Kapitel 1.11
 

Kapitel 11: Die waldgrünen Rosen

 

 

Es war spät abends, als Link den Tisch in dem Wohnzimmer abräumte. ,Das war vielleicht ein Tag‘, dachte er. Nach dem Vorfall mit Ilena in dem Modegeschäft, hatten die zwei Jugendlichen noch ausführlich darüber diskutiert, grübelten über das Wenn und Aber der ganzen Situation. Sie beruhigten sich gegenseitig mit dem Gedanken, dass nichts Schlimmes geschehen war und schnell wurde das Thema unwichtig. Als er die Spülmaschine in der Küche in Gang setzte und das Licht ausschaltete, hüpfte Link vergnügt die Treppen ins nächste Stockwerk hinauf, zielstrebig auf das Gästezimmer zusteuernd.

Zelda befand sich gerade in dem Gästezimmer und probierte fleißig Kleidungsstücke an, sie fand Gefallen an den Dingen jener modernen Welt, sie mochte das Neue, was ihr anfänglich so unwirklich vorgekommen war, nun auf eine bemerkenswerte Weise. Nur die Nachttischlampe leuchtete und machte das Zimmer noch gemütlicher, als es für sie ohnehin war. Langsam entledigte sie sich der roten Bluse und der Jeans von Sara und des unbequemen Korsetts, welches sie die ganze Zeit anhatte. Kichernd trat sie vor den Spiegel und begutachtete ein schwarzes fesselndes Dessous an ihrer schlanken Figur, war überaus zufrieden mit sich selbst und dachte kurz an die Person, der sie das alles zu verdanken hatte. Ob es nicht doch etwas gab, was sie für ihn tun könnte? Sie kramte ein veilchenfarbenes Top aus einer Tüte und hielt es sich vor den Oberkörper.

In dem Moment öffnete Link einfach die Tür, rechnete nicht damit, dass Zelda mit sich selbst beschäftigt war und trat gedankenlos in den Raum. Mit einem Quiekser drehte sich Zelda vom Spiegel in seine Richtung, ließ beinahe das schützende Top, mit welchem sie gerade so ihren Oberkörper bedecken konnte, fallen.

Links Mund klappte auf. Er hatte noch nie ein Mädchen halb nackt gesehen… Wie versteinert sah er sie an, ehe er sich besann, was er hier tat. Stotternd sagte er: „Ich sollte… das nächste Mal klopfen…“ und mit einer täppischen Bewegung drehte er sich um.

Schnell zog sich Zelda ihren Pyjama an und setzte sich, noch völlig geschockt, auf die Bettkante. Verdammt, war das peinlich…

Link stand immer noch mit dem Rücken zu ihr, spürte ein paar gemeine Reaktionen an seinem Körper, wollte sich am liebsten in den Magen boxen und murmelte verlegen: „Ich wollte dich bloß fragen, ob du noch Lust hättest, einen Abendspaziergang zu unternehmen oder vielleicht einen Film aus der Sammlung meines Vaters zuschauen?“

„Gerne. Gibst du mir einige Minuten, dann können wir ruhig noch ein wenig spazieren gehen…“ Die Möglichkeit für Zelda ihre neue Kleidung einem Test zu unterziehen. Eine dunkelblaue Stretchjeans, einen langärmligen weißen, aber nicht zu weiten Pullover und eine modische Nickijacke waren ihre erste Wahl.

„Sicher“, sagte er unruhig und ging aus dem Zimmer, spielte mit dem anstößigen Gedanken noch einmal in ihre Richtung zu schauen, aber unterließ dies dennoch… was, so entschied er, für seinen gesunden Menschenverstand vielleicht von großem Nutzen wäre…

 

Im Schein der alten, blutrot untergehenden Abendsonne liefen die beiden am Waldrand entlang. In der Nähe alter Laubgeschöpfe, die tief an geheiligten Orten, Verstecke für die letzten Rätsel der Erde hüteten.

„Machst du das öfters, ich meine, abends noch in der Nähe des Waldes herumlaufen.“

„Jep“, sagte Link und schaute neben Zelda hinein in die tiefe Dunkelheit, die erschreckend geheimnisvoll, Dinge verbergen konnte, die noch nie jemand gesehen hatte.

„Hast du denn keine Angst vor der Dunkelheit der Wälder, wenn du so ganz alleine dort herumwanderst?“

„Nein, ich sage mir einfach, die Tiere in den Wäldern haben mehr Angst vor mir, als ich vor ihnen haben könnte.“

Zeldas Schritte beschleunigten sich, sodass sie einige Meter vor ihm war und ihn beäugen konnte. „Aber ich rede nicht von den Tieren, Link.“ Sein Blick wurde ernster.

„Dort in der Dunkelheit, meinst du nicht auch, dass es dort Dinge geben könnte, die sie sich zunutze machen könnte“, sagte sie leise und hoffte, ihre Worte wären nicht zu weit hergeholt.

„Zelda… in unserer Welt gibt es keine Ungeheuer oder Dämonen. In der Schwärze der Nacht liegt absolut nichts, vor dem du dich fürchten müsstest und wenn, wären diese Dinge schon lange entdeckt worden. Diese Jahrhunderte dienen der Wissenschaft, dem Fortschritt. Märchen haben hier auf der Erde keinen großen Stellenwert mehr.“ Langsam liefen sie weiter und hörten ab und an die Laute einer Eule am Waldrand herum kreisen oder ein Rascheln, tief in Finsternis verborgen.

„Link?“, sagte Zelda und blieb erneut stehen. „Du würdest dir aber wünschen, dass es anders wäre, nicht wahr?“ Sie suchte seinen Blick, aber er tapste voran.

„Manchmal schon, aber das ist eben keine Alternative… Realität ist und bleibt Realität. Märchen, Wunder und Dämonen gibt es eben nur in den Träumen. Findest du nicht, dass es gut so ist? Oder vermisst du Märchen und Magie?“, ergänzte er.

„Oh, ich habe das Gefühl, ich bräuchte diese Dinge nicht unbedingt zu vermissen…“

Link machte große Augen, erstaunte über ihre Worte und erwiderte neugierig: „Wie darf’ ich das verstehen?“

Doch Zelda gab ihre Gedanken nicht preis, aus Ungewissheit und teilweise Scham über die Dinge, die sie für selbstverständlich hielt. Und zu dieser Selbstverständlichkeit gehörten nun mal Dämonen mit jeglichem Erscheinungsbild, als auch den Kräften, die sie besaßen. 

Sie erreichten eine kleine Kreuzung und entschieden sich für einen Weg, der sie zwar in die Dunkelheit der Wälder steuerte, aber nach nur wenigen Minuten über viele grüne Wiesen führte. Inzwischen war die Sonne endgültig untergegangen und der Schleier der Nacht legte sich über Schicksalshort.

Zelda spähte ab und an in die Dunkelheit, fühlte sich nicht unbedingt sehr behaglich bei dem Gedanken, dass dort in den alten Wäldern mehr lauern könnte, als einfach nur ein paar wilde Tiere.

„Wenn es dich beruhigt, ich habe eine Taschenlampe dabei“, sagte Link, der Zeldas Unbehagen fast fühlen konnte.

„So allmählich finde ich die Idee bescheuert diesen Waldspaziergang zu machen…“, murmelte sie.

„Tut mir leid, Zelda. Vielleicht hast du Recht…“, entgegnete er gedämpft. „Aber ich bin ja da und ich übernehme jegliche Verantwortung, sollte sich vor uns ein raffgieriger Dämon mit einer riesigen Axt und schweren Rüstung auftürmen.“

Zelda stupste ihn mit ihren Ellenbogen an den Arm. „Beschrei’ es nicht noch…“, sagte sie leise. Aber Link schien diese Warnung nicht ernst zu nehmen und lachte ein wenig zu laut auf.

„Sei doch leiser, Link“, meinte Zelda und kam sich immer hilfloser in seiner Gesellschaft vor. Fehlte ihm vielleicht irgendein Gen, welches für Angstempfindungen zuständig war? Oder arbeitete ein Teil seines Cortexes verkehrt?

„Ach Zelda…“, sagte er und legte kurz einen Arm um ihre Schulter. „Nimm’s doch nicht so schwer. Du wirst sehen, es gibt hier nichts, vor dem man Angst haben muss.“ Sie wollte ihm wirklich glauben, aber bei seinem merkwürdigen Abenteuersinn, war das eine unlösbare Aufgabe…

Sie folgten weiter dem Weg, welcher in der Dunkelheit nur noch schwer zu erkennen war. Link holte seine kleine Taschenlampe aus der Hosentasche, als ihm einfiel, dass er blöderweise, die leeren Batterien nicht gewechselt hatte… Plötzlich ein eigensinniges Rascheln aus dem Unterholz und Zelda machte einen großen Satz vorwärts, begleitet von mehr Unbehagen als zuvor. Ungewollt krallten sich ihre Finger in Links Hand fest. Er sagte nichts, und ließ ihre Hand dort, wo sie war: in seiner. In gewisser Hinsicht, war dieses Gefühl für ihn sogar sehr angenehm…

„Können wir vielleicht ein wenig schneller laufen?“

„Wenn es dich beruhigt…“, sagte er.

Es dauerte nicht lange und die beiden traten aus der Finsternis des Waldes hinaus. Zelda atmete tief ein und aus, als sie die grünen Wiesen entdeckte, von denen Link vorhin gesprochen hatte. Einen abgetrampelten Weg entlang laufend, löste sich Zeldas Unbehagen in Luft auf. Der Mond strahlte am Himmel und warf sein kühles Licht besinnlich über die weiten Wiesen. Die junge Lady blieb stehen, nahm mehr von diesem Bild auf und schaute lächelnd über die weite Landschaft. Ihr Blick wanderte zu einem Tal, welches umgeben von einem schützenden Ring aus Bergen, eingehüllt in Nebel, von dem Mondlicht abgeschirmt wurde. Sie breitete ihre Arme aus und genoss die unendliche Natürlichkeit, die rufende Freiheit und spürte in sich den Wunsch nach einer Herausforderung.

Sie drehte sich lächelnd zu Link um, der ebenso einen schwachen fröhlichen Ausdruck auf dem Gesicht hatte. „Ich dachte mir, du würdest diesen Ort lieben, Zelda“, meinte er und trat noch einen Schritt näher zu ihr heran.

„Hast du mich deshalb durch diese unerträgliche Dunkelheit geschleppt?“, sagte sie erheitert.

„Jep.“

„Ich muss sagen, es hat sich durchaus gelohnt.“ Und ihr verträumter Blick verlor sich an dem dunklen Nachthimmel, wo Sterne wie kleine Funken glitzerten. „Danke, Link. Du ahnst nicht, wie viel mir ein solches Bild bedeutet.“, flüsterte sie.

Link sah ein wunderbares Funkeln in ihren Augen, ein Licht, welches vielleicht den Schatten darüber ein wenig verblassen lassen könnte. Nach einigen Minuten, in denen sie sich stillschweigend anstarrten, gingen sie weiter, bis sie schließlich wieder an einem Waldrand entlang tapsten.

Zelda suchte erneut Links Hand, was er himmlisch fand, und blickte ehrfürchtig über die in Dunkelheit gehaltene Welt. „Link.“

„Mmh?“

„Du bist ein wundervoller Mensch, weißt du das?“

„Jep, vor allem, weil du das jetzt zum zehnten Mal sagst.“

Sie lachte leise auf: „Ja, ich weiß, aber dir kann man das nicht oft genug sagen.“

Auch Link gab ein fröhliches Lachen von sich. „Seitdem du da bist, da…“, fing er an und lächelte ihr entgegen. Auch, wenn sie in dieser Nacht nicht viel von seinem Gesichtsausdruck sehen konnte. „… es geht mir besser.“

„Ich weiß…“, sagte sie überlegen und folgte wieder dem Weg.

Von weiten sahen sie die ersten Lichter der Stadt Schicksalshort. Schweigsam liefen sie nebeneinander, erfreuten sich an der frischen Luft und den Geräuschen der Tiere in der Nacht. Schließlich brach Zelda die Stille zwischen ihnen mit einem lauten Gähnen.

„Schon müde?“

„Ja, so ein Spaziergang macht eben schläfrig…“

„Wir sind ja bald daheim. Siehst du dort hinten den großen Komplex?“ Und Links Zeigefinger wanderte zu einem unbeleuchteten Ort ein wenig entfernt von den ersten Lichtern. „Das ist unser Friedhof. Wenn wir dort lang laufen, sind wir schneller in der Straße der Erinnerung, als wenn wir erst nach Osten laufen und dann durch die ganze Stadt watscheln.“

„Ein Friedhof?“, sagte Zelda, bemüht die daraus resultierende Furcht zu unterdrücken.„Was machst du mit mir? So etwas wie Schocktherapie?“, meinte sie spaßhaft.

„Nun ja, du musst dich wohl an Schocks gewöhnen, wenn du in meiner Gegenwart bist.“ Und Link dachte an so einige seltsame Geschehnisse der letzten Wochen, die vielleicht ein anderer nicht so gut weggesteckt hätte wie er…

„Dass du so gefährlich bist, hätte ich nicht vermutet…“

„Es gibt vieles an mir, was niemand vermuten würde…“

„Vielleicht macht dich das zum Anziehungspunkt in der Umgebung“, murmelte sie und blickte entschieden weg.

„Zu einem gefährlichen Anziehungspunkt, nicht wahr, Zelda?“, nuschelte er gedämpft in ihr Ohr, sich der Tatsache bewusst, wie viel Spaß es ihm machte, sich bei Zelda auf Glatteis zu begeben… 

„Also gut, du hast mich überzeugt. Gehen wir am Friedhof vorbei. Aber, du musst mir versprechen, dass wir dort nicht verweilen werden.“ Link grinste und sagte nichts dazu, als wollte er nicht auf dieses Versprechen eingehen.

Der Mond verschwand gebändigt hinter dichten Wolken, die das letzte Licht über den Wiesen in Schwärze verwandelten. Sie näherten sich mit jedem Schritt mehr dem alten Friedhof Schicksalshorts, der von einem hohen Eisenzaun umgeben war. Viele hohe Laubbäume standen in dem Inneren von der Außenwelt abgeschnittenem Komplex und eine alte Friedhofshalle, wo immer noch Beerdigungen stattfanden. Der Weg führte nah an der hohen Umzäunung vorbei und manche erzählten sich, dass, wenn sie hier entlang wandelten, die Stimmen der Toten flüsterten, als sollte sie jemand aus ihren Gefängnis befreien.

Link nahm nun bewusst Zeldas Hand in seine, denn selbst jemand wie er, hatte an Orten des Todes immer noch Ehrfurcht. Und es war ihm lieber, seinen Schützling nah bei sich zu wissen…

Plötzlich hielt Zelda an und zeigte mit ihrer freien Hand auf das Innere des Friedhofs. Ein Licht drang von dort innen heraus. „Was mag das sein?“, nuschelte sie einem überraschten Link zu, der das Licht ebenso bemerkte. Es war dem Licht einer Fackel sehr ähnlich, sah nicht aus wie ein kleines Licht einer Kerze oder einer Taschenlampe.

„Keine Ahnung, aber ich werde es herausfinden.“

Zeldas Augen weiteten sich. Tickte er jetzt völlig aus? Abrupt ließ er Zeldas Hand los und marschierte auf die Umwallung zu und kletterte daran hinauf.

„Rühr’ dich nicht vom Fleck, ich bin gleich wieder da.“

Mit einem zweifelnden Nicken lehnte sich Zelda an die Mauer und blickte nervös von einer Ecke in die andere, während Link der Sache auf den Grund ging. Langsam schlich er zwischen alten Bäumen in die Nähe des kleinen Feuers, schaute ab und an zurück und konnte Zelda in der Dunkelheit nicht mehr ausmachen. Einerseits wollte er herausfinden, was dort im Gange war, andererseits wollte er sie nicht unbedingt alleine lassen. ,Aber was sollte schon passieren‘, redete er sich ein. Seine Schritte wurden schneller, das merkwürdige Licht kam näher. Der junge Mann mit dem grünen Basecap versteckte sich hinter einer dickstämmigen Eiche und schaute mit seinen Augen knapp neben der Rinde vorbei, entdeckte eine niedergebeugte Gestalt umzingelt von Gräbern. Jene Gestalt hatte tatsächlich eine Fackel in der Hand und murmelte etwas vor sich hin, eine Art Fluchen… Die rätselhafte Person stellte die brennende Fackel direkt neben sich ab und setzte sich auf das tote Gras hier auf dem Friedhof. Link schlich unbemerkt noch ein Stück näher und betrachtete sich jene Gestalt genauer. Es war ein Mann, sah in etwa so aus wie ein Mönch, denn er trug eine dunkelbraune Kutte und hatte eine Halbglatze, umgeben von ein paar letzten grauen Haaren. Link kannte den Typen nicht, hatte die Gestalt auch sonst noch nirgendwo gesehen und ein mulmiges Gefühl beschlich ihn. Der Kerl wirkte aus irgendeinem Grund nicht so harmlos, wie das Erscheinungsbild eines Mönches sein sollte. Nein, etwas Bedrohliches ging von ihm aus, etwas, was Link dennoch sehr vertraut erschien. Erschreckend vertraut. Die Gestalt grub in der Erde herum, als suchte sich nach etwas, oder als schaufelte sie sich ihr eigenes Grab.

„Dem törichten… immer dem törichten Drokon…“, entkam es der Person in einer übernatürlich kratzigen Stimme, wie das Reiben zweier Schiefertafeln aneinander. „Diene dem Meister…“, schleimte er vor sich hin, und schlug dann mit der Faust auf den wehrlosen Erdboden ein. „Böser Lord… immer strafst du den armen Drokon, der nichts schafft, der doch dem Herrn immer treu, so treu, bemüht treu zu sein. Alle Energien… mit der er in diese Welt gelangen konnte… alles tut der arme Drokon… schafft die Verseuchung mit den bösen Energien um das Gleichgewicht zu stören… und doch… bestraft er ihn… so jämmerlich…“

Link hörte gespannt zu, konnte das verrückte Faseln dieses Kerls nicht verstehen. Aber irgendetwas ließ Link nicht los, als müsste er jenen Worten lauschen, um seiner selbst willen… um Zeldas willen.

„Hoho… der Lord wusste, der Lord hasste, der Lord mordete… gelangte doch in diese Welt mit denen, die noch in der verblassten gefangen sind… den wunderbaren Mächtigen…“ Dann fing die Gestalt krankhaft an zu lachen und schnalzte mit den Fingern. „Und der böse Lord… straft immer den armen Drokon…“, wimmerte die Gestalt nun. Aber Mitleid konnte Link nicht empfinden. Vielleicht Abscheu, oder Antipathie, aber niemals Mitleid oder etwas Ähnliches.

Mit einem Schlag legten sich zwei Hände über Links Mund. Das Herz in seiner Brust blieb fast stehen und mit Schock in den Augen drehte er sich um. Eine bekannte Gestalt befand sich vor ihm. Ja, Link kannte dieses Typen. Es war Josh, einer der Zwillinge aus der Oberstufe. Er führte seinen Zeigefinger zu seinen Lippen und Link verstand. Josh hatte wohl zufälligerweise ebenso auf dem Friedhof herumgelungert- mit der Betonung auf zufälligerweise…

Plötzlich ein Knacken von Joshs Schuhwerk und die merkwürdige Person zischte: „Wer stört die Stunde des Meisters? Wer stört den armen Drokon, wenn er doch der Stunde des Meisters dienen muss?“ Drokon stand auf und ein Glühen kam aus seinen kleinen Augenschlitzen. Er sah genau in die Richtung, wo Link und Josh standen und hämmerte mit seiner unechten, quietschenden Stimme: „Der Lord tötet, wer ihm im Weg steht! Der Lord mordet… haha.“ Seine Worte endeten in einem kranken Gelächter und mit knackenden Gelenken lief er auf Link und Josh zu.

Josh wurde die Situation zu gefährlich, er wich zurück und brüllte Link entgegen: „Lauf!“ Geschwind hasteten die zwei Jugendlichen auf die Umzäunung zu, kletterte so schnell wie noch nie in ihrem Leben daran hinauf und sprangen fieberhaft auf die andere Seite. Link schaute zurück und suchte nach dem Schurken auf dem Friedhof, blieb furchtlos stehen und nutzte eine weitere seiner Ungewöhnlichkeiten, die eine oder andere Personen spüren zu können, um den Typen in der Dunkelheit ausfindig zu machen. Aber er sah nichts, fühlte nichts… 

Nach einer Weile lief er dorthin, wo Zelda sein musste und fand sie genau an derselben Stelle, wo er sie zurückgelassen hatte. Zwei weitere Personen standen neben ihr, und einer davon musste Josh sein, soweit Link das einschätzen konnte. Sie lief nervös hin und her und sagte laut: „Und wo ist Link?“

„Weiß nicht“, entgegnete Josh. „Er ist einfach stehen geblieben.“ Vermutlich hatte Josh ihr die unheimliche Geschichte sofort unter die hübsche Nase gerieben. Link trat in der Dunkelheit näher und hörte Verzweiflung aus Zeldas Stimme. Dann rief sie nach ihm, aber Josh packte sie gleich am Arm.

„Bist du verrückt? Wenn uns der Kerl hört, sind wir bestimmt fällig.“

„Das ist nicht möglich. Der Mönch ist wie vom Erdboden verschluckt“, sagte Link und trat aus der Dunkelheit zu den drei Leuten heran. Zelda trat vor ihn und gab ihm eine kleine, aber wirkungsvolle Ohrfeige.

Entgeistert sah Link in ihr besorgtes Gesicht. „Zelda?“

„Weißt du, was ich mir für Sorgen gemacht habe. Tu’ das nicht noch einmal!“, fauchte sie. Sie mied seinen Blick und sah trübsinnig hinaus auf die weiten Wiesen.

„Sorry“, entgegnete er, und sah langsam ein, wie unvernünftig er gehandelt hatte. „Josh hat dir schon alles erzählt, nehme ich an.“, meinte Link dann und betrachtete die andere Person neben Zelda. Nickend bestätigte sie seine Vermutung.

„Hendrik ist aufgetaucht, kurz nachdem du darüber klettern musstest.“ Daraufhin mischte sich der zweite Zwilling in das Gespräch.

„Link, wir haben vor etwa einer Woche hier auf dem Friedhof Brandspuren bemerkt und sind dann abends hier umher geschlichen, weil irgendetwas verdächtig war. Von unserem Wohnhaus haben wir Lichter gesehen und dann sahen wir diesen Kerl, der jeden Abend hier vor sich hin flucht.“

Ja, richtig, Link wusste, dass jenes Wohnhaus am Rande der Stadt eine gute Sicht zu den Vorgängen auf dem Friedhof gewährte. „Jeden Abend?“

„Genau“, stimmte Josh zu. „Und heute haben wir Zelda und dich in die Nähe des Friedhofs laufen sehen, da wollten wir euch warnen. Zelda kennen wir ja schon.“

Link erinnerte sich, dass Zelda ihm erzählt hatte, wie nett die beiden ihr beim Einkaufen geholfen hatten… 

„Wir wussten ja nicht, dass Zelda bei dir wohnt. Seit wann hast du denn diesen netten Gast bei dir?“

„Noch nicht lange“, sagte Link ehrlich.

„Du hast es echt gut“, erwiderte Josh mit einem Wink. „So einen netten Gast hätte ich auch gerne.“ Zelda hatte eine atemberaubende Wirkung auf die Menschen in ihrer Umgebung und auch Link wusste dies… nur gefiel es ihm ganz und gar nicht.

„Diese Friedhofssache ist echt unheimlich…“, meinte Hendrik schließlich. „Seitdem kann ich kein Auge mehr zu tun, und muss ständig darüber nachdenken.“

„Dann frage ich mich“, meinte Link mit seinem überdrehten Mut, „warum ihr jedes Mal abhaut. Stellt den Kunden doch einfach mal zur Rede.“

Josh trat näher an Link heran und sagte: „Verrückt bist du, kannst dich dem Kerl bei seinen Ritualen ja gleich anschließen, du hast ja keine Ahnung, was der schon alles gesagt und getan hat…“ Link verzog sein Gesicht und konnte nicht begreifen, warum die beiden ein solches Geheimnis daraus machten.

„Wenn wir dir das erzählen, glaubst du uns kein Wort mehr.“

„Wie auch immer, wie spät ist es eigentlich?“, fragte Link. Zelda klammerte sich an Links Arm und gähnte.

„Schon zwölf“, antwortete Hendrik. „Vielleicht sollten wir zurück in die Stadt gehen…“

Die Jungendlichen nickten nur zustimmend.

„Und was machen wir mit diesem Spinner?“, meinte Zelda.

„Auf jeden Fall nicht die Polizei rufen…“, sagte Hendrik. „Der Kunde hat nämlich vor denen nichts zu befürchten…“

Mit diesem mysteriösen Worten verschwanden die Zwillinge in entgegengesetzter Richtung von Link und Zelda. Und auch die beiden Auserwählten liefen nach Hause, bis sie schließlich ein Uhr morgens vor Links Haustür standen.

 

Link befand sich gerade in seinem Zimmer, trug bereits eine knielange, dunkelgrüne Schlafanzughose und schaute einmal wieder nach seiner Wunde. Sachte nahm er den Verband ab und überprüfte die merkwürdige Verletzung. Endlich hatte sich ein gewöhnlicher Grind über den Schrammen gebildet. Seufzend tupfte er mit seinen Fingerspitzen über die Blessuren und schloss seine Augen bei dem kurzen Schmereffekt.

In dem Moment trat Zelda in ihrem roten Pyjama in sein dunkles Zimmer, wo lediglich die Lavalampe seines Nachttisches brannte. Ihr langes golden schimmerndes Haar hatte sie zu einem Zopf verbunden und über ihre rechte Schulter gelegt.

„Hey“, murmelte sie und ihr Blick schweifte hinab zu seinem Bauch. Sie trat zu ihm und fragte: „Wie geht es dir?“

„Äh… gut“, sagte er aufrichtig.

„Möchtest du, dass ich dir einen frischen Verband umlege?“

„Das wäre lieb“, entgegnete er und ließ sich auf die Bettkante sinken. Zelda setzte sich hinter ihn und begann mit der Prozedur.

„Ist das in Ordnung?“

„Mmh“, flüsterte er sanft. „Danke.“

„Wegen vorhin…“, begann Zelda, „Entschuldige die Ohrfeige.“

„Ich denke, ich habe sie verdient“, sagte Link und drehte seinen Kopf mit einem Grinsen in ihre Richtung.

„Ich war wirklich besorgt, Link.“

„Du glaubst, was Josh und Hendrik erzählt haben, nicht wahr?“

„Sicher.“

„Ich auch, Zelda. Die beiden hätten gar keinen Grund uns anzulügen.“

„Ja, Hendrik erzählte mir, der Mönch selbst nennt sich Drokon und hätte magische Kräfte…“ Zelda hatte den Verband vollständig um Links Bauch gelegt und stand auf. Zufrieden und mit einem heiteren Gähnen ließ sie sich in den Sessel neben Links Schreibtisch sinken und streckte ihre Arme in die Luft.

Erst jetzt sah sie Links leicht fassungslosen Ausdruck in dem ansehnlichen Gesicht. „Magische Kräfte… und das sagst du so einfach?“ Zelda zuckte ratlos die Schultern. Wieder eine Selbstverständlichkeit in ihren Augen… Warum sollten Menschen nicht irgendwelche besonderen Fähigkeiten besitzen?

„Meine Güte, Zelda…“ Link war mit einem Sprung bei ihr, kniete nieder und legte seine Hände auf ihre Knie. „In dieser Welt ist es sehr unwahrscheinlich, dass jemand derartige Begabungen besitzt und diese auch noch einsetzt.“

„Ach so…“, meinte sie und rieb sich den Schlafsand aus den Augen. „Und was tun wir jetzt, nachdem wir wissen, welche mysteriösen Dinge dieser Kerl auf dem Friedhof veranstaltet?“

„Weiß nicht, aber vielleicht bringt die Zeit Antworten, Zelda.“

„Mmh vielleicht.“

Und die Zeit würde Antworten bringen, auch wenn diese dann noch mehr Fragen aufwarfen…

Plötzlich schoss ein Geistesblitz durch Links Kopf und er kramte in einer Schublade nach einem Gegenstand. Er hielt Zelda ein paar silberne, einfache, aber hübsche Ohrringe in Rosenform unter die Nase. Sie waren waldgrün und passten farblich sehr gut zu dem Ring, den Zelda die gesamte Zeit trug. Verdutzt beäugte sie ihn und dann die Ohrringe.

„Was ist damit?“

„Für dich“, sagte Link und lief ein bisschen rot an. „Heute in dem Modegeschäft, also… weißt du, ich wollte dir einfach etwas schenken“, redete er sich unsicher heraus. Sie nahm die Ohrringe in ihre rechte Hand und strahlte fast vor Freude. Ihre Augen leuchteten, als hätte sie noch nie etwas geschenkt bekommen.

„Ich habe gesehen, dass du… Löcher in deinen Ohren hast, aber nichts darin trägst und deswegen…“

„Das ist ja sehr lieb von dir“, meinte sie und warf sich ihm ohne Nachzudenken um den Hals. Die Berührung an sich dauerte nicht lange, und doch schien sie Link etwas erzählen zu wollen… Erinnerung an Sehnsucht und gestorbene Wünsche… Zelda war so warm… und sanft… und sie duftete so gut… nach etwas, was er im Augenblick nicht definieren konnte… süß und angenehm lieblich…

„Sie passen gut zu dem Ring, den du trägst…“, sprach er leise und hatte das Gefühl in der Liebkosung immer zittriger und nervöser zu werden.

„Aber das kann ich doch nicht annehmen, du hast schon viel zu viel für mich getan“, murmelte sie und löste sich verlegen aus der Umarmung.

„Keine Sorge, die waren sogar billiger als eine Packung von meinem Lieblingseis.“ Sie nickte vielsagend und hatte in Nullkommanichts das kleine Schmuckstück in den Ohrläppchen.

„So gefällst du mir besser, als ohnehin schon. Apropos Eis, hast du Appetit auf welches?“

„Willst du jetzt noch Eis essen, es ist doch schon um zwei Link“, sagte sie, als sie nachdenklich auf das Ziffernblatt seines DVD-Players schaute.

„Jep. Ich habe immer Lust auf Eis, egal wie früh oder wie spät.“

„Na gut, aber nicht zu viel, ja?“ Damit hüpfte Link aus dem Raum, kehrte mit einer vollen Ladung Eis zurück und so verbrachten sie die halbe Nacht mit Gesprächen, schauten die Wiederholung eines Horrorfilms an, den nur Zelda gruselig fand, bis sie mit einem gähnenden Gute- Nacht- Wunsch sein Zimmer verließ.

 
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