Kapitel 1.22
 
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Kapitel 22: Gefängnis der Finsternis

 

 

Die Schulglocke läutete gerade zur Mittagspause und alle Schüler stürmten zufrieden aus einem unsäglich stinkenden Chemieraum. Wie immer ließ sich die einstige Prinzessin Hyrules Zeit und war vielleicht noch die letzte im Raum. Beruhigung lag in ihrem Blick. Ein zaghaftes Lächeln, weil es ihr seit gestern viel besser ging, als wäre ein Stein von ihrem Herzen abgefallen. Wie konnte sie sich Link gegenüber nur so eisig, kalt und gemein verhalten? War es wirklich nur, um ihn aus diesen Kämpfen gegen Ganondorf herauszuhalten, oder steckte vielleicht doch mehr dahinter, als sie selbst zugeben wollte? 

Ein kurzer Gedanke an die Vergangenheit in Hyrule, an weniger erfreuliche Erlebnisse und viele schmerzhaften Erfahrungen streiften ihre Sinne. Sie wischte sich über ihre Augen und versuchte die Erinnerungen ruhen zu lassen. Alles, was damals war, hatte mit der Zukunft nichts zu tun, Link war nicht mehr derselbe… und auch sie hatte sich verändert. Was also sprach gegen einen Neuanfang für sie beide? Mit einem rupfenden Geräusch zog sie ihren blauen Rucksack zu und wollte gerade von ihrem Platz aufstehen, als sie Links Anwesenheit spürte. Überrascht sah sie auf und schaute in ein fröhliches Grinsen von seiner Seite.

„Hast du Lust die Pause draußen zu verbringen?“, meinte er.

Sie lächelte mit einem zaghaften Versuch die Erleichterung, dass Link sich ihr gegenüber trotz der Abweisung der letzten Wochen so verständnisvoll verhielt, zu überspielen.

„Gerne“, meinte sie leise und folgte ihm aus dem Raum durch die Gänge. In der Aula standen Maron und Rick Händchen haltend und winkten den beiden kurz zu. Link nickte, hatte ein unermessliches Grinsen im Gesicht. Beweis genug, dass es ihm wirklich gut ging.

Außerhalb machten die beiden Auserwählten es sich zusammen auf einer Grünfläche abseits gelegen bequem. Link hatte wie immer einen Apfel dabei, von dem er einen herzhaften Bissen nahm, als er Zeldas verwundertes Gesicht bemerkte.

„Stimmt etwas nicht?“

Sie schüttelte den Kopf und sagte vorsichtig: „Du bist… einfach genau der Link, den ich damals kannte. Mit allen Vorlieben. Allen Eigenheiten… es ist beschämend, dass mir das jetzt erst richtig klar wird.“ Sie neigte ihr Haupt seitwärts und beobachtete einige Schmetterlinge, die auf den Wiesen tanzten.

Link schwieg darauf, denn es war im Moment einfach nicht von Interesse für ihn, was damals war. Er wollte bloß Zeldas Anwesenheit genießen. Wollte bei ihr sein. Wollte die gemeinsame Zeit auskosten und nicht mit Erinnerungen an das vergessene Damals belasten.

„Wie kommst du eigentlich klar… ich meine, mit der Schule?“ Ein Versuch, sich an die neue Zeit zu orientieren.

„Also…“, meinte sie und überlegte, wie sie es am besten erklären konnte. „Literatur ist okay. Das Englisch geht auch… ich habe die letzten Wochen die Nächte durchgearbeitet. Mit Mathematik habe auch ich keine Schwierigkeiten… In Hyrule…“ Sie brach ab, als sie Links melancholischen Blick begegnete.

„Entschuldige…“ Link zuckte mit den Schultern, wusste, warum sie in ihrer Wortwahl stoppte. Jeder Gedanke… jede Kleinigkeit in dieser Welt war von dem abhängig, was Zelda in einem alten Hyrule erlebt und gelernt hatte.

„Wir brauchen ein anderes Gesprächsthema…“, murmelte er.

Sie nickte bloß und schaute traurig in den Sonnenhimmel. Und worüber sollten sie reden? Sie war und würde immer Zelda, Prinzessin von Hyrule, bleiben. Egal, was sie lernte, egal, welche Erinnerungen sie vergaß. Alles, was sie wusste, wie sie handelte, alles würde von den Idealen Hyrules begleitet sein…

„Genau deshalb… kann ich einfach… mit niemandem reden“, flüsterte sie und drehte sich weg. „Mich versteht einfach niemand…“ Gleichzeitig ärgerte sie sich darüber, was sie gerade gesagt hatte. Wo waren ihre Stärke und ihre Zurückhaltung geblieben? Sie wollte Link nicht ihre Gefühle zeigen oder ihm ihr Herz ausschütten… das konnte und durfte sie sich nicht erlauben.

Aber Link rutschte näher, legte seine Hände auf ihre Schultern und meinte. „Na und? Du hast doch mich. Ich besitze genug Blödsinn in meinem Kopf. Genug Blödsinn, Verrücktheit und Abenteuersinn, dass du mit mir schon genug zu tun hast.“ Er grinste, als sie sich umdrehte. „Und ich weiß auch etwas, worüber wir reden können.“

„Ja?“, meinte sie erfreut und wartete auf eine entsprechende Antwort. Und das dümmliche Grinsen in seinem Heldengesicht wurde immer unverbesserlicher. Plötzlich packte er sie an den Schultern und riss sie mit ihm zu Boden.

„Lass’ uns doch die Wolken deuten.“ Zusammen lagen sie nun da. Nebeneinander auf der Wiese starrten sie in den Himmel mit den vielen weißen Wolkenfleckchen.

„Dort haben wir einen Kürbis“, fing Link an. „Jetzt du.“

„Und dort ein alter Mann mit einem langen Bart. Vielleicht ein Zwerg“, meinte sie und versuchte sich von ihren trübsinnigen Gedankengängen abzulenken.

„Und dort… ein Drache“, sagte Link, zog dabei eine dümmliche Schnute und setzte mit geschauspielerter Stimme hinzu. „Ein Drache mit einem brennenden Hinterteil. Siehst du und jetzt flippt er aus und dreht sich im Kreis.“

Zelda lächelte sanft und versuchte es ebenso mit etwas Aufheiterndem. „Und dort hüpft der Held Hyrules von dem Drache davon, weil jener seine grüne Mütze angesengt hat.“

Link drehte sich zänkisch zu ihr und grinste: „Du bist hinterhältig, Prinzessin.“

„Und du bist dusslig, Held.“

„Lieber dusslig als hinterhältig“, konterte er.

„Warum? Weil man so eine bessere Ausrede für so viel Gedankenlosigkeit besitzt?“

„Nein, weil man sich mit Gedankenlosigkeit viel schönere Dinge erlauben kann, ohne sich für die eigene Unvernunft, Dummheit oder auch Schussligkeit rechtfertigen zu müssen.“ Grinsend beugte sich Link über sie und besah sich die trübsinnigen, sanften Augen Zeldas.

„Und was glaubst du, kann man sich dann erlauben?“, führte sie an und wartete auf eine weitere gewiefte Antwort. Aber Links Grinsen wurde breiter und breiter, als könnte er die Antwort nicht über seine Lippen gleiten lassen. Eine Antwort, die nicht nur fies und gedankenlos sein sollte.

„Das“, sagte er und drückte einen schmatzenden Kuss auf Zeldas rechte Wange.

Noch ehe die Prinzessin etwas tun konnte, hüpfte der gutmütige Kerl auch schon auf seine Beine und floh vor ihr. Aufgeregt rannte sie hinter ihm her und doch wurde sie den lachenden Kerl niemals in die Finger bekommen. Die ganze Pause verbrachten sie damit, einander zu fangen, bis schließlich die Glocke bimmelte.

„Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen“, lachte sie und streckte ihren Zeigefinger in sein Gesicht.

„Okay. Ich mach’ es wieder gut. Sagen wir heute Nachmittag bei einem Eis. Ich lade dich ein.“ Und diesmal gab es keinen Grund, dass sie seine Einladung nicht annehmen würde.

„Du möchtest mit mir Eis essen gehen?“, meinte sie überrascht und blickte verlegen zu Boden.

„Ja, sehr gerne.“

„Dann… so… um vier Uhr nachmittags…“, meinte sie leise und beschämt. Doch warum sie so verlegen war, wusste sie selbst nicht einmal genau.

„Das wäre toll und dann können wir ins Kino gehen. Impa hat bestimmt nichts dagegen. Immerhin ist heute Freitag und morgen ist keine Schule.“

Zelda nickte und murmelte sich vergewissernd. „Also um vier?“

„Jep. Ich hole dich ab.“ Sie nickte, als Link freudestrahlend zurück in das Schulgebäude hüpfte.

Als Rick in der Aula des Gymnasiums einen Blick zu seinem besten Kumpel warf, hob dieser grinsend beide Daumen nach oben, erfreut, endlich wieder Zelda in seinem Freundeskreis zu haben…

 

Als Zelda von der Schule kam, bemerkte die stolze Direktorin erstmals das ungewöhnliche Lächeln auf dem Gesicht der einstigen Königstochter. Seit sie hier war, seit sie sich in dieser Villa eingelebt hatte, war noch nie ein so sanftes, glückliches Lächeln auf ihrem Gesicht gewesen. Eine schwere Last musste von dem Mädchen abgefallen sein.

„Lass’ mich raten… du hast dich mit Link versöhnt“, sagte Impa lächelnd und deutete auf die Küche, wo Spaghetti mit Tomatensauce dufteten. Zelda nickte bloß, warf den Rucksack achtlos in eine Ecke und hastete in die Küche.

Als Impa eintrat, hatte die junge Schönheit bereits eine volle Portion auf dem Teller und aß so viel, als ob sie die letzen Wochen nachholen müsste.

„Es freut mich für dich, dass du dich mit Link aussprechen konntest“, meinte Impa und versuchte beinahe Zeldas Gedankengänge zu lesen. „Ich habe mich schon gefragt…“ Impas scharlachrote Augen sahen interessiert und neugierig in die himmelblauen der Prinzessin.

„Ich weiß, dass mehr hinter deinem abweisenden Verhalten steckt als bloß der Versuch Link zu schützen“, sprach Impa belehrend. Sie wusste, dass Zelda es nicht gerne hörte, aber das Thema musste auf den Tisch. Denn es gab Ereignisse in der Vergangenheit, über die Zelda nicht sprechen wollte. „Nun erzähl’ schon… wie sieht es nun aus mit euch beiden“, sagte Impa und nahm Zelda gegenüber Platz, die herzhaft, beinahe leidenschaftlich Spaghetti wegputzte. Verwundert blickte das anmutige Mädchen auf und verstand nicht die versteckten Annahmen in den roten Augen ihrer Ziehmutter.

„Ganz gut…“

„Und das heißt im Klartext!“

Erneut schickte Zelda der Direktorin einen verwunderten Blick entgegen.

„Ich meine, wie hat Link reagiert?“

Und Zelda aß hastig weiter, murmelte während des Kauens- ganz und gar nicht ihren alten, gepflegten Manieren entsprechend. Aber Impa verstand sie nicht. Zelda legte den Löffel beiseite und erklärte beschämt: „Ich verstehe ihn einfach nicht… er verhält sich so, als ob nichts geschehen wäre… so verständnisvoll…“ Und Impa schwieg darauf.

„Er holt mich nachher ab“, sagte die Jugendliche und nahm einen Zug Orangensaft.

„Tatsächlich!“, meinte Impa, ein wenig verwundert, wie schnell es plötzlich ging, dass die einstige Prinzessin ihren besten Freund wieder an sich heran ließ.

„Woher der plötzliche Sinneswandel?“

„Saria hat mich überzeugt…“, meinte sie leise, was der einstigen Shiekah als Antwort genügte.

Innerhalb der nächsten Sekunden schlang Zelda die Nudeln in den Mund und hetzte dann vom Tisch. „Warum hast du es denn so eilig.“

„Ich will mich noch… umziehen… und…“ Zelda brach ab. Was eigentlich? Wollte sie sich hübsch machen? Für Link?

Aber Impa lachte bloß, erfreut und mit einer ordentlichen Portion Dreistigkeit, die aus ihren roten Augen stach. „Gib’ dir keine Mühe, Prinzessin, du kannst es einfach nicht lassen, was?“

Zelda zuckte mit den Schultern und trat halb aus der Küchentür, als ihre Ziehmutter noch belustigt hinzusetzte: „Und keine Sorge. Link findet dich auch so wie du jetzt bist wunderschön. Du brauchst dich nicht extra hübsch zu machen.“ Ihre Fäuste ballend fühlte Zelda Ärgernis in sich aufsteigen.

„Ach… Halt’ den Mund, Impa.“ Ihre Andeutungen konnte sie nun wirklich unterlassen. Da war nichts zwischen Link und ihr. Und es würde niemals etwas zwischen ihnen sein… weder in der Vergangenheit noch hier… Freundschaft und Seelenpartnerschaft… aber nicht mehr…

Damit trat die Prinzessin aus der Küche und hetzte in ihr Zimmer. Trotzallem würde sie jetzt ihr rosa Sommerkleid heraus kramen, würde duschen gehen und Haare waschen… und dann… Sie brach ab mit den Gedanken und ärgerte sich ein wenig, dass Impa vielleicht recht hatte. Sie putzte sich heraus und das vielleicht sogar wirklich wegen Link…

 

Und auch Link kam grinsend nach Hause, ignorierte das fragende Gesicht Saras wegen seiner guten Stimmung und machte sich lustig, weil seine Mutter alles probierte, um herauszufinden, was es war, dass ihn fröhlich machte. ,Aber heute‘, dachte er, würde er alles für sich behalten. Kurz nach drei Uhr hielt er es dann einfach nicht mehr aus… es war zwar noch lange nicht vier Uhr und zu dem Haus von Impa waren es auch nur zehn Minuten. Aber er freute sich so sehr auf den Nachmittag, dass er einfach losstürmte…

 

Gerade zu der Minute drehte die junge Königstochter in ihrem persönlichen Badezimmer summend an dem Duschknopf und ein warmer Wasserstrahl strömte hinab. Sie hatte das schönste Lächeln auf dem Gesicht, das sie aufbringen konnte, und ließ sich ein wenig Zeit bei ihren Handlungen. Ein Duft nach Rosen umhüllte sie, als sie aus der Dusche trat und ihr bestes Dessous an ihrer schönen Figur begutachtete. Dann schlüpfte sie lachend in das süße, teure, altrosa Sommerkleid und schaute in ihr Spiegelbild.

,Ja‘, dachte sie. So konnte man sich in der Öffentlichkeit zeigen… und ein Gedanke an die versnobte, altmodische Kleiderordnung in Hyrule Castle geisterte durch ihren Kopf. Damals solche Kleidung zu tragen hätte ihren armen Vater unmittelbar zum Herzinfarkt gebracht. Denn er wusste, wie Zelda ihren Stand immer verabscheut hatte, auch wenn sie ihn und ihren Titel mit Respekt annehmen musste… Ja, ihr Vater… Zelda schluchzte und versuchte das aufkommende Heimweh zu unterdrücken…

Sie griff nach einer Bürste für die gewaschenen, honigblonden Haare und führte diese leicht durch das nasse, seidene Haar, als sie sich plötzlich am Waschbecken abstützen musste. Die Bürste fiel ihr aus der Hand und einige Duschbäder, Gesichtswasser und Öle fielen durch eine unsachte Handbewegung auf die weißen Fließen. Zermürbend rieb sie mit einigen Fingerspitzen über ihre Stirn, versuchte zu verstehen, woher dieser Schwächeanfall rührte, aber sie fand den Grund nicht. Sie drehte sich hastig um die eigene Achse, versuchte irgendwo Halt zu finden, und spürte bloß noch, wie ihre Knie nachgaben und sie mit einem heftigen, schmerzhaften Schlag zu Boden gezwungen wurde. Krampfend und laut keuchend hockte Zelda auf den Fließen, während um sie herum alles trübe wurde, trüber und trüber, bis die Nebel in eine dunkle Farbe übergingen. Sie spürte eine zwingende, machtvolle Kraftlosigkeit und zog sich auf den zitternden Armen über den Boden, brach aber vor der Badetür zusammen. Ihre Augen tränten, während der Angstschweiß an ihrer Stirn aus den Poren schoss.

„Impa“, rief sie mit letzter Kraft. Und noch einmal rief sie nach ihrer Ziehmutter, aber niemand hörte sie.  

„Link…“ Ein Gewächs aus dunklem Gestrüpp mit violettem Schimmer zog sich um ihre Glieder, als sie einen letzten markerschütternden Schrei ausstieß und der Körper sowie die Seele der Prinzessin das alten hylianischen Reiches verschwand.

 

Pfeifend rannte der junge Heroe die Einfahrt zu Ines Villa hinauf, als er plötzlich stehen bleiben musste. Benommenheit und Mattigkeit kamen über ihn, wie ein keiner Schlag ins Gesicht… Noch ein Schlag, dann ein fieser Druck in seinen Adern und eine schwere Last auf den Schultern. Er schüttelte den Kopf und blieb einige Sekunden stehen, versuchte den plötzlichen, unheilvollen Schmerz zu verstehen, aber fand darauf keine Antwort… Nach wenigen Sekunden war das Gefühl der Schwäche passe und der junge Heroe tapste zu der großen, dunkelbraunen Eingangstür. Ein Blick auf die Armbanduhr sagte ihm, dass er über eine halbe Stunde zu früh dran war… aber man würde ihm das sicherlich entschuldigen. Er freute sich so sehr auf den Nachmittag mit Zelda, dass jede weitere Minute, in welcher sie nicht zusammen waren, einfach nur eine Verschwendung von Lebenszeit für ihn darstellte.  Aufgeregt und irgendwie ein wenig nervös stand er vor der Haustür und klingelte heftig, um seine kochende Zappeligkeit abzureagieren. Er verbrachte den Nachmittag mit Zelda… er würde so viele Stunden mit ihr zusammen sein… und erst jetzt realisierte er das Glück und die Freude, die daran geknüpft waren. Er würde den ganzen Tag Zeit haben um mit ihr zu reden… Das Grinsen in seinem Gesicht war beneidenswert, auch wenn sich eine komische, lächerliche Nervosität in seinen Augen wiederfand. Während er darauf wartete, dass man ihm die Tür öffnete, phantasierte er weitere schöne Dinge, die Zelda und er zusammen tun könnten. Vielleicht wäre es ja wunderbar zusammen reiten zu gehen. Er würde ihr, wenn sie es nicht konnte, auch helfen mit einem Pferd klar zukommen, obwohl er sich nur spärlich vorstellen konnte, dass die Prinzessin Hyrules noch nie auf einem Pferd gesessen war…

Gerade in dem Moment öffnete Impa lächelnd die Tür und bat den jungen Mann heran, der mit roten Wangenbäckchen verlegen an ihrem durchdringenden Blick vorbeischaute. „Zelda wartete schon sehnsüchtig auf dich“, sagte sie mit einem Schmunzeln auf ihrem stolzen Gesicht. „Aber sie ist noch nicht ganz so weit.“

Link kratzte sich mit einer Hand am Hinterkopf und murmelte: „Ähm… kein Problem… ich hab’ ja Zeit.“

„Na, das hoffe ich doch und Zelda wohl noch mehr“, lachte sie. „Hab’ ich nicht gesagt, es kommt alles wieder ins Lot?“ Link nickte und vielleicht war sein plötzliches, sanftmütiges Lächeln noch beneidenswerter als das Grinsen vorher. „Hat sie mit dir über alles geredet?“, meinte Impa und schaute nachdenklich zu dem schweren Kronleuchter am Deckengewölbe.

„Nein, aber… das hat Zeit. Ich bin nur hier, damit wir einen ruhigen Nachmittag erleben können, ohne an das Morgen zu denken oder an die Vergangenheit“, meinte er leise. „Wenn Zelda dann irgendwann bereit ist, mir alles zu erzählen, werde ich ihr gerne zu hören.“

„So verständnisvoll wie eh und je“, lachte Impa. „Seid ihr beide jetzt eigentlich zusammen?“

Der junge Heroe schien gerade da den Schock seines Lebens zu bekommen… Sein Mund stand sperrangelweit auf und seine ausdrucksvolle, entsetzte Körperhaltung verriet das Chaos. „Wie bitte?“

„Ach, du hast mich schon verstanden.“ Und plötzlich packte sie den jungen Link unter ihrem Schwitzkasten, rieb mütterlich über seinen blonden Schopf und stieß ihn mit sanfter Gewalt zu den Treppenstufen. „Geh’ schon“, meinte sie, als ein überraschter Heroe rotwerdend in das feixende Gesicht der einstigen Shiekah blickte. Sofort wand er sich um und hetzte wie verflucht die Treppenstufen nach oben.  

Er klopfte an Zeldas Zimmertür, erneut das neue, nervöse Gefühl in seinen Gliedern und wartete auf eine Bestätigung. Aber es tat sich nichts. Erneut ging ein Klopfen durch den Gang, aber niemand antwortete. Link schüttelte den Kopf und trat einfach ein, in der Annahme, seine Prinzessin würde wahrscheinlich in ihrem Badezimmer sein und sich hübsch machen, so wie Maron das immer tat. Dann fiel ihm die Kleidung auf, die Zelda heute während der Schule noch getragen hatte. Ein schwarzer Pulli mit tiefen V- Ausschnitt und eine helle Stoffhose, die unachtsam und beinahe überflüssig auf dem Boden lagen. Auch das bestätigte seine Annahme, dass sie sich in ihrem Badezimmer aufhalten musste. Und  der junge Heroe wusste immer noch nicht, dass etwas nicht stimmte… Der Ausdruck in seinem Gesicht immer sanfter werdend, tapste er hinüber zu dem großen Bett in der Zimmermitte, ließ sich darauf nieder und strich verspielt über die summenden Nylonsaiten der glänzenden Harfe die gleich neben dem Bett stand. Ob Zelda häufig ihr Instrument spielte und dabei genauso die Zeit vergaß wie er mit seiner Okarina?

Über eine halbe Stunde verging und Link zählte derweil die Sekunden… Aber in ihrem Badezimmer tat sich einfach nichts. Verwundert näherte sich der Heroe der Tür in den kleinen Raum, legte seine Hände gegen das Holz der Tür und die Stirn ebenfalls dagegen. Zeldas Name entkam seinen Lippen fragend, aber sie antwortete schon wieder nicht. Überprüfend klopfte der Held an die Tür, aber wieder keine Antwort. Konnte es sein, dass es einen bestimmten Grund gab, dass Zelda nicht hörte? Eine leichte Beunruhigung mischte sich in den Tonfall, als er erneut ihren Namen rief, aber wieder kein Zeichen der Erleichterung von seiner geachteten Prinzessin. Link führte einen Zeigefinger an sein Kinn und kramte in seiner Ideenkiste herum. Vielleicht hatte sie Kopfhörer auf ihren Gehörgängen oder man hörte das Radio im Bad von außen nicht… Vielleicht wollte sie ihn gar nicht hören und lediglich überraschen? Er wartete wieder zwei Minuten…

Als sich dann erneut nichts tat, wurde die leichte Beunruhigung quälender und Link öffnete zaghaft die Tür in das Bad. Aufgeregt steckte er den Kopf durch den Türspalt und wanderte mit den neugierigen Augen den Innenraum ab. Doch alles schien so zu sein wie immer und niemand befand sich hier. War Zelda etwa doch in einem anderen Raum der Villa? Zur Sicherheit trat der Jugendliche ein und schaute in der Dusche, ob sie sich dort versteckte… Aber das Badezimmer war leer. Eine neue Idee kam ihm in den Sinn. Sicherlich war Zelda in der Wohnstube, wo sie sich gerne aufhielt. Vor dem Kamin… Geschwind sauste er aus dem Zimmer, stürmte den Gang entlang und war wie der Blitz in der gemütlichen Stube angekommen. Aber Zelda war nicht hier. Stattdessen fand er die Direktorin, die am Stubentisch mit einer Lesebrille auf der Nase irgendwelche Leistungskontrollen durchschaute.

„Stimmt etwas nicht?“, sagte sie.

„Nein, nein… ich dachte nur, Zelda wäre vielleicht hier.“

„Wieso das?“ Impas ernster Blick stach ihm entgegen.

„Na ja, sie war nicht in ihrem Zimmer und auch nicht in dem Baderaum.“ Die dunklen Augenbrauen der Direktorin zogen sich beunruhigt nach unten. Sie hetzte auf und ließ den Stift fallen.

Während die beiden erneut die Treppe hinaufgingen, sagte Impa nachdrücklich: „Sie muss aber in ihrem Zimmer sein. Sie wollte sich hübsch machen, kurz bevor du geklingelt hast.“ Sie hetzte den Gang entlang, dicht gefolgt von Link, der deutlicher als jemals zuvor, eine lähmende Angst um seine Zelda verspürte.

Besorgt traten sie ein und fanden alles so leer vor sich wie vor wenigen Minuten. Link lief derweil nervös auf und ab und machte sich Vorwürfe. Impa untersuchte die Ruhe bewahrend das Badezimmer und fand alles gewöhnlich vor. Die mit Dampf beschlagene Dusche und den Schaum. Alles war gewöhnlich, bis…

Sie rief nach Link, als sie die herunter gepurzelten und zerbrochenen Gefäße mit Duschbad und Ölen unter dem Waschbecken entdeckte. Impas besorgter Blick war genug und Link verstand: Zelda war verschwunden… Und vielleicht war erneut etwas Schreckliches mit ihr geschehen.

„Nein… nicht heute“, sagte er verzweifelt und schlug mit der Faust gegen die Fließen und trat den kraftvoll gegen die Holztür.

„Nicht heute!“, sagte er kräftiger und fühlte sich, als müsste er jemandem ins Gesicht schlagen, weil er sich darauf gefreut hatte mit Zelda einen schönen Nachmittag zu verbringen und das Schicksal ihm nicht einmal das gönnte. Impa trat zu ihm und meinte gedämpft: „Beruhige dich, Link. Noch wissen wir nicht, was passiert ist, vielleicht machen wir uns unnötige Gedanken.“

Ein mutloser Blick kam aus seinen tiefblauen Augen. „Unnötige Gedanken? Warum? Denkst du, Zelda ist einfach so weggelaufen, weil sie keine Lust mehr auf den Tag mit mir hatte? Denkst du, es gibt einen harmlosen Grund dafür, dass die Prinzessin Hyrules urplötzlich verschwunden ist?“ Impa senkte das sonst so stolze Haupt und schüttelte den Kopf.

Verzweiflung, Verbitterung und eine siegende Mutlosigkeit kamen über ihn und im nächsten Moment Gefühle der Wut.

„Ich werde sie suchen gehen…“, seufzte er wehleidig. „Ich kann nicht einfach herumsitzen, während sie weg ist.“ Seine Stimme verriet ein heftiges Gefühlschaos aus Angst und Zuneigung für Zelda gespeist.

„Link. Ich verständige Naranda und einige andere Leute, und werde einen Suchtrupp losschicken.“ Link schluckte den Knoten in seinem Hals hinunter und erwiderte entschlossen: „Ich werde sie finden, Impa, und wenn es das letzte ist, was ich tue.“

„Okay, ich werde mich auch nach ihr auf die Suche begeben“, meinte sie abschließend.

Mit einem lauten Seufzen und der Angst im Nacken hastete Link aus dem Raum, lehnte sich einige Sekunden an die Wand in dem Gang, um das Geschehene erst einmal zu begreifen. Was sollte er tun? Wo sollte er suchen? Dann ließ er sich machtlos auf einen kleinen Schemel im Korridor sinken und spürte Verzweiflung, wie auch Wut im nächsten Augenblick in sich aufsteigen. Zelda… wo bist du?

Mit einem ungewollten Schrei sprang Link vom Hocker, warf diesen mit einem lauten Schlag um und hetzte aus der Villa und rannte eiligst davon. Zelda war wie vom Erdboden verschluckt. Vor wenigen Minuten noch war sie in ihrem Zimmer gewesen, hatte geduscht, weil sie sich auf den Tag freute, hatte sich sogar hübsch gemacht…

„Zelda?“, rief er, wollte wissen, wo sie war. Link bekam Panik bei dem Gedanken, dass sie jetzt wirklich verschwunden sein könnte. Ein gespenstisches Gefühl, als ob etwas Schreckliches geschehen wäre…

Aufgeregt rannte Link in der Stadt herum, durchsuchte den Park, die kleinen Gassen, doch Zelda war nirgendwo zu finden…

„Zelda!“, brüllte Link, als er auf den Markplatz rannte, begriff nicht, wieso, aber Angst um sie stieg in seinen Venen entlang, Angst, sie könnte vergangen sein und nie wieder zurückkehren. Und es geschah in dem Moment, da ein Bild in seine Erinnerungen zurückkehrte, von dem er nicht wusste, dass es eine Erinnerung darstellte. Ein rufendes Bild von Zelda, als sie verblasste, als Hyrule verblasste. Link fuhr sich ruhelos durch seine blonde Haarsträhnen. Und diesmal war es ernst… diesmal schien Zelda tatsächlich verschwunden zu sein. Link kam an den alten Villen am Rande des Parks vorbei, rief verzweifelt nach ihr und doch kam keine Antwort… Sie war weg… Zelda war verschwunden. Er fühlte sich so leer ohne sie, als ob etwas in ihm gestorben wäre, wenn sie nicht wiederkam… Leise sprach er einen Wunsch, wollte, dass sie wieder bei ihm war…

 

Viele Minuten vergingen, Stunden, inzwischen war es sieben Uhr und Zelda war immer noch weg. Etliche Mal hatte Link Ines angerufen, war ins Stadtzentrum aufgebrochen, befragte Leute, ob sie ein Mädchen gesehen hatten, auf das die Beschreibung passte, durchquerte rennend den Park und fühlte sich immer elender. Das nächste, was ihm einfiel, war Rick, sein bester Freund, und die Tatsache, dass er ihm vielleicht helfen könnte. Niedergebeugt und außer Puste stand Link vor der weißen Tür eines weiteren Einfamilienhauses, in welchem Rick, seine kleine Schwester und Links Tante Lydia lebten. Rick öffnete die Tür und sah nichts anderes als die stumme Angst in Links tiefblauen Augen, etwas, was er noch nie dort gesehen hatte- denn es passte nicht zu Link und seinem natürlichen Erscheinungsbild.

„Was ist denn passiert? Du siehst aus, als ginge die Welt unter.“ In gewisser Weise ging sie für Link in dem Moment auch unter… Wortlos und blass im Gesicht trat der sonst so  selbstbewusste Jugendliche in die Stube, wo Lydia auf ihrem Laptop herum hämmerte und die kleine Schwester von Rick vergnügt Mariokart spielte.

Link riss sich im nächsten Augenblick das Base- Cape von seinem Kopf, ließ sich auf einen Stuhl sinken und stützte seinen vor Wut auf sich selbst stechenden Kopf auf seine Arme. Er murmelte leise: „Zelda… ist weg.“ Rick beugte sich zu ihm über den Tisch und sah ihn irgendwie erbaulich an.

„Was sitzt du dann hier?“, sagte Rick laut. „Du musst sie suchen!“ Und er stützte energisch seine Hände auf dem Tisch ab.

„Verdammt, ich habe schon in der ganzen Stadt nach ihr gesucht. Ines Schattener sucht ebenfalls nach ihr“, brüllte er laut. Auch Lydia hatte mit halbem Ohr zugehört und mischte sich in das aufgeregte Gespräch ein.

„Zelda? Du meinst das Mädchen, welches bei Meira und Eric eine zeitlang gewohnt hat?“

„JA!“, sagten Rick und Link einstimmig, machten Lydia damit mehr als deutlich, dass sie sich nicht in die Angelegenheiten anderer einmischen und dem Beispiel ihrer viel zu aufdringlichen Schwester, die ihre Stupsnase liebend gerne in fremde Sachen steckte, nicht folgen brauchte.

„Gibt es denn keinen Ort, an dem sie sein könnte?“

„Nein!“, fauchte Link giftig. Im Moment war er einfach nicht mehr zugenießen und seine Worte und deren Lautstärke drückten dies wohl nur zu deutlich aus. Link sprang auf. „Ich gehe und suche weiterhin nach ihr“, meinte er und wollte gerade aus der Haustür heraus, als Rick ihm mit seiner Jeansjacke hinterher stürmte.

„Also, wo soll ich suchen?“

Link lächelte ihn dankend an. „Würdest du die Stadt noch mal abklappern, ich mache mich auf in den Wald. Bis dann.“

Entschlossen rannte Link die Straße hinab. Mit einem winzigen Hoffnungsschimmer lief Link in den Wald, hetzte zu der Stelle, an welcher er Zelda gefunden hatte, dort wie zwei Arme des Baches eine kleine, grüne Lichtung beschützend einrahmten.  Aber wieder war sie nicht dort… „Zelda!“, rief Link hinaus in den schattenhaften Wald. Aber keine Stimme antwortete ihm… Er hatte sie im Stich gelassen, er hatte sie alleine gelassen… Mit leeren Gedankengängen brach der junge Heroe nieder auf die Knie, fühlte sich dumm und nutzlos. Dumm, weil er nicht wusste, was der wahre Held der Zeit in einer solchen Situation getan hätte und nutzlos, weil er das, was er über die Maßen beschützen wollte, einfach nicht festhalten konnte… Zeldas traurige Augen huschten an ihm vorbei, in stillen Gedanken ein Bild von ihr, das schmerzte, das rief.

Link versuchte nachzudenken, versuchte zu begreifen und er lief innerlich die Geschehnisse des Tages in seiner inneren Welt ab. Nur ein paar heruntergeworfene Duschgele, Öle und Seifen waren alles, was von Zeldas letzten Handlungen zeugte. Und nichts… absolut nichts war ein Hinweis darauf, ob er sie jemals wieder sehen, jemals wieder anlächeln und vielleicht einfach nur in seine Arme nehmen konnte… Er murmelte ihren Namen, sehnsuchtsvoll und verzweifelt und wollte auf der Stelle weinen, weil er der falsche Held war. Weil er nichts von einer starken Heldenpersönlichkeit vorweisen konnte. Wo war seine Hoffnung, sein Mut? Er schlug die Fäuste in das kalte Gras, als sich die Sonne über dem Wald niederließ und der rote, abendliche Schein von den düsteren Farben eines dämmerigen Wald abgelöst wurde. Melancholisch schöpfte der junge Heroe ein wenig Wasser mit einer Hand und sah in das schattenhafte Abbild seines Selbst. Er schrieb Zeldas Namen mit einem Fingerspitzen in das Wasser, wissend, dass nichts in dieser Welt für sie selbstverständlich war, nichts war normal… nichts war okay… Sie hatte gelitten, seit sie in seiner Welt war, hatte alles versucht um ihn aus dem Mysterium Hyrule herauszuhalten… und sie hatte mehr Tränen vergossen als er es ertragen konnte…

War Zelda nun wieder heim gekehrt? In das alte Land, welches er noch nie mit seinen jetzigen Augen gesehen hatte? War Zelda jetzt in einer anderen, vielleicht besseren Welt?

Er kniff verzweifelt die Augen zu, als sich eine Hand suchend, vielleicht ein wenig zittrig auf seine Schulter legte. Erschrocken wand er sich umher, aber nichts reales, nichts Wirkliches befand sich neben ihm an diesem Ort des Schicksals. Verunsichert bewegte er sich auf die bleischweren Beine und kniff die Augen erneut zusammen. Ein bitterliches Schluchzen entkam seiner Kehle, alles nur, weil man ihm den kostbarsten Freund gestohlen hatte.

Als sich seine tiefblauen Augen wieder öffneten, trat weinend und irgendwie geisterhaft eine vertraute Gestalt vor ihm… Da stand sie… das Mädchen aus seinen Träumen… sein geheimes Licht… aber irgendetwas stimmte nicht. Ihr Abbild war verschwommen… beinahe gespenstisch… ihre Umrisse waren verzerrt. Das rosafarbene Kleid zerrissen, ihr Haar aufgewühlt… Er sah sie nicht wirklich, Link spürte, er sah bloß ein kleines Abbild ihrer jetzigen Existenz.

„Zelda!“, kreischte er und hastete näher, wollte sie berühren, sie mit den Armen umschließen, aber er fasste nur in die unfühlbare Materie der Luft, fasste nur in den Staub der Vergänglichkeit.

Sie registrierte ihn nicht und weinte weiterhin vor sich hin, hatte ihre Hände vor das rotschimmernde, wehleidige Gesicht geschlagen und schluchzte heftig.

„Zelda!“ Und wieder konnte sie ihn nicht hören. Aber er wusste, dass sie gerade in diesem Moment an ihn dachte. Er wusste, dass er auf dieser seelischen Verbundenheit einen Weg zu ihr schlagen konnte.

Sie wimmerte seinen Namen, immer wieder, erbarmungslos und schmerzhaft. Gefangen weinte sie: „Bitte hilf’ mir… nur noch ein letztes Mal…“

Aufgeregt fasste er in das geisterhafte Abbild, wurde unruhiger und fauchte: „Zelda… ich helfe dir, ich werde dir immer helfen, wenn du mir nur sagst, wo du bist!“ Und doch ahnte Link, dass sie ihn nicht hören konnte. Sie weinte wieder, ein Hinweis, dass sie entweder seelisch oder körperlich litt.

„Bitte“, schluchzte sie und wurde immer schattenhafter… wurde lebloser…

„Die Nacht… die Dunkelheit… das Böse…“, weinte sie und wurde grauer und grauer.

„Das Böse?“ Link versuchte stetig zu ihr durchzudringen, ihre Haut zu berühren, ihren Körper zu fühlen…

„Zelda! Bist du in der alten Kirche!“, fauchte er. Ihre Hände lösten sich von dem schmerzverzerrten Gesicht und gaben das verängstigte, schattenhafte Blau ihrer schönen Augen preis. So viel Zweifel und Furcht lagen darin. Dinge, die Link auslöschen wollte, vor denen er sie beschützen wollte.

„Es tut weh… meine Seele brennt…“, wimmerte sie und wurde blasser und blasser, als ob die geringe seelische Verbindung abreißen wollte.

„Das Böse…“, weinte sie und plötzlich zersprang ihre Gestalt in tausend Scherben und das Bild löste sich auf.

Mit starrem Blick stand der junge Heroe da, fühlte seinen Puls hetzten, spürte einen unerträglichen Herzschmerz und rannte schreiend, nicht auf den Weg achtend, aus den Wäldern hinaus. Auf zu dem Ort, den er nicht betreten sollte. Auf in die Stätte seines größten Verhängnisses. Auf zu dem Ort des Todes…

 

Es war bereits dunkel, als Link den verbotenen Ort erreichte. Wie eine Feste der Finsternis lag die alte Kirche vor ihm. Ein Rabe saß auf einem Torbogen und krächzte sein mürrisches, bitteres Lied über das verkümmerte Dach. Der junge Heroe nahm einen tiefen Atemzug, ballte die Fäuste ganz fest und trat zielsicher und mutig ein. Das Tor öffnete sich quietschend, als er jenes einen schmalen Spalt öffnete. Seine dunkelblauen Augen fixierten ruhig den Innenraum, wo zahlreiche Fackeln an den Wänden für ein wenig Sicht sorgten… Aber niemand schien sich hier aufzuhalten, hier an einem finsteren Ort, wo Böses seine Rachepläne schmiedete… Leise schloss Link das hohe Eingangstor, machte mit Blicken jeden dunklen Winkel und jedes kleine Staubkorn ausfindig… Und es dauerte nicht lange, da war sich der junge Heroe sicher, hier alleine zu sein. Am Altar hing immer noch das abscheuliche, schwarze Bild, welches er nicht einmal berühren konnte und schien trotz seiner absurden Oberfläche Augen zu besitzen, die den Schritten des Jugendlichen folgten. Gemächlich blickte er sich um, während er von außerhalb den Raben wieder zanken hörte. Aber nichts hier deutete auf Zeldas Anwesenheit. Sein Blick schweifte zu dem kleinen Holztürchen, von wo aus er vor Tagen den merkwürdigen Hünen belauscht hatte. Die Tür war zerstört worden…

In den nächsten Minuten nahm der junge Held jeden Winkel der Kirche unter die Lupe, suchte nach den kleinsten Hinweisen auf Zeldas Verbleib und hatte die Hoffnung schon beinahe aufgegeben, als bloß noch die Krypta in der Tiefe übrig blieb. Mit der Taschenlampe in der Hand trat er die Treppen hinab und gelangte nach wenigen Minuten in ein altes Gewölbe, wo ebenso brennende Fackeln an den Wänden angebracht waren und ihr dämpfendes Licht mit den Schatten spielte. Zuerst schien auch hier kein Hinweis auf Zeldas Verbleib zu sein, und der junge Hero seufzte verzweifelt, kniff die Augen zu und war dabei sich wieder umzudrehen. Doch dann sah er etwas aus den Augenwinkeln, was ihn irgendwie stutzig machte. Ein seltsames hohes Gefäß aus dunklem, trüben Glas… Neugierig folgte er unsichtbaren Wegen in die Richtung des Gefäßes und versuchte durch die zusammengeflickten Scherben zu blicken, die mit dunkelviolettem Material verbunden waren. Er legte seine Hände auf das Glas, berührt von etwas, was er nicht sah… Wie in Trance stand er dort, blickte durchdringend in das dunkle Gefäß hinein, wollte sehen, was er vermisste.

Minuten zogen vorüber als sich eine blasse Hand in dem grauen, nebligen Gefängnis regte. Eine zitternde Hand, suchend nach Hoffnung und Licht.

„Nein…“, entkam es seinem Mund, als sein Herz und Verstand die Dinge verstehen lernten… Er kannte diese Hände…

Mit Furcht und Zweifeln fuhr er die Züge der Hand ab, die zitternd auf dem dicken Glas ruhte- als ein Hinweis auf Leben…

„Zelda! Bist du das?“, sagte er hetzend, fühlte den inneren Druck unerträglich werden. „Bitte… gib’ mir einen Hinweis.“ Und plötzlich erhob sich ein leeres, ausdrucksloses Gesicht aus den Nebeln. Tränen standen in mit Schatten belegten blauen Augen, die Link schon sein Leben lang kannte. „Oh mein Gott… Zelda…“, wimmerte er, als er verzweifelt in ihre leblosen Augen blickte. Offen standen sie und doch lag kein Gefühl darin. Ihr sonst so sanftes Gesicht starr und leer. „Warte… ich hole dich hier raus…“, brachte er stockend hervor und schaute sich zwanghaft in dem Gewölbe mit den vielen Säulen um, auf der Suche nach einer Waffe, mit der er dieses verdammte gläserne Gefängnis, diesen Sarg, zerstören konnte. Als er nichts Passendes fand, klopfte er verbissen an die Glasscheiben, trat mit den Füßen dagegen, aber es tat sich nichts… nicht einmal ein Riss… Ihm stiegen unmittelbar Tränen in die Augen, als er einfach keinen Weg mehr wusste, Zelda aus dieser Hölle zu befreien. Er wollte sie festhalten, wärmen… er konnte doch nicht einfach verschwinden und sie alleine lassen… Was, wenn der grausame Schatten in die Kirche zurückkehrte?

In dem Augenblick vernahm Link klappernde Schritte. Heftig hastete er hinter eine Säule im hinteren Bereich des Gewölbes und wartete, sich so leise wie möglich verhaltend auf die Gestalten, welche sich die Treppe hinab bewegten. Es dauerte nicht lange und zwei Personen traten vor das gläserne Gefängnis, so viel konnte Link aus seinem Schlupfloch erkennen. Der große Kerl mit den glühenden Teufelsaugen und Mortesk, das elende Häufchen Knochen, unterhielten sich allem Anschein nach.

„Sieh’ einer an, da ist sie ja… die kleine hilflose Prinzessinnenseele.“ Und der Hüne fasste mit seinen schäbigen Klauen an das eisige Material. „Na, erinnerst du dich an mich, kleine Hure?“, lachte er und schien sich an Zeldas leblosem Anblick zu erfreuen. „Und diesmal hast du keinen dummen Helden, der dich rettet. Diesmal bist du allein. Verstoßen. Unmenschlich. Eingesperrt in einen Seelenfänger“, donnerte seine kalte Stimme umher, während Link mehr und mehr das Gefühl hatte, er müsste sich auf diesen Widerling stürzen und ihm sofort die Kehle durchschneiden. „Und doch ist sie so schön wie eh und je“, sagte er besteig und zischend, leckte mit seiner Zunge an dem Glas, worauf die Nebel in dem Gefängnis kurz aufglühten, Zelda zurückwich, sie ihr Gesicht schmerzhaft verzog und den Kopf quälerisch nach hinten reckte.

Link konnte sie nicht schreien hören, aber er fühlte zunehmend, wie sehr sie litt. Sein gesamter Körper zuckte, eine Schmerzwelle lief über sein Genick hinab zum Rücken. Fühlte er Zeldas Schmerzen?

„Was gedenkt Ihr nun zu tun, mein Lord?“

„Sobald ihre Seele die letzte Kraft verloren hat, werde ich das Gefängnis öffnen. Dann kannst du von mir aus ihre Hülle haben und mit ihr machen, was du möchtest!“

„Könntet ihr eine neue Zarna kreieren?“

„Was? Mit dieser körperlosen Hülle? Du weißt, dass sie nicht lebend ist, weil Zarna sie tötete.“

„Ja. Trotzdem.“

Der Fürst des Schreckens wand sich belustigt um. „Nein, Mortesk, dafür ist dieses Weibsbild nun wahrlich zu unschuldig. Aber diese körperlose Hülle könnte sicherlich für die ein oder andere Vergnüglichkeit zu gebrauchen sein.“ Eine immense Erregung und perverse Vorfreude erschufen sich in dem kranken Kopf des Monsters.

Seine dreckigen Gedanken waren zu viel für das junge Herz des Helden im Hintergrund. Er wollte am liebsten losstürmen, Zelda befreien und sowohl Mortesk als auch seinen Meister in die ewigen Jagdgründe befördern, allein wegen den unreinen Gedanken, die sie bezüglich Zelda äußerten.

„Wenn ich mit ihr fertig bin, kannst du sie gerne haben!“, lachte der Hüne und schritt majestätisch hinaus aus der Gruft, dicht gefolgt von Mortesk.

Als sich Link sicher war, dass sie den Weg nach oben eingenommen hatten, trat er wieder mit unerträglichem Herzschmerz an die gläserne Scheibe, schämte sich seiner Prinzessin nicht helfen zu können, verabscheute seine eigene Unfähigkeit. Er schlug mit den Fäusten an die Scheibe und fauchte wehleidig: „Verdammt… was soll’ ich denn nur tun…“ Verzweifelt sackte er vor dem Gefäß zusammen und fand einen letzten Ausweg. Eine neue Idee stieg ihm zu Kopf, aber diese Idee würde sowohl für Zelda, als auch für ihn sehr gefährlich sein. Doch was hinderte ihn daran, sich auf eine Gefahr einzulassen, ein Risiko einzugehen, wenn er Zelda vielleicht nur so befreien konnte? Er trat wenige Meter zurück, vorbereitet und entschlossen. Und egal, ob das Gefäß jetzt mit lautem Schlag zerspringen würde oder nicht und die Kreaturen des Bösen diesen Schlag hören würden. Egal… Zelda wäre frei, wenn er es zumindest versuchte. Mit zusammengekniffenen Augen rannte er los und stürzte sich kreischend auf das Gefängnis der Finsternis…

Ein Poltern. Ein nicht zu überhörender Laut und der riesige Glasbehälter fiel aufgrund der Wucht von Links Rempeln um, zerbrach auf dem Boden in tausend, stumpfe Glasscherben, die den Körper der jungen Prinzessin keinen Harm tun würden. Die Scherben klirrten, als Zelda bewusstlos mit einem weiteren Schlag auf dem eisigen Steinboden aufkam. Es war nicht nur ihre Seele, so wie der Teufel annahm, die hier verweilte. Es war ihr ganzes körperliches Abbild… Ohne Zeit zu verlieren und vielleicht eine Spur beruhigter, nahm er sie auf die Arme, drückte sie beschützend an sich und verbarg sich zunächst mit ihr hinter einer Säule, falls der Dämon in der Kirche das Poltern vernommen hatte. Er wartete einige Minuten, tätschelte Zeldas eisige Wangen. Aber sie rührte sich einfach nicht.

Dann hörte er plötzlich Schritte, sich sicher, dass er nun keinen Ausweg mehr hatte…

Aber von dem Treppengang erschien weder Mortesk, noch der perverse Hüne, den Link aus vielen Gründen verabscheute, als ob es in seiner Seele läge, ihn zu hassen. Ein kleines Kind tänzelte die Stufen hinab und kam genau dann zum stehen, als sie vor Link mit einem Grinsen angekommen war. Es war das Mädchen mit den blonden Zöpfen. Niemand sonst.

„Hey, Linky! Du solltest dich echt nicht hier aufhalten.“

„Schön“, klagte er. „Glaubst du, ich habe es mir ausgesucht, hier zu sein.“ Da lag so viel Schmerz in seiner Stimme, dass das blonde Mädchen plötzlich einen bekümmerteren Ausdruck in den grünen Augen hatte.

„Ich will doch bloß, dass Zelda in Sicherheit ist.“ Und damit blickte Link trübsinnig auf das ohnmächtige Mädchen in seinen Armen, deren Haare klatschnass waren und das nur ein spärliches Sommerkleid in dieser Kälte trug.

„Okay, ich weiß was“, sagte sie und flüsterte dann leiser. „Ich lenke die dort oben ab und du fliehst mit Zelda über die Hintertür.“

Überrascht blickte Link in die giftgrünen Kinderaugen, wusste nicht, wie er diesem Geschöpf im Augenblick danken sollte und brachte vor Sprachlosigkeit bloß ein Nicken zustande.

„Kein Sorge, du hast deine Zelda immer gerettet und du wirst sie auch diesmal retten.“

Link nickte erneut und schlich langsam hinter dem Kind her. Er wartete in dem kleinen Treppenaufgang, als das Mädchen urplötzlich bei den Bankreihen der Kirche auftauchte und neckische, herausfordernde Worte in der Kathedrale umher warf. Lediglich der große Teufel war anwesend, was so dachte der junge Heroe, bedeuten musste, dass Mortesk wieder einen anderen Auftrag erledigen musste. Ohne weiteres sprang der Dämon auf die Frechheiten des kleinen Mädchens an und hastete verärgert und fluchend aus der Kirche hinaus. Link verlor keine Zeit, sputete sich und trat aus dem bekannten Kellerraum hinaus, huschte wie ein Schatten durch den kleinen Park mit den alten Linden, und zügelte erst erleichtert sein Tempo, als er mit der bewusstlosen Zelda die Straße hinab lief. 

 

Das Haus der Braverys in der Straße der Erinnerung war in vollkommener Dunkelheit gehüllt, was bedeutete, dass weder seine Eltern, noch Links Schwester zugegen sein mussten. Vorsichtig setzte er die eiskalte Zelda ab, öffnete die Haustür, schmiss diese aufgeregt zu und trat ohne den Lichtschalter zu betätigen, in die Wohnstube ein. Gefühlvoll und doch am Ende seiner Nerven ließ er den mitgenommenen Mädchenkörper auf dem Sofa nieder, betätigte eine Schreibtischlampe und begann erst jetzt zu realisieren, was vor wenigen Minuten geschehen war… er hatte Zelda aus einem gläsernen Gefängnis gerettet…

Sein müder, trauriger Blick fiel zu dem bewusstlosen Körper eines Menschen, der ihm mehr bedeutete als er jemals verstehen würde. Ihr rosa Sommerkleid, das Kleid, welches sie vor Monaten mit Link in einem Modegeschäft gekauft hatte, war zerrüttet. An dem leichten Stoff liefen Maschen ab und der eine Träger fehlte. Zeldas Gesicht so bleich wie eine kahle Hauswand und ihr Haar nass…

„Zelda…“, brachte er stockend hervor, rüttelte ihren eisigen Körper, wollte doch nur, dass sie aufwachte und ihm ein andeutungsvolles Lächeln schenkte, was sagte, dass es ihr gut ging. Aber nichts tat sich. Gequält von anhaltender Sorge um ihr Wohl deckte er sie gleich mit zwei Decken zu, lief von einer Zimmerecke in die andere, nur um zu überlegen, was es jetzt zu tun galt. Er nahm den Telefonhörer in seine eigenen nervösen Hände und wählte eine Nummer, sofort hatte er Ines Schattener an der Leitung.

„Ja, ich bin es, Link“, sagte er wehleidig, so untypisch klang seine Stimme im Moment. Und er drehte sich zu Zelda um, die zusammengekauert auf dem Sofa lag. Bewusstlos und leblos. „Ich habe sie gefunden“, sagte er leise.

„Den Göttinnen sei Dank“, sagte Ines und wischte sich eine schwache Träne von der Wange.

„Wo war sie?“

„In der alten Kirche…“ Impa erschauderte und redete schnell weiter.

„Geht es ihr gut?“

„Ich weiß nicht…“, wimmerte er. 

„Was heißt das?“

Link stützte nachdenklich seine Hand an das Kinn. „Sie… sie hat… sie ist nicht bei Bewusstsein…“ Impa antwortete nicht darauf, sodass Link annahm er müsste erklären. „Ich weiß nicht, was ich tun soll…“, sagte er leise und stockend. Ein unerträgliches Kloßgefühl in seinem Hals. „Sie wacht… einfach nicht auf“, murmelte er schluchzend.

„Bewahre die Ruhe. Ich bin sofort bei euch und bringe Dar Gordon mit, okay?“

„Ja…“, murmelte er schwach. „Danke.“ Damit legte er den Hörer auf und schaute erneut zu dem Sofa, aber Zelda, die noch wenige Minuten darauf lag, war verschwunden. Wo war sie denn nun schon wieder? Er durchsuchte das gesamte Haus und hatte schon wieder Schweißausbrüche und Angstzustände, allein verschuldet der Tatsache, dass Zelda weg war. Link bemühte sich Ruhe zu bewahren und ging erfolglos in den Garten. Trübsinnig stand er vor der weißen Hollywoodschaukel, besann sich auf die Tage mit Zelda, die ihm so viel bedeuteten, schwelgte in seinen Erinnerungen. Er ließ sich auf den Boden sinken und rief erneut ihren Namen, wollte sie zurück, wünschte, die Zeit mit ihr wäre länger gewesen. Er wusste genau, dass Zelda kein gewöhnliches Mädchen war, wusste sie lebte aus einem besonderen Grund und hatte sich so gewünscht, sie festhalten zu können, auch mit der Gefahr hin, selbst deswegen zu leiden, oder sich aufzugeben…

In dem Moment fiel ihm ein kleiner Stofffetzen ihres Kleides auf, der neben dem kleinen Teich mit den Goldfischen lag. Es handelte sich um ein Stückchen ihres einen Trägers, dachte Link. Er sprang auf, rief noch einmal nach ihr und sah dann aus seinem Augenwinkel etwas Rosafarbenes hinter der weißen Hollywoodschaukel. Seine Augen weiteten sich. Er tapste vorsichtig hinter die Schaukel und sah Zelda dort an den Zaun angelehnt sitzen. Ihr Haar war zerzaust, und sie zitterte. Ihre Arme lagen schützend um ihren Kopf, als wollte sie ihr Gesicht verstecken, sich vor dem Leben verbergen. Link kniete nieder, fassungslos…

„Zelda…“, murmelte er schwach. Seine Stimme ein reinstes Gefühlschaos verratend. Vorsichtig zog er die Arme von ihrem Gesicht weg und erkannte Tränen auf ihren Wangen, doch ihre Augen waren geschlossen. „Zelda… was ist nur mit dir…“, sagte Link stockend, wollte wissen, was geschehen war. Doch sie reagierte nicht sofort auf ihn, fing an zu wimmern und zitterte am ganzen Körper. Aber sie war nah an der Schwelle zum Bewusstsein. 

„Link…“, brachte sie hervor, klammerte sich an einen geschockten jungen Mann, der nichts weiter tat, als sie an sich zu drücken. Ihre Fingernägel, abgebrochen, da sie an das gläserne Material des Gefängnis gekratzt haben musste, bohrten sich in die Haut seines Halses. Ihre heißen Tränen durchdrangen den Stoff seines T-Shirts.

Er lehnte sein Kinn an ihre Stirn, wippte sie ein wenig auf und ab in seinen Armen und murmelte gezwungen: „Sch… nicht reden…“

Sie weinte leise, zuckte ein wenig und schien immer noch mit Schmerzen zu kämpfen. Seine rechte Hand wanderte unter ihre Kniekehlen und die andere um ihre Schultern, um sie in die Höhe zu heben. Aber sie wehrte sich dagegen und wimmerte weiter.

„Zelda… ich möchte dich nur ins Haus bringen“, sagte er stockend, besorgt wegen der unerträglichen Kälte ihrer Haut. „Lass’ mich dir helfen.“

Sie nickte und schluchzte wieder.

Er packte sie sanft und trug sie besorgt durch die Hintertür in das warme Haus hinein. Gerade da ging die Klingel. Schnell ließ er die weinende Prinzessin erneut auf das Sofa sinken, deckte sie zu und gab ihr einen Kuss auf die eiskalte Stirn… Er hetzte zur Tür, nun noch mehr durcheinander als vorher. Ein Blick durch den Türspäher genügte und der Heroe riss schlagartig die Tür auf. Impa starrte besorgt und ein wenig entsetzt in sein blasses Gesicht und in die tiefblauen Augen, die so bewegt schienen. Seit sie Link in dieser Welt kannte, hatte sie ihn noch nie so durcheinander erlebt.

Dar Gordon trat als erster ein und ging sofort wortlos mit seiner schweren Arzttasche in die Stube. Link brachte kein Wort hervor, als auch Impa eintrat und ihn besorgt musterte.

„Hey? Alles okay mit dir?“

Er schüttelte bloß den Schädel, worauf die Direktorin eine Hand auf seine rechte Schulter legte und meinte: „Nun lass’ doch den Kopf nicht so hängen. Du hast sie gefunden. Das wird schon wieder.“

Er nickte lediglich und folgte der stolzen Frau in die Stube, wo Zelda auf der Couch lag.

Dar Gordon wühlte in seiner Tasche herum, während Impa näher stürmte. Sie legte der mittlerweile wieder bewusstlosen Prinzessin die Hand auf die Stirn und sagte eindringlich ihren Namen.

Link stand bloß daneben und schaute hilflos zu.

„War sie schon einmal wach… seit dem Vorfall?“, meinte Impa.

„Ja, vor wenigen Minuten…“, murmelte er.

„Hat sie etwas gesagt? Irgendetwas erwähnt, was passiert ist?“

Link schüttelte trübsinnig den Kopf, ging vor dem Sofa auf die Knie und nahm ihre rechte Hand in seine beiden. „Sie war nur kurz bei Bewusstsein… und hat geweint…“

Dar Gordon kramte derweil eine Spritze heraus und ein kleines Pflaster. Er brach die Kappe ab und suchte nach einer Ader an ihrem rechten Arm.

„Sie ist so kalt“, meinte Link.

„Ja, das macht mir auch ein wenig Sorgen… ihre Körpertemperatur ist viel zu niedrig“, meinte Gordon und verabreichte ihr ein Beruhigungsmittel. „Sie braucht unbedingt Wärme. Habt ihr hier ein paar Heizkissen?“

Link nickte und wollte gerade gehen, als sich ihre Finger in seine Hand krallten. „Zelda?“, meinte er überrascht, hoffend, sie würde aufwachen. Sie wimmerte etwas, schlug den Kopf zur Seite und regte sich dann nicht weiter.

„Prinzessin!“, sagte Impa eindringlich und redete in irgendwelchen ungewöhnlichen Worten aus der Shiekahsprache auf sie ein. Aber sie war wieder bewusstlos.

„Ich hole die Wärmekissen“, murmelte der Heroe und ging ins nächste Stockwerk.

Als er wiederkam, hörte er Dar und Ines leise diskutieren. Neugierig verbarg er sich zunächst neben der Tür, als er seinen Namen aus dem Gespräch hörte.

„Du weißt doch ganz genau, wo sie jetzt gerne bleiben würde, nicht?“, sagte Impa leise. „Ich glaube nicht, dass es sinnvoll wäre, sie in ein Krankenhaus zu bringen.“

„Aber ich kann das nicht verantworten- nicht in ihrem Zustand.“

„Darunia… das beste Heilmittel für sie ist wohl Links Anwesenheit und nicht irgendwelche Schwestern und unbekannte Ärzte.“

Darauf lachte der runde, kleine Arzt. „Jaja… die Liebe“, schmunzelte er und Impa lachte.

Sie wiederholte eifernd: „Jaja, die Liebe. Damals wie heute.“

Irritiert und verwundert sah Link zu Boden. Liebe? Er und Zelda verliebt?

Er trat wortlos in die warme Stube ein, und steckte die Wärmekissen in die Steckdosen. Sein Gesicht war schamrot, aber den Göttinnen sei Dank nicht von Interesse für die beiden älteren Herrschaften.

„Wie genau hast du sie eigentlich gefunden?“, sprach Impa.

Link holte tief Luft und kniete wieder vor dem Sofa nieder. „Ich habe die gesamte Stadt abgesucht und bin dann in den Wald gelaufen, in der Hoffnung sie wäre dort… sie ist mir dann erschienen…“ Man merkte ihm seine Sorge erneut an, als er nach richtigen Wörtern suchte. „Sie erschien mir… irgendwie geisterhaft und sie sprach vom Bösen. Dann hatte ich die Idee, sie könnte in der Kirche sein.“

„Und deine Vermutung hat sich bestätigt“, stellte Dar fest. „Dem Himmel sei Dank.“

„Ja… und dann bin ich zu der Kirche gelaufen“, erklärte Link und legte drei Wärmekissen über Zeldas mitgenommenen Körper.

„Ich fand sie in einem Gefäß… eine Art gläserner Sarg mit violetten Streifen. Und…“

Impa unterbrach ihn dann. „Wie bitte? In einem gläsernen Gefäß?“

„Es waren dicke Scheiben, und die Scherben hatten runde Kanten.“

Sie setzte eine Hand an ihr Kinn und hatte eine Vermutung. „Ein Seelenfänger?“

„Ja“, meinte der Jugendliche aufbrausend. „Genau darüber hatten diese Kreaturen diskutiert, als ich sie belauschte.“

„Dieser verdammte Dreckskerl“, fauchte Impa und ihre Augen leuchteten plötzlich intensiv flammenrot auf. „Gibt der verdammte Dämon denn nie auf!“

Die Direktorin trat an Zelda heran. Ihre ernste Stimme eindringlicher als vorhin. „Hätte ich das nur gleich gewusst. Ein solches Material gab es einst in Hyrule… wir müssen sofort etwas tun, oder Zelda leidet noch mehr.“

„Und was willst du tun?“, sagte Darunia, der nur suchend, aber nicht findend in seinem Koffer herumwühlte. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendein Mittel dieser Welt gegen einen schwarzen Fluch arbeiten kann.“

„Nein, aber der Schlaf der Schlaflosen könnte ihr helfen“, sagte sie. Damit wand sie sich streng zu Link. Sie umfasste seine Arme und sagte erläuternd: „Link, hör’ genau zu. Ich werde sie in den Schlaf der Schlaflosen versetzen. Dies ist eine Art Heilzauber der Shiekah. Sie wird nicht schlafen, sie wird aber auch nicht wachen. Aber es wird ihre Seele heilen von dem, was vor wenigen Stunden passiert ist.“ Er nickte gefasst.

„Ich würde meinen, sie sollte hier bleiben.“ Links Gesicht erhellte sich. „Aber das fordert von dir, dass du die gesamte Nacht wach bleibst, falls irgendetwas geschieht.“

„Kein Thema.“

„Denn in jenem Schlaf könnte sie aktiver und wacher sein, als du denkst. Sie könnte zum Beispiel aufstehen und versuchen aus dem Fenster zu steigen, weil der Schlafende in jenem Zauber anders fühlt, anders erfährt, anders denkt und anders wahrnimmt. Ist das okay für dich auf sie Acht zu geben?“

„Klar“, meinte Link. „Hauptsache, sie kann wieder lachen“, setzte er gedämpft hinzu und schaute verlegen seitwärts.

„Okay.“ Nur ein letztes Wort erklang aus Impas Mund und sie setzte einen Zeigefinger auf die Stirn des bewusstlosen Mädchens. Seltsame Formeln erklangen gesprochen von der tiefen Stimme der Shiekah, geführt von Wahrheit und Befreiung… Dann fuhr eine sanfte Brise warme, unsichtbare Magie aus dem Zeigefinger, durchdrang die eisige Haut Zeldas und verschwand in ihrem Inneren. Zelda seufzte, flatterte mit den Augen und drehte sich gen Sofalehne.

„So… das wäre erledigt.“

„Ähm… wie lange wird sie denn in diesem Schlaf bleiben?“, meinte Link, als Dar den Arztkoffer zusammenräumte.

„So lange wie es nötig ist.“ Link nickte einsichtig.

„Soll ich vielleicht noch hier bleiben?“, meinte Impa dann und schaute besorgt zu ihrem Schützling, der schwach und durchgefroren auf der Couch lag. Aber Link schüttelte den Kopf.

„Ich schaff’ das schon. Aber gibt es noch etwas, was ich wissen sollte? Ich meine, über diesen Heilzauber.“

Impa lächelte. „Nein, im Grunde ist er ganz harmlos. Zelda könnte bloß nicht ganz sie selbst sein, das ist alles. Deshalb solltest du vielleicht nicht ganz genau hinhören, wenn sie etwas erzählt im Schlaf. Oder du solltest ihre Handlungen nicht so ernst nehmen.“

„Gut. Sonst noch etwas?“ Und die Direktorin schnippte mit den Fingern. Sie verschwand aus der Haustür, wühlte im Kofferraum ihres Wangens und kam mit einer Sporttasche wieder, die sie Link überreichte.

„Was ist damit?“

„Einige Klamotten für Zelda. Wenn sie wach ist, wird sie ja wohl nicht in ihrem zerfetzen, sexy Kleidchen herumlaufen wollen.“ Link begaffte die Tasche, während er Impas Worte verarbeiten musste. Sexy Kleidchen? Kein unangenehmer Gedanke… Link schluckte den Knoten in seinem Hals herunter und tat so, als hätte er Nerven aus Stahl, die sich von einem sexy Kleidchen nicht beeindrucken lassen würden.

„Stimmt was nicht mit der Tasche?“

„Äh… nein, nein. Immer her damit.“ Und er packte die Tasche und verstaute sie in seinem Zimmer.

Ines schmunzelte und dachte still. ,Noch immer der Link, den wir kannten und liebten.’

 

Nach einer weiteren Stunde, in welcher sie Zeldas Zustand überprüft hatten, verabschiedeten sich Impa und Darunia mit beruhigten Gewissen und überließen alles weitere einem sehr zuverlässigen Link, der jetzt schon einen Plan im Kopf hatte, wie er diese Nacht herumbringen würde. In dem Augenblick schaltete sich ein anderer Teil seines Gedächtnisses ein und ließ ihn sich einen Klaps an die eigene Stirn geben. ,Ich Idiot, habe Rick total vergessen.’ Schnell nahm er den Telefonhörer zur Hand und wählte die Nummer von Rick. Am anderen Ende ertönte die angenehme Stimme Lydias und wenig später die von Rick. „Was neues von Zelda?“, fragte er zuerst ohne Hallo zusagen.

„Ja, sie ist wieder hier, Rick“, murmelte Link erfreut. „Ich wollte dir das mitteilen, damit du nicht länger nach ihr suchst.“

„Das ist wunderbar. Geht es ihr gut?“

„Das… sie schläft jetzt“, log Link, obwohl sie schon in gewisser Weise schlief.

Ricks erheiterte Stimme am anderen Ende ertönte mit großer Zufriedenheit und Mitgefühl für seinen Lieblingscousin: „Gut. Es freut mich für dich, dass sie wieder bei dir ist. Sie schläft bei dir?“

„Ja, warum nicht?“

„Gut, mein Tipp: Immer schön dran bleiben.“

„Ach, halt die Klappe, Rick. Du denkst ja immer bloß an das eine!“, fauchte Link und wurde erneut schamrot um die Wangenknochen.

Aber Rick am anderen Ende lachte bloß. „Gute Nacht, Link. Und bestell’ ihr gute Grüße von mir.“

„Gute Nacht, Rick. Und danke für deine Hilfe.“

„Keine Ursache.“ Link legte den Hörer auf und bereitete in der Küche den Tee vor.

 

Minuten später saß Link auf dem knarrenden, durchgesessenen Sessel der Wohnstube, und der warme Tee floss seine Kehle hinab. Ab und an warf er einen Blick zu Zelda, die friedvoll und ruhig auf dem Sofa lag. Sie hatte sich inzwischen auf den Bauch gedreht und ein Arm fiel vom Sofa herunter. Ein Lächeln bildete sich auf einem ansehnlichen Heroengesicht angesichts ihrer schlafenden Herrlichkeit. Vielleicht sollte er ein Photo mache…. als kleine Erinnerung… Er vergaß den Gedanken und schaltete gelangweilt durch das Programm. Mittlerweile war es zehn Uhr, früh genug um sich irgendeinen gefühlsarmen, harmlosen Horrorfilm zu Gemüte zu führen. Es war ein Vampirfilm, ziemlich brutal… mit allem möglichen wie Prügeleien, interessanten, romantischen Szenen und anderem Zeugs. Vielleicht an manchen Stellen ein wenig pervers, weil es Vampire waren, die hier ihr Unwesen trieben, aber trotz allem zu langweilig für Link. Irgendeine Liebschaft von zwei hässlichen Vampiren erreichte gerade einen Höhepunkt, als das Mädchen neben Link im schlafenden Heilzauber einen eher unfreiwilligen Kommentar zu bieten hatte.

Zelda seufzte zunächst, was Links Aufmerksamkeit auf sie zog. Dann drehte sie sich auf den Rücken, schaute mit geschlossenen Augen direkt zu Link und meinte fast unbeteiligt: „Schalt das aus… ist ja grauenhaft schlecht… was guckst du so was Dummes…“

Erstaunt stand Link auf und hüpfte zu der schlafenden Schönen hinüber. Er sagte ihren Namen verwundert und ahnte, dass es wohl dieses Verhalten war, vor welchem Impa ihn warnte.

„Liebe geht doch ganz anders“, seufzte sie und ihre Augen flatterten nach oben.

„Zelda? Sag’ mir… bist du wach, oder träumst du?“ Aber als er in ihren Augen las, hatte sich diese Frage erübrigt. Das Blau ihrer Augen war leuchtend und doch schattenhaft, wie immer… aber es war der müde, apathische Ausdruck darin, welcher ihm genügte. Zelda träumte… irgendwie…

„Mein Held … du bist doch auch nicht wach“, meinte sie und schmunzelte.

Verwirrt setzte er sich auf einen Hocker ihr gegenüber und fand dieses Spielchen zu interessant, als nicht darauf zu hören. „Warum bin ich denn nicht wach?“

„Weil du mich immer noch mit Samthandschuhen anfasst.“ Und wie war das nun wieder gemeint, dachte er? Meinte sie seinen behutsamen Umgang mit ihr? Meinte sie seine Berührungen oder nur seine Worte? Sie richtete sich auf und tätschelte ihm verspielt beide Wangen.

Aber er packte ihre Hände und wollte bloß verhindern, dass sie etwas sehr dummes tat. „Zelda. Du solltest dich wieder hinlegen und…“ Aber sie lachte laut und hysterisch und schaute ihn neckisch an. „Was hast du denn mit mir vor? Was Schönes?“

„Zelda!“ Nun fühlte sich Link doch ein wenig überfordert. „Ich möchte, dass du dich ausruhst. Du hast vor wenigen Stunden die Hölle durchgemacht.“

„Die Hölle?“, murmelte sie und kuschelte sich unter die Decke. „Das ist doch nicht mehr wichtig. Wo ist denn überhaupt deine Freundin, Link?“

„Meine was?“ Geschockt begaffte er ihren blonden Hinterkopf, als sie sich genüsslich umdrehte.

„Du weißt schon, dieses Mädchen mit den blonden Haaren und den blauen Augen… das Mädchen, welches du so lieb hast.“

Redete sie jetzt verrücktes Zeugs über sich selbst? Link war zu entsetzt um noch klar zu denken.

„Na, deine Freundin eben. Diese Prinzessin.“

Wenn er jetzt weiter nachfragen würde, könnten vielleicht noch größere Misslichkeiten entstehen, also dachte er sich irgendetwas Sinnloses aus.

„Ähm… sie ist Einkaufen gegangen“, sagte er, hoffend, es würde nicht zu irgendwelchen Missverständnissen führen, wenn er noch mehr Blödsinn erzählte als sie. Link schüttelte den Kopf und dachte an Impas dummes Grinsen, als sie ging. Hatte sie dieses schaurige Spielchen etwa beabsichtigt?

„Weißt du, was ich dir immer schon sagen wollte?“, murmelte sie zwischen Decke und beigen Sofabezug.

„Nein, was?“ Er rückte die Wärmekissen auf ihrem Körper zurecht und kam unabsichtlich an ihren Bauch. In dem Moment richtete sie sich auf und schaute sündenlos in seine tiefblauen Augen. Ihr rosa Kleid rutschte dort, wo der Träger fehlte, etwas mehr über ihre Brust, sodass der BH zum Vorschein kam. ,Sehr schick‘, dachte Link. Ein Seidenbüstenhalter. Und Zeldas Brust war auch nicht ohne. Dem jungen Heroen wäre beinahe das Blut aus der Nase geschossen angesichts dieses fruchtbaren Einblicks. Den Göttinnen sei Dank zog Zelda unschuldig die dicke Decke zu sich.

„Du hast so einfühlsame Hände, Link“, sagte sie sanft und lächelte ihm erwartungsfroh entgegen.

„Also“, stotterte er. Wie viele unberechenbare Dinge würde sie sich in ihrem Zustand denn noch erlauben? Er konnte doch nicht solche schmeichelnden Sätze ignorieren! Und warum redete sie von derartigen Dingen? Noch ein paar mehr Komplimente und der junge Held wäre mit dem nächsten Satz auf dem Mond.

Gerade wollte die junge Prinzessin aufstehen, als er dies verhinderte. Er packte sie gefühlvoll an den Oberarmen und drückte sie mit sanfter Gewalt nieder. „Zelda, du solltest jetzt nicht aufstehen. Bitte schlaf’ jetzt.“

Aber sie grinste wie ein kleines Kind und lachte. „Ich muss dir etwas gestehen. Du bist viel zu attraktiv für diese Welt.“

Link schüttelte den Kopf und meinte strenger: „Zelda! Jetzt hör’ doch auf damit.“ Sie lächelte unschuldig, griff mit einer Hand an Links Genick und mit der anderen um seine Taille. Völlig perplex und an der Grenze aller guten Dinge zerrte sie ihn nieder, direkt auf sich und drückte ihr Gesicht gegen seines. „Ich hab’ Angst allein“, murmelte sie in sein Ohr und schien zu einem anderen Zustand überzuwechseln. Von ausgelassener Euphorie zu einer depressiven Traurigkeit. „Bitte halt mich ein bisschen.“

„Gut“, meinte er schüchtern, brachte sein schweres Gewicht von ihr und kuschelte sich neben sie. Es war nicht nur gut, wie Link sich eingestehen musste. Ihr so nahe zu sein, war wunderbar…

„Ja… gut“, seufzte sie, drückte sich an ihn und legte ihren Kopf an seine Brust. ,Bezaubernd’, dachte Link angesichts ihrer gewagten Innigkeit. ,Himmlisch.’ Und auch der junge Heroe seufzte. Er schloss die Augen und streichelte der jungen Prinzessin über den halbentblößten Rücken. Er hatte noch nie so gefühlt wie jetzt. Warum war ihm dieses wunderbare Gefühl in Zeldas Nähe nicht schon früher aufgefallen? Sie war so zerbrechlich. Ihre Haut war so weich, das er nicht aufhören konnte, diese Haut unter den Fingerspitzen zu fühlen.

„Und morgen kommt Harkenia von Hyrule und vermählt uns.“ Links Augen wurden riesig. Fassungslos sah er sie an und hatte nur noch den Wunsch aus der Verantwortung zu fliehen, Zelda zu beaufsichtigen. Das war ja peinlich, grausam, schockierend und alles andere als witzig, ihr Gefasel mit anzuhören. Konnte er ihr nicht den Mund zu kleben?

„Möchtest du Kinder, Schatz?“ Und die nächste Katastrophe war im Gange. „Aber was, wenn deine Freundin vom Einkaufen zurückkommt.“ Und Zelda richtete sich hektisch auf, hüpfte von dem Sofa und blickte paranoide durch die Fensterscheiben des Wohnzimmers.

Der junge Mann auf dem Sofa seufzte und schüttelte den Kopf. Da stand sie nun mit ihrem knappen, zerrissenen Sommerkleid vor dem Fenster und tat stupide Dinge, die sich die Prinzessin Hyrules unter keinen Umständen erlaubt hätte. Und dann ihre Sprüche! Nicht zum Aushalten. Ihre merkwürdigen Kommentare. Ihre schaurigen Einfälle. Hätte Impa ihn nicht warnen können, dass ihre geistigen Einfälle nichts für schwache Gemüter waren?

Er trat langsam an sie heran, legte eine Decke über ihre Schultern, die sie dankend annahm und meinte: „Ich sollte dich in mein Zimmer bringen, Zelda.“

„Warum? Wegen deiner Freundin, der Prinzessin?“

„Ähm… ja… genau“, sagte er. Eigentlich wollte er bloß nicht, dass Sara, die bei Mike übernachtete, und seine Eltern, die einen Ausflug machten, Zelda so überdreht vorfanden, wenn sie heimkamen. Wer wusste schon, was sie dann denken könnten? Vielleicht nahm Sara noch an, er hätte die arme Zelda unter Drogen gesetzt…

Vorsichtig nahm er die schlafende Schönheit auf seine Arme, durchquerte mit ihr leise das Wohnzimmer, trat die knarrenden Treppenstufen hinauf und betrat sein in Dunkelheit gehülltes Zimmer. Aus irgendeinem Grund hatte er das tiefsitzende Bedürfnis sie hier in seinem eigenen Bett liegen zu haben. Der Ausdruck in seinem Gesicht wandelte sich, wurde friedvoller, ruhiger, als Zelda tief einatmend in seinem Bett ruhte und sich ihr eisiger Körper langsam aufwärmte…

Er sah ihr einige Minuten zu, fasziniert von ihrer wunderschönen Eigenheit, die ihm vorher nie in diesem Ausmaß aufgefallen war. Er wüsste nicht, was er getan hätte, wenn er sie nicht gefunden und befreit hätte… wenn Impa nicht gewusst hätte, was es zu tun galt…

Er beugte sich über sie und drückte einen beruhigenden Kuss auf ihre kühle Stirn. „Zelda… ist dir noch kalt?“ Sie antwortete nicht mit Worten, sondern öffnete die sanften Augen. Während sie ihn musterte, bildete sich ein süßes Lächeln auf ihrem ebenmäßigen Gesicht. Ihr Lächeln war so schön… So liebreizend, dass Link ebenso lächelte oder lächeln musste. Es verzauberte ihn zunehmend.

„Machst du das noch mal?“, meinte sie bittend.

„Was meinst du?“ Er rutschte näher und streichelte über ihre Wangen.

„Einen Kuss, mein Held.“ Als er sie schockiert musterte, lachte sie wieder. Das konnte doch nicht so weiter gehen! Woher nahm sie sich eigentlich das Recht sich auf diese anzügliche Weise zu verhalten? War das nur wegen dem Schlaf der Schlaflosen? Link verengte die Augen und sagte auf eine tückische Weise: „Du tust doch bloß so, oder?“ Aber Zelda runzelte die Stirn. „Ich meine dein sonderbares Verhalten. Du bist bei vollem Bewusstsein, nicht?“

Sie grinste wieder, was ihn nun doch von der Idee abkommen ließ. „Ich fühle mich irgendwie so leicht… ich weiß aber nicht wieso… alles ist so einfach, so sorgenfrei…“ Und Link glaubte ihr. Er erfüllte ihren kleinen Wunsch, wenn auch nicht sicher, warum und ob er sich das nun immerzu erlauben konnte.

„Okay, du bekommst deinen Kuss.“ Sie hob den Zeigefinger.

„Aber nicht auf die Stirn, mein süßer Link.“

Seine Augen lasen verspielt in ihren und er ließ sich auf das Erlebnis ein: „Auf die linke oder rechte Wange?“

„Nicht auf die Wange.“ Ihre Stimme klang summend, wie die eines kleinen Kindes.

Und Link räusperte sich perplex. „An die Augenbraue?“

Sie schüttelte lachend den Kopf.

„Auf die Nasenspitze?“

„Auch dort nicht.“

„Wohin… denn dann“, äußerte er nervös. Das war jetzt der Endpunkt eines ausgelassenen Spaßes. Soweit durfte und konnte Link es nicht kommen lassen. Er wuselte aufgebracht in seinen Haaren herum.

„Zelda das geht jetzt zu weit.“

Sie lachte und reichte ihm schicklich die Hand. „Auf den Handrücken“, gab sie preis. „Was hast du denn gedacht?“ Er rollte die Augen, gab ihr das ehrerbietende Küsschen auf den Handrücken und lief ans Fenster. ,Die hat echt Nerven… was für eine Powerfrau‘, dachte er.

„Ich soll dir schöne Grüße von Rick bestellen“, meinte er, als sich seine Prinzessin aufrichtete und an das Bettende lehnte.

„Oh… der Prinz schickt mir Grüße… egal… ich will aber nur Grüße von meinem Heroen… der ist schöner…“ Der angesprochene und umschmeichelnde Heroe aber seufzte nur. Prinz? Rick war ein Prinz für sie? Und er nur der Held? Er wand sich zu ihr, ein Gefühl der Trübsinnigkeit in seinen Augen. Plötzlich wurde er von Zelda mit den Armen umschlossen und beinahe umgehauen. „Sag’ mal“, begann Link und streichelte über ihren blonden Kopf. Es war entzückend, wie vertrauensvoll sie mit ihm umging. So entzückend, dass ihre Annäherungsversuche für Link keine Rolle spielten hinsichtlich das Wieso und der Konsequenzen. Ihre Umarmung war warm, und es fühlte sich einfach richtig an…

„Ist soweit alles okay mit dir?“ Er drückte sie noch ein wenig mehr an sich.

„Ich hab’ so ein leichtes Druckgefühl überall. Ein kleiner dumpfer Schmerz, aber nicht schlimm.“ Schmerzen? Also hatte sie doch körperlich gelitten, wie der junge Held es vermutet hatte. Er hoffte bloß, dass jene Schmerzen verpufft sein würden, wenn sie aus diesem Schlaf der Schlaflosen erwachte.

„Weißt du… als ich dich gefunden habe… da habe ich deine Schmerzen gefühlt, Zelda.“ Sie rieb ihre rechte Wange an seinem grünen Pulli.

„… ich habe auch immer deine Schmerzen gefühlt…“, murmelte sie und plötzlich wurde sie schlapp und wäre aus seinen Armen gerutscht, wenn er sie nicht aufgefangen hätte.

Leicht beunruhigt, aber einsichtig, dass sie nun eine andere Bewusstseinsstufe erreicht hatte, legte er die schlafende Schönheit wieder in sein Bett und zog die Decken bis zu ihrem Kinn. „Schlaf’ schön, mein Engel“, flüsterte er, schaltete das Licht in dem Zimmer aus und wachte die gesamte Nacht neben dem Bett. 

 
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