Kapitel 1.21
 

Kapitel 21: Klarheit

 

 

Als Link am nächsten Morgen seine Augen öffnete, fühlte er sich so wach wie noch nie in seinem Leben. Es war noch vor Schulbeginn, als er die Treppenstufen hinunter trat, eine Kleinigkeit aß und spürte, dass sich in den nächsten Wochen noch mehr verändern würde als bisher. Mit einem nervösen Schmunzeln auf den Lippen fragte er sich zwanghaft, ob der Kampf von gestern tatsächlich passiert war oder ob er sich das alles nur eingebildet hatte. Es konnte doch nicht sein, dass er wie der Link im Spiel nun gegen Skelettritter kämpfte, gegen Knochenwesen, die von einem teuflischen Willen genährt wurden… Und er kämpfte, genauso wie die Spielfigur mit einem Schwert… Der junge Mann schlug sich gegen seine Stirn. Es fehlten bloß noch die grüne Mütze und das Hylia-Schild… und Epona… Er lachte dümmlich, stützte sich verzweifelt auf dem Tisch ab und hatte Sorge sich endgültig in einer Traumwelt zu verlieren. Er war nicht Link, er war nicht der Held der Zeit, er war nicht der Retter Hyrules… das konnte nicht sein…

Ohne Aufsehen zu erregen, Sara oder seine Eltern zu wecken, begab sich der junge Mann in aller Frühe aus dem Haus und lief zunächst ziellos durch die Stadt. Erneut hatte er seiner Mutter nicht gesagt, dass er außer Haus ging, aber in den letzten Wochen schien Meira das zu ignorieren. Sie hatte seit seinem Krankenhausaufenthalt aufgegeben ihm Hausarrest zu geben…

Die Sonne ging gerade auf, glühend und beinahe verräterisch, aber in der Stadt herrschte noch Totenstille. Link folgte dem Weg zur Schule, besah sich die Welt, in der er lebte, die Selbstverständlichkeiten des Alltags und zweifelte immer mehr. War dies wirklich das Leben, was er führen sollte? Und war Hyrule… war ein Spiel… wirklich nur ein Spiel?

Schwermütig kam der Jugendliche an der alten Kirche vorbei. Der Wind, ein kühler Bote des nahenden Sturmes, zog raschelnd durch die alten Bäume, die dicht gedrängt um das Gotteshaus standen. Link spürte das Knistern eines neuen Weges, das Gefühl, die Offenbarung seiner Bestimmung näherte sich, spürte den Drang sich dort einem Gemetzel stellen zu müssen, auch wenn es genügend Leute gab, die ihn beschützen wollten. Er würde kämpfen müssen, auch wenn er keine Spielfigur war. Magisch angezogen tapste er den mit Steinen bepflasterten Pfad zu der riesigen, alten Holztür hinauf, blieb zögerlich stehen und hatte dann keinen Zweifel mehr in den Innenraum der Kirche einzutreten. Ines hatte ihm verboten sich hier her zu wagen. Vielleicht, weil er keine Chance hatte gegen den Bastard, der dort seine Pläne schmiedete. Aber wer sollte gegen ihn kämpfen, wenn nicht jemand, der ein Schwert führte?

Link hob leicht einen Arm um die morsche Tür zu öffnen. Vorsichtig trat er ein, folgte dem Ruf seines Schicksals, folgte der Herausforderung und wurde von der Pforte verschluckt.

Die große Halle schien jedoch leer zu sein. Link lief wachen Auges durch Reihen aus Bänken und schritt in Richtung Altar. Nein, es war niemand hier. In ihm gehrte ein hinterhältiger Gedanke. Noch einmal blickte Link wachen Auges umher, dann rannte er zum Altar und suchte nach Spuren, er wollte irgendetwas finden, irgendetwas als Beweis, dass sich hier ein Dämon herumtrieb, der seine widerlichen Abgesandten auf unschuldige Menschen hetzte.

Einzelne Lichtstrahlen fielen durch die bunten Glasfenster und gaben winzige Staubkörnchen preis, die in der Luft herumwirbelten. Link krabbelte auf dem Boden herum und sah hinter jede Ecke. Irgendeinen Hinweis müsse er doch finden. Er stand wieder auf und schaute durch die teilweise kaputten Holzbänke. Nichts…

Link starrte nun an die Decke, blickte dann nach rechts, nach links, aber keine Spur. Verdammt hier muss etwas sein, sagte eine ungeduldige Stimme in seinem Kopf. Etwas, das ihm half diesen ganzen Irrsinn um den Kerl hier drin zu lösen. Link lief abermals zum Altar, wo ein Felsenstein stand und seltsame Schriftzeichen dort hineingehauen waren. An den Wänden hingen drei Gemälde, auf denen nichts dargestellt war. Seltsam, dachte er, bisher war ihm das noch gar nicht aufgefallen. Drei alte Gemälde mit goldenen Rahmen. Aber ohne Motiv, ohne Farbe, nur ein schwarzer Hintergrund war darauf dargestellt. Link ging näher und berührte eines der Gemälde…

Als er seine Fingerspitzen darauf legte, schien es ihm für einen Sekundenbruchteil, als lebte es. Er spürte etwas Pochen, fühlte deutlich einen Puls, eine scheue Bewegung, ein Zeichen des Lebens. Irritiert, aber zugleich erfreut, dass er etwas fand, das als Beweis genügte, nahm der Held das Gemälde ab und klemmte es unter seinen Arm. Gerade als er aus der Halle treten wollte, sprach die Stimme eines Kindes zu ihm. Die Stimme eines Jungen, die Link schon einmal im Traum gehört hatte. Link sah auf das Bild und blickte verstört drein. Der Knirps, welcher ihm so ähnlich sah, seine blonden Haare trug, waldgrüne Kleidung, erschien auf dem Bild. „Nein, bitte nimm’ das andere Bild auch mit. Dieses steht für Mut, nimm’ auch das Gemälde, welches für Weisheit steht. Und gehe damit zu Naranda Leader“, sprach er piepsend und aufgeregt.

Link schüttelte entnervt den Kopf, wusste nicht, was er von dem Bengel und diesem merkwürdigen Ereignis halten sollte und flüsterte: „Wie bitte? Warum?“

Doch der kleine Kerl auf dem Bild, welcher ebenso blaue Augen besaß, schüttelte verängstigt den Kopf. „Du musst mir vertrauen, ich bin zwar ein Kind, jemand der noch nicht einmal eine Existenz besitzt, aber ich gehöre zu deiner Zukunft.“

„Wie heißt du!“, rief der junge Mann und berührte das Gemälde wieder. Das Kind jedoch, im ersten Augenblick so real, so vertraut und ansehnlich, war wieder verschwunden. Link zögerte kurz, nicht ahnend, was er von dem Zwerg halten sollte, aber irgendwie besaß das Kind ein Paar niedliche und angenehme Augen, denen er alles glauben würde.

Link fasste einen weiteren Entschluss und lief zurück. Er schnappte sich auch noch das Bild ganz rechts. Es fühlte sich irgendwie anders an als jenes, das er bereits unter seinem Arm trug, ja, es strahlte eine wohlige Wärme aus, angenehm, fast zärtlich. Auch dieses klemmte sich der Schüler unter den Arm.

Doch bevor Link sich umdrehte und verschwand, wollte er unbedingt noch das Bild in der Mitte betasten. Seine Beine bewegten sich langsam darauf zu, er stoppte kurz, hob seine Hand und berührte es. Aber als seine Fingerspitzen darauf tanzten, wünschte er sich beinahe, er hätte es nicht berührt. Das Bild lähmte ihn völlig, Schmerz durchfuhr seinen Körper, eine kalte Hand legte sich auf sein Herz…

Vor Schreck stolperte Link nach hinten, als er von dem Bild abließ. Sein Körper zitterte und eine ungewohnte Übelkeit bohrte sich in seinen Magen. Genauso hatte er sich gefühlt, als diese Abgesandten der Hölle ihn zusammen geschlagen hatten. Link, außer Atem und verstört, rannte in schnellen Schritten auf das Tor am Eingang zu und war blitzartig dahinter verschwunden… 

 

Gerade in diesem Augenblick wurden in dem Einkaufcenter am Rande der Stadt die Lampen entfacht. Ein riesiger, hässlicher Schatten breitete sich in der riesigen Halle aus, in welcher Unmengen von Regalen mit Lebensmitteln, Gebrauchsgegenständen für den Haushalt und anderen Dingen aufgestapelt waren, für die jener Dämon keinen Zweck erkannte. Hinter ihm kroch Mortesk mit gebeugtem Rücken hinterher.

„Wozu brauchen die jämmerlichen Geschöpfe auf der Welt nur so viel blanken Unsinn“, sprach das Ungetüm abwertend, als er eine der Reihen mit einer Handbewegung leerte. „Sie wollen alle nur besitzen, aber sie erkennen nicht den wahren Wert einer Macht, die man begehrt. Sie glauben, diese geistesarmen Gegenstände hätten einen Wert, dabei beschämen sie nur das Dasein ihrer Besitzer.“ Er lief weiterhin durch die leeren Reihen. „Mortesk.“

„Ja, mein Herr.“

„Ist alles bereit, diejenigen, welche sich dieser Stätte nähern, zu versklaven.“ Mortesk sah auf und kniete nieder, als seine eisigen Augen in die noch eisigeren des Schreckensfürsten sahen.

„Einige, die an diesem Ort beschäftigt sind, unterliegen bereits eurer Kontrolle. Wir werden auf weitere Narren warten… für die Verseuchung…“

„Und das Gefängnis der Finsternis? Ist alles vorbereitet, um Zeldas Geist einzusperren, wenn er hier noch irgendwo verweilt?“

„Ja, mein Lord. Fertiggestellt ist er schon lange. In einigen Tagen dürfte er dann funktionsbereit sein.“

„Gut“, lachte der Hüne. Der monströse Kerl hob beide Arme und breitete sie aus. „Diese Welt wird bald mir gehören… Und kein Held stellt sich zwischen mich und der Welt… kein Held hat Wissen. Kein Held kann die Waffe führen, die mich bezwingt. Es ist hier anders als in Hyrule, anders als in den Welten, wo die Kämpfe des Schicksals geschlagen wurden. Es ist beinahe zu einfach…“ Der Klang seiner kalten Stimme schallte durch das leere Gebäude, drang nach draußen, dröhnte in Richtung Straße, aber niemand wollte es hören…

 

Link stattdessen ging in Richtung Stadtmitte. Eigentlich hätte er jetzt in der Schule sitzen müssen, aber dazu war ihm einfach nicht zumute. Vorahnungen begleiteten ihn, während er abwesend die Straße entlang tapste. Irgendetwas stimmte nicht, er konnte es fühlen. Das Ungetüm in der Kirche plante etwas Verwerfliches. Auch wenn Link nicht wusste, wer der Kerl war, oder weshalb er Leute unter seinen Bann ziehen wollte, nur um ihn fertig zu machen, das Gefühl, er müsse sich ihm stellen, wurde mit jeder Minute stärker.

„Ich bin Link. Ich glaubte, ein gewöhnlicher Junge zu sein, ein einfacher Jugendlicher, der irgendwelche Streiche anstellte, weil das zum Leben eines Jugendlichen gehörte. Ich habe immer geglaubt, ich würde zu den Menschen gehören, zu denen, die ihr Leben genossen, aber das war ein Irrtum. Ich bin genauso wenig normal, wie ich glücklich bin…“

Aber er beklagte sich nicht über sein Schicksal, er wusste, dass man ihm nach dem Leben trachtete, aus einem besonderen Grund. Und Link ahnte, dass Zelda in diesen Dingen eine wichtige, wenn nicht sogar die bedeutsamste Rolle, spielte.

„Ich habe kämpfen gelernt, mich im Umgang mit dem Schwert selbst erprobt. Ich fühlte, dass das Schwert und der Kampf zu mir gehörte… ich bin nicht mehr das, was ich vor einigen Wochen gewesen bin…“

Link hatte Selbstzweifel darüber, ob er richtig gehandelte hatte. Schließlich war er es, der vier Kreaturen, die aussahen wie Skelettritter aus dem Zeldaspiel, getötet hatte. Nein, er hatte sie grausam abgeschlachtet…

„Ich muss verhindern, dass dieser Dämon den Menschen in dieser Stadt, in diesem Land, auf dieser Welt… etwas antut. Ich muss Zelda beschützen…“

Link kam ein abscheulicher Gedanke, als er in den grauen, wolkenverhangenen Himmel starrte. Das musste die Antwort sein… dieser aus der Hölle entsprungene Mistkerl war sicherlich auch für all die Naturkatastrophen, für die Missstände, für das unsägliche Chaos auf der Welt verantwortlich! Link rannte nun, mit den schwarzen Bildern unter dem Arm, welche sich so angenehm anfühlten, weiter.

 

In der Schule läutete gerade die Glocke, die den Beginn der Pause ankündigte. Zelda starrte ein wenig betrübt auf Links leeren Platz, der sich heute nicht beim Unterricht blicken ließ, ahnend, dass ihr Versteckspiel nicht mehr funktionierte. Sie hatte geglaubt, sie könnte ihn so vor seinem Schicksal bewahren, könnte ihn schützen, indem sie sich von ihm fernhielt und in die Kämpfe nicht hineinzog, aber sie musste zu ihrer eigenen Schande und Schmach allmählich einsehen, dass Impa Recht hatte. Link wäre auch ohne ihr Zutun in die Kämpfe verwickelt worden, selbst in Hyrule befürworteten Götter seine Einsatzbereitschaft… 

Auch Sara war besorgt, wo sich ihr Bruder herumtrieb. Sie wusste ja, dass er trainierte, dass er lernte mit einem Schwert zu kämpfen und sie fand diesen Gedanken nicht einmal ungewöhnlich. Es war nur eine Frage der Zeit, dass er damit anfing. Aber es war nicht okay, dass er deswegen die Schule schwänzte. Sie tapste zu ihrem Schließfach, um ihre Bücher von dort zu holen und öffnete das Fach nachdenklich. Gerade als sie ihre Bücher herausnehmen wollte, fiel ihr ein kleines, fremdes Stück Papier auf, das sich ungewöhnlich anfühlte und nicht in ihr Schließfach gehörte. Verstört blickte die Schülerin auf das zusammengerollte Schriftstück und konnte sehen, dass es sich nicht um Papier handelte. Mit offenem Mund blickte Sara um sich, versuchte unauffällig wahrzunehmen, ob sie jemand beobachtete, aber sie sah niemanden. Erst dann rollte sie das Stück Pergament auf und las ein Schriftstück, das mit dem hylianischen Königswappen geschmückt und in einer anderen Sprache verfasst war. Sie hatte ein hinterhältiges Funkeln auf ihrem Gesicht, als sie sich die Worte durchlas. In einer Sprache, die sie sehr gut kannte und erinnerte, war etwas niedergeschrieben, das ihr eine deutliche Aufforderung machte. „Liebe Sara, schick‘ Zelda ins Antiquitätenzentrum, ich kümmere mich darum, dass Link und sie miteinander reden müssen. Vertrau‘ mir. Danke. Grüße vom Götterkind.“  

Die Schülerin grinste, glaubte den Worten ohne Anhalt und stiefelte entschlossen in das Klassenzimmer, wo Zelda sitzen musste. Als sie in das Klassenzimmer der Oberstufe eintrat, nahm Sara sofort Notiz von Zeldas trauriger Miene, aber sie hatte keine Lust der Prinzessin erneut gut zuzureden. Energisch stützte sie ihre Hände auf Zeldas Tisch ab, die schnell erschrocken aufsah. „Wenn du dir Sorgen um Link machst, dann habe ich dir ein paar Dinge zu berichten“, meinte Sara mit einigen Falten auf der Stirn, als Zelda sofort nickte. Sie wirkte entgeistert, aber auch einsichtig. „Es gibt wohl einiges, was du noch nicht weißt, Zelda.“

„Und das wäre?“, murmelte sie leise.

Sara holte einen Stuhl heran und setzte sich der vergessenen Prinzessin gegenüber. Derweil verschwanden die letzten Schüler aus dem Klassenzimmer in Richtung Cafeteria.

„Link hat sich in den letzten Wochen sehr verändert…“

Zelda biss sich rotwerdend auf die Lippe. Natürlich hatte sie bemerkt, dass er sich verändert hatte. Er war kräftig und athletisch geworden… so wie damals. „Ich ahne, was du meinst…“

„Ich weiß einfach nicht, was in ihn gefahren ist. Naranda Leader hatte ihm einige Dinge, in einem riesigen Beutel geschenkt. Eines Tages ist er dann schnurstracks damit in den Wäldern verschwunden. Seitdem ist er wie ausgewechselt. Er kommt immer erst spät abends heim und verschlingt dann zentnerweise Essen. Ich glaube er trainiert seine Fähigkeiten in den Wäldern…“

Zelda sah leicht erschrocken auf. Wie kam Naranda dazu, ihm Waffen zu schenken? Eine üble Bitterkeit gegenüber der Leiterin des Antiquitätenzentrums stieg in ihr auf. 

„Und das schlimmste, Zelda, Link kam gestern Abend erst nach Mitternacht nach Hause… mit einigen Kratzern und Schürfwunden und zerfetzter Kleidung. Ich glaube, er wurde erneut angegriffen.“

Zelda wich darauf die Farbe aus dem Gesicht. Sie stützte ihren Kopf auf den Händen ab und  machte sich zunehmend Sorgen. Gerade das hatte sie nicht gewollt. „Wurde er… schlimmer verletzt?“, sprach Zelda betrübt.

Aber Sara schüttelte beruhigend ihren Kopf. „Nein, wie gesagt, er trainiert schon seit Wochen. So leicht kann man ihn in seiner jetzigen Form nicht mehr verletzen… Er ist stark geworden, das wolltest du doch, oder? Er hätte wohl niemals so verbissen seinen Ärger dir gegenüber in das Training gesetzt, wenn zwischen euch alles prima wäre.“

Etwas heimtückisch lächelte Zelda in sich hinein. „Es war nicht der einzige Grund… eigentlich wollte ich ihn heraushalten aus diesem ganzen Mist…“

Sara grinste: „Und gerade du mit deinen höfischen Manieren nimmst solche Wörter in den Mund, du hast dich mittlerweile doch etwas an das Leben auf der Erde gewöhnt, was?“

„Nicht so, wie ich sollte… schätze ich…“, entgegnete sie seufzend und trat ans Fenster. Vielleicht hatte ihre Distanz mehrere Gründe, aber die Sorgen um ihren Helden blieben.

„Zelda, ich muss noch etwas weniger erfreuliches berichten…“, meinte Sara dann geheimnisvoll. Mittlerweile konnte sie sich sehr gut von Zeldas mentalen Fähigkeiten abgrenzen und sie wusste, die Prinzessin könnte sie nun nicht mehr so einfach durchschauen wie damals als sie ihr Gedächtnis nicht hatte. Sie beabsichtigte den Wunsch in die Tat umzusetzen, den ein unbekanntes Schreiben an sie gerichtet hatte. Denn sie spürte, dass es richtig war. Sie spürte, dass es gut sein würde, Zelda eine kleine Lüge aufzutischen und jetzt fort zu schicken.

„Was meinst du?“ Die junge, blonde Lady blickte Sara daraufhin misstrauisch an. Sie konnte nicht direkt ablesen, ob Sara die Wahrheit sagte. Von all den Wesen, die ihr auf der Erde begegnet waren, war die Schwester von Link diejenige, die es schaffte weiterhin geheimnisvoll zu bleiben…

„Ich muss dir berichten, dass Link sich in das Antiquitätenzentrum begeben hat, er will sich weitere Waffen dort besorgen und danach in die Kirche marschieren“, log Sara. Es war vermutlich nicht die wirkliche Absicht ihres Bruders, aber ohne eine Notlüge würde Sara die Prinzessin nicht dazu bringen ins Antiquitätenzentrum zu hetzten.

„Wie kommst du darauf?“ Und Saras Notlüge erzielte ihre Wirkung. Zelda sah aus, als wäre sie von einem Sack Flöhen gestochen worden. Sie wurde fahrig und unruhig.

„Er hat es mir gestern Abend gesagt, er will den Bastard in der Kirche konfrontieren und aufhalten… ich konnte Link nicht von dem Gedanken abbringen… Bei den Göttern, Zelda, was sollen wir tun?“, log die Fünfzehnjährige.

Das schockierte Gesicht der Prinzessin würde Sara wohl nie mehr vergessen. Sie sah aus, als stünde der Sensenmann vor ihr. Ihr Gesicht verlor jede Farbe und ihre himmelblauen Augen standen starr. Aufgeregt schnappte sich die blonde Schönheit ihren Rucksack, hetzte aus dem Raum ohne Sara noch einmal zu beachten und achtete darauf, dass Impa nicht bemerkte, dass sie sich davon stahl. Sara hockte derweil zufrieden in dem Klassenzimmer, wissend, sie hatte gerade ihr Versprechen die beiden zusammenzubringen eingelöst, und schlürfte behaglich von ihrer Waldmeisterlimonade.

 

Der grünbenützte Heroe trat in der Zwischenzeit in das riesige Antiquitätenzentrum ein. Er hatte die beiden schwarzen Gemälde noch immer bei sich und wollte diese Naranda Leader zur Aufbewahrung geben. Link wollte den Fahrstuhl nehmen und in das fünfte Stockwerk fahren. ,Dort waren die Büroräume, Naranda würde mit Sicherheit dort sein‘, dachte er.

Er drückte auf den roten Knopf des Aufzuges. Die Türen öffneten sich und Link trat herein. Ein kleiner untersetzter Mann mit roter, geschwollener Nase, einem kurzen hellbraunen Haaransatz und einem giftgrünen Anzug glotzte ihn mit einem nervigen Grinsen an. Unpassender Weise trug der Zwerg eine weiße Krawatte mit rosa Punkten, die ihn zunächst völlig ablenkten. Wie konnte man so eine geschmacklose Zusammenstellung seltsamer Kleidungsstücke tragen, fragte sich der Siebzehnjährige. Erst dann fiel ihm auf, dass der Mann ebenfalls ein Gemälde in der Hand hielt, ein kleines Bild.

„Ich bin Maler. Darf ich mich vorstellen: Alois Fairytale. Meine Gemälde sind ihnen sicher ein Begriff“, meinte er hochgestochen und musste sich halb den Kopf verrenken um Link zu mustern. 

Link schüttelte desinteressiert den Kopf.

„Nein, dann eben nicht. Man kann ja schließlich nicht alles wissen. Hier meine Karte.“ Und der Mann reichte ihm eine goldene Visitenkarte, auf der eine kleine Fee abgebildet war. Dann schaute Link noch einmal auf das Bild, welcher der Kerl in der Hand hatte. Darauf war eine kleine Fee abgebildet- mit grünen Augen- zwei geflochtenen Zöpfen und typischen roten Wangenbäckchen. Link wäre beinahe das Herz stehen geblieben, als er das Kind darauf erkennte. Dieses Mädchen war doch… vor Schreck ließ er die Gemälde in seiner eigenen Hand fallen und nahm blitzartig das Bild des Mannes.

„Gefällt dir das Bild?“, sprach er vergnügt. „Ich sagte doch, meine Bilder sind bekannt.“

„Sagen sie, Mister, wer ist das auf dem Bild?“ Mit einem ungewöhnlichen Ruck hielt der Fahrstuhl an. Ein Knattern, als wäre der Fahrstuhl lange nicht mehr gewartet worden.

„Ja, das ist eine gute Frage. Eines der ersten Bilder, die ich entworfen habe und bis heute trägt es keinen Namen… Wenn dir ein Name einfällt, sag‘ mir doch bitte Bescheid. Man sieht sich bestimmt wieder, Sportsfreund.“ Mit diesen Worten trat der ungewöhnliche Kerl aus der Tür hinaus und war verschwunden.

Entgeistert verweilte Link noch einen Augenblick im Fahrstuhl. Das Mädchen, welches ihn oft besuchte, wenn er trainierte, was ihm geholfen hatte, als Zelda in Gefahr war, war nichts anderes als ein Bild… Links Kopf schlug einmal wieder Purzelbäume, bevor er ebenfalls aus dem Fahrstuhl ausstieg…

Sorgsam schaute er sich um und las aufmerksam die Namen an den Türen. Ah, da war es ja: das Büro von Naranda Leader. Link klopfte zaghaft an.

Die Lady mit den feuerroten Haaren und der markanten Stimme, zweifellos die Stimme einer Anführerin, ertönte. „Herein.“

Link begab sich in den geschmackvoll eingerichteten Innenraum. Der Raum war in weißen Farben gehalten und hellbraune Gegenstände passten perfekt dazu. Vornehme Teppiche lagen hier und viele Kunstgegenstände verrieten das Herz einer leidenschaftlichen Sammlerin. Da hingen teure Schwerter an den Wänden, antike Vasen, sogar eine Vitrine mit Münzen. Doch so genau konnte sich Link den Raum gar nicht ansehen, denn eine weitere Person stand in dem Raum, mit der er hier nicht gerechnet hatte: Rutara von Wasserstein.

Sie strahlte ihn mit ihrem übertriebenen Lächeln an. „Hi“, sprach sie zwinkernd. „Du siehst gut aus, Link.“

Er wurde etwas rot um die Wangenknochen, nicht genau realisierend, wie Rutara das beurteilen konnte. „Ähm… ebenfalls Hi.“

Die beiden Damen lachten, weil er sich entzückend und verlegen klingend anstellte.

„Na, Link, was führt dich hierher“, wollte Naranda sogleich wissen.

„Also, ähm. Es geht um diese Bilder. Könnte ich dich nicht unter vier Augen sprechen?“

Doch Naranda schüttelte den Kopf. „Rutara weiß über alles Bescheid, was ich weiß, also worum geht’s?“

Link verdrehte leicht die Augen und war sich nicht sicher, ob Naranda dieser wassersüchtigen Person wirklich alles erzählt hatte. „Ich wollte, dass du diese Bilder bitte aufbewahrst. Ich habe das Gefühl, diese Gemälde könnten ein Beweis sein für dunkle Machenschaften…“ Er hoffte bloß, dass die beiden Damen seine Worte nicht so schräg fanden wie er selbst. Es kam ihm stumpfsinnig vor, dass er zwei Bilder entwendet hatte, weil er sich sicher war, dass sie ein Beweis sein könnten.

Naranda rückte eine eigenwillige Brille auf ihre Nase um die Gemälde zu beurteilen, berührte die Bilder, aber ließ sie gleich wieder fallen. Entsetzen stand in ihrem stolzen, sonnengebräunten Gesicht geschrieben. Rutara legte vor Schreck ihre Hände auf den Mund. Auch sie blickte fassungslos drein, als stünde der Sensenmann vor ihr.

„Link, das ist ja unglaublich! Wo hast du das her?“, Narandas Stimme schien vor Schock und Begeisterung zu explodieren.

„Jetzt beruhigt euch“, sprach der junge Mann, sich gleichzeitig fragend, warum die beiden Damen hier so auffällig reagierten. „Ich habe diese komischen Gemälde von der Kirche entwendet, weil…“ Er konnte ihnen doch nicht ernsthaft mitteilen, dass ein Junge darauf erschienen war und gesagt hatte, er solle es mitnehmen.

Rutara und Naranda setzten sich mit bleichen Gesichtern auf die hellbraune moderne Couch in der Mitte des Raumes und begutachteten die Gemälde weiterhin. Naranda träufelte sogar irgendeine merkwürdige Flüssigkeit mit einer Pinzette darauf. 

„Warum warst du in der Kirche?“, fragte Naranda streng. „Hatte Ines dir nicht untersagt, dort hinzugehen?“

Link seufzte daraufhin miesgelaunt. „Warum, weil dort ein Hüne von einem Mann seltsame Pläne schmiedet und Gefahr in diese Stadt bringt und dieser Kerl mich umbringen will? Toll, als ob ich darauf warten kann, dass er mich angreift!“ Er schüttelte den Kopf. „Als ob ihr mich weiterhin für dumm verkaufen könnt… ich ahne ohnehin, was los ist. Es sind genügend komische Dinge passiert…“

Naranda nickte bloß, und Rutara trat zu ihm und klopfte ihm auf die Schulter. „Wir wollten dich nie aus dieser Geschichte heraushalten… das ist alles auf Zeldas Mist gewachsen, Link“, erklärte Rutara. „Kennst du den Namen des Mistkerls in der Kirche?“

„Nein, ich hab’ ihn nie erfahren. Auf jeden Fall war ich heute wieder dort, aber der unheimliche Typ war verschwunden und ich habe nach Hinweisen gesucht… und diese Bilder hier habe ich gefunden.“

Naranda nickte und trug jene in die hinterste Ecke des Raumes. Dort legte sie, in der Nähe des Kamins auf einem Bücherregal, einen kleinen Schalter um. Ein kleines Geheimversteck wurde preisgegeben. Weiterhin tippte Naranda einen Zahlencode an einer Vorrichtung dafür ein.

„Wow, so was will ich auch“, meinte Link, der eigentlich die Stimmung ein wenig hochschrauben wollte, brachte aber nichts…

„Also. Link, der Zahlencode lautet 71374576, du musst dir diese Zahlen unbedingt merken. Irgendwann könnte das noch mal sehr wichtig für dich und vielleicht auch für deine Zelda sein.“ Naranda verstaute das schwarze Gemälde in der Geheimkammer.

Links Gesicht wurde mit einem Schlag wieder ernster. „Jetzt aber mal Spaß beiseite. Was sind das für komische Bilder? Und warum soll das für Zelda und mich wichtig sein?“

„Das erklärt dir mal lieber deine Prinzessin“, meinte Rutara schroff. „Die reißt uns sonst den Kopf ab, wenn wir dir jetzt alles erklären…“ Sie verschränkte die Arme und lächelte dann etwas unbeholfen. Es schien, als wollte sich Rutara in Zeldas Aufgaben nicht unbedingt einmischen.

Mit einem Seufzen beließ es Link dabei. „ Na dann, ist wohl besser ich gehe jetzt wieder und Naranda-“ Sie schaute kurz auf. „Danke für die Waffen.“

„Gern geschehen, du Held“, lachte sie. Darauf trat Link aus dem Raum, zufrieden sein Pflichtgefühl die Machenschaften des Dämons in der Kirche zu beeinflussen gestärkt zu haben, und sicher, dass die Gemälde bei Naranda gut aufgehoben sein werden…

 

Der Blick auf die Armbanduhr verriet dem Jugendlichen, dass es sich nicht mehr lohnte nun noch zur Schule zu gehen. Also wollte Link, dem die Schule mittlerweile völlig egal war, wieder in die Wälder gehen und trainieren. Er würde schon nicht von der Schule verwiesen werden, jetzt, da er einen guten Draht zur Direktorin Schattener hatte. Er wollte zuerst die Treppe nehmen, aber entschied sich dann aus Trägheit doch den Fahrstuhl zu benutzen. Gedankenversunken betätigte Link den Knopf und wartete darauf, dass der Lift kam…

Ein kleiner Junge mit himmelblauen Augen stand derweil hinter einem Blumentopf, ein Junge von vielleicht fünf Jahren, der sehr ansehnlich war. Ein niedlicher Fratz mit einer hübschen Stupsnase und einem Grinsen im Gesicht, das hinterhältiger nicht sein konnte. Er schnippte mit den Fingern und teleportierte sich geradewegs in das Erdgeschoss, wo gerade eine aufgeregte Zelda durch den langen Gang rannte, auf den Weg zu Naranda Leader. Sie hatte einen rosa Rucksack auf ihrem Rücken, wirkte gestresst und nervös. Auch sie hetzte zu dem Fahrstuhl und da wusste der Bengel, dass sein Plan funktionieren würde. Als Zelda geradeso in den Aufzug einstieg, sich alleine darin befand, manövrierte sich der kleine Fratz zu dem im Keller liegenden Steuerungsmodul das Fahrstuhls, öffnete einen Kasten und lugte mit seinen neckischen, kleinen Augen zu den vielen Verschaltungen, die dafür sorgten, dass der Fahrstuhl korrekt funktionierte. Er zählte einige Sekunden abwärts, wissend, wie lange es dauern würde, dass Zelda und Link gemeinsam im Fahrstuhl waren und legte schon einmal seine kleinen Kinderhände auf die Schalter, bereit den Lift zu sabotieren…

 

In dem Augenblick hielt der Fahrstuhl im fünften Stockwerk, wo ein gelangweilter Link wartete. Er schloss seine tiefblauen Augen, als ein Piepsen durch den Gang schallte, was ihm verriet, dass der Lift da war. Langsam öffneten sich die Türen und gerade da, als er eintreten wollte, stieß er mit jemandem zusammen, der aufgelöst und hektisch aus dem Aufzug heraus stürmte. Das blonde Mädchen, das doch nur wegen ihm hier war, knallte kreischend zurück und auch Link, der nicht wusste, wie ihm geschah, landete zu seinen Füßen. Er zwinkerte, schaute dann überrascht zu dem Mädchen, das sich gerade den blonden Schädel rieb. Sie atmete schwer, hechelte, als ob sie um die ganze Welt gerannt wäre und blickte ihn fassungslos an.

„Zelda…“, murmelte er benommen, hüpfte sofort auf seine Beine, ging die wenigen Schritte in den Fahrstuhl und bot ihr eine Hand zum Aufstehen an. Sein Blick war aufrichtig, aber auch unsicher. „Entschuldige…“, setzte er hinzu, auch wenn dieser Zusammenstoß nicht allein sein Verschulden war.

Sie war sich erst nicht sicher, ob sie sich von ihm helfen lassen sollte, schaute benommen zu der Hand, die er ihr anbot… dieser warmen Hand… dieser helfenden Hand, die sie vermisste…

Sie ließ sich dann aufhelfen, spürte das Zittern seiner Hand, seine Nervosität und rückte etwas zur Seite. Sie hatte nun keinen Grund mehr aus dem Lift auszusteigen. Erleichtert, dass sie ihn noch gefunden hatte und abhalten konnte in die Kirche zu gehen, atmete sie tief aus. Sie wand ihm ihren Rücken zu, legte ihre Hände auf die Brust und murmelte ebenfalls ein „Entschuldige…“ vor sich hin.

„Wolltest du nicht… aussteigen…“, meinte er stotternd und kratzte sich an der Stirn.

Sie schüttelte bloß ihren hübschen Kopf und versuchte sich von seiner angenehmen Stimme loszureißen. Wie hatte sie es nur geschafft sich so lange dagegen zu wehren… gegen seine Nähe… und dieses angenehme Gefühl, wenn er da war.

„Was machst du dann hier?“, meinte er, als sich die Türen schlossen und er den Knopf ins Erdgeschoss drückte. Er war sich nicht sicher, ob er nach ihrem Streit im Musikzimmer noch mit ihr reden sollte, aber die Worte waren beinahe aus seinem Mund gehüpft.

„Ich wollte…“, fing sie an, drehte sich zu ihm, aber auch er wand ihr den Rücken zu. Es fiel auch ihm schwer mit ihr zu reden. „Ich wollte… Sara hat…“ Sie verdrehte ihre Augen vor Verlegenheit und brach plötzlich in ihren Worten ab. Sie schwankte, spürend, wie es im Aufzugsschacht dröhnte und mit einem Schlag ging das Licht in dem Fahrstuhl aus. Nur noch ein fahles Licht leuchtete und ließ den beiden Insassen etwas Orientierung.

 

Gerade in dem Augenblick hatte der kleine Bengel mit der waldgrünen Tunika und dem heimtückischen Grinsen im Gesicht den Schalter am Sicherungskasten umgelegt und nutzte seine Energien um den Fahrstuhl anzuhalten. Es polterte einmal ruckartig und da wusste er, dass sein Plan funktioniert hatte… und dies mit der Hilfe von Sara. Endlich hatte er Link und Zelda zusammen eingesperrt… Endlich tat er etwas für seine Existenz… Er lachte mit seiner piepsigen, hellen Stimme und verschwand in silbernen Funken.

 

„Scheiße“, rief Link geistesgegenwärtig, als er es Knacken und Poltern hörte, sie beide kurz ins Wanken gebracht wurden und plötzlich war es still. Er blickte Zelda erschrocken an, in deren Augen sich sein eigenes Entsetzen spiegelte. ,Der Fahrstuhl musste steckengeblieben sein‘, dachte er sofort. Er zwinkerte aufgeregt, war noch nie irgendwo mit dem Fahrstuhl stecken geblieben und fand es auf eine Weise fast amüsant, dass er ausgerechnet mit Zelda im Fahrstuhl hockte.

„Was… was ist passiert?“, meinte die blonde Lady, trat an die Türe das Aufzugs und spürte noch mehr innere Unruhe und Chaos als vorher. Nicht nur, dass sie hier eingesperrt waren, sie war ausgerechnet mit dem Menschen zusammen, dem sie ausweichen wollte… Wenn dies das Schicksal so wollte, dann würde sie es noch mehr verteufeln als vorher.

„Nun ja… es sieht so aus, als sind wir… als hätten wir… ein Problem… aber das haben wir schon die ganze Zeit“, meinte Link widerwillig. Er fuhr sich durch die blonden Haare, atmete tief durch und ließ sich marode zu Boden sinken.

„Was meinst du…“ Aufgeregt drückte das Mädchen die Schalter mehrmals, aber es passierte nichts. Der Lift rührte sich keinen Zentimeter.

Link lachte amüsiert auf und sagte erheitert: „Wir sind zusammen im Fahrstuhl eingesperrt. Das kann Stunden dauern, bis wir hier heraus kommen.“ Irgendwie mochte er den Gedanken…

Sie blickte ihn durch die Dunkelheit irritiert an, schnaubte miesgelaunt und machte keine Anstalten ihm zu glauben. Erneut betätigte sie die Schalter und rief nach draußen. Irgendjemand musste sie hören.

„Das hat keinen Sinn… scheinbar ein technischer Defekt. Der Lift ist steckengeblieben… du hast keine andere Wahl als es mit mir hier drin auszuhalten. Wenn das nicht Schicksal ist“, meinte er belustigt. „Ist es nicht fast schon zum Lachen, dass du ausgerechnet mit mir in einem Aufzug feststeckst… mit mir, wo du mir ausweichen und mich damit ständig verletzen wolltest?“ Aber das Lachen über seine eigenen Worte verging ihm wieder, als sie beinah wütend schnaubte. Sie blieb einige Minuten schweigsam stehen, grübelte über eine Möglichkeit dieser Konfrontation auszuweichen und grübelte darüber nach, wie sie beide in dieser Situation gelandet sein konnten. ,Das war kein Schicksal‘, dachte Zelda miesgelaunt. Sie ahnte, dass jemand diese Situation eingefädelt hatte…

Seufzend ließ sie sich ebenfalls zu Boden sinken. Sie rieb sich über ihre schweißnasse Stirn und fragte sich bloß, warum es hier drin plötzlich so warm war. Sie zog sich ihre Jacke aus, vermied Blickkontakt zu ihrem einstigen Freund und schaute trübsinnig ins Leere.

„Die Wärme… hier drin, liegt am… nun ja…“, begann Link zu erklären und versuchte zumindest mit ihr ins Gespräch zu kommen. „Die Klimaanlage hier drin ist ebenfalls defekt… scheinbar…“ Er suchte eine Bestätigung und musterte ihr trübsinniges Lächeln, selbst in diesem fahlen Licht sah sie wunderschön aus…

„Wie auch immer… jetzt kannst du nicht mehr vor mir weglaufen…“, bemerkte er widerwillig und gereizt. Das wochenlange Chaos zwischen ihnen spannte seine Nerven, er wollte es nicht, aber die Ärger deswegen saß tief und wollte raus.

Für Zelda jedoch klang es beinah so, als hätte er diese Situation eingefädelt. „Du hast die Situation arrangiert, habe ich Recht?“, zickte sie. „Du wolltest mich die ganze Zeit zur Rede stellen, toll, wirklich toll…“ Auch ihre Nerven lagen blank.

Entrüstet sprang Link auf die Beine. „Bist du jetzt total übergeschnappt? So siehst du mich also, als jemanden, der so weit geht Aufzüge zu manipulieren, nur damit ich mit dir zusammen sein kann, ja?“ Seine Stimme war überraschend laut und dröhnte verärgert umher. Enttäuscht funkelten seine tiefblauen Augen in ihre. „Ich habe allen Grund sauer auf dich zu sein, aber ich bin nicht blöd im Kopf… und ich wusste, dass du deine Gründe hast für dein Verhalten…“ Als Zelda nicht darauf antwortete und ihren Kopf senkte, suchte Link nach Argumenten. „Außerdem… wie soll ich das gemacht haben… ich meine, den Fahrstuhl manipulieren, ich konnte nicht wissen, dass du hierher kommst“, sprach er ruhiger. „Was wolltest du hier, wenn du nicht Naranda besuchen wolltest… ist nicht eigentlich gerade Schule?“ Er rieb sich über die Stirn und hoffte, sie würden sich beide etwas beruhigen. Sie waren beide nicht an dieser Misere schuld. ,Vielleicht war es wirklich nur Zufall, dass sie hier feststeckten‘, dachte Link.

„Du wolltest in die Kirche, nicht wahr? Du wolltest deinen Mut testen und den Feind dort angreifen…“, sprach Zelda dann zögerlich. Mittlerweile war es egal, ihm Gegenfragen zu stellen, ihre Kommunikation funktionierte ohnehin nicht mehr.

„Wer hat dir das erzählt?“, schnauzte er.

„Das spielt keine Rolle!“

„Und ob das eine Rolle spielt, weil es so nicht stimmt!“, brüllte Link dann und setzte geschwind ein „Entschuldige“ hinzu. In ihm war so viel Wut wegen ihrem Verhalten, dass es ihm äußerst schwer fiel überhaupt noch vernünftig mit ihr zu reden.

„Du wolltest nicht in die Kirche gehen und… kämpfen…?“, murmelte sie, vergrub ihr Gesicht in den Händen und atmete geräuschvoll. Wenn sie noch länger hier feststeckten, hatte sie Angst nicht mehr atmen zu können. Es war so brütend heiß hier drin…

Kopfschüttelnd ließ sich Link wieder zu Boden sinken, versuchte sein aufgeregtes Gemüt herunter zu regeln und nahm eine Wasserflasche aus seinem Rucksack. Er trank hastig einige Schlucke. „Ich werde meinen Mut nicht testen. Ines hat mir eigentlich verboten dort hinzugehen…“, sprach er ruhiger, krabbelte über den Boden in ihre Nähe und hielt ihr die Flasche unter die Nase. „Hier…“ Er klang fragend, nicht sicher, ob sie sein Angebot, und hinter dieser Geste steckte mehr als bloß der Versuch ihr etwas zu helfen, annehmen würde.

Sie blickte ihn an, als war sie sich nicht sicher vielleicht nur zu träumen. Da war Müdigkeit und Unsicherheit in ihren himmelblauen Augen und die Suche nach dem richtigen Weg…

„Danke…“, sprach sie schüchtern und trank hastig von der Flasche. Es tat so gut, ihre Kehle zu befeuchten. Sie gab ihm das Getränk zurück, spürte seine Fingerspitzen, die ihre kurz berührten und reagierte etwas panisch. Sie wich so schnell zurück, dass sie sich ihre Armgelenke an der Fahrstuhltür anschlug. Eine Pause entstand… und annähernd zehn Minuten vergingen, in denen beide sich wie zwei Fremde anschwiegen, obwohl sie sich so viel zu sagen hatten.

 

„Du weißt, wer dort in der Kirche haust, nicht wahr?“, meinte Link leise. „Und du weißt auch, warum scheinbar niemand etwas gegen ihn unternehmen kann… Ist es richtig, dass selbst die Polizei nichts gegen ihn in die Wege leiten kann?“ Er wusste, dass nur er einen Anfang machen konnte. Zelda würde niemals anfangen ihm irgendetwas zu erklären, wenn er nicht etwas mehr Druck ausübte.

Sie nickte, wirkte etwas ängstlich und rieb sich den Schweiß von der Stirn.

„Und warum… warum scheint es dieser Kerl auf dich abgesehen zu haben? Was will er von dir?“, fragte Link lauter. Die Aufregung von vorhin kochte wieder, auch wenn er sie runter regeln konnte. „Zelda… ich bin mir sicher, dass dieses Biest von neulich… diese Kriegerin, von ihm geschickt wurde, diese…“ Er wollte doch nur ein paar Antworten auf seine Fragen, brach aber plötzlich ab, als Zelda aufsprang und trotz der Hitze und des wenigen Sauerstoffs im Lift auf und ab lief. „Das Thema macht dich nervös, was?“

„Link… bitte, halte dich aus dieser Sache heraus“, sprach sie streng.

„Schön, das würde ich ja gerne, aber diese Wahl habe ich nicht.“ Er zog sich aufgeregt das grüne T-Shirt aus, und deutete auf die Brandwunden. „Siehst du das, Zelda. Habe ich mir etwa ausgesucht von ein paar Feueraugen angegriffen zu werden? Schön…“ Nun platzte ihm doch noch der Kragen. „Du redest davon, dass ich mich aus dieser Angelegenheit heraushalten soll, dann sag‘ mir wie!“ Er breitete aufgeregt seine Arme auseinander. „Weißt du, was ich die letzten Wochen durchgemacht habe?“ Er brüllte, trat einschüchternd direkt vor das Mädchen, das ihm Antworten schuldete.

„Ich wurde angegriffen!“ Seine sonst so beherrschte, tiefe Stimme schwoll an. Energisch brüllte er weiter. „Ich wurde krankenhausreif geprügelt, habe danach angefangen mit Waffen zu trainieren. Dann habe ich vier Skelettritter mit einem Schwert umgebracht, weil sie mich am liebsten gefoltert und ausgeweitet hätten.“ Verärgert packte er Zelda an den Armen und zog sie auf die Beine. Sie blickte aufgeregt in seine tiefblauen Augen, schien noch verzweifelter als in den letzten Wochen und spürte neben brennenden Tränen in ihren Augen einen gemeinen Druck in ihrer Kehle. „Und du willst, dass ich mich heraushalte! Dann sorg‘ dafür, dass diese Kreaturen mir nicht andauernd den Tag vermiesen, aber nein, die Prinzessin glaubt ja, ich könnte mich heraushalten!“ Auch ihm stiegen beinahe Tränen in die Augen. „Weißt du, wie belastend es ist, gegen etwas zu kämpfen, wovon man nicht einmal eine Ahnung hat. Ich komme mir vor wie der letzte Vollidiot!“

Zelda hatte angesichts seiner Anklage die letzten Wörter in ihrem Mund verloren und das Gefühl, sie konnte die Erdensprache nicht mehr verstehen.

„Hast du eine Ahnung, wie belastend es ist zu töten… zu morden… irgendwelche Geschöpfe abzuschlachten… und zu wissen, dass die einzige Person auf der Welt, die das alles verstehen und erklären könnte, nichts mit einem zu tun haben will, weil sie glaubt, sie könnte mich damit beschützen! Ich habe die Schnauze voll von deinen Ausflüchten.“ Er keuchte, weil er beinahe keine Luft mehr bekam. „Was bezweckst du nur damit? Zu tun, als wäre alles in bester Ordnung und so zu tun, als würde dein Verhalten etwas besser machen! Du bist eine verdammte und feige Heuchlerin!“ Mit dem letzten vorwurfsvollen Satz zuckte der junge Held zurück und lehnte sich mit beiden Händen verzweifelt gegen die Fahrstuhlwände. Jetzt hatte er sich den Mund endgültig verbrannt, aber es musste raus…

Mit Tränen in ihren himmelblauen Augen stand Zelda hinter dem jungen Mann, dessen gutmütiges Herz sie erneut missbraucht hatte. Sie zitterte, drückte ihre Hände auf die Brust und wusste doch, wie sehr er Recht hatte. Sie war eine Heuchlerin… und feige… weil sie ihm einfach nicht die Wahrheit sagen konnte, weil sie die Illusion hatte, sie könnte ihn retten. Aber niemand konnte das… Er hatte seine Bestimmung und Götter waren es einst, die ihn für den Teufelskreis aus Kampf und Macht auserwählten. Und vielleicht gab es noch weitere Gründe für ihre Abweisung und Distanz… ja, retten konnte sie ihn nicht mehr…

Schluchzend ließ sich die blonde Schönheit wieder zu Boden sinken und vergrub ihr verweintes Gesicht in ihren Händen. Was war sie nur für eine verdammte Heulsuse geworden, seit sie auf der Erdenwelt war!

„Zelda… es tut mir leid, ich wollte dich nicht so behandeln…“, sprach Link leise. Es war nicht fair, was hier passierte, aber vielleicht notwendig.

„Nein, aber… du hast das Recht dazu… ich bin eine feige Heuchlerin…“, entgegnete sie. „Ich würde so vieles verändern, wenn ich nur könnte… Ich möchte nicht, dass du das alles ertragen musst.“ Sie stützte ihren Kopf, spürte einen unangenehmen Kopfschmerz mit dem Feuchtigkeitsverlust in dieser Schwitzkammer.

„Dann fang‘ an es mir zu erklären…“ Er rutschte näher und blickte beinah bettelnd in ihre himmelblauen Augen. Er fragte sich, ob er noch das Recht hatte, sie zu berühren und die Tränen wegzuwischen.

„Dadurch wird es nicht besser… und nichts wird einfacher…“ Sie blickte mutlos an ihm vorbei.

„Womit wir wieder beim Thema wären: Das ist nicht deine Entscheidung dies zu beurteilen.“

„Link… du verstehst dies nicht…“

„Dann erklär‘ es mir…“

„Ich kann aber nicht…“

„Dann versuch‘ es wenigstens.“

Darauf hüpfte sie aufgeregt auf ihre wackelnden Beine. Gab er denn niemals auf? „Ich habe in der Vergangenheit sehr viele Fehler gemacht… auch dir gegenüber… Es tut niemandem gut, wenn er mit mir interagieren muss.“ Ihre Worte rieselten von den Lippen, als hätte sie jene auswendig gelernt oder schon viel zu oft gesagt. Und für den Helden erklang tief versteckt in der Aussage eine kleine Botschaft, die Zelda wohl lieber nicht angedeutet hätte.

Er nickte mehrfach, wischte sich mit seinem T-Shirt den Schweiß von der Stirn. „Das ist es also… du wolltest dich selbst bestrafen mit deiner Distanz. Jeder sieht, dass du leidest… Du hast abgenommen… du bist fast nicht mehr du selbst…“

Sie drehte sich zu ihm um und blickte drein, als war jeder Sauerstoff in dem engen Raum aufgebraucht. Sie war fahl, und zitterte noch mehr.

„Jeder sieht es… und ich sehe es auch… du hast genug gelitten, Zelda. Was immer du getan hast, irgendwann hat jeder einmal seine Strafe abgesessen…“ Seine Worte waren aufrichtig, sie konnte einen angenehmen Nachhall jener in ihren Gehörgängen, bis hin zu dem Herzen wahrnehmen.

„Und wenn ich etwas getan habe, dass selbst Götter nicht gutheißen würden… wenn es Leben gekostet hätte…“, murmelte sie, ballte die Fäuste.

„Das hast du nicht…“ Erneut trat er vor sie, musterte sie tiefsinnig, so wie am Anfang ihrer Geschichte, zu dem Zeitpunkt, als sie im Haus der Braverys aufgewacht war.

„Woher willst du das wissen?“

„Weil du das niemals tun würdest…“ Link schloss die Augen und lächelte leicht. Selbst wenn sie ein Monster wäre, hatte er sich einst geschworen, selbst dann, würde er ihr helfen wollen. „Du bist ein guter Mensch… warum sonst solltest du dich so bestrafen, wenn es nicht so wäre.“

„Das ist Irrsinn…“, meinte sie schwach.

„Ja, ein wunderbarer Irrsinn“, erwiderte er leicht grinsend, dankbar, dass sie sich aussprachen.

„Was ist daran wunderbar, dass du mit mir diskutieren musst wie mit einem quengelnden Kind.“ Erneut bestrafte sie sich, indem sie sich selbst beleidigte.

„Beim Deku, du bist wirklich ein Sturkopf, Zelda“, murrte er. Er hatte so sehr gehofft, sie würden eine Basis finden, sich aussprechen und verständnisvoll miteinander umgehen und nun beleidigte Zelda sich erneut. Warum war sie nur so verbittert?

„Und du bist… du bist… ein stolzer…“, meinte sie leise, sich zurückhaltend. Sie wollte ihn ebenfalls zurechtstutzen, und für einen kurzen Augenblick hatte Link es trotz dieser Umstände geschafft, dass sie beinahe geschmunzelt hätte.

„Es würde dir gut tun, wieder etwas zu lachen…“, meinte er.

,Nur ist mir das Lachen mittlerweile ziemlich vergangen…‘, dachte sie trübsinnig. Wie sollte sie noch lachen mit dem, was sie durchgemacht hatte. Es war so einfach für andere darüber zu urteilen, wie sie sich verhalten sollte, aber keiner konnte nachvollziehen, wie es ihr wirklich ging. Sie hatte Hyrules Untergang miterlebt, hatte Erinnerungen an den Zeitkrieg, hatte für die Durchsetzung des Wohls aller jede Menge Menschen enttäuscht und hintergangen. Nein, ihre Schuld war noch lange nicht beglichen…

„Zelda… bitte sag‘ es mir… ich ahne es doch ohnehin schon…“

„Was ahnst du?“, sprach sie verleugnend.

„Denkst du, ich bin zu dumm um zu begreifen, weshalb ich gegen Skelettritter kämpfen musste?“ Er war dem Reden allmählich müde und fragte sich, warum es so schwer für sie war, es endlich zuzugeben. Da draußen, in der weiten Welt, existierte etwas, dass er sich niemals hätte erträumen lassen. Irgendwo da draußen lebte ein Schicksal, das nur darauf wartete entdeckt zu werden…

 

Gerade da dröhnte es erneut aus dem Fahrzugschacht, die Lichter flackerten auf und eine kühle Brise der Klimaanlage schickte angenehme Luft zum Atmen in den engen Raum. Etwas enttäuscht blickte der junge Held zu den funktionierenden Schaltern des Aufzugs, enttäuscht, weil er sich mit Zelda dennoch nicht aussprechen konnte… und die Wahrheit wusste er immer noch nicht. Es polterte einmal kräftig und der Lift setzte sich wieder in Bewegung.

Tiefdurchatmend drehte Zelda ihrem vergessenen Heroen den Rücken zu, dankbar, dass die Diskussion vorerst beendet schien. Link schüttelte ungläubig den Kopf, als sich die Fahrstuhltüren öffneten, einige Leute davor standen und die beiden verdutzt musterten. Zelda hetzte aufgelöst durch die Menschenmassen hindurch, hoffte nur, sie könnte Link weiterhin hinhalten. Sie konnte ihm einfach nicht die Wahrheit erzählen… es tat ihr einfach weh…

„Oh, nein, diesmal wirst du mich nicht irgendwo stehen lassen!“, rief Link wütend und sprintete hinter ihr her. Er folgte ihr bis hinaus in den Regen. Am Himmel zogen dunkle Wolken vorüber und Tropfen bedeckten leise knackend die kahlen Teerstraßen, auf denen Passanten vorüber liefen.

Er packte sie am Handgelenk, drückte sie gegen eine Wand und blickte sie durchdringend an, während größere Regentropfen auf sie beide fielen. Es war wie als bedauerte selbst der Himmel das Schicksal der beiden Auserwählten.

Link konnte nicht mehr sagen, ob Zelda weinte oder es die Regentropfen waren, die ihre schwachrosa Wangen bedeckten. Aber sie sah unglücklich aus, verletzbar und schuldbewusst. „Bitte…“, murmelte er, kniff die Augen zu und wartete auf eine aufrichtige Antwort. „Es ist doch ohnehin schon zu spät, Zelda… Sag‘ es mir…“

Sie biss sich auf die Lippe, während nasskalte Regentropfen an den Spitzen ihres blonden Haares hinab rannen.

„Versteck‘ dich nicht länger… nicht vor mir… bitte…“, meinte er beinah wehleidig. Dann sank er auf die Knie und blickte sie von unten herab an. Ritterlich kniete er nieder, hatte eine Hand auf sein Herz gelegt und bat doch nur um eine ehrliche Antwort. Link wusste nicht, dass seine Gestik mehr verursachte, als er erhoffte. Es war ein bekanntes Bild, ein schmerzhaftes Bild… und es erinnerte Zelda an etwas, das noch grausamer war als die Verletzungen der letzten Wochen. Link kniete einst so vor ihr, damals, bevor sie ihn in der Zeit zurückschickte, damals nach der Vernichtung der Bestie, als Blut Hyrule überzog wie eine Seuche…

„Nein… tu‘ das nicht… nicht das…“, wimmerte sie, als die Erinnerungen hochkrochen. Und die Erinnerungen an damals zerstörten das bisschen Stärke, das sie versucht hatte in dieser Welt aufrecht zu halten.

Seine tiefblauen Augen blitzten mit genau demselben Schwermut zu ihr hinauf wie damals. Für einen Bruchteil von Sekunden war sie in der alternativen Zeit, als seine Tunika besudelt war von seinem eigenen Blut, sein Gesicht voller Schürfwunden.

„Ich flehe dich an, Zelda…“

Sie konnte ihn flüstern hören aus der Vergangenheit. ,Ich flehe dich an, lass‘ mich bleiben, ich bin kein Kind mehr.‘

„Bitte, Zelda… sag‘ mir…“

Und von weither murmelte es quälerisch: ,Bitte, Zelda… sag‘ mir, dass du mich brauchst…‘

„Sag‘ mir endlich die Wahrheit“, flüsterte Link aufrichtig, aber er sprach diese Worte in der Realität, nicht inbegriffen in dem Trauma, das die vergessene Prinzessin spürte. Aber seine Worte hatten alles heraufgeholt…

Sie schluchzte und sackte dann zurück. Mit dem Rücken zu der Wand rutschte sie auf den klatschnassen Boden. Sie murmelte unverständliche Worte, sprach eine fremde Sprache, die der junge Held kaum verstehen konnte. Sie führte ihre Hände an die Lippen, dann an ihre Ohren und sprach nur ein Wort, das Link durchaus verstehen konnte. Von ihren blassen, kühlen Lippen erklang der Name eines Landes, das sie liebte.

„Hyrule…“

In dem Augenblick spürte Link eine schwere Last von seinem Schultern abfallen. Er sackte noch mehr zusammen und rieb sich seine Stirn. ,Natürlich sprach sie von Hyrule… wie sollte sie auch nicht… die ganzen Situationen vorher… die Angriffe und der Dämon in der Kirche… die Legende von Zelda war Wirklichkeit…‘, dachte Link.

„Hyrule…“, sprach er benommen. „Es ist also wirklich wahr?“ Link kam torkelnd auf die Beine, drehte sich geschockt um, konnte das, was sie gerade gesagt hatte, dennoch nicht völlig unter einen Hut bringen.

„Du hast Hyrule gesagt, nicht, weil es dir einfach so eingefallen ist… habe ich Recht… Es ist dein Land, nicht wahr?“ Er atmete stoßweise, schwankte und packte Zelda dann an ihren Handgelenken. Er zerrte das labile Mädchen auf die Beine und starrte sie so durchdringend an, wie noch nie zuvor. Aber ihre Augen waren leer, belegt mit Schatten, so, als wollte sie sich in den Schlaf zwingen.

„Zelda!“ Er rüttelte sie aufgebracht, bis sie zur Besinnung kam. In dem Augenblick wich sie zurück und nickte bloß.

„Es ist also wirklich wahr?“, murmelte Link stockend. Schockiert ließ er ihre Handgelenke los und stützte sich an dem erstbesten Baum an der Straße ab.

„Und Ines… deine Erziehungsberechtigte… Ines ist Impa, ist es nicht so?“, hauchte er benommen und wünschte sich, sein Leben wäre nur ein Traum. Erneut kam ein verzweifeltes Nicken von Zelda, bis eine Pause entstand, in welcher sich die Regenwolken verdichteten und die kühlen Wassertropfen größer und schwerer wurden. Link spürte den Regen, der leise an seinen Haarsträhnen hinabfiel, aber unternahm keineswegs jetzt den Versuch sich irgendwo unterzustellen. Es war unwichtig… so unwichtig, wenn Worte wie diese all das, was Link für selbstverständlich hielt in Frage stellen konnten. Sein Leben war eine große Lüge…

Zelda schluchzte, wollte ihm gerade diese Demütigung und Verletzung ersparen. Durcheinander legte sie eine zitternde Hand auf Links Schulter. Verärgert schlug er die Hand beiseite und wich seiner Seelenverwandten aus. „Jetzt sagst du mir das?“, schnaufte er, zutiefst enttäuscht von dem blonden Mädchen, für dessen Sicherheit er beinahe alles getan hätte.

„Warum?“, fauchte er. „Mein gesamtes Leben ist ein Fehler und du fängst jetzt an, mir etwas erklären zu wollen?“ Auch sein Blick verriet den Zorn in seinem Inneren.

Zelda schüttelte betrübt mit dem Kopf. „Ich wollte dich heraushalten. Ich wollte dir die Möglichkeit eines ehrlichen Lebens ohne Kampf und das Böse lassen. Niemals wollte ich dich anlügen, Link“, sagte sie verzweifelt.

Und auch Links Gemüt beruhigte sich. Langsam verstand er die Tatsache, wer er war, langsam löste sich die spontane Wut auf. Vielleicht lag es daran, dass er es selbst schon lange verstanden hatte, ohne es wahrhaben zu wollen.

Er wusste schon lange, dass: ,The Legend of Zelda’ mehr als nur ein Spiel war und nun hatte er dafür die notwendigen, unverwüstlichen Beweise… 

„Ich weiß“, flüsterte er durch den kristallenen Regen und schaute in die traurigen Augen Zeldas, wo sich immer stärker ein kalter Schatten zeigte.

„Ich weiß“, wiederholte er und lief hetzend, ohne einen weiteren Blick zu seiner Prinzessin nach Hause…

 

Sara empfing ihren Bruder durchgeweicht an der Haustür. Etwas Merkwürdiges lag in seinem Blick, als wäre er nicht mehr wirklich, als wäre Link so etwas wie ein Schatten am Rande der Welt. Ein kalter Luftzug streifte sie, als Link ohne ein Wort der Begrüßung hinauf in sein Zimmer trottete. Seine Schritte wurden immer schwerer, als er die wenigen Stufen ins nächste Stockwerk hinaufging, beinahe mühsam schleppte er sich nach oben. Unauffällig schlich Sara hinter ihrem Bruder her, der die Tür zu seinem Zimmer nicht schloss und zielgerichtet auf seine Nintendokonsole zu steuerte.

Ohne Vorwarnung erwachte eine zügellose Wut in dem jungen Herzen ihres Bruders. Er riss gnadenlos die Stecker heraus, warf die gesamte Konsole zu Boden und trat mit seinem Fuß einmal kräftig dagegen. Die Klappe sprang auf und die kleine Disc mit dem Ocarina of Time- Spiel purzelte über den Boden, bis sie vor seinen Füßen zur Ruhe kam.

Ein fluchte irgendetwas, gefolgt von einem verzweifelten, rauen Aufschrei aus seiner Kehle und ließ sich dann auf den dunkelbraunen Teppichboden sinken, während er mit seinen Hände durch seine klatschnassen Haare fuhr.

„Verdammtes Spiel. Du verdammtes, nutzloses Spiel. Du bist und bleibst nur ein Spiel!“, brüllte er und hämmerte wie blöde auf der kleinen Disc herum, aber sie zerbrach nicht. „Nur ein Spiel. Geh’ endlich kaputt. Du sollst…“ Er brach ab und schüttelte seinen Kopf, als ob er wieder zur Besinnung gekommen war.

,Das war es‘, dachte er. Nur ein Spiel… und doch seine eigene, unverwüstliche Vergangenheit, von der er nichts wusste…

Ein simples Warum schallte durch seine Gedankengänge, machte die Last auf seinen Schultern aber nur schwerer, unerträglich schwer.

,Ich bin eine einfache Spielfigur’, sagte er in seinen Gedanken, hasste sich dafür, begann sich sogar schon dafür zu schämen. Der Anflug der Verzweiflung mischte sich in seine Venen, immer schwächer fühlte er sich, spürte die Kälte des Regenwassers seiner Kleidung, spürte die Schwere und die Last der durchgeweichten Kleidung.

In dem Moment legte Sara ihrem großen Bruder eine Hand auf die Schulter, blickte ihn mitfühlend an und reichte ihm die andere. „Steh’ auf, Link“, sagte sie.

Aber er ignorierte die Hand und knurrte nur ein spöttisches: „Was weißt du schon, lass’ mich in Ruhe.“

„Ich habe dir nichts getan, du fieser Blödmann“, murrte sie. „Dann geh’ doch vor die Hunde und mach’ weiter mit deinem nervenden Gejammer. Ich wollte dir nur helfen, Idiot!“ Ihre vorher noch ruhigen Worte sendeten den Anpfiff zurück, den er ihr schickte.

Sara schlug die Tür hinter sich zu, und lief verzweifelt in ihr Zimmer. Sofort schnappte sich die Schwester von Link ihre schwarze Regenjacke und hetzte erbost aus dem Haus. „Na warte, Zelda“, sagte sie zu sich. „So einfach mache ich es dir nicht. Du hast lange genug mit Link gespielt!“ Schnellen Schrittes hetzte das fünfzehnjährige, schlaue Mädchen über die klatschnassen Straßen, rannte zu ihrem Zielort, der Villa, wo Zelda wohnte.

 

Nach langen Sturmklingeln, öffnete die einstige Prinzessin Hyrules der miesgelaunten Sara die Tür. „Sara? Was machst du denn hier?“

Die Angesprochene presste ihre Lippen aneinander, um Zelda nicht aus lauter Rasche anzuschreien und packte sie grob an ihrem Unterarm. „Du kommst jetzt sofort mit!“, sagte sie.

„Aber Sara, ich kann doch nicht einfach- Ines ist nicht da und…“ Noch ehe Zelda zu Ende gesprochen hatte, schleifte Sara, die wohl plötzlich übermenschliche Kräfte entwickelt hatte, die einstige Prinzessin die Einfahrt zur Straße hinunter.

„Was soll’ das?“, murrte Zelda und riss sich los.

Sara ballte ihre Fäuste und blieb ihr den Rücken zugewandt stehen. „Seit du da bist, behandelt mich Link manchmal wie Dreck“, murmelte sie. Ihre anfängliche Wut wandelte sich in leichte Verzweiflung und einen Hauch Traurigkeit. „Du trägst die Schuld, dass er so verstimmt ist. Du bist dafür verantwortlich, warum er sich so elend fühlt. Gib ihm zurück, was du ihm genommen hast!“, sagte Sara und drehte sich mit halbherziger Miene zu Zelda um.

Die Sonne zeigte sich am wolkenverhangenen Himmel. Zelda schwieg und starrte angesichts dieser Anklage schwermütig zu Boden. „Ich würde ihm… ohne zu Zögern… alles zurückgeben, was er geopfert hat…“

„Wenn du so denkst, dann musst du dich mit ihm aussprechen…“

„Aber…“, begann die blonde Lady, wurde aber sogleich von Sara unterbrochen: „Was ist so verflucht schwer daran, mit ihm zu reden?“

„Nichts…“, sprach sie und biss sich auf die Lippe. Eigentlich stimmte das nicht zwangsläufig…

„Dann wo ist das Problem?“

„Er weiß es, Sara… und ich ahne, dass du die Situation im Antiquitätenzentrum arrangiert hast.“

Und da grinste die Schwester des Helden auffällig amüsiert. Ihre Augen funkelten, dann klatschte sie sich in die Hände: „Es hat also wahrlich funktioniert?“

Zelda nickte sprachlos. Sara war wirklich ein Wolf im Schafspelz…

„Nimmst du mir das übel, wo es notwendig war?“

Zelda schüttelte banal ihren Kopf.

„Also, was ist dann so schwer daran, in aller Ruhe mit ihm zu reden, er ist mit den Nerven runter…“, sagte das fünfzehnjährige Mädchen stur und aufbrausend. Ihre blaugrauen Augen zeigten Entschlossenheit.

„Was will er mit meiner Gesellschaft. Ich habe ihm immer nur Probleme bereitet“, flüsterte das blonde Mädchen ihr gegenüber. „Er hat alles Glück dieser Welt verdient, Sara…“ Auch Zelda ballte die Fäuste.

„Zu Links Definition von Glück gehörst du aber dazu. Verstehst du das denn nicht? Deine Freundschaft bedeutet ihm zu viel, als dass er diese aus einer solchen Definition ausschließen könnte. Du tust ihm mehr weh, wenn du dich von ihm fernhältst als ihm einen Gefallen tun zu wollen. Wie oft muss ich deiner hohlen Rübe noch klar machen, dass er dich braucht?“ Ein heimtückisches Grinsen formte sich auf Saras zuvor noch ernster Miene. „Und wenn du das nicht endlich verstehen willst, dann ist deine Rübe ja noch hohler als ich dachte.“ Zugegeben, ihre Worte waren gemein. Und doch war Sara überzeugt, dass sie Wirkung zeigten.

Zelda runzelte bloß ihre Stirn und starrte Sara beinahe erbost an. Doch Sara gab der sprachlosen, verärgerten Blondine einen starken Klaps an ihren Hinterkopf und packte sie wieder am Handgelenk. „Wenn du jetzt nicht sofort mitkommst, muss ich dich dazu zwingen!“

Erneut schwieg Zelda, einen aussagekräftigen und immer sanfter werdenden Ausdruck auf dem hübschen Gesicht. Aber sie bewegte sich keinen Zentimeter.

„Er träumt von dir“, sagte Sara leise. „Und das reicht schon aus, um ihm den Tag zu verderben.“

Seufzend blickte die junge Prinzessin auf und sah in das weitentfernte Himmelszelt. Was sollte sie auch darauf sagen?

„Ich weiß ganz genau, warum du willst, dass er sich von dir fern hält. Schließlich bin ich wissend genug.“

Und Zelda verstand die Andeutung der kleinen Schwester von Link nur zu gut.  „Dann sag’ mir doch, welche Gründe es sind?“, sagte Zelda bissig.

„Du willst ihn nicht bloß vor dir beschützen… du bist feige.“ Zelda lächelte schwermütig und wand der Fünfzehnjährigen den Rücken zu. „Gewiss, deine Absichten sind edel und waren sie wohl immer. Aber deine Handlungsweise in dieser Welt ist einfach nur lächerlich und feige.“ Und Sara verschränkte ausdrucksvoll die Arme. „Es geht nicht darum, ob du ihn in Gefahr bringen würdest oder nicht. Es geht nicht darum, ihn vor sich selbst zu beschützen. Mir kannst du nichts vormachen, Zelda.“

„Ja, wie könnte ich gerade dir etwas vormachen“, sagte sie mit einem Wink. „Wo du von Anfang an wusstest, wo du mehr bist als andere sehen.“

„Genau, du kannst mir nichts vormachen, Prinzessin.“

Damit trat Zelda näher an Sara heran und schaute streng und stur in ihre Augen. „Nun rede endlich! Und sag’ mir, was du verschweigst!“ Allmählich wurde Zelda ein wenig missmutig.

„Okay.“ Und Sara hob ihren Zeigefinger und deutete auf Zeldas Nasenspitze. „Du bist hier das einzige Problem. Es ist deine verdammte Sturheit, deine Feigheit ihm zu sagen, wie wichtig er dir ist, der dich handeln lässt, der dich kalt werden lässt.“ Sara machte nur eine kleine Pause und ließ Zelda nicht das rechtfertigende Wort aufnehmen. „Es ist deine verdammte Angst vor seinen Gefühlen, die euch beide irgendwann umbringen wird! Wenn du nicht anfängst mit ihm zu reden, dann tut er etwas, was wir alle irgendwann bedauern werden… Kapierst du das nicht? Er wird sich selbst in Gefahr bringen, wenn du ihm nicht endlich sagst, was es zu sagen gibt. Ich weiß, dass er mehrfach in der Kirche war, dort, wo unser alter Feind lauert. Und Link wird es wieder tun, wenn du ihm nicht endlich erklärst, weshalb er sich dort fern halten sollte. Willst du, dass er leichtsinnig wird? Willst du, dass ihm etwas passiert?“

Zelda schaute traurig zu Boden und schwieg. Sie hatte nie ihre Stimme gegenüber jemandem verloren, der sie zurechtstutzte, aber Sara war da eben von einem ganz besonderen Schlag. „Natürlich will ich nicht, dass ihm etwas zustößt.“

„Was also spricht dagegen mit ihm zu reden. Er wird dir schon nicht beichten, dass er in dich verschossen ist.“ Daraufhin blickte Zelda errötet auf und suchte nach richtigen, erwidernden Worten.

Aber da packte Sara sie schon am Arm und murrte: „Los jetzt!“ Und Sara hetzte voran, dicht gefolgt von Zelda, die sich endlich, nach all den langen belastenden Diskussionen überzeugen lassen hatte.

 

Als die beiden Mädchen allerdings in Links Zimmer standen, mussten sie feststellen, dass der Gute nicht da war. Ohne weitere Überlegungen liefen die beiden Mädchen in die alten Mischwälder von Schicksalshort. Nach einer halben Stunde fanden sie Link ausgebreitet auf einer klatschnassen Wiese liegen. Jener kleinen Wiese, die von zwei Armen eines kleinen Flusses umrahmt wurde, jener Ort, wo alles mit dem Auffinden Zeldas begann.

In seinem Blick lagen keine Worte, die man für seine Stimmung hätte finden können… So traurig, entmutigt, sah er aus und starrte zu den grauen Wolken, die in Windeseile vorüber zogen, als würden sie vor dem Wind fliehen, immer mit der Gewissheit doch nicht entschwinden zu können.

Sara gab Zelda einen so starken Stups, dass sie in Links Richtung stolperte. Sie zwinkerte und verschwand, um die beiden Auserwählten alleine zu lassen.

Link wusste, dass Zelda hier war. Er spürte sie, fühlte ihre unvergleichliche Aura, roch den Duft nach Rosen, der sie umhüllte und hörte ihre Halbschuhe, die sich durch das hohe, feuchte Gras bewegten. Doch stur wie Link war, rührte er sich nicht und blickte weiterhin ans Himmelszelt, als ob er gestorben wäre.

Verunsichert blieb Zelda vor dem kleinen Flusslauf stehen, starrte melancholisch in das lichte Wasser und hörte freudiges Vogelgezwitscher von weit oben her, stammend von den dichten Baumkronen. Sie kniete nieder, fasste in das kristallene Wasser, welches kühl und frisch ihre Hand umspülte. So lebendig und doch vergänglich…

Ein kleiner grüner Laubfrosch hüpfte auf ihre Hand, quakte seine Palette an Tönen herunter, quakte erneut und hüpfte ohne Vorwarnung in Zeldas überraschtes Gesicht. Laut aufkreischend fiel sie rücklings in das nasse Gras und beäugte den Frosch, der beinahe grinsend und laut quakend auf ihrer Nasenspitze saß. Sie hatte einen Hang dazu. Tiere, egal welcher Art, waren ihr schon immer wohlgesonnen gewesen, es sei denn, eine teuflische Macht kontrollierte sie. Und dieser kleine Frosch schien sich aus irgendwelchen Gründen in sie verliebt zu haben. Lag es nun an ihrer natürlichen Ausstrahlung, an ihrem Charisma, der Güte ihres Herzens oder an ihrem Parfum, anscheinend wollte der kleine Laubfrosch nie wieder weg von Zelda. Sachte nahm sie das kleine Geschöpf in ihre Hände, streichelte über dessen labberige Haut, worauf das Wesen erst recht begann mit seiner winzigen Kehle zu röhren.

Zeldas Gesicht erhellte sich, erfüllt mit einem gutmütigen Lächeln flüsterte sie: „Du bist sicherlich ein kleiner Prinz, nicht wahr?“ Mit Liebeslaune und bezaubert von der Schönheit eines so kleinen, wenn auch schleimigen Wesens, drückte Zelda einen schwachen Kuss auf dessen grünliches Körperchen. Mit lautem Quak hüpfte der Frosch davon. „Wohl doch kein Prinz“, sagte Zelda leise und blickte hinüber zu Link, der sich bisher noch keinen Millimeter gerührt hatte. Sie stand langsam auf und suchte mit ihren Augen etwas am Rande der rauchigen Wolken, dort wo sich feine Risse für den blauen Himmel zeigten. „Ich habe nie… einen Prinzen gebraucht“, sagte sie gedämpft, sich bewusst, dass Link diese Worte nicht gehört hatte. Und doch stimmte es. Sie hatte nie etwas für irgendeinen dahergelaufenen, eitlen Prinzen übrig gehabt. Niemals… und diese Empfindung würde sich niemals ändern.

„Ich gehe lieber…“, sagte sie etwas lauter, wissend um die Abweisung, die er ihr jetzt entgegenbrachte, nach allem, was sie Verletzendes zu ihm gesagt hatte. Seine Gefühle gestohlen hatte sie, geraubt hatte sie diese und bitter enttäuscht. Sie lief einige Schritte, tapste mit Sehnsucht nach nur einem einfachen Blick von Link voran und blieb in dem Augenblick stehen, als Link endlich wieder bewies, dass er keinesfalls eingeschlafen war.

Er setzte sich aufrecht und murmelte eine leises: „Nein“, vor sich hin. „Bitte… bleib’“, setzte er hinzu. Seine Stimme klang mitfühlend, ruhig, kein Funken der Wut verratend, die er vor wenigen Stunden empfunden hatte.     

„Ist das tatsächlich dein Wunsch, Link?“ Sie wählte diese Worte bewusst, sich daran erinnernd, dass sie diese irgendwann bereits zu ihm gesagt hatte. Ein Dialog, als sie noch nicht erwacht war. Einige törichte Worte, gesprochen am Rande dieser Realität, dann als Lichtfunken tanzten.

Mit einem Sprung hüpfte Link auf seine Beine, drehte sich in ihre Richtung, aber sah ihr einfach nicht ins Antlitz. Langsam folgte er dem Weg, bis er direkt neben Zelda stand. „Es war immer nur… dieser einzige Wunsch“, sagte er und lief erneut einige Schritte. Er könnte sie berühren, sicherlich, könnte wenigstens nur einmal in ihren kristallblauen Augen träumen, aber besaß er denn nach allem, was geschehen war, noch das Bedürfnis dies zu tun?

„Wirst du mir aus dem Weg gehen?“, fragte ihre Stimme schwammig. Sie ließ den Kopf hängen und fuhr stockend fort: „Wirst du mir gegenüber… die gleiche kalte Abweisung zeigen, wie sie dir von mir zuteilwurde?“ Sie brachte das letzte Wort heraus, bevor sie das Gefühl hatte an ihrer Schuld zu ersticken. Eine Träne tropfte, als Link weitere Schritte lief und sich auf einen alten Baumstamm setzte. Betrübt stützte er eine Hand an sein Kinn und blickte zu Zelda, die ihm einmal mehr abweisend den Rücken zuwandte.

„Was erwartest du jetzt von mir?“, sagte Link stur und beobachtete den Fluss in seinem Lauf. Als ob Zelda je wieder wagte, etwas von Link zu erwarten. Er hatte ihr so viel gegeben, dass es für Tausende von Leben ausreichen würde, soviel Zuneigung, Schutz…

„Nichts“, sagte sie unsicher. „Und was erwartest du von mir?“ Damit wand sie sich in seine Richtung, wirkte verletzlich und angreifbar, indem sie auf den Boden sah.

„Vertrauen“, sprach Link schwach, im nächsten Moment sich wünschend, er könnte dieses Wort zurücknehmen.

„Aber das brauchst du nicht zu erwarten oder einzufordern. Du hattest mein Vertrauen die ganze Zeit, seit ich hier bin“, sagte sie lauter und fieberte mit ihren Worten.

„Nein, Zelda… das hatte ich nur, als du nicht wusstest, als du vergessen hattest, als du…“ Es war nur ein kleiner Satz, aber entscheidend für sie beide, entscheidend, ob ihre Freundschaft es wert war, weiterzubestehen, entscheidend, wenn die Antwort ehrlich sein würde.

„… als ich deine Gefühle respektiert habe“, beendete sie für ihn.

Er nickte bloß, noch immer nicht bereit in ihre sanftmütigen Augen zusehen. Stattdessen begann er spielerisch mit seinen Beinen zu pendeln und schloss seine Augen, um die richtigen Worte zu ersinnen.

Zelda jedoch blickte auf und lief langsam durch das Gras auf ihn zu. Sich nichts mehr sehnlicher wünschend, als ein charmantes Lächeln, als eine stumme Berührung. Aber genügte das? Was war mit den Antworten? Warum blieb Link so ruhig, bemüht ihr Zeit zugeben, obwohl sie deren Recht schon lange verspielt hatte? Nur wenige Meter von ihm entfernt ließ sie sich auf ihre Knie sinken, beachtete nicht die Nässe des grünen Grases, welche sich durch ihre helle Jeans zu ihrer Haut vorarbeitete. Als Stütze stemmte sie ihre Arme in das Gras. „Warum schreist du mich nicht endlich an?“, sagte sie laut. Überrascht öffnete Link seine Augen und sah sie halb vor ihm niederknien. „Mach’ schon, ich habe es verdient.“ Sie ließ ihren Kopf hängen und das blonde lose Haar fiel an den Enden auf die grüne Grasfläche.

„Hör’ endlich auf damit, Zelda“, sagte Link halb befehlend und packte sie an ihren Oberarmen. Ruckartig hievte er sie in die Höhe, blickte aber bewusst an ihr vorbei. Nur eine kurze Berührung, die er sofort wieder unterband. „Hör’ gefälligst auf, dich so gehen zulassen, dich selbst als so wertlos hinzustellen und deine Würde auf diese Art wegzuwerfen.“

Aber vielleicht empfand sie es ja genauso, als hätte man sie um ihrer Würde beraubt, oder als hätte sie diese schon damals in Hyrule für ein bisschen Frieden hergegeben. „Ich habe keine Würde mehr.“

Link schüttelte nur mit dem Kopf, verkrampfte sich, ständig damit kämpfend, sie einfach an sich zu drücken. „Wie geht das jetzt weiter mit uns beiden?“, murmelte er. 

„Stellst du die Frage mir, oder dir selbst?“, sagte sie verletzt und setzte sich nun mit einem Sprung auf den Baumstamm. Aus Nervosität spielte sie mit ihren Händen, ließ ihre Daumen kreisen. 

„Uns“, entgegnete Link zurückhaltend.

„Uns?“, wiederholte sie fragend. „Gab’ es denn jemals ein ,Wir’?“ Schmerz klang aus ihren Worten, erfüllt von der stillen Sehnsucht, ihre Zeit zu einer gemeinsamen Zeit werden zu lassen.

In dem Augenblick platzte in Link jeglicher Geduldsfaden. Er hielt den Abstand zwischen ihnen einfach nicht mehr aus, weder begreifend, ob es richtig war, noch darüber nachdenkend, was in der Zukunft lag, marschierte er ohne Umweg auf Zelda zu, die immer noch auf dem abgeholzten Baumstamm saß und trübsinnig auf ihre blassen Hände starrte. Er wagte einen Blick in ihr wunderschönes Gesicht, ein wenig froh, dass sie seinen Blick nicht traf. Sie wirkte blass… blässer als ohnehin schon. Er hatte sogar den Eindruck, dass sie noch mehr abgenommen hatte. Vielleicht drei oder vier Kilo, die sich besonders an ihren Wangen bemerkbar machten. Er konnte beinahe fühlen, wie sehr sie litt, sah den rastlosen Schmerz und die Besorgnis in ihren blauen Augen, auf denen der Schatten immer dichter wurde. Dieser Schatten…

Dann fielen ihre Augenlider zu und sie stützte sich mit ihren Händen an dem gesprenkelten Holz ab. Kopfschüttelnd, warum er sie einfach nicht ignorieren konnte, trat Link näher und näher. Wie oft hatte er sich vorgenommen dagegen anzukämpfen, gegen ihre starke Anziehungskraft ihm gegenüber? Doch immer scheiterte er.

„Es reicht“, sagte er leise und fand sich im nächsten Moment direkt vor ihr, erwiderte endgültig ihren Blick, als ihre Augenlider aufflatterten und sich ihr Kopf senkte, sodass sie ihn anblicken konnte, da sie sich durch die Höhe des Stammes einige Zentimeter höher befand, als ihr Seelenverwandter. Link konnte den Schmerz beinahe fühlen, so gefährlich war dieser in ihren Augen, er sah die Zweifel und die Angst vor der bitteren Zukunft. Denn auch hier, selbst wenn dies nicht Hyrule war, so konnte sie in ihren Träumen immer wieder die Anwesenheit des Bösen spüren, wurde durch dessen Stürme mitgerissen, sah sich selbst als Opfer alter, unvergessener Dämonen. Seine mitternachtsblauen Augen schwankten hinab zu ihren zitternden Händen, die er ohne Vorwarnung in seine nahm, die von den harten Trainingsstunden mit dem Schwert gekennzeichnet waren. Sie seufzte überrascht auf, ein wenig irritiert, warum er ausgerechnet jetzt ihre Nähe suchte. Aber seine Haut war so warm, und beruhigend.

,Ich habe dein Mitgefühl nicht verdient’, sagte sie in ihren Gedanken. ,Wie kannst du nur so liebevoll sein, nachdem ich dir auf jeder verabscheuungswürdige Art weh getan habe.’ Sie zog aus Hass auf sich selbst ihre Hände weg und drehte ihren Kopf nach rechts.

Aber Link gab sich mit dieser Abweisung nicht zufrieden, nicht mehr. ,Es reicht’ hatte er gesagt und Zelda ahnte, dass er gerade die einschüchternde Distanz damit meinte. Feinfühlig wanderten seine Arme um ihre Schultern. Und sie wusste, was folgte. Innerhalb von Sekundenbruchteilen fand sie sich in seiner innigen Umarmung. Ihr Kopf ruhte fast kraftlos auf seiner festen Schulter, mit dem beinahe tränenden Blickfeld auf seinen sonnengebräunten Hals gerichtet. Es tat so gut… ein wohliges Gefühl der Sicherheit… Endgültig schien die Nähe in dem Moment, versiegelt mit einer Umarmung und den Worten die folgten. Beständig jene Freundschaft, gewillt die nächsten Schwierigkeiten zu überstehen.

„Ich weiß nur, dass ich nicht ohne dich leben kann“, sagte er gedämpft, nuschelte jene Worte an ihren porzellanfarbigen Hals, sodass sie mit einem Zittern seinen Atem spüren konnte. Sehnsüchtig legte sie ihre Arme um seinen Hals, während Link immer noch, beinahe wie in Trance vor ihr stand. 

„Aber auch nicht mit mir“, meinte sie schwach. 

Sie genossen den Moment einiger weiterer kostbarer Minuten, schwiegen und folgten lediglich ungesagten leisen Bedürfnissen, als der Abend kam, als die Nacht und die Dunkelheit hereinbrach.

 
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