Kapitel 1.16
 

Kapitel 16: Keine Chance

 

 

Link hetzte mit zusammengekniffenen Augen vorwärts, nachdem er versucht hatte den Streit mit Zelda zu klären. Er wusste nicht, wo sein Weg ihn hinführte, bis er außer Puste vor der Kirche in Schicksalshort zum Stehen kam. ,Das war alles‘, dachte er. Das war die wahre Zelda… ein kühles, beinah grausames Mädchen… Mit einem elenden Gefühl in seinem Herzen stützte der junge Heroe seine Hände an seinen Knien ab und atmete schwer.  Ja, er hatte stets und ständig mit seinem Schicksal zu kämpfen, und es gab viele schwierige Ereignisse in seinem Leben, die er bewältigen musste, aber diesmal tat es wirklich weh. Zeldas bissige Worte, die Verachtung in ihren himmelblauen Augen…

Wütend trat Link gegen den erstbesten Zaun, bis dieser auseinanderbrach. „Verdammt!“, fauchte er, beachtete die Leute nicht, die seinen schlechten Manieren zu sahen, interessierte sich nicht für das Gerede eines älteren Mannes, der seine Aktion mit dem Gartenzaun beobachtet hatte und ihn dafür zurechtstutzte. Es war ihm so egal, was die Menschen hier von ihm hielten. Er hatte gerade die Demütigung seines Lebens erfahren, gab ihm das nicht das Recht wütend zu sein? Gab ihm das nicht das Recht Fehler zu machen?

Und geboren aus seinem Zorn, machte Link einen sehr dummen Fehler und ließ sich von schlechten Gefühlen leiten. Blitzartig rannte er zu dem alten Eingang ins Kirchinnere. ,Ich werde Zelda und allen anderen beweisen, dass ich mir meine ganzen Zweifel und diese seltsamen Ereignisse nicht einbilde‘, murmelte sein Unterbewusstsein. Er würde dem Kerl in der Kirche auflauern und ihn zur Rede stellen, ihn mit seinem Wissen konfrontieren, denn Link wusste, dass jener für die schrecklichen Ereignisse verantwortlich war. Er würde ihn zur Rede stellen, egal wie stark er war!

Denkwürdig lag das Gotteshaus vor ihm, als war jenes Gebäude eine Schwelle, die Gegenwart und Vergangenheit verband. Von innen her kamen die düsteren Klänge einer teilweise abgenutzten Orgel, zermürbend, todessehnsüchtig. Eine Melodie, die, so wie der junge Heroe annahm, tragischer klang als jedes Lied, das er bisher vernommen hatte…

Wenn am Sonntag wirklich irgendwelche Menschen hier einer Gehirnwäsche unterzogen werden sollten, so wie Link dies vor kurzem erfahren hatte, würde er es aufhalten. Das schwor er sich, vielleicht aus Trotz, oder auch, weil er beweisen wollte, dass er sich diese Ereignisse nicht einbildete…

Er könnte Zeldas Worten folgen und sich in der nächstbesten Ecke verkriechen, er könnte so tun, als wäre nichts geschehen. Aber das entsprach nicht seinen Idealen. Link lief niemals vor etwas davon, erst Recht nicht vor seiner eigenen Bestimmung.

Er blickte mit mutigen Augen zu dem Tor hinauf, schluckte seine Zweifel hinunter und ballte die Fäuste. Doch gerade, als er einen Fuß vor den anderen setzen wollte, bemerkte er, dass jemand hinter ihm stand. Seine Sinne erzählten ihm von ein paar klappernden Holzsandalen, die auf dem Boden raschelten, erzählten ihm von einer kleinen, eher unschuldigen Gestalt, die hinter seinem Rücken tänzelte. Und tatsächlich konnte der Heroe, als er sich umdrehte, ein kleines Mädchen mit zwei geflochtenen, blonden Zöpfen und blauen Schleifen im Haar vor sich sehen. Ein hübsches, kleines Mädchen mit giftgrünen Augen, tief und eindringlich. Sie starrte Link an und kicherte, als hätte er etwas im Gesicht.

„Hast du ein Problem“, wollte er wissen.

„Nein“, sagte sie in einer piepsigen, kindlichen Stimme, obwohl ihre kleinen grünen Kinderaugen so alt wirkten, als hätten sie Tausende Jahre hinter sich. Sie tänzelte um Link herum, lachte ausgelassen, als wollte sie ihn irgendwie von seinem Fehler abhalten.

„Hey, was willst du denn von mir?“, murmelte Link verwundert, während das Mädchen grinste. Sie hatte ein kugelrundes Gesicht mit vielen Sommersprossen, wirkte irgendwie ausländisch, obwohl er sie nicht zu einer bestimmten Nation zuordnen konnte.

Sie kicherte immer noch, als er sie verdutzt musterte. „Mädchen, du solltest besser wieder zu deinen Eltern gehen.“

„Nein, ich bin lieber hier“, sprach sie kichernd, worauf Link die Augen rollte. Und er verlor immer mehr die Geduld. Er hatte gerade andere Pläne gehabt als auf kleine Kinder aufzupassen. „Mir reicht dieses dumme Spielchen jetzt“, meinte er wütend. Link lief die Straße weiter entlang. Wenn dieser Teufel in der Halle war, konnte er unmöglich dieses Kind, was ihm immer noch folgte, in Gefahr bringen. Er folgte seufzend seinem Weg und hoffte, dass das Kind irgendwann einfach wieder nach Hause lief, aber das eigensinnige Mädchen folgte ihm immer noch.

Mit frechen Augen blickte sie zu ihm hinauf: „Ich glaube dir, Linky. Und ich denke, Zelda hat ihre Gründe.“

„Was?“ Und da hatte Link den Eindruck endgültig überzuschnappen. Woher wusste dieses Kind Bescheid über ihn und Zelda? Woher kannte sie seinen Namen? Das Mädchen kicherte wieder und rannte dann die Straße entlang. Link streckte die Hand nach dem Geschöpf aus und rief: „Bitte, warte.“ Doch als er kurz seine Augen zumachte und dann wieder öffnete, war das Kind aus heiterem Himmel verschwunden. Link griff sich an seine Stirn, kam sich vor als träumte er schon wieder und als verwandelte sich die Realität immer weiter. Habe ich Fieber? Leide ich an Wahnvorstellungen oder Halluzinationen? Vielleicht habe ich mir ja tatsächlich vieles nur eingebildet. Alles, was Zelda und diesen Dämon betraf… die Träume… die Wunden… Weitere Zweifel wuchsen und Link lief mit schweren Schritten ziellos in der Stadt herum. Sollte er trotzdem in die Kirche gehen und herausfinden, ob der Kerl dort die Menschen manipulieren wollte und es waren nur noch wenige Tage bis Sonntag… Sonntag, an dem, so wie die Kreaturen geredet hatten, mehrere Menschen einer Gehirnwäsche unterzogen werden sollten. Oder hatte er sich auch dies nur eingebildet?

 Unsicher, was er nun tun sollte, lief Link vorwärts. Das, was er im Augenblick durchmachte, diese Zweifel, aber auch das Pflichtgefühl Leben zu retten, dunkle Pläne zu vereiteln, kam ihm unheimlich vertraut vor und er hasste diese Gefühle… Er fühlte sich wie die Spielfigur Link, auf der das Schicksal einer ganzen Welt lastete… und er alleine müsste Alles bewältigen.

Plötzlich rannte er, rannte weg vor seinen Zweifeln und den Ängsten, und bog dann in eine kleine Seitengasse ein, wo er stoppte, sich auf seinen Knien abstützte und schwerfällig atmete.

„Verdammt“, brüllte er, „Ich, Dummkopf. Ich bin so ein… Dummkopf.“

Ja, ein Dummkopf… Er brauchte einen Menschen, der nichts mit ihm zu tun haben wollte, mochte sie sogar auf eine quälende Weise. Dann werkte irgendein Monster in der Kirche Schicksalshorts herum und ständig halluzinierte der sorgenvolle Jugendliche, der sich am Rand von Gut und Böse fühlte, irgendwelche komischen Kinder, die noch die bodenlose Frechheit hatten mit ihm zu reden. ,Weiter so‘, dachte er. Mach’ ruhig weiter so und dann kannst du gleich vom erstbesten Hochhaus springen…

Genervt von sich selbst und dieser unmöglichen Erbärmlichkeit schlug er die linke Faust in den steinharten Boden, fühlte sich billig und erneut unfähig in dieser neuen Welt zu bestehen…

Verdammt, er brauchte Zelda nun mal, auch wenn eine unmenschliche Grausamkeit die größte Eigenschaft ihres wahren Gesichts sein sollte. Er brauchte sie… selbst wenn sie das größte Monster des Planeten wäre, er konnte einfach nicht so tun, als ob sie Luft wäre…

Schlaksig humpelte er auf die Beine, hatte zunächst die Absicht nach Hause zu laufen, aber dort würde eine griesgrämige Meira Bravery und eine neugierige Sara warten, die ihm den Rest Geduld und Verschwiegenheit aus dem besorgten Gemüt reißen würden… 

Also marschierte er ziellos durch die Straßen, beobachtete neidisch die fröhlichen Menschen, schaute ebenso neidisch auf einige Jugendliche, die verliebt und Händchen haltend an ihm vorübergingen. Sie alle hatten ihren Sinn im Leben. Sie alle hatten gefunden, wonach sie suchten. Sie kannten ihren Lebensweg, wussten um das Morgen, erfreuten sich an ihren Erinnerungen… und er? Sollte der junge Mann ewig nach etwas Ausschau halten, was es nicht gab? Sollte er ewig darauf warten, dass sich ihm sein Schicksal offenbaren würde? Er schüttelte den Kopf, erreichte den Marktplatz. Sorgen in den tiefblauen Augen, die so viel Mut ausstrahlen konnten. Zweifel wegen gestern und wegen Zelda… 

Er hatte so viele Dinge für sie getan. Die glücklichsten Momente in einer einfachen Ferienwoche zogen an ihm vorüber als wären sie nur ein Wunschtraum. Momente, die ihm mehr bedeuteten als alles, was er bisher als Glück empfunden hatte. Er erinnerte die Fernsehabende, als sie zusammen auf dem Sofa saßen und Zelda eines Abends einfach eingeschlafen war. Die vielen Kleinigkeiten wie ein schönes Frühstück. Die unermessliche Bedeutung eines vergnüglichen Lachens.

Ilena stand mit ihrer Clique an einem Eisstand und wie sollte es auch anders sein, sie musterte ihn, hüpfte unecht zu ihm hinüber und schien erfreut und wissbegierig. „Hallo, lovely Hero“, summte sie und begaffte erneut das ansehnliche Gesicht, welches Link spazieren trug. Links Blick war jedoch giftiger denn je. „Was machst du denn hier so alleine?“ Sie klimperte mit den falschen Wimpern, was wunderte er sich noch… fast alles an Ilena war falsch. Einschließlich der Nase, die ihr Vater- ein bekannter Schönheitschirurg- ihr zum siebzehnten Geburtstag geschenkt hatte.

„Ich überlege, wie ich dich zum Schweigen bringe, du Klapperschlange“, sagte er grantig und schickte ihr den bedrohlichsten Blick, den seine Augen hergaben. Eisig war nun das tiefe Blau. Stürmisch und kalt. Ilena wich wenige Meter zurück und schaute irritiert in das sonst so freundliche Grinsen, das sich in seinem Gesicht verbarg. „Wenn du mich noch einmal mit deiner minderwertigen, wertlosen Art ansprichst, wirst du schon merken, dass nicht alles so harmlos ist, wie es scheint und nun verzieh‘ dich, bevor ich jeglichen Respekt verliere.“

Angstvoll zog sich Ilenas Gesicht zusammen. „Seit wann bist du denn so böse?“ Link schwieg und starrte zornig über den Marktplatz. „Das bist du nicht“, sagte Ilena und sie lief trotzig zu ihrer Clique um wahrscheinlich dieses Erlebnis gerade eben irgendwie verdreht nach zu erzählen.

,Na, bitte‘, dachte der Heroe. Nun verstand er Zeldas Art und Weise ganz vorzüglich. Es war einfach grausam zu sein, und wahrscheinlich auch zu den Menschen, die man mochte… Und erneut lief Link die Straßen Schicksalshorts herunter, hetzte zu dem einzigen Ort, an dem er so etwas wie Ruhe und Sorglosigkeit finden könnte. In den alten Wäldern…

Er rannte wieder, gelangte zu der Stelle, an welcher er Zelda gefunden hatte, überquerte eine alte Bahnbrücke, über die wohl bloß noch Geisterzüge fahren würden, bis er auf einer schönen Erhöhung stand, wo kraftvoll ein Wasserfall seinen Weg in die erdrückende Tiefe einschlug. Als Knirps von fünf Jahren war er einmal von den Braverys- seiner Adoptivfamilie- abgehauen und mitten in der Nacht einfach in den Wäldern herumgelaufen und war gerade an dieser Stelle abgerutscht und wenige Meter weiter durchnässt auf einem Felsen sitzen geblieben. Meira Bravery hatte zum damaligen Zeitpunkt die gesamte Stadt nach ihm auf den Kopf gestellt… und als er dann am nächsten Morgen, durchnässt und mit vielen Schrammen und Beulen vor der Haustür stand, hatte sie nichts anderes getan, als ihn wortlos ins Haus zu ziehen, in die Badewanne zu stecken und dann schweigsam, aber mit mütterlichen Tränen, den kleinen Link mit Pflastern zuzumauern. Ein Grinsen huschte ihm über das Gesicht, denn es war eine seiner ersten Erinnerungen an das Leben in Schicksalshort. Er ließ sich längs auf einer Holzbank, die für erschöpfte Wanderer hier stand, nieder, kaute auf einem Grashalm und starrte in den Himmel. Verspielt begann er das traurige Okarinalied zu pfeifen, welches Zelda ihm beigebracht hatte.

,Lied der Sehnsüchtigen’ hatte sie es genannt. Und vielleicht war es ihre Vorsehung, die sie diesen Titel wählen ließ. Die Vorsehung, dass zwei zueinander gehörende Seelen wie jene von Link und Zelda, nie das bekommen konnten, was sie sich beide wünschten. Hoffnung auf Erfüllung in einem sehnsuchtstragenden Lied…

Plötzlich vernahm er Schritte und eine vertraute Stimme beförderte ihn aus seinen irrsinnigen Zweifeln. „Jaja, Waldmensch… Wenn man schon mal in den Wäldern ist, wen findet man? Link natürlich“, meinte Rick belustigt und schielte mit den rehbraunen Augen zu ihm hinunter.

„Hey“, sagte Link und legte die Hände hinter den Kopf.

„Was machst du denn eigentlich hier?“ Rick stoppte und platzierte sich am Wasserfall und ließ die Beine in die Tiefe baumeln. „Ich dachte, du wärst bei Zelda.“

„Bei Zelda?“, murmelte er fragend. Allein ihren Namen auszusprechen tat weh.  

„Ja, du weißt schon, das Mädchen, welches du gefunden hattest“, meinte Rick so, als ob man Link aufgrund eines Gedächtnisproblems nachsichtig behandeln musste.

Er rollte die Augen und brummte: „Ich weiß, wer Zelda ist. Das brauchst du mir nicht erklären.“ Seine Worte und der bittere Klang darin ließen mehr vermuten als Link beabsichtigt hatte.

„Was’n los?“

„Sie geht mir aus irgendeinem Grund aus dem Weg.“

„Wieso das denn?“

„Weiß nicht.“

„Dann musst du mit ihr reden.“

„Will ich nicht.“

„Na dann mach’ eben was anderes. Lad’ sie einfach ein.“

„Will ich auch nicht“, sagte er trübsinnig.

Ricks Augen jedoch drückten mit jeder Minute mehr gewisse Narretei aus. ,Den hat’s ja endlich mal erwischt‘, dachte er. Das musste- und Rick überlegte verbissen- das erste Mal sein! „Dann geh’ Bogenschießen.“

„Keinen Bock.“

„Oder Angeln.“

„Noch weniger Bock.“

,Himmel, ist der heute schlecht drauf. Das ist ja grausam‘, dachte Rick. „Hast du Lust auf Pizza?“ Jetzt aber! Wenn Link selbst keinen Appetit auf Lieblingsgerichte von Jugendlichen hatte, dann war dies der beste Beweis für einen bösartigen Liebeskummer.

Und er seufzte erneut: „Keinen Appetit.“

,Beweis geglückt‘, dachte Rick. „Keine Lust auf Pizza?“

„Nein.“

„Na, dann. Lasagne bei Maron, immerhin ist ihre Schwester Grazia die beste Köchin weit und breit.“

„Ich will keine Lasagne“, murmelte Link und starrte in das Blau des Himmels.

„Du bist krank.“

„Immer schon.“ Und erneut eine trübsinnige, kurz Antwort. Das war heute echt kein guter Tag, den Link da hatte. Und wer würde es ihm übel nehmen…

„Also hast du endlich deine Traumfrau gefunden“, meinte der Braunäugige.

Rotwerdend fiel Link von der Bank herunter und schielte fuchtig zu Rick hinüber. „Red’ nicht so einen Blech.“

„Du benimmst dich aber so. Ich fasse zusammen: Schlechte, unerträgliche Laune, weil Zelda dir, wie du sagtest, aus dem Weg geht. Interessenverlust an deinen Hobbys und das Schlimmste: Keinen Appetit. Das passt doch alles nicht zu dir.“ Rick hüpfte auf die Beine, während der schusslige Link die Kleidung sauber klopfte. „Ich meine, du bist Link. Du liebst das Abenteuer, hast nie Lust auf Langeweile, suchst nach ultimativen Erlebnissen. Deine Hobbys sind Reiten, Bogenschießen, Angeln, Blödsinn machen und zu guter Letzt Essen. Und nun sitzt du hier und brütest vor dich hin. Das muss doch einen Grund haben.“

Verärgert und doch einsichtig schaute Link den Abgrund hinab, wo der Wasserfall rauschte. „Sie will einfach nichts mehr mit mir zu tun haben. Verstehst du? Sie hat angefangen mich zu hassen.“ Link brüllte beinahe und drehte sich um.

„Das glaube ich nicht.“

„Aber sie hat es mir direkt ins Gesicht gesagt.“

„Selbst dafür muss es einen Grund geben. Glaubst du das, was sie gesagt hat? Ich meine, nach allem, was so die letzten Wochen geschehen ist… Sie wirkte doch so glücklich, als sie bei dir gewohnt hat.“

Link zuckte mit den Schultern. „Das ist es ja, was ich einfach nicht verstehe.“ 

„Es gibt bestimmt einen anderen Grund.“

„Ja und? Soll ich sie so lange belästigen bis sie mir die Güte erweist, mit mir zu reden?“

„Nein, aber…“

„Aber was?“ Link breitete die Arme aus und fauchte fast: „Soll ich sie um ihre Freundschaft anbetteln?“

„Nein, aber du könntest ihr Zeit lassen.“ Verwundert sah Link auf, blickte in Ricks rehbraune Augen und runzelte die Stirn. „Das wäre immerhin ein Anfang.“

Link nickte trübsinnig und lief einige Meter. Rick folgte ihm. „Wie steht’s eigentlich bei dir und Maron?“

„Gut“, sagte Rick erfreut und grinste speckschwartig.

„Und das heißt?“

„Wir küssen uns manchmal“, sagte Rick und grinste breiter, während Link bloß zwinkerte.

„Was, einfach so?“

„Jup.“

„So ganz ohne Grund?“

Rick lächelte und schaute in das blaue Himmelsdach. „Natürlich nicht ohne Grund. Es überkommt mich manchmal einfach und dann erwidert sie… auch wenn wir es irgendwie nicht schaffen darüber zu reden.“

„Soso.“ Link wusste echt nicht, was er dazu sagen sollte. Wie konnte man sich küssen ohne darüber zu reden? Das wollte ihm nun wahrlich nicht in den Kopf.

„Und gestern… da hatten wir…“ Rick verstummte und suchte nach einem harmloseren Wort. Aber Link fand für diese Verlegenheit einfach kein Verständnis…

„Was denn nun?“

„Ähm… also… wir hatten…“

„Spaß?“

„Ja, dabei schon.“

„Wobei?“ Rick wuselte genervt in seinen braunen Haaren herum, trampelte zwei drei Meter hin und her und sagte aufbrausend: „Hach… wir hatten Sex.“

Link fühlte sich wie vor den Kopf gestoßen. Und das sagte Rick so einfach. Verlegen und ein Kloßgefühl im Hals entwickelnd murmelte Link: „Oh…“ Nach einer kurzen Beruhigungspause sprach er weiter. „Und ihr habt wieder nicht darüber geredet?“

„Nein. Und ich dachte schon, du wolltest fragen, wie es war.“

Link hustete umständlich und wusste selbst nicht, warum er bei diesem Thema einfach bisher immer die Flucht ergriffen hatte. „Also… wie war es?“, fragte er umständlich, während verräterische rote Farben sich in seinem Gesicht entlang zogen. 

Rick schaute begeistert auf, was Bände sprach. Wissend belehrte er ihn: „Wenn du es wissen willst, musst du das schon selbst ausprobieren. Am besten mit Zelda, wenn sie sich abreagiert hat.“

Wütend stapfte Link von dannen. „Ich will nichts von Zelda. Du hast einfach jeglichen Grips bei Maron gelassen, Spinner.“ Und damit folgte Link den einsamen Pfaden des Waldes hinaus, während Rick mit obskuren Schmunzeln und Lachen vor dem Wasserfall stehen blieb und auf Maron wartete, die ihn hier treffen wollte…

 

Erneut lief Link nachdenklich durch die Stadt, rannte wegen dieser dummen Sehnsucht nach Zeldas Anwesenheit mit zusammengekniffenen Augen durch die Straßen und leeren, dunklen Seitengassen, während der Abend dämmerte. Vielleicht hatte Rick recht, dass er ihr Zeit lassen musste, aber er konnte sie sich nicht aus der Seele reißen…

Gedankenversunken tapste der junge Mann weiter, hörte den Wind in der Ferne rauschen, der als einziges Geräusch die Stille trübte. Keine Menschen waren mehr in der Altstadt unterwegs, jetzt, da die Nacht kam; und mit ihr waren ungewisse Begegnungen…

Gerade in diesem Moment bemerkte der Jugendliche einige Schatten auf dem Boden, da das Licht einer alten Straßenlaterne in jene unbeleuchtete Seitengasse fiel. Und durch das spärliche Licht konnte Link drei monströse Kerle mit dunkler Kleidung vor sich sehen. Ihre mit Eisen beschlagenen Stiefel klapperten auf dem Pflastergestein. Ihre Lederkleidung knirschte. Sie blickten ihn herausfordernd an, ein vorbereitendes Glühen aus schwarzen Augen, und traten einschüchternd in seine Richtung. Ruckartig sah der grünbemützte Jugendliche um sich, erkannte hinter sich ebenfalls zwei Schatten, die näher traten. Und da wusste Link auch, dass es kein Zufall war, dass diese Kerle, schmierig grinsend, stark und durchtrainiert, seinen Weg blockierten.

„Was wollt ihr?“ Link blickte von einem zum anderen und sah in deren Augen ein bedrohliches, rotes Leuchten erstarken. Aber er wusste auch so, was diese Kerle wollten. Er schluckte einmal kräftig, grinste barbarisch und blickte todesmutig von einem zum anderen. Er wischte sich noch den Angstschweiß von der Stirn, wissend, dass er gegen diese Kerle keine Chance hatte, nicht gegen fünf von ihnen und unbewaffnet… 

„Wer seid ihr?“, sprach Link abwertend, war mittlerweile von den schweigsamen Kerlen umzingelt. Dann lachten sie hämisch. Und noch ehe sie ihr Lachen unterbrachen, ging der erste Gegner auf den Jugendlichen los. Er trat nach ihm, versuchte ihn mit einem Tritt zu Boden zu befördern, aber der junge Heroe, gesegnet mit sehr guten Reflexen wich blitzartig aus.

„Ihr seid feiges Pack! Fünf gegen einen, wie erbärmlich“, brüllte Link in die Nacht, wissend, dass er keine Chance gegen die Angreifer hatte. Weglaufen… wollte er nicht. Er war kein Feigling und außerdem war das Weglaufen schlecht möglich. Von allen Himmelsrichtungen hatten sie ihn umzingelt, ließen ihm keine Fluchtmöglichkeit, ließen ihm kein Entkommen, keine Chance…

,Was jetzt‘, fragte er sich, und hatte das erste Mal in seinem Leben das Gefühl, es war aus. Wie sollte er aus diesem Schlammassel herauskommen? Plötzlich packten ihn zwei der Kerle von hinten und hielten ihn fest. Link versuchte sich loszureißen, schlug mit aller Kraft um sich, wehrte sich so gut er konnte. Aber die Kräfte dieser Unmenschen waren einfach zu gewaltig.

Ein weiterer Kerl mit rabenschwarzen Haaren, aus denen rotglühende Augen wie zwei glühende Messer hervor blitzten, ließ seine Faust nach unten wandern. Es schien, als sammle er seine ganzen Kräfte darin. Mit einem unangenehmen Knacken sauste sie direkt in Links Magen. Links ganzer Körper schien sich zu spalten, seine Narben an jenen Stellen schienen sich wieder zu öffnen. Und noch einige Male krachte die Faust gegen seinen Körper. Link spuckte Blut. In diesem Moment ließen die zwei Widerlinge ihn los und der junge verwundete Mann landete mit dem Gesicht nach unten auf dem kalten Boden, krümmte sich, spürte den Drang sich zu übergeben und wollte vor Schmerzen schreien. Er spürte, wie Füße auf ihm herum trampelten, auch wenn nur undeutlich, da die Schmerzen einfach unerträglich waren. War das die Rache dieses Teufels in der Kirche, weil Link verhindern wollte, dass die Leute in der Kirche unter seinen Bann fielen? Link war zu schwach, um noch klar zu denken oder weiterhin zu schreien… und ließ es einfach über sich ergehen. Ein Tritt gegen seinen Rücken. Ein Stoß an seine Schläfe und Link verlor das Bewusstsein…

 

Als Link seine Augen aufschlug, wurde er von einem unerträglichen hellen Licht geblendet. Er wollte sich mit einer Hand über den Kopf fahren… das war aber nicht möglich. Sein ganzer Körper fühlte sich so komisch, so taub an, und gleichzeitig quälten ihn Schmerzen, die er noch nie erlebt hatte. Er wollte einen klaren Gedanken fassen… auch das ging nicht. Link hätte nie gedacht, dass es solche Schmerzen gab.

Langsam kamen seine Erinnerungen jedoch zurück, folternd und hinterhältig. Die besessenen Kerle blitzten mit ihren verderbenbringenden Kräften vor seinen Augen auf, lachten und grinsten, schlugen zu… Diese übermenschlichen Kräfte. Dieser namenlose Hass in den rotglühenden Augen…

Langsam gewöhnten sich Links tiefblauen Augen an das Licht. Der junge Mann blickte um sich, sah weiße Wände, irgendwelche Apparate, die in Krankenhäusern üblich waren. Und da wusste er auch endlich, wo er war. An seinem rechten Arm befand sich eine Kanüle. Oh Mann, er hing sogar am Tropf. Er wollte wach bleiben, aber dann überkam ihn wieder eine unhaltbare Müdigkeit.

Nach einigen Stunden öffnete er dann wieder seine Augen und bemerkte, dass fremde Leute in dem Raum standen. Leute in weißen Kitteln, Ärzte und Schwestern. Sie bekamen nicht mit, dass Link zuhörte. „Nun, er hat einige Rippenbrüche und innere Blutungen, aber so schlimm wie er aussieht, ist es ,Gott sei Dank‘ nicht. Er wird keine bleibenden Schäden davontragen. Obwohl, wenn er immer noch in der Gasse liegen würde, er wohl mächtige Schwierigkeiten bekommen hätte.“

Und tatsächlich sah Link übel aus. Sein Gesicht übersät mit blauen Flecken und Schnittwunden und Beulen. Und die Schmerzen hörten gar nicht mehr auf. Er war noch nie im Krankenhaus gewesen und noch nie so schwer angeschlagen…

Dann erkannte er aus dem Stimmengewirr im Raum noch zwei weitere Stimmen. Dr. Dar Gordon musste anwesend sein und unterhielt sich mit Naranda Leader. Was machte die Besitzerin des Antiquitätenzentrums hier?

„Dar, ich… um Himmels Willen, ich hätte nicht gedacht, dass er Link erkannt hat. Nur gut, dass ich noch einmal joggen gegangen bin. Ich habe ihn in einer Gasse liegen sehen und Blut tropfte aus einer Wunde an seinem Bauch. Verdammt, wir können ihn nicht länger im Unklaren lassen. Sag’ hast du Ines und Zelda schon Bescheid gegeben.“

„Ja, das habe ich. Ines meinte, Zelda sei vor Schreck zusammengebrochen… kein Wunder bei alledem…“

„Wir müssen seine Familie verständigen, auf schnellstem Wege.“

„Ja. Falls Link aufwacht, erklär‘ ihm bitte, was geschehen ist. Ich verständige seine Familie.“ Dar ging aus dem Raum. Link wollte keine Erklärungen, er wollte nur seine Ruhe haben. Er tat weiterhin so, als würde er schlafen, bis alle Anwesenden verschwunden waren. Das Licht wurde ausgeschaltet. Dunkelheit erfüllte den Raum und Link hieß sie äußerst willkommen.

 

Am frühen Morgen kamen als erstes einige Schwestern herein. Link war wach und das erste, das er wissen wollte, war, um welchen Tag es sich handelte.

„Nun ja, Jungchen, wir haben Sonntag.“

Link fiel aus allen Wolken. „Was?“ Er wollte sich aufrichten, wurde für dieses Verhalten aber zugleich wieder bestraft. Seine Verletzungen spielten nicht mit.

„So wir schaffen dich jetzt auf ein Zimmer. Du liegst jetzt schon seit einigen Tagen auf der Intensivstation, Jungchen.“ Na, die Schwester konnte wohl nichts erschüttern. Sie wirkte ein wenig übereifrig mit ihrem gewichtigen Äußeren, den schwabbeligen, riesigen Händen und dem breiten Grinsen im Gesicht.

„Jungchen“, Link verfluchte dieses Wort. „Du hast Besuch. Wirst erwartet.“ Sara, seine Eltern und einige andere Gesichter waren sicherlich hier und hatten sich schreckliche Sorgen gemacht. Die Schwestern schoben Links Bett aus dem Zimmer, den Gang entlang, in Richtung Fahrstuhl, wieder einen langen Krankenhausflügel entlang, in ein Einzelzimmer, wo bereits einige Leute standen. Das Gesicht seiner Mutter würde Link nie wieder vergessen…

Tränen standen in ihren Augen. Link versuchte zu grinsen… klappte aber nicht wirklich.

„Hab‘ ich denn immer noch Hausarrest?“, seufzte Link zur Begrüßung, überrascht, wie schwach seine Stimme doch klang.

Seine Mutter lächelte mit den Tränen in den Augen und lachte erheitert auf. „Ach mein Schatz, was machst du denn für Sachen?“ Sie trat näher und wollte ihn umarmen.

„Mum, nicht. Das tut weh!“

„Ja, natürlich.“

Sara, Rick und sein Vater waren ebenfalls anwesend. Aber Link hatte eigentlich gehofft, hier ein anderes Gesicht zu sehen.

„Mensch Link, ich frage mich die ganze Zeit, was eigentlich passiert ist!“ Rick schien vollkommen entgeistert zu sein. „Du lässt dich doch sonst von niemandem vermöbeln.“ Seine braunen Augen starrten Link eindringlich an.

„Wenn ich dir ernsthaft sagen würde, was geschehen ist, würdest du es mir sowieso nicht glauben.“ Bei diesen Worten schenkte Link Sara einen vorwurfsvollen Blick. „Andere glauben mir doch ebenso wenig.“

Link lehnte sich zurück und seufzte. Das Sprechen kostete unheimlich an Kraft.

„Na egal, Link“, meinte Rick. „Hauptsache es geht dir bald wieder besser. Die Schmerzen sind wohl unerträglich.“ Link nickte. Eine Pause entstand.

„Naranda Leader hat mich gefunden… welch‘ Glück.“

Nun mischte sich auch sein Vater in das Gespräch ein. „Ja, Dr. Dar Gordon hat uns alles erklärt. Du wurdest ganz schön übel zugerichtet. Warum eigentlich und von wem? Wenn du die Kerle noch im Gedächtnis hast, müssen diese sofort angezeigt werden!“

Aber Link seufzte ein klägliches Nein, auch, weil er selbst nicht richtig glauben konnte, was passiert war. Er war von merkwürdigen zwielichtigen Gestalten zusammengeschlagen worden. „Ich wusste zu viel, und doch zu wenig, um es zu verhindern“, war seine Ausrede. „Hat eigentlich der Gottesdienst in der alten Kirche schon begonnen?“

Sara zuckte mit den Schultern und sagte leise: „Ja.“

Link schaute seufzend aus dem Fenster. Er begriff langsam, dass sein Einmischen in die Ereignisse nicht der einzige Grund war, dass er überfallen wurde. Man wollte ihn aus dem Weg haben. Ganz sicher. In nächster Zeit müsse er sehr vorsichtig sein.

Seine Eltern, Sara und Rick blieben noch eine Weile und verabschiedeten sich dann. Es würde noch mehr geschehen. Ja… und Link würde bald den Grund kennen, weshalb der dunkle Schatten ihm diese Qualen bereitete.

 

Während die Zeit verfloss, überlegte Link, was er sinnvolles tun könnte. Er machte sich Gedanken um die Menschen, die gerade jetzt den Worten dieses Priesters lauschten. Wie war doch sein Name? Drokon? Er versuchte sich aufzurichten, um aufzustehen. Seine Beine baumelten schon halb aus dem Bett. ,Na gut, vielleicht schaffe ich das ja.‘ Er taumelte benommen, begleitet von Schweißausbrüchen, zu dem Schrank, in dem seine Klamotten hingen. Link hechelte geradezu. Verdammt, er hatte seine ganze Kraft verloren… wie als hätte man sie ihm ausgesaugt. Er schaffte es nicht ganz zum Schrank, nur zum Tisch, wo er dann seinen Körper auf den wackligen Armen abstützte.

„Verdammt… ich kann nichts tun. Ich muss diese Menschen doch irgendwie warnen.“

Eine kleine Hand tippte ihn von einem Moment auf den anderen von hinten an. Ein nächster Schweißausbruch überkam den schwächlichen Helden, bis er eine bekannte Stimme vernahm. „Hallo, Linky. Wie geht’s denn so?“ Das kleine Mädchen mit den geflochtenen Zöpfen, das ihn vor einigen Tagen genervt hatte, stand urplötzlich im Raum. ,Das gibt’s doch nicht‘, dachte Link. Die Tür war doch gar nicht geöffnet worden.

„Du musst zurück ins Bett, du kleiner Idiot“, sprach sie warnend. ,War das zu fassen, die spielte sich auf, wie seine Mutter‘, dachte er. 

Link tat dennoch wie ihm geheißen, quälte sich zurück ins Bett und gähnte: „Also gut, du kleine Göre. Wer bist du eigentlich?“

„Ich habe keinen Namen in dieser Welt. Mir hat keiner einen gegeben.“

Link schüttelte ungläubig den Kopf. „Jetzt hör‘ mal zu. Ich will nicht noch ganz durchdrehen, ja. Du sagst mir jetzt, wer du bist oder ich flippe aus.“ Link klang überraschend laut.

Das kleine Mädchen setzte eine breite Schnute auf. „Scheint dir besser zu gehen.“

Link verleierte die Augen. „Also, Linky, ich bin eigentlich nur hier, um dir mitzuteilen, dass in der alten Kirche nichts vorgefallen ist. Die Menschen sind wohl auf, da du Drokon irgendwie einschüchtern konntest. Ich kenne dich, mein Freundchen.“ Ihre kleinen Kinderaugen wirkten groß und rund, fast unwirklich- wie die Augen einer Comicfigur. Aber sie kicherte. Dann hüpfte sie um das Bett herum.

Link grinste leicht, beruhigt durch diese positiven Nachrichten und ließ sich fallen. Aus irgendeinem Grund glaubte er dem Mädchen und wusste auch, dass sie keine gemeinen Absichten hatte. Ihre Aura war warm… und tröstend. „Ich wünschte, es wäre jetzt eine andere Person hier. Aber sie hat mich wohl die ganze Zeit nur ausgenutzt…“, meinte Link widerwillig und ärgerte sich gleichzeitig, dass er es gesagt hatte. 

Das Kind hörte auf mit seinem ausgefallenen Sprüngen, blieb stehen und sagte: „Zelda hat einen Kreislaufkollaps wegen dir und hat die ganze Zeit geschlafen, wie du. Tja, ihr seid eben Seelenverwandte im doppelten und dreifachen Sinn. Sie wird dich schon irgendwann besuchen kommen. Sie braucht dich, genauso wie du sie.“

Link war so erstaunt, dass ihm die Worte in der Kehle stecken blieben. Er wollte sich aufrichten, doch da war das Mädchen schon wieder verschwunden. War sie so was wie ein Schutzengel? Link hatte irgendwie das komische Gefühl, sie beobachtete jeden seiner Schritte.

 

Es war schon weit nach Mitternacht, als leise die Tür in Links Zimmer geöffnet wurde. Eine dunkle Gestalt trat herein, die einen Umhang trug, der noch schwärzer als die Nacht zu sein schien. Sie setzte sich auf einen Stuhl, direkt neben dem schlafenden Helden. Die Person streichelte über Links Gesicht, der leise unverständliche Worte murmelte und strich dann seine Haarsträhnen aus dem Gesicht. Die Gestalt blieb noch eine Weile sitzen, faltete ihre Hände in einer eigenwilligen Gebetshaltung und beobachtete den Verwundeten. Dann schenkte sie ihm einen kleinen Kuss auf die Stirn. Schließlich ging die Gestalt wieder aus dem Raum und schloss vorsichtig die Tür…

 

Einige mühselige Tage gingen vorüber. Link verfolgte jeden Tag die Nachrichten und war mit jedem weiteren Bericht des Nachrichtensprechers irritierter. ,Irgendetwas schien auf der Welt nicht mehr zu stimmen‘, dachte er. Denn in den Nachrichten kamen nur noch Berichte von einer Katastrophe nach der anderen. Der Meeresspiegel stieg in den letzten Tagen so drastisch, dass viele Orte gänzlich verschwunden waren. Dürreperioden, Erdbeben, unheimlich starke Regenfälle auf der ganzen Welt. Heuschreckenplagen, ausgetrocknete Flüsse, Seen, in denen tote Fische die Oberfläche zudeckten. In den Nachrichten redeten einige schon vom Tag des Jüngsten Gericht. Aber nicht nur Mutter Natur schien ihre Kraft verloren zu haben. Auch die Welt der Menschen, mit ihrer modernen Technik, ihrem Fortschritt… alles ruderte auf ferne Ufer zu. Die Zahl der Flugzeugabstürze nahm in den letzten Wochen unleugbare Ausmaße an. Seltsame Todesfälle häuften sich. Menschen wurden wahnsinnig und redeten von einem Teufel, der bald die Herrschaft an sich reißen würde. Einbrüche, Überfälle, Attentate auf wichtige Leute in der Politik geschahen immer öfter… Link fragte sich, ob er der einzige Mensch in seiner Umgebung war, der bemerkte, dass das nicht mehr normal sein konnte. Es kam ihm beinahe so vor als geriet die Welt aus dem Gleichgewicht…

 

Frustriert hämmerte er dann auf der Fernsehbedienung herum, knipste die Kiste aus und knallte die Fernbedienung auf den Nachttischschrank. Etwas traurig und gelangweilt ließ der junge Held seinen Blick schweifen, blickte hinaus aus dem Fenster, wo ihm die Sonne entgegen lachte. Ja, er war sichtlich gelangweilt durch den Aufenthalt hier, steckte seine Hände hinter den Kopf und wollte eigentlich nur noch raus aus diesen sterilen, toten Räumen. Aber ihm wäre nicht so traurig zumute, wenn die Person ihn besucht hätte, nach deren Anwesenheit es ihm verlangte. Er hatte sich so sehr gewünscht, dass Zelda ihn besuchen kam, dass sie ihm erklärte, weshalb sie sich so verhielt, aber… dies würde wohl Wunschtraum bleiben. Und allmählich siegten in ihm ein kleines Trotzgefühl und sein Stolz. Er wollte ihr nicht länger hinterherlaufen, sie nicht länger in Schutz nehmen für das, was sie tat. Er würde nicht länger ihr Trottel sein, mit dem sie spielen konnte. ,Dafür war er wirklich zu stolz! Und es gab wichtigeres‘, dachte er.

Link fühlte sich inzwischen wieder so kräftig, dass er bald nach Hause und dann wieder in die Schule gehen konnte. Es war ein gutes Gefühl für ihn, wenn der Alltag zurückkam und der junge Held würde den gewohnten Lauf des Lebens, den er vor einigen Wochen beinah gehasst hatte, endlich wieder genießen und auskosten. Musste immer erst etwas Schreckliches geschehen, dass er als Mensch verstand, wie gut und schön sein Leben doch war… 

Dann wurde Link jäh aus seinen Gedanken gerissen. Jemand klopfte an der Tür und trat dann in den Raum. Ines Schattener und Naranda Leader wollten Link Gesellschaft leisten. Die Frage schien nur, ob sie gegen seinen großen Dickschädel gewappnet waren…

„Was wollt ihr denn von mir“, fragte Link anstatt Hallo zu sagen. Es wunderte ihn immens, weshalb ausgerechnet die Direktorin nach ihm schauen wollte. Und bei dieser Naranda Leader hatte Link ohnehin immer ein komisches Gefühl gehabt.

„Nun, wir sind hier um dir einige Dinge zu erklären, Link“, sprach Miss Schattener und wirkte erneut sehr neben sich, wie damals, als sie nach Zelda gesucht hatte. Sie wirkte erschöpft und abgearbeitet. 

Irritiert und gleichzeitig gelangweilt sah Link drein. „Wozu wollt ihr mir etwas erklären?“, sprach er genervt. Links Blick verriet nur Kälte. Seit dem Vorfall war er geradezu eisig geworden und er hatte nicht gerade Lust auf irgendwelche Erklärungen zu den Ereignissen, wo gewisse Leute ohnehin nicht mit ihm reden wollten.

„Ich habe hier deine Entlassungspapiere“, meinte Ines.

Nicht einmal dadurch änderte sich der ernste Blick in seinen Augen.

„Also…“, Naranda wollte zu einer Erklärung ausholen.

„Erspart mir das. Es interessiert mich nicht. Verschwindet wieder.“ Kurze, aussagekräftige Sätze aus Links Mund, die Naranda und Ines fast zum Schweigen gebracht hätten.

„Es geht aber um dich, Link“, setzte Ines hinzu.

„Wie schön“, sagte der Jugendliche ironisch, „Dann wird es ja wohl für euch nicht von Bedeutung sein.“ Miss Schattener konnte nicht glauben, dass tatsächlich Link vor ihr saß. Seine Augen bebten fast vor Wut und Zorn. „Glaubt ihr wirklich, ich hätte Interesse an euren dummen Erklärungen. Nichts davon kann mich noch überraschen. Nichts davon hat für mich einen Sinn, was immer es auch sein möge. Ihr freut euch doch über jedes Geheimnis, das ihr vor mir verbergen könnt, selbst wenn es mich betrifft.“ Nun ging Link zu weit.

„Link, wir…“ Naranda kramte einen riesigen Beutel hervor. „Darin sind einige Dinge für dich. Du wirst sie gebrauchen können.“

„Das brauche ich nicht. Nimm‘ es wieder mit.“ Naranda blickte verzweifelt drein, stellte die große Tasche dennoch in eine Ecke und ging dann auf die Tür zu bis sie dahinter verschwunden war.

„Zelda hat sich schreckliche Sorgen um dich gemacht“, murmelte Ines.

Aber Link fing daraufhin an zu lachen. „Zelda. Wer war das gleich noch mal? Ach ja, dieses komische kleine Biest, dem es unheimlichen Spaß macht andere auszunutzen. Und es dann nicht einmal fertig bringt mich zu besuchen. Das Prinzeschen fühlt sich wohl standesgemäß nicht in der Lage sich mit niederem Volk wie mir abzugeben.“

Ines ging haltlos auf ihn zu und gab ihm eine saftige Ohrfeige. Erst jetzt sah Link Tränen in den Augen der stolzen Direktorin. „Zelda hat das alles nur getan, um dich zu schützen… Ich weiß, dass es unwahrscheinlich verletzend ist, dass sie sich dir gegenüber so abgrenzt, aber sie tut das nicht aus Eigennutz. Sie hat es nicht verdient, dass du so über sie redest.“ Ines ging mit verzweifelten Augen aus dem Raum.

Link stattdessen tat so, als wären sie beide nie hier gewesen, telefonierte mit seinen Eltern, die ihn dann gleich abholten und genoss es, dem Krankenhaus Lebewohl sagen zu können.

 
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