Kapitel 1.10
 

Kapitel 10: Ilena

 

 

Am nächsten Morgen war Link der erste, der durch sanfte Sonnenstrahlen, die in die Wohnstube fielen, aus seinem Schlummer geweckt wurde. Er hatte die Nacht in der Wohnstube verbracht, nachdem sein Gast erschöpft und durcheinander in seinem Bett eingeschlafen war…

Für einen kurzen Augenblick, gerade als er sich noch nicht vollkommen sortiert hatte, war da der innige Wunsch sofort nach ihr zu schauen, sich sicher zu sein, dass sie überhaupt noch da war und er sich die letzten Tage nicht eingebildet hatte. Er richtete sich auf, spürte glücklicherweise keine Schmerzen der hässlichen Wunde am Bauch und blickte verschlafen und gähnend drein. Er blinzelte, schaute dann verwundert auf die große Standuhr, die im Wohnzimmer stand und war überrascht, dass es noch so früh war. Kurz nach neun. Und er hatte einfach himmlisch geschlafen, selbst auf der Couch im Wohnzimmer. Schon seit den letzten Tagen hatte sich der Nachtschlaf gebessert… und die nervenden Albträume schienen mit dem Mädchen, das er gesucht hatte, verschwunden zu sein. Genüsslich erhob er sich vollständig, streckte sich vorsichtig und tapste leise die Treppenstufen zu seinem Zimmer hinauf. Als ob sie ihn erneut rief, ließ ihn der Gedanke an sie nicht los. Und vielleicht war auch dies der Grund, warum er zunächst nach ihrem Befinden schauen wollte.

Ihr Zustand gestern Abend beunruhigte ihn etwas. Er erinnerte sich, dass sie völlig neben sich gestanden war, geweint hatte und so labil, wie sie war, sich gehen lassen hatte. Vielleicht, so entschied der junge Mann, waren die letzten Tage doch zu viel für sie. Er konnte sich kaum vorstellen, wie es für sie sein musste, in einem fremden Haus, bei fremden Menschen zu wohnen, nicht zu wissen, wer sie war.

Ganz vorsichtig öffnete er die Tür in sein Zimmer. Und kein Laut drang von dort heraus. Es war etwas düster, was daran lag, dass Link die grünen Gardinen gestern zugeschoben hatte. Dann wanderten seine tiefblauen Augen zu dem Bett und er war erleichtert, dass Zelda tatsächlich darin schlief. Erst dann trat er ein, schloss langsam die nussbraune Zimmertür und trat näher zu ihrer ruhenden Form. Und dort in der düsteren Stille seines Zimmers waren es nur seine tiefblauen Augen, die leuchteten. Für Augenblicke schillerten sie schwermütig, schimmerten wie ein kühles, unbeherrschbares Meer, das stark und mächtig an Küsten schlug. Trostlosigkeit… aber auch Milde und Hoffnung leuchteten dort in seinen Augen, während er sie beobachtete. Sie lag beinahe erstarrt in der weißen Bettwäsche, auf ihrem Rücken, und hatte ihre Hände ineinander gefaltet als wollte sie beten. Beten für das, was noch bevorstand, beten für die Welt, die sie nicht kannte. Ihre Reinheit… und Schönheit… ihr Schicksal… hüllten sie gerade in dem Moment in einen fernen und doch grausamen Zauber. Und dieser Zauber war nicht erfüllend, noch tröstend. So wie sie gerade wirkte, in ihrer edlen Haltung, mit diesem Bewusstsein für Verantwortung und Pflicht, konnte Link spüren, dass sie nicht geboren wurde für Glück und Sorglosigkeit. Es war sie… sie, die auf ewig an etwas gebunden war, das folternder nicht sein konnte. Deswegen hatte sie gestern geweint, nicht weil sie schwach war, auch nicht für Mitleid und Aufmerksamkeit von ihm… der Auslöser ihrer Tränen war das schmerzhafte Rufen einer göttlichen Bestimmung.

„Es tut mir leid… Zelda… es tut mir so leid…“, sprach er. Seine Stimme nur ein ungewollter Klang aus einer anderen Zeit. Er kniete nieder, nicht er selbst, vielleicht verzaubert, umschmeichelt von Magie, die ihn in etwas verwandelte, dass er immer sein wollte. Er berührte mit seinen warmen Fingerspitzen ihre Stirn, streichelte über ihre Augenlider, dann ihre zartrosa Wangen. „Ich verspreche dir… bei allem, was einst war, ich sorge dafür, dass du glücklich wirst… nichts wird jemals wieder verblassen…“ Als sein Flüstern endete, und die edle Seele in seinem Körper sich zurückzog, drückte er noch ganz sanft einen Kuss auf ihre zu ihm gewandte Wange, feinfühlig und hingebungsvoll. Dann trat er zögerlich, etwas verwirrt, aus dem Raum und ließ das schlafende Mädchen noch etwas ruhen…

 

Als Zelda am Mittwochmorgen durch Vogelgezwitscher, das erhellend in den Raum drang, aufwachte, war es bereits Mittag. Ihre himmelblauen Augen huschten verunsichert umher, auf der Suche nach etwas Fassbarem, etwas, das sie verstehen konnte. Sie blinzelte, und als ihre Erinnerungen wieder kamen, Erinnerungen daran, wo sie war und was gestern Abend geschehen war, zog sie sich schämend die Decke über ihren Kopf. Sie lag in Links Bett, das wusste sie jetzt, nachdem sie gestern am Rande eines Nervenzusammenbruchs war. Sie war sich nicht sicher, was sie im Augenblick fühlen sollte. Scham? Weil Link sie gestern in ihrem Kummer aufgefangen hatte? Angst? Weil sie nicht wusste, was durch die Okarinamelodie in ihr hochgekocht war. Oder sollte sie den Gedanken, dass Link da war… genießen…

Sie seufzte, erhob sich dann und warf einen Blick auf die Uhr, verdrehte ihre Augäpfel und dachte schon, sie hätte sich verschaut. Es war mittlerweile nach Zwölf Uhr… was bedeutete, dass sie mehr als zwölf Stunden geschlafen hatte. Sie brütete über gestern Abend, glaubte, der Erinnerung so nahe gewesen zu sein, mit jener Melodie, die im Herzen erklang. Aber kaum etwas kehrte wieder- nur ein Bild von ihr, wie sie in ihr fremden, magischen Wäldern wandelte, dort die Bäume flüstern hörte, und eine Okarina in der Hand hielt. Sie sah selbst nur ihre Schritte, ausgelöst durch dunkelbraune Lederstiefel, und das Ende eines langen, samtenen Kleides. Dann war dieses Bild wieder weg, und sie wusste nicht einmal mehr genau, wie jener Wald aussah…

Sie kuschelte sich noch ein wenig unter die Decke, versuchte die unangenehmen Gefühle und Gedanken wegzuschieben und bemühte sich zu lächeln. ,Das konnte sie gut‘, dachte sie. Lächeln, wenn es doch nichts zu lächeln gab. Sie erhob sich endlich, zog aber die flauschige Decke noch ein wenig zu sich heran, schloss die Augen und träumte vor sich hin. Sie schwelgte in ihren geheimen Phantasien, bis sie murmelte: „Nein, ich stehe nicht auf, Im…“

Mit einem Schlag überlegte sie, was sie denn gerade hatte sagen wollen. Ein Name, ja ein Name, aber von wem? Sie war sich sicher, dass sie sich vor irgendjemandem rechtfertigen wollte, dass es jemanden gab, der sie immer sehr früh geweckt hatte. Aber wer? Etwas beunruhigt, sah Zelda sehr schnell ein, dass allmählich doch einige Erinnerungsfetzen zurückkehrten… und dagegen, auch wenn sie spürte, dass es weh tat, konnte sie sich nicht wehren.

Plötzlich stieg ihr ein leckerer Geruch in die Nase und sie stand letztendlich noch auf. Sie quälte sich aus dem Bett heraus und folgte dem Duft. Er kam aus der Küche. Und ein junger Mann stand vor dem Herd, wirkte irgendwie lustig mit einer grässlichen Küchenschürze über seinem grünen T-Shirt. Aber dennoch war sie überrascht. ,War das denn zu fassen‘, dachte sie, Link kochte! Als er am Herd stand, summte er, sodass Zelda lachen musste. Lächelnd drehte er seinen Kopf zu ihr und sagte: „Nicht Lachen, das ist wirklich das Einzige, was ich kochen kann, außer Pudding natürlich.“ Er freute sich, dass sie auf den Beinen war und anscheinend gut gelaunt.

„Soso, dafür riecht es aber sehr gut.“ Zelda schaute ihm über die Schulter, bewunderte diese eigentümlichen langen Stäbe, die er zum Kochen brachte.

„Guten Morgen erst einmal…“, sagte Link dann und erhielt erneut ein Lächeln und ebenso eine Morgenbegrüßung. Zelda schaute noch einmal bewundernd in den großen Topf für die Nudeln und den kleineren mit der ketchuproten Soße. Sie schnupperte daran und grinste. Sie war seit gestern wie ausgewechselt.

Link war dennoch ein wenig beunruhigt, ob mit ihr tatsächlich alles in Ordnung war und blickte sie eine Weile durchdringend an. „Kannst du dich seit gestern an irgendetwas erinnern?“

„Nein, ich glaubte zwar zuerst, die Erinnerungen kämen zurück, aber der Anflug erstarb.“

„Na dann.“ Link gab sich damit zufrieden, wollte sie nicht weiter belasten und ließ das Thema ruhen. Er drehte sich vollständig zu ihr um und meinte: „Wollen wir heute irgendetwas unternehmen. Die Geschäfte sind geöffnet. Also, wenn du Lust und Zeit hast, können wir ja in die Stadt gehen?“

„Ja, sehr gerne.“

Plötzlich klingelte es an der Haustür. „Warte ich öffne sie. Kannst du mal nach der Soße sehen?“ Ehe Zelda ja sagen konnte, war Link schon auf dem Sprint zur Tür.

Zuerst lugte er durch den Türspäher, dann erkannte er die Person dahinter und öffnete. Es war der fünfundvierzigjährige Postbote Kornelius mit dem roten Pulli, auf dessen Vorderseite ein hässliches, kindisches Motiv eines Hasen zu sehen war. Link kannte den Typen deshalb, weil er selbst eine zeitlang hin und wieder Zeitungen, Werbung und anderen Kram austrug um sein Taschengeld aufzubessern.

„Hallo“, meinte Link.

„Morgen. Die Post ist da.“ Und der magere Mann reichte dem verdutzten Link einige Briefe und ein großes Paket. Nach einer Unterschrift, dass Link jenen Karton an sich genommen hatte, verschwand der Typ in Windeseile. Link schaute die Briefe durch und fand einen ohne Absender. ,Komisch‘, dachte Link und schüttelte den Briefumschlag kurz, um zu testen, das auch ja nichts verdächtiges dran war. Ungeduldig öffnete er das Schreiben, und entfaltete ein Blatt Papier, wo eine feine Handschrift einige Sätze geschrieben hatte.

Der Brief war an ihn adressiert und eine Warnung stand in den Sätzen. Ein ausdrücklicher Hinweis, dass er von jetzt an sehr, sehr vorsichtig sein sollte.

,Dinge werden geschehen, die mit dem Schicksal deiner Seele zu tun haben.’

Zweimal musste Link diesen Satz durchlesen, um ihn überhaupt ansatzweise zu verstehen. Er überflog den gesamten Brief ein drittes Mal, vergewisserte sich, dass tatsächlich er gemeint war und blieb in seine Gedanken versunken im unbeleuchteten Korridor des Hauses stehen. Es war soweit. Jetzt gab es für Link kein Zurück mehr und die Gelegenheit, zu beweisen, was in ihm steckte, zu zeigen, was in ihm schlummerte. Alle Antworten waren nun so nah, dass Link lediglich zugreifen musste. Das Schicksal nahm seinen unbestrittenen Lauf, nun auch in dieser Welt.

Link stellte das große Paket vor Mutters Schlafzimmertür und ahnte, dass sich darin eine teure Vase befand. Eine Leidenschaft Meiras, denn jede Vase, die nur ansatzweise zu gebrauchen war, gehörte in ihren Haushalt. Dann las er den Brief ein weiteres Mal und kam sich dämlich vor bei dem Gedanken, dass er diesen Stuss ansatzweise geglaubt hatte. ,Das musste lediglich ein makaberer Scherz sein, ein sehr dummer Scherz‘, entschied er.

Der Brief landete im Papierkorb und Link tapste wieder in die Küche, wo Zelda mühevoll vor dem Herd stand und ungeschickt versuchte, das übergekochte Wasser aus dem Spaghettitopf wegzuwischen. Sie grinste unschuldig und machte Link schöne Augen, als er das verteilte Salzwasser beäugte.

„Äh…“, sagte sie, „mir ist das Wasser übergekocht… entschuldige.“

Link lachte daraufhin. „Passiert ist passiert. Deshalb brauchst du dich nicht entschuldigen.“ Er trat näher und wischte mit einem Lappen über das Kochfeld. „Ich glaube, für den Haushalt bist du einfach nicht geschaffen“, setzte er hinzu und kramte gleichzeitig zwei dunkelblaue Pastateller aus einem Küchenschrank.

Sie setzte sich geistesabwesend auf die Eckbank und stützte den Kopf auf ihren Armen ab, die sie einfach auf den Tisch gelegt hatte. Für einige Sekunden schloss sie ihre Augen und träumte vor sich hin. Da war ein Gedanke… Es stimmte, sie war nie für den Haushalt zuständig gewesen. Derartige Dinge hatte sie nie getan, es war ihr sogar untersagt, sich mit solchen einfachen, niederen Arbeiten abzugeben. Eine heimliche Erinnerung, die das Gefühl des Verlorenen neu entfachte. Sie wusste es, sie verstand…

Links Stimme riss sie aus ihrem Gedankenspaziergang, als er in ihr Ohr flüsterte: „Schläfst du?“ Sie schreckte hoch und stieß fluchend mit seinem Kopf zusammen.

„Das tat weh“, sagte Link und rieb sich seinen glücklicherweise harten Schädel.  

Auch Zelda strich sich über ihren Kopf und suchte nach der Beule. „Du hast gut reden… mein Kopf ist wohl nicht so belastbar“, murmelte sie. Aber ein Lächeln huschte ihr über das Gesicht, als Link zu lachen begann.

„Soll ich dir mit dem Besteck helfen?“

Er schüttelte den Kopf. „Quark, bleib’ sitzen. Ich decke den Tisch.“ Doch wieder war da dieses Gefühl… sie hatte noch nie einen Tisch gedeckt, zumindest sagte ihr sechster Sinn das. Ihre Augen beobachteten jeden Schritt, den Link tat und sie war so dankbar, dass er hier war, obwohl er ein Fremder war, obwohl sie ihn nur seit drei Tagen kannte.

Link suchte Besteck, legte es neben die Teller, welche schon auf dem Tisch standen und verschwand dann im Keller. Geschwind kam er wieder, hatte eine Flasche Orangensaft in der Hand und stellte diese zusätzlich auf den Tisch. Dann streckte er sich und kramte nach zwei Gläsern aus dem obersten Fach des Schrankes. Zelda starrte ihn währenddessen an, musterte seinen schlanken Körper und jede Bewegung, die er machte. Ja, er war unheimlich attraktiv. Aber aus irgendeinem Grund wollte sie das nicht sehen, als ob ihr jemand verboten hätte, ansehnliche Menschen genauer zu betrachten. Verlegen wanderten ihre Augen in die andere Ecke des Zimmers, auf der Suche nach einer weiteren Beschäftigung, als seinen Körper zu bewundern. Ob er eine Freundin hatte? Sicherlich, dachte sie…

Lächelnd nahm er ihr gegenüber auf einem Stuhl Platz und belud die Teller mit den Spaghetti. „Viel oder wenig Soße?“

„Ruhig etwas mehr“, entgegnete sie und sah weiter zu, wie er ihr jeden Handgriff abnahm. ,Bei Nayru‘, es war so vertraut. Diese Situation zwischen ihnen, als ob sie seit Jahren zusammen aßen. Sie blickte lächelnd in seine tiefblauen Augen, die hypnotisieren konnten. Eine reine, dunkle Farbe, nicht verwaschen oder blass und sie mochte diese Farbe, sie stellte sich vor, darin zu versinken.

„Schmeckt’ s denn?“, fragte Link neugierig und stopfte sich eine riesige Portion Nudeln in den Mund.

„Echt lecker“, sagte sie und grinste angesichts seiner unmöglichen Tischmanieren. Aber sie war nicht überrascht, als wüsste sie über seine Fähigkeit die Funktionen von Messer und Gabel in Frage zu stellen, sehr gut Bescheid. Er grinste ebenfalls auf seine hinterhältige, dämliche Art und Weise und wich dann ihrem aufmerksamen Blick aus.

Erst jetzt bemerkte sie den silbernen Ohrring in seinem linken Ohrläppchen. Ohne Nachzudenken oder sich selbst bewusst, was sie tat, beugte sie sich über den Tisch und berührte diesen runden silbernen Ring.

Link zuckte zurück und sah sie überrascht an. „Was ist?“, meinte er.

„Äh…“, sagte sie verlegen, „… mich hat dein Ohrring interessiert.“

„Ach der…“, und er berührte selbst das Stückchen Silber. „… Sara hat mir dieses Ding zu meinem sechzehnten Geburtstag geschenkt, wahrscheinlich, weil sie keine Ahnung hatte, was ich gebrauchen könnte und… na ja… sie hat darauf bestanden, dass ich dieses Ding trage.“

„Es steht dir…“, sagte Zelda und trank einen Schluck des Saftes.

„Ich weiß…“, bemerkte er noch und leerte seinen Teller.

Zelda stand mit einmal auf. Torkelnd lief sie zum weißumrahmten Küchenfenster und hielt sich an der rauen Fensterbank fest. Tief ausatmend schaute sie hinaus durch das durchsichtige Glas und fühlte ein Ziepen in ihrem Magen, dann ein Trommeln in ihrem Kopf. Die Welt außerhalb veränderte sich für ihre Augen in dem Bruchteil einer Sekunde. Farben verschwanden, Grautöne verschmolzen mit dem Gefühl der Unwirklichkeit vor ihren eigenen Sinnen und die Gewissheit über die schöpferische Fähigkeit, hinter Dinge zu sehen, steigerte die Wahrnehmung für das Unleugbare ins Endlose. Fast schmerzhaft sanken ihre Augenlider nieder und das Brennen in ihrem Kopf erstickte gewaltsam ihre restlichen Sinneseindrücke. Sie wand ihr schattenhaftes Gesichtsfeld vom Fenster ab und suchte nach Link in einem mit schillernden Farben ausgefüllten Raum, den sie nicht mehr als Küche wahrnahm.

Er lief auf sie zu und bewegte seine Lippen langsam, als wollte er ihren wirklichen Namen sagen, sie fragen, was los sei, aber sie hörte ihn nicht. Er lief auf sie zu und Zelda erschien es, als bräuchte er Stunden für diesen Weg, als beständen Sekunden für sie aus mehreren Stunden. Es knisterte in ihren Gedanken und ruckartig kamen Bilder der weitzurückliegenden Vergangenheit, Bilder voller Leben und doch dem Tode geweiht. Ein stechender Druck hinter ihren Augen und die Bilder wurden zahlreicher, kurz und bedrohlich strömten sie auf ihr Inneres ein, nahmen Energie, raubten Unschuld. Sie wollte schreien, sie wollte weinen und bat diese fremde Macht, sie möge jene Bilder stoppen, möge den Alptraum beenden, in dem sie gefangen war. Laut aufkreischend warf sie sich mit dem Rücken an die Wand, wollte nicht sehen, wollte die Erinnerung als solche nicht akzeptieren. Bilder von Toten, durch erbitterte Schlachten auf grünen Wiesen gestorben. Blut über den grünen Hügeln, Angst in den weitaufgerissenen, glasigen Augen der toten Krieger. Angst vor dem wahren Gesicht des Bösen…

Link war von seinem Platz aufgesprungen und packte Zelda an ihren Oberarmen. Ihre Augen waren leer, ihre Haut eiskalt. Sie zitterte und schrie plötzlich hysterisch auf. „Zelda!“, fauchte er sie an, rüttelte sie vorsichtig und wusste nicht, was hier geschah, beobachtete geschockt, wie Zelda mit einmal anfing zu weinen. Sie redete wirres Zeug, verwechselte die Wortstellung, sagte Wörter, die in seiner Sprache nicht existierten und gab schließlich ihren zitternden Knien nach. Sie wurde ohnmächtig und fiel mit dem Kopf vornüber, direkt an Links Schulter.

Er nahm ihren zierlichen Körper auf seine Arme und trug sie auf die cremefarbene Couch in der gemütlichen, warmen Stube. Er gab ihr leichte Hiebe auf die schwachrosa Wangen und sagte energisch ihren Namen, bat sie, ihre Augen wieder zu öffnen. Aber sie rührte sich nicht und blieb weiterhin bewusstlos. Auch als Link ein feuchtes Tuch auf ihre Stirn legte und sie mit der erstbesten Decke zudeckte, reagierte sie nicht. Besorgt blieb Link einige Minuten neben dem Sofa hocken und sah ihr zu. ,Was tun‘, fragte er sich…

Aber Link wäre nicht Link, wenn er keine Idee hatte. Wenige Minuten später hüpfte er in sein Zimmer und kam mit seiner weißen Okarina zurück. Sanfte, dumpfe Töne erklangen in dem Raum, lösten den Bann angstvoller Erinnerungen, besänftigten und streichelten die Sinne mit beruhigenden Lauten. Link versank halb in seinem Spiel, schloss die Augen und lehnte sich zurück. Er bemerkte nicht das leichte Zucken Zeldas, als sie die sanften Flötentöne vernahm, sah nicht das Blinzeln ihrer Augen und den verwunderten Ausdruck auf dem edlen Gesicht, als sie das Tuch auf ihrer Stirn bemerkte oder die Melodie der Flöte erkannte.

Zelda richtete sich auf, wusste nicht, was vor wenigen Minuten passiert war und genoss das Spiel der Okarina. Ein wenig lächelnd ließ sie ihre Beine von der Couch baumeln und strahlte Link entgegen, der so in seiner Melodie gefangen war, dass er immer weiter spielte. Links Augen öffneten sich und abrupt stoppte er das Musizieren, setzte sich zu Zelda auf das Sofa und blickte sie mit seinem sorgenvollen, ernsten Blick an. Dieser Ausdruck verriet, sagte zu viel und Zelda ahnte, obwohl sie nicht erinnerte.

„Was ist passiert, Link?“, meinte sie, in einer normalen Stimme, mit normalen Worten.

„Du bist in der Küche zusammengebrochen und…“ Sie verzog unverständlich ihr Gesicht, wollte es nicht wahrhaben. „… ich wollte von dir wissen, was passiert ist“, ergänzte Link.

„Das kann ich dir aber nicht sagen. Verzeih’ aber ich kann es dir nicht sagen, weil ich nicht weiß, was ich tat…“

„Du hast keinen blassen Schimmer?“ Sie zuckte ratlos mit den Schultern und sah in das tiefe Blau seiner Augen.

„Habe ich dir Sorgen bereitet?“, murmelte sie.

„Ja, ich wusste nicht, was ich tun sollte…“

„Du hast Okarina gespielt…“

„Es hat dich aufgeweckt und…“ Gott, er kam sich so belämmert vor, wusste nicht, was er sagen sollte, wollte ihr nicht sagen, wie verstört sie vor wenigen Minuten reagierte, bevor die Bewusstlosigkeit sie überwältigte. Zärtlich nahm er ihre Hände in seine, streichelte die samtene Haut ihrer Handrücken. Sein Blick verlor sich darauf, vielleicht, weil er gerade jetzt nicht aufrichtig in ihre Augen sehen konnte. „Jage mir bitte nicht noch einmal so einen Schrecken ein, Zelda. Ich hatte… Angst um dich“, murmelte er vorsichtig, kaum sich selbst begreifend, denn noch nie hatte Link derartige Worte zu irgendjemandem gesagt.

„Um… mich“, wiederholte sie, begriff den Sinn dieser Worte nur schwerfällig, als gab es niemals jemanden, der Angst um sie und nicht Angst vor ihr verspürte. Vielleicht machte sie gerades das so anders, jene Einbildung, andere könnten Angst vor ihr haben und deshalb vor ihrem doch übernatürlich schönen Erscheinungsbild weglaufen. 

„Ist das ein Fehler…“

„Wohl dein größter Fehler…“, murmelte sie und stand auf. Erneut ein Beweis für dieses trügerische Gesicht, das sie trug. Erneut eine Bestätigung für das unbezweifelbare Gefühl, sie gehörte nicht hierher, sie unterschied sich von den Menschen in vieler Hinsicht, sie brächte Gefahr diesem jungen, liebevollen Menschen neben ihr, dieser anderen, möglicherweise besseren Welt. Die Erkenntnis, etwas stimmte nicht mit ihr- sowohl in ihrer Seele lag dieses Wissen, diese trügerische Weisheit, welche sich nur im ersten Augenblick von der beschmutzten Macht eines Teufels abhob- als auch in ihren Handlungen, Entscheidungen.

„Ich habe Harfe gespielt…“, sagte sie, als eine erste Erinnerung, wollte die Schattenseiten des Gedächtnisses überspielen, vergessen…

„Was, du meinst, du hast früher Harfe gespielt?“

„Ja… wenn ich schlafen gehe, da überkommt mich so ein Gefühl für die Saiten jenes Instrumentes und ich stelle mir vor zu spielen und dann sehe ich mich selbst in einem kleinen runden Raum, wo nur diese Harfe steht. Überall strahlt Licht in jenen Raum, eines Turmes, so nehme ich an, und ich sitze davor und spiele eine Melodie…“

„Das freut mich für dich…“, sagte Link mit seiner beruhigenden, angenehmen Stimme und stand jetzt direkt hinter ihr. Er wollte sie berühren, überlegte aber gleichzeitig, ob er überhaupt das Recht dazu besaß.

„Ich kann nichts für meine Ungewöhnlichkeit, bitte sieh’ mich deswegen nicht mit anderen Augen…“, murmelte sie schwach, stockend und wurde in ihren Worten immer leiser. „Bitte…“, bekräftigte sie und wand ihren Kopf schräg zur Seite. Sie fühlte seine Unsicherheit, seine zunehmende Nervosität, aber auch die ehrliche Anteilnahme.

Link lief um sie herum, sah sie tiefgehend an und flüsterte aufheiternd: „Ungewöhnlicher als ich kannst du gar nicht sein, Zelda… Ich werde dich immer mit den gleichen Augen sehen…“

„Du schaffst es immer wieder jemanden zum Lächeln zu bringen…“

„Jep. Eine tolle Gabe, nicht wahr?“

„Besser als jegliche anderen…“

„Oh… heißt das, ich besitze noch mehr umwerfende Gaben?“, meinte er und grinste ein wenig. Er nahm einen Schluck einer Wasserflasche, die neben dem Sofa stand.

„Du hast sie nur noch nicht herausgefunden oder wahrhaben wollen…“, erwiderte sie eine Spur ernster.

„Genauso wie du selbst, Zelda.“

Sie stimmte zu: „Genauso wie ich…“ Und die Erkenntnis rief ihr zu, wie stark die Fäden ihrer beiden Schicksale doch ineinander verwirbelt waren… Er reichte ihr die Flasche und hastig trank sie davon, half ihrer trockenen Zunge.           

In dem Augenblick schlich Link um sie herum, musterte ihren schlanken Körper. Sie trug immer noch die Kleidung von Sara. „Weißt du Zelda, ich bin ja wirklich kein Freund von langen Einkäufen in irgendwelchen Modegeschäften, aber ich denke, du brauchst ein paar Klamotten.“ Sie blickte ihn mit großen Augen an.

„Aber wie soll ich das denn…“

Er unterbrach sie: „Ich leihe dir das Geld, ganz einfach. Auf meinem Sparbuch ist noch so einiges.“

Sie wollte ihm wiedersprechen und meinte: „Und was, wenn ich mir das einfach nicht leisten kann?“

„Dann verkaufen wir deine Tiara, die ist sicherlich ein Vermögen wert und wenn nicht, dann kannst du mir das Geld in Raten zurückgeben. Ich verlange auch keine Zinsen“, sagte er grinsend. Mit Hilfe von Links überwältigendem Charme war Zelda überzeugt.

„Danke, Link.“

„Es ist okay. Also, wie sieht’s aus? Hast du heute noch Lust irgendwohin zu gehen, wenn nicht, dann verstehe ich das und wir machen es uns hier gemütlich.“ Sie schüttelte mit dem Kopf und nahm sich den Arm, den er ihr anbot. „Also dann, Mademoiselle, könnten wir losgehen.“ Aber da kam ihm noch eine Idee. Tante Lydia, die Mutter seines Cousins, war Geschäftsführerin in einem größeren Modegeschäft, wo sie sicherlich einige Kleidung für Zelda finden konnten. Und es wäre wohl die Gelegenheit Lydia und Onkel Jonas, wo beide ja ab und an nach ihnen sehen sollten, zu informieren, dass es ihnen gut ging. Sicherlich hatte Links Mutter Meira bereits getratscht wie eine kaputte Schallplatte, aber besser Link und Zelda statteten Lydia einen Besuch ab.

„Da fällt mir noch etwas ein, ich melde mich kurz bei meiner Tante und informiere sie, dass wir in ihrem Geschäft vorbeischauen“, erklärte er und stand mit einem Sprung neben dem Telefonhörer und diskutierte mit seiner Tante.  

 

Ein wenig später liefen die beiden Jugendlichen in Richtung Stadtzentrum bis sie vor dem riesigen, mehrstöckigen Modegeschäft standen. „Los geht’s“, sagte Link und packte Zelda an der Hand und schleifte sie in das Innere des Gebäudes.

Zelda blickte sich erstaunt um, sah Unmengen von Kleiderständern mit farbenfrohen, sommerlichen Jacken, Tische mit Jeanshosen in allen Varianten und Farben, entdeckte hier und da Kleiderbügel mit modischen Blusen, T-Shirts, Mänteln und anderen Dingen. In langsamen Schritten folgte sie Link, der auf eine Rolltreppe zu steuerte.

Er drehte seinen Kopf zu ihr und sagte: „Ich würde sagen, wir fangen mit der Unterwäsche und dem Schlafanzug an.“ Sie lief nur unsicher hinter ihm her, sich bei der großen Auswahl fragend, wer solche Dinge überhaupt brauchte und ob diese denn tatsächlich in einen Kleiderschrank gehörten.

Sie erreichten das oberste Abteil und schnurstracks wendete sich Link zu der sicherlich hübschen Dame, die hinter der Ladentheke stand. Eine braunhaarige Frau mit einem schicken dunklen Overall. Sie regelte irgendeinen Papierkram und begrüßte Link schließlich auf eine auffallend vertraute Art und Weise und blickte zu Zelda, die sich mehr und mehr beobachtet fühlte. Viele Leute befanden sich in dem Geschäft und stöberten in den Sachen herum und einige, vor allem Gleichaltrige, bemerkten Zelda im Vorübergehen. Einige schauten höflich weg, andere starrten sie an, als käme sie vom Mars.

Die Dame an der Kasse lief dann mit Link in Zeldas Richtung. Mit einem netten „Hallo“, begrüßte die Frau das augenscheinlich siebzehnjährige Mädchen, welches Link im Wald gefunden hatte. „Zelda, darf’ ich vorstellen, das ist meine Tante Lydia, die Mutter meines Cousins. Sie wird dir helfen, passende Sachen zu finden, da ich von Mode leider keinen blassen Schimmer habe.“

Zelda nickte dankend. „Wenn irgendetwas ist, ich bin dort drüben.“ Und er zeigte auf eine rote Couch, die in der Nähe der Ladenkasse stand.

„Ist das okay für dich?“ Sie nickte. Wie oft sollte sie ihm denn noch für seine Hilfsbereitschaft danken? „Ach… ja, noch etwas. Wenn du jemanden brauchst, der die Kleidung an dir beurteilen soll, dann komm’ einfach rüber. Ich warte so lange.“ Link lief langsam zu der Couch und warf ihr noch etwas hinterher: „Nimm’ dir so viel Zeit, wie du brauchst, wir haben doch sowieso nichts vor.“ Mit einem Grinsen machte er es sich, unbeachtet der empörten Gesichter einiger Leute, auf dem Sofa bequem und legte frech seine Straßenschuhe auf die Polsterung.

Mit einem Schmunzeln widmete sich Zelda dann der Frau, die aufmerksam ihre Größe und Figur einschätzte. „Also, Zelda, Link hat mir erzählt, du bräuchtest ein neues Outfit.“ Die Lady hatte eine schöne Stimme, auffallend beruhigend und einfühlsam. Zelda nickte. „Meira hat mir schon alles erzählt. Es ist eine ungewöhnliche Situation im Augenblick. Ich hoffe, dein Gedächtnis kommt wieder und du kannst zurück nach Hause.“ Etwas verwundert sah Zelda auf. Diese Worte… Zuhause, das klang so schön. Aber gab es dieses Zuhause denn wirklich? „Nun ja“, fing Zelda an, wollte die Situation etwas überspielen. „Solange werde ich Link wohl nicht auf die Nerven fallen, hoffe ich.“

Die Dame mit den rehbraunen Augen sah Zelda durchdringend an: „Ich will dich ja nicht ausfragen, aber neugierig wird man ja wohl sein dürfen…“

Zelda lächelte, aber mied die Augen der fremden Dame.

„Aber egal, ich würde sagen, wir suchen erst einmal passende Unterbekleidung für dich, dürfte bei deinen perfekten Maßen ja nicht schwer sein…“

Zelda folgte der etwa vierzigjährigen Frau durch die Kleiderständer, Ablageflächen, vorbei an leblosen Schaufensterpuppen. Sie erreichten eine Ecke, in der allerlei Kleidung für drunter, Bade- und Morgenmäntel wie auch Dessous hingen. Zerstreut schaute Zelda von einem Objekt zum anderen und fühlte wieder dieses Unbehagen. So fremd war der Anblick des Modegeschäftes mit seinen Leuten, den ganzen aktuellen Klamotten… Im Handumdrehen hatte Lydia einige Dessous, drei Nachtgewänder, einen schönen roten Pyjama, einen Stapel Strümpfe und allerlei anderen Kram auf ihren Armen.

„Da drüben sind Umkleidekabinen“, sagte sie und reichte der überforderten Zelda den Stapel. Seufzend schlenderte das hübsche Mädchen in die Kabine und tat sich vielleicht ein wenig zu schwer bei der Anprobe.

Nach vielen Begutachtungen Lydias und sie klatschte, wann immer Zelda irgendetwas der kompletten Sammlung passte, war dieses Thema vom Tisch. Ein Berg von Kleidung ruhte auf dem Tisch der Ladenkasse und Link, der nur einen kleinen Blick riskierte, wusste, diese Dinge, würden bei seinem Sparbuch Ebbe verursachen… und es war erst der Anfang…

Lydia schien nun in ihrem Element zu sein. Zahlreiche Jacken, Hosen, Pullover und andere Dinge musste Zelda an ihrem modelgleichen Körper vorzeigen, nur um das nächste Modeobjekt anzuprobieren und so verging die Zeit. Über eine Stunde war verstrichen und Link war auf dem Sofa fast eingeschlafen. Er streckte sich und blickte hinüber zu Zelda, die wieder grinsend einen Stapel T-Shirts in den Händen hatte und damit in einer Umkleide verschwand. Laut ausatmend lehnte er sich zurück und dachte darüber nach, was er doch alles für Zelda tun würde, obwohl er sie nicht kennen konnte, obwohl sie eine Unbekannte war. Diese Gefühle der Zuneigung… ob diese überhaupt richtig waren? Könnte es ein Fehler sein, sich so sehr auf ein Mädchen einzulassen, dessen Namen Link nicht wirklich kannte?

Dann spürte er plötzlich zwei Hände über seinen Augen. Eine süße Stimme erklang und Link wusste, zu wem sie gehörte: „Wer bin ich?“

„Ach… Zelda, ich erkenne dich auch, wenn du nicht redest.“

Sie löste ihre Hände von seinen Augen und trat vor ihn hin. Leicht scheu murmelte sie: „Ich soll dich fragen, was du von diesem Kleid hältst, meinte deine Tante.“

Link starrte sie geschockt an. Das wunderschöne Geschöpf vor ihm trug ein knappes, schwachrosa Kleid, welches eng anlag und ihren graziösen Körper betonte. Zelda schaute mit roten Wangen an die Decke und wartete auf eine Reaktion Links. Aber er war sprachlos und schien gefangen zu sein in ihrem Anblick. Zwei geflochtene Träger hielten das teure Sommerkleid und waren die einzigen Verzierungen daran. Ansonsten war es in Natürlichkeit belassen. Und wenn der richtige Mensch es trug, wirkte es genauso: natürlich und doch perfekt. „Ähm… das ist…“, brachte Link hervor und stand ungeschickt auf. „Du… du solltest es nehmen, wenn… wenn du magst“, stotterte er vor sich hin und versuchte nicht den Eindruck zu erwecken, sie anzustarren. Aber Zelda lächelte, drehte sich um und hastete wieder zu Lydia. Link kam sich hirnlos vor, als würde jeglicher Verstand aussetzen, wenn Zelda auf diese Weise auf ihn wirkte. Warum? Warum hatte sie eigentlich diese verwirrende Wirkung auf ihn? Er war doch sonst nicht nervös, wenn er ein Mädchen ihres Alters ansah…

So in seine Gedanken versunken, bemerkte Link nicht, dass er beobachtet wurde. Zwei unechte, blaue Augen hatten ihn im Visier und lachten leise auf, als Link sich wieder auf dem Sofa breit machte. Er schloss seine Augen und gerade da setzte sich jemand zu ihm auf die Sitzgelegenheit.

„Lovely Hero“, surrte jemand neben ihm. In dem Augenblick standen Link alle Haare zu Berge. ,Nicht die‘, flehte er, bitte nicht die schon wieder. Eine Stimme, die noch unechter war, als der Rest ihres Erscheinungsbildes, verriet die nervige Person. Ilena war ihr Name. Ilena.

Link hüpfte vom Sofa und murrte verärgert: „Was willst du?“ Ilena stand ebenso auf und sagte berauschend: „Warum bist du denn gleich so unfreundlich? Ich wollte bloß Hallo sagen, lovely Hero.“

„Lass den Quatsch!“, sagte Link und etwas Neues, Gefährliches ging von seinen Worten aus. Aber Ilena verstand nicht, was Link damit meinte und sagte in ihrer quietschend hohen Stimme: „Ich, deine Prinzessin, frage dich, ob du nicht Lust hättest, mit mir ins Kino zu gehen oder durch den Park zu laufen. Bitte Link.“ Und ihre Worte endeten in einem für verführerisch anmutenden Klang.

„Du bist lediglich ein billiges Flittchen, stell‘ dich nicht so an, und ich sage, ich habe keinen Bock auf deine Anwesenheit.“

Eine Schnute ziehend, tastete Ilena auf ihren blaugefärbten Kontaktlinsen herum und hoffte, sich verhört zu haben. „Warum denn nicht?“

„Weil ich erstens in Begleitung bin und zweitens deine falsche Zunge nicht ertrage.“

Sie ging auf ihn zu und hauchte ihm ins Gesicht. „Bitte Link.“

„Nein. Und Basta.“ Er lief, seine Geduld allmählich am Ende, an Ilena vorbei und suchte nach Zelda in dem Modegeschäft, spürte aber, dass Ilena ihm auf Tritt und Schritt folgte.

Zelda stand an der Kasse und beobachtete Links Tante, die mühevoll die Preisschilder der an die Hundert Kleidungsstücke abzupfte.

Frohen Herzens und äußerst vergnügt fand Link seine wahre Prinzessin und war schneller bei ihr als es ihm lieb war.

„Das macht so einiges…“, sagte Zelda. „Ich fühle mich schrecklich bei dem Gedanken, dass du das alles bezahlen willst…“

„Ich würde mich schrecklich fühlen, wenn du keine anderen Klamotten hättest, als die von Sara, Zelda“, erwiderte er und bezahlte den ganzen Kram mit Vergnügen.

„Danke für die Hilfe, Lydia“, meinte Link.

„Gern geschehen. Im Übrigen hat es mir Spaß gemacht, Zeldas Outfit zu gestalten“, sagte sie lächelnd. „Aber eines hätte mich doch noch interessiert.“

„Und das wäre?“, meinte Link und schaute ab und an nach der neugierigen Nervensäge Ilena, die sich ungeschickt an die Ladenkasse heranpirschte.

„Wie geht es euch beiden zu zweit? Ich hoffe, es gibt keine Schwierigkeiten.“ Genauso wie ihre Schwester Meira Bravery hatte sie anderweitige Hoffnungen. Auch sie wusste um Links manchmal sehr abnormes Verhalten. Und auch sie erwartete, dass die Anwesenheit dieses hübschen Kindes ihr Gegenüber ein paar seiner Probleme löste.

„Nein, es gibt keine Schwierigkeiten… Da fällt mir ein, ich habe noch etwas vergessen, wartest du eine Sekunde, Zelda?“

„Natürlich, oder hast du Angst, ich könnte verschwinden?“ Bei diesen Worten überlegte Link zweimal und fand diese nicht so spaßhaft, wie sie von Seiten Zeldas gemeint waren. Sein Blick wanderte zu der Ecke, in welcher vorhin Ilena schaulustig dem Geschehen mehr als genug Aufmerksamkeit schenkte. Aber das aufgetakelte Mädchen schien aufgegeben zu haben. Link entdeckte sie nicht mehr und erledigte sein Vorhaben. Vergnügt ließ er sich von der Rolltreppe ins Erdgeschoss transportieren, während Zelda an der Ladenkasse auf ihn wartete. 

Aber Ilena hatte die Szene weiterhin beobachtet, nur aus einer anderen Perspektive und verzog immer mehr ihr Gesicht. Sie fragte sich, wer dieses Mädchen neben Link war und warum er mit ihr redete. Er bezahlte sogar die Sachen. Langsam wurde sie eifersüchtig und grübelte nach, was sie tun könnte… Sie schlich zu den Beiden an die Ladenkasse und sah Link dieses fremde Mädchen anlächeln. Er packte sie sogar an ihrer Hand. Ilena schlich näher, verbarg ihr gekünsteltes, lächerliches Erscheinungsbild hinter Kleiderständern und hörte die beiden lachen und sich unterhalten.

,Link verschwand dann aus ihrem Gesichtsfeld, die Gelegenheit‘, dachte sie.

Auch Lydia wurde von einer weiteren Kundin abgepasst. Somit stand das unbekannte Mädchen allein, fast unsicher an der Ladenkasse. ,Jetzt oder nie‘, redete sich Ilena ein.

In dem Augenblick ergriff sie die Chance und hetzte zu dem fremden Mädchen hinüber. Angewidert schaute Ilena in Zeldas hübsches Gesicht und hatte noch mehr Grund eifersüchtig zu werden. Zelda begrüßte das magere Mädchen ihr gegenüber mit einem kühlen: „Hallo.“ Sie wagte einen Blick hinter die Tarnung Ilenas, die ihr wahres Gesicht verschleiern sollte. Ein abstoßender Mensch, ohne Ideale und Wahrheit im Herzen. Bilder einer zerstörten Familie, mit zermürbenden Gesprächen über das, was nicht richtig war. Und doch waren da Wünsche, tief verborgen, abgedeckt von Kälte und dem Bedürfnis andere für das eigene Elend büßen zu lassen.

„Hallo“, sagte Ilena unecht, fast erfreut, dass Zelda ihr ins Antlitz blickte. „Was hast du mit Link zu tun?“ Eine abfällig klingende Frage aus ihrem Mund verriet Zelda noch mehr über einen unsympathischen Charakter hinter den in Wirklichkeit hellen, trüben Augen, wo Licht von Nebel abgelöst wurde. Und noch etwas fiel Zelda sofort auf, die seltsam hohe Stimme, wenn Ilena sprach.

„Wohl mehr, als er und ich verstehen könnten“, erwiderte Zelda mit einem standhaften Blick in Ilenas Abscheu zeigendes Gesicht.

„Lass’ ihn in Ruhe. Er gehört dir nicht“, sagte Ilena, da sie wohl kein vernünftiges Gespräch mit Zelda anfangen konnte und wollte.

„Es ist seine Entscheidung, von wem er in Ruhe gelassen werden will und außerdem gehört er niemanden, nur sich selbst.“ Ilena glotzte trotzig an die Decke und suchte nach Worten. Sie sah sich im Geschäft um und hatte dann eine Idee. Die besten Waffen, um diese Person loszuwerden, waren Mittel der Eifersucht.

„Er ist mein Freund“, sagte sie laut und freute sich wohl schon über ihren vermeintlichen Triumph. Aber Zelda ließ sich mit keiner Silbe beeindrucken, sah hinter dem Gesicht viele Lügen und die eine Lüge, dass Ilena sich nicht einmal Selbst vertrauen konnte.

„Link ist auch mir ein Freund.“

„Aber du bedeutest ihm nichts.“

„Es genügt mir ihn zu kennen… und es genügt ihm mich zu kennen“, sagte Zelda sicher und blickte verträumt zu der Rolltreppe, darauf wartend, dass Link wieder auftauchte.

„Du eingebildetes Stück Dreck, Link gehört zu mir“, betonte sie und warf Zelda jetzt schon Schimpfwörter an den Kopf.

Zelda drehte ihren Kopf mit einem überlegenen Blick zu Ilena um und in dem Augenblick wich Ilena zurück, sah Empörung und doch Ruhe in den Augen der Dame ihr gegenüber. „Fordere nicht schlafende Wölfe heraus. Deine Wortwahl wird nur dir selbst schaden.“ Und Zelda starrte beinahe in den Ausdruck auf Ilenas Gesicht, welcher sich langsam von hochmütig zu respektvoll änderte. Eine Schweißperle glänzte an Ilenas Stirn, so als hätte sie nun mehr als nur Respekt vor Zelda. „Geh“, ordnete Zelda an und Ilena schlich mit einem lauten: „Du spinnst doch“, in Richtung Rolltreppe.

Zelda wartete über zehn Minuten auf Link, als ihr die Sache allmählich Nerv tötend vorkam. Ihre Lage überblickend lief sie zur Rolltreppe und schaute von dort oben aus hinunter ins Erdgeschoss, aber Link schien nirgendwo zu sein. Was trieb er denn nur die ganze Zeit? Wo, bei den Göttern, war er abgeblieben? Aber unberufen erschien dann doch eine Gestalt in der Menge, die ein waldgrünes T-Shirt trug und Zelda zuwinkte. Sie winkte zurück, verstand nicht, warum sie sich so freute ihn zu sehen und lehnte sich ein wenig an das Geländer der Rolltreppe und sah Link auf der anderen Treppe nach oben fahren. Er hatte irgendeine Kleinigkeit in seiner Hand und dieses unverblümte Grinsen im Gesicht, an das sich Zelda sofort gewöhnt hatte. Die Zeit schien still zustehen und Link war fast bei ihr.

Plötzlich ein schmerzhafter Stoß in Zeldas Rücken und sie verlor das Gleichgewicht. Schreiend drehte sie sich um und sah für einen kurzen Moment etwas erschreckend Finsteres in zwei unechten blauen Augen. Haltlos stürzte Zelda ohne die Möglichkeit sich aufzufangen die Treppe neben Link hinab. Mit Grauen erfüllt sah er zu, sprang geistesgegenwärtig über das Geländer und packte Zelda gerade so am Arm, verhinderte, dass sie die gesamte Rolltreppe hinabstürzte. Seufzend und mit wackligen Beinen kamen die beiden am Fuß der Treppe an, blickten sich erschrocken an.

„Alles okay?“, murmelte Link, entsetzt, welche Angst er in diesem nichtigen Moment verspürte. Zelda nickte und wich seinem Blick aus. Doch so wirklich okay war nichts. Jemand hatte gerade versucht, sie umzubringen. Jemand wollte ihren Tod, so wie sie es schon seit ihrem Aufwachen in Links Elternhaus wusste. Und Zelda wusste im Moment auch wer. „Bleib’ hier“, veranlasste Link und rannte mit einigen schnellen Schritten die Treppe hinauf. Auch er hatte gesehen, wer mit Zelda an der Treppe stand. Er hatte gesehen, wer Zelda das Leben stehlen wollte. Gefangen in unbeschreiblicher Wut und dieser Angst, Zelda könnte etwas zustoßen, hetzte er in der Halle umher und fand Ilena neben der Ladenkasse stehend.

Kopfschüttelnd trat Link an sie heran und schimpfte: „Was hast du getan, Ilena? Warum?“

„Was denn?“, sagte sie und blickte Link betörend an.

„Das weißt du genau. Spiel‘ hier nicht das Unschuldslamm.“

In dem Moment kam Zelda entgegen Links beschützenden Anweisungen angelaufen und legte eine Hand auf seine Schulter.

„Was bildest du dir eigentlich ein? Du wärst beinahe zur Mörderin geworden?!“ Lautstark dröhnte Links Stimme in dem Geschäft umher. Grob packte er Ilena an ihrem Unterarm.

„Ich habe nichts Unrechtes getan“, wetterte sie.

„Du hättest Zelda beinahe umgebracht.“

„Ach Zelda heißt die…“ und Ilena zeigte mit ihrem Zeigefinger auf das hübsche Gesicht neben dem Oberstufenschüler mit dem grünen Cape. Zelda nickte nur.

„Ich könnte dich anzeigen, du Biest“, giftete Link und verstand nicht diese überwältigende Wut in seinem Inneren.

„Link, es ist doch nichts geschehen. Bitte beruhige dich“, murmelte Zelda und legte auch noch ihre andere Hand auf seine zweite Schulter. „Bitte. Das ist es nicht wert.“

Link entspannte sich unter ihren Händen und kopfschüttelnd ließ er Ilenas Arm los. Langsam drehte er sich zu Zelda um und kühlte seinen Ärger ab, indem er in Zeldas sanfte Augen blickte. Ilena lief einige Schritte weiter und sah dann noch einmal zurück, sah diese verträumten Blicke in zwei Gesichtern und hetzte dann, erbost über ihre eigene Dummheit hinaus.

„Ich gebe dir wohl mehr als nur einen Grund auf mich aufzupassen, wie?“, sagte Zelda aufmunternd. Links Lippen bewegten sich zu einem geruhsamen Lächeln.

„Sehr viele Gründe womöglich…“ Er nahm zwei der großen Beutel, in welcher Zeldas neue Klamotten gepackt waren, in jeweils eine Hand.

„Ich hatte plötzlich so viel Angst um dich“, gab er zu und bereute seine Worte im nächsten Augenblick.

„Das…“ Er schüttelte mit dem Kopf. Besser, sie sagte nichts dazu. Und vieles, was ihren Lippen jetzt entkommen würde, wäre vielleicht unpassend und nicht richtig.

„Sie wird dafür Büße tun, ohne dass sie es will, Link.“

„Das hoffe ich“, sagte er. Zelda nahm zwei weitere große Taschen und die Ereignisse des Tages langsam ignorierend liefen die Jugendlichen mit den vielen Beuteln in ihren Händen zurück zu Links Elternhaus in der Straße der Erinnerung.

 
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