Kapitel 1.6
 

Kapitel 6: Die Entscheidung

 

 

In Schicksalshort fiel inzwischen der Regen herzlos nieder. Er trommelte auf die leeren Teerstraßen und Häuserdächer und schickte das Leben an wärmende, heimische Rückzugsorte. Nur wenige Menschen mit Regenschirmen waren unterwegs und hetzten durch die Stadt. Nachdenklich stand das blonde Mädchen an einem Fenster im Polizeipräsidium und beobachtete die moderne Welt außerhalb… eine graue, fehlgeleitete Welt, die Ursprünge und Würde vergessen hatte… eine Welt, wo Geheimnisse nicht sicher waren oder so tief verschüttet, das sie niemand bergen konnte… eine grausame Zeit, in der Zweifel und Macht regierten… Hier und da funkelten Lichtstrahlen, das konnte sie spüren, aber es gab auch sehr viele Wesen, die sich an abgestumpfte, selbsterschaffene Mächte klammerten und sich verrannt hatten…

Sie hatte einen Plastikbecher in ihren Händen und selbst dieses Material war ungewöhnlich für sie, kalt und neu. Sie blickte erneut schwermütig hinaus in den Regen und verlor sich in vergänglichen Gedanken. ,Was wartete hier auf sie‘, fragte sie sich. War dies denn wirklich die Welt, in der sie leben sollte? Sie nahm einen Schluck Wasser und musterte hier in dem kleinen Arztzimmer das Krankenbett, wo ein junger Mann ruhte. Er war vor einer halben Stunde in den Schlaf gesunken und schlief leise und friedvoll. Sein Charakter, sein Herz und seine Ideale waren das einzige, was ihr seit dem Erwachen vertraut erschien, das einzige, was ihr half Ruhe zu bewahren. Und vorhin… als sie spürte, dass er verletzt war, hatte sie für schwindende Augenblicke eine herbe Verlustangst erfahren, die sie nicht begreifen konnte. Sie wusste, sein Erscheinungsbild ergab keinen Sinn für ihre Erinnerungen, denn er kannte sie nicht vorher. Sie wusste, dass es ihr nicht zustand sich in sein Leben einzumischen und sie wusste, dass es ihr nicht erlaubt war, zu ergründen, woher er seine schlimmen Wunden hatte. Sie wollte ihm nicht vorschreiben, wie er mit seiner Gesundheit umzugehen hatte, aber…

Ein wissender, beinah übersinnlicher Blick spiegelte sich auf der Glasscheibe des Fensters, als sie verstand. Ja… es gab kein Aber… Selbst wenn man tiefe Wünsche hatte, wenn man alles für deren Erfüllung tat und dann trotzdem enttäuscht wurde, musste man dies aushalten und akzeptieren… es gab kein Aber… vor allem nicht für sie.

Sie wand sich in seine Richtung und tapste leise zu ihm hinüber. Sie stellte den Plastikbecher zur Seite und beobachtete den jungen Mann entzückt, sah wie sich sein Brustkorb sanft und stärkend hob und er seine Kraft wiederfand. Erneut ein angenehmes, pulsierendes Gefühl in ihrem Bauch wie der Ruf aus einer weitzurückliegenden, wunderschönen Erinnerung… ein Lächeln aus einem tapferen Jünglingsgesicht… Kinderlachen auf weiten Wiesen… magische Nähe und Geborgenheit. Entgegen ihres Willens streichelte sie durch seine blonden Haarsträhnen, die leicht über seine geschlossenen Augen fielen. Sie lächelte verträumt, spürte das Auflodern alter Sehnsüchte… Seelenverwandtschaft… Vertrauen…

,Er war wirklich ansehnlich‘, dachte sie.

Plötzlich umfasste er grob ihre Hand. Seine Augenlider flatterten nach oben und sein Oberkörper schoss hastig in die Höhe. Für einen kurzen Augenblick wusste er überhaupt nicht mehr, was passiert war und wo er sich befand. Er fühlte sich zittrig, gleichzeitig unheimlich aufgeladen und hatte das Gefühl, man hatte ihm einen Elektroschock verpasst.

„Hey“, sprach sie leise und versuchte sich von seinem zu festen Griff zu lösen. Auch seine tiefblauen Augen blickten überrascht zu seiner Linken. Fast grob hielt er ihr Handgelenk fest.

„Oh… sorry“, sprach er sogleich und ließ sie los. Er sah sich vergewissernd zu ihrer Hand, hoffend, er hatte ihr damit nicht weh getan.

„Du hast einen ziemlich festen Griff…“, sprach sie schüchtern, aber auch erheitert. 

„Entschuldige nochmal…“, entgegnete er unsicher. „Ich hab‘ dir nicht weh getan, oder?“ Ein ehrliches Kopfschütteln ließ ihn sich beruhigen. Erst dann kehrten die neuerlichen Ereignisse zurück in sein Bewusstsein und er berührte vorsichtig seinen Bauch und die Wunden, die er dort hatte. Er kratzte sich dümmlich an der Stirn, wusste nicht, was es war, aber er fühlte sich sagenhaft gut. Die Schmerzen waren erträglich und sein Geist irgendwie hellwach. Was hatte Dr. Gordon ihm da eigentlich für ein Zeug zusammengemischt?

„Wie lange war ich weg?“, sprach Link strotzend vor Energie und richtete sich auf.

„Nicht lange…“, murmelte sie.

„Ist mittlerweile geklärt, wie es mit uns weitergeht?“

,Mit uns?‘, fragte sie sich. Was genau meinte Link? Erst als sie ihn darauf etwas verdattert ansah und sich ihre Augenbrauen auf eine misstrauische Weise verschoben, wusste Link, was er gerade gesagt gestammelt hatte.

„Quark“, brummte er, spürte eine teuflische Verlegenheit anwachsen und klopfte sich gegen seinen Kopf. „Ich meinte, wie es mit dieser Begutachtung und so weitergeht… und ob der Richter endlich entschieden hat.“

„Noch nicht… es ist noch nichts geklärt…“, sprach sie leise.

„Okay“, sprach Link gefasst und hoffte, dass die Entscheidung in den nächsten Minuten fiel. Dann endlich ließ er seine Beine von der Pritsche baumeln und hüpfte in die Höhe. Er streckte sich, fuhr sich über den Verband am Bauch und konnte nicht verstehen, was es war, aber er fühlte sich wirklich ausgeruht und einfach nur… klasse. Fast schon besser als vor der Verletzung.

„Wie geht es dir jetzt?“, hauchte sie und trat zu ihm hinüber. Sie wünschte sich eine Antwort, auch wenn sie spüren konnte, dass er sich etwas erholt hatte.

„Wunderbar“, entgegnete er mit einem Grinsen. Er zog sich dann endlich sein waldgrünes T-Shirt über und trat verlegen zu ihr hinüber. Er hob eine Hand hinter seinen Kopf und blickte bewusst und irgendwie scheu an ihr vorbei. „Ähm… danke… dass du das arrangiert hast. Ich hätte diese Wunden nicht auf die leichte Schulter nehmen sollen.“ Er sah peinlich berührt zu Boden und hatte aber dennoch dieses Bedürfnis ihr das alles zu erklären. „Ich wollte nicht, dass du…“ Er setzte seinen Satz in Gedanken fort: ,… dass du dir Sogen machst…‘

„Das habe ich trotzdem…“, sprach sie, als hätte sie einen Zugang zu seinen Gedanken. „Ich weiß nur nicht, warum…“

„Du meinst, warum… warum du…“

„Ja, warum ich mir Sorgen gemacht habe… um dich… Wir kennen uns kaum“, flüsterte sie und atmete dabei tief aus.

Und da kam ihm der absurde Gedanke, dass sie einander vielleicht doch kennen mussten. Wie, um Himmels Willen, konnte sie wissen, was er gerade gedacht hatte? Oder konnte sie etwa Gedanken lesen? „Richtig, eigentlich kennen wir uns kaum…“, sprach er sanft.

Unsicher sah sie auf, biss sich leicht auf die Unterlippe und sah ganz vorsichtig in das stechende Tiefblau seiner Augen. „Wir sind uns noch nie begegnet…“, hauchte sie und träumte in seinem Blick.

„Nein, das sind wir nicht“, stimmte er zu und trat noch einen Schritt näher. Erneut knisterte es zwischen ihnen… erneut zogen sie sich wie magnetisch an.

„Nicht hier in dieser Welt…“ Sie lächelte bezaubernd. Sie war so unendlich dankbar, dass er sie gefunden hatte, nur er allein.

„Nein, nicht hier…“ Und sein Flüstern, der zarte, tiefgehende Klang seiner vertrauten Stimme  spiegelte ihre verborgenen Wünsche und Bedürfnisse. Seine Stimme war so warm und sicher. Sie schloss die Augen, spürte dem Klang seiner Worte hinterher… Sie kannte diese Stimme in allen Variationen, ließ jene Erinnerungen wecken. Da war etwas… weit weg und verborgen… weit in der alten Zeit…

Wie hypnotisiert sah Link das Mädchen an. Seine gesamte Aufmerksamkeit galt ihr und ihrer Schönheit. Und wenn die Welt unterginge, alles, was er wollte, war sie in Erinnerung zu behalten. Ohne dass er wirklich verstand, was er tat, berührte er ihre blütenweichen Wangen, hielt ihr Gesicht in beiden Händen und war sich sicher, dass er noch nie etwas so Schönes berührt hatte. Er wollte Worte finden, die er noch nie gesagt hatte, wollte ihr schmeicheln, sie trösten und vieles mehr… aber allen voran… festhalten…

Sie lächelte und umfasste mit ihren Händen die seinigen, verwundert über die Wärme seiner Haut. 

Die beiden waren kurz davor, sich zu umarmen, als Dar Gordon in den Raum platzte. Er grinste breit und klatschte. Verlegen rückten die beiden auseinander und schauten zu ihren Straßenschuhen. „Wie mir scheint, geht es euch beiden gut“, lachte er. „Ihr müsst dann raus aus dem Raum. Ich muss das Arztzimmer abschließen.“ Sie nickten beide und tapsten artig und mit roten Gesichtern nach draußen…

 

Wenig später stand Link vor dem Kaffee- und Teeautomaten und dem Automaten für Snacks. Er wollte für seinen Gast und sich etwas Gutes tun und sah in dem Augenblick zufällig aus dem großen Fenster zu seiner Rechten. Die bleichen, eisigen Nebelgewänder eines unangenehmen Frühlingstages schlichen durch die Straßen. Die Wolken weinten und die großen, kalten Wassertropfen knallten stürmisch nieder. Ganz schwach zeigte sich die Sonne hinter den silbergrauen Farben und ließ die Welt mit einem verschwommenem rotorange mystisch und gespenstisch erscheinen. Link wollte gerade einen Tee vom Automaten auswählen, als er aus seinen Augenwinkeln eine Gestalt außerhalb ausmachte, die inmitten des Regens stand. Eine hochgewachsene, durchtrainierte Person, kräftig gebaut und irgendwie… bedrohlich… Link ignorierte das Piepsen des Automaten und ließ seine tiefblauen Augen hinaus schwenken, erschrak an einer alten Wahrheit, erkannte vergessene Grausamkeiten und würde doch nur zweifeln. Inmitten des Parkplatzes, unbeeindruckt von dem Regen und kleineren Hagelkörnern, befand sich ein breitschultriger Mann. Gefühllos peitschte der Regen nieder und schien in der Nähe des Mannes zu verdampfen. Er bewegte sich keinen Zentimeter, ließ den eisigen Regen auf eine schwarze Kutte fallen und funkelte unter seiner Kapuze mit glühenden Augen in Links Richtung. Ein wahnsinniges Feuer der Gier und Brutalität loderte dort in jenen Seelenspiegeln, schickte Zorn, schickte Verdammnis. Der junge Mann blinzelte, rückte näher an die Scheibe und beobachtete den verdächtigen Mann kritisch. Zunächst war Link nicht sicher, ob dieser Kerl tatsächlich ihn fokussierte, oder vielleicht nur aus Versehen in seine Richtung blickte, als jener halbe Riese aber seine rechte Faust hob und mit einem Zeigefinger auf ihn zeigte, konnte der Blondschopf nicht mehr an Zufall glauben. Link stemmte seine Hände gegen das Fensterglas. Sein Atem benetzte die Scheibe und es war da, dass der Hüne außerhalb belehrend mit seinem Zeigefinger pendelte. Als würde Link hypnotisiert werden, starrte er zu dem bedrohlichen Menschen nach draußen. Seine tiefblauen Augen blieben ununterbrochen geöffnet, als wären sie erstarrt. Noch ein Blick ausgehend von dem Mann im Regen… noch einer und ein weiterer… als kommunizierte er, als nutzte er Wege der Sprache, die in der Menschenwelt kaum existieren. Und als Links Augen gläsern wurden, drängte sich eine Stimme in ihm auf, die sie unerlaubt Zutritt zu seinen tiefsten Gedanken verschaffte.

„Du wirst sie nicht beschützen… nicht vor mir…“, summte es dröhnend. Als brachen Links Wunden am Bauch wieder auf und raubten ihm die Kraft, sackte er gegen die Scheibe und kniff die Augen zu. Für einen unwirklichen Moment brach etwas durch die dicke Schutzschicht seiner Gedankenwelt… ein marterndes, unruhiges Gefühl suchte ihn heim geknüpft an grausame Bilder, zerstörte die Versiegelung alter Erinnerungen für wenige Augenblicke und forderte Achtung und Gehör.

„Du wirst sie nicht beschützen… nicht hier…“, brummte es erneut schlitzend und kraftraubend. Als der Oberstufenschüler einen erstickenden Laut aus seiner Kehle ließ, brachen Bilder einstiger Herzlosigkeit an die Oberfläche…

Er konnte sich selbst sehen, benetzt mit kostbarem, hellem Blut, umgeben von garstiger Dunkelheit, die nur vom glühendroten Himmel und flackernden, fernen Blitzen erhellt wurde. Dort in der Finsternis erhob er sich, stützte sich auf ein weißleuchtendes Schwert, das heller als jeder Blitz die Dunkelheit verbannte. Er konnte Schreie in der Ferne hören, erstickende, quälende Rufe dutzender Menschen, die kreischten, als würden sie gefoltert. Und in dem Strudel jener Stimmen stach eine heraus, die hell und rein durch die Dunkelheit schallte. Er konnte sie rufen hören, das Mädchen aus seinen Erinnerungen, konnte sie weinen spüren. Hier, an diesem Ort, wo der Tod regierte, wo nichts mehr wuchs und alles Leben in die Verdammnis geschickt wurde, konnte er sie spüren. Er ächzte, sah weiteres kostbares Blut aus seinem eigenen Körper auf den Boden sickern. Und das dunkle, dicke Blut lief triefend aus zahlreichen Wunden seines Körpers über seine Stirn, über seine Brust, über seine Hände und doch… und doch würde er kämpfen, wenn es das Schicksal so wollte. Sein Feind würde ihn nicht brechen, mit keiner seiner Grausamkeiten, mit keinem fiesen Wort, mit keinem dreckigen Schwert. Diese Welt kannte ihre Helden, das Land, für das er stand, kannte die legendären Schicksale, und würde sich immer an das Gute erinnern, das die Geschichten verzauberte. Die Welt, die nun auf Messers Schneide stand, vertraute auf ihn und auf das willensstarke Herz, das in seiner Brust schlug und sich nicht zerquetschen lassen würde, von keinem Schwertstoß, von keinem dunklen Zauber und keiner Folter. Er wusste, wozu er geboren wurde, was es hieß der eine Held zu sein, er wusste, wen er beschützen wollte…

 

Die Augen weit aufgerissen, beinah erstarrt zu Stein, stand Link noch immer vor dem Fenster in einem grauen Gang des Polizeipräsidiums. Irritiert sah er um sich, hatte das Gefühl, ihm wären einige Sekunden abhanden gekommen, als ihm der mysteriöse Kerl außerhalb wieder einfiel… aber dort, wo jener Mann noch vor Sekunden stand, war nun nichts mehr. Misstrauisch überschaute der Oberstufenschüler die Welt außerhalb, aber nirgendwo war eine Spur dieses Mannes. Link setzte eine Hand an sein Kinn, grübelte, wusste, dies war der Kerl, den er bei nächtlichen Streifzügen durch die Innenstadt schon einmal gesehen hatte. Und im selben Moment drehte sich der Schüler in Richtung seines Gastes. Das Mädchen mit dem langen, goldenen Haar saß zerschlagen und hungrig auf einem Sessel, nicht weit von ihm, und doch wurde Link das Gefühl nicht los, dass er lieber direkt neben ihr sein sollte. Er schnappte sich den Tee vom Automaten und lief geradewegs in ihre Richtung. Als er vor ihr stand, sah sie mit müden Augen auf und rieb sich ihre zarte Stirn. Link versuchte es mit einem leichten Lächeln und reichte ihr den Tee.

„Danke…“, meinte sie leise. „Ich weiß gar nicht, wie ich mich revanchieren soll… ich meine nicht nur für den Tee…“

„Du kannst dich revanchieren, indem du dich mit mir unterhältst“, sprach er und lächelte verlegen. „Wir könnten einfach ein Stück in dem Gebäude herum gehen… um etwas Zeit tot zu schlagen, wäre das okay für dich?“ Er wollte sich ein wenig die Beine vertreten, aber eigentlich war dies nicht der Hauptgrund. Irgendetwas sagte ihm, dass sie sich beide nicht mehr zu lange hier aufhalten sollten. 

„Ja, gerne…“, sprach sie.

„Und wir könnten uns etwas kennenlernen… vielleicht gibt es ja doch etwas, was dir einfällt oder worüber wir reden können…“, sprach Link und führte sie in Richtung des Aufzugs, aber auch dies gefiel ihm gerade irgendwie nicht. Er überlegte es sich anders und entschied sich die Treppe zu nehmen. Sie tapsten einige Stufen hinab, waren hier alleine, denn kaum jemand entschied sich zu Fuß zu gehen…

Mit einem leicht mulmigen Gefühl trat das blonde Mädchen hinter Link her. Sie spürte, dass er irgendetwas verheimlichte und fragte sich für einen Moment, was sie hier eigentlich tat. Sie ließ sich von einem ihr fremden, jungen Mann, den sie vorher scheinbar nie gesehen hatte und der sie nicht kannte, einfach durch einen leeren Treppenaufgang führen. Auch wenn sie ihn als sehr aufrichtig, und reinen Herzens, einschätzte, so war es mehr als naiv und dumm von ihr ihm zu viel Vertrauen zu schenken. Sie bremste ihren Schritt und blieb einfach stehen.

„Was ist?“, murmelte er, da sie nicht folgte. Verwundert blieb auch er stehen und konnte sich aus ihrer plötzlichen Scheue keinen Reim machen.

„Link… ich bin dir wirklich dankbar dafür, was du hier für mich getan hast… aber was erwartest du eigentlich von mir?“, meinte sie bestimmt und sah ihm mit einer Spur Ernst und Misstrauen in die Augen.

Die Frage brachte ihn total aus dem Konzept und er wusste überhaupt nicht, was sie meinte. Er kratzte sich an einer hellen Augenbraue und konnte die Zweifel in ihren kristallblauen Augen sehen.

„Was ich erwarte?“, wiederholte er. Er wollte sicher gehen, sich nicht vielleicht doch verhört zu haben.

„Ja… ich… ich habe das Gefühl, du verbirgst etwas… und es macht mich unsicher… Erwartest du etwas von mir?“ Sie schloss die Augen trübsinnig. Sie wusste nicht, wo dieses ungute Gefühl herkam, aber es nagte…

„Es ist nur ein Gefühl, das du hast…“, argumentierte er. „Ich helfe dir doch nicht, weil ich dafür eine Belohnung haben will.“ Aber war es wirklich so einfach? Vielleicht hatte er bestimmte Absichten, aber er würde niemals etwas für seine Hilfsbereitschaft verlangen… Ein wenig enttäuscht sah er seinem Schützling entgegen. Wie blind war er gewesen, als er sie fand? Dachte er wirklich, er hatte jemanden gefunden, der sein langweiliges Leben durcheinander bringen konnte? Dachte er wirklich an so etwas wie Schicksal? Mit einem Schlag zerstörte sich die kleine, heile Scheinwelt, die er sich mit ihrem Erscheinen ausgedacht hatte… und das Erwachen aus diesem Traum war bitter. Hatte er wirklich geglaubt, dass das eingebildete Vertrauen zwischen ihnen etwas Besonderes war?

„Du denkst, ich erwarte irgendeinen Dienst von dir dafür, dass ich dir helfe…“, sprach Link leise. Und eine plötzliche Trübsinnigkeit, Melancholie in seinen Gesichtszügen, zerschmetterte auch die kleine Brücke von Hoffnung und Stabilität, auf der sie wanderte.

„Nein“, sprach sie klar und trat wieder näher. Sie kannte diese Situation, sie kannte diesen Kummer, als hätte es viele dieser Situationen schon vorher gegeben. „Das ist es nicht… ich weiß eigentlich… ich weiß eigentlich überhaupt nicht mehr, was ich hier mache…“

Link seufzte und schloss die Augen, aus irgendeinem Grund kannte auch er dieses Gefühl… und diese Empfindungen erinnerten ihn an Abweisung… Sehnsucht… an unerfüllte Bedürfnisse und menschliche Grausamkeiten. 

„Ich weiß… irgendwie nicht einmal mehr, was ich glauben soll… ich komme mir so seltsam vor, als wäre ich nicht ich selbst…“, murmelte sie, schüttelte dann den Kopf und schämte sich, dass sie es ihm sagte, schämte sich, dass sie ihm ihr Herz ausschüttete. „Entschuldige…“, setzte sie hinterher. „Was ist das hier nur… alles ist so komisch… diese Gebäude… diese komischen Materialien… selbst der Geruch der Luft… es fühlt sich alles so fremd an… und ich habe Angst vor… vor irgendjemandem, den ich nicht kenne…“

Link schwieg und einmal mehr brachen unerwünschte Gedanken an die Oberfläche, bereit seine Illusionen wieder aufzubauen. War sie vielleicht doch kein gewöhnlicher Mensch? War da vielleicht doch mehr, das ihre Seele von anderen unterschied?

„Verzeih‘ mir bitte… ich wollte dich damit nicht belasten… Es ist nicht deine Sorge. Entschuldige vielmals…“

,Nein‘, dachte er. Es war mehr als nur seine Sorge und sein Problem… Denn er war für sie verantwortlich. Denn er hatte ihren Ruf gehört, er hatte sich ihr Erscheinen gewünscht… gesehnt hatte er sich danach mit jeder Faser seines Herzens.

„Hör‘ endlich auf damit“, sprach er dann bestimmend. Er konnte diese traurigen Gefühle nicht ertragen. Mit ernster Miene trat er auf sie zu, soweit bis sie mit dem Rücken an der Wand lehnte und er sie ganz genau mustern konnte.

Verblüfft wich der schönen Unbekannten die Farbe aus dem Gesicht. Nicht, weil Link sie intensiv musterte, aber weil er nur wenige Zentimeter vor ihr stand.

„Hast du eigentlich die Spur einer Ahnung, dass dein Aufenthalt hier sehr wohl mein Problem ist?“ Willig hörte sie zu, öffnete ihren Mund einen Spalt und sah ihn mit immer größeren Augen an. „Ich habe dich im Wald gefunden und ich werde den Teufel tun, dich einfach hier zu lassen und mich nicht mehr darum zu kümmern! Ich bin für dich verantwortlich und ich käme nicht im Traum auf die Idee nur deswegen irgendetwas von dir zu verlangen. Glaubst du, ich will meinen Spaß und dann hat sich die Sache erledigt?“  Er hob ihr Kinn mit seinen Fingerspitzen nach oben, sodass sie die Aufrichtigkeit in seinen Augen lesen konnte. „Und ich weiß sehr wohl, wie furchtbar diese ganze Geschichte für dich sein muss, ich kann mir vorstellen, wie verloren du dich fühlst, aber kannst du mir bitte den Gefallen tun und mir glauben, dass ich nichts im Sinn habe dir irgendwie zu schaden?“ Sie nickte fahl, nickte mehrfach und zwinkerte aufgeregt. „Und wenn etwas nicht stimmt, dann musst du das einfach nur sagen…“, schloss er ab, rückte aus ihrem Gesichtsfeld und kam sich irgendwie noch bescheuerter vor als vorher. Sie hatte ja eigentlich vollkommen recht, sie kannten einander nicht und sollten eine gewisse Distanz voreinander haben, also war ihr Misstrauen doch mehr als berechtigt. ,Und es stimmte ja‘, dachte Link dann, er hatte ihr etwas verschwiegen… Er hatte ihr den bedrohlichen Mann im Regen verschwiegen… und sein sechster Sinn sagte ihm, dass dieser Hüne nicht weit weg war. Er drehte sich um seine Achse und rieb sich seine Stirn. Auch wenn der Schmerz der Wunden erträglich war, spürte Link, dass diese ganze Ausnahmesituation mehr als anstrengend war… für alle Parteien.

„Link… ich…“, murmelte sie und legte eine warme Hand auf seine rechte Schulter. „Danke…“, ergänzte sie. „Danke, dass du mich gebremst hast…“ Trottelig drehte er sich um seine Achse und wirkte fast noch beschämter als sie.

„Du hast Recht“, sagte sie und ballte ihre rechte Faust. „Ich muss mich einfach zusammenreißen…“ Link war nur verdattert über seine Argumentationskunst. Er hatte es wahrlich geschafft sie von ihren Zweifeln runterzuholen?

„Ähm… gern geschehen“, murmelte er und erhielt dafür ein sanftes Grinsen. Aber er konnte keine Antwort von ihren weichen Lippen abwarten. Denn gerade in dem Augenblick dröhnte ein Zeldaremix, ausgelöst von seinem Handy durch die Luft. Der junge Mann schaute sofort darauf und sah, dass seine Mutter anrief.

„Hey, Mum“, meinte er verwundert und knipste den Lautsprecher an, sodass sein Schützling mithören konnte. 

„Hallo, mein Schatz“, entgegnete sie, worauf er nur die Augen verdrehte. Er hasste es, wenn sie ihn ,ihren Schatz‘ nannte. Das war doch kein Zustand einen fast erwachsenen Mann so zu betiteln…

„Was gibt es“, meinte Link genervt und sah während des Telefonats immer wieder zögerlich in die himmelblauen Augen seines Schützlings.

„Wir haben gerade eben einen Anruf von Onkel Jonas bekommen, dass die Entscheidung des Richters gefallen ist und sind auf dem Weg ins Präsidium“, erklärte sie. Link grinste und freute sich, dass das Warten ein Ende hatte. Und irgendwie, so nahm er an, war auch der Zeitpunkt der Richtige. Der Mann von vorhin kam ihm in den Sinn und Link hatte etwas Sorge, jener könnte sich in dem Gebäude aufhalten. Es ergab zwar überhaupt keinen Sinn, soweit er das beurteilen konnte, aber er spürte… aus irgendeinem Grund… und ohne, dass es der Logik folgte… Gefahr… Gefahr für sich selbst, aber vor allem für das Mädchen, das er in Sicherheit wissen wollte.

„Danke, Mum“, meinte Link, legte auf, und hoffte nun nur noch, dass die Entscheidung des Richters positiv ausfiel. Er ließ sein Handy in die Hosentasche sinken und blickte seinen Schützling aufmunternd an.

„Jetzt wird sich die Sachlage entscheiden…“, sprach er sanft, während sie in dem Treppenaufgang standen.

„Ja…“

„Eigentlich schade“, sagte er aufheiternd.

„Warum?“

„Nun ja, jetzt wollte ich mich mit dir unterhalten und dich besser kennenlernen und nun haben wir doch keine Zeit mehr dafür“, murmelte er und schaute verlegen an ihrem rechten Ohr vorbei.

Sie nickte bloß, wusste nicht, was sie sagen sollte und fühlte sich erneut sehr unsicher. Was war, wenn die Entscheidung des Richters weniger erfreulich ausfiel? Was war, wenn sie an einen Ort käme, der nicht so angenehm war wie Links Zuhause? Mit einem Schlag wurde ihr die Tragweite dieser ganzen Situation bewusst… und das Gefühl, dass ein anderer über ihr Wohlbefinden entschied, gefiel ihr ganz und gar nicht, es löste einen sehr bitteren Beigeschmack aus.

„Wollen wir dann nach unten gehen und auf meine Eltern warten?“ Erneut kam nur ein Kopfnicken von der Schönen. Es kam ihm beinah so vor, als hatte sie ihre Stimme verloren. Sie scheute sich mit ihm zu reden und er ahnte, warum. Sie war angreifbar und hatte Angst vor den weiteren Abläufen. Sie umarmte sich selbst, richtete ihr wunderschönes Gesicht zu Boden und schloss ihre mit Schatten belegten Augen.

„Hab‘ keine Angst…“, meinte Link und spürte in sich das Bedürfnis ihr das Gefühl zu geben, dass alles okay war. Zögerlich blickte sie auf. „Wir wissen beide, dass diese Situation irgendwie… verrückt ist… aber ich weiß, und ich will, dass du mir das glaubst… ich weiß, dass wir das irgendwie schaffen werden, was auch immer passiert. Ich weiß einfach, dass sich alles zum Guten wendet.“ Die Zuversicht schien persönlich aus dem Mund des Blondschopfs zu sprechen. „Hab‘ ein wenig Mut“, ergänzte er. Und Link fragte sich inzwischen teilweise, ob er jeden Verstand verloren hatte, was, zum Teufel, ließ ihn diese geistlosen Sätze formulieren?

„Danke, Link“, meinte sie bestimmter und lief gemeinsam mit ihm die Treppen hinab. Er wusste nicht, ob sie ihm wirklich glaubte, aber ein Teil in ihm verlangte danach…

 

Wenig später erschienen die Braverys fröhlich gelaunt und sichtlich entspannt durch ihrem bisher angenehmen Samstagnachmittag und liefen gemeinsam mit Link und der Unbekannten in das Büro von Onkel Jonas. Beschäftigt saß der Beamte hinter seinem Schreibtisch und las die Entscheidung des Richters vor, der das Mädchen ebenfalls vorhin begutachtet hatte. Tatsächlich war es eine erfreuliche Entscheidung, welche Link ein ausgefeiltes Grinsen in das Gesicht brachte und auch das Mädchen tief durchatmen ließ.

„Die Entscheidung des Richters bestimmt also, dass sie zu einer Pflegefamilie kommen soll“, wiederholte Meira. Auch sie schien irgendwie begeistert und rieb sich die Hände. „Habt ihr bereits jemanden?“

Jonas Carter lächelte das erste Mal, seit Link ihn heute gesehen hatte. Es schien als war die schlechte Laune von heute Vormittag verflogen. „Nein, wir haben noch niemanden“, entgegnete er. „Das wolltet ihr doch alle hören, nicht wahr? Und ganz besonders du, Link!“, sprach er lachend. Dümmlich schaute der Angesprochene an die Decke und schluckte die Spucke in seinem Hals zwanghaft herunter. ,Ja, verdammt‘, dachte er. Ja, er wollte, dass sie bei ihm war. Er wollte, dass sie es nicht so schwer hatte! Was war daran so schlimm?

„Wie geht es jetzt weiter?“, meinte Link neugierig und stemmte seine Hände auf dem Tisch ab.

„Nun, den Rest musst du deiner Mutter überlassen“, meinte Jonas und alle Augen fielen auf Meira. Die rundliche, fröhliche Dame nickte bloß, krallte sich den Arm der unbekannten Schönen, die überhaupt nicht mehr wusste, wie ihr geschah. Sie war mittlerweile erledigt… fühlte sich schwindlig und hatte das Gefühl zu träumen…

„Für mich ist die Sachlage klar, ich kann dann die Papiere unterschreiben, meine Personalien sind ja eh noch hinterlegt. Ihr habt noch alles, was ihr braucht von mir, oder?“

„Ja, es ist alles da, auch ein polizeiliches Führungszeugnis. Es steht nichts im Wege, dass das Mädchen nun bei euch bleiben kann“, entschied der Beamte, worauf Link heftig grinste und Freudensprünge absolvieren wollte. „Zumal die Unbekannte auch bei der Psychologin geäußert hat, dass sie bei euch bleiben will, natürlich nach Ausschluss irgendwelcher anderweitigen Motive.“

„Tatsächlich?“, meinte Sara. Ihre neckischen, großen Augen fielen interessiert zu der blonden Schönheit. Verlegen sah jene zu Boden.

„Das ist ja hervorragend“, sprach Meira, krallte sich sofort die Formulare auf dem Tisch und unterzeichnete. „Können wir dann gehen?“, sprach sie. „Das Essen steht auf dem Ofen.“

Perplex sah das Mädchen dann in die Runde. War wirklich alles geklärt? Sie war den Tränen nah, als sie von Link in Richtung der Tür geschoben wurde und konnte die Situation noch gar nicht begreifen. Es war wirklich alles gut gegangen? Sie würde erst einmal bei Link bleiben können?

„Aber bedenkt bitte, dass ein neuer Termin vereinbart werden muss, wenn das Mädchen einen Anhalt für ihre Erinnerungen hat. Außerdem wird sie nach den Ferien in die Schule gehen müssen, auch das muss noch geklärt werden. Die Unterlagen zur Krankenversicherung und so weiter schicken wir euch sobald wie möglich“, ergänzte Mister Carter. Dann endlich traten die Braverys aus dem Raum und machten sich bereit für die Fahrt in die Straße der Erinnerung. Überfordert ließ sich die fremde Lady aus dem Gebäude führen und schien zu träumen. Benommen registrierte sie nur teilweise, was passierte und schien erst wieder zu sich zu kommen, als sie gemeinsam im VW Tiguan saßen. Alles war in Ordnung… alles war gut… Sie schloss die Augen und lehnte sich entspannt zurück…

Und auch für Link war im Großen und Ganzen alles in Ordnung, außer einer erinnernden Kleinigkeit. Denn als der Wagen seines Vaters über den Parkplatz fuhr, konnte er am Eingang des Präsidiums eine auffällige Gestalt heraustreten sehen. Beschleunigend fuhr der VW voran, aber ein letzter Blick bestätigte Links Sorge. Der bedrohliche Hüne von vorhin, der ihm gespenstisch vertraut erschien, hatte sich tatsächlich im Gebäude aufgehalten… Und vielleicht wachte jemand über das bisschen Glück, das Link und seinem Schützling zustand…

 
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