Kapitel 1.12
 

Kapitel 12: Gefahr

 

 

Am Donnerstagvormittag klingelte es überraschend an der Haustür. Link öffnete und blickte in ein paar rehbraune Augen, die ihn interessiert musterten. „Hallo Rick. Gibt’s was Neues.“

„Du Trottel, hast du etwa vergessen, dass heute Donnerstag ist.“

„Rückmeldung an den, der mich Trottel nennt, nein, hab’ ich nicht. Ist an dem Tag irgendetwas Besonderes?“

„Oh Mann, du hast wohl das Training vergessen“ Link griff sich an den Kopf und schüttelte diesen dann. „Sorry, hab’ ich wirklich.“ Donnerstags stand immer Bogenschießen auf dem Plan. Seitdem aber Zelda da war, hatte er zugegebenermaßen nur noch sie im Kopf. „Hör zu Rick, ich habe Besuch, sehr netten Besuch, ja, also wenn du entschuldigst. Ähm… das Training fängt doch erst in zwei Stunden an.“

„Du hast Besuch, wirklich, weiblichen Besuch?“ Links Wangen färbten sich stufenweise zu einem auffälligen Rot. „Ah, du redest von dem neuen Pflegekind, das Meira aufgenommen hat, oder?“ Und da verstand Link, dass Rick scheinbar nicht alles wusste. ,Mal wieder typisch für seine Mutter und Tante Lydia‘, dachte er. Die beiden Schwestern tauschten so manches Geheimnis aus, aber vergaßen in ihrem Gebrabbel oftmals, andere über Wesentliches zu informieren.

„Egal“, sagte Link. „Möchtest du nicht reinkommen?“

„Yup“, entgegnete Rick und schloss die Tür hinter sich.

Sich wundernd, was nun genau dahinter steckte, welches Mädchen bei den Braverys wohnte und vor welchem Mädchen Link ausnahmsweise mal nicht geflüchtet war und sogar bei sich zu Hause hatte wohnen lassen, trat er in den Korridor, zog seine Turnschuhe aus, auch wenn er wusste, dass seine Tante Meira nicht zugegen war. Wie oft hatte er sich wegen seinen, von ihr als teuflisch bezeichneten, dreckigen Turnschuhen Ärger eingehandelt. Also zog er sich brav die Schuhe aus und ging dann in die Wohnstube. Rick war neugierig, das war schließlich Link, der immerzu irgendwelche Geheimnisse hatte und Rick würde jetzt eines davon herausfinden. Der Fernseher lief und jemand, der seine Beine auf das Sofa gelegt davor saß, schaltete immer wieder zwischen den Sendern hin und her. Rick trat näher, verwundert, wieso er plötzlich so ein leichtes Unbehagen verspürte, ein Gefühl, als würde er den größten Popstar in wenigen Sekunden treffen. Dann blieb er stehen und sah seitlich ein unheimlich wunderschönes Mädchen dort auf der Couch sitzen. Langes blondes Haar, schlanke, atemraubende Figur. Rick verschlug es halb die Sprache und im ersten Moment hatte er völlig vergessen, dass sie wohl das besagte Pflegekind sein musste.

,Hat Link eine Freundin? Ich fass es nicht‘, dachte er sich. Und was für eine.

Sie drehte ihren Kopf zu ihm und lächelte leicht scheu. „Hallo“, sagte sie verzagt. Nur unter Aufbietung allen Mutes brachte Rick ebenso ein Hallo über die Lippen. ,Wer war sie‘, dachte er und starrte das edle, makellose Gesicht mit den feinen Zügen, der porzellanartigen Haut und den roten Lippen an, aus dem zwei blaue Augen wie Saphire hervor strahlten. „Hallo“, stotterte Rick erneut und kam sich vor, als müsste er sofort eine Verbeugung machen. Rick trat ein wenig näher, um sich zu vergewissern, dass dieses Mädchen wirklich hier war und sagte: „Ähm… ich bin Links Cousin Rick. Schön, dich kennen zu lernen.“

Sie stand auf und Rick bewunderte nun noch mehr diese Anmut, welche sie umhüllte. Sie reichte ihm die Hand und sagte mit einem Lächeln. „Man nennt mich Zelda.“

Rick musste sich daraufhin vergewissern, sich nicht verhört zu haben und grinste mit seinen rehbraunen Augen in ihr unschuldiges Gesicht. „Zelda? Das ist ja der blanke Wahnsinn.“

Sie grinste dann und entgegnete: „Es ist nicht so, wie du annimmst, Rick.“

„Schon okay. Link wird mit die Geschichte bestimmt erzählen.“ Zelda nickte daraufhin.

 

In dem Augenblick kam Link herein. Er hatte zwei Flaschen Cola unter dem Arm und durchquerte die Stube, bis er mit einem Lächeln neben Zelda stand. „Also, Rick, ich denke, ich habe dir einige Neuigkeiten zu unterbreiten.“ Die drei Jugendlichen setzten sich an den Glastisch in der Wohnstube und Link erzählte seinem besten Freund alles, was nötig war. Er erzählte ihm die ganze Geschichte, ebenso, dass sie ihr Gedächtnis verloren hatte und Zelda nicht ihr wirklicher Name war. Aber eine Sache verschwieg er ihm… nämlich die unglaubliche Tatsache, wie ähnlich Zeldas Stimme jener Stimme war, die ihn des Öfteren gerufen hatte. Nein, es war nicht nur Ähnlichkeit… es war wirklich ihre Stimme…

„Und was gedenkt ihr beide jetzt zu tun?“

„Abwarten“, sagte Link.

„Abwarten“, stimmte Zelda zu und blickte Link mit einem warmen Lächeln an. Er erwiderte diesen Gesichtszug und selbst Rick erkannte die Veränderung in Link. Wie lange war es her, dass er so gelächelt hatte. Sehr lange… Rick freute sich für ihn und dankte diesem fremden Mädchen jetzt schon für ihr Erscheinen.

Zelda hüpfte von ihrem Platz auf und holte aus einer kleinen Bar drei Gläser für die Cola. Vier Augen wanderten ihr hinterher und sie wusste das, spürte Blicke in ihrem Nacken.

„Sie ist unheimlich hübsch“, flüsterte Rick so, dass Zelda es nicht hörte.

„Ja, das ist sie…“, antwortete Link verlegen, konnte diese Tatsache jedoch nicht bestreiten.

„… hast du was mit ihr?“

Link wurde wieder ganz rot im Gesicht. Er hustete und sagte: „Nein, wie kommst du denn darauf. Sie ist mein Gast, nicht mehr.“

„Gut. Dann hab ich ja Chancen.“

„Wag’ es dir!“, sagte er lauter und weckte damit Zeldas Aufmerksamkeit. Link ballte unbewusst die Fäuste, spürte das Aufkeimen von ungeheurer Eifersucht wegen diesem Engelsgesicht und sah sie lächelnd an, als sie sich wieder an den Tisch setzte.

„Was soll sich Rick wagen?“

„Ähm… nichts von Bedeutung“, entgegnete Link und wich ihrem durchdringenden, wissenden Blick aus. Sie grinste und hatte wohl im Gegenzug jetzt seine Gedanken gelesen…

Die Jugendlichen amüsierten sich eine Weile, bis Mittag anbrach und Rick verschwand. Im Korridor flüsterte er dann Link noch eine Sache zu. „Zelda sie sieht aus wie… die Zelda aus dem Spiel, Link.“ Auch das Mädchen neben Link spitze ihre Ohren.

„Zelda ist eine Spielfigur und sie hier ist ein Mensch!“ Link wurde ungemütlich, so hatte er seinen Freund noch nie angefahren.

„Tut mir leid, Link, hast ja recht, aber…“

Link sah Zelda so an, wie er dieses vertraute Engelsgesicht lange nicht angesehen hatte.

„… Sie hat zu viel Ähnlichkeit mit ihr, nicht wahr?“ Link sah zu Boden.

Zelda meinte ruhig: „Link, es macht mir wirklich nichts aus, okay. Ich trage diesen Namen mit Ehrfurcht, Stolz und Respekt. So, jetzt lass uns essen.“

„Na gut, ich mach’ mich dann aus dem Staub. Link, kommst du dann noch zum Bogenschießen?“

„Ja, das werde ich, wenn…“

Zelda las schon wieder seine Gedanken. „Ich habe nichts dagegen. Ich kann doch mitkommen, oder nicht?“

Link lächelte ihr zu. „Wollen wir doch mal sehen, ob du gute Augen hast, hm?“ Sie nickte.

Link begleitete Rick zur Tür und trat mit ihm einige Meter auf die Straße. „Sag’ mal, du hast doch sicherlich was mit ihr?“ Rick wiederholte diese Worte bewusst, ahnend, dass mehr dahinter steckte, als Link preisgab. Er wusste, Link verheimlichte etwas Wichtiges, was mit ihr zusammenhing. Dieses Mädchen besaß nicht nur Anmut und Charme, wohl aber etwas viel Mächtigeres…

Link verleierte die Augen und stammelte vor sich hin, trat von einem Fuß auf den anderen. „Ich brauche sie…“, sagte er und ließ seinen Blick durch das Wohnstubenfenster schweifen. Nachdenklich saß Zelda dort auf einem Hocker und starrte fast traurig in den Fernseher, den sie nur eingeschaltet hatte, um sich von ihren trübsinnigen Gedanken abzulenken. „Sie sagt mir so viel… ich meine, nicht ihre Worte, sondern die Art und Weise, wie sie mit mir redet, mich ansieht und überhaupt mit mir umgeht. Es ist, als würde ich sie schon ewig kennen.“ Link lehnte sich gegen eine Straßenlampe und verschränkte seine Arme.

„Ich will dir nicht den Mut nehmen, oder deine Urteilskraft bezweifeln, aber irgendetwas stimmt hier nicht mehr. Jetzt da sie hier ist, da… habe ich einfach ein ungutes Gefühl.“

„Ich weiß… aber was soll’ ich denn deiner Meinung nach tun? Soll ich sie fortschicken und mich dann dafür ewig hassen, weil ich mir einbilde, ewig darauf gewartet zu haben, sie zu finden? Soll ich sie aus dem Haus werfen, mit der Begründung, sie bringt Gefahr in diese Stadt?“

„Nein… und doch…“

„Da ist Gefahr…“, sagte Link und lief wieder zur Haustür. Rick nickte nur.

„Und das Lustige daran ist, Rick, es ist mir egal, solange sie da ist, ist mir alles egal, die Schule, die Träume und von mir aus jedes Höllengeschöpf, das man sich vorstellen kann. Ich werde sie niemals fortschicken, ganz im Gegenteil, ich will, dass sie bleibt und ich…“ Er konnte kaum glauben, was er da sagte, aber jetzt kamen so einige Gefühle an die Oberfläche. „… ich beschütze sie, was immer auch passieren wird.“

Rick verstummte. Link kam entweder wirklich von einem anderen Stern oder er hatte einfach seinen gesamten Verstand verloren. ,Hatte es ihn denn so erwischt‘, dachte Rick.

„Rick, es war ihre… Stimme“, sagte Link leise und drehte seinem Freund den Rücken zu.

„Was?“ Geschockt sah Rick erneut zu Zelda, die wie von Sinnen in der Stube saß.

„Ja… ich weiß es einfach. Es war ihre Stimme. Sie hat nach mir gerufen, Rick und wenn ich sie nicht gehört hätte, nicht gefunden hätte, wäre sie jetzt nicht mehr am Leben.“

Link spürte Ricks Hand auf seiner Schulter. „Schicksal, Link“, meinte Rick aufmunternd.

Und der grünbemützte Jugendliche lachte kurz auf, jedoch nicht aus Spaß oder Freude… „Ja, Schicksal“, sagte Link und meinte schließlich: „Also, ich…“

„Mach’ dir keinen Kopf. Die Sache klärt sich bestimmt auf und dann wirst du lachen, wie stumpfsinnig die Gedanken sind, die wir uns hier machen. Und jetzt, würde ich sagen, heiterst du das feenhafte Wesen in der Wohnstube ein bisschen auf. Sie zieht so eine traurige Schnute.“

Link grinste. „Ja, du hast Recht. Danke Rick.“

„Nichts zu danken. Bis später“, sagte der braunhaarige Jugendliche noch und lief dann die Straße hinunter.

 

Link kam zurück in die Stube des Hauses und fand Zelda noch in der gleichen Position wie vorhin. Sie hockte im Schneidersitz auf dem weißgepolsterten Schemel und starrte ins Nichts. „Zelda…“, murmelte er. Sie sah überrascht auf, verwundert, dass sie tatsächlich auf diesen Namen hörte. „Ist mit dir alles in Ordnung?“, meinte Link zusätzlich.

Betrübt schüttelte sie ihren Kopf und suchte mit einem unbeschreiblichen sehnsüchtigen Blick seine Nähe. Er setzte sich vor den Hocker auf einen Sessel. „Rick… er hat Angst vor mir…“, sagte sie gedämpft und mit zitternder Stimme.

„Hey, das…“, fing Link an.

„Sag’ es nicht. Ich konnte es fühlen, Link. Es ist keine wirkliche Angst, nur so ein Unbehagen, welches ihm sagt, dass er mir fernbleiben sollte…“

Er legte eine Hand auf ihre Schulter und sagte: „Na und? Du hast immer noch mich. Ich habe weder Angst vor dir, noch empfinde ich Abscheu in deiner Nähe und… du bist etwas Einzigartiges, Zelda… Wir werden schon herausfinden, was hier nicht stimmt und dann wird dich Rick auch mit anderen Augen sehen können… ja? Außerdem ist er dabei dieses mulmige Gefühl zu überwinden.“

Sie nickte und lächelte leicht. „Ich danke dir. Habe ich schon erwähnt, dass du ein Schatz bist, Link?“

„Jep. Aber ich höre das gerne aus deinem Mund.“

„Du meinst, ich könnte das noch einige Male sagen?“

„Du könntest dir zusätzlich etwas ausdenken…“

„So etwas, wie: Du bist der beste Mensch dieser Welt?“

Link grinste: „Jep. Das gefällt mir.“ Er zog sie auf ihre Beine. „Aber jetzt kochen wir uns erst mal was Schönes, hm?“

Sie folgte Link in die Küche. „Wie wäre es mit etwas Gesundem zur Abwechslung?“

„Salat, Kartoffeln und Dinge in dieser Richtung?“

Zelda lächelte. „Ja, an so etwas habe ich gedacht.“

„Gut.“

„Gut.“ 

Zelda und Link aßen gemütlich zusammen, und machten sich im Anschluss auf den Weg zu der Trainingsarena in Schicksalshort.

 

Als sie in dem riesigen Gebäude, einer alten Turnhalle, ankamen, strahlte Zelda vor Aufregung. Bogenschießen war etwas, das ihr vertraut erschien, als hätte sie dies schon öfter gemacht. Und es war eine angenehme Sache, die sie beruhigte, vielleicht weil sie sich damit verteidigen konnte, oder weil es für sie irgendwie entspannend war.

Viele Menschen, alte und junge, waren hier und spannten die Bögen. Sie beobachtete jene Menschen mit den heiteren Gesichtern, dem fröhlichen Gelächter und dieser ausgelassenen Stimmung. Einige waren ganz gut in dem Sport, andere wiederum schafften es nicht eine geeignete Technik anzuwenden, geschweige denn die Zielscheiben zu treffen. Zelda war begeistert, das sah Link ihr an der Nasenspitze an.

Wenig später tauchte Links Cousin auf. „Hallo. Da seid ihr ja. Hol’ doch mal zwei Bögen, Waldmensch. Ich werde dieses hübsche Gesicht hier einweihen.“ Der Blondschopf sah Rick mit strengen Augen an und verschwand dann. Rick lächelte Zelda an, trotz des Unbehagens in ihrer Gegenwart, trotz des leichten Angstgefühls.

„Also, ist wirklich schön, dich kennen zu lernen.“ Die blonde Lady freute sich, dass Rick nun doch versuchte, mit ihr ins Gespräch zu kommen. Link hatte Recht, irgendwie war sein bester Freund jemand, dem man Vertrauen schenken konnte. Ein aufrichtiges Herz schlug in seiner Brust. Und er besaß angenehme, warme rehbraune Augen. 

„Link hat viel von dir erzählt“, sagte Rick leise.

„Wie bitte?“ Das war doch gar nicht möglich. Sie kannte ihn doch erst seit wenigen Tagen. Der Gedanke verunsicherte Zelda ein wenig…

„Du weißt wohl gar nichts davon, oder?“

„Nein, das musst du mir erklären.“ Indes kam Link zurück, mit zwei schönen hölzernen Standardbögen in der Hand.

„Ähm, ich erzähl’ dir das ein anderes Mal.“ Link hielt der verdutzten Zelda schweigend, aber grinsend einen Bogen unter die Nase.

„Pass genau auf“, sagte Rick. „Wir haben hier einen Profi unter uns!“ Und sein Zeigefinger wanderte zu dem grünbemützten Jugendlichen. Er stattdessen lief gemächlich auf die Schießvorrichtung zu, spannte geschmeidig den Pfeil, fühlte die Spannung in der Sehne und die Kraft dahinter, wartete noch ein wenig, und der Pfeil sauste blitzschnell auf die Mitte der Zielscheibe zu. Einige Leute beobachteten den grün gekleideten jungen Mann und waren verblüffter als Zelda es jemals sein konnte. Sie hatte von ihm nichts anderes erwartet.

Link winkte seinem Gast schließlich zu, wünschte sich, sie solle es auch einmal probieren. Sie trat neben ihren neuen Freund und hielt den Bogen mit einer geeigneten Zugkraft für sie vor sich. Zelda probierte es, grinste überwältigt von dem Gefühl dieser Kunst, und war, wie Link fand, unheimlich gut darin, so, als hätte sie früher schon den einen oder anderen Pfeil verschossen. Der Jugendliche setzte sich schließlich auf eine Bank, legte die Arme hinter seinen Kopf und beobachtete einige von den Leuten interessiert.

Eines der Gesichter kam ihm sofort bekannt vor- es war Maron. Das Mädchen, von welchem Rick so fasziniert war. ,Sie besaß eine etwas kleinere Gestalt als Zelda, war ein auffallend süßes Mädchen, und hatte eine schöne Figur‘, dachte Link. Es war lange her, da hatte sie Link ihren Prinzen genannt, weil er damals in der siebten Klasse ihre Katze vom Baum geholt hatte. Wochen später war Link regelrecht vor ihr geflohen… denn jede Begegnung mit ihr endete damit, dass sie ihn doch unbedingt bei sich zu Hause einladen wollte. Dazu hatte Link nun wirklich keine Lust gehabt. Sie war ja ganz nett, aber das, was sie von ihm wollte, konnte Link nicht erwidern. Dem Himmel sei Dank waren diese naiven Schwärmereien niemals ein Grund gewesen, sie auf Abstand zu halten und mittlerweile waren sie beste Freunde. Überhaupt… war Link in Sachen Verliebtheit und Schwärmereien nicht so leicht zu beeindrucken. Es gab zwar viele Mädchen in seinem Alter, sogar Mädchen der höheren Jahrgänge, die sich für ihn interessierten, aber Link hatte nie irgendeine Zuneigung erwidert, was seiner Mutter überhaupt nicht gefiel. Sie hatte sogar versucht ihren Sohn zu verkuppeln, musste sich aber geschlagen geben, denn auch sie wusste eine Sache nicht. Denn alles, was Link jemals für irgendjemanden empfand, gehörte zu seinem großen Geheimnis, von dem lediglich Rick, sein bester Freund, mehr oder weniger durch Zufall, erfahren hatte…

Link wurde plötzlich aus seinen Gedanken gerissen. Sorgsam sah er um sich, erblickte hier und da kichernde Leute, sah so viele, die lachten und sich an ihrem Hobby erfreuten. Zischende Pfeile gingen durch die Luft, prallten reißend in die Zielscheiben. Jubelklänge und Musik aus Lautsprechern im Hintergrund. Aber etwas war da, was sich mit den Klängen an diesem Ort nicht vereinbaren ließ. Etwas, das sich auf raschelnden Klauen näherte. Etwas Beunruhigendes. Ein ungewisses Gefühl überkam den Siebzehnjährigen, als er dem Geschehen lauschte und an einer fremden Wahrnehmung kostete, Geschmack und Lebendigkeit kostete. Etwas Kaltes legte sich auf sein Herz, packte ihn fest, ließ ihn erschauern. Er sah auf seine Hände, besonders seine linke Hand zitterte. Sie zitterte so stark, dass er sie mit der anderen Hand festhalten musste. Er fühlte eine boshafte, dunkle Energie zunehmen. Kälte. Nichts als eisige, trockene Kälte. Tiefausatmend hob Link seine Hand, die immer noch zitterte, als würde jemand sie steuern. Link atmete wieder aus und sah Nebelschwaden aus seinem Mund vor ihm aufsteigen. Die Kälte war nicht nur in seinen Gedanken, sondern bereits außerhalb, sammelte sich in der Luft, beherrschte eines der Elemente, nur um sich weitere Elemente Untertan zu machen. Link stand unsicher auf und blickte um sich. Er sah Rick, der ihm irgendetwas zurief. Doch dafür hatte er keine Zeit. Etwas sagte ihm, es blieb keine Zeit. Als ob die Zeit sich mit der dunklen Energie verbündet hätte, die sich hier herumschlich.

Link griff sich schlagartig an den Kopf. Etwas brannte in seinen Gedanken, ein unheimlicher Druck legte sich auf seinen Kopf. Da war Schmerz. Bilder aus seinen Träumen zerrten an seinem Willen, erschienen, ohne dass Link es wollte. Alpträume. Kreaturen der Dunkelheit, Blitze, Donner, Blut und pechschwarze Nacht ohne Lichtpunkte. Es tat höllisch weh, folterte das edle Blut in dem starken Körper des Kämpfers. Ein Druck in seinem Kopf, eine Fesselung, so todbringend wie die Pest. Dann glaubte er, eine widerliche Stimme spräche zu ihm. Kälte. Ein Zischen. Worte, gesprochen mit genauso viel Kälte wie sie jetzt in dem Raum zunahm.

„Diesmal wirst du sie nicht beschützen.“

Link erschauderte. Noch einmal sah er um sich, konnte aber nichts Ungewöhnliches entdecken, unterdrückte und bekämpfte jene Stimme in seinen Gedanken, mit der er doch verbunden war, ebenso wie mit Zeldas Stimme. In langsamen Schritten lief er auf seinen Gast zu. Wieder blickte er umher. Aber da war nichts.

„Diesmal wirst du sie nicht beschützen…“

Erneut dieses widerwärtige Murmeln einer tiefen, grausamen Stimme, die zu einer noch grausameren Gestalt gehörte. Link näherte sich Zelda an, wusste nun, die Gefahr ging nicht von ihr aus, sondern von jemandem, der auf der Suche nach ihr war. Jemand wollte sie… wollte ihre Macht und Einzigartigkeit… wollte etwas, was ihm kein Glauben der Erde schenken konnte.

Mit einer namenlosen Angst im Nacken blickte sich Link wieder um. Und seine Augen würden etwas erfahren, dem er in seiner jetzigen Gestalt kaum gewachsen war. Seine tiefblauen, ernsten Augen, wo ein reiner Mut verankert schien, würden gezwungen werden sich mit einer alten Wahrheit auseinanderzusetzen. Denn hier an diesem Menschen überfüllten Ort, sah er etwas, was er nicht glauben konnte. Es war so entsetzlich, das Link seinen Augen zunächst nicht trauen wollte. Er sah das Mädchen mit dem kastanienbraunen Haar, Maron, eine seiner Freunde. Wie immer spannte sie einen Bogen um ihr Ziel zu treffen. Wie immer trainierte sie hier, aber sie tat etwas, das zunächst aussah wie ein übler Scherz. Denn Maron spannte ihren Sportbogen und zielte genau auf Zelda. Für einen Sekundenbruchteil wünschte sich der junge Held, er würde träumen. ,Maron würde doch niemals einen Menschen bedrohen‘, dachte er. Nicht Maron, sie war ein tierliebes, freundliches Mädchen. Als sie aber die Sehne des Bogens straffte und die Pfeilspitze noch immer auf seinen Gast zeigte, verstand Link, dass die Situation nicht mehr lustig war. Für Link gab es jetzt nur noch ihn, Zelda und den Pfeil. Die Welt um ihn herum versank, wie die Sonne am Abendhimmel. Sein Schrei schallte durch den Raum. Er hoffte mit aller Sehnsucht, dass sein Ruf sie noch erreichte: „Zelda, lauf’ weg. Zelda!“

Einige Personen drehten ihre Köpfe zu der Stimme, die jene Worte erschuf. Aber Link reagierte nicht auf sie, nur Zeldas Wohlbefinden war jetzt noch wichtig. Erneut ein Schrei aus Links Kehle und auch sein Gast schaute sich zu ihm um. Und noch ehe der Ruf verklungen war, seine markante Kämpferstimme schwieg, rannte er bereits so schnell ihn seine Beine tragen konnten. Er sah den Pfeil, sah wie jener mit hoher Geschwindigkeit auf Zelda zuschoss. In Millisekunden wandelte sich der Blick seines Schützlings, als sie die Gefahr realisierte… Mit Entsetzen sah sie das todbringende Metall, mörderisch auf sie zusteuernd, todessehnsüchtig…

Link sprang geistesgegenwärtig, fieberte mit eigener Angst vor dem, was Zelda zustoßen könnte. Mit einem lauten Schlag riss der Held seinen Schützling zu Boden, spürte einen heftigen Aufprall, und wusste doch, dass er richtig gehandelt hatte. Denn der Pfeil sauste über ihre Köpfe hinweg und bohrte sich mörderisch, mit einem unerwarteten Zischen, in die Wand. Schützend lag Link neben dem Mädchen aus seinen Wünschen und hörte nur sein eigenes aufgeregtes Atmen. Er lächelte sie erleichtert an, träumte in diesen himmelblauen Augen für Sekundenbruchteile und erkannte, dass er sterben würde um sie zu beschützen… Keuchend richtete er sich auf, zog Zelda hastig auf die Beine und fixierte mit scharfen Blicken den Gegner…

Einige hatten dem Geschehen fassungslos zugesehen, begriffen nicht und blickten überrascht zu Maron. Zu unwirklich war die Situation und das, was die Schülerin versuchte. Doch sie spannte erneut einen Pfeil und schien nicht mehr bei Sinnen zu sein.

„Maron, komm’ zu dir“, rief Link und stellte sich schützend vor Zelda. „Du weißt nicht, was du tust! Hör‘ auf damit!“

Doch die Verfluchte begann nur abartig zu kichern und spannte weiterhin den Bogen mit Mordgier, Hass und hinterhältiger Feindseligkeit. Sie lachte und ließ den Pfeil los. Das Geschoss raste direkt auf Link zu, verfehlte nur knapp sein rechtes Ohr und landete in einer Wand. Plötzlich ging der Pfeil in Flammen auf. Einige Leute kreischten, waren verblüfft über die Flammen, die wie ein Zaubertrick das vergnügliche, gewohnte Training in der Arena anheizte, und sahen sich an, als wäre dies alles nur ein Spiel.

Die Menschen begriffen erst in dem Augenblick, wie ernst die Situation war, als Maron weitere Pfeile in alle Richtungen abfeuerte. Und es war dann, dass dutzende Feuerstellen entstanden. Gegenstände begannen in Flammen aufzugehen. Holzwände glühten und Eisen zerschmolz unter einem Hitzegewitter, das die Trainingsarena veränderte. Rauchwolken begannen in dem Gebäude zu tanzen. Kinder hasteten mit ihren Eltern aus der Halle. Schüler ließen alles stehen und liegen und rannten aus dem hohen Eingangstor. Wenige versuchten die Flammen unter Kontrolle zu bringen, aber nicht eine der Flammen ließ sich löschen. Das Feuer in der Halle vermehrte sich rasch, und doch wusste niemand, wie jenes entstehen konnte… und Marons Gelächter schallte in dem Raum umher. Ein wildes Angstgeschrei zerriss endlich die Luft und fast jeder rannte in Windeseile aus der Halle.

Nur Link und Zelda würden nicht weglaufen. Denn das, was dabei war zu geschehen, passierte ihretwegen. Aus Rache und Blutdurst. Link ergriff den Bogen, den er selbst benutzt hatte, nahm seinen Schützling an der Hand und schleifte sie hinter sich her. Er zerrte sie aufgelöst hinter eine Bar, suchte Schutz, ahnte, dass er kämpfen müsste so wie in seinen Träumen…

Vorsichtig blickte der mutige Blondschopf über die Tischkante, sah die letzten Menschen aus dem Gebäude hetzen, auch Rick war unter ihnen und warf noch einen letzten verzweifelten Blick zu Maron. Das Mädchen, das er mochte. Das Mädchen, das ein reines Herz besaß, mit Tieren sprach und die Natur liebte, hatte den Verstand verloren, metzelte sich durch das Gebäude, verunstaltete nach Belieben, lachte wahnhaft und rief nach Link und Zelda…

Einmal mehr lugte Link über die Tischkante, als die glühenden Augen Marons seine tiefblauen kreuzten. ,Erneut ein Glühen‘, dachte Link. Hatte er sich die glühenden Augen seines Onkels im Polizeirevier und die glühenden Auen des Kindes am See in den Wäldern tatsächlich nicht eingebildet? Er zweifelte, denn einmal mehr zerstückelte ein Geschehnis, das die Vorstellungskraft sprengte, die Realität, die er für echt und vertraut hielt…

„Link, bei den Göttern, was…“, fieberte das blonde Mädchen in seiner Nähe. Zelda stand unter Schock, krallte sich mit ihren kalten Händen an seine Arme, sah verweint und erinnernd aus. Ihre himmelblauen Augen standen starr und erzählten doch mit grausamer Wahrheit, wie vertraut dieses Ereignis war. Zitternd lehnte sie an der Theke, atmete hastig angesichts der Rauchwolken, die immer wilder im Raum umher tanzten.

„Verdammt!“ Link keuchte, spürte das Beißen des Rauchs, schwefelartig, bitter und gallig.  „Was sollen wir nur tun, ich kann sie doch nicht umbringen.“ Link schaute auf den Bogen in seinen Händen und dann in Zeldas verängstigtes Gesicht.

„Kommt raus, ihr Narren.“ Marons Stimme klang unheimlich tief. War sie besessen? War sie ein Spielzeug von etwas, das sich Link in seinen dunkelsten Illusionen nicht vorstellen konnte? „Kommt raus, ihr, wo ich nur lebe für euch… Ihr seid mein Band in diese Welt.“ Sie kreischte, begann zu wüten, schoss Pfeile in alle Richtungen.

„Wir müssen irgendwie hier rauskommen, das heißt, du musst hier unbedingt herauskommen“, sprach Link leise und zweifelnd. Seine Augen schillerten mit einem Trübsinn, den das blonde Mädchen darin noch nie erblickt hatte… da lagen Rechtschaffenheit, Pflichtgefühl… und Liebe für die eine gerechte Sache. „Ich will, dass du zum Ausgang rennst, wenn ich sage jetzt, okay?“

Zelda schüttelte selbstquälerisch den hübschen Kopf. „Ich kann nicht. Nicht ohne dich.“

Link kniff seine Augen zusammen und fuhr sie an: „Das hast du jetzt nicht zu entscheiden. Du verschwindest hier, sagte ich!“ Dann setzte er leise hinzu. „Ich will nicht, dass dir irgendetwas zustößt.“ Zelda stiegen brennende Tränen in die Augen. „Also. Wenn ich sage, Jetzt!“ Link sprang auf und sah, wie Maron, oder der Dämon, der sie beherrschte mit einer einfachen Handbewegung einige Tische umwarf. Das war nicht mehr Maron. Das war ein Monster!

Als das Wesen Link im Visier hatte, nahm es den Bogen und spannte. Doch Link war schneller. „Jetzt“, rief er und feuerte einen Pfeil ab, welcher den Bogen in der Hand des Mädchens traf und ihre Waffe meterweit weggeschleudert wurde. Gerade da stieß Link seinen Schützling in Richtung des Ausgangs, sah noch wie Zelda den Ausgang erreichte und ihm ein verzweifeltes Gesicht zuwarf. Dann war sie sicher, befreit von einem Anblick aus alter Zeit und beschützt vor dem, was kam. Die Last das Böse kennenzulernen trug der Heroe nun alleine und er trug sie mit Stolz und Tapferkeit… 

Inmitten des Feuers erhob sich der Heroe. Rauchfetzen tanzten um seine schlanke Gestalt, nährten sich von seiner Energie und flohen doch vor seiner Furchtlosigkeit. Mit standhaftem Blick trat er näher, seine Schritte stark und fest, bis er das verfluchte Mädchen, schön war sie mit ihrem kastanienbraunem Haar, inmitten der Flammen entdecken konnte. Es war illusorisch hier zu stehen, im Angesicht eines Feindes und eines Wahnsinns, der die Welt verändern wollte. Und dennoch war es der einzige Weg…

„Maron!“ Links tosender Ruf hallte durch die Halle. Er würde hier nicht herausgehen ohne das Mädchen zu retten. Er würde Maron von diesem Schwein befreien, das ihr Herz verflucht hatte. „Maron, ich bin hier. Ich werde nicht ohne dich gehen!“ Mit starkem Vertrauen an das Gute appellierte Link an den Menschen, der sie doch war, an das Gute, reine Herz, das in ihrem Körper schlug.

Gerade da schickte das Mädchen, verändert von dem wahren Gesicht des Bösen, manipuliert Folge zu leisten, scharfe, beißende Blicke in Links Richtung. Sie lachte, hob beide Arme in die Höhe und schrie grausam und todbringend. „Maron ist nicht mehr hier, kleine Made. Meine Macht tritt an die Stelle von schwachen Seelen… meine Macht und Königlichkeit überdauern die Zeit… närrischer Held!“

„Wer bist du?“, sprach der Heroe todesmutig, ließ sich nicht einschüchtern, aber zweifelte dennoch an dem, was hier geschah. Maron war besessen von einer abartigen, dunklen Energie… einem namenlosen Grauen, mit dem der grünbemützte Jugendliche zu reden begann.

Die Kreatur ihm gegenüber lachte markerschütternd. Marons langes braunes Haar stand in alle Himmelsrichtungen, als sie den jungen Mann fixierte. „Wer ich bin?“, donnerte ihre nunmehr nicht erkennbare Stimme durch den Raum. Ihre Stimmbänder vibrierten unecht, erschufen Laute, die an das Ende der Welt geknüpft schienen… eine Stimme, selbstherrlich und krank. „Du hast mir mein Schicksal genommen und weißt nicht, wen du vor dir hast“, zischte es weiterhin. 

„Schicksal!“, rief Link abwertend und machte seinen Boden einsatzbereit. Lässig spannte er den Pfeil, nicht sicher, ob er das wahnsinnige Mädchen vor sich tatsächlich angreifen sollte. Wenn nichts anderes half, entschied er, würde er sie in den Arm oder in das Bein schießen müssen… er musste sie befreien aus diesem Bann und sich selbst vor einem Angriff bewahren. Schweißperlen glitten in die tiefblauen Augen des Heroen, der sein Gesicht angesichts dieser Gedanken verzog. Er konnte Maron doch nicht verletzen! Diese Gedanken ergaben keinen Sinn!

„Du redest von Schicksal!“, brüllte der Jugendliche. „Jämmerliche Kreatur, die unschuldige Menschen befällt. Was maßt du dir an dich so aufzuspielen. Du bist ein feiges Monster!“

Marons Augen glühten in einem gelben Spektakel und einmal mehr donnerte ihre entstellte Stimme nieder: „Dein freches Mundwerk scheinst du nicht verloren zu haben… Kämpf‘ ruhig, Held… kämpf‘ ruhig… für deine lächerliche Bestimmung, den Wahnwitz… und unterschätze das Schicksal, das mir zuteilwerden wird…“

Link starrte gelassen in die nun schwarzen Augen dieses Ungetüms, welches Marons Körper benutzte. „Wenn du ein Schicksal hättest, würdest du nicht andere deine Rachegelüste für dich ausführen lassen. Du bist eine feige Kreatur, schwach und dumm!“

„Du unverschämter, kleiner Held. Du weißt ja nicht, wer dir gegenübersteht und du ahnst nichts von dem, was du einmal gewesen bist.“

Link schüttelte seinen Kopf, wollte sich durch diese Worte nicht verunsichern lassen. „So, aber du Scheusal, weißt das ja… dann weißt du auch, dass ich nicht zulasse, was du mit den Menschen dieser Stadt anstellst!“ Wie ein Richter trat der Held näher, ließ sich von den tanzenden Flammen und der Grausamkeit seines Gegners nicht beeindrucken. „Ich schwöre, so wahr ich hier stehe, ich werde dich aufhalten!“

Die Kreatur lachte hämisch, grausam, dass jenes Lachen Link plötzlich lähmte wie Ketten, die man um seinen ganzen Körper gelegt hatte. Die Dunkelheit in dem Raum nahm zu. Es wirkte beinahe, als zerrten rauchige Gewitterwolken die Trainingshalle in ein düsteres Loch, welches jegliches Licht absorbierte. Es wurde immer entseelter, hier, wo vergessene Helden und niemals endendes Böses sich gegenüberstanden. Es wurde dunkel, und nur die erbarmungslose Hitze des Feuers fraß sich durch die Dunkelheit. Und gerade da, bestialisch, wie in einem Film, knallte der verfluchte Mädchenkörper nieder und aus ihr schlüpfte ein riesiger, eisiger Schatten, lief über den kalten Boden und bäumte sich vor Link auf. Der Schüler stand mit einem Schlag wie unter Schock, denn alles, was er jemals in den Träumen erfahren hatte, alles, was er über sich in dieser Realität wusste, zerbrach in dieser Sekunde. Und er wusste, dies war keine seiner Halluzinationen, keiner seiner Tagträume. Der Schatten vor ihm, glühend und grausam, war Realität… und mörderisch stark. Wie zu Stein erstarrt wurzelte Links Körper vor seinem Gegner und auch der Bogen fiel klirrend aus seiner Linken. Noch ehe der junge Mann verstand, zielte das Ungetüm mit einem Energieball, rötlich leuchtend und rauschend, auf den Helden, der nicht so schnell verstehen, reagieren oder auch ausweichen konnte und nur schützend seine Hände vor das Gesicht schlug und an die Wand gestoßen wurde. Link schrie auf, fühlte den Aufprall von feuerartigen Wurfgeschossen, spürte einen unangenehmen Schmerz in seinem Rücken und reißende Brandwunden an seinen Händen.

„Du vergessener Held… alles, was du wolltest… alles, was du hofftest… ist nur ein Lügengebilde, erschaffen von deiner jämmerlichen Prinzessin. Woher nimmst du nur das Vertrauen in sie… wo sie dich nur enttäuschen kann… Leide… so wie ich leiden musste und du wirst verstehen…“ Damit kroch der Schatten die Wände entlang, immer schneller, bis er durch das Feuer und den Rauch nicht mehr sichtbar war, und dann endlich verschwand er lachend unter der Türschwelle.

„Ich werde euch irgendwann beide finden und solange quälen, bis ihr vor Verzweiflung und Angst lieber sterben würdet. Ich bin nur hier wegen euch! Wir sind verbunden… über die Welten hinaus…“, zischte es noch, zischte es wie in einer unter Druck stehenden Flasche, die geöffnet wurde und übersprudelte. Und wie ein Ventil, das zerplatzte, verschwand das Böse aus der großen Halle. Marons Körper jedoch lag wehrlos auf dem Boden, wie ein Stück Bekleidung, das man weggeworfen hatte.

Und Link… begreifend und entschlossen, aber auch schwermütig, stand er dort, als sich das Feuer verdichtete. Seine verletzten Hände ballten sich zu Fäusten und ein messerscharfer Blick glitt zu dem Bereich, wo der Schatten sich zuletzt aufgehalten hatte. Ein alter Teil seiner Seele murmelte. „Niemand wird leiden… außer dir… alter, kranker Mann…“ Und dann sackte er auf seine Knie, atmete schwer und warf einen erschöpften Blick zu dem bewusstlosen Körper von Maron. Er blinzelte, wollte nur noch weg hier und hatte seit langem das Gefühl, dass er tun konnte, was er wollte, er würde niemals so glücklich leben können wie andere. Dieses Böse, dieser Schatten, musste für alles Übel verantwortlich sein, welches auf ihn herabgefallen war. Er rappelte sich auf, als er außerhalb die Sirenen der Feuerwehr hören konnte.

 

Link kam mit der bewusstlosen Maron auf seinen Armen aus der Halle und sah einige Leute um das Gebäude stehen. Polizeiwagen kamen herangefahren, sogar die Feuerwehr wurde allarmiert. Link suchte augenblicklich nach Zelda, und fand sie direkt neben seinem Cousin, mit dem sie sich aufgeregt unterhielt. Sie weinte… Als sie Link erblickte, dem Maron von einem Polizisten abgenommen wurde, und der so blass aussah wie eine Leiche, rannte sie ohne zu zögern auf ihn zu. Sie wollte ihm um den Hals fallen. Doch Link war unfähig jetzt irgendetwas zu fühlen. Er wies sie ab, sagte kein Wort, nicht einmal, als Zelda entgeistert auf seine mit Brandwunden bedeckten Hände starrte.

Einige Polizisten und Feuerwehrleute rannten in das Gebäude. Auch das Feuer wurde gelöscht. Link war mit seinen Nerven total am Ende, er hatte so die Schnauze voll, von irgendwelchen unsinnigen, schmerzenden Erfahrungen… es war genug. Und weil er schwieg, weil es ihm reichte, sagte er auch nichts zu der Rettungssanitäterin, die ihn ohne Weiteres zu dem Krankenwagen schob. Lethargisch saß er auf eine Pritsche, als ein anderer Sanitäter sich seine aufgeplatzten Hände betrachtete. Seine tiefblauen Augen starrten haltlos ins Leere, wirkten beinah zornig und gefährlich. Auch Zelda, die durcheinander neben ihm stand und eine Hand auf seine Schuler legte, wusste nicht, was mit ihm los war, wie sie reagieren sollte. Er hatte sich noch nie so abwesend verhalten, und sein Blick ließ sie nervös werden.

Maron wurde in den Krankenwagen geschoben, wachte einfach nicht auf und wurde von mehreren Pflegern umsorgt. Rick sah kurz nach seinem Cousin, und auch er stand völlig neben sich, hatte Tränen in den Augen und schien unsicher, was Links Blick bedeuten mochte. Er unterhielt sich kurz mit Zelda, spürte ihre Ratlosigkeit und entschied sich, Maron ins Krankenhaus zu begleiten. 

Link schwieg während der gesamten Fahrt ins Präsidium, wo sein Onkel Dienst hatte. Aber die Befragung auf dem Polizeirevier brachte nichts, denn Link war im Moment nur teilweise ansprechbar. Mit wenigen Worten tat Link die Sache in der Bogenschießhalle ab, erzählte kaum etwas, und wenn dann nicht die Wahrheit, und zumeist ließ er sich von seinem Onkel alles aus der Nase ziehen. Auch die wissbegierigen Reporter konnten dem Jugendlichen keine Informationen entlocken. Weitere ärztliche Hilfe schlug er aus und so traten Link und Zelda mit hängenden Schultern aus dem Gebäude des Präsidiums hinaus. In Link herrschte reinstes Gefühlschaos mit hinterhältiger Verwirrtheit gemischt. So durcheinander, wie er sich im Augenblick fühlte, so hatte er noch nie empfunden, nicht bei dem Rufen jener Stimme, nicht bei dem Erscheinen des merkwürdigen Kerls in der unbeleuchteten Gasse und auch nicht, als irgendetwas ihm diese Wunden zufügte… Er wusste nur, dass etwas geschehen würde, dem er momentan kaum gewachsen war und dem er auch nicht ausweichen konnte. Weglaufen… feige davon rennen… gab es für ihn nicht.

„Link. Komm’ lass uns heim gehen“, sprach Zelda bestimmend. „Du musst nicht reden…“, setzte sie hinzu und drängte ihn nach draußen, wo mittlerweile die Sonne unterging. Zelda schleifte ihn hinter sich her, blickte beinah ängstlich in seine tiefblauen Augen, wo Stolz und Kampfbereitschaft lagen, etwas, das sie von dem jungen, fürsorglichen Mann, den sie vor wenigen Tagen kennengelernt hatte, überhaupt nicht kannte. Er sagte die ganze Zeit kein Wort, auch nicht, als sie endlich in das Haus eintraten. Link war gar nicht mehr bei Sinnen.

Als Zelda mit dem Verbandskasten ins Wohnzimmer trat, mit dem Wunsch seine Hände neu zu verbinden, starrte er nur in ihre himmelblauen Augen. Zelda konnte diesen Blick nicht definieren. Link machte keine Anstalten, dass ihm irgendetwas weh tat, nicht einmal die aufgeschürften Hände. Selbst als sie niederkniete und seine Hände verband, reagierte Link nicht so wie sie ihn kennen gelernt hatte. Sein Zustand schien eine Art Trance oder Wachschlaf zu sein.

„Link, so sag doch was.“ Aber er sah sie nur an, gerade so, als wäre er nicht hier und auch nicht an einem anderen Ort. Da war ein trübsinniger, und doch hoffnungsvoller Blick in diesem kühlen und doch sanften Tiefblau. ,Faszinierend‘, dachte sie. Wunderschön… Sie ertrank beinahe an diesem Blick, legte ihre zarten Hände auf seine Wangen und murmelte noch einmal eindringlich seinen Namen. „Link…“ Sie wusste nicht, was sie tun sollte um ihn aus diesem Schock zu reißen, aber war er wirklich unter Schock? Es kam ihr beinahe so vor, als brach etwas Altes und Starkes durch seine Gedanken, etwas, das sie vermisst hatte und auf eine Weise auf sie wirkte, was ihr niemals geheuer war. Es brachte ihr ganzes Gleichgewicht durcheinander.

Sie räusperte sich, murmelte erneut seinen Namen und sah etwas verzweifelter in seine Augen. Was war in der Bogensporthalle nur geschehen? Link sah aus, als hätte er dem Tod ins Antlitz geblickt, als hätte er alles, was er über sich wusste, mit einem Schlag verloren.

„Link“, Zeldas Stimme wurde lauter und stimmgewaltiger als vorher, denn ihre Sorge um ihn nahm zu. Aber Link tat so, als hörte er sie nicht, er schwieg, blickte sie durchdringend an, und packte ihre Hände. Er wollte ja etwas sagen, aber er wusste überhaupt nicht, wo er anfangen sollte. Es war so viel in der Trainingshalle vorgefallen, dass Link selbst nicht einmal wusste, ob er wirklich dabei war. All das vor wenigen Minuten erschien so unwirklich, so unbegreiflich und irgendwie absurd.

„Bitte rede mit mir…“, sprach sie leise. „Du machst mir Angst damit…“ Dann ließ er ihre Hände wieder los, erhob sich und blieb mit geballten Fäusten am großen Terassenfenster der Wohnstube stehen. Wie hypnotisiert stand er da, blickte nach draußen, als wollte er etwas suchen. Zeldas Verzweiflung wuchs. ,Warum verhielt er sich so abweisend‘, dachte sie.

Zelda schien so verzweifelt, dass sie keine andere Lösung hatte, als… Sie trat zu ihm heran, war sich nicht sicher, ihn zu berühren, als er sich aber umdrehte. Dennoch starrte er ins Nichts, als wartete er darauf, dass Zelda etwas tat. Sie kniff die Augen zusammen, ballte ihre rechte Faust kurzzeitig und gab Link dann eine gewaltige Ohrfeige. Der junge Held zuckte zur Seite, stieß einen bedrohlichen Laut aus seinem Mund, und rieb dann mit einer Hand die Stelle, auf der Zeldas Handabdruck zu sehen war.

Link schloss die Augen, blinzelte dann und sah sie noch geschockter an als vorher. „Zelda…“, war alles, was er sagte.

„Was ist los mit dir…“, sprach sie nervös.

„Was meinst du?“ Etwas verärgert rieb er sich seine rechte Wange.

„Du hast dich so sonderbar verhalten… und…“, meinte sie, als sie das Unverständnis in seinen Augen sehen konnte. 

„Ich musste doch nur einen Moment nachdenken über das… alles…“, erwiderte er. Gerade da ließ sich das blonde Mädchen verzweifelt auf das Sofa sinken, vergrub ihr Gesicht in den Händen und schluchzte leise.

„Zelda…“, sprach Link entgeistert und wusste nicht so recht, was eigentlich los war. Er hatte mit den Polizisten geredet, hatte sich sogar irgendeinen Unfug zusammengereimt, der einigermaßen plausibel klang und wusste nur noch, dass sie in aller Ruhe nach Hause getrottet waren. Warum war Zelda nun so verzweifelt? Fehlten ihm ein paar Augenblicke? 

Etwas schuldbewusst kniete Link nieder und hob Zeldas Kinn nach oben. Er sah die Tränen in ihren himmelblauen Augen und Bruchteile von Angst…

„Hey…“, sprach er. „Kann ich…“, setzte er hinzu, aber der Gedanke entfiel ihm augenblicklich. „Zelda… weißt du…“ Er stutzte, als sie noch einmal schluchzte und die Nase hochzog. „Jetzt habe ich die zweite Ohrfeige von dir bekommen… und ich schätze, auch diese war berechtigt…“, meinte er dann, worauf sie kurz auflachte.

„Nein… vielleicht habe ich überreagiert“, meinte sie dann und wischte sich die Tränen aus den Augen. „Es tut mir leid, Link…“

„Mir auch…“, entgegnete er und ließ sich neben ihr auf dem Sofa nieder. Er atmete tief durch und spürte erstmals die Wunden an seinen Händen brennen.

„Nicht nur… weil ich scheinbar irgendwie abweisend war… sondern… weil…“ Er machte eine kurze Pause, seufzte und erinnerte sich mit einem unangenehmen Bauchgefühl an die Ereignisse. „Ich habe dich in schreckliches Elend gestürzt… und in Gefahr gebracht. Wir hätten niemals in die Trainingshalle gehen sollen“, flüsterte er und lehnte sich zurück. Erneut war da ein Schimmer von Zorn und Wut in seinen Augen.

„Du… du hast mich nicht in Gefahr gebracht… Du hast mir das Leben gerettet. Nun schon zum dritten Mal…“ Sie spielte mit ihren Händen und verkrampfte sich bei diesem Gedanken. Wie sollte sie jemals wieder gut machen, was er alles für sie getan hatte?  

„Es wird weitergehen…“, meinte Link und stützte den Kopf in die Hände. 

„Link, ich verstehe nicht…“

„Etwas wartet da draußen nur darauf uns fertig zu machen, unser Leben zu zerstören, er wird uns finden…“

„Wer?“

„Ich weiß es nicht.“ Stockend kamen die Worte über seine blassroten Lippen. Zelda blickte in Links Augen, die nun wieder ganz normal schienen. Ja, langsam kam seine Kraft und der Mut, der in seinen Augen verborgen lag, zurück. Sie rückte näher, nahm seine aufgeschürften Hände und streichelte diese. Dann endlich erzählte er ihr alles, was in der Halle vorgefallen war. Und sie war die einzige, die es wissen durfte… die einzige, die verstand… Als seine Worte endeten, brauchten beide einige Minuten um das alles sacken zu lassen… Zelda verschwand im Badezimmer und duschte sich. Link machte sich über den Kühlschrank her…

 

„Wir müssen sehr vorsichtig sein“, sagte Link ein wenig später und rieb sich immer noch die malträtierte Wange, als Zelda aus dem Bad kam. „Du hast einen ganz schönen Schlag drauf, weißt du das?“

Anstatt darüber zu lachen, lächelte sie und bewegte sich auf ihn zu. Sie lehnte ihre Stirn gegen seine und sah ihm fest in seine Augen. „Sag’, hat mein Lebensretter mir nicht irgendwelche Dinge verschwiegen?“

Link konnte sich nicht herauswinden. Es gab vieles, was er ihr noch nicht erzählt hatte- einerseits um sie zu schützen- andererseits, weil er einige Dinge noch niemanden erzählt hatte. „Ja, das habe ich.“

Da Zeldas Augen so nah waren, hatte es keinen Zweck weiterhin irgendetwas verheimlichen zu wollen.

„Rick erzählte mir, du…“

„Rick?“

„Du hättest von mir geträumt, lange, bevor wir uns überhaupt begegnet sind…“, sprach Zelda und schaute ängstlich weg. Sie war froh, dies endlich gesagt zu haben, aber fürchtete sich ein wenig vor den Konsequenzen.

Geschockt sah Link auf, wies sie ab und lief ans Fenster. Er war sich uneins mit dem Gedanken und dem Wunsch ihr endgültig alles zu erzählen. Aber wer sonst sollte es verstehen, wenn nicht sie?

„Nun… es ist nicht so einfach…“

„Das ist es nie…“

„Nein, nicht für uns…“

„Niemals für uns…“, sagte sie leise.

„Möchtest du meine Geschichte hören?“

Sie nickte nur, aber Link konnte spüren, das ihr nicht wohl dabei war.

„Es war vor zwei, drei Jahren“, begann er zu erzählen. „Unser Kurs machte gerade Exkursion, das heißt, wir hatten eine einwöchige Klassenfahrt durch das Land, um verschiedene Museen zu bestaunen und einen Aufsatz darüber zu schreiben. Ich musste mir mit Rick ein Zimmer teilen und war eigentlich froh darüber. Damals hatte er mir auch von einem Spiel erzählt, das ich unbedingt spielen müsse, weil… der Held in der Legende genauso hieß wie ich. Ich lachte damals darüber, fand den Gedanken irgendwie erheiternd und machte mich darüber lustig. Später sah ich mir Illustrationen davon an und wollte nicht wahrhaben, dass jene Figur mir nicht nur vom Namen her ähnelte. Es war verrückt… aus irgendeinem Grund gestalteten die Gamedesigner ihn so, als hätten sie mich als Vorbild. Es war ein kranker Gedanke, den ich damals nicht ernst nahm. Dann sah ich mir Bilder der Prinzessin an, von der ich mir irgendwie einbildete, ich hätte sie schon einmal gesehen. Ich wollte das Alles nicht verstehen und ignorierte es. In der Nacht in jener Jugendherberge wachte Rick in der Nacht auf, da ich im Traum redete… Am nächsten Morgen hat er mich dann diesbezüglich zur Rede gestellt. Ich erzählte ihm alles, restlos alles. Dass ich fast jede Nacht mit einem Schwert in der Hand durch irgendwelche Tempel krieche, auf der Suche nach irgendetwas Wichtigem. Ich sagte ihm, welche Monster ich getötet hatte, welche Dämonen sich mir in den Weg stellten, die ich alle… mit diesen Händen… kaltblütig und grausam… hingerichtet hatte.“ Link lief dann nervös in dem Raum auf und ab, kniff seine Augen zusammen und fluchte leise vor sich hin. Warum hatte er ihr diese ganze Geschichte jetzt erzählt, obwohl er sich einst schwor, diese Sache niemandem mitzuteilen, es sei denn es wäre unabdingbar und richtig? 

Zelda beobachtete ihn nur und wusste nicht, wie sie ihm sagen sollte, was er in ihr erweckte. Es erschien ihr unbeschreiblich. Die Art und Weise, wie sie sich von ihm angezogen fühlte. Die Art und Weise, wie er sie ansah… diese tiefblauen Augen. Kannte sie ihn vielleicht doch in ihrem wahren Leben?

„Ich erzählte ihm auch vor wenigen Tagen, dass ich den Eindruck hatte, eine Stimme rief nach mir und das ich mir einbildete, verrückt zu werden. Nur dadurch verschwand diese Stimme nicht. Eine Mädchenstimme- zuerst im Traum, dann in der Realität. Und dann bist du aufgetaucht… und… ich fand…“ Er suchte ihren Blick, erkannte Zweifel und Furcht darin. „… ich fand die Stimme, die mich rief, in deiner.“ Stille.

Was sollte jetzt auch gesagt werden, nun, da Worte weh tun konnten. Zelda ließ sich wieder auf das Sofa sinken und stützte entsetzt ihren Kopf in ihre Hände. Sie sah auf, begegnete seinen Blick, und las noch mehr Unsicherheit darin, als sie bisher verspürte. Link lief langsam auf sie zu, so trügerisch waren seine Schritte, als könnte er sofort in entgegengesetzter Richtung laufen. Er kniete vor ihr nieder und murmelte, während er versuchte ihrem Blick standzuhalten, forderte Ehrlichkeit und Vertrauen.

„Ich wollte… dich damit nicht verletzen, Zelda“, begann er und rechtfertigte, was er ihr offenbarte mit dem Wunsch, ihr niemals zu schaden.

„Du hast mich nicht verletzt, nur… verunsichert, Link.“

„Manchmal… hatte ich das Gefühl, ich wäre das Monster, das…“ Sie legte ihren rechten Zeigefinger auf seine Lippen. Er sah sie an, erst überrascht, dann verträumt.

„Du bist kein Monster… Du bist…“ und sie ahnte nicht, welche Folgen es haben könnte, würde sie hier ihre Gedanken preisgeben und ihm davon erzählen, was er auf seine Weise für sie war. Ein wunderbarer, fürsorglicher Freund. Der beste Freund, den man nur haben konnte. Und dennoch… aus welchem Grund sollte sie ihm verschweigen, was sie dachte. Murmelnd gab sie preis: „Du bist der liebste und selbstloseste Mensch, der mir jemals begegnet ist und, den ich kenne… Link.“ Sie lächelte scheu, stand auf, kam sich nun ziemlich dumm vor und drehte sich weg. Sie legte ein wenig schockiert über sich eine Hand auf ihre, für sie wohl gefährlich- offenbarende Klappe. Die Art und Weise, wie sie seinen Namen sagte, erinnerte ihn erneut an jene Stimme… es war ihre Stimme. Wie konnte das nur sein? Ihre Stimme hatte nach ihm gerufen… ihre reine, glockenhelle Stimme…

Link begriff nicht, was hier dabei war zu passieren. Zelda, wenn dies tatsächlich ihr Name war, vertraute ihm und er vertraute ihr… Wie konnte das geschehen innerhalb weniger Tage? Immerhin kannten sie einander nicht. Diese ganze Gefühlswallung in ihm, die Gedanken, die er hatte, wenn sie in der Nähe war… noch nie war ihm so etwas in der Gegenwart eines Menschen passiert. In ihm schlummerte dieser stille Wunsch, sie festzuhalten, damit sie nicht mehr weglief. Aber warum? Warum vernebelte sie seine Sinne in dem Maße? Seine tiefblauen Augen waren wie gefesselt von ihr, und ließen sie nicht aus dem Blickwinkel. Sie verstand ihn… und als ob es das erste Mal wäre, dass Link wirklich von jemandem verstanden worden war, garte in ihm der Wunsch, ihr dafür zu danken, dass sie zuhörte, dass sie ihn beruhigen konnte und in sein jugendliches, aber mit Sorgen belastetes Herz gesehen hatte. Er wollte ihr irgendwie dafür danken, mehr als nur mit Worten…

Tief einatmend und sich selbst ein wenig Mut fassend, lief Link zu ihr und legte sanft seine Hände auf ihre Schultern. Nur mühsam und unter Aufbietung alles erdenkbaren Selbstvertrauens, sagte Link: „Danke, du weißt nicht, wie sehr du mir geholfen hast. Danke, Zelda…“ Sie drehte sich um und lächelte verlegen.

Link erwiderte das Lächeln, versuchte seine zunehmende Aufgeregtheit zu überspielen, das Gefühl der Anspannung zu verdrängen und seinen schneller rasenden Puls zu überhören. Sie machte ihn zappelig, unzurechnungsfähig, ließ ihn zu einem gehirnlosen Trottel werden und brachte ihn dazu, das Unmögliche zu tun. Was zum Henker tat sie und wie im Namen des Himmels brachte sie seine gesamte Existenz so zum Wanken?

Zelda flüsterte dann: „Du hast mir noch etwas verschwiegen, nicht wahr… etwas, dass nur dich betrifft.“

„Ja, weißt du es etwa?“

„Mmh… ich fühlte es.“ Link war verblüfft, sie kannte ihn und schien sogar seine tiefsten Geheimnisse zu kennen. Link wurde adoptiert. Seine Eltern starben als er noch ein Baby war in den Flammen eines Hauses. Man hatte von Brandstiftung gesprochen und Link hatte sich geschworen, die Schuldigen zu finden. Und Zelda hatte es irgendwie herausgefunden, ob sie nicht vielleicht doch seine Gedanken lesen konnte, oder an Orte seiner Seele gelangt war, von denen Link nicht einmal wusste, dass sie existierten.

„Du sag mal, diese Frau, die wir am See getroffen haben, glaubst du, sie weiß irgendetwas über diese dunkle Energie?“

„Du meinst Naranda Leader?“

„Ja, genau. Sie hat solche seltsamen Bemerkungen gemacht, als du das Kind gerettet hast.“

„Stimmt! Ich denke, wir werden ihr Morgen einen Besuch abstatten, was hältst du davon?“

Link grinste und Zelda, überglücklich, dass es ihm wieder besser ging, strahlte ihn an: „Okay, wir werden sie morgen mal aufsuchen!“

„Und heute? Was wollen wir heute noch machen? Es ist zwar schon sieben Uhr, aber der Abend ist noch lang.“

„Wenn ich ehrlich bin…“, sagte sie und machte es sich auf dem Sofa so richtig gemütlich. „… dann würde ich viel lieber faulenzen.“ Sie legte ihre Beine hoch und ließ ihren Kopf auf einer Lehne niedersinken. Nach solch einem Tag war Faulenzen die beste Medizin.

„Klingt gut. Ich schließ’ mich dir an“, entgegnete er und setzte sich auf den freien Platz des Sofas, der noch übrig war. Auch Link streckte alle viere von sich, genoss die Ruhe, genoss Zeldas Anwesenheit. Sie hatte ihre Augen geschlossen. Wollte sie jetzt etwa schlafen und ihre Ruhe haben? ,Wie langweilig und deprimierend‘, dachte Link. Selbst nach einem solchen, schrecklichen Tag, ließ er sich seine Laune nicht verderben. Die schrecklichen Erlebnisse des Tages versanken langsam in den Gebilden der Erinnerung. Link hatte eine Idee… Zeldas zarte Füße waren in unmittelbare Reichweite. Er kroch auf dem Sofa ein wenig näher an sie heran und ließ seine Fingerspitzen spielerisch über die empfindlichen Stellen ihrer Fußballen wandern. Zelda kreischte auf und lachte dann.

„Bist du kitzlig, Zelda?“, sagte er. Aber sie antwortete nicht sofort, sondern kicherte weiter. Sie wusste, vor seiner niederträchtigen Gemeinheit konnte sie nicht entkommen. Sie zog ihre Füße weg und richtete sich ebenso auf. Aber Link stoppte seine Späße nicht. Grinsend bewegte er sich auf sie zu und kitzelte sie unter ihren Armen.

Zelda lachte weiter, vergnügte sich in gegenseitigen Kitzelattacken und im Gegenzug ärgert sie jetzt Link. Hinterhältig zwickte sie ihn in seine rechte Seite und hörte eine Art Fluchen aus seinem Mund, das sich gleich wieder in munteres, erfreutes Lachen wandelte.

Inzwischen lagen sie auf der Couch nebeneinander, Zelda rechts von Link, und ärgerten sich gegenseitig, kniffen sich, lachten und genossen die Nähe des anderen. Es war ein leichter Heilzauber, der nach diesem Tag auf beide Kinder des Schicksals niederging… es tat so unheimlich gut zu lachen… gemeinsam…

Nach vielen Minuten, was eine Ewigkeit schien, hörte Link auf, die neben ihn befindliche, kichernde Zelda noch mehr in ihre ausweglose Situation zu bringen und stoppte seine kleinen Gemeinheiten. Leicht über sie gebeugt, blickte er in jenes kristallfarbene Blau ihrer Augen und meinte: „Gibst du auf?“ Sie schüttelte mit dem Kopf und lächelte so wunderbar wie noch nie.

Link piekte sie frech in ihre wohlgestaltete Nase und ließ seine linke Hand sanft an ihrer Wange, bis hin zu ihrem rechten Oberarm hinab wandern. Ein wenig fester umfasste er ihn und murmelte: „Und jetzt?“ Sie wendete ihren Kopf zweimal von links nach rechts und schmunzelte. Daraufhin packte Link auch ihrem anderen Arm und hielt ihn fest. „Aber jetzt musst du aufgeben, Zelda“, sagte er grinsend. Sie konnte sich zwar nicht mehr rühren, doch wieder lachte sie nur. Sie begann herum zu zappeln und quietschte, als Link sie wieder unter ihren Armen kraulte. Sie zappelte solange, bis sie mit Link auf dem Fußboden landete.

„Ich gebe auf“, hauchte sie mit ihrer herrlich süßen Stimme unter ihren Lachkrämpfen und drehte sich zu Link um, der neben ihr mit dem Gesicht auf dem Teppich lag und nichts mehr sagte. „Link?“ Sie richtete sich auf und legte es drauf an. Sie zwickte und piekte ihn nun an seinem gesamten Oberkörper.

Kreischend bewegte er diesen aufrecht und drückte Zelda sachte gegen das unterste Couchteil und saß direkt vor ihr, sah in ihr makelloses Gesicht und fühlte so viel, allein durch einen Blick in ein ausdrucksvolles Gesicht, ein Lächeln, welches ihm so viel sagte.

Ein angenehmes Gefühl durchströmte ihm, etwas, was er noch nie empfunden hatte und ohne jegliche Vernunft legte er seine starken Arme um sie und zog sie an sich. Perplex standen Zeldas Augen weit offen. Ein wenig fassungslos rührte sie sich nicht mehr und ließ die Umarmung einfach über sich ergehen. Was geschah hier? Wieso passierte das? Und warum schon wieder… so aus heiterem Himmel…

So vertraut. So angenehm… fast erinnernd…

Link löste sich von ihr und stand abrupt auf. Ein leises „Entschuldige“ aus seinem Mund änderte jedoch die Situation nicht, machte nicht rückgängig, was er sich gerade eben erlaubt hatte. Noch einmal sagte er: „Entschuldige…“ und ging schnell, ohne zurückzublicken aus der Wohnstube hinaus.

 
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