Kapitel 1.5
 

Kapitel 5: Auf der Polizeiwache

 

 

Die Braverys schwiegen während der gesamten Fahrt zum Polizeipräsidium. Sara hatte sich Kopfhörer in die Ohren gestopft und hörte ihre irische Musik, die leise in dem Auto herum säuselte. Alle außer Link und seinem Schützling waren entspannt. Link kam die Fahrt beinahe wie eine Ewigkeit vor. Trübsinnig sah er das Mädchen neben sich immer wieder an. Sie schien sich in ihren Gedanken verloren zu haben, schaute zu ihren verkrampften Händen. Sie wirkte so unglücklich und verzweifelt, alleingelassen, so traurig, dass Link mehr und mehr den Wunsch hatte ihr diese ganzen Unannehmlichkeiten zu ersparen. Aber es ging nicht anders… das wusste auch er…

Als ein hässliches Nebelgewand die Kleinstadt Schicksalshort überzog, parkte Eric Bravery seinen VW Tiguan auf dem großen Parkplatz direkt vor dem gigantischen, grauen Gebäude des Polizeipräsidiums. Es war kühl geworden außerhalb und winzige Regentropfen schmückten die Scheiben des Wagens. Mit bangem Blick schaute das blonde Mädchen nach draußen, hatte noch nie ein so eigentümliches und merkwürdig konstruiertes Gebäude gesehen. Sie hatte etwas Sorge, sie könnte sich darin vielleicht verlaufen. Wie ein riesiger, grauer Kasten mit jeder Menger viereckiger Glasscheiben erhob sich das Polizeipräsidium auf seinem Grund und übertraf die nebenan befindlichen Wohnhäuser und Geschäfte um ein Vielfaches. Und diese Gebäude… diese Welt wirkte irgendwie… kalt…

„Wir sind da“, sagte Link sanft, war bemüht sie mit keiner Aussage zu überfordern und blickte die unbekannte Schönheit aufmunternd an. Sie seufzte und nickte bloß. Als die Braverys bereits ausgestiegen waren, saß sie noch immer auf dem mittleren, hinteren Sitz und fummelte aufgeregt an ihrem Gurt herum. Sie warf Link einen hilflosen Blick zu, der die Situation sofort verstand. Sie wusste nicht, wie sie den Gurt lösen konnte. Er half ihr mit der Angelegenheit und erhielt einen weiteren, sehr beschämten Blick. Verlegen legte das Mädchen eine Hand über ihre Augen und seufzte. Ob das noch mit ihrem Gedächtnisverlust erklärbar war? ,Es war ja nicht nur der Gurt‘, dachte sie still. Es war einfach alles seit sie aufgewacht war. Diese Welt um sie herum, sogar der Wagen, in dem sie saß. Es war erschreckend für sie gewesen, mit welcher Geschwindigkeit das Auto durch die Stadt gefahren war… durch eine Stadt, in der alles befremdend auf sie wirkte. Selbst diese mit komischem Material beschlagene Straße, auf der mehrere Wagen fuhren. Für die Kürze eines Augenblicks fragte sie sich, wo die Pferde und Kutschen waren…

Und auch Link zweifelte an einem gewöhnlichen Gedächtnisverlust. Er hatte von Leuten gehört, die ihr Gedächtnis verloren hatten. Aber bestimmte Aspekte waren unbewusst und die meisten Leute wussten sich dennoch in der Welt zurechtzufinden. Diese unbewussten Dinge wie einen Gurt zu lösen, musste das fremde Mädchen doch eigentlich wissen…

Er packte ihre Hände und half ihr aus dem Auto, spürte aber sofort, wie unsicher sie war. Sie zitterte und war käseweiß im Gesicht. „Bist du soweit in Ordnung?“, hauchte Link. Sie blickte ihn daraufhin noch hilfloser an als vorher und sah den Tränen nahe zu Boden. Dann rieb sie sich über die mit dünnem rotem Baumwollstoff überzogenen Arme. Kränkelnd und schwankend folgte sie dem Weg und fragte sich, wohin dies alles führen sollte. Ihre Existenz… Diese Welt… Die Fäden des Schicksals, die sich gerade verhedderten…

Sie durchquerten eine riesige, sich drehende Glastür und blieben alle fünf am Empfangsschalter der Polizeiwache stehen. Auch das Innere des Gebäudes war so kalt für das Mädchen… graue Wände… merkwürdige Bilder, die hier und da hingen und seltsame Möbelstücke…

Es war Meira Bravery, die sich sofort um alles kümmerte. Die kleine Dame in Uniform am Empfangsschalter wirkte freundlich und engagiert, rief sofort die zuständigen Personen an, auch Meiras Schwager Jonas Carter, und Vater von Links Cousin Rick, wurde verständigt. Er war Abteilungsleiter und hatte die Möglichkeit, dass der Fall der unbekannten Schönen schneller behandelt werden konnte. Kurze Augenblicke später marschierte Jonas Carter, gepflegt in einem dunkelbraunen Anzug, zu dem Empfangsschalter. Es war ein muskulöser, schlanker Mann mit kurzgeschorenem Haar und eher kühl und distanziert. Er reichte Meira eine Hand und begrüßte die Braverys kurzangebunden. Seine Aufmerksamkeit galt eher dem fremden Mädchen. Und nicht nur er blickte sie interessiert an, auch die meisten Anwesenden musterten sie neugierig. Sie fühlte die vielen Blicke in ihrem Genick, aber wusste scheinbar damit umzugehen. Stur blickte sie mit ihren himmelblauen Augen jeden an, der sie zuvor gemustert hatte und es erzielte Wirkung. Die Anwesenden sahen alle verlegen weg. Links Mund stand halb offen, als er sie dabei beobachtete. ,Von wegen hilflos‘, dachte er. Dieses Mädchen war jedenfalls alles andere als ein Feigling. Dann grinste er… aus irgendeinem Grund mochte er das…

Meira verständigte sich dann mit Jonas: „Also, was wird jetzt gemacht?“

„Nun, ich habe mit meinen Kollegen gesprochen“, meinte dieser. Er besaß eine sehr durchbohrende Stimme, etwas wirsch und aufbrausend. „Wir müssen jetzt erst einmal eine Vernehmung machen, dann kommt eine medizinische und psychologische Begutachtung. Dr. Dar Gordon wird die Untersuchung machen. Es wäre wohl angenehmer für sie…“ Und er deutete mit seiner Hand zu dem Mädchen, das etwas hinter Link stand. „… wenn wir eine Ärztin hier hätten, aber auf die Schnelle hatten wir keine andere Möglichkeit.“

,Dr. Dar Gordon‘, dachte Link verwundert. Ja, er kannte diesen Arzt. Er war wegen den unumgänglichen Impfungen bei diesem Kerl vorstellig gewesen und erinnerte sich nicht gerne daran. Nicht, weil dieser Mann unsympathisch war, aber jener liebte es geradezu seine Opfer, zu denen auch die Schüler im Gymnasium gehörten, zu quälen. Spritzen waren seine Leidenschaft, aber unter seiner harten Schale hatte er einen sehr netten und weichen Kern, das wusste Link. Vielleicht war es ganz gut, dass er das fremde Geschöpf untersuchte und kein anderer…

„Folgt mir bitte“, meinte Jonas Carter. Gemeinsam tapsten die Braverys mit der unbekannten Schönen vorwärts, bis sie vor einem Aufzug in die dritte Etage stehen blieben. Überfordert sah das blonde Mädchen sich überall um. Da waren so viele neue Gegenstände, die sie verwunderten und irritierten. Maschinen bewegten sich und komische Geräusche drangen über den Flur. Selbst die Menschen hier, alle von sonderbarer Kleidung umhüllt, saßen diese vor Maschinen, mit denen sie nichts anzufangen wusste. Das nächste seltsame Erlebnis sollte die Fahrt mit dem Aufzug sein, selbst dies kam der Fremden mehr als sonderbar vor. Dann endlich gelangten sie in die dritte Etage, wo sich auch die Abteilung für Vermisstenmeldungen befand. Tief durchatmend ließ sich der Beamte Jonas auf einem schwarzen Ledersessel in seinem Büro nieder. Ein hübscher, großer Raum mit Garderobe, Kaffeemaschine und neustem PC. Er lehnte sich zurück und blickte misstrauisch in die Augen der Unbekannten. Er war von seinem Beruf her immer kritisch zu jedem Klienten und meinte bestimmend: „Du hast also dein Gedächtnis verloren.“ Er verlieh dem Satz einen Klang nach Ironie. Das Mädchen nickte und sprach sachlich: „Soweit ich das beurteilen kann, ja…“

„Das heißt, du kannst dich nicht daran erinnern, wer du bist oder wo du gewohnt hast.“

„Nein“, sagte sie ruhig.

„Gibt es eine Vermisstenmeldung, die auf sie zutreffen könnte?“, mischte sich Link ein. Er hatte kein gutes Gefühl dabei, wenn sein Onkel das Mädchen wie einen Verbrecher ausquetschen wollte.

„Soweit sind wir noch nicht um das zu bestätigen“, sprach Jonas kühl. Ganz kurz blitzten seine Augen in die Richtung seines Neffen… und für einen schwindenden Augenblick war da etwas in Jonas‘ hellen Augen, das Link alles andere als gefiel. Seine blonden Augenbrauen verzogen sich argwöhnisch. Für einen Moment hatte er fast das Gefühl gehabt, die Augen seines Onkels hätten geglüht. Link zuckte irritiert zurück und dachte mit einem unangenehmen Gefühl daran, dass sein Schlafmangel und die Wunde am Bauch ihren Tribut forderten. Konnte es sein, dass seine Wahrnehmung ihm einen Streich spielte? Er seufzte…

„Ich werde sie jetzt alleine befragen“, sprach der Beamte streng und winkte die Braverys aus seinem Büro. Link schluckte und musste wohl oder übel einsehen, dass er am kürzeren Hebel saß. Er blickte das Mädchen, für das er sich doch verantwortlich fühlte, noch einmal an und sah eine plötzliche Überlegenheit in ihren himmelblauen Augen, die ihm beinah einen Schauer über den Rücken jagte. Und dann war ihm klar, dass sie sich von seinem Onkel nicht beirren lassen würde. Dennoch… hatte er beinah Angst um sie… Mit einem weiteren Seufzen musste Link mit den anderen das Büro verlassen.

„Dass Onkel Jonas nur immer so streng sein muss“, maulte Sara. „Er muss seinen Job nicht immer so todernst nehmen, erst recht nicht, wenn es teilweise um Familienangelegenheiten geht.“

„Er macht halt seinen Dienst nach Vorschrift“, hakte Meira ein. „Er macht das schon richtig.“

Link konnte durch eine Glastür hinweg beobachten, was vor sich ging und versuchte die Unruhe in seinem Gemüt mit dem Gedanken zu besänftigen, dass seine Mutter vielleicht Recht hatte. Onkel Jonas war eben ein Prinzipienmensch, der seinen Job sehr ernst nahm. Und er erlaubte sich keine Fehler. Er hoffte, dass sich das Mädchen, das er doch in den Wäldern gefunden hatte, von der Art des Beamten nicht beirren ließ.

 

Nach einer halben Stunde war das zarte und scheinbar zerbrechliche Wesen mit dem Gedächtnisverlust erlöst von dem Verhör. Sie trat mit Onkel Jonas aus dem Raum, der sie in einen weiteren Raum schickte. Sie blickte währenddessen die gesamte Zeit zu Boden und schien auch Link nicht beachten zu wollen. Und da wusste der junge Mann, dass Jonas ihr vermutlich sehr unangenehme und persönliche Fragen gestellt hatte. Link umfasste kurz ihr rechtes Handgelenk, als sie in einen weiteren Raum treten wollte. „Kommst du klar…“, murmelte er.

Sie nickte und blickte ihm dankbar entgegen. „Ja, es ist in Ordnung, danke, Link…“

„Wirklich?“

„Ja…“

„Was musst du jetzt machen?“

„Eine psychologische Begutachtung…“

„Du sagst aber, wenn es dir zu viel werden sollte…“, sprach Link widerwillig. „Okay?“, meinte er mit Nachdruck, woraufhin sie nickte.

„Gut…“

„Gut…“, meinte auch sie und verschwand im nächsten Zimmer.

„Was war das denn?“, meinte Meira verdutzt. Sie wusste ja, dass ihr Sohn immer hilfsbereit zu anderen war, aber dass er sich so besorgt verhielt, sprengte das Maß. Er verdrehte seine Augen und trat seine Mutter ignorierend den Gang entlang. Wie sollte er irgendjemandem erklären, was in ihm vorging? Er verstand sich selbst ja nicht einmal mehr…

 

Zwei lange Stunden verflogen, in denen Link seinen Schützling noch nicht wieder gesehen hatte. Er fühlte sich immer nutzloser, kochte vor Ungeduld. Konnte sie nicht endlich fertig sein! Warum dauerte das nur so lange? Auch der Rest seiner Familie war ungeduldig und teilweise genervt. Sara hatte keine Lust mehr hier zu warten und schaute ständig auf die Uhr. Eric Bravery holte sich einen Kaffee nach dem anderen aus einem Automaten und Meira unterhielt sich über Mode, Pflanzen und Vasen mit einer Kollegin von Jonas, die gerade Mittagspause hatte.

 

Derweil hatte die Fremde von einer Psychologin einige Tests bekommen, die sie, so gut sie es konnte, ausgefüllt hatte, und wartete erschöpft und müde auf den Arzt, der gleich erscheinen würde. Sie musste sich auf eine Krankenpritsche setzen und zählte die Sekunden vorbeiticken. Auch wenn sie sich am Anfang sehr tapfer geschlagen und sich von den kritischen Fragen der Polizisten nicht einwickeln oder beirren lassen hatte, fühlte sie sich nun etwas niedergeschlagen und verloren. Sie hatte wahnsinnigen Durst und ihr war kalt… Sie war kurz davor in ihrer Stimmung einzubrechen, als sie begann an dem Ring mit den Smaragden herumzuspielen, und dachte dann mit einem beruhigenden Gefühl an denjenigen, der sie aus dem Fluss gerettet hatte. Es machte ihr Mut an ihn zu denken, obwohl sie sich vorher noch nie begegnet waren. Und es half ihr noch etwas länger durchzuhalten. Als sie schluchzte, wurde eine weitere Tür in dem schmalen, langen, unpersönlichen Raum geöffnet und eine ihr unbekannte Gestalt trat ein. Es war ein kleiner, kräftiger Mann, mit braungebrannter Haut und hellbraunem, lockerem Haar. Er hatte ein breites, angenehmes Grinsen in seinem Gesicht und wirkte sehr entspannt und fröhlich. Als der Mann sie sah, grinste er noch wilder, fast erleichtert und glücklich, und vielleicht ein kleiner Teil seiner Fröhlichkeit ging auf sie über.

„Ja, hallo, meine Hübsche“, sprach er erheitert. Er trug einen weißen Kittel, darunter ein buntes Hawaihemd und hatte ein für das Mädchen seltsam anmutenden Gegenstand um seinen breiten, kurzen Hals hängen.

„Hallo…“, sprach sie vorsichtig und sah eine Wärme in den schokoladenbraunen Augen des Mannes, die sie tröstete.

„Nana, Prinzessin. Du musst doch nicht so traurig dreinschauen. Dass wird schon“, sprach er. Er hob ihr Kinn nach oben und legte dann eine Hand auf ihre Stirn. „Du bist ziemlich unterkühlt, Mädchen.“

„Das ist wohl… weil… wegen dieser ganzen Situation…“, entgegnete sie. Sie bekam kaum noch eine Zunge herum, aber auch das verstand er sofort. Er huschte mit seinem breiten Äußeren und den kurzen Beinen aus dem Raum und kam mit einer Wasserflasche wieder. Dankbar nahm sie einen Plastikbecher mit Wasser und trank dieses mit einem Zug.

„Aus deiner Akte habe ich gelesen, du hast einen Gedächtnisverlust, Kleine“, meinte er.

„Ja, das ist richtig…“

Er betrachtete sich mit einer Lampe ihre Augen und prüfte ihre Reflexe. Er untersuchte sie nach Knochenbrüchen und Verletzungen, aber ihr Körper war ohne Harm. Auch der mögliche Verdacht eines Schädel-Hirn-Traumas bestätigte sich vorerst nicht. Aus seinem runden Gesicht sprach ein erneutes Lächeln. Nach einigen Minuten war der Arzt mit der Untersuchung fertig.

Verwundert sah das Mädchen den Mann an. „War es das schon?“

„Ja, das war es. Du bist völlig gesund. Dein Gedächtnisverlust ist dein Geheimnis, deines allein, Prinzessin.“ Er pfiff eine Melodie, die ihr vertraut schien, reichte ihr seine Visitenkarte, verbeugte sich kurz, packte sie an beiden Armen und schob sie aus der Tür hinaus.

Als sie bereits gegangen war, griff der Arzt nach seinem Handy und hatte darauf die Nummer von der Direktorin Ines Schattener. Er überlegte anzurufen, aber Dr. Dar Gordon schaute kurz in den Gang und seine Augen blieben zaghaft bei Link haften. Dann grinste er noch wilder und das Handy versank wieder in seiner Tasche. Er hatte seine Gewissheit und würde sich in schicksalhafte Fügungen nicht einmischen. Grinsend schrieb er seinen Bericht…

 

Link lief währenddessen immer wieder im Gang auf und ab und hoffte sehnlichst, dass sich die Sachlage irgendwie klärte. Dann endlich erschien sein Onkel Jonas mit seinem Schützling. Links tiefblaue Augen fielen sofort zu dem Mädchen und er bemerkte mit leichter Sorge ihren Zustand. Sie sah irgendwie erledigt und kränklich aus. Was hatten die Leute hier mit ihr angestellt?

Jonas Carter las dann endlich den Bericht vor und bemerkte kühl und unpersönlich: „Ein Gewaltverbrechen schließen wir zum jetzigen Zeitpunkt aus. Die medizinische Untersuchung erbrachte keine Ergebnisse. Das Mädchen ist unauffällig und gesund.“ Link lächelte diesbezüglich. Ein Stein fiel ihm gerade vom Herzen.

„Naja, das klingt doch nicht so schlecht“, sagte Meira ebenfalls beruhigt.

Die Unbekannte ließ sich in dem Augenblick auf einen Stuhl sinken und umarmte sich etwas.

„Allerdings fielen die psychologischen Tests etwas merkwürdig aus. Sie ist für ihr Alter überdurchschnittlich intelligent, scheiterte aber an simplen Sprachtests“, sagte Jonas und ließ die Untersuchungsergebnisse dann in der Akte verschwinden.

„Wie geht es jetzt weiter?“, meinte Sara. Auch sie war daran interessiert, dass diese Situation sich endlich klären konnte. Sie wollte nach Hause und Mittag essen…

„Wir müssen noch auf die Entscheidung des Richters warten, was einen möglichen Aufenthalt in einer Pflegefamilie betrifft. Solange muss das Mädchen hier warten. Ihr jedoch solltet heim fahren. Es bringt euch nichts hier herum zu lungern“, sprach der Beamte dann. 

„Das heißt, es gab keine Vermisstenanzeige, die auf sie zutrifft, oder?“, meinte Link aufgeregt. Sein Onkel schüttelte lapidar seinen Kopf.

,Ich wusste es‘, dachte Link und atmete tief durch.

„Gut, das ist doch schon mal etwas“, meinte Meira dann. Die Braverys bis auf Link zogen sich ihre Jacken über und verabschiedeten sich kurz und knapp bei dem Mädchen. Bemüht zu lächeln sah sie auf, aber wenn man genau hinblickte war da ein grausamer Schatten der Trauer und unausgesprochenen Ängste, der sich gerade noch verdichtete. 

„Link, kommst du bitte. Wir werden zuhause auf weitere Anweisungen warten“, meinte Eric Bravery dann und allesamt fragten sie sich, worauf der Angesprochene nun wartete.

Verwundert schaute er von einem zum anderen und kapierte nicht, was man von ihm wollte. Er würde hier nicht weggehen, warum auch?

„Link, ihr könnt hier nichts mehr tun, fahr‘ gefälligst mit nach Hause“, raunte sein Onkel Jonas dann. Er schien unruhig, beinahe genervt und drängte darauf, dass die Braverys endlich gingen.

„Was macht das, ob ich nun hier warte, oder nicht?“, argumentierte der Jugendliche und blickte seinen Schützling fragend an. Er verstand das Problem einfach nicht.

„Du bist hier nicht erwünscht, verschwinde endlich…“, murrte der Beamte, sodass es die Braverys am Ende des Ganges nicht gehört hatten. Und gerade in dem Augenblick war neben der Strenge und Disziplin eines Polizeibeamten noch mehr vorhanden. Eine Lieblosigkeit herrschte in dessen hellen, blauen Augen, die dem Oberstufenschüler verunsicherte. Und für einen kurzen Augenblick flackerte in den so stolzen Seelenspiegeln seines Onkels etwas Glühendes auf, was Link alarmierte. Fast automatisch stellte er sich vor das sitzende fremde Mädchen und breitete seine Arme aus. Er würde sich mit keinem Mittel dazu bringen lassen, sie einfach ohne Schutz hier zu lassen, und erst Recht nicht mit dem mehr als unguten Gefühl, dass ihn gerade umfing.

Gerade da packte Sara ihren Bruder an einer Hand. Sie hatte seine Jacke bereits unter einem Arm und drängte ihn nach Hause zu fahren. „Link, jetzt reicht es aber. Hör‘ auf den großen Helden zu spielen und fahr‘ endlich mit heim… Du hast Ruhe bitter nötig.“ Eine Warnung erklang aus Saras Stimme, die sein komisches Verhalten nicht verstehen wollte. Sie wusste nur, dass er eine hässliche, kraftraubende Wunde hatte, und ihr war nicht wohl dabei, dass er sich überanstrengte.

„Link… es ist in Ordnung… bitte geh‘ und ruh‘ dich aus…“, murmelte die schöne Unbekannte sich verabschiedend und blickte leicht verächtlich in das Gesicht des Polizeibeamten. Sara schob ihren Bruder dann vorwärts. Aber sie spürte seinen Widerwillen. Er warf seinem Schützling ein zweifelndes Lächeln zu und wusste nicht so recht, was es war. Aber er fühlte sich verloren. Er blickte noch einmal zu dem hübschen Mädchen, das seinen Namen in den Träumen gerufen hatte und sah sie ein sachtes ,Auf Wiedersehen‘ über ihre blutroten Lippen bringen. Auch als Sara ihn in Richtung des Aufzugs schleifte, bekam er das Gefühl nicht unter einen Hut und starrte zu dem blonden Mädchen zurück. Er hatte den Eindruck, dass er einen gewaltigen Fehler machte, wenn er jetzt ging. Als das Geräusch des sich nähernden Aufzugs erklang und er sah, wie weit der Mensch, den er aus irgendeinem Grund brauchte, entfernt saß, spürte der Beschützer in ihm, wie seine Knie weich wurden. Er konnte nicht gehen, er konnte einfach nicht…. 

„Nein… nicht schon wieder… nicht noch einmal…“, flüsterte er, sodass es lediglich Sara verstanden hatte. Er schloss seine tiefblauen Augen und hatte einen entschlossenen, mutigen Ausdruck in seinem Gesicht. Als der Aufzug ankam und eine Menge Leute heraustraten, und dann Sara, sowie seine Eltern einstiegen, zögerte er bewusst. Gerade als die Fahrstuhltüren sich schließen wollten, schüttelte er den Kopf und meinte bloß: „Sorry, ich bleibe…“ Empört wollte Sara einige fiese Worte vom Stapel lassen, aber sie kam nicht mehr dazu. Denn die Türen schlossen sich direkt vor ihrer spitzen, koboldhaften Nase. Link hörte sie dahinter noch fluchen, aber lächelte in sich hinein. ,Ich kann einfach nicht gehen… ich kann sie nicht alleine lassen‘, sprach er in Gedanken und wand sich in Richtung seines Schützlings, welcher gerade von seinem Onkel bedrängt wurde. Link trat mit zornigen Schritten näher, als er sah, dass er sie sehr brutal an ihren linken Oberarm packte und sie ihm giftige Blicke zuwarf. Als sie Link näher hasten sah, schwappte eine Welle der Erleichterung über sie. Link umfasste fest den Arm seines Onkels und blickte ihn warnend an. ,Irgendetwas war hier faul‘, dachte Link. Seit wann stellte sich Jonas so unprofessionell an? Und warum belästigte er sie auf diese Weise?

„Gibt es hier ein Problem?“, sprach Link deutlich und blickte kühl in die funkelnden Augen seines Onkels. Gerade da erlosch ein fernes Feuer in seinen Seelenspiegeln und er wich irritiert zurück. Er zwinkerte und kratzte sich am Kopf. „Nein, es passt alles…“, murmelte er benommen. Dann verschwand er durcheinander in seinem Büro. Es wirkte beinahe, als wäre er für einige Sekunden nicht er selbst gewesen.

„Danke…“, murmelte das Mädchen und ließ sich tief einatmend zurück auf den Stuhl sinken. 

„Hast du eine Ahnung, was das gerade war?“, sprach Link aufgeregt. Für einen kurzen Moment hatte er den Eindruck sein Onkel hatte die Absicht gehabt seinen Schützling irgendwie zu bedrohen.

„Ich habe… absolut keine Ahnung… das war sehr seltsam gerade eben…“, murmelte sie. „Aber warum bist du noch hier?“

„Ob ich nun hier mit dir warte oder zuhause… macht keinen Unterschied.“ Er setzte sich zu ihr, vergrub sein Gesicht in den Händen und fuhr sich durch das blonde, strubblige Haar.

„Du solltest wegen mir nicht… so viel… auf dich nehmen…“

Er zwinkerte. „Hey, nur weil ich hier mit dir warten will, weil ich mich irgendwie verantwortlich fühle, heißt das doch nicht, dass ich zu viel auf mich nehme. Es ist ja nicht so, dass ich hier Gewichte stemmen müsste oder mich überanstrenge. Mach‘ dir keinen Kopf deswegen.“ Sie lächelte ihn verträumt an und er erwiderte. Lange Zeit träumten sie in gegenseitigen Blicken bis sie beide zwinkerten und kurz auflachten… 

 

Die Braverys stiegen gerade etwas belustigt angesichts Links Sturheit in den Wagen. Nur Sara, die ja Links derzeitige gesundheitliche Verfassung kannte, konnte sein Verhalten nicht lustig finden.

„Nun ja, dann soll er halt hier bleiben, wenn er meint“, scherzte Meira erheitert und freute sich insgeheim darüber, dass er sich, endlich, bei allen Göttern dieser Welt, für ein Mädchen interessierte. Sie hatte oftmals schon Sorge gehabt, er käme vom anderen Ufer. Und diese Möglichkeit war nichts für eine sehr konservativ eingestellte Meira Bravery. „Link ist alt genug…“

„Ich frag‘ mich nur, wofür er alt genug ist…“, nuschelte Sara. „Die Sache endet noch böse…“ Saras pubertärer Verstand dachte etwas, das sie lieber nicht gedacht hätte. Irgendetwas sagte ihr, dass ihr Bruder bestimmte, vielleicht sogar schwärmerischere Absichten hatte, was dieses Mädchen anging, auch wenn sie ihn niemals als einen Lustmolch bezeichnen würde.

„Nun ja, er wird doch hoffentlich nicht auf dumme Gedanken kommen, was dieses hübsche Ding angeht…“, meinte Eric.

„Wenn er sogar freiwillig auf Mittagessen verzichtet, dann sollte uns das jedenfalls zu denken geben, normalerweise verschlingt er immer die größte Portion und Essen ist ihm heilig!“, sprach Sara bitter. 

„Jetzt scheint etwas anderes heiliger zu sein…“, lachte Meira.

„Wie wahr…“, murrte Sara abschließend. Dann sauste der VW Tiguan in Richtung Stadtrand, wo die Braverys ihr Haus hatten…

 

Nachdenklich saß Link neben der jungen Dame, die mehr als nur seinen Beschützerinstinkt geweckt hatte. Er fragte sich heimlich, wie er den Tag bisher so gut überstanden hatte. Die hübsche Fremde war so wichtig für ihn, dass er seine gefährlichen Wunden und die daran geknüpften Schmerzen fast vergessen hatte. Nur jetzt im Augenblick wurden die Beschwerden wieder schlimmer… Es ging kaum mehr… Es ziepte heftig, brannte und pochte wie wahnsinnig über seinem Bauch verteilt… Mit Schweißausbrüchen saß  er auf einem Holzstuhl neben seinem Schützling und hatte das Gefühl, die Wunde am Bauch fraß ihn regelrecht auf… Hinzukam, dass ihm beinahe schwarz vor Augen wurde… Saras warnende Stimme schallte in seinem Kopf nach. ,Hab‘ ich nicht gesagt, du sollst dich ausruhen?‘, brummte sie. Ja, er wusste, dass sie recht hatte, aber er schaffte das schon. Er müsste nur noch ein wenig länger durchhalten…

„Link… ich wollte noch Danke sagen, dass du mit mir hier wartest. Ich weiß, es ist alles andere als eine einfache Situation… und eigentlich kennen wir uns kaum… Es ist nicht selbstverständlich, dass du mir hilfst… Ich weiß sehr zu schätzen, dass du das für mich tust…“, sprach das anmutige Wesen neben ihm. Er hörte ihre Stimme verschwommen, hörte nur Bruchstücke, und fürchtete sich davor ohnmächtig zu werden. Er kniff die Augen zu und murmelte schwach: „Was… hast du… gesagt?“ Dann presste er auffällig die Hände auf seinen Bauch. Aber so schmerzhaft und überwältigend die Gefühle gerade waren, wurde der tiefe, erschreckende Schmerzreiz von einer durchaus angenehmen Empfindung, einer plötzlichen, kühlen Hand auf seiner Stirn, für Augenblicke ausgelöscht. Er blinzelte. Seine tiefblauen Augen waren müde und mit Schlafsand umschmeichelt und sein Gesicht war fahl wie das eines Zombies. Nur benebelt nahm er ihre Hand auf seiner Stirn wahr. Sie näherte sich ihm und sah ihn mit leicht wässrigen Augen an. Ihre Stirn runzelte sich verräterisch und ihre vollen, roten Lippen öffneten sich einen Spalt, als sie wahrnahm, dass der junge Mann neben ihr Fieber hatte. Seine Stirn glühte nahezu…

Sie sprach kein Wort, aber schaute tiefsinnig und besorgt in seine Augen. Beschämt wich Link ihr aus und führte ihre Hand von seiner Stirn weg. Sie las in seinem Augen und musste scheinbar nichts sagen. Die Sachlage war für sie klar wie Glas… Mit geballten Fäusten stand sie auf, trat vorwärts und sprach die Beamtin an, die wenige Meter weiter an einem PC saß. Etwas fassungslos registrierte Link, dass sie irgendetwas in die Wege leitete. Und tatsächlich hatte sie etwas verursacht, das ihm gar nicht gefallen würde. Denn die Beamtin sprang von ihrem Platz und verschwand in dem Arztzimmer, wo die namenlose Dame ihre ärztliche Untersuchung gemacht hatte. Dann plötzlich ging die Tür wieder auf und Dr. Dar Gordon trat aus dem Raum heraus. Link wollte sich zunächst überhaupt nicht angesprochen fühlen, aber das Mädchen in seiner Obhut hatte andere Pläne. Mit einem entschlossenen Blick zeigte sie auf Link und machte dem Arzt deutlich, dass der junge Mann massive gesundheitliche Probleme hatte. Link wollte am liebsten im Erdboden versinken, als er begriff, was das Mädchen getan hatte. Sie hatte wahrlich… Sie hatte einfach so… Sie hatte dem Arzt aufgetragen ihn zu untersuchen? Link war baff und schaute drein, als ginge für ihn die Welt unter. Sie huschte näher, zog ihn an seinen Händen auf die Beine und grinste überlegen. ,Ja, das war sie in diesem Moment auch‘, dachte Link dümmlich und wollte sich am liebsten ohrfeigen…

„Was wird das?“, sprach er sich vergewissernd. Er schaute beinahe ängstlich zu Dr. Gordon. Jener rieb sich nur die Hände und grinste hämisch. Oh ja, er schien sich darauf zu freuen, eine Spritze aufzuziehen.

„Du wirst dich jetzt behandeln lassen“, sprach das Mädchen stur. Sie wirkte entschlossen und würde nicht mit sich reden lassen.

„Wie jetzt… behandeln lassen…“, murmelte Link. Er versuchte sich herauszureden und spielte den Unwissenden.

„Du bist verwundet, ich weiß es“, entgegnete sie klar und schob ihn einfach vorwärts.

Hilflos und beinah flehend blockierte Link und stemmte sein Gewicht gegen ihren Zugriff. „Aber ich…“, begann er. „Wieso…“

„Hör‘ auf zu diskutieren“, unterbrach sie ihn scharf.

„Ich bin nicht verwundet“, log er. „Ich hab‘ nur nicht genug geschlafen…“ Doch auf seine Lügengeschichten reagierte sie beinah bissig. Ihre zartrosa Wangen färbten sich teuflisch rot und sie schloss die Augen für weitere Argumente. Weg war das unschuldige Erscheinungsbild. Stattdessen vibrierte in ihrer Gegenwart beinahe die Luft. Sie atmete tief durch und sprach ruhiger: „Bitte, Link… mir gefällt nicht, dass du dich so… zurichtest… nur wegen mir… Du hast mir geholfen, jetzt helfe ich dir.“

„Aber ich habe nicht…“ Und seine Stimme versagte. Das Ziepen in seinem Bauch wurde plötzlich so unerträglich, dass er keinen Ton mehr herausbekam. Er schwankte und lehnte sich an die Wand.

„Willst du deine Wunde immer noch abstreiten!“, schimpfte sie dann entrüstet.

Dann endlich gab er sich geschlagen. Dämlich grinsend sah er auf: „Nein… aber ich hätte es gerne vor dir verschwiegen…“ Er schüttelte seinen Kopf, weil er dies über seine Lippen brachte und kam sich bescheuert vor. Warum unterhielt er sich mit einem Mädchen, dass er noch nicht einmal einen ganzen Tag kannte auf eine vertraute Weise, als hatten sie eine ewiglange Vergangenheit? Es war wie als wussten sie alles voneinander… jedes Geheimnis… jeden Charakterzug…

Er stöhnte leise auf, kniff die Augen zu und marschierte zu Dr. Dar Gordon ins Arztzimmer. Das Mädchen sah ihrem Retter trübsinnig hinterher. Vielleicht kannten sie einander nicht… nicht wirklich… aber aus irgendeinem Grund… hatte sie seine Schmerzen annähernd gefühlt. Sie hatte es gespürt… mit jeder Faser ihres Herzens… und sie hielt das Gefühl, dass er sich quälte, und den unerschütterlichen Mann der Tat spielte, kaum aus…

 

Als Link in das schmale Arztzimmer eintrat, bemühte er sich beherrscht zu bleiben und hielt sich an der Tür fest. Plötzlich stand der Arzt Dr. Gordon direkt vor ihm, was den jungen Mann irritierte… Waren seine Aufmerksamkeit und Konzentration tatsächlich soweit gesunken, dass er verschiedene Dinge nicht mehr korrekt wahrnahm? Er hatte überhaupt nicht mitbekommen, dass der Arzt sich auf ihn zubewegt hatte. Gerade eben stand er doch noch an dem Schreibtisch. Durcheinander sah Link den kleinen, kräftigen Mann an.

Auch dieser musterte ihn scharfsinnig. „Na Link, wir haben uns ja lange nicht gesehen“, sprach dieser, als kannte er ihn besser als es dem jungen Burschen lieb war. „Wie ist es dir ergangen, Br…“, dann brach er ab und marschierte zu seiner Arzttasche. Verwundert ließ sich Link auf der Pritsche nieder.

„Also, warum wurdest du zu mir geschickt?“

Der Angesprochene seufzte, wusste nicht, wie er dem Kerl erklären sollte, was vorgefallen war und entschied sich dafür, ohnehin nicht alles zu erzählen. Ohne weiteres, und einsichtig, dass er endlich medizinische Hilfe brauchte, zog sich Link einfach sein waldgrünes T-Shirt vom Oberkörper und deutete auf den Verband. Beschämt, dass es erst so weit kommen musste, und er nicht gleich Hilfe geholt hatte, sah er zu Boden. Dr. Gordon wirkte enttäuscht, vielleicht sogar etwas besorgt und schüttelte mehrfach seinen Schädel.

„Leg‘ dich bitte auf den Rücken“, meinte er, ohne irgendwelche Fragen zu stellen. Er entfernte den Verband vorsichtig, aber selbst das bereitete dem jungen Helden Schwierigkeiten. Es brannte brutal… Link atmete scharf ein und musterte den Arzt erneut. Er schüttelte ein weiteres Mal den Kopf, brummte merkwürdige unverständliche Laute vor sich hin und begann die Wunde zu reinigen. Und das Reinigen der Verletzung war beinah noch heftiger als jene selbst. Link keuchte vor Schmerz…

„Ein erwachsener Mann sollte wissen, wann es genug ist“, sprach Dr. Gordon. „Wenn sich das infiziert, holst du dir den Tod.“

„Sorry…“, stöhnte der junge Kerl und fragte sich, warum er sich bei Dar Gordon dafür entschuldigte. Er wollte eine weitere Frage stellen, aber verlor vor lauter Schmerzen die Stimme. Er wurde so fahl wie die Wände um sich herum und wollte schreien.

„Das wird so nichts… Du brauchst unbedingt ein starkes Schmerzmittel, Antibiotika und am besten gleich eine Tetanusimpfung…“

„Das… geht schon“, maulte Link und sah den Arzt grimmig und genervt an. „Können Sie… sich bitte beeilen und… das irgendwie zusammenflicken… oder verbinden…“ Erneut brummte Dr. Dar Gordon irgendetwas vor sich hin, das Link nicht verstand. Er schloss die Augen und seufzte wieder. „Helden…“, murrte er. Das einzige Wort, das der junge Bursche verstanden hatte. „Das Mädchen da draußen hat nichts davon, wenn sich ihr Retter kaputt macht… Du musst gut auf sie aufpassen und das kannst du nicht in dieser Verfassung“, meinte der Arzt dann und sah das Unverständnis in Links tiefblauen Augen aufflackern. „Du hast mich schon verstanden, Link…“ Misstrauisch beobachtete jener den Mann dann bei seinen weiteren Handlungen. Er bereitete irgendetwas vor, eine Art rotes Getränk, zog drei Spritzen auf und legte einen riesigen Verband bereit.

„Ich will keine Spritze…“, brachte Link sich halb verrenkend hervor.

„Du brauchst aber leider drei davon“, argumentierte Dr. Gordon.

„Ich schaff‘ das aber… ohne… Spritze…“, murrte Link und ärgerte sich, dass er überhaupt hier war. Hätte das hübsche Mädchen, wegen dem er dies alles auf sich nahm, nicht einfach den Mund halten können? „Ich will keine Spritze… verbinden sie die blöde Wunde und geben sie mir irgendwas zum Schlucken. Den Rest schaff‘ ich auch so…“

„Da bin ich als Arzt aber anderer Meinung.“

„Das interessiert mich… aber nicht… Hören Sie auf mit mir zu diskutieren.“ Links Sturheit und Unvernunft ließen ihn nicht begreifen, wie ernst die Sachlage war.

„Du hast es so gewollt“, meinte der Arzt verärgert. Und er tat etwas, das Link gar nicht gefiel, ihn nervös machen würde und seine Widerstände mit einem Schlag beseitigen würde. Mit einem schadenfrohen Grinsen öffnete Dar die Tür und winkte das Mädchen mit dem Gedächtnisverlust herein. Zusätzlich zu den Schmerzen, Kältegefühlen und Schweißausbrüchen, hatte Link nun noch Angst vor einem Herzkasper. Wollte Dr. Dar Gordon dem Mädchen tatsächlich zeigen, was hier los war? Wusste er etwa, dass Link sich unter den sanften Augen des Mädchens alles gefallen lassen würde und sich erst gar nicht gegen irgendeine Behandlung wehren würde?

„Das ist nicht Ihr ernst, Dr. Gordon! Ich kenne sie erst seit heute und…“, sprach Link aufgeregt und richtete sich auf. „Wollen Sie, dass ich vor ihr wie ein Waschlappen…“ Doch gerade da trat die Unbekannte in ihrer eleganten Gangart in den Raum. Als sie Link auf der Pritsche hocken sah und ihre Augen sofort zu der hässlichen Wunde wanderten, keimten irgendwie… Schuldgefühle in dem jungen Mann auf. Das Mädchen sah drein, als wich jede Lebensenergie aus ihrem Körper. Link hatte noch nie wahrgenommen, dass jemand so heftig besorgt um ihn war. Ohne es zu wollen, tropften Tränen von ihren himmelblauen Augen… Vielleicht hatte sie schon einmal Wunden gesehen, aber sie sah jene nicht gerne an Link… Es waren in etwa zehn größere Verletzungen. Ein Teil sah aus wie Stiche, ein Teil wie Verbrennungen. Und die Wunde nässte und blutete teilweise… Das Mädchen legte eine Hand auf ihren kirschroten Mund und trat näher zu ihm.

„Das ist nicht… so schlimm… wie es aussieht“, sprach Link, spielte den Tapferen, und versuchte dämlich zu grinsen.

Sie schwieg und setzte sich zu ihm an die Pritsche und blickte sorgenvoll zu seiner Wunde. Link beobachtete ihr Verhalten, sah wie sich ihre kleine Stirn etwas runzelte. Zögerlich strich sie sich mit einer Hand ihr blondes Haar hinter ein Ohr. Er spürte Vertrautheit, spürte eine Form von Nähe, die ihn tröstete und etwas beruhigte. Und obwohl es vorhin für den jungen Mann unerträglich war, zu wissen, dass sie seine Wunden sah, so beruhigte es ihn inzwischen…

 

Gordon untersuchte die Wunden noch einmal und stellte seltsamerweise keine weiteren Fragen. Link wollte schon flüchten, als Gordon ihm mitteilte, er müsste ihm jetzt die besagten drei Spritzen  verabreichen. Doch als er den Blick seines Schützlings sah, ertrug er lieber die Spritze, als sich vor ihr zu rechtfertigen.

„Sagen sie mal, Mr. Gordon…“, hauchte Link, während der Arzt ihm die Spritzen verabreichte. Zwei in den Arm und eine in den Bauch.  

„Ach, nenn’ mich einfach Dar.“

„Also gut, Dar, interessiert es Sie denn nicht, woher diese Wunden stammen?“

„Nein, tut es nicht.“ Er legte ihm einen Verband um und meinte noch, er sollte jeden Tag gewechselt werden. Das Mädchen, wie auch der Verwundete nickten beide. Dann reichte er dem kränkelnden Helden ein Getränk, das ihm von Geruch und Geschmack irgendwie vertraut erschien. Mit einem Zug würgte er es herunter und spürte, dass jenes einen sehr beruhigenden und wärmenden Effekt auf ihn hatte. Er seufzte, sackte entspannt zurück und konnte gerade noch sehen, dass Dr. Dar Gordon dem Mädchen eine Hand reichte, ihre Hand küsste und mit einer Verbeugung vor Links Schützling verschwand er aus dem Zimmer.

„Was war das denn?“, murmelte Link leise, bevor er in ein Nickerchen sank. Er wehrte sich gegen den Schlaf, musste sich aber geschlagen geben… nicht jeden Kampf konnte man gewinnen.

„Ich habe keine Ahnung, was der Arzt meinte“, entgegnete die Fremde. „Aber das ist… nicht so wichtig… Wichtig ist, dass du wieder gesund wirst…“ Obwohl sie spürte, dass es falsch war, und sie leicht zögerte, legte sie eine ihrer kühlen Hände auf seine zu ihr gewandte Wange und streichelte seine Haut. Ihre schmalen Fingerspitzen spazierten lieblich bis zu seiner Stirn. Link öffnete überrascht seine tiefblauen Augen… und wenn die Wunde nicht so heftig brennen würde, so würde er glauben, er wäre in einer Märchenwelt gelandet. Noch nie hatte ihn jemand so… sanft… beruhigend… gestreichelt… Er lächelte verträumt und prägte sich das liebliche Gesicht ein, das über ihn wachte. Diese sanften himmelblauen Augen… diese kleine, spitze Nase… und diese vollen, tiefroten Lippen… dann dieses seidene Haar…

„Schlaf ein wenig, Link… ich bleibe hier… und danke für alles…“, flüsterte sie. Sie nahm seine linke Hand in ihre und hielt sich jene an ihre rechte Wange. Es war so angenehm für sie, zu wissen, dass er hier war. Für einen kurzen Augenblick war sie sich sicher, ihn zu kennen, ihn sein ganzes Leben schon zu kennen und sie war sich sicher, dass sie ihn brauchte…

„Wow…“, murmelte er benebelt. Es waren vielleicht die Berührungen oder ihre Schönheit oder beides, was er gerade so toll fand und entsprechend würdigen wollte. „Weißt du eigentlich…“, begann er und blickte sie wie in Trance an. „… ich habe dich irgendwann schon einmal gesehen… du bist wunderschön… das könnte ich nicht vergessen…“, murmelte er. Es war wie, als hätte ihm die Droge ein noch frecheres und närrisches Mundwerk verliehen.

Sie blinzelte und schickte ihm einen hilflosen Blick entgegen. Mit einer solchen Aussage hatte sie trotz allem nicht gerechnet.

„Du bist bestimmt… eine Märchengestalt… so anmutig… wie Prinzessin Zelda…“, murmelte er und lächelte charmant, so liebevoll, dass sich ihre Wangen vor Verlegenheit rot färbten. „Ich würde alles für dich tun…“, seufzte Link und wollte noch mehr sagen, aber das ließ das Mädchen nicht zu. Sie schüttelte ihren hübschen Kopf und legte einen Zeigefinger auf seine Lippen, das er damit aufhörte und sich nicht in sehr peinliche Situationen oder sogar um den Verstand brachte. Dann wirkte der Trunk, den Dr. Dar Gordon ihm verabreicht hatte, endgültig und der junge Held sank für ein paar Minuten in einen kostbaren Schlaf…

 
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