Kapitel 1.1
 

Kapitel 1: Der Ruf

 

 

Es war mehr…

Ein Gedanke an Geheimnisse, versteckt und wohlbehütet in dem Träger eines rechtschaffenen Herzen. Eine Geschichte. Ein Schicksal. Und eine Wahrheit.

Eine Geschichte, die sich aus menschlichen Sehnsüchten speiste. Geboren für viele Gemüter, die sich nach dem Zauber einer anderen Welt sehnten und dem Leben mehr als nur eine unangemessene Sinnhaftigkeit zu sprachen. Ein Märchen bloß und doch einzigartig, unheimlich kostbar für jene Seelen, die nicht nur mit unsicheren, kindlichen Augen sehen würden.

Es war am Leben… nur mit einem falschen, unwirklichen Gesicht. Vergessen vielleicht… Geschrieben nicht nur einmal. Und doch erzählte jene Geschichte über viele endende Träume, über grausame Kriege, über Liebende, die nie welche waren… 

Ein Schicksal, an welches so viele Ereignisse geknüpft waren, an welches so viele Unschuldige ihre Seele verkauft hatten. Das einzige Schicksal, welches zwei Personen, nicht immer gut, nicht immer rein, nicht immer hoffnungsvoll, als ihren Anker auf dem Meer der Zeit angenommen hatten, darauf vertraut hatten. Ein Vertrauen, welches Götter und Wissende enttäuschen mussten. Denn nichts folgte in einem selbstgerechten Teufelskreis, welchen jenes Schicksal anordnete. Nichts als gestorbene Sehnsüchte, Enttäuschungen und die Bitterkeit leerer Gesichter. Ein Kampf folgte immer in jenem Rad des Schicksals. Und die Wunden, die Toten, sowie die gebrochenen Herzen würden nie das erhalten, was ein verräterisches Schicksal wie jenes ihnen versprach. Dumme Ideale für etwas, das den Namen Schicksal nicht verdiente…

Eine Wahrheit über zwei miteinander verbundene Seelen, die ihre Wünsche und Sehnsüchte für den Frieden aufgaben. Seelen, die an dem Weltengesetz zerbrachen…

Es war so viel, aber immer mehr, als man fassen konnte. Jene Geschichte. Jener Kampf um das, was in vielen Augen die einzige Wahrheit sein sollte. Der Kampf um Macht… 

Und doch nur ein Gedanke eines Jugendlichen, der mit einem abgeknabberten Grashalm im Mund auf einer saftig grünen Wiese dem herzlosen Vorüberziehen weißer Wolkenfetzen zu sah. Ein Gedanke an etwas, was er vermisste, ersehnte und was doch… so nahm er an, sich niemals bewahrheiten sollte… 

Melancholie und Trübsinnigkeit lag versteckt in tiefblauen Augen eines jungen Mannes, der sich wünschte, er könnte die Zeit anhalten, jene einfrieren, für einen Moment am Rande dieser großen Wirklichkeit. Ein Wunsch getragen von einem außergewöhnlichen Jugendlichen, der in einer modernen, perfekten Welt niemals finden würde, was er suchte… Sein linker Arm wanderte in die Höhe als ein unnötiger Versuch, die Konturen eines weißen Wolkenschleiers nachzubilden, zu formen, zu verstehen. Der grenzenlose Himmel mit seiner wunderbaren blauen Farbe und seinen Tausenden Gesichtern. Was verbarg das Schicksal, wenn es dem Horizont diese vielen Gesichter gab und keines lange halten würde? Verbarg es Verrat? Hass? Oder das Unausweichliche. Der Gedanke an den Schlüssel der Welt, an eine Erinnerung, die ihn täuschte. Stille Zweifel auf einem ansehnlichen Gesicht verblassten leise, als der junge Mann auf seine Beine hüpfte und sich tapsend in das Haus seiner Familie begab.

,Wenn du deinem Schicksal nicht mehr vertrauen kannst, rufe mich’, sagte es in seinen Gedanken, als er den Riegel eines Gartentores verschloss.

‚Wenn dir das Unglaubliche begegnet und deine Sinne in Frage stellt, rufe mich… Rufe mich…’, entkam es seinen Gedanken, als er unauffällig in einem kleinen Wohnhaus verschwand, gelegen in einer Stadt, die man Schicksalshort nannte, errichtet in der Straße der Erinnerung…

Er betrat sein Zimmer im obersten Stockwerk, direkt unter dem Dach. Geschmackvoll eingerichtet in braunen, warmen Tönen und doch neu, fast unecht, so anders und fremd. Gegenstände der neuen Zeit, PC und Flachbildschirmfernseher, Schreibtisch, grüner Ledercouch und Sessel, allesamt unwichtig, wenn die Welt den Menschen ein anderes Gesicht offenbaren würde und doch erschreckend vertraut und real. Die Steuerung für ein Spiel, ein einfaches, unwichtiges Konsolenspiel in der Hand, ließ sich der Jugendliche vor seinem Fernseher nieder, fühlte ein fremdes Alleingelassen sein, ein dumpfes Erinnern ohne Grund…

Ein Spiel. ,The Legend of Zelda’… nur ein Spiel… 

 

„Link?“ Meira Bravery, die Mutter des jungen Mannes in jenem modernen Raum, stand in der Tür und hatte sich mit strengem Gesicht gegen den Türrahmen gelehnt. Sie war eine eher kleinere Frau mit kräftigem Körperbau und aschblonden, gelockten Haaren. Ihre weiße Schürze auf der Brust verriet, dass sie sich um das Kochen und den Haushalt gekümmert hatte.

„Jep, was ist denn?“, murmelte er, ohne seine Gedanken von dem Spiel vor seiner Nase zu lassen.

„Erweist du mir die Güte meinen siebzehnjährigen Sohnemann zu fragen, was er da tut?“ Und frech und aufmüpfig wie er eben war, schüttelte er zur Ärgernis seiner Mutter den Kopf.

„Link!“, fauchte sie sauer. „Gibt es in deinem Leben denn auch noch andere Dinge als dieses verflixte Spiel?“

„Nein“, meinte er gelangweilt. Sie wedelte aufbrausend mit dem Zeigefinger und trat vor ihn, sodass sie seine Sicht zu dem heißgeliebten Zeldaspiel blockierte.

„Und dieses Spiel ist kein verdammtes Spiel… es ist einfach alles!“, setzte er hinzu. Ja, seit er es entdeckt hatte, war sein Leben ein völlig anderes. Es war vielleicht tatsächlich mittlerweile alles für ihn.

„Seit Tagen, nein, ich verbessere mich, seit Wochen und Monaten sitzt du davor und vergisst, dass es auch noch eine wirkliche Welt gibt, in der dein Körper existiert.“

„Na und?“

Sie verdrehte die Augen und sagte: „Der junge Mann vor mir, mit dem grünen Basecap, mit den blonden Haaren und dem kurzen Pferdeschwanz könnte beispielsweise, wenn er die unglaubliche Güte dazu besäße, für seine morgige Klausur lernen!“, ordnete sie an.

„Keinen Bock.“

„Und den Termin bei dem Berufsberater in Schicksalshort hast du doch hoffentlich wahrgenommen.“

„Nein, hab’ ich nicht.“

Sie setzte einen wutschnaubenden Blick auf, welcher zu der abscheulichen Röte in ihrem Gesicht passte. „Nimm‘ dir endlich ein Beispiel an deiner klugen Schwester, die auch fleißig für ihre schulischen Prüfungen lernt. Aber nein, was machst du, spielen und zu sehen, wie dein Leben an dir vorbeirauscht!“, zürnte sie, und ihre Stimme wurde lauter und lauter. Link hüpfte auf seine Beine und floh vor seiner aufgeregten Mutter. Er tänzelte zu einem modernen Schrank, versteckte sich noch kurz hinter seiner waldgrünen Couch, lugte dann vorsichtig in die grimmigen Augen seiner Mutter Meira und setzte zugleich sein unschuldigstes Gesicht auf, das er parat hatte. Seine Mutter sah ihn wie immer aufgebracht an. „Nebenbei… “

„Ja?“

„Hast du dir endlich überlegt, wie es in deinem langweiligen Leben nach der Schule weitergehen soll?“

„Sollte ich denn? Außerdem ist mein Leben keine langweilige Leier.“ Ihr Blick verzog sich bei diesen Worten. Link dachte schon, sie würde vor Wut gleich explodieren. Er sah förmlich, wie sich ihre Muskeln anspannten, ihre Augen sich weiteten und ihre Halsschlagader aufquoll und sicherlich, das war nicht fair, aber ihre Wutattacken faszinierten ihn und amüsierten ihn zugleich. Er konnte spielend leicht ruhig bleiben. Selten konnte ihn etwas aus der Fassung bringen.    

„Jetzt hör mir mal zu, Freundchen. Du wirst bald achtzehn Jahre alt sein, benimmst dich aber wie ein kleiner, verzogener Bengel. Ich hab’s langsam satt für dich alle möglichen Termine wie den bei der Berufsberatung zu arrangieren, wenn du sowieso nichts davon ernst nimmst.“

„Ich habe es eben vergessen.“

„Das sagst du jedes Mal.“

„Ja, weil du es niemals kapierst“, muckte er. 

„Waaaas???“ Ihre Stimme schwoll an zu einem niemals- enden- wollenden Gebrüll. Jetzt hatte er sie wieder da, wo er sie haben wollte. Seiner Unverschämtheit hatte sie einfach nichts entgegenzusetzen. Mit einem aufgebrachten Kopfschütteln verließ sie das Zimmer, grummelte unfassbare Dinge vor sich hin, während die Treppe ins Erdgeschoss knarrte. Immer wieder musste sie die merkwürdige Gelassenheit ihres Sohnes ertragen. Immer wieder brachte er sie zur Weißglut. Doch wirklich böse sein konnte sie ihm nicht. Er war schon immer so gewesen, ein wenig aufmüpfig, abenteuerlustig und auf der Suche nach neuen Erfahrungen. Sie wusste es und doch dachte sie nie darüber nach, dass ihr ältestes Kind irgendwie etwas Besonderes war.

 

Link setzte sich vor den Fernseher, nahm einen schwarzen Controller zur Hand und spielte wieder. Jenes phantastische Spiel war einfach überwältigend, er liebte die Melodien, das riesige Abenteuer und in gewisser Weise sogar die tiefe Dunkelheit der eigentümlichen Verließe. Und so dumm es sich auch anhörte, es kam ihm so vor, als hätte er selbst jene Dinge schon einmal in der Realität erfahren, als hätte er selbst einst gekämpft. Merkwürdig allerdings war tatsächlich, dass Link ohne es richtig zu begreifen, schon vorher wusste, was in dem Spiel geschah. Er wusste vom Verlassen des Waldes, wusste von der einzigartigen Begegnung mit Prinzessin Zelda bis hin zum Endkampf mit Ganondorf, als wäre er selbst dort gewesen.

Vertrautheit für etwas so unwirkliches… Sehnsucht nach etwas so Stupiden, was ihm diese Welt, in welcher er sein Dasein fristete, einfach nicht bieten konnte.

Seine tiefblauen Augen wanderten, erfüllt mit einer unbeschreiblichen Sehnsucht nach mehr, nach Abenteuer, Hoffnung und vielleicht auch nach Liebe zu dem großen, hellen Fenster in seiner gemütlichen, wenn auch unaufgeräumten Wohnstube. Die Sonne ging bereits mit einem rufenden flammenden Rot unter, zog sich wärmend in die gemütliche Stube des Jugendlichen und Link träumte, während im Hintergrund ein Chor von unwirklichen Stimmen eine Hymne sang, die, so dachte er, mehr war als bloß ein magisches Lied mit dem man den Zeitenstrom verändern konnte. Ein Chor hier in der alten Zitadelle der Zeit. ,Ein so trauriger Ort‘, dachte Link. Ein Ort voller Erinnerungen und Leid. Etwas berührte ihn, wenn er die Hymne der Zeit vernahm, wenn er dem Chor vergessener Stimmen folgte. Es berührte sein Herz, wie als wäre an jene Melodie etwas geknüpft, das ihn an Vertrauen, Hoffnung und Schicksal erinnern wollte. Besorgt und melancholisch trat er an das helle Fenster, spürte das Umschlagen des sterblichen Tages in die verhüllende Nacht. Erneut war sie hier, die Erinnerung an jemanden, den er nicht kannte. Eine Erinnerung, die keine sein konnte. Und manchmal, wenn der junge Mann am Abend in den Himmel blickte, egal welche Farben er annahm, dann spürte er plötzlich und doch sanft eine Hand auf der Schulter, die sich in Luft auflöste, als er sich umdrehte. Manchmal spürte er etwas in seinem Raum, als wäre er nicht alleine, die Anwesenheit einer angenehmen Seele. Kopfschüttelnd wühlte er in seinen Haaren herum, ignorierte diese paranoiden Gedanken, berief sich auf die Wege der Vernunft, um sein Selbstvertrauen und die Selbstachtung zu stärken.

Wieder kam seine Mutter herein. „Link, willst du nicht endlich zum Abendbrot kommen, es ist schon spät.“

„Nein, will ich nicht“, sagte er, ohne die Augen vom Spiel abzuwenden.

„Link“, seufzte seine Mutter. Versteh’ einer die Jugend. Link jedoch wurde von Tag zu Tag seltsamer. Er war immer anders gewesen. Er hatte gar nicht den Hang, wie andere Jugendliche jedes Wochenende wegzugehen, irgendwelcher harten Musik zu zuhören, die keinen Sinn hatte, außer jenem, das Trommelfell zu zerstören. Stets traf er Entscheidungen, die andere nicht verstanden und überhaupt gab es wenige, die ihn verstanden… Er war vielleicht das, was viele als risikobereiten Optimisten bezeichnen würden, auch wenn er einige Probleme mit sich herumtrug…

Doch gerade seine Einstellung zu der Welt und ihren Schönheiten, er liebte es zum Beispiel, einsam durch den Wald zu wandeln, machten ihn bei den Mädchen in seiner Schule beliebt. Nun ja, er sah wirklich gut aus: schlanker, starker Körper, tiefblaue Augen, von solcher Klarheit, blonde Haare und ein markantes Gesicht. Und weiterhin spielte er, wandelte durch die Steppe Hyrules, hatte im Hintergrund seiner Gedanken ein viel gewaltigeres Bild von Natur und Freiheit vor sich, als es dieses auf der Erde geben könnte. Ein prächtiges Bild von solcher Schönheit: weite Wiesen, Flüsse, die sich durch das Land schlängelten, große Gebirge.

Es war nun annähernd Mitternacht und er begann zu gähnen. Er entschloss sich das Spiel für heute zu beenden und sagte: „Gute Nacht, Link.“ Aber er meinte nicht sich selbst, sondern die Figur, die durch Hyrule wandelte und die Weisen erwecken wollte, um das Land zu retten. Es war schon komisch und irgendwie verrückt, dass der Held in dieser Geschichte seinen Namen trug. Na ja, vielleicht auch bloß ein blöder Zufall. Ein sehr blöder Zufall. Er erinnerte sich noch genau, was er für ein Gesicht gemacht hatte, als ein Freund ihm etwas über jenes Spiel erzählte und welchen Namen die Spielfigur hatte.

,Die Legende von Zelda.‘ Ein Titel, der in seinen Ohren nach Einsamkeit und trostlosem Schicksal klang.

Als seine Schwester und er dann vor einigen Monaten in einem Laden mit den verschiedensten Spielen herumwühlten, drängte sich in seinem Herzen der besitzergreifende Wunsch auf, dieses Spiel zu haben. ,The Wind Waker’, war sein Untertitel. Die alberne Frau an der Ladenkasse hatte ihm, als sie in seine Augen blickte, eine andere Version des Spiels zum gleichen Preis angeboten- mit Bonusdisk. Sie hatte gemeint, er würde es gebrauchen können. Ihr Erscheinungsbild hatte etwas Befremdendes an sich, etwas, was Link erstmalig fast unwirklich erschien. Und es sollte nicht das letzte, merkwürdige Ereignis in seinem jungen Leben gewesen sein. Das Seltsame war, dass jene Frau an einem weiteren Tag, an dem er dort nach interessanten Dingen suchte, verschwunden war, und es sie allem Anschein nie gegeben hatte. Aber was sollte dieses Nachgrübeln überhaupt? War doch egal. Das Spiel konnte er trotzdem sein eigen nennen. Doch in all der Zeit, die inzwischen vergangen war, spielte er fast besessen, immer und immer wieder: ,Ocarina of time’. Link hatte zwar einige Male das Abenteuer auf dem Meer überstanden, aber so fesselnd wie ,Ocarina of Time’ war es lange nicht. Vielleicht lag es an der Graphik oder einfach nur an seiner eigenen Ungeduld immer wieder über dieses öde Meer zu segeln.  

Seine Mutter schaute nun zum dritten Mal herein. „Link geh‘ endlich zu Bett, du hast morgen schließlich Schule.“

„Ja, ich weiß, Mum.“ 

„Nun dann, ab ins Bett.“

„Ich geh‘ ja schon.“ Er warf ihr einen gelangweilten Blick zu, der gemischt mit Nachdenklichkeit, sie rätseln ließ, was nun schon wieder in ihrem Sohn vorging.

„Alles in Ordnung, Link“, doch er hörte gar nicht zu, schaltete den Fernseher und den Gamecube aus, lief ans Fenster und schaute nach draußen in den düsteren Nebel. Irgendetwas wartete da draußen, das spürte er. Er musste herausfinden was es war, sobald wie möglich. Etwas wichtiges, was er vergessen hatte. Wichtiger als alles andere. Die Wahrheit und das Schicksal warteten da draußen, geknüpft an das Leben einer fremden Gestalt, die das Gesicht jenes Jugendlichen trug. Denn manchmal, da fühlte der siebzehnjährige Link sich fremd gegenüber der Welt, gegenüber sich selbst und strebte nach dem, was nicht sein durfte…

Seine Mutter stand plötzlich hinter ihm und bohrte noch einmal nach: „Was ist los?“

Doch Link winkte ab. „Es ist alles prima. Ich will jetzt schlafen gehen!“ Gleichgültig und genervt schubste er seine Mutter aus dem Zimmer. „Gute Nacht, Mum“ war das einzige, was er ihr noch hinterher warf. Mit einem Seufzen ließ sich Link dann auf das Bett fallen, welches ihm viel zu weich war. Schon des Öfteren hatte er sich früh morgens dabei erwischt, wie er ausgebreitet auf dem Boden lag. Er grinste unverschämt. Na ja, solange er sich dabei nicht den Schädel einschlug…

Die Worte seiner Mutter hallten in seinen Gedanken nach. Eigentlich… hatte sie Recht mit ihrer Besorgnis um ihn, eigentlich war gar nichts so richtig in Ordnung. Häufig hatte er das Gefühl, er vermisste etwas… und mit jeder weiteren Sekunde, die dahin schwand, wurde jenes sich in das Herz einnistende Gefühl unerträglicher.             Manchmal hatte er das Gefühl, es gab jemanden, den er wie niemanden sonst vermisste. Auch wenn da keine Erinnerungen waren, auch wenn vielleicht noch nie jemand einen Beweis für ein früheres Leben vorlegen konnte. Sein Herz sehnte sich nach jemandem, doch wen und wieso… das, so nahm Link an, würde immer ein Geheimnis bleiben.

Ein großes Geheimnis.

Sein Geheimnis, das er mit niemandem teilte, es sei denn, er würde jene Seele finden…

,Rufe mich… wenn dein Herz schmerzt…’

Und der Gedanke an eine unvergleichliche Aura, von der er hin und wieder träumen durfte, schmerzte irgendwie leise, flüsternd, rufend. Träume, ja Träume… Einst hatte er einen Traum von jemandem, den er mit einem Gedanken tief in seinem Herzen aufbewahrte.

Link drehte sich mit geschlossenen Augen auf seinen Bauch und vergaß seine erinnernden Hirngespinste wieder. Langsam driftete er hinweg. Er wehrte sich gegen den Schlaf. Seine Augen fielen ihm dennoch langsam und ungebändigt zu. Aber er wollte sich noch nicht Schlafen legen. Wenn es etwas gab, dass ihn bedrückte, dann seine Träume. Vor wenigen Monaten träumte Link davon, er wäre einen Abhang hinabgestürzt, was nicht einmal sehr schlimm klang, wären da nicht die orkähnlichen Monster, welche hinter ihm her waren und die Tatsache, dass er am Morgen mit blauen Flecken und einer üblen Gehirnerschütterung aufwachte, sich aber seltsamerweise im Bett kaum gerührt hatte. Für Link waren Träume eine zweite Realität, als wären sie nicht so vergänglich, wie viele Menschen ihm glauben machten. Wegen ihnen war er eigentlich zu dem geworden, was er heute war: ein seltsamer, junger Mann, der davon träumte mit einem Schwert in seinen Händen durch die Welt zu ziehen, Abenteuer zu erleben, und seine Bestimmung zu erfüllen. ,Schwachsinn… purer Schwachsinn‘, redete er sich ein…

 

Er sah sich selbst im Traum. Link stapfte durch dunkles, dreckiges Wasser, das leicht rot schimmerte, einen langen Tunnel entlang. An den Wänden hingen unzählige, beinahe überdimensionale Spinnweben. Alte, verdorrte Pflanzen, die er noch nie gesehen hatte, schlängelten sich die Wände hinauf. In seiner linken Hand hielt er fest umklammert ein reichlich verziertes Schwert, welches im Dunkel sogar noch leicht schimmerte. ,Eine wunderbare Waffe‘, dachte er, eine Waffe, mit der er sich stark und mutig fühlte. In der rechten Hand hielt er eine kleine Lampe, die nahezu sinnlos leuchtete in dieser endlosen Dunkelheit.

Seine Schritte wurden immer schwerer und gleichzeitig fragte er sich, was zum Henker er hier überhaupt tat… Dann endlich veränderte sich die Szenerie. Am Ende des langen Ganges befand sich eine klappernde, rostige Tür, für die er einen Schlüssel hatte. Er öffnete sie vorsichtig und betrat ein riesiges Gewölbe mit gigantischen Pfeilern. Mit dem Feuer seiner Lampe entfachte er mehrere Fackeln in dem Raum. Erstaunt sah er um sich. Welch’ eine Pracht. An dem Deckengewölbe waren Fresken mit kämpfenden Göttinnen dargestellt. Eine hielt eine Art Zepter, mit der sie zum Schlag ausholte, als ein Dämon, in Art eines Zyklopen, eine mächtige Energiekugel auf sie abfeuerte. Einige weitere Gestalten waren zu sehen, aber Link hatte nicht mehr die Gelegenheit sie sich genau anzusehen. Ein kleiner, hellblonder Junge, ganz in grünen Gewändern, rief zaghaft seinen Namen und deutete auf ein Bild im hinteren Bereich des Gewölbes. Irritiert blieben Links tiefblaue Augen auf dem Jungen haften. Es war ein süßer Fratz, der breit grinste. Er erinnerte den jungen Mann an etwas, an Vergänglichkeit, an Bestimmung und Ereignisse, die einen Lebenssinn formten. Doch urplötzlich, als Link nur kurz zwinkerte, war dieser kleine Kerl wieder verschwunden. Der junge Schwertträger lief auf das Gemälde zu und entdeckte darauf eine zerstörte Landschaft, deren Himmel im Gemälde blutrot anlief. Als pinselte ein Künstler den Himmel rot, veränderte sich der Horizont, verwelkte, starb. Link war ein wenig verunsichert und schaute dann noch einmal hin. Aber im selben Augenblick war da nichts mehr- ein einfaches Bild mit blauem Himmel hing an der Steinwand. Hatte er etwa halluziniert?

Mit einem Schlag wurde Link aus seinen Gedanken gerissen, mehr oder weniger ungewollt. Ein widerliches Zischen breitete sich hinter ihm aus, das einen Menschen ohne Mut und Willenskraft sofort zum Weglaufen gezwungen hätte. Der Held blieb jedoch gelassen stehen, spitzte seine Ohren und verfolgte die näherkommenden Schritte. Er hörte das gedämpfte Atmen der Kreatur, die nun nur noch wenige Meter von ihm entfernt stand. Ein Klappern. Ein dumpfes Klingen eines dreckigen Schwertes, an dem noch das Blut von Links Vorgänger klebte. Dann plötzlich ein wilder Kampfschrei, der eisern durch die Luft schallte. Erst jetzt bemerkte Link, dass es seine Stimme war, die durch den Raum hallte. Blitzschnell hatte er sich zur Seite gerollt und stürzte nun mit der scharfen Waffe in seiner Hand auf den Gegner. Das Monster, das Link als Skelettritter erkannte, war nicht in der Lage so schnell zu reagieren. Mit einem saftigen Hieb trennte der junge Held den einen Arm der Kreatur ab, in welcher es das Schwert trug. Jämmerlich kreischte die Bestie ohne Herz auf, an deren Knochen einzelne Hautfetzen hingen, und stürzte in einer letzten Verzweiflungstat auf seinen Gegner. Der Kämpfer fühlte die Kälte des Höllengeschöpfes, roch den Gestank des Todes, bis er es letztendlich ganz spaltete. Gekonnte kletterte Link an der Kreatur hinauf, drehte eine Rolle in der Luft und schlug das Häufchen Elend in der Mitte entzwei, als er mit den Beinen wieder auf der Erde landete. Die letzten Bestandteile des Dämons lagen zu Links Füßen…

 

Dann erwachte er plötzlich schweißgebadet. Er schreckte hoch und wusste im ersten Moment nicht, wo er sich befand. ,Oh Mann‘, was für ein Traum, dachte er, als er einmal wieder auf dem Fußboden lag. Schläfrig schaute er auf die Uhr: Fast fünf? Link murmelte irgendetwas, indem er sich selbst als Trottel bezeichnete, dann sagte er: „Egal. Fünf Stunden Schlaf- das reicht.“ Mit einem Sprung stand er auf seinen Beinen und atmete tief ein um auch den restlichen Schlaf in seinem Körper abzuschütteln. Dann zwinkerte er verwundert. Er dachte an den eben erlebten Traum. Und er war ein wenig überrascht über den Salto, den er darin vollführt hatte, wünschte sich beinahe, er wäre in der Wirklichkeit dazu in der Lage und grinste etwas, bis er den Kopf schüttelte. Wozu sollte er noch länger über diesen Wahnsinn nachdenken? ,Unwichtig‘, entschied er. Diese Träumereien waren unwichtig und nicht gesund für seine Nerven. Erneut tat er die verwirrenden Träume ab, ignorierte, bildete sich ein, es gäbe viele, viele Menschen, die dieselben Träume hatten, obwohl da eine Stimme in seinem Kopf das Gegenteil sagte…

Link stolperte die Treppe zur Küche hinunter, schmierte sich eine Scheibe Weißbrot, verschlang sie regelrecht, machte sich einen Tee, verschlang diesen noch mehr als das Weißbrot und war mit seinen Gedankengängen schon wieder bei seinem Traum. Den Ort kannte er doch- es fiel ihm wie Schuppen von den Augen. Das dunkle Verlies mit den seltsamen Pflanzen, Lianen oder was immer sie auch waren, erinnerte ihn an die Szenerie des Waldtempels. Ja, genau das war es… aber der Traum war so echt, so real- mehr als es ein Spiel jemals sein konnte. Warum nur hatte er eine so blühende Phantasie? 

Link tapste ins Badezimmer, duschte sich eiskalt, wohl um seine Abwehrkräfte für näher rückende Ereignisse zu stärken, putzte Zähne und als er wieder in herrlicher Frische in die Küche kam, saß bereits seine kleine Schwester am Tisch- so klein war sie allerdings gar nicht mehr. Sie war ein fünfzehnjähriges, hübsches Mädchen mit graublauen Augen und schwarzbraunem, dickem Haar. Sie liebte die Farbe Grün und war auch heute wieder so gekleidet. Eine grüne Stoffhose war perfekt abgestimmt zu dem dunkelgrauen Top, das sie trug.

„Morgen Sara“, meinte Link, als er wieder gähnte.

„Morgen Bruderherz. Bist schon lange wach, nicht wahr?“

„In gewisser Weise habe ich gar nicht geschlafen.“ Sara blickte schockiert drein und lachte dann: „Link, der ewige Träumer.“

„Haha, sehr witzig…“, murmelte Link angefressen. Sara ging auf ihn zu, klopfte auf seine Schulter, grinste und verschwand dann mitsamt ihrer Schultasche im Flur. Als Link auf die Uhr sah, traf ihn fast der Schlag. „Was schon so spät. Mist!“

Dann rannte er schneller als der Wind mit seinem Rucksack in der Hand zur Haustür hinaus, in Richtung Schule. Der Traum jedoch schien nun vollends aus seinem Kopf verschwunden zu sein.

 

Während Link auf dem vertrauten Weg zu seiner Schule lief, schien die Sonne. Es sollte sicherlich ein schöner Tag werden. Mit einem eher ungewollten Schmunzeln auf den Lippen, sah Link in den blauen Himmel, als er immer noch lief, ohne auf seinen Weg zu achten. Weiße Wolken zogen vorüber. Sie bestärkten ihn nur noch mehr in der Absicht, den Nachmittag in den Wäldern zu verbringen. Die Wälder, ein Ort, an dem er sich so behütet und sicher fühlte, ein Ort, der ihn erinnerte…

Doch so leidenschaftlich seine Liebe zum stillen Wald mit seinen alten, weisen Bäumen, seinen Hunderten Geschöpfen und seiner grenzenlosen Freiheit auch war, so hatte er ständig den aufrichtigen Wunsch, er könnte die Wahrheit finden, jene Wahrheit, die ihm sagte, warum er sich hier befand, was seine Bestimmung war und mit wem er sein Schicksal teilte… und die Zuneigung für einen Ort so voller Ruhe und Sinnlichkeit würde von jenen Empfindungen für etwas anderes noch weit überschritten werden…

Plötzlich ein matter Druck in seinen Gedanken, als ob sich etwas darüber legen wollte. Wie eine Hand, die die Sinne zu betäuben versuchte. Link blieb eine Weile wie angewurzelt stehen. Sein Körper fühlte sich irgendwie so komisch an, benommen, schwach. Er kam sich mit einem Schlag unsagbar kläglich vor. Schwer atmend stürzte er sich auf seine Knie und versuchte das Schwächegefühl zu unterdrücken.

,Vielleicht hatte er einfach nur zu wenig geschlafen‘, dachte er dann und grinste halbherzig. Das war sicherlich der Grund. Ja, als Ausrede mag jene Einbildung sicherlich eine Weile dienen. ,Du hast nicht genug geschlafen‘, Link, aber in Wahrheit gab es andere Gründe, die für seinen kläglichen Zustand verantwortlich waren. Seit geraumer Zeit bildete er sich ein, er wäre ein wenig depressiv… denn so oft hatte er miese Laune, dachte über stupide, sinnlose Dinge nach und fühlte sich kläglich, wenn er annahm, es könnte sich niemals etwas ändern…

Aber Link, auch wenn er sich in den letzten Wochen so verloren fühlte, besaß mehr Stärke als ihm selbst bewusst war. Er besaß etwas, das ihn zwar von anderen unterschied, ihn aber dadurch nur außergewöhnlich machte und sehr bald würde er herausfinden, was tief in ihm schlummerte. Mut, Tapferkeit, Stolz, Glauben an das Gute und Hoffnung.

Er lief weiter seines Weges, in Gedanken versunken, in Richtung Schule. Da war das alte, riesige Gymnasium, von dem er oftmals träumte, jedoch befanden sich in der Traumwelt keine Menschen darin, sondern üble Zombiekreaturen…

 

Er hörte schon die Schulglocke läuten, als er die letzten Treppenstufen zu seinem Klassenzimmer hinauf trottete. Mit einem Seufzen stand er vor dem Raum und klopfte zaghaft. „Herein“, schallte es hinter der Tür, Link öffnete und trat unschuldig grinsend hinein. „Morgen Link“, sagte die schlanke Frau hinter dem Schreibtisch. „Schön, dass du mal wieder pünktlich bist, setz‘ dich gefälligst auf deinen Platz.“

„Sorry, ich wurde aufgehalten“, sagte Link kühl. Er wunderte sich. Die Direktorin I. Schattener persönlich befand sich im Raum. ,Gab sie etwa Vertretung‘, fragte er sich. Er hatte vor lauter Schussligkeit gar keine Zeit gehabt auf den Vertretungsplan zu schauen, aber sicherlich war Miss Krummspecht mal wieder krank geworden. Sie unterrichtete Geschichte und fehlte mindestens einmal im Monat, wusste der Teufel warum- und nun war mal wieder die Direktorin eingesprungen. Vor dieser eleganten Person hatte Link mehr Respekt, als vor seiner eigenen Mutter. Gelassen saß sie hinter ihrem Schreibtisch gekleidet in einem schwarzen Hosenanzug, mit einer schmalen Brille auf der Nase, durch die rotbraune, beherrschte Augen hervor sahen. Sie hatte die Schüler im Griff, besser als jeder andere Lehrer. Mit ihrer tiefen Stimme sprach sie schließlich zu den Schülern der Oberstufe. „Ich werde euch keinen Vertretungsunterricht geben, im Grunde genommen bin ich nur hier, um euch einige wichtige Termine zu übermitteln. Beschäftigt euch danach bitte still, macht irgendwelche Hausaufgaben oder so.“ Dann redete sie von den näherkommenden Prüfungen, von irgendwelchen Exkursionen, Wandertagen, Sportfesten, bis sie schließlich ihren Redeschwall beendete. Sie schien irgendwie abgelenkt und ständig über eine Sache nachzugrübeln. Link beobachtete sie und wurde neugierig. Er hatte die schlanke und durchtrainierte Direktorin noch nie so vertieft gesehen. Und unfassbar war eigentlich die Tatsache, dass sie den Schülern nicht diesen nervigen Geschichtsstoff aufzwang.

Link flüsterte seinem Banknachbarn zu: „Sag mal, hab’ ich irgendetwas verpasst?“

„Nee, hast du nicht. Die benimmt sich heut’ schon den ganzen Tag so komisch.“

„Aha.“ Jetzt wurde Link erst recht neugierig. Vielleicht… konnte er ja irgendwie herausfinden, was vor sich ging. Hin und her gerissen fragte er sich, ob er sich in diese Geschichte einmischen sollte, aber aus irgendeinem Grund stachelte die merkwürdige Reaktion der Direktorin seine Neugierde an. Und es waren seine natürlichen Charakterzüge den merkwürdigen Dingen auf den Grund zu gehen…

Die Direktorin blickte dann auf die Uhr, klapperte mit ihren Fingernägeln über das Holz des Schreibtischs und blickte den jungen Träumer Link dann fast durchdringend an. Irritiert, warum ihre beinah roten Augen ihn so nachdenklich musterten, sah er zwinkernd weg und dann wieder hin. Aber noch immer schien Miss Schattener ihn wie hypnotisiert anzustarren. Dann nickte sie und lächelte ihn etwas an, wissend, vielleicht irgendwie als wüsste sie etwas über ihn, dem er sich selbst nicht bewusst war. Dann schaute sie wieder auf ihre Armbanduhr, warf noch einen Blick zu Link, als wollte sie sichergehen, dass er noch auf seinem Platz saß, zwinkerte und ging aus dem Raum.

Als hätte sie mit ihren merkwürdigen Blicken eine unausgesprochene Aufforderung an Link gerichtet, erhob er sich ebenso, wusste nicht warum es ihn interessierte, aber irgendetwas, vielleicht eine innere Stimme, sagte ihm, dass er es wissen musste. Unauffällig schlich er in Richtung Tür. Plötzlich packte ihn jemand am Arm. Ein Junge mit braunem kurzen Haar und rehbraunen Augen blickte ihn verschlagen an. Es war Rick, Links Cousin, ein schlanker, langer Kerl, und gleichzeitig sein bester Freund.

„Wo willst du denn hin, du Schön- dass- du- mal- wieder- pünktlich- bist- Schlawiner.“

Link grinste ansatzweise: „Wenn sich Miss Schattener so seltsam benimmt, muss irgendetwas vorgefallen sein, meinst du nicht? Und da es sonst keiner herausfinden will, mach‘ ich das.“ Link schmunzelte. Er hatte sich in seinem Leben schon sehr oft in heikle Situationen gebracht, und er konnte einfach nicht anders. Rick nickte verschlagen. Sie öffneten die Tür, traten hinaus in den dunklen Flur. Link blickte um sich, sah niemanden und lief den Gang entlang in Richtung Treppe. Er hörte Schritte, die von Miss Schatteners Absätzen herrühren mussten.

„Pst“, nuschelte er Rick zu. Wenn sie jetzt erwischt würden, könnte sie beide mit einem ordentlichen Verweis rechnen. ,Glück gehabt’, sie ging die Treppe weiter nach unten. Doch hinter ihnen wurde plötzlich eine Tür geöffnet. Link und Rick blieben fast die Herzen stehen. Sie versteckten sich flink hinter zwei Säulen, die am Anfang der Treppe nach oben ragten und beobachten das Geschehen schweigsam. Denn sie kannten die Person, die aus dem Raum heraustrat. Sein Name war: Dr. Richard Raunhold- stellvertretender Direktor und Schulpsychologe. Link erinnerte sich nicht gerne an das Gespräch, das er wegen eines kleinen Streits mit einem Mitschüler mit ihm führen musste. Zugegeben- ja er hatte diesem Scherzkeks Mike Kilhagen die Nase blutig geschlagen, aber doch nur, weil er ihn provoziert hatte. ,Weichei’ hatte Mike Link genannt. Daraufhin ist er ausgeflippt… und Link war der Stärkere. Das war aber schon wieder einige Jahre her.

Eilig hatte es der Typ ja nun wirklich nicht. Er ging so schnell die Treppe hinab, dass er beinahe gestolpert wäre. Dr. Raunhold war schon mindestens fünfzig Jahre alt und besaß graue Haare und ziemlich spitze Ohren- wie Link fand. Als er außer Reichweite war, krochen Link und Rick ebenfalls die Stufen hinab. Doch nirgendwo ein Anzeichen der beiden Personen.

Rick meinte seufzend: „Komm. Lass‘ uns zurück ins Klassenzimmer gehen. Ist doch sinnlos, als ob uns interessieren müsste, was die Schattener für Probleme hat.“

„Los. Dann geh. Ich habe aber irgendwie das Gefühl, ich müsste das hier herausfinden. Aus irgendeinem Grund hat mich die Direktorin vorhin merkwürdig angeschaut…“ Als würde Ines Schattener das Rätsel um seine eigenen Geheimnisse lösen können…

„Na und?“

„Es war fast so, als wollte sie mich auffordern ihr hinterher zu spionieren.“

„Wenn du meinst“, lachte sein Gegenüber. „Das ist mal wieder typisch für dich, Waldmensch.“ Rick grinste und verschwand dann. Jetzt konnte Link endlich in Ruhe nach Miss Schattener suchen. Das Gefühl jemanden hinterher zu schleichen, dabei aber unerkannt zu bleiben, war irgendwie aufregend. Wie als hätte er das schon öfter gemacht. Dann ging Link ins unterste Stockwerk, in tiefe Dunkelheit, in den Keller. Unverhofft hörte er Stimmen, die er als jene von Miss Schattener und Dr. Raunhold erkannte.

„Aber das darf einfach nicht sein. Ich meine, wie konnte er…“ Ihr blieb fast die Stimme weg. So hatte Link die stolze und immer starke Direktorin noch nie reden hören. Verzweiflung und Angst lagen in ihren Worten. Link schlich näher und stand nun unmittelbar hinter den zwei dunkeln Gestalten.

„Ines, es tut mir leid“, sagte Raunhold, fast so, als könnte es etwas ändern. Link ahnte, dass etwas Schlimmes geschehen sein musste, vielleicht mit ihrer Familie- aber wieso sollte sie dann ausgerechnet mit Raunhold reden- vielleicht mit der Schule?

„Er hat sich also befreien können… Ich frage mich, was mit ihr ist. Meinst du, sie existiert noch, glaubst du, sie lebt noch?“

„Ich hoffe es.“

„Aber das ergibt doch alles keinen Sinn… das alte Land sollte ruhen, wie konnte er hierher gelangen?“

Raunhold seufzte nur.

„Und wenn er hier ist, dann muss mein Schützling ebenfalls hier sein. Es wäre wunderbar, wenn sie endlich neu beginnen kann…“ 

Link wusste nicht von wem sie sprachen, aber es schien wichtig zu sein. Befreien können? Was sollte das? War jemand aus dem Gefängnis entkommen, oder wie?

Nach einer Weile sagte Raunhold: „Ich sah ihn auf der Straße entlang wandeln. Gesegnet seien die Göttinnen, dass er mich nicht erkannte. Vielleicht würde ich dann nicht mehr hier stehen.“

„Wir müssen ab heute sehr vorsichtig sein. Richard, du entschuldigst mich die nächsten Tage und übernimmst die Vertretungen, ja? Ich muss mich dringend auf die Suche nach ihr begeben. Möglicherweise ist sie ebenfalls hier, wer weiß, was geschah… Ich muss sie unbedingt finden. Wer weiß, wie durcheinander sie ist… Sie… Ich bin ihr immer noch verpflichtet.“

„Ja, das wissen wir. Ich werde die anderen kontaktieren.“

„Und was machen wir mit Li-“, Miss Schattener zuckte plötzlich zusammen, als die Pausenglocke erklang. „Schon so spät. Also, viel Glück, Richard, beten wir, es möge alles gut gehen.“

„Nun gut. Hoffentlich bis bald, Ines.“

Die Direktorin ging in schnellen Schritten aus dem Keller hinaus. Link hatte sich gerade noch rechtzeitig hinter einem einfachen Holzschrank verstecken können. Dann ging auch Raunhold aus dem Raum und Link blieb verwirrt und ein wenig abwesend dort stehen. Die Worte der Direktorin erschienen ihm so einprägsam, als wäre er selbst in die Ereignisse verstrickt, aber vielleicht wünschte er sich das auch nur: In merkwürdige Ereignisse verstrickt zu sein, eine Hauptrolle zu spielen, um seinem viel zu gewöhnlichem Leben zu entkommen. Plötzlich hörte er das Schloss knacken. Schitt. Was, wenn er eingeschlossen wurde? Schleunigst rannte er an die Tür, rüttelte kräftig, aber sie ließ sich einfach nicht öffnen. Na toll, das nächste Fettnäpfchen, in welches er hineingetreten war. Was jetzt? Ach ja, richtig. Irgendwo in diesem riesigen Raum war doch noch eine Tür. Oder etwa nicht? Das wenige Licht, welches vorhin noch brannte, wurde von außen abgeschaltet. Auch das noch! Nun sah Link nichts mehr, nicht einmal seine eigenen Hände vor sich. Das einzige Leuchten kam von seinen Augen, die sogar bei Finsternis noch den Anschein hatten, zu glühen. Diese Art der Dunkelheit kannte Link nur zu gut. Er war sie aus seinen Träumen irgendwie gewöhnt. Die Pause war sicherlich fast vorbei.

„Verdammt“, fluchte er, bei dem Versuch etwas Leuchtendes zu finden. Nach einer Weile,  in denen er alle möglichen Gegenstände in den Schränken betastete, um herauszufinden, was es war, fand er eine kleine, aber nützliche Taschenlampe. Mit ihrem hellen Schein, suchte er die Wände ab, und dort… zum Glück… da war die zweite Tür. Er rannte in jene Richtung, ergriff langsam die Türklinke und tatsächlich: Sie war offen. Link trat hinaus und befand sich an der Rückwand des Gebäudes. Schnell rannte er durch den herrlichen Park, von dem die Schule eingeschlossen war, zu dem nächstbesten Eingang.

In der Aula angekommen, atmete er erst einmal erleichtert auf, als er feststellte, dass er immer noch zehn Minuten Pause hatte. Er lief in Richtung des Vertretungsplanes und las das, was er schon vermutete. Aha, Miss Schattener war für die nächsten Wochen abgemeldet. Auf dem Plan stand Dienstreise. ,Quatsch’, dachte Link. Immerhin kannte er den wahren Grund, sie war auf der Suche nach jemandem, einer Sie, jemandem, der für die Direktorin sehr wichtig war. Und es schien von höchster Priorität jene Person zu finden. Es war bestimmt besser, wenn Link darüber schwieg.

Der Oberstufenschüler setzte sich in die Cafeteria, um ein wenig zu verschnaufen. Der Tag wurde immer seltsamer. Er fragte sich, was wohl noch passieren würde. Gedankenverloren träumte er vor sich hin. Er fühlte sich irgendwie müde und kraftlos und stürzte seinen Kopf in seine Hände. Der Anflug eines Gefühls, dass es einfach mal zu viel war, überkam ihn. Er hatte für heute einfach genug.

Sara stand an einem Kaffeeautomaten, als sie ihren Bruder entdeckte. Als sie ihn dort sitzen sah, spürte sie Besorgnis. Und ihr Bruder hatte ihr in ihrer beiden kurzen Leben bisher einige böse Überraschungen beschert, über die sie nicht mehr so genau nachdenken wollte.  Sara lief auf ihn zu und Link war tatsächlich dabei einzuschlafen.

„Link“, brüllte sie.

„Was“, brummte er schläfrig.

„Link, du spinnst doch. Schläfst einfach ein… tz… tz.“

„Eh… nein, ich hab’ nur so getan. Eigentlich wollte ich mich nur mal ausruhen und mein Gedächtnis wieder in Schwung bringen…“ Sara guckte blöd und wusste ganz genau, dass er ihr Ausreden auftischte. „… für… ähm… Mathe!“

„Link, du flunkerst doch schon wieder! Hast du wieder zu wenig geschlafen?“

„Sara, es passt alles“, meinte er. Er versuchte charmant zu grinsen, und Saras sechsten Sinn zu verunsichern, aber sie durchschaute ihn spielend.

„Was ist los?“, sagte sie strenger und durchbohrte ihren Bruder mit ihren graublauen Augen. Als er nicht antwortete, sprach sie warnend: „Link?“

Er verdrehte seine Augen, schien genervt und schüttelte den Schädel. „Lass‘ mich einfach in Ruhe, Sara…“

„Wenn du dich so anstellst, werd‘ ich dich bestimmt nicht in Ruhe lassen.“ Sara ließ ihren sechsten Sinn spielen und Link wusste genau, dass sie nicht locker lassen würde. „Ich weiß, dass du in letzter Zeit Alpträume hast… Willst du nicht mit mir reden?“

Er atmete tief durch, blickte zu den vielen Leuten um sich herum und seufzte. „Sara, lass‘ bitte gut sein.“

„Nein, ich will wissen, was los ist. Was hast du?“

„Ich will einfach nur meine Ruhe, das ist das Problem!“ Ohrenbetäubend fuhr er Sara an. Alle Schüler im Speisesaal drehten sich um. „Es tut mir leid…“, war das einzige, was er noch sagte, bis er aus der Cafeteria verschwunden war.

Sara machte sich nun noch mehr Sorgen, sie liebte ihren Bruder aufrichtig. In letzter Zeit hatte er aber irgendwelche Probleme, die er verheimlichte. Sie wünschte, er würde mit ihr darüber reden, sich helfen lassen. Nur war er doch eigentlich immer so gewesen, ignorierte Probleme, versteckte Ängste, verbarg, was ihm in der Seele schmerzte. Sara hatte zwar einen starken Verdacht - sie hörte ihn im Schlaf oft reden, ahnte, dass er schlimme Alpträume hatte und dennoch - wirklich helfen konnte sie ihm nicht… so sehr sie sich es auch wünschte. Link war ein Einzelgänger, ein Außenseiter, und würde immer anders sein als der Großteil der Menschen, der ihn umgab. Er war nun mal Link - ein Mensch mit einem außergewöhnlichen Schicksal, mit einer einzigartigen Bestimmung. Und dieser Weg würde mit Schmerzen gepflastert sein, mit Leid und Verzweiflung…

 

Der außergewöhnliche Blondschopf war auf dem Weg zu seinem Klassenzimmer und ärgerte sich nun, dass er seine kleine Schwester so angefahren hatte. Sie meinte es nur gut und er wusste das. Link rannte plötzlich und schloss die Augen. Warum fühlte er sich so mies und warum war er einfach nicht in der Lage, fröhlich zu sein? Weshalb empfand er Gefühle, die für viele unsichtbar waren. Er fühlte sich beinahe schuldig… doch schuldig wofür - dafür, dass sein Herz so zerfressen war von einer Sehnsucht nach anderen Zeiten, dem Verlangen etwas Großes zu erreichen?

Er blieb schwer atmend stehen und schaute aus dem Fenster, sah die Sonne immer noch scheinen, brennend und glühend… Und es war dann, dass das gleißende Sonnenlicht ihm eine Aufforderung entgegenschickte. Die Aufgabe etwas zu suchen, das er nur an einem magischen Ort finden könnte. Ja, er musste in die Wälder, spürte den Klang von etwas Vertrautem dort, hörte es atmen und flüstern… Er hatte für Sekundenbruchteile, zu kurz als es wirklich zu begreifen, den Eindruck, jemand rief nach ihm- eine vertraute Stimme, leidend und flüsternd. Link wand sich kopfschüttelnd vom Fenster ab, fragte sich, ob er nun endgültig seinen Verstand verloren hatte und trat in das Klassenzimmer ein, setzte sich und bemerkte Rick, der ihn verdutzt ansah. „Was Neues?“ Link winkte ab. Im Moment hatte er nicht die Lust mit irgendjemandem wegen irgendetwas zu reden. Schweigend ließ der junge Bursche die Minuten verrinnen.

 

Die Schulstunde verging, so dachte Link, mit ihrer alltäglichen Gewohnheit, mit haarsträubender Normalität. Und der blonde Schüler saß einmal mehr gelangweilt und tief in seine Gedanken versunken auf seiner Schulbank, kritzelte unsinnige Dinge auf ein Blatt Papier, tat ab und an so, als würde er dem Stoff folgen und erwischte sich selbst dabei, wenn er nicht hier, sondern für einige Sekunden an anderen Orten aufwachte.

Die Hälfte der Schulstunde war vorbei, als Link abrupt den Stift in der Hand fallen ließ. Klack. Klack. Das Schreibgerät fiel geräuschvoll zu Boden, aber Link kümmerte sich nicht darum. Wie versteinert sah er drein und starrte als befände er sich unter Hypnose ins Nichts. Sein Atem beschleunigte sich und ein seltsamer Druck legte sich auf seine Gedanken, jedoch nicht belästigend, eher vertraut und angenehm. Etwas war da… jemand rief ihn…

Alles wurde unwichtig, jedes einzelne Geräusch in dem Klassenzimmer erschien Link wie als rührte es tief vom Ozeanboden her. Nur noch tiefe Frequenzen… Es hämmerte in seinem Kopf. Es drängte sich auf. Jemand rief…

Link schlug seine Hände an die Ohren, hörte einen Herzschlag neben seinem eigenen. Es brannte innerlich, aber Link konzentrierte sich aus irgendeinem Grund darauf, wollte wissen, was da war und wer… Im Kampf mit den Dingen, die das Schicksal bereithielt, würde er standhalten. Er wollte wissen, fühlen, erkennen…

Ein Schlag, ein Dröhnen, ein Rauschen, das sich mit der Zeit zu den Geräuschen eines fließenden Stromes bildete. Link schloss krampfhaft die Augen, hoffte, rief nun auch innerlich nach jemandem, verstand nicht, was er tat, aber es musste sein. Das Ereignis war bestimmt zu geschehen, ohne dass es einen Namen hatte… Das Rauschen wurde durchdringender, verständlicher und ruhiger… Jemand versuchte zu rufen…

Und als es geschah. Ein Wort in seinen Gedankensphären, eine Stimme, die sanft erklang, riss Link seine unter Druck stehenden Augen auf.

„Link…“ rief sie, jene Stimme, die er doch kannte, oder kennen wollte. Ein weiteres Mal rief sie ihn beim Namen.

„Link… Link.“

Als er jene Stimme, die seinen Namen sagte, das dritte Mal vernahm, stand er auf. Alle Schüler drehten sich verwirrt zu ihm um, aber er sah niemanden mehr, fühlte, hörte und folgte nur noch dieser Stimme. Wie unter fremder Steuerung lief er aus dem Raum, verstand nicht die empörten Rufe der Englischlehrerin, konnte den Rufen der Mitschüler nicht lauschen und kannte im Moment nicht einmal mehr Ricks Stimme.

Er bewegte sich hinaus, lief aus dem Haupteingang der Schule und hörte die Stimme nun deutlicher nach ihm rufen: „Link, hilf’ mir…“

Dann nichts mehr.

Es wurde still und dunkel in seinen Gedanken. Ruhe kehrte in sein Herz zurück und es schien als wäre er aus einer langen Trance erwacht. Verunsichert legte er eine Hand auf seine glühende Stirn, wollte Antworten, wollte Wissen. Was war eigentlich gerade geschehen? Von sich selbst erschrocken und zu tiefst beschämt, er könnte verrückt werden, ließ er sich auf dem Schulhof auf eine steinerne Treppenstufe sinken.

„Ich dreh’ noch durch“, murmelte er und wünschte sich, er wäre nicht so dumm, sich einzubilden, dass es jene Stimme tatsächlich gab. Denn das dachte er, obwohl er sich Sorgen um seinen gesunden Menschenverstand machte. Sie rief nach ihm… sie war wirklich… lebendig… und wunderschön… 

„Ich kann mir das doch nicht einbilden“, bekräftigte er und stärkte damit ein wenig sein Selbstvertrauen. Er erinnerte sich an sie, jene Stimme, eine liebliche Stimme, glockenhell und sehr angenehm, sodass man ihr entgegen des Willens lauschen musste. Diese Stimme…

Link blieb noch eine Weile nachdenklich sitzen, entschuldigte sich später bei der Lehrerin, aber redete kein Wort mehr mit irgendjemandem. Er wollte diese Stimme wieder hören, wollte wissen, zu wem sie gehörte und warum, sie ihn so berührte. Ihm war, als reagierte sein Herz darauf, als wäre jene Stimme der Schlüssel zu allen Antworten, die er im Leben finden wollte.

So vergingen die Stunden in der Schule. Link hatte von dem Tag wirklich nicht viel mitbekommen, er hörte den Lehrern gar nicht zu, sondern schwelgte in wundervollen Phantasien, um vor der Realität zu entfliehen. Dann schien er wie ein Gespenst aus der Schule herauszustolpern, vorbei an fröhlichen Gesichtern, die sich auf den Nachmittag freuten. Müdigkeit. Unruhe. Zweifel. Sein Kopf schmerzte.

Auf dem Weg in Richtung seines Elternhauses kamen ihn all die Dinge des Tages in den Sinn. Erst diese nervenaufreibenden Träume, und dann diese unheimlichen Worte der Direktorin und dem Schulpsychologen. Er konnte sich befreien- was hatte das wohl zu bedeuten? Und zu guter Letzt diese Stimme, die ihn nicht mehr losließ… Diese Stimme, die sein Herz berührte… und vielleicht war es diese Stimme, die das Schicksal in vorherbestimmte Bahnen lenken konnte. Eine Stimme voller Magie und Heiligkeit…

 
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