Kapitel 1.17
 
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Kapitel 17: Kämpferherz

 

 

Links erster Schultag begann. Als er, ausnahmsweise pünktlich, in das Klassenzimmer trat, schauten ihn einige Leute wissbegierig an. Sie studierten ihn von unten bis oben… Aber Link sah genauso aus, wie sie ihn in Erinnerung hatten. Sein blondes, wildes Haar hing struppig bis in seine tiefblauen Augen. Er war etwas blässer als vor Wochen, aber keine der üblen Verletzungen oder irgendein Medikament hatten an seinem schlanken Körper Spuren hinterlassen. Er sah erholt aus, blickte sich neugierig in dem Raum um. Dann wanden sich die Schüler wieder ihren Tätigkeiten zu. Doch in dem Klassenzimmer war etwas ungewöhnlich. Hinten an dem Fenster saß eine Person, die Link hier nicht erwartet hatte. Ein blondes, hübsches Mädchen mit einem Engelsgesicht, das ihn dazu brachte, alles für sie zu tun. Als sich ihre Blicke kreuzten, sah Link gleich wieder weg und tat so, als ob sie gar nicht existierte. Er war höllisch sauer auf sie… 

Zelda seufzte kurz und blickte dann aus dem Fenster. Im Grunde genommen hatte sie genau das erreicht, was sie wollte. Link sollte sich von ihr abwenden, sollte sich in dieses Schicksal nicht einmischen und endlich das Leben führen, das ihm zustand. Er sollte glücklich werden, frei sein…

Dennoch, Link erwischte sich selbst dabei, wie er sie manchmal einfach ansah und immer, wenn sie seinen Blick spürte und sich zu ihm drehte, schaute er wieder in eine andere Richtung. ,Es war besser so‘, dachte Zelda. Link würde ebenso denken, wenn er die Wahrheit kennen würde, die Wahrheit über sie beide und die Wahrheit über ihr grausames Schicksal, jenem Teufelskreis von Wiedergeburt und Kampf. Er würde auch nicht wollen, dass ihr etwas zustieß. Aber Zelda war dankbar und mehr als beruhigt, dass es ihm wieder so gut ging.

Die Glocke ertönte und die krummnasige Lehrerin schrieb hastig einige Daten der Geschichte an die Tafel. Dann drehte sie sich um und sagte: „Also, meine lieben Schüler. Nun werde ich euch in Gruppen aufteilen. Zwei Leute arbeiten an einem Thema ihrer Wahl. Ich gehe jetzt mit einem Beutel herum und jeder zieht ein Los.“

Miss Krummspecht, die in Links Augen tatsächlich eine krumme Nase hatte, lief durch die Reihen. Als Link in den Beutel fasste und ein Los in der Hand hielt, überlegte er es sich plötzlich anders und griff nach dem nächsten. Er zog es heraus und schaute darauf. „Nummer sieben… na dann.“

Als alle Leute ein Los besaßen, kehrte die Lehrerin nach vorne zurück und meinte: „Also, meine werten Schüler. Findet euch bitte in den Gruppen zusammen und überlegt euch ein Thema aus der Geschichte. Ich brauche unbedingt noch eine Note von euch und da glaube ich, ist das eine gute Lösung. Ihr habt dafür aber nur wenige Wochen Zeit.“

Alle Schüler suchten nach ihrem Partner, ebenso Link. Doch niemand hatte die Nummer sieben. Konnte es sein? Links Blick fiel zu einem blonden Mädchen, welches trübsinnig auf ihrer Schulbank saß und gedankenverloren aus dem Fenster schaute. Ja, Link wusste, sie liebte den Himmel, selbst, wenn er wie heute grau war und die Sonnenstrahlen die Erde nicht bedecken konnten.

,Was war nur los mit ihr, dass sie sich so verhielt… so distanziert… so kühl… als wollte sie sich selbst bestrafen‘, fragte er sich. Und in dem Moment kam ihm das erste Mal der Gedanke, dass Zelda sich den Grund für ihr Verhalten, den Grund für ihre Distanz nicht aussuchte. Sie wirkte so einsam, als ob sie Abbitte leistete und Link deshalb aus dem Weg ging…

Rick klopfte ihm auf die Schulter und riss ihn aus seinen Gedanken. „Was hast du für eine Zahl?“

„Sieben.“

„Wirklich? Darfst dreimal raten, wer die andere sieben hat.“ Ricks Blick wanderte zu Zelda, die immer noch aus dem Fenster sah.

„Auch das noch“, seufzte Link. Ob er vielleicht mit jemandem tauschen konnte, aber die anderen waren mit ihrem Partner ganz zu Frieden. Besonders Rick, der mit Maron zusammen arbeiten durfte.

Ihm blieb nichts anderes übrig, als sich auf dem freien Platz neben ihr zusetzen. Ganz zögerlich zog er den Holzstuhl zur Seite, räusperte sich, und ließ sich auf dem Platz nieder. Er wollte etwas sagen, aber wusste nicht, wo er anfangen sollte. Sie reagierte nicht auf ihn, tat ebenso, als wäre er gar nicht anwesend. Die Stimmung zwischen ihnen war geradezu unerträglich. Alle Schüler redeten wild durcheinander. Link und Zelda aber blieben stumm, während sie aus dem Fenster starrte und Link so tat, als würde er sich ein Thema überlegen.

„Ich werde Ines bitten, dass sie mir ein Thema vorschlägt“, murmelte sie schwach. 

„Sag’ Bescheid, wenn… wenn du eins hast.“

„Gut.“

„Gut“, sagte Link, als er aufstand und in Richtung Tür lief. Die Pausenglocke ertönte.

 

Im Pausengang wurde Link von Rick und Sara aufgehalten. „Sag’ mal, Link. Zelda verhält sich komisch. Kannst du nicht mal mit ihr reden?“

„Sie und ich sind keine Freunde mehr. Sie will nichts mit mir zu tun haben.“

„Was, aber wieso denn?“, fragte Sara aufgeregt. Ihr fiel fast die Kinnlade herunter, weil sie das nicht verstehen konnte.

„Was fragst du mich das… Sieht nicht jeder, dass sie ein Problem mit mir hat… Lasst mich einfach in Ruhe…“ Genervt stapfte der junge Held weiter. Rick rief ihm noch etwas hinterher, aber Link winkte ab und ging in schnellen Schritten in die Aula und dann nach draußen. Er fühlte sich so mies, dass er am liebsten stehen geblieben wäre und seine Sorgen herausgebrüllt hätte. Warum eigentlich nicht? Link blieb in der Aula des Gymnasiums stehen, streckte seine Arme nach oben und ließ einen lauten Schrei los. Alle Schüler drehten sich um… aber Link interessierte es nicht. Rick und Sara sahen sich bestürzt an und schüttelten dann ratlos die Schultern.

 

Zelda saß immer noch im Klassenzimmer. Als Sara in den Raum eintrat, wischte sie einige blasse Tränen beiseite. „Sag’ mal. Was ist zwischen euch beiden vorgefallen?“

„Es ist meine Schuld…“

„Jetzt hör‘ auf dich zu bemitleiden. Was ist deine Schuld?“

„Ich habe mich von ihm abgewiesen.“

Sara verstand einfach nicht den Grund dafür. „Aber Link braucht dich.“ Sara sah nur zur Seite, während Zelda erschrocken über ihre Worte aufsah…

„Vielleicht solltet ihr einfach mal über das Geschehene reden. Das ist immer die beste Medizin. Egal, was passiert ist, es kann doch nicht so schlimm sein, dass ihr tut, als wärt ihr Fremde.“ 

Zelda umgriff ihre Arme. „Es ist so schlimm, dass wir gezwungen werden, selbst tiefe Empfindungen zu ignorieren. Ich kann nicht zulassen, dass er sich in meiner Gegenwart in Gefahr bringt“, sagte Zelda schwach, stand auf und verließ blitzartig den Raum.

Sara lächelte schwermütig, aber ein neckischer Funken in ihren graublauen Augen trat an die Oberfläche. Sie konnte Zeldas Handlungen ganz genau nachvollziehen und verstand mehr als sie zugeben durfte, aber so, wie es im Augenblick war, konnte sie die Situation zwischen Link und Zelda nicht stehen lassen. Sie liebte ihren Bruder viel zu sehr, als dass sie bei diesem Liebeskummer zu sehen konnte. Irgendwo in den verschlagenen Ecken ihres Gehirns arbeitete es, und Sara würde sich einen Plan ausdenken, wie sie die beiden wieder zusammenbrachte. ,Na warte, meine Liebe. Wenn ihr nicht miteinander reden wollt. Dann werde ich eben dafür Sorge tragen. Ich bring’ euch schon zusammen. Das sag’ ich euch‘. Zufrieden setzte sie ein stolzes Grinsen auf und schritt aus dem Raum in Richtung Park.

 

Währenddessen trat an einem anderen Ort eine dunkle Gestalt, schlank, schwarze Lederkleidung von unten bis oben, in das alte Kirchengebäude hinein, das nur wenige Lichtstrahlen in den großen Saal ließ, als wäre die Finsternis persönlich zugegen. Die Gestalt warf ihren Umhang zurück. Und dann konnte man ein schmales, spitzes Gesicht erkennen, aus dem kalte Augen hervor starrten, die keine Regenbogenhaut, geschweige denn einer Pupille besaßen. Blonde lange Haare fielen ihren Rücken herunter. Sie nuschelte mit einer Stimme, die Zeldas Stimme unheimlich ähnlich klang: „Ich bin zurück, Meister.“

Erhobenen Hauptes ging sie in Richtung Altar, schritt majestätisch vorwärts, wo ein Diener des dunklen Fürsten mit Seilen aufgehängt, um Vergebung winselte.

„Drokon“, lachte sie, als wahnsinnige Augen seinem Todeskampf interessiert zu sahen. „Hast du unseren Herren enttäuscht und des Gefängnis der Finsternis nicht erbauen können? Haha… du bist ja so erbärmlich.“ Der Priester sah kurz auf. Violettes Blut tropfte aus seinem Mund, während sich die Seile immer enger um seinen Körper wanden- von schwarzer, zorniger Magie.

Plötzlich drang noch ein weiterer Schatten in die Kirche, wie eine pechschwarze Wolke, brennend und erstickend, übertünchte jene die Lichtspiele der spärlichen Sonnenstrahlen, bis aus dem Rauch eine große Gestalt heraustrat. Mit stapfenden Schritten stolzierte ein Hüne von einem Mann näher an die Untergebene. Genüsslich zog er an ihren langen, aschblonden Haaren, bekundete seine Anwesenheit, und lehrte seinem Volk Demut. Das blonde Weib seufzte: „Meister. Ich bringe Nachrichten. Link hat den Überfall überstanden.“

„Hätte mich auch gewundert, wenn es anders gewesen wäre, Zarna. Was sonst?“ Er umfasste die Kehle der Dämonenkriegerin zugleich zärtlich als auch brutal. Sein kalter, starker Körper presste sich an ihre schlanke, beinahe zierliche Gestalt. „Wird mein Plan diesmal funktionieren und des Gefängnis der Finsternis fertiggestellt werden? Sonst ergeht es dir wie Drokon.“ Und Zarnas neblige Augen schwenkten hinauf zu dem Mönch, der versagt hatte, der seinem Meister nicht bringen konnte, was er brauchte. Der Priester quälte sich, ja, er quälte sich am Rande des Todes, faszinierend und erschreckend zugleich. 

„Sieh‘ hin, Weib… hast du je eine Kreatur sterben sehen?“, sprach er in ihr spitzes Ohr.

„Noch nie… mit dieser Eleganz“, sprach sie fasziniert.

„Das war eine hervorragende Antwort, Zarna“, zischte er. Er leckte mit seiner pelzigen, trockenen Zunge über ihre Wange und sie genoss es.

„Willst du mehr sehen?“, sprach er amüsiert.

Sie kicherte und biss sich auf ihre Lippen. Sie hatte spitze Zähne, weiß und raubtierähnlich.

„Sieh‘, Zarna, und genieße…“ Und in den Lüften tanzte ein Dolch, spielerisch, kontrolliert von dem Dämon, der kein Gefühl mehr für Leid und Schmerzen anderer besaß. Ganz langsam ließ er den Dolch an der Kehle des Priesters entlang laufen, bis schwarzes, dickflüssiges Blut aus seiner Kehle drang, wie Lava aus dem Boden. Drokon röchelte, leiser und leiser, bis er schließlich erstickte.

Zarna applaudierte, trat wahnsinnig grinsend näher zu Drokons lebloser Hülle und kniete nieder. Sie berührte mit ihren Fingerspitzen sein Blut, kostete davon. Es war Genuss für sie in höchster Form…

„Zarna. Der nächste Zielort ist das Gebäude, wo so viel ruht, was Menschen besitzen wollen…“, sprach ihr Lord. 

„Ja, das Einkaufszentrum.“

„Auch dort werden wir suchen nach dem Keim, der in die Köpfe schwacher Seelen gelegt werden kann… die Verseuchung hat oberste Priorität…“

Zarna verbeugte sich, sodass ihre blonden, langen Haare, strohig, über ihre Augen fielen. „Lord, darf ich nun diejenige sein, die den einstigen Helden quält… Darf ich ihn benutzen und foltern… Er ist ein herrliches Spielzeug, ich will ihn haben.“ Sie kicherte und drehte sich wie eine Puppe um ihre eigene Achse.

„Ja, peinige ihn… Er sei dein Spielzeug. Wenn sein Wille erst einmal gebrochen ist, wird er leicht zu beseitigen sein.“ Als sie kicherte, dankbar und ergeben, trat er noch einmal näher, packte sie energisch an ihrem Genick, riss sie mit einer brutalen Geste herum und fixierte sie. „Du bist das perfekte Ebenbild der Prinzessin… nutze diesen Vorteil“, sprach er raunend, worauf sie grinste. Zufrieden blickte sie mit ihren leeren Augen in die glühend roten ihres Meisters. Er leckte sich über seine Lippen, ließ seinen rechten Zeigefinger über ihre dicke, blutrote Oberlippe wandern. Zarna hatte sich vorher so sehr gebissen, dass ihre Lippe blutete. „Blutrot ist auch die Nacht, die kommen wird, dann, wenn wir erfolgreich sind“, sprach er lüstern. 

Die dunkle Kriegerin wischte sich dunkles Blut von der vollen, roten Lippe, ging aus dem Raum, als das Monstrum ihr hinterher warf: „Und finde endlich Zeldas Aufenthalt… Wenn die Zeit gekommen ist, wirst du mit deinem Antlitz Zeldas Platz übernehmen.“ Zarna drehte sich nicht um und verschwand. Dann lachte der Unmensch in der Kirche laut, selbstherrlich und siegessicher, dass die Wände schallten und die letzten Kerzen am Altar erloschen…

 

Als die letzte Schulstunde sich dem Ende zuneigte, war Zelda die erste, die aus dem Raum verschwunden war. Sie ertrug Links Anwesenheit nicht mehr, fühlte sich kläglich und fühlte, wie die Tränen in ihren Augen brannten. Sie lief den Gang entlang, ging die Treppen hinab und rannte aus dem Haupteingang der Schule. Mit zusammengekniffenen Augen kämpfte sie gegen den Druck, der ihr auf dem Herzen lag, versuchte die Gefühle für ihren Seelenverwandten zu unterdrücken, den Schmerz abzutöten…

Plötzlich hielt sie jemand an der Hand zurück. Sie ahnte bereits, wer hinter ihr stand. Er hatte sie immer wieder, wenn auch unbewusst, angestarrt. Er konnte einfach nicht anders, als sie zur Rede zu stellen. „Sag’ mir endlich, was los ist!“ Links Blick verriet Enttäuschung und Wut.

Zelda fühlte sich einfach nicht in der Lage, ihm die Erklärungen zu geben, nach denen er verlangte und wollte ohne ein Wort weiterlaufen.

Aber Link hielt sie immer noch zurück. „Sieh’ mich doch wenigstens an.“ Er sah Zelda ins Antlitz, doch sie schaute nur zur Seite.

„Ich kann nicht…“

Link hielt sie fest an den Armen und bemerkte in seinem Wahn nicht, dass er immer fester zudrückte.

„Link, du tust mir weh.“ Vor Schreck über diesen Satz ließ Link los und stand festgemauert am Eingang, während Zelda ohne ein Wort weiterrannte. Link verstand nicht, was in ihn gefahren war. Dieses Mädchen kannte er vielleicht gerade einmal zwei, drei Monate, hatte nichts weiter als eine angenehme Woche mit ihr verbracht und das zu einem Zeitpunkt, als sie sich nicht erinnern konnte. Was erwartete er denn? Dass sie beide ab jetzt und für alle Zeit immer wieder beieinander waren? Hatte er tatsächlich geglaubt, sein Leben würde Sinn machen, sein Leben hätte einen Nutzen, nun da sie hier war? Nein, beantwortete er sich die Fragen selber in Gedanken. Er konnte nicht ernsthaft von seinen Träumereien ausgehen, hoffen, dass für Zelda es genauso war. Er konnte sie eigentlich nicht kennen, nicht nach so kurzer Zeit und sicherlich nicht auf diese Weise, wie er es sich ausgemalt hatte. Sie war dennoch eine Fremde, ein hübsches, und kompliziertes Mädchen, aber mehr auch nicht. Vielleicht hatten sie eine gute Basis gehabt, vielleicht war etwas zwischen ihnen. Aber Link musste die Realität endlich akzeptieren. Er hatte sie nur zufällig in den Wäldern gefunden. Das war Fakt, das war Realität. Hatte er wirklich geglaubt, diese Ereignisse der letzten Wochen waren außergewöhnlich? Vielleicht hatte er mehr gesehen als er sehen wollte…

Er schleppte sich nach Hause und begann alles, was er geglaubt hatte, in Frage zu stellen. Er leugnete, dass er Zelda kannte, dass er sie brauchte. Warum nur tat es so höllisch weh, dass sie taten, als wären sie sich nie begegnet…

Als Link nach Hause kam, stand das Mittagessen bereits auf dem Tisch. Aber er hatte keinen Hunger und ging gedankenverloren in sein Zimmer. Der Beutel mit irgendwelchen Gegenständen von Naranda Leader, der rothaarigen, vollbusigen Schönheit, stand immer noch in seinem Zimmer. Jetzt würde er doch mal einen Blick hineinwerfen. Das lenkte ihn wenigstens von dem Gedanken an Zelda, Zelda und nochmals Zelda ab. Für einen Moment hatte er den Wunsch wieder ,Ocarina of Time‘ zu spielen, entschied sich aber dagegen, denn auch das Spiel erinnerte ihn selbstverständlicher Weise an Zelda.

Er nahm den riesigen, fast kindsgroßen Beutel und wunderte sich, wie schwer er doch war. Oh Mann! Was hatte Naranda dort nur hineingepackt? Die Tasche fühlte sich an, als wären Tonnen von Stahl darin gelagert. Link hatte gar nicht so unrecht, was er selbst gleich sehen sollte. Er öffnete die Schnalle und warf einen Blick hinein. Aber seine Neugierde sollte sich auf eine bemerkenswerte Weise in Entsetzten und Wahnwitz wandeln.

„Nee jetzt“, entkam seinem offenstehenden Mund. Link wäre vor Schock gleich explodiert. In der riesigen Tasche befand sich ein Schwert, umhüllt von einer dunkelbraunen, leicht verschlissenen Schwertscheide, außerdem einige Dolche zum Umschnallen, einige Wurfsterne und diverse andere Gegenstände. Links Augen wurden immer größer. ,Das gibt’s doch nicht‘, dachte er und glaubte, er würde das erste Mal in seinem Leben in Ohnmacht fallen. Was zum Teufel sollte er denn mit solchen Waffen?

Weiterhin lag ein Brief in dem Beutel. Aha, von Naranda. Link las den Brief sehr sorgfältig.

„Auch wenn du nicht verstehen wirst wieso. Aber diese Waffen sollen dir gehören. Du musst sehr vorsichtig sein. Dein Leben ist in Gefahr, also lerne mit ihnen umzugehen. Ich hoffe inständig, dass du den Umgang mit den Waffen lernen wirst. Also: Übe fleißig.“

Link konnte es einfach nicht fassen, hatte er nicht vor wenigen Minuten gehofft, er hätte sich die ganzen Ereignisse der letzten Wochen nur eingebildet? Und nun beauftragte ihn diese Naranda Leader, dass er lernen sollte mit mittelalterlichen Waffen umzugehen? Andererseits… und ein etwas heimtückisches Grinsen formte sich auf seinen ansehnlichen Gesichtszügen. Hatte er nicht immer den Drang verspürt ein Schwert zu schwingen? Diesen Rausch zu spüren, wenn die Seele der Waffe zischte? Zu wissen, wie es war in dieser Realität zu kämpfen? Mit einem Gedanken an seine Träume, in denen er immer wieder Waffen benutzte, änderte der junge Held seine Meinung schlagartig und würde damit sein Glück versuchen. Ohne mit der Wimper zu zucken, zog sich Link seine ältesten Klamotten an, schnappte sich den Beutel und ging aus dem Haus.

In den Wäldern könnte er bestimmt in Ruhe einmal ausprobieren, was in ihm steckte. Link kannte einige versteckte Orte in den Wäldern, auch einige Lichtungen, zu denen es niemals jemanden verschlug. Tja, die Leute hatten halt Angst sich zu verlaufen… und dies würde er sich zum Vorteil machen…

Am späten Nachmittag war Link dort angekommen, wo es ihn hin verlangte. Er stellte den Beutel ab und blickte sich in Ruhe um, genoss es hier zu sein, atmete die frische Waldluft ein und streckte sich. Er kannte diesen himmlischen Ort von früher, hier wo das Plätschern des Baches an seine Ohren drang, wo der Wind rauschend Melodien spielte und Vogelgesang die Stille vertrieb. Es war eine riesige, leuchtende Lichtung mit dichtgewachsenem Gras, auf der ein einzelner, großer Laubbaum in der Mitte stand. In den Ästen des alten Eichenbaumes, hatten Rick, Link und einige andere Knirpse einst ein Baumhaus errichtet, das immer noch existierte. Link lief darauf zu und kletterte wie in Trance eine leicht morsche Leiter hinauf. Überrascht, dass der Innenraum trotz allen so groß war, dass mindestens zwei Personen von seiner Größe hier Platz fanden, stieg er in das kleine Häuschen ein. In dem Räumchen lagen sogar noch zwei alte Decken. Wie lange war es her, dass er hier war?

Ohne Zweifel, die Wiese, der Baum mit dem Häuschen, hier war der richtige Ort zum Trainieren. Aber war dies wirklich richtig und warum tat er das? Aus welchem Grund wollte er mit diesen Waffen umgehen? Mit welchem Ziel? Um sich selbst etwas zu beweisen? Zu zeigen, dass er stark und mutig war? Um Zelda etwas klar zu machen? Oder tat er es einfach, um angestauten Ärger los zu werden? Er schüttelte den Kopf, entschied sich diese Grübeleien ruhen zu lassen und widmete sich seinem Vorhaben.

Neugierig auf seine eigenen Fähigkeiten sprang er aus dem Baumhaus, schnappte sich das Schwert aus dem Beutel und betrachtete es. Er schwang es einige Male im Stehen und es fühlte sich toll an.

„Was für ein Gefühl“, rief Link in die hohen Kronen der Bäume. Dann schwang er das Schwert einige Male horizontal, dann vertikal. Er hörte die Klinge durch die Luft schneiden, genoss das Vibrieren, das Flüstern der Klinge, den Rausch eines nahenden Kampfes… Einfach überwältigend war dieses Gefühl für ihn, erinnernd und so genial. Sein ganzer Lebenssinn steckte in dem Stahl einer Waffe, sein Wunsch von Nutzen zu sein, wurde durch diese edlen Waffen symbolisiert…

Dann vollführte er einige Kombinationen, ging einmal in die Hocke und ließ das Schwert knapp über den Boden sausen, rannte mit einigen Vertikalattacken nach vorne, rollte sich mit dem Schwert in der Hand über den Boden und stand dann wieder auf seinen Beinen.

Als er begriff, wie geschmeidig die Bewegungen, die Kombinationen, ihm von der Hand gingen und wie elegant sich sein Körper dazu bewegte, sah er verwirrt auf das Schwert in seinen Händen, und sah im blanken Stahl sein Spiegelbild leuchten. Dann blickte er auf seine Hände und schien noch irritierter über seine eben ausgeführten Attacken zu sein.

„Mein Gott… was hab’ ich getan“, war das einzige, was er noch sagte. Er studierte das Schwert… Er war sich sicher, wenn er wollte… könnte er tatsächlich kämpfen. Aber wo hatte er das gelernt? Lag’ es vielleicht im Blut? Und wenn ja, woher rührte sein Talent, seine Fähigkeiten? Gehörten diese Fähigkeiten wirklich zu ihm, zu seinem Schicksal, genauso wie die verblassende Freundschaft zu Zelda…

Link schob seine quälenden Gedanken einfach zur Seite, vergaß die Zweifel und übte weiter. Ständig versuchte er sich einen Gegner vorzustellen, um herauszufinden, wie man ihn angreifen würde und wie er parieren müsste. Link übte bis der Abend kam, bis zur Erschöpfung. Dann ließ er sich einfach in das Gras fallen und dachte nach…

Geistesgegenwärtig starrte er in den abendlichen Himmel. Die Wolken waren blutrot gefärbt, beinah leidvoll zogen jene schneller vorüber als sonst. ,War es das jetzt‘, fragte er sich. Und war das, was er hier tat, wirklich noch normal? War er nun dort angekommen, wo er hinwollte? Zu kämpfen mit legendären Waffen, seine Lebensenergie in etwas investieren, was grausam und doch anziehend und faszinierend war? Er grinste und lachte dann über sich selbst. Er richtete sich auf, fühlte sich ausgepowert, aber gut, und irgendwie wunderbar.

Etwas durchgeschwitzt sah sich der junge Held die anderen Waffen noch an. Die zwei Dolche konnte er sich gut umschnallen, was er im selben Augenblick tat- aus Sicherheitsgründen, sodass er sich im Notfall verteidigen konnte. Einen unter seine Hose um seine rechte Wade, einen um seinen Bauch unter sein grünes T-Shirt, so dass niemand die Waffen sah und er immer eine Waffe griffbereit hatte. Er nahm sich vor, jeden Tag zu trainieren.

,Jetzt bin ich vorbereitet und nun könnt ihr mich ruhig noch mal versuchen zusammenzuschlagen. Dieses Mal werdet ihr euer blaues Wunder erleben und selbst im Krankenhaus landen’, dachte Link.

Einige Wurfsterne steckte Link in seine Hosentasche. Die restlichen Gegenstände stellte er zusammen mit dem Schwert in das Baumhäuschen und verriegelte dessen Tür. Diesen Ort würde sowieso niemand finden. „Also dann. Ich bin bereit… für was auch immer…“, rief Link in die Schwärze der Nacht und verschwand dann aus den Wäldern in Richtung seines Elternhauses.

 

Sara und seine Mutter saßen am Abendbrottisch, als Link nun mit hungrigem Magen, gähnend in das Zimmer hineintrat. „Mann, du Hornochse, wo warst du denn die ganze Zeit?“ Sara klang echt vorwurfsvoll.

„Ich… ach, war im Wald.“

„Na dann, setz’ dich und iss‘ was.“

Link hatte den Eindruck Sara wäre eine Laus über die Leber gelaufen… na gut, vielleicht auch irgendwas größeres, so schlecht, wie die drauf war.

„Und dürfte ich den Herren, der keinen Wert auf die Zeit legt, fragen, was er in den Wäldern die ganze Zeit getrieben hat?“

„Ähm nichts…“ Link versuchte unschuldig zu lächeln. Was ihm gelang, aber Sara kannte ihn wohl zu gut.

Sie stand auf und stützte ihre Hände auf dem Tisch ab. „Mensch, Link…“

„Ich weiß, dass ich ein Mensch bin.“

Sara schnaubte wie ein wütender Stier. „Du kannst nicht mehr einfach so sorglos auf die Straße gehen. Man hätte dich beinahe umgebracht.“ Sara pflanzte sich wieder auf ihren Stuhl.

„Ach Sara, glaubst du, das weiß ich nicht. Deswegen kann ich mich aber doch nicht den ganzen Tag in meinem Zimmer einschließen. Außerdem gehe ich nicht sorglos auf die Straße.“

„Aber sorglos in den Wald.“

Link grinste. „Selbst das tue ich nicht sorglos“, sagte er, während er sich Hähnchenfleisch in den Mund stopfte.

„Iss‘ nicht so hastig, Link.“, sagte seine Mutter, die sich angesichts seiner Manieren vom Tisch begeben musste…

Sara sah Link ratlos an. „Was verschweigst du mir.“

„Ein Geheimnis.“

Na toll, das wusste Sara auch. „Link, bitte.“

Link, der sich den Bauch vollgeschlagen hatte und nun mampfsatt war, stand auf und ging die Treppen ins zweite Stockwerk hinauf. Seine kleine Schwester folgte ihm. „Also Sara, ich habe ein wenig geübt, mich selbst zu verteidigen…“

„Du hast was?“ Sara verstand nur noch Bahnhof. Link zeigte ihr dann die Dolche am Bauch und an der Wade.

Fassungslos stand Sara vor ihm. „Aber Link, du kannst doch mit solchen Waffen gar nicht umgehen.“

Link sah zur Seite. „Das habe ich am Anfang auch gedacht… aber dann…“ Link wusste, dass seine Fähigkeiten mit derartigen Waffen umzugehen, nichts mehr mit der Realität zu tun hatten. Er ahnte, dass er sehr bald wirklich kämpfen müsste. Er zweifelte an seiner eigenen Persönlichkeit, seinem Bewusstsein. „Sara, hör’ zu. Ich weiß den Grund nicht, aber ich glaube, mit diesen Waffen umgehen zu können.“

Sara lächelte und ihre blauen Augen schienen Verständnis zu zeigen. „Ach, mein Brüderchen… du warst immer schon anders als die anderen. Und nun ist es wohl soweit, dass du den dir vorgesehen Weg findest.“ Link konnte nicht glauben, dass Sara vor ihm stand. Sie wirkte so wissend, als könne sie Ereignisse vorhersehen. „Versprich’ mir auf dich aufzupassen, ja?“

Link nickte. Sara drehte sich um und meinte dann noch. „Link, du solltest Zelda nicht aus den Augen lassen. Du weißt ja, dass sie in Gefahr schwebt, auch wenn keiner weiß wieso, warum und weshalb.“

„Ich kann ihr nicht helfen. Sie…“

„Sie hat sicherlich ihre Gründe. Sie kann dir nicht ewig aus dem Weg gehen. Immerhin habt ihr doch das Schulprojekt zu bewältigen, und dabei zählt Teamarbeit.“ Link atmete tief aus und antwortete nichts darauf…

„Also, gute Nacht.“ Link wünschte ihr ebenfalls gute Träume und legte sich schlafen.

Aber diese Nacht konnte er einfach nicht schlafen. Überall im Zimmer sah er Zeldas bildhübsches Gesicht vor sich. Er wollte sie aufrichtig beschützen, vor den Dingen, die auf sie warteten. Er wünschte, sie würde sich ihm gegenüber nicht so distanziert verhalten. Aber wie konnte das sein? Er erinnerte sich daran, als er sie durchgefroren in den Wäldern fand, daran, als sie aufgewacht war und er das erste Mal ihre Stimme hörte. Er schwebte in Erinnerungen an die Zeit, die er mit ihr verbracht hatte. Seelenverwandte- ja, das mussten sie beide sein. Dann kamen Link mit einem Schlag Gedanken an den dunklen Schreckensfürsten in der Kirche in den Sinn… Wer war dieser Kerl nur? Es musste doch eine logische Erklärung dafür geben, dass er es schaffte, Leute so wie Maron unter seinen Willen zu ziehen. Es musste doch einen Sinn dahinter geben. Und warum sollte er gerade Link ausschalten wollen? Tausende Fragen entstanden in Links Kopf. Was hatte es eigentlich mit dieser Naranda Leader auf sich, die ihm diese Waffen schenkte? Wieso war Ines Schattener so besorgt um das Wohlergehen Zeldas? Und aus welchem verfluchten Grund schaffte Link es nicht diese Grübeleien abzuschalten? Schluss damit, befahl er seinen Hirnströmen, die aber mit keiner Silbe auf ihn hörten…

„Ich drehe noch durch“, flüsterte Link in die Dunkelheit seines Zimmers. Er wälzte sich im Bett hin und her. „Mist, warum kann ich einfach nicht schlafen, ich müsste doch müde sein.“ Link klopfte auf seinem Kopfkissen herum. Dann stand er auf und kramte in seinem Schrank herum. Wiederrum setzte er sich auf sein Bett, diesmal aber mit der Okarina in der Hand. Langsam führte er sie an seine Lippen und spielte, während er sich an die Wand lehnte. Irgendwie beruhigte das Spiel auf der Okarina. Er spielte das Lied, das Zelda ihm beigebracht hatte, als sie noch hier war. Welch’ schöne Melodie… Halbversunken in der Melodie, hörte Link im Hintergrund eine zweite Stimme, gespielt von den feinen Saiten einer Harfe. Die Melodie erklang in seinen Ohren, das Instrument erzählte ihm vieles… Link beendete sein Spiel, schloss seine Augen und schlief nun.

An einem anderen Ort saß Zelda bei purer Dunkelheit an der Harfe und nur ein kleines Kerzenlicht leuchtete in ihrem Zimmer, welches ihre Angst vor der Nacht verscheuchen sollte.

 
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