Seit einiger Zeit lief sie vor allem davon, was mit ihren Pflichten zu tun hatte, lief vor Verantwortung weg, sträubte sich sogar vor den Gefühlen, die in ihr wallten. Sie war vor ihrem eigenen Schicksal davon gelaufen, schämte sich für Fehler, die sehr weit zurücklagen, schämte sich bei einem Blick in den Spiegel ihrer schauspielerischen Gestalt.

„Mir scheint, du bist sehr lange vor etwas in dir davon gelaufen, kann das sein?“

„Ja… mehr als es mir klar war. Das Wort ,Schicksal‘ verlangt mir einiges ab… manchmal habe ich angefangen dieses Wort zu verteufeln.“ Das Mädchen blinzelte und versuchte aufkommende Bilder vergangener Fehler zu unterdrücken.

„Schicksal ist ein großes Wort! Aber beim Storch, es ist gut“, rief die Hexe und klatschte in die Hände. „Dann kannst du, sobald der Bursche aufwacht, mit ihm verschwinden.“ Es war deutlich spürbar, dass Undora keine längeren Gastbesuche akzeptierte. Ihre Aufgabe war mit der Heilung der Schmiedtochter beinahe erfüllt.

Das halbnackte Mädchen sank vor dem Kamin nieder, spürte mit den hitzigen Flammen des Feuers ihren Körper erfüllen. Eine hitzige, aber wohltuende Energie breitete sich in ihrem Körper aus, brannte heilsam in jeder Ader, ließ ihren Lebenssaft vibrieren. Und das glimmende Leuchtwerk spiegelte sich auf Arianas Seelenspiegeln, als wollte es Türen in eine ferne Welt öffnen. „Sag‘ mir, sind alle legendären Hexen so eigensinnig wie du, Undora?“ Und die junge Schmiedtochter grinste.

„Du musst dies doch am besten wissen, oder irre ich mich?“, entgegnete die Alte. Ariana lachte verdächtig, aber beließ es darauf zu antworten.

 

Gerade in dem Augenblick richtete sich Link schlaftrunken auf, streckte sich und noch ehe er die Augen wahrhaft geöffnet hatte, gähnte er laut und deutlich. Erst dann rieb er sich die Augen und blickte mit einer langsamen, schweren Mimik in seinen ansehnlichen Gesichtszügen in Undoras Richtung und schließlich voller Verwunderung zu Ariana. Man konnte ihm ansehen, wie seine Erinnerungen mit einem Schlag zurückkehrten und ein leichtes Entsetzen in seine Gesichtszüge trat. Er erhob sich hastig und trat etwas scheu, die Hände in die Hosentaschen steckend vor das Mädchen, das er unter Aufbietung seiner Kräfte hierher geführt hatte und das ihm eine neue Freundin geworden war. Er vermied einen Blick in ihr käseweißes Gesicht, vermied die Auseinandersetzung mit den Gefühlen der Angst, die in seinem Herzen nisteten. Er war dankbar, dass sie erwacht war und letztlich so gesund sein musste, dass sie stehen konnte und mit Undora diskutiert hatte.

„Guten Morgen, Link“, sprach sie sanft und lächelte. Und auch ihre Stimme erschien ihm völlig gesund, so weich und frisch. Er nickte unsicher.

„Naja, so früh am Morgen ist es nicht mehr“, mischte sich Undora ein und marschierte mit einem grimmigen Lächeln auf den Lippen in eines der höheren Stockwerke. Es schien beinahe so, dass die Wendeltreppe nach oben mit Undoras schwerem Gewicht zu wackeln begann.

„Ich…“, begann die Schmiedtochter und strich sich einige zerzauste, schwarze Haare aus dem Gesicht. „Ich… möchte mich bei dir bedanken, dass du dich um mich gekümmert hast.“

Er grinste rotwerdend und kratzte sich am Kopf. „Keine Ursache… ich meine, du hast dich auch schon um mich gekümmert, als es mir schlecht ging.“

„Trotzdem danke…“, murmelte sie leise.

„Dir geht es soweit… äh…gut?“

Sie nickte schwach.

Erst dann, nach diesem holprigen Anfang einer Konversation, begann sich Link wieder zu entspannen. Arianas Auftreten und darüber hinaus noch Undoras neugierige Anwesenheit machten ihn nervös darin, dass zu sagen, was er tatsächlich sagen wollte. Er verstand trotz allem noch nicht so recht, was überhaupt geschehen war und erinnerte sich an das Teufelsgift, das Undora aus Arianas Körper geholt hatte. Etwas zaghaft blickte er in die feinen und schönen Gesichtszüge des sechzehnjährigen Mädchens, sah erneut eine Vertrautheit darin, die ihm das Herz wärmte und die ihn in dem Moment beinahe erschreckte. Arianas gesamtes Wesen, ihre Aura und ihr eigensinniges Temperament ließen ihn für einen Sekundenbruchteil erkennen, wer sehr ihre beiden Schicksalsfäden verknotet waren.

„Es tut mir leid, dass ich dir Sorgen bereit habe“, sprach sie aufrichtig, ihre bernsteinfarbenen Augen schillerten mit einer wohltuenden Wärme.

„Es ist schon in Ordnung“, erwiderte er, obwohl Unmengen von Fragen über das merkwürdige Gift in Arianas Leib in seinem Kopf wüteten. Sein Blick sank hinab, eher unabsichtlich verloren sich seine Augen auf der nackten Haut ihres Dekolletés, wo die Decke sie nicht schützte.

Und die eher ruhige, wohlwollende Mimik in ihrem hübschen Gesicht schwand mit dem Anflug einer Warnung. Sie sprach angriffslustig: „Ich hoffe, du hast nichts gesehen, was du nicht solltest.“ Sie wackelte mit der Nase und schien beleidigt zu sein. 

Link verschränkte trotzig die Arme, aber sein Gesicht verriet Scham. „Ich bin nicht derjenige gewesen, der dich ausgezogen hat.“

„Das hättest du aber gerne, wie?“ Das hübsche Mädchen klapperte mit den Zähnen vor Aufregung.

„Wenn du damit alte Kamellen aufwärmen willst und auf die Sache am Glücksteich anspielst…“

„Ja, was dann?“, muckte sie auf. Ihr ganzes Feuer kam zum Vorschein, was dem Helden verdeutlichte, dass es ihr wahrhaft gut ging und das Gift keine weiteren Konsequenzen hatte. „Was kann ich dafür, dass du deine Augen nicht dort lassen kannst, wo sie hingehören!“

„Das ist ja ungeheuerlich!“, platzte es aus Links Kehle. „Du bist doch diejenige, die sich ständig ungefragt in meine Angelegenheiten einmischt!“ Und mit einem Mal war da eine Kluft zwischen ihm und Ariana, die er nicht hatte kommen sehen. Sie waren sich über den Weg gelaufen, hatten einige seltsame Aufeinandertreffen gehabt und waren sich sogar auf einer sehr innigen, freundschaftlichen Ebene näher gekommen, sodass er sie mittlerweile als sehr wertvolle Freundin ansah. Sie hatte ihn gepflegt, als sein Fluch ihn zermürbte und er hatte sie vor den Gefahren eines Giftes gerettet. Aber warum sie sich gegenüber nun so streitsüchtig verhielten, verstand Link keineswegs. „Du bist einfach bei mir aufgetaucht und das in einem Zustand, der dich hätte umbringen können. Du wurdest vergiftet, ist dir das klar?“

Ariana rümpfte die Nase und hielt kurz inne. Es war ersichtlich, dass sie versuchte nachzudenken. „Es tut mir leid…“, sagte sie ein weiteres Mal. „Du brauchst nicht so sauer werden, ich habe es verstanden.“ Sie blickte entschuldigend drein. „Ich habe irgendwie die Nerven verloren…“

Link zwinkerte und kratzte sich erneut am Kopf. Was, beim Deku, passierte hier eigentlich gerade? Ariana war entweder noch immer durch den Wind, oder sie wusste tatsächlich nicht, was sie wollte. Hatte sie gerade versucht ihn zu provozieren?

„Undora musste dir die Kleider vom Leib nehmen, um herauszufinden, was mit dir nicht stimmt“, erklärte der junge Heroe. Er begann nervös mit seinen Händen zu spielen, schämte sich dafür, dass er Arianas nackte Form gesehen hatte, aber er konnte es auch nicht mehr ändern.

„Ich weiß…“, murmelte Ariana schließlich und drehte dem Heroen den Rücken zu. „Sie hat mir alles berichtet. Ich möchte das, was hier geschehen ist, nicht weiter thematisieren. Bitte, lass‘ uns klären, was zu klären ist und dann zurück zur Glückshütte gehen.“

Auch Link nickte, obwohl ihm wahrlich alle Haare zu Berge standen. „In Ordnung“, meinte er widerwillig und hörte Undora in dem Augenblick die Treppe hinab trotten. Sie hatte einige Kleider auf ihrem rechten Arm hängen und drückte diese Ariana in die Hände. „Es wird allmählich Zeit, dass ihr beide wieder aufbrecht, jetzt wo der Tag begonnen hat“, sprach Undora. Die alte Hexe schien ungeduldig, obwohl sie sich zumeist sehr gelassen verhielt. Sie füllte zwei Taschen mit einem wärmenden Teegetränk auf und verstaute diese in einem Korb. Zusätzlich dazu legte sie einen Laib Brot und ein Stück geräucherten Schinken. Sie huschte durch ihr Zuhause, schien überhaupt zu brodeln und überzuquellen vor Unruhe. Seitdem sie vorhin wiedergekommen war, schien sich an Undora eine Seite zu zeigen, die sie lange unterdrückt hatte. Vielleicht hatten Arianas Worte von dem Pflichtgefühl der legendären Hexen doch mehr bewirkt als es den ersten Anschein nahm.

„Ich sag‘ dir, sie will uns einfach nur loswerden“, flüsterte Ariana.

„Auch das habe ich gehört, junges Fräulein!“, zankte die Hexe und sendete einen messerscharfen Blick aus plötzlich rubinroten Augen in Arianas Richtung. „Es ist erheiternd wie viel Dankbarkeit du den Menschen gegenüber zeigen kannst, die dir zur Seite stehen und dich retten“, schmetterte sie in die Richtung der Schmiedtochter, worauf jene in Schuldgefühlen verstummte.

,Nicht gut Kirschen essen mit jenen Hexen‘, dachte Link, aber wunderte sich keineswegs. Bisher hatte er nicht wirklich gute Erfahrungen mit dieser Sippe gemacht. Gerade da fiel ihm der Brief mit Undoras Karte wieder ein. Er nahm den Brief an sich und überflog jene Worte erneut.

„An meinen dummen Jungen,

auf der Rückseite dieses Briefs steht eine Karte, die dich zu der Hütte von Undora führen wird. Ist die Zeit gekommen, wirst du wissen, dass du zu ihr gehen musst. Sie wird dir helfen können, deine Krankheit, deinen Fluch, egal, was es ist, das auf dir lastet, verstehen zu lernen. Aber überstürze nichts. Willst du sie zu der falschen Zeit finden, wirst du sie nicht finden. Hab’ Geduld, mein dummer Junge und übe dich darin durchzuhalten. F.L.“

Hatte die Absenderin nicht betont, dass Undora ihm helfen könnte seinen Fluch zu bewältigen oder jenen zu verstehen? Er blickte auf, sah die rundliche, alte Frau in ihrem selbstgenähten Federanzug grimmiger und grimmiger werden und wie eine graue Schneeballkugel durch das Haus tanzen. Ob es eine so gute Idee war Undora deswegen noch länger zu belästigen?

Derweil zog sich Ariana hinter Links Rücken die frische Kleidung an, eine eisblaue Tunika mit langen Ärmeln und ein schwarzes Leinenhemd, das an manchen Ecken unter der Tunika herausragte. Sie band sich das lange, gewellte Haar zu einem schnellen Zopf und zog sich einen Mantel über wie auch ein Paar Stiefel über die Füße. Und mit einem flinken Satz hüpfte auch Wulf auf seine Beine, schüttelte sein zotteliges Fell, sodass seine Läuse den gesamten Innenraum bevölkerten. Heulend huschte er an Links Seite, rieb seine feuchte Nase an dessen rechtem Hosenbein und blickte mit wachen gelben Augen in die Höhe, bis er mehrfach um Links Gestalt im Kreis hüpfte. Der junge Heroe kniete nieder und kraulte dem treuen Getier den Kopf. „Du willst Ariana und mich begleiten, was?“ Er wippte den Kopf, als wollte er nicken. Link lachte, er lachte so ausgelassen wie als hatte er noch nie im Leben gelacht.

Mit Verwunderung beobachtete die Schmiedtochter Links Geste, blickte ihm auf eine entzückte Weise entgegen, die ihn irritierte, sodass er das Lachen stoppte. Er fühlte sich beinahe ertappt. Ja, er hatte sein Lachen für eine lange Zeit vergessen, aber es hatte sich gerade so ungemein richtig angefühlt…

„Weißt du“, sprach Ariana leise und lächelte. „Du könntest ruhig öfter lachen… Es tut niemandem weh, ganz im Gegenteil.“ Link erhob sich träge, blickte mit seinen sturmblauen Augen nieder und schwieg. Es war ihm anzusehen, dass er seine wahre Natur spürte, dass er den einstigen Helden der Zeit in sich spürte, der noch immer verbissen kämpfte.

„Vergiss dein wahres Ich nicht…“, sprach das Mädchen leise und faltete aus einer leichten Unruhe heraus die Hände.

Er wendete ihr den Rücken zu und murmelte gezwungen: „Ich habe es längst vergessen…“

„Link…“, seufzte sie; sie wollte etwas darauf sagen, ihm mitteilen, wie sehr sie mitfühlte und ihn verstand, aber ihr blieben alle Worte in der Kehle.

 

Und es war auch dann, dass Undora näher trat und der jungen Schmiedtochter den Korb mit dem Proviant in die Hände drückte. „Dies ist für eure sichere Rückkehr, bitte geh‘ schon einmal vor, Schätzchen.“ Ariana rümpfte verärgert die Nase, und stapfte widerwillig vor die Haustür.

Sich am Kopf kratzend sah Link, wie Ariana kochend vor Wut aus dem Haus hetzte und die Tür borstig hinter sich zuknallte.

„Die jungen Damen von heute haben schlichtweg keine Manieren“, meinte Undora und ließ erneut einen Bruchteil ihrer weniger einschmeichelnden Persönlichkeit an die Oberfläche. Sie entleerte die Gase ihres Darminhaltes als besaß sie keinerlei Manieren und Schamgefühl. Link verkniff sich eine Bemerkung zu dem mehr als verächtlichen Geruch, der von Undoras Gestalt ausging und blickte der Hexe fragend in das warzenübersäte Antlitz.

Undora schielte mit ihren plötzlich grünen Augen zu der eigenwilligen Karte, die der junge Bursche in seiner linken Hand umkrallte.

„Dieses Schreiben und diese Karte stammen also von der grauen Hexe.“

„F.L., mmh?“, erwiderte Undora. „Ja, das sind die scheinbaren Initialen der grauen Hexe… und es ist ihr eigen, dass sie kaum jemandem ihren wahren Namen verrät. Selbst der Zirkel der Hexen kennt ihren wirklichen Namen nicht. Sie hatte sehr viel zu verbergen, ihre Person war mir immer ein riesiges, wenngleich wohlwollendes Mysterium.“

„Sie wollte, dass ich mit Euch über meinen Fluch spreche.“

„Und willst du das denn auch?“ Die alte Hexe lachte und während sie lachte drückte sie ihre großen warzenübersäten Hände in die Hüften und streckte ihren dicken Bauch heraus.

Link knüllte das Stück Pergament zusammen. Sein ernster Blick verlor sich auf seinen abgemagerten Händen. „Es mag töricht von mir erscheinen, dass ich mich den Worten dieser eigenwilligen Hexe verpflichtet fühle“, erklärte er. „Aber als mir diese graue Hexe begegnete… und so seltsam die Aufeinandertreffen mit ihr waren, so habe ich dennoch das Gefühl, dass sie mir lediglich helfen will.“

„Auch wenn dir ihre Motive nicht klar sind?“, sprach Undora und kniff ihr rechtes Auge zusammen.

„Mehr als schleierhaft würde ich meinen…“, sprach Link und blickte auf. Das Leuchten in seinen tiefblauen Augen war sehr fern, in den letzten Monaten oftmals verwaschen und doch keimte dort tief drin ein Hoffnungsschimmer. „Immerhin nennt sie mich einen ,dummen Jungen‘.“

„Könnte sie wohl damit recht haben?“, scherzte Undora und stützte sich auf ihren Gehstock, aber sie lächelte.

Link runzelte die Stirn und seufzte unzufrieden. „Ich glaube nicht, dass Ihr etwas über die Motive der grauen Hexe wisst, habe ich Recht?“

„Nun ja, ich weiß zwei Dinge, Held der Zeit“, erklärte sie. Beinahe bedrohlich gewissenhaft funkelten ihre Augen nun. „Die graue Hexe ist dem Guten verpflichtet und es ist ihre Aufgabe das Gute zu beschützen, dich eingeschlossen. Der andere Grund dir zu helfen liegt wohl darin, dass du die Macht der Zeit einst genutzt hast und vielleicht wieder nutzen wirst. Es ist nicht umsonst, dass die graue Hexe die Elemente Licht und Zeit verkörpert. Sie hilft dir also, weil auch sie mit der Zeit spielen kann.“

Link kratzte sich an seinem spärlichen Bartwuchs, bis einige Grübelfalten aus seinem Gesicht verschwanden. „Das klingt logisch.“

„Du darfst wohl gespannt darauf sein, wann die Zeit bestimmt ihr erneut zu begegnen“, lachte Undora mit schiefer Stimme, beinahe so, als verbarg sie dennoch ein geheimes Wissen vor dem Burschen. „Und es scheint, als ob die Zeit dir auch helfen kann deinen Fluch besser zu verstehen.“

In das Gesicht des jungen Ritterschülers fiel der Schatten von Sorge und Trübsinn. „Ihr sprecht noch mehr in Rätseln als die graue Hexe“, seufzte er. 

Undora klatschte in die Hände, wohl als gutgemeinte Geste den Burschen aus seinem plötzlichen Trübsinn zu holen. „Ich kann dich nicht von deinem Fluch heilen, aber vielleicht kann dies niemand sonst außer dir selbst“, sprach sie. „Vielleicht musst du die vielen Ratschläge, die dir andere zukommen lassen, selbst jene der grauen Hexe anders interpretieren, als ewiglich nach einer Heilung oder Lösung zu suchen. Die Lösung liegt vielleicht nur in dir selbst und in Zeit.“

Link sah bedrückt zu Boden, nahm Undoras Worte auf, als hätte er sie bereits schon einmal gehört. Vielleicht war genau das die Antwort, die er brauchte. Die Heilung seiner momentanen Gebrechlichkeit lag doch nur in ihm selbst. Er selbst konnte kämpfen, auf die Beine kommen und sich beweisen, dass er auch das neue Böse in Hyrule mit der Macht des Mutes bezwingen konnte. Aber der Mut lag nun mal nur in der Hand desjenigen, der von jenem überzeugt war. Und der Kranke würde nicht gesunden, wenn er sich ohne Willen von scheinbar Heilenden Händen helfen ließ. Der Kranke konnte nur gesunden, wenn er mithalf. Und der Verfluchte konnte manchmal seinen Fluch nur selber brechen. Das war Farores Gesetz! Und mit einem neuen, stärkenden Gefühl hob Link seinen Blick in die Höhe.

Und auch die uralte Frau richtete ihren Blick hinauf in die oberen Stockwerke. „Blicke in mein Haus, Jüngling. Siehst du das Leben?“

Beinahe verspielt beobachteten Links Seelenspiegel die vielen Wesen in den höheren Stockwerken tanzen. Dutzende Feen flatterten wie Schmetterlinge in der Luft, genossen Ausgelassenheit und Frohsinn. Kleine Vögel zirpten wie die feinsten Instrumente und sangen Lieder einer vergessenen Freude. Undora hob ihren rechten Arm nach oben als wollte sie in diese Freude fassen, die in ihrem Zuhause lebte. „Jeder Sinn liegt doch nur in dem Leben. Jede Energie liegt doch nur in dem Leben. Und daher ist alles, was sein kann, doch nur Leben“, sprach sie mildtätig. „Und alles, wofür wir kämpfen in Hyrule, ist das Leben. Alles, was grünt und blüht. Alles, was liebt. Und jeder Fluch ist auch an Leben geknüpft…“, endete sie.

Link verschränkte die Arme und wurde Undoras Gerede allmählich müde. „Bitte, Undora, kommt endlich zum Punkt.“

„Du hast noch weniger Geduld als deine aufsässige Begleiterin“, murrte sie und spuckte, während sie sprach. Sie wackelte mit der Nase, sodass die riesige Warze auf jener ebenfalls wackelte. Sie wippte mit einer Hand und räusperte sich. „Ihr beide passt ja wahrlich prima zusammen“, grummelte sie, so dass es Link kaum verstehen konnte. „Also gut, ich muss dir wohl noch etwas mit auf den Weg geben.“ Undora lief auf und ab, faltete ihre Hände am Rücken und lief fortwährend vor Links Nase hin und her. Die Sekunden zogen sich in die Länge, erzeugten Ungeduld in dem Gemüt des jungen Burschen, der sich kaum traute Undora noch weiter herauszufordern. Stattdessen kniete er nieder und kraulte die zottelige Mähne des riesigen Wolfshundes. Als wollte das stolze Getier zu ihm sprechen wippte jenes mit dem Kopf, seine stechenden gelben Augen erschütterten, ließen Bedrohlichkeit und doch Güte sprechen.

„Ah, ich weiß“, stieß Undora plötzlich aus und klopfte mit einer Hand auf den schlanken, schönen Kopf des kräftigen Tieres. „Es ist wie als quält man ein Wesen, das Farore mit ihrer Güte und ihrem Mut erschuf. Quält man jenes, kämpft es unerbittlich.“

„Worauf wollt Ihr hinaus?“, meinte Link und seufzte. Wie viele schräge Einfälle aus Undoras vernarbtem Mund sollte er noch durch seine Gehirnwindungen wandern lassen?

„Es muss etwas mit dem Kampf um das Überleben zu tun haben!“

Link erhob sich träge und blickte seitwärts. „Ihr glaubt, mein Fluch ist Resultat eines Kampfes?“ Er verschränkte die Arme erneut. „Undora, darüber habe ich selbst bereits nachgedacht, und ich habe dazu ohnehin eine Information des Chadarkna. Dieser Dämon ist für meinen Fluch verantwortlich, vermute ich…“

„Ja, aber du hast noch nicht weiter gedacht, junger Bursche!“ Freudestrahlend klatschte sie in die Hände und hüpfte in die Höhe, sodass ihre Gelenke krachten.

„Wie meint Ihr?“

Sie hob ihren rechten Zeigefinger und lachte. „Bist du jemals nach einem brutalen, ergreifenden Erlebnis, nach einer Schlacht, in eine Form von Amnesie gerutscht?“

Link wusste nicht, worauf sie hinauswollte, aber er ließ sich gerne belehren. „Nein…“, sprach er trocken.

„Bist du jemals nach einem heftigen Schlag… mit einer Gehirnerschütterung… in eine Amnesie gerutscht?“

„Nein“, sprach er erneut.

„Meinst du denn, es ist so einfach für dich in einen solchen Zustand zu geraten?“

„Nein“, und Link runzelte die Stirn. Es war ihm anzusehen, dass sich eine neue Idee in seinem Kopf manifestierte. „Das Triforcefragment sollte mich davor bewahren.“

„Dann, beim Storch, was ist diese Amnesie überhaupt?“, meinte Undora und grinste über ihr gesamtes faltiges Gesicht.

Der vergessene Held biss sich auf die Lippen und erneut wurden seine tiefblauen Augen schwer, doch noch immer so voller Ausdruck flüsterte in ihm die ewige Tapferkeit. Konnte es wirklich so einfach sein? Mit leicht geöffnetem Mund sah der Heroe bestimmend in Undoras sich wechselnde Augen. „Wollt ihr damit sagen, dass meine Amnesie mehr als ein Schutz ist vor unangenehmen Erinnerungen oder entstanden ist durch etwas, was ich nicht weiß?“

„Vielleicht!“ Und Undora grinste wilder. „Ergründe es!“

Link klopfte sich auf seine Stirn. „Warum habe ich nicht früher daran gedacht? Das würde bedeuten, die Amnesie ist ein Teil des Fluches und nicht nur eine Folge oder ein Nebenprodukt?“

Undora wackelte verdächtig mit ihrer runden, dicken Nase und nickte. „Und wenn du dich erinnern könntest, vielleicht hast du dann einen neuen Weg vor dir den Fluch zu brechen.“

„Es könnte sogar sein, dass die Amnesie mich abhält den Fluch zu bewältigen, was?“

„Durchaus“, sprach die Hexe.

Link seufzte. „Aber eine der Großen Feen Hyrules meinte, der Fluch wäre nicht zu brechen.“ Undora sendete ihm einen Hoffnungsschimmer und doch fühlte der Ritterschüler, wie ihm jener durch die Finger glitt.

„Vielleicht ist er das nicht. Aber wer wäre der Held der Zeit es nicht zumindest einmal zu versuchen?“

„Ihr habt Recht“, entgegnete Link, blickte sorgenvoll drein, aber nahm sich Undoras Worte zu Herzen.

„Dein Fluch ist die Amnesie…“, fasste die Hexe zusammen. „Du musst diese ergründen und hast ein Handwerkszeug dazu!“

„Ihr meint die Meditation der Farore…“, und auch an Undoras eigensinnige Lehrstunde erinnerte sich Link mit gemischten Gefühlen.

Undora kniff den jungen Heroen in die Nase, sodass er kurz quiekte. „Gib es zu, du hast es nicht geübt!“ 

Link schlug Undoras Hand genervt weg. „Nein, ich habe es nicht ausreichend versucht…“, meinte er schnippisch.

Die eigensinnige Hexe drehte ihm den Rücken entgegen und führte ihre Hände zusammen. „Dann weißt du ja, was du in nächster Zeit zu tun hast. Du wirst die Meditation deiner Schutzgöttin meistern und so deine Amnesie ergründen.“

Link atmete tief durch, aber nahm sich Undoras Worte zu Herzen. Er bedankte sich bei der grimmigen, aber herzlichen alten Kräuterdame, nickte jener mit einem neuen Gefühl der Sicherheit entgegen und verabschiedete sich. Außerhalb der Hütte wartete Ariana mit einem noch immer so geheimnisvollen, stillen Lächeln auf ihn. Sie ließ ihn die Ruhe und Gelassenheit zuteilwerden, die sie in sich selbst spürte und da wusste Link auch mit einem guten Gefühl, mehr als jemals vorher, dass er diesen Winter nicht mehr alleine sein würde…

 
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