Kapitel 1.2
 

Kapitel 2: Kampf gegen Feuer und Eis

 

 

Zu Hause wartete Meira Bravery schon auf Link wegen des Mittagessens. Aber der siebzehnjährige Blondschopf hatte gar keinen Hunger, aß etwas, um den Eindruck zu erwecken, dass in seiner Welt alles in Ordnung war. Vielleicht war es das nicht, aber er sah keinen Grund andere mit seinen Gedankenwirrungen zu belasten und so verlief das Mittagessen mit Meira und Sara sehr harmonisch.

Nach dem Essen brachte er seinen dunkelgrünen Rucksack auf sein Zimmer und blickte durch ein Fenster in Richtung des Mischwaldes. Nur wenige Minuten würde es dauern und er wäre inmitten von alten Laubkreaturen, allein mit sich selbst und den quälenden Fragen in seinem Kopf, allein mit seinen Selbstzweifeln. Das Flüstern der Bäume drang bereits jetzt schon an seine Ohren und rief ihn zurück in eine Welt, in welcher er träumen konnte. Link überlegte nicht lange, rannte aus dem Zimmer und lief mit einem Tschüss zu seiner Mutter in Richtung des Waldes, wo er in Ruhe nachdenken konnte. An einer kleinen Quelle blieb er stehen, trank einen Schluck Wasser und ließ sich dann ausgebreitet auf ein Stückchen weiches Moos fallen. Er streckte alle viere von sich, genoss die Stille, die nur von dem Gesang des Windes getrübt wurde. Er schloss seine Augen, versuchte zu lächeln, auch wenn es bei dem Versuch bleiben sollte. Lange war es her, dass er aus wahrem Herzen gelächelt hatte. Im Moment ging es ihm zwar wieder gut genug, um alle verwirrenden Ereignisse der letzten Zeit hinter sich zu lassen aber… diese Stimme… Nur diese liebliche Stimme, die wie ein kleiner Splitter in seinen Gedanken steckte, konnte er nicht verdrängen… eine so angenehme Stimme. Link gähnte und machte seine Augen zu, spürte noch irgendwelche Krabbeltiere auf seiner Hand, die er jedoch ignorierte und schlief ein wenig im Licht der Sonnenstrahlen ein.

 

Spät am Abend wurde Link dann aus seinem bitter nötigen Schlaf gerissen. Letzte warme Strahlen des glühenden Feuerballs am Himmel durchdrangen die dichten Baumkronen, als er durch eine laute Stimme seine Augen öffnete. Rick stand vor ihm und wunderte sich. Seine rehbraunen Augen sendeten ein merkwürdiges Leuchten aus und überhaupt schien Rick wieder einmal zu Scherzen aufgelegt zu sein.

„Na, auch schon wach, du Waldmensch?“

Link legte eine Hand vor seinen Mund, den er entgegen seines Willens weit aufreißen musste und gähne herzhaft. „Wie spät ist es?“, war seine begrüßende Frage.

„Halb acht. Sag’ bloß, du warst schon wieder den ganzen Nachmittag hier?“ Damit setzte sich Rick auf seinen khakifarbenen Hosenboden und kramte einen Brief hervor.

„Jep. Nur leider habe ich irgendwie die Zeit vergessen, betäubt oder manipuliert… was auch immer. Auf jeden Fall bin ich jetzt so wach wie schon lange nicht mehr.“ Und Link legte grinsend seine Hände hinter seinen Kopf.

„Mal wieder schlechte Träume?“ Link nickte nur und damit verging ihm das Grinsen wieder. Rick wusste von seinen Problemen, seinen ungewöhnlichen Träumen, die ihre Spuren in der Realität hinterlassen konnten. Rick wusste einiges…

„Egal, ich habe hier einen Brief für dich.“

„Nicht schon wieder…“

„Oh doch. So langsam werde ich neidisch auf dich, Mädchenschwarm.“

Link nahm verbittert und bis aufs Äußerste gelangweilt den Brief an sich. „Von wem?“

„Dreimal darfst du raten?“

Link kannte die Handschrift nur zu gut, kannte den mit fettem Rosa gemalten Absender. „Ilena schon wieder… Die gibt wohl nie auf, was?“ Ja, Ilena… Link erinnerte sich. Eine eitle Gans, die meinte, sie könne, in dem sie viel Haut zeigte, sich jeden Typen angeln, den sie haben wollte. Eine magere Gestalt, dazu ein unpassendes Vollmondgesicht mit wasserstoffblondgefärbten Haaren, die es nicht mehr ansehnlich machten. Gefärbte Kontaktlinsen, die ihre wahre Augenfarbe verheimlichten, bemerkte man dadurch, dass sie ständig mit ihren Zeigefinger auf der Augenoberfläche herumtastete und sich versicherte, dass die Linsen noch vorhanden waren. Jeder Charakterzug Ilenas war ein Grund, sie noch widerlicher zu finden. An allem hatte sie etwas auszusetzen und wenn es nicht nach ihrer Meinung ging, ließ sie kräftige Schimpfwörter vom Stapel. An jedem Menschen fand Ilena etwas, um hinter dessen Rücken darüber zu lästern. Nicht aber sie wollte etwas von jemandem, dann konnte sie die freundlichste Person der Erde sein… Das letzte Mal war sie mit Preston, weiß der Teufel wie dessen Nachname war, zusammen. Jemand, der genau zu ihr passte.

Link hatte einmal mit der Absicht, wenn er fies und gemein zu ihr wäre, würde sie ihn in Ruhe lassen, in eine Verabredung mit ihr eingestimmt. Die Bilder liefen wie in einem schlecht inszenierten Farbfilm vor ihm ab. Jede Gemeinheit, die Link ihr damals an den Kopf geworfen hatte, tat sie als schlechten Humor ab und viele Dinge hatte sie wohl einfach nicht verstanden. Und als Link ihr dann absichtlich, mit der Betonung auf absichtlich, ein großes Glas Cola auf ihren viel zu engen, geschmacklosen Lederrock gekippt hatte, war sie ohne das geringste Schimpfwort in der nächstbesten Toilette verschwunden. Die Gelegenheit für Link, sich aus dem Staub zu machen, was er tat. Nur blöderweise wusste Ilena, wo er wohnte und kurzerhand stand sie dann vor seiner Haustür…

Genervt öffnete Link den Umschlag. Als er die Begrüßungsformel las, riss er den ganzen geistlosen Brief auseinander und die Stückchen lagen verstreut auf dem Waldboden.

„Was ist denn los?“

„Diese verdammte Ziege glaubt, sie könnte sich mit einer solchen billigen Anrede bei mir einschmeicheln. Es reicht.“ Link sprang auf und trank einen Schluck Wasser von der Quelle. Rick suchte die Stückchen zusammen und las den Titel.

„Lovely Hero?“, entkam es dem entgeisterten Rick. Das wurde ja immer besser… Rick wusste genau, was Link davon hielt, wenn man ihn auf diese Art und Weise anredete. Er konnte gefährlich werden, besonders, wenn man ihn mit etwas anredete, was er nicht sein wollte. Und Rick wusste, worauf diese Anrede gemünzt war.

„Dieses falsche Biest hat doch keine Ahnung. Noch einmal und ich drehe ihr den Hals um“, fauchte Link. Natürlich würde er ihr kein Haar krümmen, aber seinen Frust konnte er durch derartige Drohungen loswerden.

„Mensch, reg’ dich doch nicht so auf, Link.“ Normalerweise bewahrte der junge Bursche ruhig Blut, doch das Wort Held brachte sein ganzes Blut in Wallung. Er hasste das Wort, es nervte ihn, da er schon so oft mit einer Spielfigur aufgrund seines Namens und Aussehens verglichen wurde.

„Rick, du hast ja Recht. Und trotzdem nervt es mich, wenn diese Tussi nun auch noch die Leidenschaft für das Zeldaspiel entdeckt hat. Ich habe mir meinen Namen nicht ausgesucht.“

„Das weiß ich. Mir brauchst du das nicht erklären. Sag’ das lieber Ilena, damit sie ihren hässlichen Schmollmund hält.“ Link setzte sich wieder neben seinen besten Freund und starrte nachdenklich in den Himmel.

„Sag’ mal, Link“, fing Rick an.

„Jep, was ist?“

„Wäre es dir lieber, wenn Ilena Zelda hieße.“ Rick grinste und Link ahnte genau, dass er ihn jetzt provozieren wollte. Ein wenig entsetzt sah er seinen besten Freund an und suchte nach passenden Worten auf seine Frage.

„Wenn Zelda so aussähe wie Ilena, würden sich die Götter Hyrules für eine solche Kreation schämend in eine Ecke stellen.“

„Oh, ich denke, die Götter unserer Welt haben bei Ilenas Erschaffung einen dummen Fehler gemacht.“

„Einen sehr dummen Fehler“, stimmte Link zu und dachte erneut über Ricks Frage nach. Wenn Ilena Zelda hieße… Link war eigentlich der Meinung, dass es niemanden gab, der Prinzessin Zelda ähnlich sehen und ähnlich sein konnte. Er bewunderte sie. Wie stumpfsinnig, Link bewunderte eine Spielfigur, träumte von einer Spielfigur ohne an ein reales Mädchen zu denken. Von sich selbst enttäuscht, fragte er sich für die Kürze eines Augenblickes, ob es diese Sache war, die mit ihm nicht stimmte. War er besessen von einer märchenhaften Spielfigur? War er verliebt in eine Spielfigur? Kopfschüttelnd tat er jene Gedanken als stupide Jugendprobleme ab und ließ sich wieder auf seinen Rücken fallen.

„Ich glaube, es gibt niemanden, der Zelda das Wasser reichen könnte“, murmelte Link und erinnerte sich still und heimlich an einige seiner Träume, die ihn zwar belasteten, aber ohne jene Bilder der Nacht, wäre er nun mal nicht er selbst. Er träumte ab und an von einem Mädchen, das er kannte… ja, das tat er… aber ihr Name war auf keinen Fall Zelda, redete er sich ein.

„Es gibt auch niemanden, der Link das Wasser reichen könnte“, meinte Rick und erhielt einen Stups von Link an seinen rechten Arm.

„Hey, musst du mich eigentlich immer ärgern, schöner Cousin bist du.“

„Ach… ich weiß eben, dass du ein wenig Abwechslung nötig hast, Link.“

Dieser versuchte zu lächeln, aber es klappte nicht wirklich. Er brachte lediglich ein dummes Grinsen zum Vorschein. „Danke Rick, Abwechslung schadet mir wirklich nicht.“

„Na dann, hast du Lust morgen im Reiterhof von Marons Familie deinen Nachmittag zu verbringen? Wir waren ja schließlich lange nicht mehr Reiten.“ Mmh… Reiten gehen. Klang gut.

„Abgemacht“, sagte Link begeistert von Ricks Idee. Maron war eine gute Bekannte von Rick. Sie, ihre Eltern und ihre zwei Schwestern hatten ein nicht zu verachtendes Gestüt. Tatsächlich war es lange her, dass sie dort vorbeischauten. 

 

Gegen acht Uhr abends machten sich die zwei Siebzehnjährigen auf den Weg in die Kleinstadt Schicksalshort, folgten aber einem längeren Weg, da es noch so angenehm schön in den Wäldern war. Sie begrüßten einen alten, bekannten Mann. Ein weiterer Mensch, den es oft in die Wälder zog. Rick und Link erreichten die Gartenanlangen, sahen einige Familien grillen. Es war ja wirklich ein herrlicher Tag, ein erster, warmer Frühlingstag. Dennoch… sehr bald würden Stürme aufziehen, Stürme, die bekämpft werden mussten, mit allem, was die Welt an Helden und Opfern hatte. Ja, sehr bald würde ein blutroter Umhang über der Welt liegen, der diejenigen forderte, denen es bestimmt war zu kämpfen.

„Link. Mir fällt da noch was ein.“

„Jep, was denn?“ Link hob einen Stein auf und warf diesen in die Luft um ihn aus purer Herzensfreude wieder aufzufangen.

„Was war eigentlich heute in der Schule mit dir los?“ Link ließ das Steinchen fallen und starrte gedankenversunken in die Gartenanlage mit den fröhlichen Menschen und den hüpfenden Kindern mit heiteren Gesichtern. Trauriger Weise hatte sich Link als Kind nie so austoben können. Als Kind mit vier Jahren hatte er eine herbe Zeit in einem Kinderheim durchmachen müssen und nun…

Es gab immer wieder ein Ereignis in Links Leben, bei dem er sich fragte, warum das Schicksal nur so grausam zu ihm war. Nach dem Heim ging es bergauf, das war ja gut so, aber dann hatten die Träume angefangen.

Träume, für die Link das Verständnis fehlte.

Träume, die so rätselhaft waren wie Schriften, welche niemand lesen konnte. 

Und in den letzten Tagen war da diese Stimme. Ein nächster von Links leisen Anfällen, ein nächster von Links sogenannten Problemen.

„Ich nehme an, ich hatte einen schlechten Tag, Rick“, fing er an, erzählte bewusst nur die halbe Wahrheit und rechtfertigte sein Verhalten gegenüber seinem Gewissen mit der Begründung, dass er nicht gelogen hatte.

„Du hast leider viele von diesen schlechten Tagen, Link. Ich will mich in deine Dinge nicht einmischen, aber du weißt, ich kann schweigen wie ein Grab.“

„Ich weiß“, entgegnete Link und lief ein Stückchen. Seufzend lehnte er sich an einen Baum, hörte von weiten das schrille Kinderlachen aus den Gärten.

„Ich drehe durch, Rick. Das ist das Problem.“

„Wie soll’ ich das verstehen?“ Rick ging zu ihm hinüber und trat vor ihn, sodass er Links Miene beäugen konnte.

„Ich werde schizophren. Jawohl“, sagte Link lauter.

„Wegen deinen Träumen.“

„Nein.“

„Weswegen dann?“

Link starrte in den Himmel, beobachtete einen Bussard, der seine Runden drehte, sich wünschend, er selbst wäre ein solches Tier ohne Probleme, in der Luft, hoch oben in der Freiheit.

„Link“, redete Rick auf ihn ein. „Na komm’ schon. Du hast mir doch sonst alles erzählt.“

„Also gut, Rick, wenn du es wissen willst. Ich höre Stimmen“, fauchte Link. „Ja, guck’ ruhig entgeistert. Fühlst du dich jetzt besser, da du weißt, wie bescheuert dein bester Freund ist?“ Aber Rick entgegnete nichts, sondern blickte mit seinen braunen Augen entsetzt zu den Gartenanlagen.

„Direkt hier drin ist diese Stimme“, sagte Link und deutete mit einem Zeigefinger auf seinen Kopf. „Eine schöne Stimme, die mich um meinen Verstand bringt.“ Rick drehte sich um, damit Link nicht in sein geschocktes Antlitz blicken konnte.

„Eine einzelne, verzweifelte Stimme, die ich kennen sollte“, ergänzte Link aufgeregt. „Und ich weiß, sie wird wieder nach mir rufen, bis ich sie gefunden habe.“

„Verdammt!“, brüllte Link nach einer Weile und schlug seine linke Faust in die Rinde eines Baumes. Dann ließ er sich gelähmt auf den Waldboden sinken. „Ich kann mir das doch nicht einbilden“, murmelte er. „Sie hat vier oder fünf Mal nach mir gerufen und… mich bei meinem Namen genannt. Sie bat mich um Hilfe“, flüsterte Link.

„Wer?“, brachte Rick schließlich stotternd hervor.

„Ich weiß es nicht.“

Nach einer Pause meinte Rick. „Tja, was soll’ ich dazu sagen, Link. Du warst nie ein normaler Mensch, von Anfang an nicht. Und ich schätze, das wirst du nicht ändern können, egal was du tust.“

Link stand auf und lief schwerfällig zu Rick, trat neben ihn und nahm an dessen Ausblick teil. „Vielleicht muss ich mich endlich damit abfinden.“ Es war nicht zu ändern. Die Dinge waren passiert. Link könnte sich selbst verrückt nennen, sich krank nennen, aber er würde das Erlebte nicht rückgängig machen können.

„Hast du morgen trotzdem Lust Reiten zu gehen?“

Die verzweifelte Miene des frustrierten und sich sorgenden Link erhellte sich ein wenig. „Jep, das habe ich.“

„Na, dann. Bis Morgen in der Schule, Link.“

„Bis Morgen“, erwiderte Link und sah Rick schnellen Schrittes weiterlaufen. Ricks Worte stimmten ihn nachdenklich. Vermutlich konnte er es tatsächlich nicht mehr leugnen. Etwas stimmte nicht mit Link. Ob es nun Ungewöhnlichkeit, Krankheit oder Einbildung war, sollte sich aber in naher Zukunft herausstellen.

 

Gegen neun Uhr kam Link nach Hause und musste sich ein Nerv tötendes Gebrülle seiner Mutter anhören, weil er weder seine Hausaufgaben erledigt, noch für seine morgige Klausur gelernt hatte und was für die gute Meira Bravery am schlimmsten war, hatte er niemanden gesagt, wohin es ihn verschlagen hatte. Zumindest sein Handy hätte er mitnehmen können, auch wenn er im Wald sowieso keinen Empfang hatte.

„Link, wenn du so weitermachst, kriegst du Hausarrest.“ Das verblüffte ihn. Wie konnte sie damit drohen? Das hatte sie doch noch nie.

„Ach Mum, ich bin fast achtzehn“, meinte Link, das kleine Unschuldslamm.

„Du hast dich aber noch nie so benommen.“

„Na und? Was ist falsch daran, sich so zu verhalten, wie es einem gefällt.“

„Falsch daran ist, dass das Leben nie so verläuft, wie es einem gefällt“, sagte sie mit ihrer mütterlichen Weisheit, von der sie sehr überzeugt war und, von welcher sie mehr hielt als von den Gerüchten, die sie zusammen mit der Nachbarin in die Welt setzte.

Link wusste, wovon sie sprach… genauso war es, sein Leben würde nie so verlaufen, wie es ihm gefiele. 

„Aber man kann versuchen, etwas daran zu ändern“, sagte er trotzig, nicht sicher, ob er seinen eigenen Worten glauben konnte.

Doch Hoffnung gab es immer und es gibt sie noch.

Ein Satz, der ihm immer wieder einfiel und von dem er nicht wusste, wer ihn einst gesagt hatte. Aber es entsprach seiner Einstellung zu der Welt. Selbst wenn die Welt unterginge, verflucht, er würde Optimist bleiben und wenn er der letzte Mensch auf Erden sein sollte.  Stur trottete er sein Zimmer hinauf und klappte noch einmal den Geographiehefter für die morgige Klausur auf, warf das dumme Stück missmutig in die Ecke und blickte zu seinem Gamecube. Er holte die kleine Disc aus der Konsole, ließ sie in seiner Handinnenfläche kreisen und erinnerte sich niederschmetternd daran, dass Hyrule mit all’ seinen Legenden doch nur ein Spiel war. Ein Spiel. Nicht mehr und nicht weniger. ,Eigentlich schade‘, dachte Link und tat das mitleiderweckende Gefühl in seinem Inneren für eine Welt, die nicht existierte, einfach ab.

Plötzlich klopfte es an der Tür zu seinem Zimmer. Ohne, dass Link etwas gesagt hatte, trat seine kleine Schwester Sara mit ihrem moosgrünen Schlafanzug in den Raum. „Hey, Brüderchen, kann ich vielleicht noch eine Runde Zelda zocken?“, meinte sie.

„Ja, von mir aus gerne. Ich lerne doch sowieso nicht mehr.“

„Das ist mir klar“, sagte sie hinterlistig. „Du hattest ja noch nie Probleme mit dem Fach Geographie. Mich würde nur mal interessieren, woher du so viel weißt.“ Links Augäpfel wanderten an die Decke. Das war eine gute Frage, aber wenn es um Karten ging und irgendwelche Länder, deren Lage, Flüsse und so weiter, hatte Link wohl so etwas wie hellseherische Fähigkeiten. Verlaufen würde er sich bestimmt nirgendwo, soviel stand fest.

Sara setzte sich in Links Fernsehecke und spielte ,Ocarina of Time’. Ihr Bruder bediente sich von einigen Schnitten, die seine Mutter ihm ins Zimmer gestellt hatte und schaltete seinen Computer ein, um schnell seine Mails abzurufen, aber es gab nichts, dass ihn in irgendeiner Weise interessierte. Neugierig spähte er von seinem Schreibtisch hinüber zu Sara, die den armen Helden der Zeit gerade in maßlose Gefahr brachte. Sie wollte gegen Schattenlink bestehen, aber hatte keinen Plan diesen in die ewige Verdammnis zu schicken. Sie schlug auf ihn ein, was nach einigen Minuten sicher Wirkung zeigte, aber plötzlich drückte sie auf Stopp und warf den Controller erzürnt in die Ecke.

„Ich kann nicht glauben, mit welcher Geduld du immer wieder dieses Spiel durch zockst. Langweilt es dich denn nicht endlich mal?“, meinte sie, wissend, dass Link das Spiel mindestens schon über hundert Mal gespielt hatte.

„Nein. Mit jedem Mal werde ich besser. Das ist wohl meine Motivation“, sagte er und nahm den Controller.

„Weißt du, was dein Problem bei Schattenlink ist, Sara?“

„Nö“, sagte sie eingeschnappt, „Sonst hätte ich ihn ja schon lange kalt gemacht.“ Link lachte kurz auf und meinte: „Ja, ist logisch.“ Link spielte dann mit wahnsinniger Geduld.

„Du bist zu ungeduldig und denkst nicht daran, das einzusetzen, was Schattenlink nicht hat, da er bloß ein Schatten ist. Bei einem Kampf kommt es nicht einfach nur auf Schnelligkeit an und darauf, den Gegner sofort niederzumetzeln. Ein guter Spieler genießt den Kampf, kämpft mit Anmut und Eleganz und raubt seinem Kontrahenten mit jedem Schlag die Kraft, anstatt einfach nur wild mit dem Schwert herumzufuchteln, auch wenn so einige Spieler davon überzeugt sind.“ Sara glotzte auf den Bildschirm und verstand langsam. Link nutzte magische Attacken, von denen sie nicht wusste, dass sie im Spiel existierten und kämpfte mit der Spielfigur anders als sie es tat. Seltsam, es schien, als führte die Spielfigur mit der grünen Mütze andere Attacken mit dem Schwert aus, wenn Link sie steuerte. ,Quark’, ermahnte sich Sara, das geht doch gar nicht. Das musste sie gerade eben wohl geträumt haben. Nach wenigen Sekunden war Schattenlink besiegt.

„Hier. Willst du weiterspielen?“, meinte Link.

„Ach nö. Mach du das lieber. Vielleicht bist du dafür geschaffen, Zelda zu spielen.“ Mit einem Zwinkern stand Sara auf und schaute auf die Uhr. Schon Zehn.

„Gute Nacht, Link“, sagte sie. Auch Link wünschte ihr gute Träume und beendete das Spiel.

Aber er würde jetzt nicht in der Lage zu sein, Schlaf zu finden. Er hatte sich viel zu lange im Wald auf die Ohren gehauen. Vielleicht tat ihm eine Runde ums Haus gut. Kurzer Hand stolperte er die Treppenstufen hinab, warf  sich eine moosgrüne Lederjacke drüber und ging an die frische Luft. Aus der Runde ums Haus wurde ein kleiner Spaziergang in Richtung Stadtzentrum. Wieder hatte er seiner Mutter nicht gesagt, dass er verschwand, und wieder könnte er Ärger deswegen bekommen, nur interessierte es ihn im Augenblick nicht. Er war eigentlich immer sehr verantwortungsbewusst und zuverlässig, nur wenn es um seine Mutter ging, war das eben etwas anderes. Er grinste angesichts des Gedankens, trottete genüsslich in der Stille der Nacht vorwärts und beobachtete die Sterne am Himmel funkeln.

Link lief gerade geistesabwesend auf dem alten Marktplatz herum, blickte in den Brunnen, als das Licht einer Straßenlampe auf das Wasser fiel. Er berührte leicht mit der Spitze seines rechten Zeigefingers die Wasseroberfläche, sah wie sich Ringel bildeten, die sich nach Sekundenbruchteilen im Nichts auflösten. Dann allerdings hatte er das Gefühl, beobachtet zu werden. Der junge Mann sah sich auf dem Marktplatz gezielt um. Seine Augen fielen zu jedem Winkel des Marktplatzes, dann zu den unbeleuchteten Seitengassen. Das Gefühl beobachtet zu werden wurde bedrohlicher, angsteinflößender. Jemand näherte sich. Link trat einige Schritte rückwärts und fühlte seinen Puls beschleunigen. Gleich einer alten Erinnerung strömten Empfindungen des Hasses, der Abscheu und des Schreckens auf ihn ein. Schritte. Der Oberstufenschüler vernahm ein Klappern, irgendwo tief von der Dunkelheit herrührend. Es raschelte in den Pappeln, die hier auf dem Marktplatz standen. Dann wieder Schritte. Links Atemzüge pro Minute nahmen zu, und erneut blickte er überall hin, konnte jenes Gefühl der Furcht vor etwas Nahbarem kaum definieren. Denn Furcht und die Gefühle der Hilflosigkeit, die sie mitbringen konnte, waren ihm bisher fremd. Link fürchtete sich im Grunde genommen vor nichts und niemandem. Er hatte in seinem jungen Leben bisher nie einen Grund gehabt sich vor dieser Realität zu fürchten… wovor auch? 

Der Jugendliche mit dem grünen Basecap stolperte plötzlich. Er drehte sich um, aber in der Dunkelheit war nichts. Stille. Absolute Stille. Irgendwie war ihm nun mulmig. Ohne weiteres Überlegen rannte Link weiter und erreichte eine schmale Gasse, in welcher rechts und links Häuser dicht zusammengedrängt aneinander standen. Seine Schritte wurden schneller. Sein Herz in der Brust fühlte sich an, als würde es zerspringen, vor zügelloser Ungeduld, Spannung und Aufregung. Er rannte weiterhin durch die unbeleuchtete Straße und schloss seine Augen während des Weges.

Plötzlich wurde er mit voller Gewalt zur Seite geschupst, als er mit jemandem zusammenstieß. Link schleuderte einige Meter nach hinten, und schüttelte benommen den Kopf. Seine Augen spähten gespannt durch die Dunkelheit. Jemand stand vor ihm. Eine große Person, wesentlich größer als er. Doch jene Gestalt sagte nichts und blieb verhüllt vor Link stehen. Jener schaffte es nicht, seinen Körper zu rühren, als lägen Ketten der Angst um ihn. Eine Erinnerung. Unheilschwangerer Hass und namensloses Leid.

In einem Haus ging plötzlich das Licht an. Ein flammender Schein fiel in die unbeleuchtete Gasse und gab der Gestalt ein Gesicht, gab der Gestalt Form und Umrisse. Es war eisig und obwohl Link zu frieren begann, so tropfte eine Schweißperle von seiner Stirn. Kälte. Unbezwingliche, verderbliche Kälte kroch umher, umhüllte jene Gestalt und saugte sie auf…

Ein riesiger, kräftiger Mann stand vor ihm. Ja, es musste ein Mann sein, denn Größe und Breite konnte sich Link bei einem weiblichen Wesen nicht vorstellen. Er trug schwarze Kleidung, die zu seiner im Lichtschein erkennbaren dunklen, fast stechenden Haut passte. Links tiefblaue Augen wanderten von dunkelbraunen Lederstiefeln zu einer engen, hässlichen Hose, aus der die Muskeln an seinen Beinen fast heraustraten, sahen eine Art Rüstung um den breiten, muskelbepackten Oberkörper. Auf seinem Rücken lag lässig ein schwerer, schwarzer Umhang. Link blickte angstverzerrt in ein hochmütiges altes Gesicht. Ein übler Schmerz durchfuhr ihn, als er sich jene grimmige Fratze ansah. Blasse Lippen, eine lange Nase. Link wagte einen Blick in das geheimnisvolle Augenpaar, welches von seinem hohen Thron aus erniedrigend zu dem jungen Mann auf der Straße hinabsah. Weiterhin blickte Link in jene von Finsternis beherrschten Augen und fühlte sich, als ob sich ein Fluch über seinem Körper ausbreitete. Wie als ob alten Wunden mit einem Schlag aufgebrochen waren…

Link blickte angewidert weg, wollte sich nicht an jene Augenfarbe erinnern, an jene hochjauchzenden, herablassenden Teufelsaugen. Gerade in dem Augenblick ging das Licht in der Gasse wieder aus.

„Pass‘ gefälligst auf, wo du hinläufst, kleine Made.“ Eine tiefe, kalte Stimme drang an Links Ohren, unangenehm vertraut, spöttisch und bösartig.

Die Gestalt lief mit einigen großen Schritten auf ihn zu. Gerade in dem Augenblick erkannte Link ein drohendes Funkeln in seinen dunklen Augen, die ein unnatürliches Glühen in der Finsternis aussendeten.

„Niemand stellt sich mir in den Weg…“, sagte der Kerl höhnend. Er wollte mit dem Fuß nach dem jungen Burschen treten, dieser jedoch wich aus, rollte sich geschickt und flink über den Boden und stand nun mit dem Rücken direkt hinter ihm.

Der Mann drehte sich nicht um und sagte anmaßend: „Wenn du mich noch einmal anrempelst, bin ich nicht mehr so freundlich, armseliger Tropf!“ Erhobenen Hauptes ging die dunkle Gestalt den Weg weiter entlang.

,Was für ein Mistkerl’, dachte Link in dem Augenblick, als er begriff, was passiert war. Links Atmung wurde leiser und sein Puls beruhigte sich wieder und ein wenig verwirrt, weshalb in ihm ein fremdes Gefühl der Furcht erwachte, setzte er einen Fuß vor den anderen. Noch einmal sah er zurück, konnte aber den Mistkerl nicht mehr ausmachen. Er fühlte sich bedroht und fast wehrlos gegenüber jener Gestalt. Irgendwie hatte er ein sehr ungutes Gefühl, bei dem Gedanken, diesem Unmenschen ein weiteres Mal zu begegnen. Wer war dieses Scheusal überhaupt? Link wohnte in einer Kleinstadt, in der sozusagen jeder jeden kannte. Aber diese Person hatte er noch nie gesehen.

So langsam würden die Fäden des Schicksals sich doch zusammenziehen, und wenn jener Tag der Entscheidung gekommen wäre, gäbe es für Link und jene, die ihm nahe standen, kein Zurück mehr…

 

Am nächsten Tag schien wieder alles in bester Ordnung zu sein. Keine Stimme in Links Kopf. Keine Alpträume in der Nacht und einige beruhigende, wenn auch zu wenige Stunden Schlaf. Er dachte und hoffte, der letzte Tag war nicht länger der Rede wert. Frohen Herzens lief Link zur Schule, obwohl er eine lange Klausur zu überstehen hatte. Aber was war eine solche Prüfung schon im Vergleich zu Horden von Ungetümen mit Schwertern und Äxten? Was war schlimmes an einer Prüfung, wenn es Stimmen gab, die im eigenen Kopf herumgeistern konnten? Er ignorierte sie, tat jene Stimme als blanke Einbildung ab und genoss die kühle, frische Luft, welche ihm um seine Ohren wehte. Er brachte die für ihn langweilige, einfache Klausur spielend hinter sich und überstand ohne seltsame Ereignisse auch den Rest der Schule.

Gegen Nachmittag rannte der junge Heroe quietschvergnügt und mit guter Laune zu dem Reiterhof von Marons Familie.

Maron. Ja, Link kannte sie gut. Sie war ein hübsches Mädchen mit braunem, langem Haar, einem auffallend niedlichen Gesicht und besaß sehr viel Charme und Humor. Auch sie hatte ihn eine Zeit lang spaßhaft angehimmelt und Link ging ihr deswegen lieber aus dem Weg. Zugegeben, sie war nicht Ilena und hatte weitaus mehr Grips als das billige Flittchen mit den gefärbten Kontaktlinsen. Und Maron war ja ganz sympathisch, aber eher nicht Links Typ. Andererseits hatte Link nicht einmal selbst eine Ahnung, was nun sein Typ war. Aber Rick schien ein Auge auf sie geworfen zu haben, also unterstützte Link seinen Kumpel dahingehend.

Rick und Maron empfingen Link auf der Koppel. „Hey, Waldmensch. Hier drüben sind wir“, schallte Ricks Stimme durch die Luft. Link fing dessen Blick ein und watschelte zu ihm herüber. Maron saß beinbaumelnd auf dem Zaun und lächelte Link sehr erfreut entgegen. Ihrem Blick ausweichend versuchte er ebenso ein Lächeln zustande zu bringen, aber es blieb wie immer bei dem Versuch.

„Hallo, Link“, sagte sie und sprang mit einem großzügigen Sprung von dem Gatter.

„Hi, Maron. Also, was habt ihr heute geplant?“ Sie zwinkerte und antwortete darauf: „Also, wie wäre es mit einer Runde durch den Wald. Wir könnten bei dem kleinen leer stehenden Dorf in der Nähe der Münzenquelle vorbei.“

„Gute Idee.“ Auch Rick stimmte dem Vorschlag zu.

In der Nähe Schicksalshorts gab es so einige merkwürdige Orte mit alten daraus resultierenden Geschichten, wie ein untergegangenes Dorf, in dem niemand mehr wohnte, oder die märchenhafte Quelle, von der man sich viele Dinge erzählte. Wenn man dort eine Münze hineinwerfen würde, so erzählte man sich, dann würden sich innere Wünsche erfüllen. Für Link war das alles nur Wunschdenken, genauso wie eben: ,The Legend of Zelda’ nur ein Spiel war. Unwirklich. Keiner Grübelei würdig.  Aber manchmal wünschte er sich sehnlichst, dass an Geschichten mehr dran war…

 

Es dauerte nicht lange und drei Pferde trabten durch die Wälder Schicksalshorts, über abgetrampelte Wege, durch dichtes Laubwerk.

„Hey Link?“, sagte Rick, als Maron einige Meter vor ihnen ihrem Haflinger die Sporen gab.

„Mmh?“

„Geht’s dir heute ein wenig besser?“ Link sah seinen Freund fragend an und nickte leicht.

„Ich denke, dass gestern einfach nur ein dummer Tag gewesen ist. Kein Grund zur Beunruhigung“, sagte er abtuend und wich Ricks Blick aus. Stur trabte Link weiter und genoss das Gefühl mit einem Pferd durch die Wälder zu reiten. Er mochte das Gefühl sich tragen zu lassen und erinnerte sich daran, wie wichtig ihm das Gefühl der Freiheit, der Lebendigkeit und der Nähe eines Abenteuers war.

 

Spät am Nachmittag erreichten sie das alte Dorf inmitten des Waldes, wo einige zusammenfallende Häuser standen. Die drei Jugendlichen machten eine Pause, entspannten, genossen den blauen Frühlingshimmel. Link lief geistesgegenwärtig und verträumt in dem kleinen Dorf herum, folgte einem mit altem Pflastergestein bedeckten Fußweg in Richtung der geheimnisvollen Quelle.

Maron und Rick saßen derweil gemeinsam auf der grünen Wiese. „Du, sag’ mal, Rick“, meinte Maron neben ihm, als sie sich eine braune Strähne aus dem Gesicht wischte.

„Was’n los?“, murmelte er und öffnete halb seine Augen. Denn er lag ausgebreitet und lässig auf der Wiese und hatte wohl gegen ein kleines Nickerchen nichts einzuwenden.

„Es geht um Link.“ Rick setzte sich aufrecht und sah sich Marons nachdenkliches Gesicht an. Etwas in ihrem Blick machte sie verdächtig.

„Habe ich Recht, du machst dir Sorgen um ihn, nicht wahr?“

„Ja, sieh’ ihn dir doch mal an. Ist dir jemals aufgefallen, dass er nicht ein Lächeln über sein ernstes Gesicht bringt? Ich meine, er ist in den besten Jahren seines Lebens, die ein Mensch haben kann und macht manchmal ein Gesicht, als laste das Schicksal des ganzen Planeten auf seinen Schultern. Warum kann er sich nicht einmal über etwas freuen?“

Rick war verblüfft. Nun ja, er wusste, dass Link seine Probleme hatte, erst recht jetzt, wo eine Stimme nach ihm rief. Aber das es selbst für andere, die ihn nicht so gut kannten wie er so offensichtlich war, brachte ihm ebenfalls ein Grübeln auf das Gesicht.

„Link hat seine Geheimnisse, Maron, mehr kann ich dir dazu nicht sagen. Aber das mit dem Lächeln ist wahr. Er lächelt nie“, sagte er missmutig.

„Warum? Ich meine, es muss doch einen Grund dafür geben.“

„Ja, den gibt es sicherlich.“ Maron legte eine Hand auf Ricks Schulter.

„Meinst du, wir können ihm irgendwie helfen? Wir sind doch schließlich seine Freunde, Rick.“ Jener zuckte kurz mit den Schultern.

„Das Problem ist, dass Link diese Dinge ganz alleine herausfinden will und was immer es auch ist, was ihn belastet, er will es alleine schaffen. Das ist wohl typisch für ihn.“

„So ein Sturkopf!“, brummelte Maron ärgerlich und pustete einige Strähnen ihres nussbraunen Haares aus dem Gesicht, welches der Wind dorthin wehte.

„Ja, ein gewaltiger Sturkopf ist er und unvernünftig. Aber das muss ich dir wohl nicht sagen.“

Maron lachte laut auf. „Nein, wenn er nichts ist, aber unvernünftig ist er obendrein und zu abenteuerlustig. Das bringt ihn irgendwann mal in brenzlige Situationen“, sagte sie abschließend.

 

Link befand sich gerade an der merkwürdigen Quelle, welche mitten aus dem Berg entsprang und sah einige Münzen, die er, da er ja so ein guter Kerl war, in jener tiefen Wasserstelle liegen ließ. Er füllte seine Handinnenflächen mit dem klaren Wasser und klatschte es in sein Gesicht. Vorhin wäre er fast auf seinem Friesen eingeschlafen, hätte ihn nicht ein gemeiner Ast des Weges ins Gesicht geschlagen. ,Schlafmangel’, dachte er. Nichts als Schlafmangel, wegen ein paar hirnlosen Träumen und einem merkwürdigen Gefühl, das immer wieder flüsterte, etwas naht. Link betrachtete sich das schattenhafte Bild von sich selbst, welches auf dem Wasser entstand und dachte kurz, nicht genau wissend wieso, an den gespenstisch wirkenden Kerl von gestern Abend. Es war unangenehm an diese Gestalt zu denken, aber Link tat dies nicht absichtlich. Irgendetwas machte ihn stutzig an dem Menschen, irgendetwas an dem Typen war ihm erschreckend vertraut.

Link nahm noch etwas von dem kristallklaren Wasser in seine Hände, sprang auf und wirbelte es verschwenderisch in der Luft herum. Die kleinen Wassertropfen sammelten sich wieder in der Quelle und Link besah sich erneut die schattenhaften Konturen seines eigenen Gesichtes. Er konnte sein Abbild nicht erkennen, aber das war ja auch egal. Er tauchte einige Fingerspitzen in die Wasserstelle. Sein Bild verschwamm. Link blickte wieder hin, sah, wie sich sein eigenes Gesicht nun im Wasser spiegelte. Er sah seine tiefblauen Augen, seine Nase, die markanten Gesichtszüge und ein Lächeln. Aber er lächelte nicht, nur sein Spiegelbild tat es. Schnell schlug er mit der Faust auf die Wasseroberfläche, zerstörte das Bild, welches er nicht sehen wollte, zerstörte einen lächelnden jungen Mann, der er niemals gewesen war. Die Wasseroberfläche wurde ruhig, doch wieder befand sich sein lächelndes Gesicht auf dessen Oberfläche. Link beugte sich näher, fand dieses Spielchen zu schräg und wusste, er würde jetzt dem Geschehnis nicht entkommen können. Eine weitere Gestalt zeigte sich auf dem Wasser neben seinem Kopf. Ein wunderschönes Mädchengesicht, welches ebenso ein Lächeln trug. Sie war das Schönste, was er jemals gesehen hatte. Ein schmales, reines Gesicht und blutrote Lippen, die sich sanft bewegten um etwas zu flüstern. Beinahe wie gelähmt starrte er sie an, bevor ihn die Realität zurückholte. Erschrocken drehte sich Link um, aber da war niemand. Sorgsam betrachtete er die Stelle erneut, doch nun konnte er nicht einmal mehr sein eigenes Spiegelbild sehen. Alles war so normal wie vorher.

„Link?“, rief Maron von weitem. „Wo bist du denn?“

Er schüttelte kurz seinen verwirrten Kopf, ignorierte wie immer und antwortete laut: „Hier, bei der Quelle.“

Wenige Sekunden später kamen Maron und Rick herbeigeeilt. „Kommst du? Wir wollen weiter.“

„Äh… ja… ja doch“, meinte Link und stempelte das Geschehene einmal mehr als Produkt seiner Phantasie ab. 

„Ist irgendwas, du siehst so zerstreut aus“, sagte Rick.

„Nichts. Es ist nichts“, erwiderte Link und lief schnellen Schrittes an Maron und Rick vorbei. Er sagte nichts, wie auch. Er fühlte ja auch nichts… nichts außer Selbstzweifel.

 

Gegen Abend stand der grünbemützte Jugendliche vor seinem Elternhaus, fragte sich, ob er nach dem Abendbrot Schlaf finden würde. Link öffnete die Tür und wurde von Sara, die gerade den Müll herausbrachte angerempelt. „Na, Brüderchen, bist du auch schon da.“

„Jep. Und das sogar vollständig, mit Leib und Seele. Irgendetwas Neues?“

„Eigentlich nicht“, meinte sie und lief zu der Mülltonne. Gerade als Link zur Haustür hinein trat, rannte sie geschwind hinter ihm her und sagte: „Das hätte ich ja beinahe vergessen. Heute war so eine komische Gestalt hier an der Haustür und fragte nach dir.“

„Häh? Was denn für eine Gestalt?“

Sara lief hinter Link die Treppenstufen hinauf. „Weiß nicht, sie trug eine weiße Kapuze und sagte mir, du solltest in nächster Zeit sehr vorsichtig sein.“

„War es ein Mann, ein großer mit breiten Schultern?“ Vielleicht hatte der komische, eingebildete Typ von gestern Nacht nach ihm gefragt, auch wenn es keinen Sinn ergab.

„Nein, Link, es war eher eine Frau mit roten Haaren.“

„Wie bitte?“

„Du hast richtig gehört. Sie meinte, du sollst auf dich aufpassen. Ich fand’ diese Frau unheimlich.“

Link öffnete nachdenklich die Tür zu seinem Zimmer und schloss sein Fenster, das sperrangelweit aufstand. Er versuchte Sara nicht noch mehr zu beunruhigen und wechselte das Thema: „Noch etwas Neues? Wo sind eigentlich Mum und Dad?“

„Mum ist in der Küche, aber Dad arbeitet wieder bis in die Nacht hinein. Der und seine dämlichen Versicherungen. Manchmal glaube ich, der erfindet noch eine Versicherung für die Versicherung“, sagte sie schmollend.

„Hast du heute noch was vor, Brüderchen, immerhin ist Donnerstagabend. Du hast doch morgen eine Stunde später, soweit ich weiß.“

„Ach Sara, Sorry, aber ich habe keinen Bock. Ich spiele noch eine Runde Zelda und dann geh’ ich ins Bett.“ Er machte es sich in seiner Fernsehecke bequem. Seine Schwester stand plötzlich vor ihm und legte eine Hand auf seine Stirn. Nicht überrascht über ihre heimliche Vorahnung, hatte Link tatsächlich erhöhte Temperatur.

„Was soll das denn?“, grummelte er.

„Tickst du jetzt vollkommen aus. Es ist gerade mal um sechs.“

„Na und?“

„Wenn du so weitermachst mit deiner Nerv tötenden Leier, versaust du dir noch dein Leben.“

„Das ist schließlich mein Leben, Sara“, erwiderte er verärgert.

„Du trägst aber nicht die Spur von Verantwortung gegenüber dir selbst, Link.“ Sie wedelte mit ihrem Zeigefinger vor seinem Gesicht herum. „Du bist siebzehn Jahre alt, benimmst dich wie ein untoter Trottel, der nicht weiß, was Leben ist. Du warst doch früher nicht so.“

Link sprang wütend auf. „Oh doch. Ich war immer schon so, nur Pech für dich, dass du es nie gesehen hast. Glaubst du, ich suche mir das aus? Ich bin eben nicht ganz normal. Deswegen versaue ich mir, so wie du dummerweise annimmst, mein Leben nicht. Ich warte nur auf etwas, Sara, und wenn das dann eintritt, wirst du mich sehr gut verstehen können.“ Murrend ging Sara aus dem Raum und rief ihm noch ein eher gemein klingendes ,Gute Nacht’ hinterher.

Dann, wie sollte es anders sein, schaltete Link doch tatsächlich seinen Gamecube ein. Es war einfach eine Sucht, sich durch dieses Spiel zu kämpfen.

Seine Mutter kam ebenfalls ins Zimmer und sagte: „Link, ich hoffe, du hast nicht vergessen, dass dein Vater und ich nächste Woche für unbestimmte Zeit in den Urlaub fahren, oder?“

„Nein, das habe ich nicht vergessen. Wo soll es hingehen?“

„Eh nicht weit weg, erinnerst du dich an das Ferienhäuschen in den Bergen?“ Ja, Link erinnerte sich, dass sie öfter dort einige Tage verbracht hatten, immer dann, wenn Meira genug hatte von ihrem Alltagstrott. Es war eine gemütliche Hütte gelegen in herrlicher Landschaft und war nur ein zwei Stunden entfernt.

„Ha, verstehe. Das heißt, ihr seid nicht weit weg. Ist in Ordnung. Gibt es deswegen irgendwelche Probleme?“ Er sah sie mit trüben Augen und den schlimmsten Augenringeln an. Vielleicht hatte er sogar Fieber.

„Nein, ich möchte nur, dass du in dieser Zeit auf deine Schwester Acht gibst, ja?“

„Wenn sie nicht auf mich Acht gibt“, setzte Link hinzu. Seiner Mutter huschte ein Lächeln auf das Gesicht. „Link, ich gehe noch mal bei deiner Tante Lydia vorbei, wird also später.“

„Ja, ist in Ordnung.“

„Soll ich dir noch etwas mitbringen? Brauchst du irgendwas, Schatz.“

„Danke Mum, aber mach’ dir wegen mir keine Umstände… ich bin wunschlos glücklich.“ Link versuchte, Betonung auf versuchte, zu lächeln. „… wenn ich dieses Spiel nur wieder durch hätte.“

„Na dann, bis später.“ Seine Mutter ging mit heiterem Blick aus dem Zimmer, sein gekünsteltes Lächeln hatte seinen Zweck erfüllt.

 

Gerade steuerte er den Helden in der Steppe in Richtung Hylia - See, als eine namenlose Müdigkeit über ihn herfiel, er denn Controller fallen ließ und sein Geist verschlungen wurde, von etwas Mächtigeren, was ihn mit aller Kraft in das Reich der Träume zerrte. Etwas, das sein Dasein besiegeln und Rache nehmen wollte. Link atmete noch einmal tief ein, fühlte sich hin und her gerissen, spürte, wie eine neue Kraft an seinem Bewusstsein  zerrte. Gegen die fremde Kraft ankämpfend, verlor er das Bewusstsein. Und als er realisierte, als er fernab dieser Realität war, brannte etwas auf seiner Haut, ein Schmerz auf seiner Brust, dann an seinem Hals, als ob zahllose glühende Eisenstäbe auf ihn niederprasselten. Er konnte nichts sehen, seine Augen waren wie zugenäht, fest verschloss die fremde Macht seine Wahrnehmung. Er wollte schreien, aber seine Stimme war wie ausgelöscht. Und auch an diesem Punkt befahl die grausame Folter den Fortgang der Ereignisse.

Plötzlich ging das Feuer, mit dem man ihn quälte unter seine Haut, drang tiefer, immer tiefer, reißend, stromgewaltig, und der junge Mann spürte die Qual gründlicher, in Fleisch, in Knochen, Sehnen zerreißend, seinem Magen quälend.

Jene leise Stimme erklang erneut, es war diese schöne Stimme, so rein, die Stimme eines Mädchens, sie rief ihn beim Namen, immer und immer wieder. Dann rief sie um Hilfe… doch Link konnte ihr nicht helfen, er hatte mit seinen eigenen Schmerzen zu kämpfen. Er glaubte schon, nichts könnte schlimmer sein als die Wunden des Feuers, das über seinem Körper aufflammte, da spürte er, wie kleine, spitze, scharfe Eiszapfen auf ihn niederfielen und seinen Körper zurichteten. Knackend fiel das Eis, zermürbte und verätzte die bisherigen Wunden, schien im Wettkampf mit dem Feuer.

Link schrie wie am Spieß, spürte seine Stimme heiser werden, schrie unentwegt und konnte dennoch nicht aufhören. Überall bohrte sich ein fressgieriger Schmerz in sein Inneres hinein, doch gegen diese Leiden konnte er nichts unternehmen, er konnte sie nicht stoppen, ahnte, dass er sich im Todeskampf befand… im Kampf mit dem Schicksal…

 

Sara stürmte in dem Augenblick aufgebracht in Links Zimmer. Er lag auf dem Boden, seine Arme ruderten wie wild geworden in der Luft herum und immer noch schrie Link aus Leibeskräften. Sara traute ihren Augen nicht. Sein waldgrünes T-Shirt war fast vollständig verbrannt, und seine Haut darunter übersät mit übelsten Wunden. Fassungslos kniete sie nieder, hielt eine Hand vor ihren Mund und rüttelte an Links Schultern.

„Wach auf, Link.“ Doch er ließ sich nicht sofort wecken, sondern brüllte weiterhin seltsame Laute in die Luft. „Um Himmels Willen, wach‘ doch endlich auf!“ Sara gab ihrem Bruder dann eine heftige Ohrfeige. Sein markerschütternder Schrei flaute ab, und wandelte sich in ein durchdringendes Stöhnen, bis Link keinen Laut mehr von sich gab. Langsam schlug er seine blauen Augen auf.

„Verflucht…“, war das einzige, was er hervorbrachte. Sein Gesicht verzog sich, als er bei Sinnen war und begriff, dass er diese Wunden auch in der Realität trug. Sara saß neben ihm und weinte. Derweil versuchte Link sich aufzurichten. Sein Körper zitterte abartig und war am Ende seiner Kräfte. Der Siebzehnjährige schaute auf seinen Oberkörper, der aus vielen kleinen Wunden blutete. Er hatte Verbrennungen und Unterkühlungen zugleich. Ihm wurde übel vor Schmerz, obwohl die Verletzungen jetzt nicht so sehr brannten wie im Traum. Link versuchte auf die Beine zu kommen, seine Schwester half ihm, sodass er sich auf ihren Schultern abstützen konnte. Sie schleifte ihn ins Badezimmer…

 

 
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