Kapitel 1.3
 

Kapitel 3: Schicksalhafte Entdeckung

 

 

Verwirrt sah Sara ihren Bruder an, von dem sie immer dachte, sie würde ihn kennen, das schien allerdings eine Lüge zu sein. Gemeinsam befanden sie sich im Badezimmer, um Links Wunden zu versorgen. „Link, tut es sehr weh?“, murmelte sie trübsinnig. Er jedoch war bemüht, nicht umzukippen, oder sich zu übergeben. Er fühlte sich erbärmlich und sagte mit kläglicher Stimme: „Geht so…“

„Du Lügner… ich weiß schon, die Frage war einfach nur dämlich.“ Sara betrachtete die Wunden genauer, als Link auf einem Stuhl saß und sich an den Stuhllehnen festhielt. Ihm war schwindelig und er fragte sich, ob er vielleicht nur träumte. „Großer Gott… wer hat dir das nur angetan?“, sprach Sara entgeistert. Dann tupfte sie vorsichtig mit einem Wattebällchen und Desinfektionsmittel über die Blessuren. Link kniff die Augen zusammen und meinte gezwungen: „Wenn ich das wüsste… würde derjenige nicht mehr leben.“

Sara war entsetzt, sie hatte ihren Bruder noch nie so reden hören. Er klang grausam und eiskalt. Auch in seinen Augen lag kein Gefühl mehr. Sie waren geradezu beherrscht von Wut, Zorn und Hass. Vor Schreck ließ sie die Watte in ihren Händen fallen. Reagierte er so, um die Schmerzen zu unterdrücken oder gab es einen anderen Grund? Sara hatte das Gefühl, die Wunden einer fremden Person zu versorgen. Dieser Mensch war nicht ihr Bruder, und vielleicht niemals gewesen, sollte das sein wahres Gesicht sein.

„Sara, entschuldige“, flüsterte Link. „Ich bin irgendwie durcheinander. Das war… Gerade als ich spielen wollte, überkam mich eine unaufhaltsame Müdigkeit und im Traum wurde ich dann von irgendetwas so zugerichtet. Ich fürchte mich davor… einzuschlafen.“ Sara lächelte und war beruhigt zu wissen, dass sie sich in Link doch nicht ihr Leben lang getäuscht hatte. Vorsichtig sagte sie: „Vielleicht solltest du vorerst nicht Zelda spielen.“ Link begriff mit einem Schlag. Sara hatte Recht. Er hatte gespielt, als er zusammengesackt war. Er hatte gespielt, als er verletzt wurde und wenn er wirklich ehrlich zu sich selbst war, dann musste er sich eingestehen, dass vieles in seinem Leben schief gegangen war, seit er dieses Spiel kannte.

Sara legte einen riesigen Verband auf Links Brust und Bauch, als er sprach: „Sara, ich danke dir. Aber ich bitte dich, was immer es auch gewesen ist, erzähl’ Mum und Dad nichts davon, sie würden sich nur unnötig sorgen…“

„Aber Brüderchen“, sprach sie fürsorglich. „Mir wäre es lieber, wenn du damit zu einem Arzt gehen würdest…“ Daraufhin neigte Link seinen Kopf zur Seite und schüttelte abweisend den Kopf.

„Aber Link!“, sprach sie lauter. „Bist du des Wahnsinns. Du kannst mit solchen Wunden doch nicht durch die Gegend laufen und so tun als wäre nichts passiert!“ Entschlossen hüpfte Sara auf die Beine. „Ich werde jetzt sofort einen Arzt rufen, ob du willst oder nicht.“

Aber da umfasste Link energisch ihr rechtes Handgelenk und blickte sie befehlend an. „Bitte, Sara…“, sagte er. „Ich kann doch keinem erzählen, dass mir ein bescheuertes Spiel irgendwelche Wunden zugefügt hat… die stecken mich ins nächstbeste Irrenhaus…“

„Aber, Link…“, murmelte sie schwach und sackte dann ebenfalls nieder. Tief einatmend saß sie auf dem Wannenrand und schaute ihren Bruder durcheinander, vielleicht eine Spur aufmunternd an. „Und was machen wir jetzt…“

„Abwarten…“, entgegnete Link, seufzte und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Erst jetzt merkte er wie bitter die Folgen der Verletzung auf seine Verfassung schlugen.

„Und du versprichst mir, wenn es schlimmer wird, dass wir doch noch einen Arzt rufen…“ Link nickte.

„Okay, und du versprichst mir außerdem, vorerst das Zeldaspiel nicht mehr anzurühren!“ Link nickte abermals: „Abgemacht.“

Ihr Bruder und Sara grübelten noch eine Weile über das Geschehene nach, aber konnten alles andere als eine Antwort für dieses seltsame Ereignis finden. Es war eine unangenehme, seltsame Situation, die zwischen den Geschwistern entstanden war. Und obwohl die beiden einander immer sehr wertgeschätzt hatten, sich so nah standen wie beste Freunde und sich vielleicht nicht wie typische Geschwister verhielten, so schuf die Situation eine beklemmende Distanz.

Sara war bereits schlafen gegangen und auch Link wusste, früher oder später würde sein Körper Schlaf brauchen. Lange konnte er sich nicht gegen den Schlaf wehren. Wenig später lag der junge Bursche auf seinem Bett und traute sich nicht nur eine Bewegung zu machen. Die Schmerztabletten, die er regelrecht hinunter würgte, wirkten nicht. Wie auch, wenn diese Wunden keinen gewöhnlichen Ursprung hatten. Zähneknirschend versuchte er Schlaf zu finden, bis schließlich die Erschöpfung siegte…

Über den Wäldern ging die Sonne unter und tauchte die kleine Stadt in ein zartes rosa- orange. Link schlief bereits, aber seine Träume waren harmlos im Vergleich zu dem Ereignis des Tages. Vermutlich lag es wirklich am Zeldaspiel, dass er diese Hölle durchmachte, was eigentlich unsinnig war. Die Nacht ging schleppend vorüber. Mehrmals wachte Link in der Nacht auf, fühlte das erdrückende Brennen seiner Wunde, stöhnte auf und konnte ab und zu nicht anders als einfach nur einen Schrei von sich zu geben. Himmel, er wusste vorher nicht, wozu Wunden fähig waren. Sie konnten einen Menschen um den Verstand bringen, sie konnten stören und sie konnten töten…

Einmal mehr wachte er mit Herzrasen in Schweiß gebadet auf, sich wünschend, er wäre nicht aufgewacht. Sein gesamter Bauch brannte, nur schwerlich unterdrückte Link den Zwang sich zu übergeben. Er fröstelte, warf seinen Kopf hin und her und fühlte etwas Nasses vor Schmerzen über seine Wange tropfen. Er richtete sich begleitet von demütigenden Qualen auf, und bewegte sich aus seinem Bett. Jeder Schritt setzte ihm zu, jede Bewegung tat weh. Er torkelte an einen Schrank, hielt sich mit zusammengekniffenen Augen an einer Holzplatte fest. Aus einer Glasschale nahm er sich drei weitere Schmerztabletten, hoffend, sie würden endlich eine Wirkung zeigen. Er würgte diese hinunter und taumelte zu seinem Bett. An der Kante stürzte er auf seine Knie, fühlte sich zu schwach, um noch in das Bett zu krabbeln und ließ sich mit einem herzzerreißenden Fluchen fallen. Er kniff seine Augen zusammen, wünschte sich, es wäre vorbei. Diese Schmerzen, diese Qualen. Warum hatte er diese durchzustehen? Warum musste ausgerechnet er solche Pein ertragen?

Link war immer schon stärker gewesen als andere, sowohl körperlich, auch wenn man es ihm nicht ansah, und seelisch. Viele harte Schicksalsschläge machten aus ihm einen selbstbewussten, mutigen, jungen Mann. Getreu dem Motto: Was dich nicht tötet, macht dich nur stärker, zog er durch die Welt. Doch in letzter Zeit hatte Link einen Teil seiner früheren Stärke eingebüßt. Es war zu viel… Sein Leben verlief niemals nach festen Regeln, das wusste er, doch nun wurde es immer schlimmer. Das Leben stellte zu viele Erwartungen an ihn. Er war ein Jugendlicher, der leben wollte, der Spaß haben wollte. Doch wenn er glaubte, es könnte sich etwas ändern, so kam der nächste überraschende Schlag, dem ihm seine Bestimmung ins Gesicht verpasste. Ebenso wie jetzt jene unerklärbaren Wunden, die niemand anderes durchzustehen hatte.

Genervt und angewidert von sich selbst, weil er sich so schwach und hilflos fühlte, legte er eine Hand an seine glühende Stirn und starrte mit leerem Blick an die tote Deckenbeleuchtung. Genauso fühlte er sich innerlich… tot… ausgelaugt…

Er wollte kämpfen, sicherlich, aber im Moment war ihm nur noch nach Aufgeben zumute. Das Ziepen wurde stärker, ein Druck baute sich in seinem Inneren auf. Link presste seine Zähne aneinander, verkrampfte sich, bereit die nächste Schmerzwelle über sich ergehen zu lassen. Unaufhaltsam kam der Schmerz. Ein lauter Schrei aus Links Kehle und er verlor das Bewusstsein.

 

Um neun Uhr morgens dröhnte das Geräusch eines schrillen Radioweckers in Links Zimmer umher. Doch niemand hörte es oder schaltete es ab. Niemand außer Link befand sich im Haus. Seine Eltern arbeiteten und Sara befand sich mit ihrer Clique in der Schule. Auf wackligen Beinen lief Link die Treppe ins Erdgeschoss hinunter, schwankend, gefolgt von dem Gefühl, dass sich alles um ihn herum drehte. Er nahm nichts wahr, hörte nichts und interessierte sich für nichts. Normalerweise hatte er heute, wie jeden Freitag, eine Ausfallstunde, was wohl der eigentliche Grund war, warum ihn niemand geweckt hatte, warum nicht einmal Sara nach ihm gesehen hatte. Doch nun war Link dabei, sogar die zweite Stunde zu verpassen. Es war ihm egal. Wie unwichtig Schule war, wenn es andere Dinge gab, die seinem jungen Herzen Sorgen machen konnten. Großes würde geschehen, Großes würde erweckt werden. Irgendwo tief in der Vergessenheit schlummerte es, flüsterte und nicht jeder sollte in der Lage sein, zu hören, was nicht gehört werden wollte.

Mühsam schleppte er seinen beanspruchten Körper ins Bad, hielt sich am Waschbecken fest und fragte sich, wer der junge Mann war, der aus einem Spiegel hervor sah. Ein merkwürdiges Gesicht, jugendlich und doch mitgenommen, wenn nicht sogar alt. Unergründliche Augen, so tiefblau wie ein vom Sturm beherrschter Ozean. Er drehte genervt den Wasserhahn auf und tauchte sein Gesicht in das kalte Wasser des Beckens. Da war es wieder… das Stechen, das Brennen. Und niemand konnte verstehen, niemand wollte verstehen. Sich selbst ein wenig bemitleidend schlug er mit seiner linken Faust auf das Spiegelglas, brachte es aber nicht zum Splittern. Schließlich tapste er aus dem Bad hinaus, durchquerte den dunklen Korridor und erreichte die riesige Stube seines Elternhauses. Er nahm den Telefonhörer zur Hand, wählte eine Nummer und hörte am anderen Ende die Stimme einer Sprechstundenhilfe des Arztes, der in Schicksalshort seine Praxis hatte. Er antwortete nicht. Ohne jeden Laut legte er den Hörer wieder auf, wohlwissend, dass es niemanden außer Sara gab, dem er erzählen konnte, was passierte. Er war verrückt. Er musste durchgedreht sein. Ein Spiel konnte niemandem Wunden zu fügen, wenn es lediglich ein Spiel war, das für eine Spielkonsole gemacht wurde. Ein Traum konnte niemand körperlich schaden, weil es nur ein Traum war. Und ein Arzt würde Links gesunden Menschenverstand in Frage stellen, wenn er ihm erzählte, woher diese Wunden stammten. Frustriert und von sich selbst enttäuscht, lehnte sich der siebzehnjährige Schüler zurück, starrte ins Nichts. Ob er nicht wenigstens in der Schule anrufen sollte? Seufzend entschied er sich dagegen. War doch unwichtig, so unwichtig wie alles, so nutzlos wie sein ganzes Dasein. Er stand auf, lief in die Küche um dort eine Flasche mit Wasser zu suchen. Als er sie fand, trank er einen Schluck, würgte noch einen Schluck hinunter, bis dieses Behältnis mit einem Schlag aus seinen Händen fiel.

„Link…“, schallte es in seinen Gedanken. Verwirrt drehte er sich um, spähte in alle Richtungen der Küche, aber da war niemand. Diese Stimme war nun so deutlich und nah, als ob jene Gestalt, zu der diese Stimme gehörte, hinter ihm stand.

„Link…“ Erneut ein Ruf.

Er schüttelte mit dem Kopf, versuchte die Stimme zu verdrängen. Er hatte genug davon, wollte zurück, was man ihm genommen hatte- ein gewöhnliches Leben. Sein wahres Ich. Er schlug seine Hände an seine Ohren und brüllte: „Lass’ mich endlich in Ruhe. Ich will das nicht. Verschwinde aus meinem Kopf!“

Ruhe… Stille… 

Die Stille wurde jedoch unterbrochen. Den Verstand raubend tutete das Telefon vor sich hin. Link lief langsam darauf zu, hechelte vor Erschöpfung und nahm mühsam den Telefonhörer zur Hand. Es war seine kleine Schwester, die von ihrem Handy aus zuhause anrief, sich wundernd, warum ihr Bruder nicht in der Schule war, und besorgt wegen seiner Verletzung.

„Link?“, sagte ihre freche Stimme am anderen Ende.

Ein schwaches „Ja“ erklang.

„Wie geht es dir, Brüderchen?“, sagte Sara. „Ich wollte vorhin noch nach dir schauen, aber du hast tief und fest geschlafen. Kommst du zu recht?“

Link grinste halbherzig. „Ja, ich komme zurecht…“ Er hauchte die Worte heiser ins Telefon und hoffte, Sara gab sich damit zufrieden.

„Kommst du noch in die Schule? Oder soll ich dich entschuldigen?“

„Ich…“, fing er an, überlegte kurz vielleicht noch in die Schule zu gehen, aber gab nicht zu, dass er sich mit der Verletzung herumquälte. „… habe keinen Bock…“, endete er und stützte sein gesamtes Körpergewicht auf dem Tisch ab, auf welchem das Telefon stand.

„Brüderchen, bitte ruh‘ dich aus und ruf‘ einen Arzt an, wenn es nicht geht…“, murmelte sie. Sie klang mehr als nur besorgt.

„Sara jetzt lass’ mich in Ruhe und hör‘ auf dir Sorgen zu machen“, fauchte er, überrascht, dass er dazu noch die Kraft hatte.

„Verdammt, ich rufe an, weil ich mir Sorgen um dich mache und erhalte nichts als deine Gemeinheiten. Da hätte ich mir den Anruf ja auch erübrigen können. Vielen Dank auch.“ Damit legte Sara auf und Link tippte genervt auf den Tasten herum. ,Was machte das schon’, sagte er sich. Sara würde sich wieder abregen…

 

Mit einigen Tabletten, und der Fähigkeit sich von den Schmerzen abzulenken, brachte Link den Vormittag herum. Er saß vor dem Fernseher, sah sich stupide Talkshows an und amüsierte sich über deren Definition von Problemen… Hatten jene Leute doch eine Ahnung, von Dingen, die man wirklich als Problem, Schicksalsschlag oder Prüfung bezeichnen konnte. Menschen, mit billigen Vorstellungen über die Welt. Menschen, denen Worte wie Lebenssinn und Daseinsgrund nichts sagten. Manchmal kam sich Link wie der letzte Mensch auf Erden vor, oder der letzte Mensch aus einer anderen Dimension, in welcher man das Leben mit anderen Augen sah, in welcher viele noch wussten, was im Leben wirklich zählte… Es gab Wichtigeres als die Nachbarin, die nachts heimlich in fremde Fenster schaute. Es gab Wichtigeres als die beste Freundin, die den eigenen Liebhaber ausspannte und es gab tausendmal Wichtigeres als die blöde Ziege im Dorf, die andere nur nach dem fettleibigen Äußeren einschätzte. Doch jenes Wichtige wurde von den meisten Menschen in Links Umgebung nicht mehr wahrgenommen.

Gegen ein Uhr mittags kam dann auch noch ein Bote und brachte dem kränklich- wirkenden Link eine volle Ladung von irgendwelchen Werbeprospekten, die er nächste Woche irgendwann in Schicksalshorts alten Gassen verteilen sollte. Schon häufiger hatte er solche Nebenjobs angenommen und nicht mehr damit gerechnet. Fluchend stellte er den riesigen Karton mit dem Zeugs einfach in den Korridor und ahnte, dass er nächste Woche nicht dazu in der Lage wäre, die blöden Werbezettel auszutragen. Es war egal, hatte keine Bedeutung, wie eine selbsterschaffene Macht, von der man glaubte, abhängig zu sein.

Während Link im Korridor seines Elternhauses stand, überkam ihn erneut ein seltsames Gefühl, als kannte er sich selbst nicht, als würde das Herz in seiner Brust aus einem Grund schlagen, den er schon lange, viel zu lange vergessen hatte. Er öffnete die Haustür und trat hinaus in den Vorgarten. Frischer Wind wehte um seine Ohren, eine Empfindung, die ihn an etwas erinnerte…

Er sah den Unmengen von Grundschülern zu, die fröhlich, sich auf das Wochenende freuend, nach Hause stürmten, sah so viele lachende Gesichter. Gedankenverloren blieb Link stehen und schaute in das märchenhafte Blau des Himmels.

Dann hörte er eine Harfe, deren rührende Töne ganz nahe erklangen. Ein trauriges Lied… Link sah um sich, aber konnte den Ort der Melodie nicht ausmachen und genoss das Spiel. Seit wann gab es in der Nachbarschaft eigentlich jemanden, der Harfe spielte? Oder war jemand in das leer stehende Gebäude am Ende der Straße eingezogen? Neugierig lief Link einige Schritte die Straße hinab und blickte zu dem verlassenen Haus, welches umzingelt von Laubbäumen fast unheimlich wirkte. Nein, die Klänge wurden nicht lauter und verrückter Weise auch nicht leiser. Link hörte dem Klang zu, fühlte sich fast ein wenig besser bei jener Melodie und stolperte langsam nach Hause. Doch die Töne verschwanden einfach nicht, auch nicht, als Link sich in sein Zimmer begab, auch nicht, als wieder die Müdigkeit über ihn hereinfiel.

 

Als Sara spät nachmittags heimkam, lag Link schlafend auf seinem Bett und wirkte halb tot mit der Blässe im Gesicht und den Augenringeln. Sie wollte ihn aufwecken, aber er ließ sich nicht wecken, murmelte etwas, aber machte seine Augen nicht auf. Sicherlich machte sich Sara Sorgen, aber was sollte sie denn tun? Sie verstand Link in der Hinsicht, keine ärztliche Hilfe annehmen zu wollen und verstand ihn, wenn er diese Sache selbst überstehen wollte. Sie ging schließlich aus dem Raum und wartete in ihrem Zimmer darauf, dass er seine Augen wieder öffnete.

 

Link wandelte währenddessen schmerzfrei in einer fremden Welt umher. Vor ihm lag ein großes Stück Wald, welches in die orangenen, warmen Farben des Herbstes getaucht war, und erfüllt war von märchenhafter Eleganz. Angezogen von der Schönheit der Natur lief er in den Wald hinein. Er folgte einem abgetrampelten Weg und vernahm die nostalgischen Klänge einer einsamen Harfe. Link lief ein Schauer über den Rücken, fühlte einen kleinen Stich in seinem Herzen, wie den Ruf einer weitentfernten Erinnerung und ging in Richtung jener sanften Melodie, die sein Herz berührte. Wer spielte dieses Instrument nur so einfühlsam und zärtlich? Link konnte nicht anders, als jene Person zu finden…

Aufgeregt trat er weiter, lächelte und spürte, er würde etwas finden, das er wie nichts in der Welt vermisste. Der Weg wurde von einem kleinen Bach unterbrochen. Sein kristallenes Wasser umspülte sachte das Gestein. Nun folgte Link dem Bach, der sich mit der Zeit zu einem kleinen Fluss herausbildete. Und dann, umschmeichelt von dem Klang der Harfe und umgeben von den Farben des Herbstes, begegnete ihm sein eigenes Schicksal. Auf einer kleinen Lichtung, die von dem Bach umrahmt wurde, saß auf einer grünen Wiese ein wunderschönes Mädchen und spielte. Sie spielte faszinierend, traurig und verträumt. Link ging auf sie zu. Er konnte gar nicht anders, seine Beine bewegten sich ganz von alleine.

Ihre Augen waren noch immer geschlossen, aber Link wusste irgendwie, dass sich darunter ein himmlisches Blau befand. Sie besaß lange, goldene Haare, die im Licht der Sonne glitzerten und im Wind leise wehten. Sie trug ein anmutiges, weinrotes Kleid mit vielen goldenen Verzierungen, war so bezaubernd, und strahlte ihm entgegen, als sie ihre Augen aufschlug. ,War sie eine Göttin‘, sagte eine Stimme in Links Kopf, oder ein anderes wunderbares Märchengeschöpf?

Sie sprach leise zu ihm: „Sag’ wirst du mich finden?“ Eine Träne rollte über ihre Wange. Link erkannte diese Stimme aus seinen Träumen. Immer wieder hatte diese Stimme nach ihm gerufen und jetzt, da er die Gestalt sah, die zu der Stimme gehörte, wünschte er sich, sie würde bleiben- in seinen Träumen.

Geistesgegenwärtig sagte Link: „Wenn du dich finden lässt.“ Er lief zu ihr, kniete nieder und wollte nur einmal ihre Wange berühren. Aber sie wich zurück und entgegnete: „Verzeih’, du kannst mich nicht berühren. Ich bin nur ein Schatten, nicht mehr als ein Bild in deiner Seele und auch jetzt da ich eine Stimme besitze, so wird sie vergänglich sein und wenn der Tag erwacht, wirst du keine Erinnerung an mich haben, Link.“

„Du kennst meinen Namen, so bitte sag’ mir deinen.“

„Du kennst meinen Namen, kanntest ihn schon immer und sollst ihn niemals vergessen.“ Link kannte dieses Mädchen, ja, sie war immer ein Teil von ihm, aber er hatte keine Erinnerung an sie. „Ich kenne dich, auch wenn ich deinen Namen nicht weiß.“ Sie nickte und blickte ihm tief in die Augen. Etwas stach in seiner Seele, bei den Gefühlen, die ihr Blick begleitete. Sehnsucht… Verständnis… Verbundenheit…

„Sag’! Kann ich dich denn finden?“ Sie lächelte, lief auf ihn zu und reichte ihm ihre Hand. Sie war warm und zart. Er hatte fast etwas Sorge sie zu fest zu berühren.

„Du kannst mich finden… nur du… bitte hilf‘ mir…“, flüsterte sie, und in dem Augenblick, wo er das Gefühl hatte, alles, was er über sich wusste, würde in Frage gestellt werden, da er sie spürte, wusste er dennoch, dass er alles, restlos alles für sie tun würde. Sie lächelte ihn noch ein weiteres Mal an, schloss die Augen und kippte vornüber. Link fing sie einfach nur auf, hielt sie fest und plötzlich ging sie in ihn über. Link sah um sich, wollte nach ihr rufen, obwohl er ihren Namen nicht aussprechen konnte. Sie war aus seinem Sichtfeld verschwunden, aber er spürte sie. Sie war nahe, sie war in seiner Seele…

Link sah noch einmal um sich, erkannte den Wald als jenen, in dem er immer umherlief. Auch den kleinen Bach kannte er… und etwas rief ihn zurück in sein Bewusstsein, erinnerte ihn daran, was er finden wollte und wozu er geboren wurde. Er würde hierher zurückkehren, retten und beschützen…

 

Der blonde junge Mann schrak auf und lag ausnahmsweise mal in seinem Bett. Verstört blickte er zur Uhr, es war gerade einmal kurz nach neun. Rasend zog Link sich an. Die Schmerzen beachtete er gar nicht mehr. Er hatte nur noch diesen einen Wunsch, in den Wald zu gehen. An den Traum vor wenigen Minuten konnte er sich nicht völlig entsinnen, aber jemand oder irgendetwas sagte ihm, er sollte sich auf schnellstem Wege in die Wälder begeben.

Link ging auf Zehenspitzen an Saras Zimmer vorbei, die dachte, er würde schlafen. Gerade wollte der Schüler zur Haustür hinaustreten, als er das Auto seiner Eltern die Einfahrt hereinfahren sah, er drehte um und hastete in Richtung Hintertür. Unheimlich, dass er plötzlich eine solche Kraft entwickelte, obwohl er ernsthaft verletzt war. Vermutlich lag es an diesem Drang so schnell wie möglich in den Wäldern zu sein.

Nebel kam auf und die Nacht zog über die kleine Stadt. Doch Link raste ohne Pause in Richtung des Waldes, der nur einige Minuten von seinem Elternhaus lag.

Der Wald war tiefschwarz und nur wenige Lichtstrahlen beleuchteten ihn noch. „Nein, ich laufe nicht weg, nicht vor dieser Dunkelheit.“ Link ballte die Fäuste. „Also gut, was immer mich dort erwartet, ich werde es überstehen. Wäre doch gelacht, wenn ich nicht herausfinden würde, warum ich eigentlich hier bin“, sprach er zu sich selbst und versuchte zu grinsen. Link ahnte noch nicht, dass er mit diesen Sätzen ein folgenschweres Bündnis einging.

Also verschwand der junge Kerl in dem finsteren Wald, hörte die Stimmen der Nacht, Eulen in den Baumkronen, hörte kleinere Tiere durch die Sträucher huschen und ließ sich leiten von einem überwältigenden Gefühl, das er nicht beschreiben konnte. Mit einer Taschenlampe leuchtete er umher, versuchte ruhig und unauffällig zu bleiben und hoffte, er fand, wonach sich sein Herz sehnte. Eine Antwort, mehr erwartete er doch nicht. Eine Antwort auf seine ungewisse Sehnsucht…

Plötzlich trat Link in kaltes Wasser. Aha, richtig, das war jener Bach, der in Richtung des Tales floss und sich in einem See ansammelte. Anhand der winzigen Details in der Dunkelheit versuchte sich Link zu orientieren. Das Brummen einer Eule drang an seine Ohren, als er weiter eilte. Vorsichtig folgte er dem Flusslauf, hoffend, er fand den Ort seiner Bestimmung, auch wenn er allmählich an diesem Vorhaben zweifelte. Er hörte sich selbst reden, fragte sich ob er noch bei Trost war, mitten in der Nacht und dies mit seinen schlimmen Wunden hier entlang zu marschieren. Weitere Zweifel gelangten über seine trockenen Lippen und er hörte sich selbst flüstern: „Sinnlos. Absurd. Albern.”

Dann versagte plötzlich das Licht seiner Taschenlampe. Verflucht, dachte er. Da hatte er etwas Wichtiges vor, wurde aber auch hier vom Pech verfolgt. Link rüttelte an der Lampe, die kurz aufflackerte, lief noch ein Stück, schaute dann um sich, als er eine kleine Lichtung entdeckte, vor der der Nebel zurückwich und das Licht des Mondes sanft auf das Gras fiel. Die Bäume ringsherum warfen große Schatten…

,War dies ein Traum’, fragte er sich. Er konnte kaum richtig begreifen, was er hier tat, aber spürte eine Sicherheit und ein Gebrauchtsein mit jeder weiteren Minute zunehmen. Seine Wunden brannten ein wenig. Erst jetzt begriff Link, was er tat. Er musste die ganze Zeit teilweise in Trance gewesen sein. Seine tiefblauen Augen glühten im Dunkel, als der Mond kühl und erhellend leuchtete. Zaghaft trat Link näher an jenen Ort, den er erst vor wenigen Minuten in seinen Träumen gesehen hatte. Er war hier, wo der Fluss sich teilte und um einen grünen, grasigen Hügel schnellte. Zaghaft trat er mit seinen Turnschuhen durch das Nass, als der Mond sich ein weiteres Mal am Horizont zeigte. Links tiefblaue Augen blitzten durch die Nacht, funkelten wie jene eines wilden Tieres, als er eine Gestalt ausmachte, die mit dem Gesicht nach unten im Bach lag. Er blinzelte, schüttelte seinen Kopf und fragte sich, ob er jene Gestalt auch nicht einbildete. ,Aber tatsächlich‘, dachte Link. Dort in dem Bach lag jemand mit dem Gesicht im Wasser. Wie ein Irrer stürzte der nächtliche Wanderer auf die Gestalt zu… ließ sich einfach fallen und drehte die Person sanft zu sich. Völlig durchnässt ruhte jemand in Links Armen und er selbst spürte eine Welle der Erleichterung über seinen Körper hereinbrechen. War es wirklich möglich, was hier geschah?

Seine Augen leuchteten ein weiteres Mal, als sich der Mond am Horizont zeigte und vergessene Magie diesen Ort heimsuchte. Verunsichert, aber irgendwo auch hoffend, versuchte Link in der Finsternis etwas zu erkennen, sah schattenhaft das Gesicht der Gestalt und sah für kurze Augenblicke die Schönheit eines Mädchens, welche ihm sofort den Verstand raubte… Link zitterte vor Aufregung, rüttelte sie sanft und streichelte über ihr Gesicht. Vorsichtig strich der junge Mann das Haar des Mädchens aus dem nassen Gesicht. Sie hatte langes Haar, wunderschönes Haar. Bemüht ruhig zu bleiben, nicht panisch zu werden suchte er nach einem Puls an ihrem Hals und hoffte sehnlichst, dass es nicht zu spät war, dass sie nicht zu viel Wasser geschluckt hatte…

„Hey… bitte…“, sprach er leise. „Bitte… lebe…“ Er bekam sie nicht wach, sprach weitere Worte, aber sie reagierte nicht. Noch einmal tastete er nach ihrem Puls und drückte sein rechtes Ohr auf ihre Brust. Er konzentrierte sich und hörte ihr Herz schlagen, ganz regelmäßig, ganz ruhig. Erleichtert atmete Link tief aus. Sie atmete und ihr Herz schlug. Sie lebte… Hatte sie etwa nach ihm gerufen? War er nur wegen diesem Mädchen hier?

Egal wer sie war, oder aus welchem Grund sie hier lag. Unwichtig, wieso Link ihren Ruf hörte, das einzige, was ihn momentan interessierte, war ihr zu helfen. Er nahm sie auf die Arme. Verwundert über ihr Leichtgewicht und schockiert über seine eigenen Kraftreserven, trat er vorwärts. Er hatte ein Ziel und würde nicht eher ruhen, bis sie in Sicherheit war. Entschlossen ging Link aus dem Wald hinaus und huschte wie ein Schatten durch die Schwärze der Nacht. Schicksalshort schlief bereits und niemand bemerkte den jungen Mann, der in dieser Nacht sein Schicksal in vorhergesehene Bahnen lenken würde…

 

Vor seinem in Dunkelheit gehülltem Zuhause blieb er stehen, setzte das Mädchen ab, und warf zielgenau einen Stein an Saras Fensterscheibe. Sie öffnete sofort. Bestürzt schaute sie auf ihren Bruder, ließ ihren Blick schweifen und schaute dann noch bestürzter auf das Mädchen in seinen Armen.

„Sara. Kannst du Mum und Dad für mich ablenken?“, rief Link.

„Du Idiot, weißt du eigentlich, was ich mir für Sorgen um dich gemacht habe.“

„Ja, ist gut. Aber dieses Mädchen hier braucht dringend Hilfe.“

„Na gut. Beeil dich!“, rief sie und konnte kaum glauben, was hier passierte…

 

Wenige Minuten später trat Link in sein Zimmer hinein. Seine Eltern hatte er wunderbar reingelegt. Sie wussten überhaupt nichts davon, dass er jetzt einen Gast hatte. Das Mädchen auf seinen Armen war total durchnässt, eiskalt und sah mitgenommen aus. Dennoch, als er in den Schein einer Lampe in seinem Zimmer trat, war er von der Schönheit des Mädchens schlichtweg überwältigt. Ein hübsches, eher schmales Gesicht, ohne jegliche Fehler, Unreinheiten oder Makel, welches von einer perfekten Nase, vollen, roten Lippen, einem wohlgeformten Kinn und einer zarten Stirn abgerundet wurde. Ihr schlanker, für Link fast zerbrechlich- wirkender Körper, an dem ebenso alles perfekt proportioniert war, wurde von einem bis zu den Füßen reichendem, weinrotem Kleid mit goldenen Mustern und Verzierungen bedeckt. Lange Ärmel, aber ein eher auffordernder Ausschnitt. Das Kleid lag sehr eng an, sodass jedes Detail ihres anmutigen Äußeren zu bewundern war.

Er legte sie vorsichtig auf sein Bett und zog ihr die roten Sandalen aus, die sie trug. Sie hatte nicht einmal ein Paar Strümpfe an. Folglich waren ihre zarten Füße eiskalt. Schnell legte Link eine flauschige Decke darüber. Wenige Sekunden vergingen und Link konnte seine Augen von ihr einfach nicht abwenden. Etwas war da… sie erinnerte ihn an irgendetwas. Aber was? Und noch etwas machte ihn beinahe wahnsinnig: Die Tatsache, dass er sich mit einem Schlag solche Sorgen um sie machte. Er sorgte sich um ein Wesen, das er nicht einmal kannte, er fühlte beinah Angst um sie, obwohl er jenes Mädchen wohl nur zufällig im Wald gefunden hatte. Oder war es gar kein Zufall… war es nicht vielleicht Schicksal? Er hetzte mit einem Sprung zu dem Ölofen und schürte ihn an. Dann stand er jedoch vor einem Problem. Sie war total durchnässt und musste unbedingt von diesem Kleid befreit werden, bevor sie sich noch den Tod holte.

Er setzte sich an den Rand des Bettes, verwirrt, warum er sie im Augenblick am liebsten in seine Arme nehmen wollte, verzaubert von diesem wunderschönen Gesicht, das ein noch bezaubernderes Lächeln erschaffen könnte. Er strich sachte ihre goldenen, nassen Strähnen aus dem Antlitz, als sein Blick zu ihrer rechten Hand fiel. Sie umklammerte etwas darin. Vorsichtig versuchte Link ihre zur Faust geballte Hand zu öffnen und den Gegenstand daraus zu lösen. Sie stöhnte leise auf, schüttelte den Kopf im Schlaf und rührte sich dann wieder nicht mehr. Link versuchte es erneut und nahm den Gegenstand an sich. Verwundert betrachtete er sich ein Schmuckstück, das an eine reichlich verzierte, mit Edelsteinen besetzte Tiara erinnerte. Link sah es sich genau an, fuhr über die Verzierungen und legte es auf seinen Nachttisch.

Was kümmerte ihn im Moment dieses Schmuckteil. Sie war ihm aus irgendeinem Grund weitaus wichtiger… sie war ihm so vertraut… und wenn ihre Stimme nach ihm gerufen hatte, dann war er für sie verantwortlich.

Er beugte sich leicht über sie und wollte lediglich wissen, ob sie regelmäßig atmete. Vielleicht wäre es gut, einen Arzt zu rufen? Aber was sollte Link dem dann erzählen? ,Helfen Sie diesem Mädchen bitte, ich habe sie ihm Wald gefunden, weil sie nach mir gerufen hat…’ So ein Quatsch.

Schnell vergaß Link den Gedanken. Außerdem kannte Link ihren Namen nicht, sie hatte nichts dabei, weder einen Ausweis noch irgendwelche anderen Papiere und erst recht keine Versichertenkarte. Welcher Arzt würde sich ihrer schon annehmen? Außerdem sagte ihm sein sechster Sinn, dass es im Moment noch falsch wäre, jemanden um ihre Existenz wissen zu lassen. Sie nahm zwar nur wenige Luftzüge in der Minute, aber sehr regelmäßig, was für Link ein gutes Zeichen war. Sie drehte sich schließlich auf ihre rechte Seite, sodass der grünbemützte Jugendliche sie nicht mehr ansehen konnte und begann zu zittern. In dem Augenblick gingen bei Link die Alarmglocken los. ,Verdammt‘, dachte er, ich muss ihr aus diesem nassen Outfit verhelfen.

 

Kaum einige Sekunden waren vergangen, da trat glücklicherweise Sara in sein Zimmer. Sie warf ihm komische Blicke zu, aber immerhin war dieses Mädchen jetzt in Sicherheit. „Link! Jetzt verrate mir doch mal, was passiert ist.“ Während er seine Augen nicht von der unbekannten Schönheit abwenden konnte, erzählte er ihr die ganze Geschichte…

Sara fand das alles einfach ungeheuerlich. Erst diese ernsten Verletzungen und nun die Geschichte mit dem Mädchen, das angeblich seinen Namen rief… langsam aber sicher würde Sara noch durchdrehen. Sie war ja einiges von Link gewöhnt. Aber das übertraf das Maß. „Nun ja, und was wollen wir Mum und Dad erzählen, wenn sie etwas merken.“ Sara runzelte die Stirn. „Ich weiß“, sagte sie um die ernste Stimmung zu verscheuchen. „Wir sagen einfach sie ist deine Freundin.“

Link lief purpurrot an und klang verlegen: „Aber Sara, das kannst du doch nicht machen.“ 

Sara nahm ihren Bruder dann beiseite und flüsterte in sein Ohr: „Was anderes, kommt dir ihr Aussehen nicht komisch vor?“

„Was soll schon komisch daran sein, sie ist eben hübsch.“

„Oh, ja, wunderschön in jedem erdenklichen Sinne, nicht wahr? Blonde Haare, sicherlich auch noch blaue Augen, ein roter Mund, der geradezu danach schreit, geküsst zu werden und du sagst nur: ,Sie ist eben hübsch.’“

„Ach Mensch Sara, nun reg’ dich doch nicht gleich so auf.“

„Ich soll mich nicht aufregen. Jetzt hör’ mir doch mal zu, Link. Du weißt doch besser als ich, dass hier irgendetwas gewaltig verkehrt läuft. Dieses Mädchen ist kein gewöhnliches, auch wenn du sie gerne so sehen willst.“

„Aber ich wollte ihr doch nur helfen. Hätte ich sie etwa im Bach liegen lassen sollen. Hätte ich sie ertrinken lassen sollen?“

„Natürlich nicht, aber…“

Link fuchtelte aufgeregt mit seinen Armen in der Luft herum. „Natürlich nicht, aber sie hat hier eben nichts verloren. Ist es das, was du sagen willst?“ So allmählich wurde Link wütend auf seine kleine Schwester.

„Sorry, Link, aber irgendwie macht mir ihr Erschienen Angst. Ich weiß nicht wieso, aber mit dem heutigen Tag, hat sich eben etwas verändert.“ Link nickte nur und schaute sich die Fremde in seinem Bett wieder an. In der Tat. Es war an der Zeit für Veränderungen in Links Leben. Es war die Zeit gekommen, da er sein Schicksal und seine Bestimmung erneut verstehen sollte. Es war unumgänglich für ihn dieses Wesen zu finden und erforderlich, für sowohl das Gute als auch das Böse, dass Link sie kennen lernte.

„Und was an ihrem Aussehen findest du nun so komisch?“, fragte Link dann noch gereizt.

„Ist gut. Ich hatte nur so einen Gedanken.“ Sara blickte auf den Gamecube, der in Links Zimmer stand.

Link drehte sich um und murmelte: „Wie auch immer- sie ist total unterkühlt… Ich würde sagen, du gibst ihr etwas von deinen Klamotten… Die könnten ihr doch passen. Ich meine, sie… ist ganz durchnässt… und dann…“ Link wurde von Sekunde zu Sekunde nervöser, wohl bei dem Gedanken, dass irgendjemand diesem anmutigen Geschöpf das Kleid ausziehen musste. Wieso eigentlich? Warum zum Teufel?

Sara gluckste geradezu abartig, bis sie schließlich in schallendes Gelächter ausbrach. „Haha… Jetzt ist wohl ganz und gar der Gar aus, mein Lieber… haha.“ Links Mundwinkel verzogen sich und angesichts Saras Demütigungen spannte sich seine linke Faust gefährlich an.

„Link, ich habe doch nur Spaß gemacht.“

„Jaja… nur Spaß gemacht. Aber diese Situation hier ist nicht lustig, Sara. Dieses Mädchen braucht sofort warme Klamotten und muss unbedingt gewärmt werden.“ Sara nickte, Link hatte vollkommen Recht.

„Gut, mein Brüderchen. Du rennst ins Badezimmer und holst ein Paar Handtücher und eine Schüssel mit heißem Wasser. Wir müssen sie, auch wenn du rot anläufst, von dem Kleid befreien und sie trocknen.“

„Jep, bin schon dabei.“ Und flugs war Link mit Saras Anweisungen aus dem Zimmer verschwunden. Er blickte auf die weiße, runde Uhr, welche im Badezimmer hing, während er eine große Metallschüssel mit warmem Wasser voll laufen ließ. Es war kurz nach Mitternacht. Und irgendwie wusste Link, dass er diese Nacht noch weniger schlafen würde als die Letzte. Er gähnte und legte eine Hand auf die Wunden an seinem Bauch. Einige kurze Schmerzstiche erinnerten ihn an den Vorfall von vor einigen Stunden… Er brauchte Ruhe und Schlaf. Aber Link würde nicht eher ein Auge zumachen, bis dieses Mädchen außer Gefahr war. Er nahm die Schüssel an sich, aus welcher Dampf stieg, warf sich einige Badetücher über die Schulter und hetzte wieder in das Zimmer. Eine angenehme Wärme strahlte ihm entgegen, als er die Tür hinter sich schloss. Der Ofen hatte seinen Zweck erfüllt. Sachte stellte Link die Schüssel auf seinen Nachttischschrank und warf das kostbare Schmuckstück dabei unabsichtlich dahinter. Mit einem leisen Klappern, auf das weder Link noch Sara Wert legten, landete die Tiara in einem Spalt zwischen Wand und Tisch…

Und wieder gab Sara Link Anweisungen. „So, Brüderchen, hilf mir mal, dieses hübsche Wesen aufzurichten, damit ich am Rücken die Knöpfe dieses teuren Kleides öffnen kann.“ Link tat, wie ihm geheißen. Er setzte sich auf die Bettkante und zog das Mädchen an ihren Armen zu sich heran. Vorsichtig hielt er sie fest und Sara kümmerte sich um das rotschimmernde Kleid. Verlegen starrte Link an die braunen Holzplatten seines Dachzimmers und hoffte inständig, Sara würde sich ein wenig beeilen.

Nach wenigen Sekunden hatte Sara den oberen Teil des Gewandes von dem zarten Körper befreit. Noch immer lehnte die junge Lady an Link, der nur an die Wand starrte. Er spielte den Gentleman und sah nicht hin, sah nicht das cremefarbene, leichtdurchsichtige Korsett, welches das Mädchen trug oder das auffällige Muttermal in Form eines Dreiecks unterhalb ihrer Brust. Auch von dem Korsett musste Sara dieses Geschöpf befreien.

„So Link, jetzt schließt du höflicherweise mal deine Augen.“ Natürlich tat er das. „Und nicht nur so tun, als ob“, warf sie hinterher. „Sonst sage ich ihr das, wenn sie aufwacht.“ Davor hütete sich Link. Er wollte nicht gleich zu Beginn einen schlechten, ungehobelten Eindruck machen, auch wenn jene Eigenschaften wohl in seiner Seele lagen. Sara entknotete das Korsett und legte ein großes Badetuch um die junge Dame.

„So, du kannst die Augen wieder öffnen, Link. Du warst wirklich artig. Hätte ich dir gar nicht zugetraut“, meinte Sara grinsend.

„Du traust mir viele Dinge nicht zu.“

„Vielleicht ist das auch besser so, mein lieber Bruder“, meinte sie noch und lachte. Auch Link rang sich endlich mal wieder zu einem Lachen. Etwas, das er schon lange nicht mehr getan hatte.

„Hey? Was war das denn? Du kannst ja sogar noch lachen, Link.“ Er scheute Saras Blick, die langsam verstand, womit sein plötzlich fröhlicheres Gemüt zusammenhing. Dieses Mädchen war der Grund, war der eine Grund, warum Link endlich sein Lachen wiedergefunden hatte.

„Ich frage mich, warum sie nicht endlich mal aufwacht… vielleicht sollten wir doch einen Arzt holen, oder zumindest Mum und Dad Bescheid geben“, sagte Sara, als sie die Haare des anmutigen Mädchens mit einem Zopfhalter zusammenband. Link dachte nach, überlegte und fand lediglich letztere Idee tauglich. Ihm war immer noch mulmig bei dem Gedanken, jetzt einen Arzt zu rufen. Was, wenn dieser sie gleich mitnehmen würde? Was, wenn sie irgendwohin käme und sie nicht einmal wüsste, wo und warum. Nein, außer seinen Eltern durfte niemand wissen, dass sie existierte…

Er schüttelte mit dem Kopf. „Sara, ich kann dir das vielleicht nicht erklären, aber ich fände es besser, wir rufen jetzt noch keinen Arzt.“

„Sag’ mal. Spinnst du denn? Und wenn dieses Mädchen krank ist und dringend medizinische Hilfe benötigt?“

Link legte eine Hand auf die Stirn des Mädchens und murmelte: „Glaub’ mir bitte, aber ich weiß, dass es ihr gut geht“

Sara schüttelte mit dem Kopf. „Du hast einen Schlag. Tut mir leid, aber das trifft die Sache wohl ins Schwarze.“

„Verdammt, Sara“, fing Link an. Seine Stimme wurde laut und energisch. „Du verstehst das nicht. Sie hat nach mir gerufen, nicht nach einem Arzt. Wenn du so wenig Vertrauen in mich hast, dann ruf’ doch einen Arzt, oder rufe gleich die Polizei. Aber eines weiß ich, bevor hier jemand eintritt, bin ich mitsamt dem Mädchen verschwunden. Und Basta!“ Link sprang auf und brüllte. „Hör’ gefälligst auf, dich hier wichtig zumachen. Sie ist in Gefahr. Sie ist einfach…“

Sara blickte verstummend zu Boden, ein wenig traurig, wie Link sie doch anfahren konnte. „Na gut, ich hoffe, du hast Recht…“

Link blickte ebenso zu Boden. Nachdenklich sah er drein und äußerte: „Ich wollte dich nicht so behandeln, Sorry.“

Sara nickte bloß, aber sah ihrem Bruder nicht in die Augen. Stattdessen zog sie dem Mädchen die restliche Kleidung über den Kopf und rubbelte mit den weichen Handtüchern über die nassen Beine, den nassen Rücken, bis die Dame ganz trocken war. Eingehüllt in Badetücher lag das Mädchen nun auf Links Bett und wieder einmal sah sie unheimlich zerbrechlich für den jungen Mann mit dem grünen Basecap aus. Er setzte sich auf die Matratze und blickte zu den geschlossenen Augen. Ihre Augen bewegten sich schnell. Sie musste träumen…

„Sara, siehst du das… sie träumt.“

„Ja, vielleicht träumt sie von dir, du Frauenheld“, sagte sie spöttisch.

Link verkniff sich ein Fluchen und erwiderte. „Wenn sie aufwacht, kann ich sie ja gerne danach fragen.“

„Ja, aber erwarte nicht zu viel. Vielleicht ist ihr Charakter wie ihr Äußeres. Eitel. Unnahbar und eigensinnig.“

„Das weißt du nicht.“

„Du aber auch nicht. Was willst du denn von ihr? Sei doch froh, wenn irgendjemand sie abholt. Da sind wir sie wenigstens los.“

Bestürzt sah Link in die graublauen Augen seiner kleinen Schwester. „Ich kann einfach nicht glauben, wie herzlos du doch sein kannst.“

„Und ich kann nicht glauben, wie dumm, naiv und liebenswürdig du sein kannst.“

„Immer noch besser als ein herzloses Monster zu sein. Sara, bitte. Können wir diese sinnlosen Diskussionen nicht endlich beenden?“

„Diese Diskussionen sind nicht sinnlos. Du kannst dieses Mädchen nicht einfach bei uns wohnen lassen.“

„Das habe ich auch gar nicht gesagt. Wenn sie aufwacht, wird sie schon wissen, was zu tun ist.“

„Wenn sie aufwacht!?! Vielleicht liegt sie ja im Koma?“

„Und du wirfst mir vor, ich spinne? Du hast hier den Knall, Sara.“

Verletzt drehte sich Sara um, lief zu der Tür und schlug diese hinter sich zu. „Idiot!“, schallte es von außerhalb.

Link schüttelte mit dem Kopf. Wer hatte denn angefangen, Ärger zu machen. Er ja wohl nicht. Er hatte sich schon öfter wegen belanglosen Dingen mit seiner fünfzehnjährigen Schwester in den Haaren gehabt. Sie waren eben Geschwister, da kamen solche Streitereien vor… Sara würde sich schon wieder beruhigen, denn in ihrem Inneren wusste sie, dass Link mehr als Recht hatte. Stets hatte sie sich von seinen Einfällen, von seiner Sicht die Dinge zusehen, überzeugen lassen. Und genauso würde es wieder sein… dann, wenn dieses Mädchen ihre Augen aufschlug. Schon seltsam, dass sie einfach nicht aufwachte. Vielleicht war ja etwas Schreckliches mit ihr geschehen. Welcher halbwegs normale Mensch lag schon mitten in der Nacht im Wald, das Gesicht in den Bach gestürzt, wie als wollte sie es verbergen, nicht zugeben, wer sie war? Genauso kam Link diese Gestalt vor… als wollte sie niemandem mehr zeigen, wer sie war.

Link lief zu einem Wäschekorb und holte eine dicke Decke daraus hervor. Sorgsam legte er diese über den bewusstlosen Körper einer Gestalt, die ihm so viel sagte, auch wenn er sie nicht kannte. Er blickte in das anmutige, blasse Gesicht und fragte sich heimlich, warum er sich schon wieder solche Sorgen machte? War es sein natürliches Mitgefühl, seine Hilfsbereitschaft und Empathie für die Menschen in seiner Umgebung. Oder lag es daran, dass sie Schlafendes in seinem Herzen berührte?

Sie murmelte irgendetwas und schlug ihren Kopf zweimal von einer Seite auf die andere. Link war sich sicher, sie musste einen Alptraum hinter sich haben. Etwas war mit ihr geschehen. Und Verzweiflung, wie auch Angst begleiteten sie. Er nahm ihre rechte blasse Hand in seine beiden, spürte von ihr ein leichtes Drücken, so als wollte sie ihm etwas mitteilen, als wollte sie ihm sagen: ,Hab’ Dank…’ Link begann zu lächeln. Ein ehrliches Lächeln. Auch etwas, wozu ihm in den letzten Wochen und Monaten nie zumute gewesen war. Doch jetzt, da sie hier war… da fühlte er sich, als schien ein warmer Hoffnungsschimmer auf seine erkaltete, niedergebeugte, jugendliche Seele… Er lächelte und es fühlte sich angenehm an.

Sara kam zurück und sah das stille, warme Lächeln auf Links Gesicht, das ihre Meinung endgültig änderte. Dieses Mädchen hatte es mit ihrer bloßen Anwesenheit geschafft, einen Eisberg zum Schmelzen zu bringen. „Link?“, murmelte sie.

„Hast du weitere Argumente, warum sie verschwinden soll?“, sagte er trocken und löste ihre Hand aus seinen, obwohl sich ihre Finger in seinen festgekrallt hatten.

„Nein… ich wollte mich bei dir entschuldigen. Ich hätte deine Entscheidungsfähigkeit nicht anzweifeln sollen.“

„Also bist du einverstanden, dass sie hier bleiben kann?“

„Ja“, sagte Sara kurz und knapp.

„Danke, Schwesterchen.“ Sara ging nun eine Spur gefasster und beruhigter aus dem Raum: „Ich werde ein paar Wärmekissen holen.“

„Danke noch mal“, sagte Link, als er sich erneut an den Rand des Bettes setzte. Sara blieb noch kurz in der Tür stehen, was ihr Bruder allerdings nicht bemerkte. Er machte ein zu Tode betrübtes Gesicht und flüsterte: „Es tut mir leid… Es tut mir… so leid.“ Link schien nicht bei Verstand zu sein. Seine Augen blinzelten kurz und schlossen sich dann.

Sara ging aus dem Raum, ließ die Tür ins Schloss fallen und lehnte sich dagegen. Sie begriff nicht, was vor sich ging, verstand die Welt nicht mehr. „Link“, seufzte sie, ahnend, dass er bald nicht mehr der nette, junge Mann, ihr Bruder, sein würde. Er machte sich mehr als nur Sorgen um dieses Mädchen. Sein Blick hatte sich ganz und gar gewandelt. Nun lag so viel Gefühl und Wärme darin, soviel Fürsorge und Verständnis. Als Sara wieder kam, saß er immer noch neben ihr und sah sie einfach nur an.

„Link“, sprach Sara. Dieser erschrak leicht, als wäre er ganz plötzlich wieder zur Besinnung gekommen.

„Ich… Ich weiß, es klingt verrückt- aber ich kenne sie.“ Sara glotzte entgeistert. Aber eigentlich hatte sie derartiges schon geahnt.

„Du meinst, du bist ihr schon einmal begegnet?“

Link nickte, wirkte trübsinnig, aber auch zuversichtlich.

„Und deshalb willst du nicht, dass wir überstürzt handeln, oder?“

Erneut kam ein Nicken von dem jungen Mann mit dem grünen Basecap.

„Na dann, Link, es ist schon spät. Auch wenn morgen das Wochenende beginnt, ich bin hundemüde.“

Link stimmte zu. Es war ein langer Tag gewesen mit verrückten Erlebnissen, die Links ganze Kraft kosteten. Nach einem leichten Seufzen gähnte er und legte eine Hand vor seinen Mund. Sara war verschwunden. Er verspürte einen leichten Wunsch, die Hand des Mädchens zu halten… nicht, weil er sich zu ihr so hingezogen fühlte, sondern weil… Doch erneut begann die Schöne zu zittern und Link legte vorsichtig eine Hand auf ihre Stirn, überrascht von der Sanftheit ihrer Haut. Nein, sie hatte kein Fieber, aber wohl etwas anderes. War es Angst?

„Hey…“, sagte er und versuchte sie endlich aus ihren Träumen zu reißen.

„Kannst du mich hören?“, fragte er, eine Spur lauter als vorhin. Er berührte eine ihrer zartrosa Wangen und streichelte gegen seinen Willen mit den Fingerspitzen über die dort befindliche sanfte Haut. Sie seufzte etwas, ein Wort, das Link nicht verstehen konnte.

„Wach bitte auf…“, murmelte er und wünschte sich, er könnte einfach so dreist sein und sie jetzt in seine Arme nehmen. Sie machte ihn irgendwie… wahnsinnig und zog ihn wie magisch an…

Um sich abzulenken trat Link vor sein Fenster und schaute hinaus in die dunkle Nacht. Einzelne Tropfen fielen von dem dunklen Nachthimmel. Er war müde und fühlte nun die Last seiner Augenlider zu nehmen. Außerdem machte sich seine seltsame Wunde bemerkbar. Das Brennen wurde stärker und löste das eher zu ertragende Ziepen ab. Vorhin noch hatte er nicht einen Gedanken an die Wunde verschwendet, da es wichtigeres gab. Ein wunderbares Geschöpf lag in seinem Bett, jemand, von dem er glaubte, er hätte ihn vermisst, jemand, mit einer unvergleichlichen Aura… aber jetzt brannte seine Wunde wieder heftiger. Es wurde ihm schwarz vor den Augen. Er schleifte seinen mitgenommenen Körper in die Küche, wollte sich noch abstützen, griff mühsam an den Lichtschalter, legte diesen aber nicht um und brach in purer Dunkelheit zusammen…

 

Link lag auch eine halbe Stunde später noch in dem Zimmer umgeben von Finsternis. Er schlug langsam seine Augen auf und sah Licht, von dem er nicht wusste, woher es kam. Sanfte kleine Engel des Lichtes tanzten in der Küche umher, in welcher kein Gegenstand mehr zu sein schien. Die Einrichtung war verschwunden. Der junge Mann versuchte sich aufzurichten, aber es ging nicht. Er hatte einfach keine Kraft, alles war so schwer… seine Arme und Beine wie taub. Ein Wind wehte in das hellerleuchtete Zimmer. Er drehte seinen Kopf in die Richtung aus der jener Luftzug rührte und sah eine Pforte in der Küche, dort wo normalerweise der Kühlschrank stand. Helle Vorhänge wehten in dem Wind, der von einem Ort herrührte, der zu einem weitentfernten Paradies führte. Erneut ein Licht, wie jene Strahlen, die lieblich durch den morgendlichen Nebel im Wald fielen. Es blendete, aber Link sah dennoch hin und dann…

Einem Engel gleich erschien eine reine Gestalt aus dem Licht, durchquerte die Pforte. Links Augen schlossen sich, um erneut geöffnet zu werden. Das Wesen strahlte in jenem Licht, welches so warm und zärtlich berührte wie die unsichtbare Wärme des Feuers. Sie ging auf ihm zu, kniete nieder und lächelte sanft. Eine Geste des Mitgefühls, die jegliche Schatten in seinem Herzen betäubte. Sorgsam legte sie eine Hand auf die Wunde seines Bauchs, heilte mit einer bloßen Berührung und nahm ihm einen Teil seines Leides. Link blickte in das Gesicht des Engels, erkannte dieses hübsche Gesicht und nahm ihre Hand. Sie zerrte ihn mit einer schnellen Bewegung zurück auf seine Beine. Link blieb angewurzelt im Raum stehen, fühlte sich auf einmal wieder stärker und sah der Gestalt hinterher, wollte, dass sie sich preisgab.

„Warte…“, rief er.

Als die tanzenden Lichtfunken verglühten, wusste Link genau, dass jenes Mädchen vor ihm stand, welches er gefunden hatte, welches noch nicht bei Bewusstsein war.

„Kehr’ nicht zurück durch diese Pforte“, sagte Link leise, suchte ihren Blick, wollte in diese himmelblauen Augen sehen. Er lief auf sie zu. „Komm‘ hierher… in diese Welt…“

„Ich kann nicht“, murmelte sie und blieb ihm den Rücken zugewandt stehen.

„Warum nicht? Die Welt, in der ich lebe, hat viele schöne Dinge zu bieten.“

„Und was erwartet mich in deiner Welt, in der anderen Welt?“

„Hoffnung… Vertrauen… Freundschaft…“, murmelte Link, nicht sicher, ob er die Welt, in der er lebte, wirklich liebte und ob es diese Dinge für ihn dort gab.

Sie blieb weiterhin wie erstarrt stehen, als Link in ihre Richtung lief. Doch er könnte laufen so lange und so viel er wollte, er würde sie nicht so einfach erreichen.

„Bitte bleib’“, sagte Link leise. Eine ehrliche Bitte, ein Wunsch nach Gesellschaft.

„Ist das tatsächlich dein Wunsch, Link? Wirst du mir zeigen, was Hoffnung ist, mir vertrauen können und ein Freund sein?“

„Ich werde dir sein, was immer du verlangst und dir weisen, was immer du begehrst zu verstehen. Aber bitte, kehr’ nicht zurück an einen Ort, an dem nichts ist.“ Sie schwebte auf ihn zu, als das Licht um ihren Körper gänzlich verging, als ihre Gestalt lebendig wurde und ihr Körper menschlich. Sie fiel in seine Umarmung, hielt sich fest, suchte Schutz und Wärme, die Link ihr schenken wollte.

Ein Lächeln aus zwei leicht traurigen Gesichtern.

„Nenn’ mich Zelda…“, sagte sie, bevor Link benommen seine Augen aufschlug.

 

Tatsächlich war er auf seinen Beinen und das Licht in der Küche brannte. Ein wenig entsetzt stand sein Mund halb offen. Was war das? Ein Traum… nein, wohl kein Traum. Vorsichtig betastete er die Haut seines Bauchs, wusste da waren immer noch die Wunden, aber sie brannten nicht mehr so schlimm wie in den letzten Stunden. Langsam zog sich der glühende Schmerz zurück. Die Erinnerung an das Erlebte versank allmählich in den Sphären des Gedankenreiches und doch vergaß Link nicht. Er konnte nicht vergessen… Dieses Mädchen, ihre Aura, ihre Stimme. Ihr Name…

 

Plötzlich kam seine Mutter in die Küche, sah ihren Sohn aufgrund der fortgeschrittenen Zeit missmutig an. „Weißt du, wie spät es ist? Was machst du denn noch hier?“

Link sah kurz auf die Armbanduhr an seinem rechten Handgelenk und riss seine Augen erschrocken auf. Es war schon kurz nach vier… Wo war diese verdammte Zeit hin? Hatte er so lange geschlafen? „Ähm… ich hatte nur Durst.“

„Oh ja. Deswegen trägst du auch immer noch deine Jeans und dein T-Shirt.“ Sie beäugte ihn ganz genau. „Du könntest deiner armen Mutter wenigstens Bescheid geben, wenn du schon abends weggehst.“ Abends Weggehen?

„Aber ich war nicht…“ Sie unterbrach ihn. „Sara hat mir erzählt, du hättest noch etwas zu erledigen. Als dein Vater und ich heimgekommen sind, warst du ja schließlich nicht da.“

„Oh… na dann.“ Sara war ja wirklich einfallsreich und schlau. Link musste sich dafür noch bei ihr bedanken.

„Könnte ich wenigstens erfahren, was du um Himmels Willen diesen Abend getrieben hast?“ Links Augen wanderten an die Decke, hoffend dort oben würde die Antwort stehen, die er vergeblich suchte.

„Ähm…“, stotterte er.

„Mal wieder Weibergeschichten?“, sagte sie. Eigentlich traf sie den Pfeil ins Schwarze. Und der arme, gutaussehende, künftige Held hatte einige brenzlige Geschichten hinter sich, die sich um das Thema Mädchen drehten.

„Mum, nun hör’ aber auf.“

Sie grinste und meinte neugierig. „Mir kannst du das ruhig erzählen.“

Links Wangen färbten sich vor Wut und Verlegenheit ein wenig rosa. „Es ist nicht so, wie du denkst, Mum“, entgegnete er genervt.

„Und ich dachte, du stellst uns endlich mal jemanden vor“, sagte sie keck.

„Mum, jetzt ist’s aber genug.“

Sie lachte laut auf, während die Grübchen und Falten an ihrem Mund sich herrlich in die Breite zogen. Sie lief ans Fenster und schloss dieses, da eine kühle Brise von draußen hereindrang. Nach einer Pause meinte sie: „Aber jetzt gehst du ins Bett. Verstanden? Du hast nämlich ganz schöne Augenringel.“

Link nickte und hetzte dann die Treppen zu seinem Zimmer hinauf, sich fragend, wie beim heiligen Deku er es schaffen sollte, seiner Mutter von dem Mädchen zu erzählen, das immer noch schlafend in seinem Bett lag.

Er betrat das in Dunkelheit gehüllte Zimmer, durchquerte leise den Raum, bis er vor dem Bett stand. Noch immer schlief das einzigartige Wesen darin tief und fest, noch immer lag sie in der Position, wie schon vorhin. Er tastete nach dem Lichtschalter einer winzigen Lavalampe, die auf seinem Nachttisch stand, als ihm die Tiara wieder einfiel. Er beugte sich über den Nachttisch und sah das edle Stück in einer Ecke, die er nur erreichen konnte, wenn er sich über das Bett beugte. ,Okay‘, sagte er zu sich. Sorgsam stützte er sich auf der weichen Matratze ab, direkt neben dem hübschen Gesicht der jungen Lady. Es war gar nicht so einfach, das Gleichgewicht zu halten. Nur mühsam gelangten seine Arme hinter den Schrank und umgriffen das Schmuckstück. Gerade als er sich mit der Tiara in der Hand aufrichten wollte, verlor er den Halt und krachte auf die Matratze, direkt neben den schlafenden Körper der anmutigen Dame. Es quietschte einmal laut. Aber sie öffnete nicht ihre Augen, sondern murmelte etwas und drehte sich in Richtung Wand. Wieder einmal kam sich Link äußerst dämlich vor, so trottelig und unbeholfen. Die Tiara jedoch landete wieder in einem Spalt und war keiner Erinnerung mehr wert. Link vergaß das dumme Schmuckstück und schob einen bequemen, großen Sessel an den Bettrand, lehnte sich entspannt darin zurück und machte es sich im wahrsten Sinn des Wortes gemütlich. Er zog seine Schuhe aus, legte seinen Kopf auf die eine Armlehne und ließ seine Beine über der anderen hinaus baumeln. So richtig müde war er jetzt zwar gar nicht mehr, aber ein wenig Ruhe würde ihm bestimmt gut tun. Wenige Minuten später war Link auf dem Sessel eingeschlafen…

 
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