Kapitel 1.8
 

Kapitel 8: Vertrautheit

 

 

Die erste Nacht im neuen, und doch sehr ungewöhnlichen Heim ging für das Mädchen, das ihre eigene Geschichte und ihren Namen nicht kannte, nur schleppend vorüber. Immer wieder war sie aufgewacht, brauchte mehrere Minuten um sich daran zu erinnern, was geschehen war, wo sie war und versuchte ihre herben Zweifel ruhen zu lassen. Der Regen knallte fordernd an die Scheibe des großen Fensters im Gästezimmer der Braverys, als die schöne Fremde einmal mehr in den Schlaf sank. Ein letzter Gedanke an Link, der sie gefunden hatte, der sie beschützt hatte ohne irgendeinen hinterhältigen Gedanken, geisterte durch ihren Kopf, bis sie endlich einschlief. Und während sie schlief, wunderschön in dem riesigen Ehebett, bedeckt mit einer dicken Federdecke und ihr Haar sich schlängelnd auf der Decke verteilte, kullerte eine einzelne kristallene Träne aus ihrem rechten Auge und fiel auf das Kopfkissen.

Gerade da schimmerte in der Nacht, die doch von Sturm und Gewitter, Nebel und Kälte so unleugbar verunstaltet wurde, leise und andächtig, ganz zaghaft ein kleines Leuchten in dem Raum, als schillerte ein weißes Kerzenlicht, flackernd, aber magisch durch das Zimmer… das Licht tanzte und in jenem Licht, barmherzig, funkelte jemand, der sich aus den seidenen Fäden seiner nicht besiegelten Existenz erhob. Ein kleiner Junge, vielleicht fünf Jahre alt, gekleidet in waldgrünen Gewändern, niedlich mit blondem, strubbligem Haar und einprägsamen, sehr mutigen Gesichtszügen erschien hier, als Bote, als andersartige Magie und als Beobachter. Er lächelte, trat näher zu der blonden Schönheit und hauchte mit einer glockenhellen Singstimme. „Du wirst dich erinnern… du bist so schön… denn du bist die Prinzessin des Schicksals… Die Göttinnen wachen über dich… und sie ließen nicht zu, dass du ohne ihn sein musst…“ Er lächelte eindringlich. In der Dunkelheit des Zimmers erhob er sich mit seinem feinen Licht und ein süßes Kindergesicht beugte sich über das schlafende Mädchen. „Ich mag‘ dich“, flüsterte er zart und drückte ein schmatzendes Küsschen auf ihre rechte Wange. „Du darfst nicht mehr so viel weinen… Du hast jetzt Link… er wird deine Tränen trocknen…“ Er lächelte noch einmal und verschwand, sinnlich und leise. Gerade da wühlte Zelda nervös in dem Bett herum,  schrak dann hastig auf und keuchte. Sie presste ihre Hände auf die Brust und suchte schließlich das Zimmer ab. Für einen kurzen Augenblick hatte sie das Gefühl gehabt, nicht alleine zu sein. Aber… sie ließ ihren Blick weiterhin schweifen… aber hier war niemand. Verwundert strich sie sich über ihre Wange, spürte einen angenehmen Nachklang von irgendetwas sehr Vertrautem… Sie richtete sich auf, murmelte den Namen Link in die Nacht und legte ihre Rechte noch einmal auf ihre Wange. Aus irgendeinem Grund hatte sie das Gefühl gehabt… Link wäre hier gewesen… diese angenehme Energie, die sie gerade gespürt hatte und diese Empfindungen, welche jene begleiteten… das konnte nur Link gewesen sein…

Sie zwinkerte und entschied sich ihr Gedankenwirrwarr ruhen zu lassen. Link schlief garantiert tief und fest, denn er musste sich mit seiner fiesen Wunde ausruhen. Warum sollte er sich bei ihr ins Zimmer schleichen? Sie tat diesen Gedanken als eine sehr schlechte Einbildung ab und versuchte wieder Schlaf zu finden…

 

Der nächste Morgen im Haus der Braverys startete und es sollte ein angenehmer, sonniger Morgen werden. Meira und Eric beratschlagten derweil mit Sara inwieweit es günstig wäre ihren geplanten Urlaub in die Tat umzusetzen. Sie frühstückten, als sowohl Link, wie auch Zelda noch schliefen, und kamen zu dem Entschluss, auch weil Sara beinahe darauf beharrte, dass nichts dagegen sprach ein paar Tage wegzufahren. Und insgeheim sah Meira keinen Grund nur wegen einem neuen Pflegekind ihre Urlaubsreise zu verschieben… und was der mütterlichen Meira sonst noch im Kopf herumgeisterte, verriet sie lieber nicht. Aus einem sicheren, und sehr hinterlistigen Bedürfnis heraus, wollte sie Link und Zelda alleine lassen. Wann schon hatte Link sich wie ein normaler Jugendlicher verhalten? Nie… nur, seit dieses Mädchen da war, schien er endlich aufzutauen und sich so zu verhalten, wie es gut für ihn war. Dieses Mädchen hatte eine Wunde geheilt, die Meira schon lange bei ihrem Sohn bemerkt hatte… und sie wusste, dass nichts dagegen sprach die beiden alleine zu lassen. Was sie überraschte, war, dass Sara dieselben Ansichten hatte.

Zufrieden packten die Braverys ihre Taschen in das Auto, als Zelda in Meiras weißem Nachthemd die Treppen hinab trottete. Sie war verschlafen, hatte ohnehin eine sehr unruhige Nacht gehabt und wunderte sich, dass die Braverys so in Eile waren. Dann erinnerte sie sich daran, dass Meira ihr von dem geplanten Urlaub erzählt hatte.

„Guten Morgen, Zelda“, sprach Meira erheitert und auch Sara und Eric begrüßten das Pflegekind.

„Guten Morgen… ihr fahrt jetzt schon… weg?“, fragte sie irritiert und heftete ihre himmelblauen Augen auf Sara.

„Ja, es ist ein guter Zeitpunkt“, entgegnete Links Schwester. Sie trat näher an Zelda heran und wisperte geheimnistuerisch in ihr Ohr. „Einen besseren Zeitpunkt gibt es nicht, dass du mit Link allein sein kannst.“ Dann grinste sie neckisch und lachte. „Ich werde Link wecken“, sagte sie noch und hetzte die Treppen nach oben.

Nicht sicher, was Sara meinte, hockte sich Zelda in die Küche und beobachtete ihre Pflegeeltern freudig Taschen in das Auto packen. Irgendwie… hatte sie dabei ein sonderbares, freies Gefühl. Ob es wirklich okay war, dass die Personen, die auf sie achten mussten, einfach wegfuhren? Für einen Augenblick hatte sie den Eindruck, dass es in ihrem Leben immer viele Leute gab, die auf sie aufpassen mussten…

Derweil kam Sara mit ihrem Bruder nach unten und sofort fiel Zelda auf, wie kläglich Links Zustand war. Er hatte mit seiner Wunde zu kämpfen, die er unter seinem grünen Pyjama versteckte. Er versuchte sich jedoch vor Sara und seinen Eltern nichts anmerken zu lassen. Aber er sah müde aus, hatte Augenringel und war blass…

„Guten Morgen…“, murmelte sie und lächelte ihn etwas verträumt an. Es war für sie teilweise eine angenehme Situation zu wissen, dass sie umso mehr Zelt mit ihm verbringen konnte.

„Morgen, Zelda“, murmelte er schläfrig und verabschiedete sich dann von seinen Eltern.

Meira schien ebenso wenig wie Eric zu bemerken, dass Link kränklich aussah, was ihn beruhigte. Er wollte nicht, dass seine Eltern, denen er unheimlich dankbar war, dass Zelda bleiben durfte, auf ihren Urlaub verzichteten. Und das nur wegen ihm und der bescheuerten, unerklärlichen Wunde. Er ließ sich nichts anmerken, winkte seiner Mutter zu, die überhastet aus dem Haus stürmte.

„Ich habe Lydia und Jonas beauftragt, ab und an nach euch beiden zu schauen, also bis Ende der Woche!“, rief Meira, als sie in das Auto hüpfte.

Sara war die letzte im Haus, umarmte ihren Bruder zum Abschied, und auch Link war überrascht, dass sie mit in die Berghütte fahren wollte. „Es ist besser für Zelda… und auch für dich, wenn ich mich nicht zu sehr einmische…“

„Wie meinst du das?“, sagte er verdutzt, als sich seine Schwester ihre Jacke überstreifte.

„Du wirst mich irgendwann verstehen… Vertrau‘ mir, Brüderchen. Eine tolle Woche euch beiden.“ Und damit war auch sie verschwunden.

„Das ging ja mal schnell“, murmelte Link irritiert und sah seine Familie im VW von dannen Rauschen.

„Ja, irgendwie… eine komische Situation, dass wir jetzt alleine sind…“, entgegnete Zelda und nahm an seinem Ausblick teil. Beide standen sie nun im Wohnzimmer, beide noch in ihren Nachtgewändern.

Link grinste auf die Bemerkung: „Meinst du, du hältst es so lange mit mir aus?“

„Äh… solange du keine hinterhältigen Gedanken hast“, sprach sie erheitert.

Er verschränkte die Arme und lachte in sich hinein: „Woher willst du denn wissen, dass ich diese nicht habe, hm?“ Er beäugte sie spaßhaft.

„Nun ja… weil…“ Sie verhaspelte sich und wusste nicht wirklich etwas darauf zu sagen. „Du hast keine Hintergedanken, oder“, sprach sie verstört.

„Nein, aber du hattest diese“, konterte er und lächelte sie breit an.

„Wie meinst du das?“, sprach sie irritiert.

„Du hast gesagt, es wäre eine komische Situation, dass wir jetzt alleine sind. Daraus kann man so einiges folgern.“

Sie wurde etwas rot in ihrem hübschen Gesicht und beäugte ihn skeptisch: „Was würdest du daraus folgern?“

„Das verrate ich lieber nicht“, lachte er. Er wollte sich eigentlich weiterhin so spaßhaft unterhalten, spürte aber mit einem gemeinen Ruck, dass er noch immer verwundet war. Eine plötzliche Schmerzattacke überkam ihn, bohrte sich heftig hinein in seinen Bauch, sodass ihm beinah übel wurde. Er atmete scharf ein, torkelte und fühlte überraschend zwei Arme, die ihn stützten. Er sah Zelda teilweise verschwommen vor sich, spürte ihre Anwesenheit mit einem einschleichenden Gefühl und der Erinnerung an etwas, das älter war als diese Welt. Er konnte sie flüstern hören, konnte sie spüren, roch ihren Duft… nach Rose…

Irgendwo stand sie einst vor ihm, lächelnd und doch traurig… ihre himmelblauen Augen ohne Schatten, sanft und doch fordernd. Und in diesem winzigen Augenblick sah er sie lächeln, so einprägsam, wie sie noch nie gelächelt hatte: „Ich danke dir, mein Held“, sagte sie. Und der verwundete, junge Mann verstand nicht, was sie meinte. „… dafür, dass du mich gefunden hast.“ Sie streichelte sein Gesicht, als Link dachte, nichts könnte jemals schöner sein als ihre Haut an seiner…

Gerade in dem Moment kam Link langsam wieder zur Besinnung. Er saß angelehnt auf dem Couch und Zelda kniete mit ernster Miene vor ihm. Ihr Blick wanderte zögerlich, aber besorgt zu seinem Bauch, wo etwas Blut unter dem grünen Pyjama zum Vorschein kam. Sie legte ihre Hände auf den teuflisch roten Mund und sah dann besorgt in seine tiefblauen Augen. Aber sie blieb ruhig, fragte erneut nicht nach dem Ursprung seiner Verletzung und hetzte ins oberste Stockwerk. Nicht einmal eine Minute später erschien sie mit einer kleinen Visitenkarte in ihren Händen und trat damit zu dem Telefon.

„Ich habe bei Meira und Eric gesehen, dass ihr damit Kontakt aufnehmen könnt… Ich muss einfach nur die Nummer eingeben, richtig?“ Etwas fragend sah sie in Links Richtung, der nicht kapierte, was sie von ihm wollte. Er seufzte, drückte die Augen zu und legte seine Hände auf die Wunden.

Als Link nicht antwortete, schüttelte sie kurz ihren hübschen Kopf und ließ sich von ihrer Intuition leiten. Sie tippte die Nummer ein und lauschte in das Telefon. Tatsächlich erklang am anderen Ende eine freundliche Stimme, die sie sofort wieder erkannte. Dar Gordon war persönlich am Telefon. Er sprach einen aufheiternden Guten-Morgen-Gruß und wartete auf eine Antwort.

„Guten Morgen… hier ist Zelda… ich brauche Hilfe für meinen Freund…“, sagte sie. Und auch Link hörte mit halbem Ohr zu. Hatte sie ihn tatsächlich ,ihren Freund‘ genannt? Benommen schaute er zu ihr hinüber. Sie sprach mehrmals ein leises Ja und wippte mit ihrem blonden Kopf. Dann beendete sie das Telefonat, erfreut darüber, dass sie dies geschafft hatte und warf einen Blick zu ihrem verletzten Helden.

„Wen hast du denn angerufen?“, murmelte er, als sie sich zu ihm auf das Sofa setzte.

„Dr. Dar Gordon, der mir seine Visitenkarten hinterlassen hatte, du brauchst dringend medizinische Hilfe.“

„Was? Bist du total übergeschnappt? Ich brauche nicht schon wieder Spritzen… Und außerdem… Was, wenn er mich fragt, woher diese Wunden kommen… Ich kann ihm ja kaum erzählen, dass ein Spiel mir diese Wunden zugefügt hat?“ Zelda machte keine Anstalten, aus irgendeinem Grund überrascht zu sein und schaute trübsinnig zu Boden. Wusste sie etwa Bescheid? Wenn ja, woher?

Wie als ob sie Gedanken lesen konnte, setzte sie hinzu: „Nein, ich weiß nicht Bescheid. Es spielt keine Rolle, woher du diese Wunden hast, oder wer sie dir zugefügt hat, wichtig ist, dass… es dir bald wieder besser geht.“ Sie meinte zaghaft: „Weißt du, ich habe von dir geträumt.“ 

Nicht einmal das konnte Link noch überraschen, er lächelte bloß. Sie lächelte zurück. Stille herrschte in der Wohnstube des Hauses. Kein Geräusch, kein Laut, keine Stimme. Es war geradezu eine unangenehme Ruhe…

Das Läuten an der Haustür kam gerade zur rechten Zeit. Beide hatten einfach nicht gewusst, was sie noch sagen sollten. Zelda lief in schnellen Schritten zur Tür und öffnete. Dar Gordon trat in das Wohnzimmer mit einem leicht irritierten Blick auf dem runden Gesicht. „Na, Link, wie geht es dir denn?“ Link fiel nichts ein, sondern warf Zelda ein grimmiges Lächeln zu. Aber sie lachte lediglich. Gordon untersuchte die Wunden und stellte seltsamerweise erneut keine Fragen. Link musste erneut zwei unangenehme Spritzen über sich ergehen lassen, war dann aber dankbar, dass Zelda dies in die Wege geleitet hatte. Dar Gordon legte ihm einen frischen Verband um und meinte noch, er sollte jeden Tag gewechselt werden. Mit einer Verbeugung vor Zelda verabschiedete er sich.

 

Es war nun bereits lange nach Mittag. Link befand sich in der Küche und kramte in einem Schrank herum, auf der kläglichen Suche nach etwas Essbarem. Er kam sich total bescheuert vor, da er einen Gast hatte und nicht wirklich einen Plan vom Kochen. Zelda kam herein, er bemerkte sie jedoch nicht. Dann durchkämmte er den Kühlschrank und fand lediglich eine Packung Milch, die schon sauer war, ein paar Gläser mit Fisch und irgendwelchen konservierten Gemüsesorten, Butter, Ketchup und eben das notwendige. Doch aus nichts der Dinge konnte man eine ordentliche Mahlzeit zubereiten. Dann begann er zu fluchen: „Verdammt. Ausgerechnet heute ist Sonntag. Einkaufen kann ich auch vergessen.“ Zelda schmunzelte. Link registrierte nun endlich ihre Anwesenheit und drehte sich blitzschnell um und lächelte unschuldig. „Ähm… sieht so aus, als haben wir ein Problem.“

„Problem?“ Sie grinste ihn an.

„Ja, eine Art Problem.“

„Tatsächlich. Ein großes Problem?“

Jetzt spielte auch Link mit. „Kommt darauf an, was du als großes Problem definierst.“

„Als großes Problem würde ich den Umstand bezeichnen, dass du nichts Essbares findest.“

„Dann würde ich sagen, wir haben wirklich ein äußerst großes Problem.“ Jetzt grinste auch Link. Es machte irrsinnigen Spaß sich mit ihr zu unterhalten. Noch nie hatte der junge Bursche in seinem jugendlichen Leben so mit jemandem reden können. Wer um Himmels Willen war sie nur? Vielleicht seine Seelenverwandte?

Zelda öffnete den Gefrierschrank. „Kein Problem. Deine Mutter sagte, hier wären noch einige essbare Sachen. Aber Morgen müssen wir dann einkaufen gehen.“

Link sah Zelda an und begriff nicht, was es war, aber irgendwie war es nichts Außergewöhnliches mehr, dass sie hier war, als ob sie schon lange zur Familie gehörte. Der junge Held stand nun neben ihr und schaute ebenso in den Gefrierschrank, wo etliche Beutel mit irgendwelchen Dingen lagen. Glücklicherweise waren sie alle beschriftet.

„Sag’ mal. Kannst du dich denn an irgendetwas erinnern? Vielleicht ein kleiner Hinweis?“

„Nein… leider nicht…“ Sie lief ans Fenster und schaute mit gesengtem Blick hinaus. „Manchmal kommen mir alle kleinen Dinge hier so seltsam fremd vor. Ich meine zum Beispiel den Kühlschrank, den Fernseher, die moderne Technik überhaupt. Ich glaube manchmal, ich habe so etwas nie besessen…“ Link wusste nicht, was er dazu sagen sollte. Er schwieg.

„Aber egal. Ich mache mir wohl unnötige Gedanken.“

Link schloss genervt den Gefrierschrank. „Ich weiß, wir gehen einfach zu Burger King, oder zu McDonald. Ich lade dich ein.“

„Ich weiß, du meinst das nur gut, aber ich liege euch jetzt schon auf der Geldbörse, ich kann diese Einladung nicht annehmen.“

Link lehnte sich mit den Rücken an die Tür des Gefrierschranks, verschränkte seine Arme und sagte: „Tja, dann wird dir wohl nichts anderes übrig bleiben, als hier zu bleiben.“

„Ja, geh’ ruhig.“

„Keine Sorge, ich bin gleich verschwunden.“

„Okay.“

„Ja, genau. Dann bis später.“ Link hielt die Situation schließlich einfach nicht aus, krallte sich ihren Arm und zerrte sie mit. „Ich habe keine Lust, alleine Essen zu gehen, also!“ Und Zelda folgte ihm schließlich ohne Widerwillen.

 

Wenig später saßen sie sich gegenüber an einem Tisch bei McDonalds. Zelda überlegte sich immer noch, was sie nun essen sollte. „Sag’ mal, was schmeckt denn eigentlich von diesem ganzen Zeug?“ Ihr Blick wanderte an der Tafel mit den ganzen Angeboten hin und her.

„Nun, kommt wohl darauf an, ob du auf deine Figur achtest.“

„Wie?“

„Ganz einfach. Es schmeckt zwar gut, macht aber fett.“

Zelda zuckte mit den Schultern, als ob sie das herzlich wenig interessierte. Sie hatte das Gefühl, dass sie nur immer für andere auf ihr Äußeres geachtet hatte, aber niemals für sich selbst. „Bring mir einfach irgendwas mit, ja“, sagte sie schließlich. Link stand auf und stellte sich in der Reihe an. Zelda wurde ihm irgendwie immer sympathischer… Ja, er hatte sie gefunden und fühlte sich für sie verantwortlich, aber dieses Mädchen hatte etwas, was sie einzigartig machte. Je mehr Link in ihre Augen sah, umso mehr hatte er das Gefühl sie zu kennen. Dann wanderte sein Blick wieder zu ihr. Zelda sah aus einem Fenster und hatte einen traurigen Blick in ihren warmen Augen. Er kannte diesem Blick… auch, wenn diese Tatsache wohl nur als ein Hirngespinst zu deuten war.

Als Link das Tablett auf den Tisch stellte, sah Zelda überrascht auf. Sie war so sehr in Gedanken versunken, dass sie nichts mehr wahrgenommen hatte. „Ich weiß, eigentlich kennen wir uns nicht, aber ist alles okay? Du wirst so nachdenklich…“, meinte Link vorsichtig. Er erwartete, sie würde seiner Frage aus dem Weg gehen. Ja, er durfte sich nicht einfach in das Leben dieses Menschen einmischen, das Recht dazu besaß er nicht.

Sehr zu Links Verwunderung lächelte sie ihn leicht an. „Nein… nicht wirklich.“

Er reichte ihr eine der Tüten. „Ist es wegen deinem Gedächtnisverlust?“ Jetzt war er zu neugierig, um einfach wieder locker zu lassen.

„Nein, es ist nur, dass ich keine Ahnung habe, was ich hier tun soll. Ich komme mir ziemlich verloren vor.“ Dann sah sie verlegen weg. „Aber was erzähl’ ich dir das überhaupt? Es wird dich wohl nicht sonderlich interessieren. Wir kennen uns schließlich nicht.“

„Ähm… also… Es interessiert mich trotzdem.“

„Wirklich?“

„Aber sicher.“

„Soso. Du scheinst ein sehr hilfsbereiter Mensch zu sein, Link.“

„Und du scheinst ein sehr nachdenklicher Mensch zu sein, Zelda.“ Er grinste, ein wenig dämlich und hinterhältig, wie das Grinsen von Link eben immer war. Daraufhin aßen sie die Burger, Pommes, Salate und so weiter. Zutreffender für Link wäre wohl gewesen: Daraufhin stopfte er sich das Essen fast mit einem Schlag in den Mund. Sie blieben noch eine Weile sitzen.

„Ich bin mir sicher, dass ich derartiges noch nie gegessen habe“, sagte Zelda.

„Hat es denn wenigstens geschmeckt?“

„Ja, es hat mir tatsächlich geschmeckt. Obwohl ich jetzt mampfsatt bin…“

„Und du bist dir sicher, dass das deiner Figur nicht schadet?“ Er grinste schon wieder.

„Ich glaube nicht, dass ich jemals auf meine Figur geachtet habe“, meinte sie und trank einen Schluck Cola.

„Nein? Das ist eine Schande. Du siehst nämlich so aus, als ob du stets sehr viel Wert auf dein Äußeres gelegt hast.“

„Wie meinst du das denn?“

Er blickte seitwärts. „Na, sieh’ dich doch mal an. Du hast nirgendwo ein Gramm Speck, deine Haare sehen unheimlich gepflegt aus, schon als ich dich in den Wäldern fand, deine Haut muss sich anfühlen, als ob sie jede drei Stunden eingekremt worden war und und und… Meine Schwester ist sicherlich neidisch auf dich.“

Sie stützte ihr Kinn an ihrer rechten Hand ab und funkelte ihn mit ihren blauen Augen an. „Du beobachtest mich aber genau.“

„Ich bin eben ein sehr guter Beobachter.“

„Bei manchen Personen wohl ein wenig zu gut, wie?“

Er rutschte näher und sagte frech. „Ja, es gibt Personen, die ich sehr genau beobachte…“

„Man sollte sich wohl geehrt fühlen, eine dieser Personen zu sein.“

„Ehrlich gesagt, gibt’ es von diesen Personen gar nicht so viele.“

„Also, muss ich mich noch mehr geehrt fühlen, eine dieser wenigen Personen zu sein?“ Sie lächelte und wartete auf eine Antwort. Link überlegte genau, normalerweise kamen Bemerkungen wie jene einfach natürlich, aber bei Zelda schien sein Gehirn wohl nicht mehr richtig zu arbeiten. „Bin gespannt, wie du deine Ehre ausdrücken möchtest“, fiel ihm dann ein.

Zelda seufzte, er hatte immer das letzte Wort. „Jetzt hast du mich…“ Aber Link lachte nur, bis Zelda ebenfalls zu lachen begann. Sie gingen gemeinsam aus dem Laden und liefen die Straße zum Marktplatz entlang.

„Mir fällt da schon etwas ein“, sagte Link nach einer Weile.

„Aber sei nicht zu gemein, ja“, entgegnete sie.

„Gemein? Wer? Ich?“

„…“ Sie kaute auf ihrer Unterlippe.

„Ich bin höchstens link, aber gemein bestimmt nicht. Versprochen.“

„Du hast aber auch immer etwas draufzusetzen, oder?“

„Jep. Und da bin ich stolz drauf.“

Sie liefen gemeinsam über den Mittelaltermarktplatz, der heute in Schicksalshort stattfand. Link hatte eigentlich nicht so großes Interesse an irgendwelchen Märkten, aber Zelda schien dies wirklich toll zu finden. Sie lief vorneweg und sah sich ganz genau um. Sie rannte von einem Stand zum anderen, mit den unterschiedlichsten Dingen, die verkauft wurden. Neben Blumenständen, Waffen- und Kostümständen, waren alle möglichen Dinge zu bewundern. In der Mitte des Marktplatzes zeigten Gaukler auf Fahrrädern mit Bällen in den Händen ihre Künste. Neben dem Brunnen fand sogar ein Ritterturnier statt. Zwei Schauspieler mit schweren Rüstungen traten gegeneinander an. Der eine besaß ein Schwert, der andere eine Axt. Sie duellierten sich. Das fand Link schon sehenswerter und drängelte sich in die erste Reihe, um dem Kampf zu zusehen.

Einige Zeit später stand Zelda neben ihm. „Erzähle mir etwas von dir. Wenn ich schon bei euch wohne, möchte ich dich auch besser kennen lernen. Was machst du so, solltest du einmal nicht fremde Mädchen in den Wäldern finden?“

„Na ja, so toll ist mein Leben eigentlich nicht. Um ehrlich zu sein, beschäftige ich mich die meiste Zeit mit Zelda.“ Er grinste schon wieder. Er hatte das im doppelten Sinn des Wortes gemeint.

„Du bist wohl verrückt nach dem Spiel?“

„Ja, aber das geht, Gott sei Dank, nicht nur mir so.“ Er machte eine kleine Pause. „Ansonsten widme ich meine Zeit den Wäldern. Meine Freunde und ich gehen häufig Angeln, Bogenschießen und Reiten. So langweilig ist mein Leben also auch nicht.“

„Hätte mich auch gewundert.“

„Aber manchmal… da hatte ich…“, begann er, und wusste nicht wieso er jenes Thema, das er bei den meisten Menschen umgangen hatte, ihr jetzt anvertrauen wollte. Er schaute fragend und mit einem Anflug des Zweifels in ihre Augen, lächelte gehemmt und sah dann verlegen weg.

„Link?“

„Ach… vergiss, was ich gesagt habe. Es ist nicht weiter wichtig…“

Sie legte eine Hand auf seinen Arm und lächelte durchdringend. „Schon gut… du brauchst mir das nicht erzählen, wenn du nicht magst.“ Er konnte sich nicht helfen, als einfach nur zu lächeln.

Die Kämpfer in der Mitte des Platzes machten nun ernst und schlugen härter aufeinander ein. Link studierte ihre Bewegungen. Zugegeben, es waren Schauspieler… aber irgendetwas passte ihm an der Technik der Personen nicht. An seiner ernsten Miene erkannte man, dass er sich tatsächlich genauer mit dem Kampfszenario auseinander setzte. Falsch. Falsch. Falsch, sagte eine Stimme in seinem Kopf. Noch bevor er verstand, was er gedacht hatte, waren diese Worte seinen Lippen entkommen. Zelda schaute ihn neugierig an.

„Falsch?“, sagte sie.

„Ja, irgendwie schon. Ich habe das Gefühl, sie machen alles falsch, was man nur falsch machen kann. Schau auf ihre mangelhafte Beinarbeit, auf ihre miserable Technik, auf ihre Ausdruckslosigkeit.“

„Du kannst das wohl besser?“

Daraufhin lachte er. „Machst du Witze, ich hatte noch nie eine Waffe, außer einem Bogen, in der Hand. Ich weiß gar nicht, wie das geht.“

„Du tust aber so, als wärst du ein Experte, zumindest sagt mir das deine Kritik an ihrem Kampfstil.“

Link war baff. Sie hatte vollkommen Recht. Und dennoch, er wusste einfach, dass man mit den Waffen anders umgehen sollte. Er wusste es einfach, auch wenn nicht woher. „Nun, ich hab mich dämlicher Weise hinreißen lassen. Stimmt. Ich sollte nicht darüber urteilen.“

Sie beobachteten weiterhin den Kampf. Beide Krieger schlugen aufeinander ein. Axt und Schwert krachten aneinander. Plötzlich hörte man das Splittern von Holz… Der obere Teil der Axt war abgebrochen. Die scharfe Axt flog in hohem Bogen auf die Masse der Leute zu. Schreie hallten durch die Luft. Die Axt sauste ungeheuer schnell in Links Richtung. Noch bevor er begriff, was geschah, erreichte ihn die Axt. Zelda hielt sich vor Schreck krampfhaft die Augen zu. Nach einigen Sekunden öffnete sie ihre Augen wieder. Link hatte die Axt spielend aufgefangen. Die Schauspieler glotzten ihn entgeistert an, ebenso wie einige andere Anwesende.

„Wahnsinn, wie hast du das gemacht?“ Link kniff verlegen seine Augen zu und sagte: „Ähm… hatte wohl Glück.“ Er reichte dem Typ in der Ritterrüstung die beschädigte Waffe.

Zelda sah ihn misstrauisch an. „Dafür, dass du noch nie eine Waffe in der Hand hattest, kannst du gut mit ihnen umgehen. Mir ist fast das Herz stehen geblieben.“

„Ach? Warst du besorgt?“

„Ja… ein wenig.“ Sie lächelten sich an. Nein… unmöglich… Sie kannten sich nicht erst seit zwei Tagen…

„Ähm. Auf jeden Fall hab’ ich wohl doch noch einige unbekannte Talente.“

„Ja, zum Glück.“

Sie entfernten sich wieder vom Marktplatz und liefen ziellos in der Stadt umher, bis Link stehen blieb und Zelda beobachtete, wie sie dem Weg folgte. Sie erinnerte ihn an etwas. Aber was? Zelda blieb stehen, drehte sich aber nicht um.

„Du hast gesagt, du hast von mir geträumt“, meinte Link schließlich. Das hatte ihn die ganze Zeit interessiert. „Wenn du mir das erzählst, hast du damit deine Ehre bewiesen.“

„Okay. Ich sag’ es dir. Versprochen, wenn wir bei deinem Haus sind…“

„Gut.“

„Gut.“

           

Die Sonne war gerade am untergehen und ein gewöhnlicher Frühlingstag ging zu Ende, als Link und Zelda zur Haustür hereintraten. Für Link wurde die Situation, wie sie war, immer bizarrer und irgendwie auch vertrauter. Er fragte sich nun zunehmend, ob er dieses Mädchen nicht doch schon irgendwann einmal getroffen hatte. Er grübelte eine Weile nach, besann sich auf vergangene Kindertage, dachte an die Gesichter von Kindern, die ihm damals über den Weg liefen. War Zelda möglicherweise unter ihnen gewesen? Aber er fand keine Antwort…

Zelda bemerkte seine grübelnde Miene, als sie sich in der Küche an einen braunen Tisch setzten. „Worüber denkst du so verbissen nach, Link?“ Sie hatte ihn völlig aus seinen Überlegungen herausgerissen.

„Weißt du, ich frage mich schon die ganze Zeit, ob ich dich nicht doch schon einmal gesehen habe…“

„Mir geht es genauso. Und obwohl ich dich nicht kennen kann, glaube ich zu wissen, was du für ein Mensch bist.“ Sie lächelte ihn leicht an. „Und ich danke dir für alles, was du bisher für mich getan hast… danke.“

Link lächelte ebenfalls. Er kann auch lächeln, ohne dämlich zu grinsen. Dann stand er auf. „Wollen wir Pudding kochen?“

„Wie kommst du denn jetzt darauf?“

„So als… Abendessen?“

„Okay.“ Dann begannen sie schon alles dafür vorzubereiten.

Link stand gerade am Herd, während Zelda in der Stube den Tisch deckte. Nachdem sie endlich die Teller und das Besteck gefunden hatte- sie durchsuchte die ganze Schrankwand, einige weitere Fächer, wie auch einige weitere Schränke im Wohnzimmer- schaltete sie den CD- Spieler ein. Eine ungewöhnliche Musik wurde abgespielt. Für Zelda war auch diese  ungewöhnlich, sowohl die Musik, als auch das Radio. Sie setzte sich an den Tisch und schwelgte in unsinnigen Sphären ihres Gedankenreiches.

Link nahm den Topf vom Herd und wollte gerade damit in die Stube laufen, als ihm der Schweiß über die Stirn trat und sein Gesichtsfeld verschwommen wurde. Er hatte seine Wunden ganz vergessen, und begriff im ersten Augenblick nicht, woher dieser kleine Schwächeanfall rührte. Er stellte den Topf zurück auf den Herd. Dann wanderte seine linke Hand zu seinem Magen und er fühlte kleine Schmerzstiche seiner Wunde. Er lief zum Spülbecken, drehte den Hahn auf und klatschte eiskaltes Wasser in sein Gesicht. Er öffnete seine Augen wieder und stellte beruhigt fest, dass er wieder normal sehen konnte. Vom Wohnzimmer her drang irische Musik an seine Ohren. Das war doch Saras Musik, dachte er. Seine kleine Schwester hörte gerne mystische Musik, manchmal allerdings ein wenig zu laut, sodass sie ihren Eltern damit gewaltig auf den Wecker gehen konnte. Zelda hatte wohl das Radio eingeschalten. Link startete seinen zweiten Versuch und nahm den Topf vom Herd. Diesmal schaffte er es ins Wohnzimmer, bevor sein Gesichtsfeld wieder verschwommen wurde. Schleunigst setzte er sich an den Tisch und stellte den Topf darauf ab. Er brauchte einige Sekunden, um wieder klar denken zu können. Die Spritze von heute Morgen hatte wohl ihre Wirkung verloren, denn nun wiederholte sich der Schmerz seiner Wunde alle paar Sekunden, auch wenn sie erträglich waren. Er atmete einmal tief ein…

„Link“, sagte Zelda, der Link soeben erst Aufmerksamkeit zukommen ließ.

„Was?“

„Du bist blass. Ist es deine Wunde?“

Link blickte sie erstaunt an, sie machte sich offensichtlich wirklich Sorgen um ihn. „Was interessiert dich das eigentlich? Als ob du eine Ahnung hättest“, sagte Link kalt. Er hatte wirklich keinen Bock, ihr zu erklären, was es mit dieser Wunde auf sich hatte.

„Lass mich einfach in Ruhe.“ Zugleich bereute er seine Worte, die leicht verächtlich klangen.

Sie sah weg, stand dann auf und meinte leise: „Verzeih mir, ich wollte mich nicht in deine Angelegenheiten einmischen.“ Stille. Das fremde Mädchen lief in Richtung Treppe.

„Zelda… warte. Ich hab’ das nicht so gemeint“, sagte Link schließlich.

„Ich habe schon verstanden“, entgegnete sie verärgert.

„Bitte setz’ dich wieder.“ Er bereute seine Worte nun ungemein. Sie drehte sich um und sah ihn mit ernsten Augen an. Soviel Unsicherheit lag darin.

„Ich weiß, dass du es nicht leicht hast und ich möchte dir wirklich helfen. Es ist eben nur, dass…“, meinte er.

„… dass wir trotz allem Fremde sind“, beendete sie. Zelda sah ihn mit ihren kristallblauen Augen eindringlich an. „Du machst es mir schwerer, als die ganze Situation ohnehin schon ist, Link. Wenn du es veranlasst, werde ich gerne gehen. Ich weiß nicht, ob es Zufall war, dass du mich gefunden hast. Und trotzdem habe ich mir eingebildet, es hätte seinen Grund gehabt.“ Eine Pause entstand. „Ich habe meine Worte vorhin ernst gemeint…“ Zeldas Blick hatte sich gewandelt. Es lag keine Wut oder Unsicherheit mehr darin, sondern ehrliche Besorgnis. ,Gib’ dir einen Ruck, Link…‘, sprach sie in Gedanken…

Jener griff sich mit seiner Hand an die Stirn und sagte: „Ja, du hast Recht. Es ist die Wunde… Ich wollte dich nicht anfahren.“ Schließlich setzte sie sich wieder. „Du musst den Pudding wohl alleine essen“, sagte Link. „Mir ist wirklich nicht danach zumute.“ Im Hintergrund lief immer noch mystische Musik, die an vergangene Zeiten erinnerte.

„Schlaf ein wenig, Link“, meinte sie dann und erwartete eine raue Antwort, die jedoch ausblieb. Der junge Kerl stand auf und ließ sich auf die Couch in der Wohnstube sinken. Ja, sie hatte Recht, er brauchte nur eine Mütze Schlaf. Innerhalb weniger Minuten war er eingeschlafen.

 

Zelda lief auf Zehenspitzen zur Tür. Es war nun spät am Abend. Link schlief immer noch. Sie wollte ihn nicht wecken, also räumte sie leise das Geschirr ab und schloss hinter sich die Tür. Sie trat in die Küche, räumte das Geschirr in die Spülmaschine, auch wenn sie nicht mehr wusste, wie man sie bediente. War irgendwie komplizierter als das Radio… Sie schlich wieder in die Stube und entzündete das Licht der Stehlampe, sodass sie Link im Schimmer deren Licht sehen konnte. Er sah nicht gut aus, nun noch blässer als vorher. Sie machte sich nun mehr Sorgen um ihn. Aber warum? Sie kannte ihn nicht… oder vielleicht doch? Vom Radio lief gerade beruhigende Harfenmusik. Die Klänge waren angenehm in ihren Ohren… und wohlvertraut. Sie setzte sich in den Sessel und schloss die Augen, um abzuschalten, bis sie schließlich hinweg driftete, irgendwohin, wo sie die Antworten bekam, nach denen sie verlangte.

Zelda öffnete ihre Augen und erblickte einen riesigen Garten. Wie kam sie hierher? Sie folgte einen schmalen mit weißem Gestein gepflasterten Pfad, in Richtung eines kleinen Teiches in jenem Garten. Überall standen denkwürdige Steinskulpturen mit anmutigen Wesen, die Zelda als Drachen, Götter, Engel und andere Magiegeschöpfe erkannte. Sie blickte sich weiter um und sah viele kleine Wege in jenem Garten. Am Rande standen weiße Rosen, die wohlgeordnet am Weg entlang führten. Sie folgte dem Weg und entdeckte einen großen Baum, an dessen alten Zweigen eine alte Schaukel hing. Verträumt setzte sie sich und schaukelte ein wenig hin und her. Sie befand sich in den Lüften und nahm nun noch mehr von der herrlichen Ortschaft wahr. Ihr Blick fiel zu den hohen Mauern eines riesigen Schlosses, dessen Türme hoch in den Himmel ragten. Eine Person stand am Fenster und winkte ihr zu. Sie winkte zurück, wusste aber nicht, wer es war. Es handelte sich um einen älteren Mann, mit grauem Haar und blauen Augen. Sie kannte diesen Menschen nicht, auf dessen alten Gesicht sich ein angenehmes Lächeln zeigte und doch spürte sie eine Verbindung zu ihm. Sie entschloss sich weg zu schauen…

Zelda öffnete die Augen erneut. Das Lied von vorhin war zu Ende. Sie schaltete das Radio nun endgültig aus und lief dann zu dem schlafenden Link. Ja, sie machte sich aufrichtig Sorgen um ihn. ,Wie dumm von mir‘, dachte sie. Er war ein einfacher Jugendlicher, vielleicht nicht halb so normal wie andere und dennoch… Wieso sollte sie sich in sein Leben einmischen? Es ging ihm bestimmt besser, wenn sie nicht hier wäre und er sich um sie keine Gedanken machen müsste. Sie kannte ich nicht… nicht wirklich… Sie lief zur Tür, doch bevor sie verschwand, erwischte sie sich selbst dabei, wie sie plötzlich zu ihm zurückging. Sie blickte ihn noch einmal an, und legte eine Hand auf seine Stirn. Er hatte nun wahrlich Fieber. Sie nahm eine Decke, die in einem Korb lag und deckte ihn zu. Er rührte sich nicht. „Gute Nacht, Link“, sagte sie leise und verschwand, als das Licht in der Stube ausging.

 

Link wurde am nächsten Tag durch ein leises Summen aus der Küche geweckt. Eine helle, schöne Stimme erklang und das Lied, welches diese Stimme sang, ging ihm irgendwie nahe. Er öffnete verwirrt seine blauen Augen und schaute umher. Ach ja, richtig… er war ja auf der Couch eingeschlafen. Aber die Decke? Wo kam die denn her? Dann richtete er seine Aufmerksamkeit wieder auf die liebliche Stimme. Er versuchte sich aufzurichten, was ihm zwar gelang, aber ihm sofort wieder einen Teil seiner Kräfte raubte. Er lehnte sich zurück und schloss erneut seine Augen. Die Stimme kam näher… Wie schön das Lied doch war, welches von ihrem Mund erklang.

Als Zelda schließlich vor ihm stand, öffnete er wieder seine Augen. Sie hatte ein Glas Wasser in der Hand und irgendwelche Tabletten, die er als Schmerzmittel erkannte.

„Morgen…“, sagte sie. Er scheute ihren Blick.

„Morgen…“ Sie setzte sich neben ihn und reichte ihm das Schmerzmittel mit dem Glas Wasser.

„Ich habe den Arzt noch einmal kommen lassen, während du geschlafen hast. Er hat mir dann das hier für dich hinterlassen.“ Er würgte es hinunter.

„Warum tust du das für mich“, fragte er leise.

„Du hast genug gut bei mir, Link“ Er sah sie immer noch nicht an.

Daraufhin sprang Zelda auf und sagte. „Ich war auch schon einkaufen. Deine Mutter hatte uns eine Liste hinterlassen, was wir besorgen sollten und hat mir gezeigt, dass am Ende der Straße eine Einkaufsmöglichkeit vorhanden ist. Es war interessant und irgendwie spannend diese Besorgungen zu machen. Das Geld befand sich in der weißen Dose in der Schrankwand, wobei ich das Restgeld wieder zurückgelegt habe. Der Kassenzettel ist auch dabei, damit du weißt was ich…“

Er unterbrach sie mit schwacher Stimme: „Du musst das nicht tun, Zelda.“

„Doch, ich denke, das ist zumindest etwas, was ich tun kann.“

„Aber…“

„Sei endlich still, Link.“ Er blickte sie überrascht an. Jetzt hatte sie die Fäden in der Hand. Zelda würde sich von ihm nichts mehr sagen und gefallen lassen. „Übrigens, da ich mich dummerweise in einem Einkaufszentrum überhaupt nicht auskenne, habe ich mir Hilfe geholt.“

Link sah sie neugierig an. „Hilfe?“

„Ja, da waren zwei nette Kerle, die mir aus irgendeinem Grund unbedingt den Einkauf abnehmen wollten.“

„Oh“, brachte Link hervor und wusste ganz genau, warum… Vielleicht hatten zwei Zeldafreaks ihr unbedingt einen Gefallen tun wollen… Außerdem war Zelda ja wirklich bildhübsch, so wunderschön wie eine Porzellanfigur…

„Sag’ mal… wer waren denn die zwei Kerle?“, meinte Link und versuchte eine aufkeimende Eifersucht, die er selbst natürlich nicht verstehen wollte, im Zaum zu halten.

„Ihre Namen waren Josh und Hendrik, glaube ich. Warum fragst du?“

Link fuchtelte mit seinen Händen in der Luft herum und hoffte, er könnte sich damit nicht noch verdächtiger machen als ohnehin schon. „Nur so“, platzte es aus ihm heraus. Aber er kannte die beiden Kerle. Josh und Hendrik waren Zwillinge, auch, wenn man es ihnen nicht ansah, und gingen beide in die Oberstufe. Link hatte einige Kurse mit ihnen und wusste nur zu gut über ihren nervenaufreibenden Humor Bescheid. Trotz allem waren es gute Menschen, und Link ahnte bereits jetzt schon, dass Zelda irgendwie sehr genau wusste, wer vertrauenswürdig war und wer nicht. Sie wusste um innere Absichten eines Wesens, ohne diese Fähigkeit vielleicht als diese anzuerkennen.

Sie kniete vor ihm nieder und seufzte. „Du kannst einem einen ganz schönen Schreck einjagen, du kleiner Dummkopf.“ Er wusste nicht, was er sagen sollte. „Hast du Hunger“, sagte sie und blickte ihn mit einem warmen Lächeln an.

„Ja, irgendwie schon.“

„Wir haben noch Himbeerpudding“, meinte sie scherzhaft.

Seine Mundwinkel zogen sich endlich wieder nach oben. Sie wollte gerade in der Küche verschwinden, als Link sie am Arm zurückhielt. „Wegen gestern… es tut mir leid…“

„Du brauchst dich dafür nicht entschuldigen. Ist okay. Bleib’ hier, ich bring’ dir was.“ Mit einem Lächeln verschwand sie. Link seufzte und verstand die Welt nicht mehr. Dieses Mädchen hatte es wirklich drauf. Nicht nur, dass sie den ganzen Einkauf, vor dem er sowieso am liebsten geflüchtet wäre, auf sich genommen hatte, obwohl sie Schwierigkeiten hatte sich zurecht zu finden, nein, sie hatte sogar noch einmal Dar Gordon verständigt. Sie war wohl wirklich ein Engel. Link kam sich vor wie der letzte Trottel. Wie konnte er Zelda nur jemals auf diese Art und Weise anfahren, wie er es gestern getan hatte. Er war kurz um wütend auf sich selbst. Er nahm die Fernbedienung zur Hand und schaltete durch das Programm. Wie Nerv tötend der Montag sein konnte. Nur Schwachsinn auf der Glotze. Nach einer Weile, die Schmerztabletten wirkten erstaunlicherweise, stand Link auf und streckte sich. Die Nacht auf der Couch war nicht die beste Lösung gewesen. Dennoch, er fühlte sich wieder gut, gut genug, um sich einen kleinen Scherz zu erlauben. Auch wenn er bedenken sollte, dass kleine Scherze manchmal schwere Folgen nach sich ziehen. Er stellte sich neben die Tür, so geschickt und vor allem leise, dass Zelda ihn sicherlich nicht sehen würde und wartete mehr oder weniger ungeduldig auf ihr Erscheinen. Ein Grinsen formierte sich auf seinem Gesicht. Wenn sie den Himbeerpudding bringen würde, würde sie dies sicherlich wieder bereuen… hehe…

Was Link vermutete, trat ein. Zelda brachte ein Tablett mit zwei Schälchen Pudding und einem ordentlichen Frühstück. Sie kam zur Tür herein. Und… Noch bevor sie sich versah, hatte Link sich eines der Schälchen gekrallt und rannte damit in die hinterste Ecke der Wohnung. Zelda begriff den Sinn der Aktion offenbar nicht wirklich, da sie ihn leicht verstört beäugte. Er nahm den Löffel zur Hand, belud ihn mit der rosa Masse mit Himbeergeschmack und grinste Zelda dämlich an. Er holte aus und… An Zeldas verdutztem Gesicht hätte er sich stundenlang erfreuen können, aber der Pudding war schneller und landete in ihrem Gesicht. Wut und Empörung lagen nun in ihren Augen.

„Du… na warte“, rief sie. Zelda stellte das Tablett ab, wischte sich die Paste aus dem Gesicht, nahm die andere Schüssel und machte mit. Sie zielte auf Link. Dieser wich aus und der Pudding verteilte sich an Mutters heißgeliebter Schrankwand.

,Oh oh‘, dachte Link, als er mit ansah, wie die Creme an der Glasscheibe entlang lief. Ein langer rosa Fleck schmückte nun die Glasscheibe. Derweil hatte Zelda wieder eine ordentliche Portion nach ihm geschleudert. Und… sie traf ihn am Hals. Es stand 1:1.

Jetzt war ihm auch die Schrankwand und das sonstige Mobiliar egal. Diese Herausforderung wollte er keineswegs verlieren. Sie bewarfen sich weiterhin mit Pudding, wichen aus und innerhalb von Minuten glich die Stube einem Schlachtfeld, in das man sich nicht mehr hinein traute. Der Pudding klebte überall: am Kronleuchter, am Schrank, auf der hellen Couch, an der Decke und auf dem Fußboden.

Zelda war am Zug und sie zielte auf Link. Er wich aus und hüpfte auf die Couch, schaute wieder zu Zelda, die aber nur angetäuscht hatte.

„Mach’ schon. Du triffst mich sowieso nicht.“

„Das werden wir ja sehen“, lachte sie frei heraus. Sie schleuderte den Pudding nach ihm, was das Zeug hielt, bis ihre Schale leer war. Trotzdem hatte sie ihn einfach nicht treffen können. Er war zu schnell, auch wenn er eine riesige Wunde am Bauch hatte.

Link befand sich inzwischen an der Tür. „Gibst du dich geschlagen? Ich habe gewonnen“, sagte er aufmüpfig. Er hatte Zelda häufiger getroffen und wusste um seinen Siegeszug. Wie konnte er auch eine Herausforderung verlieren?

„Natürlich…“ dann rannte sie in seine Richtung. „… nicht. Ich gebe mich niemals geschlagen.“

Link verstand und hechtete aus dem Raum. Sie wollte ihn offensichtlich fangen. Er rannte die Treppe nach oben. Aber Zelda kam nicht. ,Hm, dieser freche Engel will mich wohl reinlegen‘, dachte Link. Vorsichtig tastete er die Treppe nach unten. Ein Schritt, noch ein Schritt… Er schlich zur Tür in die Stube und lugte vorsichtig hinein. Nanu? Wo war sie denn? Link ging ins Wohnzimmer, aber Zelda schien verschwunden zu sein. Er schaute in jede Ecke, im Übrigen so leise, dass ihn niemand bemerkt hätte, aber nirgendwo das Anzeichen von Zelda. Link ging aus der Stube hinaus, schaute in der Küche nach, in vielen weiteren Zimmern, sogar im zweiten Stockwerk. Schließlich lief er wieder in die Küche und setzte sich eingeschnappt auf einen Stuhl. „Kannst rauskommen, hast gewonnen“, sagte er. Zelda kannte sich in seinem Haus besser aus, als er selbst, wie niederschmetternd… Er hatte verloren. Einige Minuten vergingen, aber Zelda kam nicht. „Zelda?“ Es rührte sich nichts. Inzwischen kam ihm die Situation nicht mehr lustig vor. „Hey. Du hast gewonnen“, rief er, aber es antwortete ihm niemand. Link, nun ergriffen von einem Hauch der Besorgnis, sprang auf und suchte noch einmal die ganzen Zimmer durch. Dann lief er in den Keller und schaltete dort das Licht ein. Aber auch da war sie nicht. Das konnte doch nicht sein! Wo war sie nur? „Zelda. Das ist nicht mehr witzig. Komm’ endlich raus.“ Seine Stimme schallte durch den Keller.

Plötzlich fühlte er eine warme Hand auf seiner Schulter, drehte sich um und sah Zelda, die ihn ziemlich verlogen anblickte. Sie grinste: „Du bist dran.“ Dann sprintete sie davon.

Link blieb kurz stehen und unterdrückte ein merkwürdiges Gefühl in seinem Inneren. Er blickte ihr wie in Trance hinterher, seine blauen Augen erfüllt mit einem leichten Angstgefühl, dass Zelda sich plötzlich in Luft auflösen würde. Er hatte sich wahrhaft eingebildet, sie wäre verschwunden. „Warte“, rief er.

„Worauf? Dass du mich fängst?“ Sie drehte sich um und sah ihn im Schein der Kellerlampe an.

Er hatte das seltsame Gefühl erfolgreich unterdrückt und grinste. „Nein, auf die Erkenntnis, dass du mir sowieso nicht entkommst.“

„Das würde dir wohl so passen.“ Sie hechtete wie eine Irre davon und rannte zurück ins Wohnzimmer. Hier nahm das Unglück seinen Lauf, denn sie hatte leider und unglücklicherweise in ihre Geschwindigkeit den Pudding, welcher auf dem Fußboden klebte, nicht mit einberechnet. Sie spürte wie ihr der Boden unter den Füßen entglitt und das klebrige Material jegliche Reibung außer Kraft setzte. Sie versuchte sich noch zu fangen, aber aller Kraftaufwand versagte entgegen der Schwerkraft, die sie auf den Boden befördern wollte. Link war direkt hinter ihr, konnte sein Tempo nicht mehr abbremsen und fiel ebenfalls. Sie kreischte panisch auf und lachte dann, als sie mit einem dumpfen Schlag mit dem Rücken auf dem Teppich landete. Auch Link begann zu lachen, als er dummerweise auf ihr landete. Sie lachten bis ihnen der Bauch weh tat. Dann blickten sie sich verlegen an.

„Ich habe trotzdem gewonnen“, sagte er und blickte ihr direkt in die Augen.

„Ja, ich gebe auf.“

Schließlich herrschte Funkstille. Es war ein seltsames Gefühl einander so nahe zu sein, obwohl sie sich erst wenige Tage kannten. Sie sahen sich immer noch an. Links Hände spazierten zu ihren Schultern, dann zu ihrem goldenen Haar. Sein Puls stieg an und sein Blick wanderte instinktiv zu ihren weichen, vollen Lippen. Zeldas rechte Hand bewegte sich zu seinen Hals, wo immer noch rosa Pudding von ihrer Schlacht klebte. Seine Haut unter dem Pudding war angenehm warm. Ihre linke Hand griff an seinen Oberarm. Sie war erstaunt über die Muskeln unter ihrer Hand. Ein wunderschönes Lächeln formte sich auf ihrem Gesicht, das Link dazu gebracht hätte alles für dieses Mädchen zu tun. ,Ich würde sterben für ihr Lächeln‘, murmelte eine Stimme in seinem Kopf, die er als seine eigene erkannte. Dann tropfte möglicherweise gerade zum rechten Zeitpunkt ein wenig Pudding von der Decke und traf Link an seinem rechten Ohr. Er spürte den schleimigen Pudding und wirbelte herum, bis er sich das Zeug vom Ohr wischte. Sie ließen voneinander ab, standen auf und drehten einander den Rücken zu.

„Also… gibt’s du mir… irgendwann eine Revanche?“

„Jaja… klar… doch.“ Er stotterte und kam sich total dämlich vor und fragte sich, wie weit er wohl gegangen wäre, wenn nicht der Pudding eingegriffen hätte.

 

Nach zwei Stunden hatten sie mit Wasser und genug Reinigungsmittel den Pudding so gut es ging beseitigt. Zelda wischte gerade die teure Schrankwand sorgfältig, Link schrubbte noch einmal über den Boden. Als alles sauberer war als zuvor, setzten sie sich schweigend an den Tisch und aßen endlich Frühstück, aus dem wohl das Mittagessen wurde.

„Ähm, Zelda? Wegen deinem Gedächtnisverlust…“

„Ja, was ist damit?“ Dann nahm sie einen Schluck von ihrer Kaffeetasse.

„Wollen wir vielleicht noch einmal bei der Polizei nachfragen, ob inzwischen jemand eine Vermisstenmeldung aufgegeben hat? Das wäre ein Anfang, um herauszufinden, wer du bist.“

Sie stellte die Kaffeetasse ab, schaute weg und ballte ihre Hände. „Ich weiß nicht, ob das eine gute Idee ist.“

„Warum denn nicht?“

Sie stand auf und lief ans Fenster. Sie zog leicht den Vorhang weg und beobachtete einige Knirpse, die mit Skateboards die Straße hinunter rasten. Sie tippte mit ihrer linken Hand die auf den mit Smaragden bestückten Ring an ihrer Rechten. „Ich weiß, dass ich dir nicht ewig zur Last werden kann, Link. Und ich danke dir zutiefst.“

„Worauf willst du hinaus?“ Link stand nun neben ihr und versuchte sie anzusehen. Sie wendete sich ab und setzte sich wieder. Sie wollte ihn mit ihren dummen Vorahnungen nicht belästigen, denn das ihre Gefühle dumm waren, das bildete sie sich ein. Irgendetwas stimmte hier nicht. Das konnte sie spüren… es war überall… in der Luft, in den Menschen, selbst in den Alltagsgegenständen. Alles war so fremd, so merkwürdig, selbst das Licht der Sonne. Dann fühlte sie warme Hände auf ihren Schultern.

Link sagte leise: „Erzähl‘ es mir.“ Er setzte sich neben sie.

„Was würdest du tun, wenn du fühlen würdest, dass mit dir etwas nicht stimmt.“ Sie sah ihn eindringlich an und erwartete eine ehrliche Antwort.

„Ich würde auf mich selbst hören; und versuchen herauszufinden, was es ist, das nicht stimmt.“

„Und wenn du damit vielleicht dir selbst und anderen schaden würdest?“ Sie schaute auf ihre Hände, die zitterten.

„Ich würde abwarten und versuchen einen klaren Kopf zu bewahren. Die Zeit kann wahre Wunder tun.“

Sie sah ihn an, erneut war das Blau ihrer Augen von Schatten bedeckt. Link fürchtete, dass jener Schatten sie wegtragen würde. „Genau das… versuche ich im Augenblick zu tun.“

Link hatte verstanden. Sie wollte abwarten. „Vielleicht hast du Recht. Aber nach Hinweisen können wir dennoch suchen, hm?“

Sie nickte. „Ich habe einfach das Gefühl, dass ich einen Fehler machen würde, wenn ich noch einmal zur Polizei gehen würde. Ich kenne den Grund nicht, aber das Gefühl ist trotzdem da. Es ist, als ob ich mich damit in Gefahr bringen würde… Ich weiß, das klingt stumpfsinnig, aber…“

Er legte seinen Zeigefinger auf ihre Lippen. „Pst. Das tut es nicht. Es ist in Ordnung. Es gibt andere Möglichkeiten, um herauszufinden, wer du bist. Aber zuerst hörst du auf, deine Ideen als stumpfsinnig zu bezeichnen.“

Sie lächelte ihn dankend an.

„Und außerdem hatte auch ich das Gefühl, es wäre besser, wenn wir nicht zu unbedacht handeln. Ich wollte lediglich deine Meinung dazu wissen. Aber eine Sache hätte ich trotzdem noch gerne gewusst“, sagte Link dann.

„Und die wäre?“

„Dein Traum von gestern. Du hast doch gesagt, du erzählst ihn mir, oder?“ Er lächelte und der Schatten über ihren Augen verschwand beinahe.

„Ja, das habe ich schließlich versprochen, aber…“

„Hm?“

„Ich habe heute noch einen Traum gehabt…“

„Äh… war ich da schon wieder dabei?“ Er wurde etwas rot und zwinkerte aufgeregt.

Sie nickte bloß und kicherte dann. „Das ist nicht so schlimm… es war ein schöner Traum…“

„Oh… na dann…“ Er hatte das Gefühl in seinem Leben noch nie so rot im Gesicht gewesen zu sein wie gerade eben. „Dann brauche ich… mir keine Sorgen zu machen, oder?“ Er grinste verlegen und kratzte sich am Kopf. Sie lächelte bloß. „Ich erzähle dir einen dieser Träume, ja?“ Er nickte verwirrt, wusste ohnehin nicht, was er hätte sagen sollen und versuchte sich zu beruhigen.

 

Link und Zelda gingen an die frische Luft und machten es sich auf einer Hollywoodschaukel bequem, die in dem Garten seiner Eltern stand. Der Garten war gleich ans Haus angeschlossen und nicht besonders groß, aber trotz allem ein Ort an dem man entspannen konnte. Link verschränkte seine Arme hinter seinem Kopf und schloss die Augen. Die Hollywoodschaukel wippte hin und her und Link begann schon wieder zu gähnen. Es war nicht nur die Wunde, sondern auch der Schlafmangel der letzten Wochen… Alles wegen seinen eigenen aufreibenden Träumen. „Also, dann erzähl mir doch mal von deinem Traum. War er interessant oder spannend“, meinte Link und machte seine Augen erstaunlicherweise wieder auf, obwohl man den Eindruck hatte, dass es ihm schwer fiel.

„Na ja, eigentlich war er eher verwirrend.“

„Verwirrend?“

„Ja, irgendwie seltsam.“

Er sagte nichts dazu. Nun interessierte er sich immer mehr für ihren Traum. Die Schaukel schwankte hin und her. Eine Pause entstand.

„Ich befand mich in den engen Gassen einer riesigen Stadt. Komische, eigentümliche Geschäfte, in denen die undenkbarsten Sachen verkauft wurden waren links und rechts von mir. Aber leider habe ich mir nichts von dem gemerkt, was angeboten wurde.“

„Kanntest du diese Stadt vielleicht.“

Sie drehte sich schnell zu ihm, offenbar erstaunt über seine Frage. „Nein, ich habe keine Ahnung, obwohl sie mir ziemlich vertraut vorkam.“

„Aha.“

„Auf jeden Fall lief ich weiter, bis ich eine große Stadtmauer erreichte, die sich wie eine Schlinge um die ganze Stadt wand. Unzählige Soldaten waren dort postiert. Ich folgte meinem Weg, bis ich durch ein kindsgroßes Tor die Stadt verließ.“

Link blinkte zu ihr herüber. „Also, ich muss sagen, bis jetzt ist der Traum zwar noch harmlos, aber interessant. Wann läuft man schon durch fremde Städte.“

„Mmh.“ Zelda stand auf und starrte in einen kleinen Teich vor der Schaukel, wo einige Goldfische drin herumschwammen. Sie kniete nieder und schöpfte ein wenig kühles Wasser, während die Goldfische merkwürdigerweise auf ihre Hand zu schwammen. Sie erfreute sich an den kleinsten Dingen, die diese Welt zu bieten hatte, selbst an ein paar Goldfischen. Das Leben an sich hatte in ihren Augen einen unermesslichen Wert, der durch nichts in Frage gestellt werden konnte. Sie setzte sich wieder auf die Schaukel. Link hatte währenddessen seine Augen geschlossen und seufzte leicht. Sie blickte ihn lange an und je mehr sie in sein Gesicht sah, umso sicherer und beständiger wurde das Gefühl ihn schon lange zu kennen. „Link?“

„Huch? Ähm… ja, was ist denn? Oh Mann, sorry, jetzt wäre ich doch glatt eingeschlafen.“

„Ja, so sahst du auch aus, als ob du dich von nichts und niemandem mehr wecken lassen wolltest.“

„Aber, ich habe mich von dir wecken lassen, oder?“

„Kommt darauf an, ob du glaubst, dass das hier die Realität ist.“

Links Kopf neigte sich zur Seite. „Ich bin mir ziemlich sicher, dass das hier die Realität ist.“

Zelda setzte einen sehr nachdenklichen Blick auf. „Was sagt dir das? Wer sagt dir das?“

Link zwinkerte leicht und musste bei ihren Worten zweimal nachdenken… darauf eine gute Antwort zu finden, schien nicht leicht zu sein. „Sehen wir es mal so. Ich möchte einfach nicht daran zweifeln, dass ich vielleicht nicht wirklich bin, weil ich sonst mit meinem Leben nicht mehr zufrieden wäre. So wie es jetzt ist, ist es doch nicht schlecht. Ich sage mir selbst, dass dies die Wirklichkeit ist, Zelda.“

„Das ist eine sehr optimistische Sichtweise.“

„Logisch, ich bin ja auch Optimist!“

„Dich kann wohl nichts aus der Fassung bringen, wie?“ Link grinste sie an. Sein Blick war einfach nur Gold wert.

„Es bedarf schon einiger Kunststücke, um mich aus der Fassung zu bringen.“

„Vielleicht schaffe ich das ja, wenn ich dir sage, wie mein Traum weiterging.“

„Dann lass’ mal hören.“

Zelda erzählte ihm weiterhin von ihrem Traum. Sie erzählte davon, dass sie über eine riesige Wiese lief, auf einem abgetrampelten Pfad in Richtung eines einzelnen großen Baumes. Sie wusste, dass sie sich hier mit jemandem treffen wollte, also setzte sie sich unter das riesige Laubdach und lehnte sich gegen den Stamm des Baumes. „Ich saß eine ganze Weile dort und beobachtete Adler in der Ferne. Sie flogen in Richtung eines dunklen Tales und verschwanden dann in der Ferne. Inzwischen wurde Abend und ich sah die Sonne am Horizont untergehen. Der Himmel erstrahlte in roten, warmen Farben.“

„Also Zelda, ich muss schon sagen, deine Träume sind wahrhaft ausführlich. Und du erinnerst dich tatsächlich an so viele Details?“

„Ja, irgendwie verrückt, oder?“

„Nein, eher außergewöhnlich“, sagte Link bewundernd.

Sie blickte zu ihm und lächelte. Sie verschränkte ihre Arme und sprach dann leiser als zuvor. „Schließlich erhielt ich Gesellschaft von jemandem, den ich nicht erwartet hatte. Ich hörte eine Art Gemurmel und schließlich hüpfte jemand vom Baum herunter. Die Person setzte sich neben mich und redete mit mir und dann wusste ich auch, dass ich gerade auf diesen Menschen gewartet hatte.“

„Wie sah die Person denn aus und war es eine sie oder ein er?“

„Es war ein junger Mann.“

„Aha und kannst du dich an ihn erinnern? Ist es vielleicht jemand aus deiner Vergangenheit, den du kennen solltest?“

Zelda lehnte sich zurück und schloss nun auch die Augen. Links Augen ruhten auf ihr und er sah sie sich nun genau an, jetzt, da er nicht den Eindruck erwecken würde, er würde sie womöglich anstarren. Einmal mehr registrierte er… wie wunderschön sie war… dieses ebenmäßige Gesicht… ihr langes, seidenes Haar.

„Ich habe das Gefühl, ich sollte ihn kennen und doch… Nein. Er kann unmöglich zu meiner Vergangenheit gehören.“

„Warum nicht?“

Sie öffnete die Augen, Links Blick immer noch auf sie gerichtet. „Weil es keinen Sinn macht… Wie auch immer. Dann saß er neben mir, schnappte sich einen Grashalm und kaute darauf herum. Ich kann mich sogar noch an einige seiner Worte erinnern. Er sagte in etwa: Zelda, ob du es glauben willst oder nicht, das ist kein Traum. Dann sprang er auf, zerrte mich an meinen Händen ebenfalls auf die Beine und schleifte mich mit. Wir rannten über die riesige Wiese, bis ich schließlich aufwachte. Es war ein sehr schöner Traum.“

Link blickte mit ernsten Augen in den kleinen Teich. Traum oder nicht, aber hatte Zelda nicht etwas vergessen, ihm zu erzählen? Sie sagte doch, sie hätte von ihm geträumt. Zelda stand auf und lief in Richtung Hauseingang.

„Ähm, Zelda?“

„Ja?“

„Dieser junge Mann… wie sah er aus?“

Sie blickte ein wenig verunsichert weg und sagte: „Er trug dein Gesicht, Link.“ Damit verschwand sie im Haus.

 
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