5. Kapitel
 
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Kapitel 5

 

 

Der Pfad wollte einfach nicht enden. Seit einem langen Tag schon folgte Link mit seiner getreuen Stute Epona einem abgetrampelten, sandigen Weg, der neben einem ausgetrockneten Flussbett entlang lief. Rechts stemmten sich hohe Laubbäume, vor allem alte Eichen, in die Höhe. Ein dichter Wald, der in seinen Schatten viele Kreaturen aus der alten Zeit Hyrules tarnte, die niemand erinnern wollte. Denn die Vergangenheit erzählte doch nur von der Geburt niederer Seelen und diesen Gedanken verdrängte der einsame Reiter, der jenem Weg zur bekannten Ritterschule Hyrules einschlug. Denn er konnte sich nicht mehr vorstellen, nicht mehr daran glauben, dass auch düstere Zeiten ihre Lichtpunkte besaßen.

Während des langen Weges kamen ihm immer wieder Zweifel über das, was er vorhatte zu tun. Wozu sollte Link einer Gruppe von jungen Knappen angehören, wo seine Schwertkünste weit über das hinausgingen, was ein einfacher Jugendlicher können durfte? Wozu das alles? Ein kurzer Gedanke an Zelda kam auf. Link sah ihr einprägsamen Lächeln und eine reife Weisheit in ihrem Blick, die ihn wissen ließ, dass sie ihm nicht umsonst zu dieser Zukunft geraten hatte. Es musste einfach mehr hinter diesem Vorschlag stecken, das roch Link förmlich.

Dennoch wunderte ihn eines. Die Ritterschule war für Jungen ab dem dreizehnten Lebensjahr bestimmt. Und Link war bereits zwei Jahre älter. Was hieß das für ihn? Würde er zwei lange Jahre aufholen müssen? Wie stellte sich Zelda das vor? Verdammt, Link war fünfzehn. Sollte er etwa in einer Klasse von Jugendlichen sitzen, die allesamt zwei Jahre weniger auf dem Pelz hatten als er, wo Link doch in gewisser Weise immer sieben Jahre älter sein würde als der Rest seiner künftigen Leidensgenossen?

Kopfschüttelnd ließ Link sich weiterhin von Epona tragen, lauschte dem Zwitschern der Vögel während des Weges und dachte daran, wie sinnlos das alles war. Was würde es ihn bringen, in jener Schule zu lernen? Was nur sollte er dort? Er konnte sich einfach keinen Reim daraus machen...

 

Dennoch... Link musste sich irgendwie eingestehen, dass auch seine Fechtkünste ihre Fehlerchen hatten. Auch er hatte nicht die ultimative Waffe, jeden Moblin, jedes Ungetüm in die Knie zu zwingen. Auch er war nicht unfehlbar. Und eine Verbesserung seiner Künste würden ihm vielleicht doch dazu verhelfen, beinahe, wenn auch nur beinahe, unbesiegbar zu werden. Und seine Kräfte, sein Mut, seine Willenskraft würden sehr bald einer Prüfung unterzogen werden, die jegliche Vorstellungskraft zersprengte.

Link würde sich selbst trainieren, so wie er es bisher immer getan hatte- im Selbststudium. Denn alleine kam er immer besser klar, als umrungen von den verschiedensten untalentierten Schwachköpfen. Und vielleicht würde er in dieser nutzlosen Ritterschule einfach... nur so tun als ob... einfach schauspielern...

 

Von dem Gähnen ihres Reiters unbeeindruckt trottete Epona des kleinen Weges, der direkt in den Norden führte. Den Verlassenen Hügel hatten sie beide lang schon passiert- ein mittelhoher Berg über dem ein kleiner Pass angelegt war.

Es schien also nur noch eine Frage von wenigen Minuten zu sein, bis Link die ritterliche Feste, welche heute eine feine Schule war, erreicht hatte. Lethargisch schlossen sich Links Augen, begleitet von den raschelnden, knisternden Geräuschen der Tiere in dem dichten Laubwald neben ihm.

 

Wenig später, als die Sonne bereits hinter dem dunklen, uneinladenden Wald versank, passierte Link eine kleine Abzweigung. Der Weg wurde schmaler und schickte ihn genau in jenen gefahrvollen Wald, den er lieber gemieden hätte. Mit einem Schnaufen sprang Link von der kastanienbraunen Stute und kramte nach seiner Karte von Hyrule. Er kannte sich gut genug mit Karten aus, um zu wissen, dass er diesen abgelegenen Pfad durch die Stille jenes Ortes nicht umgehen konnte. Und Link hatte in seinem jungen Leben schon viele Karten gelesen. Viele merkwürdige Flecke der Welt bereist, sodass jener Fünfzehnjährige durch sagenhafte, eindrucksvolle Bilder mehr gesehen hatte als viele Menschen in ihrer gesamten Lebenszeit.

 

Unerwartet und Link aus seinen tiefsinnigen Gedanken reißend, gab Epona ihm einen gutgemeinten Stups, worauf der arme Held nach vorne, direkt auf seine Nase stolperte.

„Epona!“, schnaufte er verärgert und drehte sich zu der schönen Stute um, die wiehernd, beinahe kichernd an ihn herantrabte und ihn schon wieder mit dem langen Kopf in den Rücken stierte. „Was ist denn?“, murrte Link und starrte misstrauisch in die blauen Augen des Pferdes. Epona schabte mit einem Vorderhuf auf dem sandigen Weg und wackelte mit ihrem Kopf verdächtig, deutete in die Richtung des Weges, wo sich nur noch die Dunkelheit der Wälder zeigte.

„Du willst also wirklich, dass wir dort langgehen?“, sagte Link und klopfte seiner guten Freundin auf den glänzenden Hals. „Aber auf deine Verantwortung und wehe du läufst weg und lässt mich in dieser Schwärze allein!“ Epona wieherte, als ob sie Link auf seinen Kommentar eine eindeutige Antwort geben wollte. Als wollte sie ihn auslachen...

Aber Epona wusste sehr genau, welchem Weg sie trauen durften und vielleicht war es die Anwesenheit einer weiteren hylianischen Seele, die sie animierte dem uneinladenden Weg zu folgen.

 

Nur wenige Meter weiter bemerkte Link eine Gestalt, die auf dem Weg wandelte. Neugierig galoppierte seine Stute näher und näher, bis sich die Gestalt durch lautes Schnaufen als ein weibliches Geschöpf des hylianischen Volkes herausstellte. Unbemerkt gelangte Epona näher und Link erkannte den gewichtigen Grund für das unduldsame Keuchen und Japsen aus dem Mund der Gestalt. Ein grauer Umhang bedeckte den Rücken und den Kopf eines Mädchens, welches zwei schwere Koffer des Weges schleppte.

„Ariana mach’ dies. Ariana mach’ jenes...“, grummelte sie. Eine schöne Stimme, dachte Link. Ein wenig verwaschen, aber dennoch tiefgehend, stark und hell, fast ein wenig unecht, vielleicht geschauspielert. Aber dennoch angenehm.

„Verdammt! Warum muss mein lieber Herr Vater mich auch in diesen Schlammassel hineinzerren?“, murmelte sie vor sich hin und stieß fluchend während des Laufens einen der schweren Koffer von sich weg. Sie sank auf ihre Knie und schimpfte vor sich hin.

 

Link sprang vom Sattel, und das fremde Mädchen bemerkte erstmals, dass sich jemand hinter ihr befand. Rasch drehte sie sich um und musterte den jungen, schlanken Mann eindringlich, der dümmlich dreinblickte. Er vermied es ihr direkt in die Augen zu sehen, so wie er es in den letzten Monaten einfach nicht schaffte, in der Seele irgendeines Wesens zu lesen. Er wollte nicht sehen, was manche Augen ihm sagen konnten. Er konnte es nicht sehen, als ob er es nicht ertrug, etwas zu erkennen, was sich über Licht und Schatten in Augen zeigen wollte.

Er umging ihren freundlichen, begrüßenden Blick und trat stattdessen ein wenig näher, die prallgefüllten, sich beulenden Koffer rechts und links von dem Mädchen begutachtend.

„Hallo“, sagte die unbekannte Dame, stand auf und reichte Link eine begrüßende Hand. Schüchtern, so wie sich der naive Held häufig gegenüber Mädchen verhielt, ohne dass er es wollte verständlicherweise, nahm dieser die Geste an und schüttelte die warme Hand seines Gegenübers. Link brachte stotternd ebenso ein: „Hallo“ über seine Lippen und streifte mit seinen tiefblauen ernsten Augen kurz jene des Mädchens, die ihn interessiert beäugten.

 

Tatsächlich war es ein sehr hübsches Mädchen, welches ihm gegenüberstand. Pechschwarzes glattes langes Haar seilte sich offen über ihren Schultern hinab und bedeckte fast den gesamten Rücken. Bernsteinfarbene Augen funkelten aus einem schmalen Gesicht, welches Link an jemanden erinnerte. Ein schönes Gesicht. Zartes Kinn. Kleine Nase. Hohe Wangenknochen und ein kleiner Leberfleck an der linken Wange zum Ohr hin.

„Mein Name ist Ariana Blacksmith. Bist du auf dem Weg zur Ritterschule?“, meinte sie.

„Ähm... ja...“, sagte Link leise und löste seine Hand schnell aus der freundschaftlichen dieser Dame. Er drehte sich gen Epona und versuchte die Anspannung zu ignorieren, ebenso wie eine merkwürdige Nervosität, die ihn mit einem Mal aufsaugte. Er fuhr sich durch die honigblonden Haarsträhnen und atmete tief ein.

,Schön zu hören…’, dachte die junge Dame.

 

Das fremde Mädchen empfand sein schweigsames Verhalten als ziemlich unwirsch. Leicht verärgert stapfte sie mit ihren hohen Stiefeln um Link herum und näherte sich seinen Augen mit eindringlichem Blick. Die Tatsache, dass sie ihre Hände in die Hüften stemmte, ließ einen Außenstehenden unzweifelhaft erkennen, dass sie Links Verhalten mehr als missbilligte.

„Wenn du schon vor mir stehst, könntest du mir wenigstens höflicherweise deinen Namen sagen, du komischer Kerl, du!“ Link wich baff zurück und blickte erstaunt ein wenig länger in ihre merkwürdigen, bernsteinfarbenen Augen. Vielleicht die Augen einer Hexe oder einer Magierin, dachte der junge Kämpfer. Irgendwie unwirklich…

„Link. Ich heiße Link.“

„Aha“, entgegnete sie. „Und du bist an dieser Schule, wie betitelt man die noch mal, Söhne des schicken Saals?“

„Söhne des Schicksals“, verbesserte Link sie entrüstet.

„Ach so. Klingt ja auch viel besser, was?“, eiferte sie spaßhaft. 

 

Link verleierte die Augen und blickte wieder zu den gigantischen Koffern, die verbreitet auf der Straße lagen, als ob sie lebendig wären und sich nicht mehr von ihrer Stelle bewegen lassen wollten.

„Du folgst hier ganz alleine diesem Weg? Hast du denn keine Angst vor dem Schatten der Wälder?“, sagte Link, der so allmählich seine merkwürdige Nervosität unter Kontrolle brachte. Aber warum war er so nervös gegenüber diesem fremden Mädchen? Welchen Grund gab es dafür?

 

„In diesem Laubwald befindet sich nichts vor dem sich Hylianer fürchten müssten. Du selbstverständlich nicht. Auch ich nicht.“, sagte sie und trat ein wenig abseits des Weges, durchforstete die Dämmerung zwischen den alten Laubgeschöpfen.

„Bist du denn keine Hylianerin?“, meinte Link daraufhin und nahm an ihrem Ausblick teil. Auch Link starrte tief in das unheilvolle Dämmerlicht, welches einer unechten Gefahr Ausdruck verlieh. Ariana drehte sich zu ihm um und wischte sich einige schwarze Strähnen ihres langen Haares hinter ein Elfenohr.

„Was glaubst du denn, was ich bin?“, erwiderte sie und schmunzelte angesichts des irritierten Gesichtes Links, welches ihr eine Spur Hilflosigkeit zu flüsterte. Sie hauchte ihren warmen Atem frech ins sein Gesicht, schmunzelte und legte lachend eine Hand über ihren roten, breiten Mund.

„Hilfst du mir die Koffer tragen?“, sagte sie dann liebäugelnd und lächelte dem jungen Helden erwartungsvoll entgegen.

Dieser zuckte mit den Schultern und griff nach dem einen Koffer, sich fragend, ob darin Steine gelagert waren, so schwer war dieses Stück Stoff mit Lederbezug. „Gerne, ich hab’ doch nichts anderes zu tun.“, murmelte er vor sich hin, ärgerte sich aber ein wenig über sich selbst. Warum nur ließ er sich von hübschen Damen immer so leicht einwickeln?

 

Im Hintergrund kicherte Epona leise und trabte hinter den beiden Gestalten her, die jeweils einen Koffer des Weges beförderten.

 

Die junge Ariana warf ab und an einen Blick zu Link, der nur wenige Schritte vor ihr lief. Ein tückisches Grinsen formte sich auf ihrem Gesicht, während sie den attraktiven Elfen musterte. Link war einen halben Kopf größer als sie, sehr athletisch, was daraufhin deutete, dass er schon viel Training abbekommen hatte. Als wusste sie um sein hartes Training mit dem Schwert genausten Bescheid.

„Du bist ausgesprochen hilfsbereit für einen pubertierenden Jugendlichen.“

„Und du bist ziemlich vorlaut und übermütig für ein junges Mädchen.“, erwiderte Link, der Ariana so einschätzte als besäße sie das gleiche Alter wie er selbst.

„Was machst du überhaupt zu so später Stunde hier?“, ergänzte der Heroe.

„Ich befinde mich auf dem Weg zur Mädchenschule von Madame Morganiell.“ Link blieb stehen und blickte sich überrascht zu der schwarzhaarigen jungen Dame um.

„Mädchenschule?“

„Wusstest du noch nichts davon? Aber die Mädchenakademie liegt doch gleich neben der Ritterschule.“ Ariana blickte misstrauisch drein und stapfte zu Link heran. Sie deutete mit ihrem spitzen Zeigefinger direkt auf die Nase des anderen Jugendlichen.

„Du bist gar nicht an dieser Schule, oder? Sonst hättest du doch wissen müssen, dass nebenan Mädchen zu feinen Ladys erzogen werden.“ Sie machte nur eine kurze Pause zwischen ihren Worten. Keine Zeit für Link also die Sache zu erklären.

 

„Was bist du denn für ein Hallunke? Läufst einfach hier entlang und versuchst unschuldige Mädchen anzulabern, oder was?“ Link wich zurück, als er eine kleine bedrohliche und doch geschauspielerte Warnung in ihren bernsteinfarbenen Augen sah. Respekt, Respekt, dachte er. Dieses Mädchen wusste sich sehr gut zu wehren.

„Also, was sind deine Absichten, Kerl?“, sagte sie laut und warnend. Sie ballte ihre Hände zu Fäusten und machte eine Andeutung an Links Schienbein treten zu wollen. Der junge Held wich zurück, vollführte einen Salto und begann sich langsam aber sicher über dieses Mädchen zu amüsieren. Link begann frech zu grinsen. Etwas, was er lange schon nicht mehr getan hatte. Ein wenig verwundert über sich selbst unterband er das Grinsen wieder und schaute nachdenklich zu Boden.

„Bei den Sieben Weisen, kannst du endlich mal was zu dem Thema sagen, Junge?!“ Doch wieder zeigte sich der Versuch eines Grinsens auf Links Gesicht, während Ariana den jungen Heroen unverständliche anstarrte.

„Du willst dich also wirklich mit mir anlegen, was?“, murrte das Mädchen.

Link schüttelte den Kopf und sagte endlich: „Nein. Sorry, ich habe nur gerade über etwas nachgedacht. Und damit du dich beruhigst. Ich schwöre bei Farores Blut, dass ich tatsächlich auf dem Weg zur Ritterschule bin. Allerdings wird es mein erstes Jahr dort.“ Das unechte Misstrauen wich sehr schnell aus den bernsteinfarbenen Augen der Lady vor ihm.

„Bei mir ist das ähnlich. Auch ich habe einiges nachzuholen.“, sagte sie fest und lief mit dem einen Koffer weiter.

 

Link folgte mit dem anderen Koffer und einem pustenden Ausatmen der Luft aus seinen Lungen. „Du bist nicht gerade vertrauensselig“, fing er an.

„Ich habe auch nie den Grund dazu gehabt, vertrauensselig zu sein. Ganz im Gegenteil.“

„Wie meinst du das?“ Nun war Link doch neugieriger und interessierte sich aus irgendeinem Grund für das geheimnisvolle Mädchen, welches vor ihm lief.

„In meiner Welt gab es nur eine Person, der ich vertraut habe. Aber dieser Hylianer scheint nicht mehr das zu sein, was er einst gewesen ist.“ Trübsinn überschattete ihre Worte. Und doch erschien vieles an ihr dem jungen Helden der Zeit irgendwie... vertraut.

„Und wo ist das, ich meine, deine Welt?“, fragte Link wissbegierig und beschleunigte seine Schritte, sodass er mit Ariana auf selber Höhe lief. Ein Lächeln huschte dem hübschen Mädchen über das Gesicht und Link schaute verlegen zu seinen braunen Lederstiefeln.

„Ich bin bei meinem Vater aufgewachsen. Einem Schmied, der nur eine kleine Werkstatt besitzt.“

„Aha, das klingt ja interessant.“ Eine Spur Neid kam in Link auf. Er hätte wohl auch gerne einen Schmied als Vater gehabt.

„Nur, dass sich mein Vater wohl eher einen Sohn als eine Tochter gewünscht hätte und deswegen aus mir nicht gerade eine Lady geworden ist.“ Sie schmunzelte darüber. Kleine Erinnerungsfetzen zogen an ihren Augen vorüber. Wie oft hatte sie sich gegen die Anweisungen ihres Vaters gestellt und lieber ihren Dickkopf durchgesetzt. 

„Und deshalb gehst du jetzt in diese Mädchenschule?“

„Ja genau. Mein Vater hat jahrelang dafür gespart und möchte, dass ich mich endlich wie ein Mädchen und nicht wie ein Raufbold benehme“, lachte sie.

„Soso, dann hattest du wohl viel mit Waffen zu tun. Hast du etwa kämpfen gelernt?“ Sie nickte mit ihrem schönen Kopf. „Ich bin schon der Meinung, dass ich einigen Idioten eine ordentliche Lektion erteilen kann.“ Link lachte kurz auf und schloss für einen Moment seine Augen.

 

Inzwischen stand der Mond am Himmel und die beiden Jugendlichen liefen immer noch durch die stickige Dunkelheit, folgten dem einsamen Pfad und erhaschten Tiere, die sich gelegentlich auf den Weg wagten.

 

„Du erinnerst mich an jemanden.“, meinte Link leise.

„Wirklich?“, meinte die Schöne und blickte scharfsinnig in die blauen Augen ihres Gegenübers. „Fang’ jetzt ja nicht damit an mir Komplimente zu machen. Das zieht bei mir nicht“, zickte sie. Link blickte die Dame hilflos an und wusste nicht, wie er auf ihre dreisten, teilweise gemeinen Aussagen reagieren sollte.

„Nun guck’ nicht so belämmert.“ Sie grinste. „Das war bloß ein gutgemeinter Hinweis von meiner Seite.“

„Da bin ich aber beruhigt…“, nuschelte Link dämlich vor sich hin und trug wieder den schweren Koffer vorwärts. Diese Person hatte eine ungeheure, große Klappe. Wie bitte schön sollte aus so jemanden eine feine Lady werden? Das musste ein schlechter Scherz von ihrem Vater sein, sie in diese Mädchenschule zu schicken, dachte Link.

 

„Und an wen erinnere ich dich nun?“, meinte sie und setzte zügig einen Fuß vor den anderen.

„An eine gute Freundin, die sich auch ständig den Anordnungen ihres Vaters geweigert hat.“

„Das hat sie nur richtig gemacht“, sagte sie, denn sie war selbst übertriebenermaßen stolz auf ihren eigenen Wildfang.

„Stimmt. Niemand hätte ihr dafür einen Vorwurf machen dürfen“, meinte Link abschließend.

 

In dem Augenblick spürte er einen ekelhaften, stichigen Schmerz in seinem Nacken und ließ den Koffer einfach sinken. Ariana drehte sich verwundert um, aber Link konnte ihren Gesichtsausdruck nicht mehr deuten. Er fühlte erneut, wie langsam sein Puls anstieg und sich ein marterndes Gefühl seine Blutadern entlang zog. ,Nicht schon wieder…’, dachte er, als eine Schweißperle seine Stirn abwanderte. Seine merkwürdigen Anfälle setzten schon wieder ein…

Die Nerven halb verlierend wühlte Link in den Satteltaschen Eponas herum, bis er sich daran erinnerte das robuste, schwere Glasfläschchen mit dem magischen Heilmittel, welches Zelda ihm schenkte, in seinen Rucksack gepackt zu haben. Nach wenigen Augenblicken fand er das Gefäß und löste den glasigen, dicken Stöpsel. Was hatte Zelda gesagt? Nur ein winziger Tropfen reicht? Okay, sagte er zu sich.

Er führte die Flasche an seine Lippen und hob es soweit an, dass nur eine winzige Perle auf seiner Zunge landete. Die silbrigschimmernde Substanz lief wärmend seinen Hals entlang, und in Sekundenbruchteilen verschwand das Herzrasen, der Schmerz in seinen Gliedern und ebenso der Schweiß. Beruhigt und erleichtert räumte Link das Fläschchen wieder weg und ignorierte das verwunderte Gesicht Arianas.

 

Der junge Held der Zeit widmete sich wieder dem Koffer und suchte nach einer Frage, damit Ariana sich nicht in Dinge einmischte, die sie einfach nichts angingen.

„Du sagtest vorhin, dein Vater habe Geld gespart, damit du auf diese Schule gehen kannst.“

„Ja, warum?“

„Ist das bei der Ritterschule auch so? Muss man dafür zahlen, dort zu lernen?“ Sie schaute ihn verschmitzt an. „Du hast wohl keinen Rubin bei dir, oder?“

„Nein, das ist es nicht unbedingt. Aber, wenn man dafür zahlen muss, etwas zu lernen, dann bringe ich mir die Sachen doch lieber selbst bei…“ Dieser Junge war schlau, dachte Ariana, was man an seiner eher gebildeten Sprach bemerkte oder der Art und Weise, wie er seine Gedanken preisgab.

„Hast du eine Anmeldung für die Schule?“

„Ja, die habe ich.“

„Zeig’ mal her!“ Link zögerte zunächst. Was wollte diese Dame denn damit? Link begann zu feixen: „Du willst dir das Schriftstück wohl unter den Nagel reißen und dann damit verschwinden, he?“ Wütend trampelte das Mädchen mit ihren Stiefeln auf dem Boden umher und maulte: „Da versucht man schon mal freundlich zu sein. Aber wie du willst, ist ja deine Sache, ob du dich bei der Schule dumm und dämlich bezahlst. Pah.“ Sie verschränkte ihre Arme beleidigt und zickte. Ihr Temperament und Zynismus erinnerte ihn gewaltig an eine Gerudokriegerin. Vielleicht hatte Ariana Gerudoblut in ihren Venen...

 

„Schon gut, schon gut“, meinte Link widerrufend und kramte nach der Pergamentrolle und hielt Ariana das Schriftstück vor den Kopf. Sie griff zu und las. Ihr Gesicht wandelte sich von Überraschung zu Erstaunen und schließlich zu katastrophalem, teilweise geschauspielertem Entsetzen. Als ob sie bereits vorher wusste, was in dem Schreiben stand.

„Hast du Trottel dir das schon mal durchgelesen?“

„Nein, stimmt was nicht?“ Sie drückte ihm das Schreiben mit blanker Bewunderung zurück in die Hand. „Du hast eine Empfehlung von Prinzessin Zelda persönlich. Du bezahlst nicht einen Rubinsplitter für das Studium an der Schule. Glückspilz.“

Link war sprachlos und las sich die Anmeldung erstmalig selbst durch. Tatsächlich, Zeldas feine Handschrift zeichnete sich auf dem Blatt ab und rundete die Anmeldung mit hochachtenden Sätzen ab.

Ein kurzes melancholisches Lächeln trat in Links Gesicht, der sich jene weisen Sätze einige Mal durchlas. Sie beruhigten ihn auf vertraute Weise.

„Hochachtung, Glückspilz. Wenn man eine Empfehlung von Prinzessin Zelda hat, sollten sich einige Dinge an der Schule wohl zu eigenem Gutdünken entwickeln. Sei froh, dass du so eine gute Freundin hast.“ Zuerst erstaunt, dann mächtig verwundert, woher Ariana um jene Freundschaft wissen konnte, steckte er die Rolle zurück in seinen Rucksack und ignorierte Arianas Scharfsinn.

 

„Ich habe gehört, die Söhne von Rittern dürfen auch ohne weitere Kosten an der Schule lernen, falls aber beispielsweise ein Bauernjunge sich dort Kampfkünste aneignen will, dann muss er jede Stunde Unterricht bezahlen.“

„Das finde ich ungerecht. Wer weiß schon um die Talente eines einfachen Jungen, der eben einfach nur in eine Familie aus Bauern hineingeboren wurde. Gerade da stecken doch allerlei Potentiale.“ Ariana machte große Augen. Weise Worte aus einem fünfzehn Jahre alten Mund. Aber Link hatte Recht. Auch sie vertrat diese Meinung… schon immer.

Es spielte keine Rolle aus welchen Kreisen jemand kam, solange er wahre Talente besaß, sollte auch einem Bauernjungen ein Studium an der Ritterschule erlaubt sein.

„Wir sollten weiter ziehen. Nachts tummeln sich an manchen Orten noch Moblins, selbst hier, Ariana.“, sagte Link bedacht und schaute verdächtig in die tiefe Schwärze des Waldes. Klarerweise teilte die fünfzehnjährige Hylianerin diesen Gedanken und stapfte neben Epona hinter einem wachsamen Link her.

 

Es dauerte eine geschlagene Stunde, ehe die beiden Spitzohren aus dem Waldverschlag heraustraten. Direkt vor ihnen thronte auf einem grünen Hügel ein riesiger, dunkler Gebäudekomplex, wobei viele alte, dickstämmige Bäume um die festen Steinmauern standen. Ein hohes Tor versperrte den Zugang in den Innenhof, wo sich zwei gigantische, graue Festungen gegenüberstanden. Die Mädchenschule und die angesehene Ritterschule. Link und Ariana standen gelangweilt vor dem Tor, als ein Wärter, ein gewöhnlicher, hylianischer Mann mit kurzem, dunklen Haar und stattlicher Figur, näher trat.

„Ihr beide seid ziemlich spät“, sagte er und öffnete ihnen einen kleineren hölzernen Zugang wenige Meter weiter. „Hier drüben.“ Tatsächlich war es annähernd Mitternacht und kaum ein Jugendlicher hatte zu so später Stunde noch das Ersuchen, sich anzumelden.

Epona und die zwei anderen Gestalten zwängten sich durch die kleine unauffällige Tür rechts, bis sie voller Erstaunen in dem riesigen Innenhof standen. Überall waren kleine Trainingsarenen abgezäunt, hier und da die verschiedensten Beete mit allerlei Blumen, die den Innenhof neben den gefährlichen, kraftraubenden Arenen für die Jungen in ein prachtvolles Paradies verwandelten. Link hatte nur einmal einen ähnlich großen und schönen Innenhof gesehen wie diesen und jener war ein Teil des Schlosses der Königsfamilie gewesen…

„Folgt’ mir bitte.“, sagte der Wärter und trat an ein hohes dickes Eichentor heran, welches den Eingang zur edlen Mädchenschule darstellte.

Ariana schnappte sich den Koffer, den Link immer noch hinter sich herzerrte und murmelte ein liebgemeintes; „Danke“, über ihre Lippen. Der junge Held nickte schüchtern.

„Bis bald, Glückspilz“, sagte Ariana und verschwand hinter dem hohen Tor.

 

Link lief nervös und voller Erwartung hinter dem Wärter her. Vorbei an einem Brunnen, vorbei an einer gemütlichen Wirtsstube, in die es die Jugendlichen zu ihrer freien Zeit zog, führte der Weg ohne Umschweife in eine Stallung. Ein Stallbursche mit verschlagenem Blick nahm ihm dann schnell Epona ab. Und in Kürze stand Link vor einer dicken Eisentür mit vielen Verzierungen und Gravierungen. Die Namen ehrenhafter Ritter waren in das Material eingehauen worden- ein Dank für deren rumreichen Taten.

„Du bist ziemlich spät dran, was für dich heißt, dass du nicht mehr bei dem Direktor vorgestellt wird. Aber Kommandant Orson kümmert sich noch um einigen Papierkram. Er wird dich einweisen.“

„Kommandant Orson?“, meinte Link begeistert.

„Ja, stimmt etwas nicht damit?“

Link fuchtelte abtuend mit seinen Händen in der Luft herum. Denn er war angenehm überrascht, jenen Kommandanten hier anzutreffen und erfreut darüber einen Freund aus alten Tagen wiederzusehen. Denn er kannte jenen vierzigjährigen Mann sehr gut, der im Gegenzug sehr viel von Link und seinen Fähigkeiten hielt.

„Wann geht der Unterricht eigentlich los?“

„Kommenden Mittwoch. Du bist wahrscheinlich der letzte, der sich anmelden will.“

„Besser zu spät als nie“, murmelte Link und stapfte gespannt voran. Nach einem langen Gang in der dunklen Eigenheit der Burg mit ihren vielen Fackeln an den Wänden, erreichte Link eine Steintreppe ohne Geländer. Der Wärter deutete auf jene und auf die hohe halbeingefallene Tür, welche sich anschloss. „Folge dahinter dem Gang bis zur Kreuzung. Nimm’ den Weg zu deiner rechten und klopfe an die spitzbogenartige Tür vor dir. Dahinter liegt das Büro des Kommandanten.“

„Danke“, meinte Link und trottete mit seinem Rucksack auf dem Rücken, dem einfachen Schwert am Gürtel zu seiner rechten Seite geschnallt und einem komischen Gefühl im Magen die steinernen, uralten Treppenstufen hinauf.

 

Noch einige Tage und der Unterricht würde beginnen. Aber was eigentlich lehrte man in dieser Ritterschule? Was lehrte man hier, das Link nicht schon konnte? Orson würde den unwissenden Heroen, so wie er selbst hoffte, sicherlich über alles Nutzbringende informieren.

 

Es dauerte nicht lange und Link stand vor der kleinen Tür, die in ein gemütliches Büro führte.

Er klopfte aufgeregt an dem Eichenholz, klopfte erneut und aus Ungeduld ein weiteres Mal.

„Ja. Was gibt’s denn so spät noch?“, brüllte eine tiefe Männerstimme vom Innenraum her. Genervt und ruppig wurde die Tür dann aufgezerrt und der schwarzhaarige Kommandant Orson stand mit einer rauchenden Pfeife und einem Dreitagebart, mit Hemd und Schlabberhose vor Link. Er blinzelte und wischte sich griesgrämigen Schlafsand aus den Augen, bis er Link erkannte.

„Nanu. Ja, bei den Drei Göttinnen. Ist das nicht Link?“ Und ein herzliches Grinsen zierte das vierzigjährige Gesicht des Mannes. Er klopfte dem Jugendlichen erfreut auf das Haupt, nahm ihn vor Freude in seinen Schwitzkasten und rubbelte über seinen blonden Schopf. Link wurde verlegen und löste sich mit hohem Kraftaufwand aus der freudigen Begrüßungszeremonie.

 

„Nun sag’ schon, was verschlägt den Helden der Zeit in diese Schule?“

„Der Rat der Prinzessin.“, meinte Link ehrlich und nahm Platz auf einem Stuhl direkt vor dem Schreibtisch Orsons. Link senkte sein Haupt und verschwieg den wahren Grund für sein Erscheinen an der Ritterschule, der Tatsache, dass er hier neuen Lebensmut finden sollte. Verwundert schaute Orson in das nachdenkliche Gesicht des jungen Mannes vor ihm, der so viele Hürden in seinem Leben mit Bravur gemeistert hatte und nun einfach vor einem Abgrund stand, den er nicht zu überwinden wusste. Link kramte seine Anmeldung für die Schule aus seinem Gepäck. Wie ein wertloses Stück Papier knallte er das Schreiben auf den Tisch, worauf Orson im flackernden Kerzenlicht die Zeilen genau durchlas.

Als er geendet hatte, blickte er grinsend in das jugendliche Gesicht ihm gegenüber.

„Und du meinst, du hast ein Studium hier mit deinen Fähigkeiten noch nötig.“

„Nein, es hat wohl andere Gründe, warum ich hier bin.“

„Aha, Prinzessin Zelda und ihre Vorahnungen, habe ich Recht?“, sagte Orson, der auf diese rhetorische Frage keine Antwort erwartete und gähnend aufstand.

Er fuhr erheitert fort: „Wie dem auch sei, Link, du bist nun hier. Und ich hoffe, dass du hier findest, was du suchst.“ Widerrum nickte der junge Heroe.

 

Geschwind durchwühlte Orson ein hohes Bücherregal, in welchem zerstreut vielerlei Papierstöße lagen.

 

„Da du eigentlich zwei Jahre zu spät dran bist, erwartet dich nächste Woche ein Test gegen einen gut ausgebildeten Kämpfer, den du sicherlich bestehen wirst. Du bist im Übringen nicht der Einzige, der diesen Test absolvieren muss. Es gibt genügend Sitzenbleiber und Nachzügler. Außerdem wirst du an einigen Fächern noch nicht teilnehmen können. Es gibt aber für dich genügend Gelegenheiten, den Stoff nachzuholen. Lerngruppen und Selbststudium zum Beispiel.“, nuschelte er, während er Link einige Papierstöße in die Hände drückte. „Was ist das?“, erwiderte Link und las nur einige Zeilen, die ihm von missverständlichem Zeugs erzählten.

„Das sind die vielen Praxisseminare. Der Pflichtunterricht und die vielen Wahlfächer.“ Link sah sich nur die erste Seite an und schon hatte er das Gefühl die Auswahl würde ihn erschlagen. „Ach du meine Güte und wie soll jemand aus diesem Chaos herausfinden?“

Orson schmunzelte: „Das ist deine erste Aufgabe, Link.“ Doch der Held verzog nur verdattert sein Gesicht und bereute den Entschluss hier zu sein immer mehr. Frustriert schaute er auf den Zettel vor seiner Nase, las in Gedanken viele Titel der Schulfächer und wurde aus manchen einfach nicht schlau. Was bitte schön verstand man unter dem ,Kurs der Höhen’, von dem es ganze drei Teile gab, die sich auf das erste Drittel des ersten Jahres beschränkten? Was war der Zweck der Tranceübungen, die gelegentlich stattfanden? Was verbarg sich hinter dem Unterricht von Lius Lorraux?

 

„Das dritte Jahr ist das schwerste und auch das umfangreichste. Einige Prüfungen wirst du nachholen müssen, ansonsten kannst du dich am nachfolgenden Unterricht nicht beteiligen.  Wenn du mit der Fächerwahl nicht klar kommst, dann wende dich an einen der Lehrer, die dir in den nächsten Tagen über den Weg laufen werden.“ Link nickte, dachte aber still und heimlich, vielleicht als Resultat seines übertriebenen Stolzes, dass er damit schon alleine zurecht käme. Er würde nicht den hilflosen Außenseiter spielen und irgendeinen Lehrer um Hilfe bitten.

 

Derweil zündete sich der Kommandant wieder eine Pfeife an und lehnte sich in seinem breiten Sessel zurück. Eine Qualmwolke stieg empor. Der Duft eines feinen Krautes sammelte sich in dem Räumchen.

„Weshalb eigentlich nimmst du hier Anmeldungen entgegen, Orson?“, meinte Link, der mit seinen neugierigen Hylianeraugen gelassen vom Blatt aufsah.

„Ich wurde darum gebeten“, antwortete er prompt. „Aber morgen schon reise ich wieder ab, habe ja meine Verpflichtungen.“ Schade, dachte Link. Der Gedanke Orson selbst wäre einer der Lehrkräfte war ein beruhigender Gedanke. Angenehm war es von einem Elfen nicht belächelt oder einfach nur ungerecht behandelt zu werden und Link würde von fremden Augen sicherlich mit Achtung oder auch Neid und Missgunst angeschaut werden, egal, ob jene Augen wussten, welchen Titel der junge Link trug. Egal, ob sie wussten, wer er war oder nicht, der junge Waise würde aus den Reihen der Jugendlichen durch seine Fechtkünste oder seine Reife herausstechen… Schade, dass Orson wieder abreiste.

 

Der Kommandant stand erneut auf und legte eine Hand auf Links Schulter. Verwundert sah Link in die bräunlichen Augen des kräftigen Mannes ihm gegenüber.

„Ich habe gehört was man dir vor wenigen Tagen noch vorgeworfen hat.“

„Ach, die Sache auf der Ranch?“, murrte Link, verkniff sich einen angewiderten Unterton.

„Link, mir ist schon klar, dass du nichts ungerechtes getan hast, denn dafür kenne ich dich zu gut. Aber ich möchte dich gerne warnen.“ Mit ernstem Blick schwankte Links Kopf zu dem einzigsten Fenster hinter dem Schreibtisch. Der Sturm wütete draußen erneut… Regen klatschte unheilvoll und drohend an die alte, graue Fensterscheibe. 

„Wovor?“, meinte der junge Held.

Orson wich aus seiner kühlen, gefassten Haltung und schraubte an dem Ehering an seiner Hand herum. „Einige Ritter Hyrules sind nicht gerade gut auf dich zu sprechen. Denn einige wissen mehr als sie zugeben wollen.“ Links hellbraune Augenbrauen zogen sich hinab und eine Spur Misstrauen mischte sich mit der Aufregung in seinen Adern. Link beugte sich nach vorne, sodass er sich mit den Ellenbogen auf dem Holztisch abstützte.

„Sir Viktor zum Beispiel wird deine Anwesenheit hier alles andere als genießen.“

„Dieser Kerl ist hier?“, knurrte Link und sprang entgeistert auf seine Beine.

„Mehr noch…“, erklärte der gute Mann Orson. „… er hat sogar die Stelle des Direktors angetreten.“

„Nicht der!“, jammerte Link vor sich hin und bemerkte bei dem Gedanken an diesen schmierigen Mistkerl ein kurzes Brennen auf seinem linken Handrücken. Eiligst riss sich Link den linken Handschuh herunter und begutachtete sein Triforcefragment.

„Stimmt was nicht, Link?“

„Nein, ich dachte nur…“ Aber er beendete seinen Satz nicht. Für einen kurzen, unbedeutenden Augenblick hatte Link das Gefühl gehabt, sein Fragment würde endlich wieder zum Leben erwachen, auf etwas der Außenwelt reagieren. Aber immer noch gab sich die Macht der Göttinnen nur verblasst auf seiner Haut preis…

 

Seufzend ließ sich Orson wieder in seinen Sessel sinken und nahm einen langen Zug seiner Pfeife. Seine Augen lasen erbaulich in denen des Helden der Zeit.

„Also Link. Ich möchte, dass du versuchst unauffällig zu bleiben. Vielleicht ist es gut, wenn du gewisse Fähigkeiten lieber solange unter Verschluss hältst bis der richtige Zeitpunkt gekommen ist. Und sei’ nicht aufmüpfig gegenüber dem Lehrpersonal so wie es sonst immer deine Art ist.“ Ein dämliches Grinsen ging über das vierzigjährige Gesicht, der versuchte den Jungen aufzuheitern. Link nickte mit dem Versuch eines Lächelns und hüpfte wieder auf seine Beine. „Wie spät ist es?“

„Schon nach zwölf.“

„Gut, ich sollte dann vielleicht…“ Ja, was eigentlich?

„… dein Quartier aufsuchen?“

„Ja, genau“, murmelte Link verlegen und hielt sich eine Hand hinter dem Kopf, was nicht nur dümmlich, sondern ausgesprochen ulkig aussah.

Orson wühlte verbissen in einer kleinen Schublade seines tollen Schreibtisches herum, bis er einen Schlüsselbund fand, den er Link zuwarf.

„Dein Zimmerschlüssel, der Kellerschlüssel und ein Zugang zu der Waffenkammer. Ich bin der Meinung, dass du vertrauenswürdig genug bist, um den letzten Schlüssel an dich zu nehmen.“

„Danke“, sagte Link anständig und nahm seinen halb zerflederten Rucksack wieder auf den Rücken. Orson zog sich eine dunkle Tunika über den Kopf, nahm sich sein Schwert, welches er ständig bei sich trug und öffnete die Tür.

„Ich zeige dir deine Bude. Dein Zimmerkollege ist auch nicht von der schlechtesten Sorte“, ergänzte Orson und lief vorneweg. Link folgte schweigsam.

 

„Ich glaube, ich muss dir noch einige Dinge erklären, Link, damit du nicht ganz auf verlorenem Posten stehst.“ Aufmerksam lauschte der Fünfzehnjährige den Worten des kräftigen Hylianers, der mit einer Öllampe den schwarzen Gängen folgte. Nicht ein Fenster zur Außenwelt. Kein Lichtpunkt. Nur dunkle, furchteinflößende Gänge lagen vor ihnen.

„Jedes Jahr in der Ritterschule für hylianische Jungen ist aufgeteilt in drei große Abschnitte und nach jedem Abschnitt folgen einige Tage Pause.“ Orsons tiefe Stimme hallte in den verlassenen Gängen.

„Am Ende jeden Jahres finden die Prüfungen und ein kleines Turnier unter den Jugendlichen der Schule statt. Der Sieger erhält meistens eine Auszeichnung und einen kleinen Preis. Wer gut ist, kann das Studium auch in kürzerer Zeit als sieben Jahren bewältigen, obwohl das fast niemand schafft. In diesem Zusammenhang sollten noch die Ränge erwähnt werden. Es gibt insgesamt fünf von ihnen.“

„Ränge? Wozu sollen die denn gut sein?“

„Es ist wohl nur so eine Art Hinweis auf die Geschicklichkeit und den Mut der Knaben. Die höheren, älteren Schüler haben häufig den fünften Rang.“

„Interessant“, meine Link lediglich und blickte durch die Dunkelheit hinauf an das Deckengewölbe. Sie passierten einen großen Saal, wo viele Linien auf dem Boden aufgezeichnet waren, die sich nur durch den Schein der Öllampe preisgaben. Erneut ein Saal. Eine Verbindungstür zu einem Aufenthaltsraum und schließlich eine Wendeltreppe ins nächste Stockwerk.

 

Kurze Zeit später standen der große und der kleinere Hylianer in einem bemerkenswerten Korridor, wo erstmalig einige Fackeln an den Wänden für Licht und Wärme sorgten. Am Ende des Flurs ließ eine gläserne Tür den Blick zu einem gemütlichen Gemeinschaftsraum zu, wo neben einer kleinen Bibliothek einige Übungsschwerter aus Holz ins Auge fielen.

„Hier ist der zweite Korridor unserer Jungs.“ Und Link schaute zu den vielen, vielen Türen. „Es gibt noch einen ersten, kleineren Gang für die dreizehn und vierzehn Jahre alten, direkt unter diesem. Und einen dritten, für die älteren Kämpfer direkt über diesem.“

„Und wo ist jetzt mein Zimmer?“

„Die letzte Tür am Ende des Korridors.“

„Gut.“, meinte der junge Held und schaute ein wenig entschlossener und der stillen Hoffnung in seinem Herzen mit dem Aufenthalt hier würde sich in seinem Leben endlich wieder etwas ändern zu der letzten Holztür. Ein wenig melancholisch wand er sich zu Orson ein letztes Mal zu. „Bis bald, Link. Ich würde ja gerne deinem Test beiwohnen, aber ich muss schon in sechs Stunden wieder auf dem Weg nach Calatia sein.“ Link nickte und ließ den leichten Trübsinn nicht wieder die Oberhand gewinnen.

„Bis irgendwann, Orson.“, entgegnete Link und der freundliche, gutherzige Kommandant verschwand langsam mit seiner Öllampe in der Dunkelheit, bis das wärmende Licht dieser von der Schwärze absorbiert wurde…

 

Seufzend schob der Hylianer einen im Licht der Fackeln glänzenden Eisenriegel vor der Tür zur Seite und stieß jene einige Zenitmeter zurück, sodass er unbemerkt eintreten konnte. Im Innenraum herrschte genau dieselbe Nacht, wie er sie auf den Gängen des Schlosses vorgefunden hatte und doch stach etwas aus der furchtvollen Schwärze hervor. Ein sattes, stechendes gelbes Augenpaar vom hinteren Zimmerbereich. Instinktiv wanderte Links Schwertarm zu seiner Waffe, als aber ein Jugendlicher die Stille brach und den Docht einer winzigen, beinahe abgebrannten Öllampe entfachte. Geblendet von dem hellen Schein der Lampe kniff Link seine Augen zu und taumelte einige Meter rückwärts. In dem Moment haschte eine große Kreatur mit gelben, gefährlichen Augen auf den unaufmerksamen Helden zu, stellte sich auf die riesigen Hinterpfoten und riss den jungen Mann nieder. Kreischend landete Link auf einfachem Steinboden und versuchte anstrengend die riesige Kreatur von sich wegzudrücken. Nur schwerlich öffnete er seine Augen, spürte plötzlich eine riesige, schleimige Zunge in seinem Gesicht, die ihn abschleckte. Verdutzt krabbelte Link weiter und weiter, bis er mit dem Rücken an der Wand lehnte.

 

Erst jetzt registrierte er das herrliche Gelächter einer tiefen Knabenstimme in dem geräumigen Quartier und erkannte ein wolfsähnliches Getier vor sich. Erleichtert nahm der junge Held einen tiefen Atemzug und richtete sich auf.

„So sieht man sich wieder, guten Morgen...“, brummelte ein Fünfzehnjähriger schläfrig und streckte seine Arme und Beine auf seinem Bett breit auseinander. Jener brauchte wohl einen Moment um zu verstehen, dass es noch nicht früh Morgens war.

Link kannte den Jungen, war ihm bereits vor wenigen Tagen über den Weg gelaufen, ebenso wie diesem riesigen, aber ungefährlichen Hund, wie der junge Kerl ihn nannte. Während Link den Dreck von seiner Hose wischte, murmelte er ebenso ein „Hallo“ vor sich hin und schaute sich schnell in dem Quartier um. Ein schickes, großes Zimmer für vier Jungs. In der Mitte stand ein viereckiges Tischchen mit vier klapprigen Stühlen herum. Ein Spiel mit bemalten Karten stand darauf.

Und in jeder Ecke konnte man sich in einem Bett herumwälzen, wobei direkt daneben jeweils ein Regal und Nachtischschrank angebracht waren. Alles in allem ein geschmackvoll eingerichtetes Zimmer, welches sogar einen Kamin hatte und in welchem es sich sicherlich eine Weile aushalten ließ. Die dunkelbraunen Betten waren mit weißen Lacken überzogen. Etwas, was Link selbstverständlicherweise nicht kannte. Und eine Sache fand der junge Held im wahrsten Sinn des Wortes gemütlich, ein mit Fransen überzogenes, kirschrotes Sofa vor dem Kamin. Lediglich zwei der Betten waren belegt, was bedeutete, dass vielleicht in den nächsten Tagen noch jemand hier einziehen könnte. 

Link trat näher und sein nachdenklicher, im Moment mutloser, Blick schweifte zu dem vorbereiteten Bettchen ganz hinten, wo das kühle Mondlicht sich ab und an verlor.

 

Der andere Zimmerbewohner hüpfte erfreulich auf seine Beine, wischte sich den Schlafsand aus den Augen und reichte dem vergessenen Helden der Zeit eine begrüßende Hand. Als Sache einer Formalität nahm Link diese entgegen und sagte leise: „Dein sogenannter Wolfshund fällt wohl jeden an, was?“

Überrascht meinte sein Gegenüber: „Nein, eigentlich ist er nur zu Freunden und zu meiner Familie so nett, normalerweise haut er jeden in Stücke.“ Ein verschlagenes Grinsen formte sich auf dem fünfzehnjährigen Gesicht des Schülers, der in einem hässlichen, altmodischen, bräunlichen Nachthemd bekleidet war. Etwas, wogegen sich Link weigern würde, es zu tragen...

„Da hab’ ich ja Glück gehabt, was?“, meinte der Held und stellte seinen Rucksack besitzergreifend auf das Bett direkt neben einem großen Fenster mit schwarzbemaltem eisernem Beschlag. Der andere Kerl grinste daraufhin und meinte: „Also, wie war noch mal dein Name? Link?“ Der junge Held nickte bloß und verbarg den heimlichen Groll auf seinen eigenen Namen.

„Und du hießest?“

„William Laundry“, sagte er stolz, denn er bräuchte sich mit seinem fabulösen Stammbaum und den Taten seiner Ahnen nicht zu verstecken. „Aber du kannst Will sagen.“

„Okay“, meinte Link und sah nachdenklich hinaus zu dem Fenster.

 

Zufrieden schwang sich Will wieder auf sein Bett und kraulte seinem Wolfshund den Hals, der sich quer über das Bett gelegt hatte.

„Ist ja echt lustig, dass du nun doch noch hier Unterricht nimmst“, sagte Will. „Wolltest du nicht... ach ja... in die Kokiriwälder?“ Erstaunt darüber, dass William diese Sache noch in Erinnerung hatte, schaute Link auf und zog sich die grüne Tunika über den Kopf.

„Richtig“, meinte Link kurz angebunden, aber hatte keinen Bock diesem unwissenden Neuling alles auf die Nase zu binden. „Aber eine Freundin hat mir dazu geraten hierher zu kommen und da...“ Link unterbrach sich selbst, als er aufgeregtes Wiehern der Pferde in dem Stall vernahm und irgendwie einige Schatten im Innenhof der Burg erblickte. Schnell krabbelte er über sein Bett zum Fenster und schaute hinaus in die Nacht.

Zwei smaragdgrüne Augen schnellten ebenso hinaus. Irritiert flüsterte William zu Link: „Was, meinst du, ist das da unten?“

„Weiß nicht...“ Links tiefblaue Augen erkannten in etwa zehn Gestalten, die sich zum Teil mühsam, stolpernd, aber auch schnell und zielsicher vorwärtsbewegten. In dem Moment begann der Wolfshund im Raum zu knurren und jaulte. Plötzlich sprang er vom Bett herunter und keifte immer gefährlicher, sprang mit großen Sätzen von einem Bett auf das andere.

„Wulf! Hör’ auf!“, rief William und sprang mit einigen großen Sätzen zu dem Getier, welches knurrend mit den Pfoten auf dem Steinboden schabte. Wulf ging in Deckung und fletschte unheilvoll die Zähne. Mit vorsichtigen Schritten wagte sich William näher und erreichte seinen Hund, der sich durch dessen Streicheleinheiten allmählich beruhigte.

 

Link jedoch schaute nachdenklich hinaus und sah einige kleinere Kreaturen hinter einer etwas größeren herlaufen. Es war stickig, so schwarz außerhalb, dass Link nicht mehr als einige Umrisse erkennen konnte. Einige Gestalten verloren sich, als ob sie mit der Dunkelheit verschmolzen waren. Andere eilten zu den Hauseingängen, teilten sich auf, bis in dem Innenhof niemand mehr war...

 

Link atmete laut aus und hatte trotzdem ein merkwürdiges Gefühl in seinem Magen, ähnlich einer Erinnerung an den alternativen Zeitpfad, den niemand so kannte wie er, ähnlich einer Vorwarnung.

„Sind sie weg?“, flüsterte William aufgeregt und krauelte sachte den mit Speichel besudelten Hals seines Haustieres.

„Ja...“, sagte Link kühl, spähte dennoch wachsam hinaus in die stürmische Nacht, wo sich die Gewitterwolken wieder zuzogen. 

„Was, meinst du, war das?“

„Keine Ahnung“, meinte der unerkannte Held. „Aber sicherlich nichts Beunruhigendes. In dieser Burg halten sich doch etliche Ritter auf. Was soll’ hier schon herumspucken?“

„Stimmt“, entgegnete Will und kroch wieder unter seine Bettdecke. „Aber warum ist denn Wulf so ausgetickt?“

„Frag’ ihn das doch“, sagte Link belustigt. Bildete sich William wirklich ein, hier an der Schule würden irgendwelche dunklen Kreaturen schaurige Treiben veranstalten? Also wirklich... zu diesen friedlichen Zeiten? Quatsch, sagte Link zu sich selbst und schüttelte innerlich den Kopf, da er selbst vor wenigen Augenblicken an die mörderischen Teufelsgeschöpfe von damals denken musste. Irrsinn, wir haben Frieden. Dämonen waren Schnee von Gestern... genauso wie die Moblins auf der Lon-Lon- Farm, die er sich, so seine Annahme, auch nur eingebildet hatte...

William sah unbeeindruckt drein und ließ seinen müden Kopf auf ein Federkissen sinken.

 

„Wie kommt es eigentlich, dass Wulf hier schläft. Ist es nicht untersagt, an der Schule Haustiere zu halten.“

„Schon“, sagte Will belustigt. „Aber was niemand weiß, macht niemanden heiß.“ Er grinste Link tückisch entgegen, so als ob er erwartete, dass auch Link über Wulfs Anwesenheit schwieg. Der junge Held der Zeit konnte einfach nicht anders als zu nicken. „Richtig.“, meinte Link. „Und seit wann bist du schon hier?“

„Seit fünf Tagen, so wie die meisten. Ich muss sagen, du bist ziemlich spät dran.“

„Ja, du bist jetzt schon der dritte, der mir das auftischt. Ich weiß, verdammt“, murrte Link, der ohnehin nicht wusste, was er hier tun sollte. Er zog die Schnüre seines Rucksackes auseinander und packte sein Gerümpel aus. Ein paar Kleidungsstücke, einige Karten, seine Geldbörse, ein angebissenes Brot, einen Kompass, die Okarina der Zeit, sowie jene Babydecke, welche der Dekubaum ihm übergeben hatte. Sofort räumte er letzteres wieder in den Ranzen und packte den gesamten Kram in seinen Schrank.

Interessiert beobachtete Will den Plunder in Links Händen, fand den jungen Hylianer vor ihm immer merkwürdiger und konnte sich nicht vorstellen, dass ein Fünfzehnjähriger so viele abenteuerliche Sachen mit sich herumschleppte.

„Sag’ mal, was machst du eigentlich mit dem ganzen Zeugs?“ Und Will deutete neugierig auf Links Ramsch, der verteilt auf dem Bett lag.

„Das hat dich nicht die geringste Bohne zu interessieren“, murrte Link verärgert, denn immer wenn jemand sich in sein Leben einmischen wollte, wurde er giftig. Er ertrug das Gefühl nicht mit den Augen eines Freundes angesehen zu werden. Er ertrug es nicht, beachtet zu werden. Und er ertrug es noch weniger, bemitleidet oder in letzter Instanz geliebt zu werden...

„Tschuldigung, hab’ ja nur gefragt“, meinte Will und drehte sich genervt gen Wand.

 

Daraufhin setzte Link murmelnd hinzu: „Es ist besser für dich, wenn du nicht zuviel weißt...“ 

Aber Will gab nicht so schnell auf. Das Blut einiger hartnäckiger, tapferer Ritter floss durch seine Venen. Vielleicht war dies der Grund, dass er sich aufrichtete und zu Link hinüber watschelte. Wulf hatte es sich auf einem zotteligen Pelz vor dem wärmenden Kamin gemütlich gemacht, wo noch einige Kohlen schwach glühten.

„Du bist vielleicht ein unfreundlicher Kerl“, sagte Will und gab Link einen Klaps an seinen Hinterkopf. „Was machst du dann an einer Schule, wo neben den eigenen Künsten Teambereitschaft gefragt ist.“ Link drehte sich unbeeindruckt zum Fenster.

Eine Pause entstand.

 

„Hast du deinen Stundenplan schon zusammengestellt?“ Und William machte einen zweiten Versuch mit dem rätselhaften Link ins Gespräch zu kommen.

„Nein, wann denn?“

„Brauchst du Hilfe dabei?“ Und ein gutgemeintes Grinsen ging über Wills schmales Gesicht, welches hellbraunes Haar abrundete.

„Danke“, sagte Link abtuend. „Aber ich krieg’ das schon alleine hin.“

„Wie du meinst“, sagte Will und verstand, warum seine Mutter diesen Kauz als einsam abstempelte. Link hatte etwas Seltsames an sich, wirkte vielleicht sogar unwirklich in den Augen anderer Hylianer.

Will machte es sich neben dem Wolfshund vor dem glühenden Kohlenrest bequem. „Aber es ist ziemlich schwer aus dem Plan herauszufinden.“, sagte der Jüngling dann.

„Das klappt schon irgendwie.“

„Okay, aber sag’ nicht, ich hätte dich nicht gewarnt.“

„Ist gut, ich merke mir den Ratschlag.“

„Glaub’ ich nicht“, murmelte William frustriert. Erzürnt drehte sich der junge Heroe um und gaffte in die grünen Augen seines Mitbewohners. „Du gibt’s wohl nie auf.“ Doch William schüttelte erheitert den Kopf. „Wenn man aus einer solchen traditionsreichen Familie kommt, wie ich, dann fühlt man sich schwach, wenn man aufgibt“, meinte er. Link runzelte die Stirn. Es war unbestreitbar, dass Link jemals aufgegeben hätte. Aber er brauchte keine traditionsreiche Familie für derartige Charakterzüge. Es erwuchs aus seinen Inneren, dass er immer schon so lange kämpfte, bis er sein Ziel erreicht hatte. Er gab niemals auf, auch ohne einen Vater in toller Ritterrüstung hinter sich stehen zu haben.

„Und du? Kommst du auch aus einer Ritterfamilie?“ Link nickte lediglich und wand seinen traurigen Blick in die andere Ecke des Zimmers.

„Dann musstest du also auch keinen Rubin für das Studium bezahlen.“

„Nein, nicht einen. Aber ich habe eine Empfehlung, weil...“ Link stoppte sich selbst. Wollte er diesem jungen, unwissenden Kerl jetzt tatsächlich erzählen, weshalb er keinen Stammbaum vorweisen konnte.

„Wer sind deine Vorfahren? Vielleicht kennt man Vater ja deinen?“

„Ich habe keine Ahnung und jetzt hör’ auf mit deinen Fragen. Du bringst mich noch um den Verstand“, endete Link mürrisch und zog sich ein blassblaue Seidenhemd über den Kopf und entledigte sich der Stiefel. 

 

William gab ein ohrenbetäubendes Schnaufen von sich und erstarrte plötzlich, als Link sich das Hemd von dem Oberkörper streifte. Er wollte nicht schon wieder etwas Falsches sagen, also hielt er seinen großen Rand. Auch, wenn nun tatsächlich Mitleid und Verwunderung in seinen smaragdgrünen Augen lagen. Es war nicht nur Links Rücken, der von einigen hässlichen Narben übersät war, sondern auch die Statur, die William von einem Jungen seines Alters noch nie gesehen hatte. Aber das Schlimmste waren wohl die Narben, welche von scharfen Klingen, von Feuer, kochendem Wasser und tiefen Klauen stammen mussten. William setzte entsetzt eine Hand an seinen Mund und schien sein freches Schandmaul verloren zu haben. „Bei Nayrus göttlichem  Segen, was hast du denn gemacht?“, entfuhr es ihm. Aber Link drehte sich bloß mit runzelnder Stirn und fragendem Blick um.

„Wo hast du denn die ganzen Narben her?“, entkam es Wills entgeisterten Miene. Link warf ihm einen genervten Blick zu, der William verstummen ließ.

„Schon klar, ich frag’ nicht noch mal.“ Doch innerlich schüttelte William mit dem Kopf und starrte den einstigen strahlenden Helden nur an. Zum Teufel, dachte er, nicht einmal sein Vater hatte solche Wunden je getragen und William wusste um einige harte Kämpfe seines Vaters gegen die verschiedensten Fieslinge. Woher also trug ein Fünfzehnjähriger derartige Verletzungen? William fand dafür nur wenige Erklärungen. Entweder war dieser Kerl einst in einen Raubüberfall verwickelt, man hatte ihn gefoltert, oder er hatte schon mehr Köpfe abgeschlagen, als William Holzschwerter ruiniert hatte.

 

Link ließ sich erschöpft auf das Bett sinken und blickte müde zu Will hinüber. „Ich habe einige...“ Der Heroe sann über das richtige Wort und entschied sich für ein belangloses. „... Dinge... hinter mir“, endete er ruhig. Irgendwie selig und zufrieden zog er eine dicke Federdecke über den Kopf, konnte sich nicht erinnern jemals in einem so bequemen Bett geschlafen zu haben und gähnte herzhaft.

„Das tut mir leid“, meinte William und wollte ihm eigentlich ehrliche Anteilnahme schenken. „Jedem tut es leid. Hast du eine Ahnung, wie mir das auf den Wecker geht? Ich brauche kein Mitleid, das habe ich nie gebraucht...“, murrte Link und drehte sich gen Wand. Zum Teufel, warum musste er mit diesem Kerl jetzt darüber reden? Halt’ einfach die Schnauze, sagte er zu sich selbst und hoffte, sein Triforcefragment würde ihm dabei helfen, sein vorlautes Mundwerk zuzunähen. Cholerisch drückte er das Kissen über den Kopf.

 

„Vielleicht sollten wir jetzt schlafen, Link. Gute Nacht.“, sagte Will und starrte nachdenklich an die Wand. Er war ein guter Mensch, das war eines der Dinge, die er sich immer wieder einredete. Und Will war sich sicher, dass auch Link unter seiner eiskalten, harten Schale einen weichen Kern haben musste. Was hatte dieser Fünfzehnjährige bloß durchgemacht? Will war einer von der neugierigen Sorte und er wusste, dass er irgendwie herausfinden würde, was sich hinter einem so interessanten Hylianer verbarg, wie Link es war.  

 

Einige Stunden verstrichen in der alten Ritterschule und doch war für einige Geschöpfe die Nacht noch lange nicht vorbei. Denn einige... lebten nur in der Nacht. Kreaturen der Finsternis machten sich nichts aus dem Gestank des Tages, wie sie ihn nannten. Sie hassten die abscheulichen Sonnenstrahlen und verbrannten sich doch nur die Finger am reinen Licht. Geschöpfe des Todes, der widerlichen Dunkelheit, erschufen sich ständig neu aus dem alten Element, welches als ein Gegenspieler von Licht das Gleichgewicht der Welt erhalten musste. Gegensätze waren unabdingbar auch für eine Welt wie das alte Hyrule...

Und so krochen niedere Seelen immer dann aus ihren Schlupflöchern, wenn nicht einmal der Mond das Sonnenlicht reflektieren konnte...

 

Link wälzte sich in seinem Bett herum, hatte Träume so wie jede Nacht. Schatten der Nacht, die er nicht verstand...

 

Er befand sich ein weiteres Mal in jenem Saal, wo ein kleiner Wandteppich die Kahlheit und Leere des Ortes unterband. Ein Wandteppich, auf dem ein altes Ritterwappen eingestickt war. Etwas rüttelte an ihm, schlitzte in seinem Herzen, als er das Symbol betrachtete...

In dem Saal herrschte Leere und Kälte, ebenso wie in seinem erfrorenen Herzen. Ein Ort der Traurigkeit. Ein Ort der Erinnerung...

Sorgsam trat Link um seine eigene Achse, erblickte eine runde Tafel vor sich und eine riesige Karte Hyrules hing an der Wand, in einem Saal, der ausgefüllt war von schillernden Farben in allen Varianten. Das Schlitzen in seinem Herzen wurde bedrückender, wie eine eisige Hand, die sich über die Seele legte, eine Hand, die das Herz erschütterte.

Er fühlte eine Träne über seine Wange tropfen. Hier zu sein war fremd, obwohl er den Ort kennen sollte. Hier zu sein quälte ihn, obwohl es ihn freuen sollte. Wie ein kleines Kind brach er auf seine Knie und fühlte sich innerlich zerrissen von Mächten der Vergangenheit.

Plötzlich legte sich eine Hand auf seine Schulter und ein paar warme Arme schlangen sich um ihn, zogen ihn in eine innige Umarmung.

„Du musst zurückfinden, Link“, sagte eine verträumte Stimme. „Aber du musst nicht alleine gehen... Lass’ mich dir helfen“, flüsterte jene Stimme. „Ich möchte dir helfen...“ Er traute sich nicht, die Gestalt anzusehen und verharrte in jener Haltung, als der Raum zu verblassen schien. Verblassen... wie die Schriftzeile irgendeines Buches, welches der Macht der Zeit unterlag.

„Lass’ mich dir bitte helfen...“, sagte eine sanfte, helle Stimme. „Und jetzt... wach’ auf...“

 

Wie auf Kommando schnellten Links Augenlider nach oben und er richtete sich auf. Der Traum war so beruhigend, so angenehm wie noch nie ein Traum, den er träumte...

Der Versuch eines Lächelns umspielte seine Lippen. Diese Stimme, sie war so vertraut, so wohlig in seinen Ohren. Er griff sich an seine Stirn, fühlte sich entspannt und frei und wischte sich eine Träne unter den Augen weg... Bei Farore, noch nie hatte er so einen schönen Traum gehabt, und noch nie, nicht einmal in der Wirklichkeit hatte Link eine Umarmung so genossen... War das Glück? War das jenes Gefühl, jenes Etwas, was Link in seinem einsamen Leben stets und ständig vermisst hatte? Zwanghaft versuchte er zu begreifen, wer sich in seinen Traum eingeschlichen hatte und ob er die Gestalt kannte. Aber Link fand keine Antwort.

 

Seine tiefblauen Augen schweiften in dem Moment zu dem Fenster des Zimmers. Ein kühler Nachtwind peitschte ihm entgegen, obwohl doch schon lange die Sonne am Horizont stehen müsste. Links Augen sahen genauer hin und erschrocken erkannte er, dass jenes hohe Fenster mit den dunklen Metalleinschlägen sperrangelweit offen stand. Nanu?

Link krabbelte über seine Matratze und blickte für wenige Sekunden hinaus zu dem tobenden Sturm, der sein Zentrum direkt über den grauen, gutbefestigten Zinnen der gigantischen Ritterschule hatte. Kalter Regen gemischt mit Hagelkörnern schlug ihm ins Gesicht, worauf er das Fenster schnell ohne Weiteres schloss.

 

Weiterhin über den angenehmen Traum nachsinnend ließ sich Link wieder auf die weiche Matratze sinken, spähte durch die Dunkelheit zu William und zu dem angsteinflössendem Wolfshund, der laut schnarchend nebst Will auf der Zudecke hockte.

 

,Wach’ auf’, hatte die Stimme in seinen Träumen gesagt. Was das wohl zu bedeuten hatte? Aufwachen? War er denn nicht wach, gerade in dem Augenblick. Oder sollte Link etwa wieder als der Held aufwachen, der doch tief in seinem Bewusstsein schlummerte?

 

Gerade als Link die dicke Federdecke über seinen müden Körper ziehen wollte, spürte er einen weiteren Luftzug in der Kammer, obwohl er das Fenster fest verschlossen hatte. Denn die Dunkelheit haftete auch hier in diesem Raum. Es gab so viele Ecken, in welcher sie sich unbemerkt einschleichen und verstecken könnte. Die Dunkelheit, vor der sich die kleinen Kinder immer fürchteten. Link erinnerte sich kurz an eine Geschichte des ehrwürdigen Dekubaumes, die Kokiri warnte sich zu später Stunde noch in die verlorenen Wälder zu begeben. Es hieß, dass Kokiri, die unartig waren, die Lügengeschichten erzählten, die den Wald mit ihren bösen Gedanken Schande zufügten, in den tiefen Wäldern zu später Stunde von geflügelten Schatten geholt werden würden. Link, der immer dachte, die Wälder waren sein Zuhause, hatte die Geschichte geglaubt, auch wenn er dann doch irgendwann bei Nacht dem Pfad in die Verlorenen Wälder folgen musste...

 

Dunkelheit und die Kreaturen, welche sie verbarg, ja, überall nistete sie sich ein und hatte ihre Spione...

 

Leise richtete sich Link wieder auf und blickte durch die Nacht von einer Ecke in die andere. Es schien mehr als nur die Stimme in seinen Träumen gewesen zu sein, die ihn aufschreckte. Oder bildete er sich das nur ein? Vielleicht träumte er ja noch. Mit einem lauten Quietschen der Matratze sank der Held der Zeit nieder, schloss seine Augen und lauschte der stillen Melodie der Nacht, dem Plätschern des Regens an die Scheibe oder dem Tosen des wütenden Windes außerhalb...

 

Von einer Sekunde auf die andere aber hatte Link das Gefühl, in diesem Raum mit Wulf und Will nicht mehr alleine zu sein. Er spürte regelrecht die Anwesenheit von fremden Augen, von fremden Gemütern und verruchten Seelen...

 

Wieder richtete er sich auf und ließ seine Beine aus dem Bett hinausbaumeln. Langsam und leise berührte er mit den nackten Füßen einen kleinen abgenutzten Teppich vor seinem Bett, fühlte wie seine Füße in das Material sanken. Auch eine Empfindung, die Link noch nie zu schätzen gewusst hatte. Denn in seinem Heim bei den Kokiri gab es so etwas wie dicke, pelzige Teppiche nicht...

Seine tiefblauen Augen glühten ein wenig in der Dunkelheit, besonders dann, wenn eine der schwarzen Wolken sich vom hellen Schein des Mondes besiegen ließ, ihm untertänig war, wie das helle Licht der Hoffnung kalte Schatten aus Erinnerungen verbannen konnte. Das merkwürdige Gefühl, als würde sich etwas ihm annähern, blieb. Und nur als Folge jener heimlichen Empfindung von Dunkelheit, die die Sinne betäubte, stützte der Fünfzehnjährige langsam seinen Körper auf die Beine, blickte wachsam um sich.

 

In dem Moment sprang etwas Pelziges, Kaltes direkt neben seinem Fuß vorbei und verschwand knisternd in der Dunkelheit des Zimmers. Aufgeregt hüpfte Link zur Seite und griff intuitiv nach einem Dolch, den er irgendwann eher unbewusst unter seinem Kopfkissen versteckt hatte.

Einige Sekunden verstrichen, während Link seine Ohren spitzte, während er versuchte das Geschöpf der Nacht an ihrem eigenen verdächtigem Atmen zu erkennen, zu spüren und zu stellen. 

 

Ein Quietschen ging durch den mit dunklen Farben bemalten Raum, gefolgt von zermürbenden Kratzen und eifernden Zischen. Erneut hetzte etwas in dem Raum umher, hastete auf klappernden Pfoten über den gesäuberten Steinboden und schien verstummend unter einem leeren Bett zu verschwinden. Ohne das Bett auf der anderen Seite aus den Augen zu lassen, kramte Link sorgsam nach einem Streichholz, lief zu Wills Nachttischschränkchen und entzündete schnell die Öllampe. Wulf gab ein Murren von sich, aber schien zu verschlafen, als dass er etwas bemerkte. Toller Wachhund, dachte Link und widmete sich wieder der Kreatur, die sich still und heimlich unter dem hinteren Bett versteckte.

Ein milder Schein der Wärme flatterte über den Steinboden, bis zu dem Bett, wo etwas Unbekanntes wartete. Leise und barfuss schlich Link hinüber, kniete nieder und lugte sorgsam unter das Bett, versuchte etwas zu erkennen. Das kleine Licht der Öllampe flackerte und anscheinend war es dem Licht zu verdanken, welches Geschöpfe der Nacht störte, dass das unbekannte Wesen einen zischenden, abstoßenden Laut von sich gab. Link wich zurück, als zwei glühende Augen im Schatten des Bettes erglommen.

 

Eine kurze Erinnerung kam auf... lebendige Schatten, die lästernd vor Links innerem Auge tanzten. Seine erste Begegnung mit einem Dämon der Finsternis schüttelte seinen Geist. Er erinnerte sich. Vor einst sieben Jahren, die doch nicht wirklich sein durften, die man weggesperrt hatte, als ein Schutz der Welt vor dem Bösen, erstarrte der junge ehemalige Kokiri, als er alleingelassen, mit einem kindhaften Kurzschwert den Weg ins Innere des Dekubaumes bestritt. Ein Kampf folgte nur kurz nach dem Eintritt in den vergifteten Kern eines weisen, sprechenden Baumes. Ein Kampf gegen Horden von fleischfressenden Pflanzen, die ihn von allen Seiten schmaler Gänge attackiert hatten.

 

Es war sein erster Kampf gewesen und den ersten Kampf gegen das Böse vergisst man nicht... 

 

Und auch jetzt würde er einen Kampf bestreiten müssen, denn das Etwas, das Namenlose, unter dem Bett gehörte sicherlich nicht zu harmlosen Geschöpfen einer guten Seite der goldenen Macht.

 

Zwei dreckige Pfoten mit vielen, vergifteten Krallen schossen plötzlich unter dem Bett hervor begleitet von dem widerlichen Zischen. Link schnellte nach hinten und brachte das Nachtischlein von Will zum Wackeln. Dann ging alles plötzlich sehr schnell. Die Öllampe landete mit einem heftigen Schlag auf dem Steinboden und verlor ihr angenehmes Licht. Wulf richtete sich schlagartig auf, begann zu knurren und war mit einem riesigen Satz in der Nähe des Geschöpfes, welches unter dem unbenutzten Bett unartikulierte, zänkische Laute ausstieß. Aufgeregt wedelte Wulf mit seinem Schwanz, begann heftig zu heulen und schien sich mit dem Dämonengeschöpf unter dem Bett anzulegen.

Das Gezischel und Zürnen wurde lauter, bis das Geschöpf jauchzend unter dem Bett vorsprang und gen Tür hetzte. Laut heulend sprang der Wolfshund hinter dem zischenden Dämonengeschöpf her. Hektisch wurde die alte Tür mit dem Riegel geöffnet und ein schwarzes Geschöpf der bitteren Nacht stürmte zischend dunkle Gänge entlang, während ein wildes Getier heulend hinterher stürmte.

Aufgebracht und mit einem Dolch bewaffnet hetzte Link hinter dem Gespann her, durchschritt dunkle Gänge, sauste eine Wendeltreppe abwärts und hörte sich weiter und weiter entfernend den Zischlaut und das beißende Kratzen eines Teufelsgeschöpfes gemischt mit dem Knurren und Fauchen des Wolfshundes.

 

Die Laute endeten abrupt und Stille kehrte zurück in die Ritterschule. Link erreichte atemlos das Ende der Wendeltreppe und blickte sorgsam in den rötlichen Korridor mit vielen scharlachfarbenen Behängen. Und überall führten einfache Holztüren in verschiedene Zimmer. Aha, dachte Link, dies war also der Aufenthaltsort der jüngeren Schüler. Er lief langsam weiter und sah den aufgeregten Wolfshund seines Mitbewohners an einem offenen Fenster am Ende des Ganges hocken. Sein markerschütterndes Heulen ging in die Nacht und sendete ein einprägsames Echo zurück. Aber keine Spur des finsteren Geschöpfes, welches sich klammheimlich in das Zimmer des Helden der Zeit und William Laundry geschlichen hatte. Niemand bemerkte die winzigen Augen eines Dämonenwesens, das die Abflussrinne hinabsegelte. Niemand hörte das Kratzen vieler Krallen an dem verrosteten Eisen, wo Wassertropfen aufgefangen wurden. Und niemand würde jemals glauben, was Link soeben erlebt hatte...

 

Link kniete zu dem stolzen Getier nieder und streichelte gedankenvoll über dessen Kopf. Auch der Heroe schaute hinaus in die stürmische, kalte Nacht und wendete sich dann mit seinen tiefblauen Augen dem schönen, wenn auch eigenwillig gefleckten, Fell des Hundes zu. Ein halbes Grinsen zeigte sich in Links Gesicht, als das brave Haustier ihm einen schleimigen Schlecker mit der riesigen Zunge gab. „Mach das bloß nicht zu oft, Wulf. Sonst wird dein Herrchen noch eifersüchtig“, sagte die kindliche Seite des Helden der Zeit. Wahrlich eine seiner Ungewöhnlichkeiten. Denn innerhalb von Sekundenbruchteilen konnte diese naive Seite von einer gefährlichen, scharfsinnigen verdrängt werden. Wulf gab ein Bellen von sich und nickte mit dem schmalen Kopf. Link strich unter der kalten Schnauze des Geschöpfes entlang, dem diese Form der Betätschelung anscheinend gefiel.

„Und du scheinst ziemlich aufgeweckt zu sein, was?“ Wiederrum nickte Wulf, als ob er Links Worte verstehen könnte. Link hätte beinahe angefangen zu lachen, vielleicht, weil er über sich selbst lachen musste. Denn er redete offener und spaßiger mit einem Tier als mit irgendeinem Hylianer. Vielleicht war das eine seiner Tücken und Probleme, das Unvermögen mit jemandem zu kommunizieren oder in Interaktion zu treten. 

„Ich war auch mal so eifrig, weißt du. Ich war auch mal mutiger und klüger, wenn es um Geschöpfe des Bösen ging. Aber... diese Zeit ist lange vorbei...“, sagte Link traurig. Die Melancholie und nervige Depressivität der letzten Tage machte sich wieder ans Werk, den Jugendlichen fertig zu machen... 

Wulf ließ den Kopf schief hängen und gab ein Kläffen von sich. Gerade so als versuchte er den Helden damit aufzuheitern.

„Du scheinst der richtige Mann, ähm Hund, für den Job eines Helden zu sein“, bemerkte Link und wanderte mit seinen tiefblauen Augen zu den glimmend gelben des Hundes. Es war kein pures Gelb, sondern überzogen mit einer Spur giftgrün, die sich davon abhob.

„Ein Held, der ich nicht mehr sein kann und nicht mehr sein will...“, murmelte der Fünfzehnjährige trübsinnig, verbarg den Schmerz der Erinnerung vor seinem eigenen Herzen und schämte sich schon fast wieder, mit einem Hund, anstatt mit einem Wesen seines Gleichen darüber zu reden...

 

Versunken in seinen Gedanken an das Damals, registrierte Link nicht die sich nähernden Schritte. Der helle Schein einer Fackel ging durch die Dunkelheit und verlor sich auf Link. Erschrocken sah der Schüler auf und blickte in ein dunkles Augenpaar, welches sich hämisch an der Miene Links amüsierte. Ein stattlicher Ritter, muskulös und großgewachsen, stand vor ihm, verborgen unter einer grauen Kutte. Die Gestalt beugte sich näher und lachte hochmütig: „Na, wen haben wir denn da noch zu so später Stunde?“ Der Mann zog seine dreckige Kapuze hinab und schnalzte mit seiner Zunge. Hastig blickte Link rechts neben sich. Aber Wulf war wie vom Erdboden verschluckt. Dann wanderte der unschuldige Blick des Helden wieder zu dem großen Mann, der ernüchternd mit seinem Zeigefinger wackelte.

Ein Stechen kam aus ein paar schwarzen Augen. Es war nicht nur Abneigung, die sich in der Nacht dieser kalten Augen wiederspiegelte, vielmehr war es pure Antipathie, wenn nicht sogar Ekel. Link kannte diese hochnäsigen Blicke aus einer hässlichen Fratze mit einer schmalen Nase und hervorstechendem Kinn. Er war diesem Kerl in dem Gefängnis Doomrent über den Weg gelaufen. Ein Ritter, der seinen Namen nicht verdient hatte und gleichzeitig wohnte ihm das Amt des Direktors inne.

„Du bildest dir wohl ein, nur weil du ein angeblicher Held bist, dass du dir Dinge erlauben kannst, die anderen Schülern untersagt sind?“, zürnte er, erwartete aber auf seine giftige Frage keine Antwort. Der junge Mann verstand nun, was Orson ihm ans Herz legen wollte. Einige hochrangige Ritter wussten um den alternativen Pfad der Zeit und einige schienen nicht gut auf ihn gestimmt zu sein. So wie Sir Viktor, der mitten vor ihm stand.

 

Link sagte nichts und hatte ein merkwürdiges Gefühl, diesem hochmütigen Hylianer länger in die Augen zu sehen. Also sah er weg, unterdrückte den Zwang sich zu rechtfertigen, denn er konnte diesem Widerling doch nicht wirklich erzählen, was sich hier gerade abgespielt hatte. Aus Schutz seines Zimmergenossen, der ein Haustier hatte, welches nicht gestattet war und aus Schutz seiner eigenen Haut. Denn wer schon hielt es für möglich in einer solchen Ritterschule kleine Dämonen anzutreffen. Verrückt würde man den Helden nennen, dessen abenteuerliche Geschichte aus einer anderen Dimension sowieso für Erfindung, Märchen oder Lüge gehalten wurde. Verrückt. Paranoide. Und geistig krank.

„Rede gefälligst“, ertönte eine garstige, unmenschliche Stimme, die man aus Tausenden wiederfinden würde. „Was hast du hier gedreht?“

„Ich habe nichts zu sagen“, murrte Link und trampelte langsam den Gang entlang. Doch Sir Viktor packte den Jungen erbost am Kragen und wirbelte ihn zurück.

„Nehmen Sie ihre schmierigen Pfoten vom mir!“, zischte der junge Held und warf ihm einen Blick zu, der ein ganzes Moblinheer hätte spalten können. Schmerzhaft schlug Link auf die knochigen Hände des Ritters. Ein überlegenes Augenspiel streifte den jungen Hylianer.

„Ach, du bist wohl noch dümmer als dein Ruf, du mieser, nutzloser Held.“ Sir Viktor grinste unecht, neigte sein Haupt mit den dürren hellblonden Haaren zu Link hinab und warnte seinen beißenden Atem hauchend: „Du hast gegen die Hausordnung verstoßen, da du zu so später Stunde noch hier umhergeschlichen bist. Deine Strafe besteht darin, die Toiletten zu putzen.“ Viktor lachte selbstherrlich, und zupfte sich ein störendes Haar aus einem Nasenloch. Angewidert schaute Link zu Boden, verkniff sich ein beleidigendes Schimpfwort und hörte das wütendmachende Lachen, als der Kerl davon eilte. „Ach, Heldchen, dein Arbeitstag beginnt übrigens sechs Uhr, in einer Stunde. Halt dich also ran, wir wollen doch, dass die Aborte sauber sind... lach...“

Schnippisch äffte Link den Idioten nach, als dieser außer Reichweite war und begab sich murrend in das Stockwerk, wo Will ungeduldig wartete.

 
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