Kapitel 1.9
 

Kapitel 9: Der elegische Klang der Okarina

 

 

Als sich die Nacht über die Kleinstadt senkte und Schicksalshort sich von der verschlingenden Finsternis in den Schlaf zerren ließ, waren auch im Hause Bravery die Lichter gelöscht. Aber die beiden Seelen dort, die auf ewiglich ein dickes Band der Zuneigung besaßen, schliefen nicht.

Nachdenklich starrte Link von seinem Bett aus an die kahle Zimmerdecke. Es war nicht die Wunde, die ihn wach hielt, sondern der Gedanke an das Mädchen, welches im Gästezimmer ruhte. Sie war wirklich einzigartig… und ein Mensch, mit dem er sich endlich so unterhalten konnte wie mit niemand anderem. Er räusperte sich und grinste in die Schwärze der Nacht. Wie sollte er als pubertierender junger Mann auch ruhig schlafen, wenn eine unwiderstehliche, blonde Schönheit nur ein Zimmer weiter schlief? Er musste zugeben, dass er gerade etwas unkeusche Gedanken hatte, zog sich dann peinlich berührt sein Kissen über den Kopf und fragte sich, ob er noch zu retten war. Er konnte nicht mit solchen Absichten ein Mädchen anschauen, das völlig hilflos bei seinen Eltern aufgenommen wurde…

„Ich hab‘ sie wirklich nicht mehr alle“, brummte er und versuchte endlich Schlaf zu finden. Während er vor sich hin träumte, unterbrach ein sonderbares Geräusch, leise und andächtig, kaum wahrnehmbar die Stille. Ein Klang, den er zunächst nicht von seinen Träumen trennen konnte. Er blinzelte und richtete sich auf. Und einmal mehr konnte er den Klang vernehmen… ein Summen… eine feine Melodie… Und da wusste er, dass jenes Geräusch nicht aus seiner Traumwelt stammen konnte. Link spitzte die Ohren und lauschte erneut… Und je mehr er dem Klang folgen konnte, umso deutlicher wurden die zarten Töne für ihn. Jemand sang. Eine reine, helle Stimme summte und sang eine feine Melodie, die ihm eine Gänsehaut über den Rücken schickte. Nicht sicher, dass er vielleicht eine seiner Halluzinationen war, folgte der junge Mann dem Gesang. Bekleidet nur in einer grünen Schlafanzughose tapste er zu seinem Fenster und blickte nach draußen. Er lauschte wieder und war sich nun sicher, dass der Gesang von draußen her schallte, aber er konnte den Text nicht verstehen, ahnte, dass es keine Sprache dieser Welt war. Alles, was er wusste, war, dass diese Melodie einen Zugang zu seinem Herzen öffnete. Er musste herausfinden, wer sang, und musste erfahren, woher er dieses Lied kannte…

Wie in Trance trat Link in den Flur, hörte das feine Singen lauter werden und schaute vom Korridor hinaus in den Garten. Er war sich zunächst nicht sicher, ob dort jemand in der Finsternis stand, aber als sich seine Augen an die Nacht gewöhnten, und der Mond leuchtende Schleier warf, konnte er jemanden dort ausmachen… Und dieser jemand sang… rein… beinahe… göttlich… Die Umrisse der Gestalt wurden klarer und auch die Stimme konnte Link zuordnen. Es war Zelda… Sie trug das weiße Nachtkleid von Meira und sang, als wollte sie jemanden rufen oder der nächtlichen Stille huldigen… vielleicht sogar beten. Ein wenig angespannt, aber gefangen in der Melodie, öffnete Link das Fenster, spürte eine eisige Brise in das Haus dringen und lauschte ihrer warmen, erinnernden Melodie. War das wirklich das Mädchen, das er gefunden hatte, das nach ihm gerufen hatte? Im Augenblick hatte er dieses unglaubliche Maß an Ehrfurcht vor ihr, die ihn nur staunen ließ. Sie wirkte so… transzendent…

Die Sekunden zerrannen träge, als sich das Lied, gesungen mit Worten, die Link nicht verstehen konnte, als Symphonie edler Herzen in Links tiefste Gedanken wagte. Er lauschte, fühlte Wonne und Leid zugleich. Er lauschte und sein Gehör blendete alles andere aus, seine Sinne vernebelt von der Tonfolge. Er lauschte, spürte sein Herz beben und bluten… und ihr Lied reinigte… folterte… und reinigte…

Als er es nicht mehr aushielt, nicht sicher warum, und mit welcher verborgenen Macht sie spielte, schloss er hastig und einen lauten Schlag produzierend das Fenster. Er mochte das Lied und konnte doch nicht mehr davon ertragen, er konnte, obwohl er ihre Stimme beinahe begehrte, diese Ballade nicht noch weiter bohren lassen. Denn ein Teil in ihm kannte dieses Lied, und ein Teil von ihm reagierte darauf mit Kummer und einem sehr schmerzhaften Gefühl in seiner Brust…

Aufgebracht stolperte Link die Treppen hinab und stieß in der Dunkelheit der Stube mit jemandem zusammen. Es polterte entsetzlich, und sowohl Links tiefe Stimme als auch eine wesentlich hellere erklangen fluchend, brummend und murmelnd. Hastig suchte der junge Bursche nach dem Lichtschalter, worauf die gesamte Wohnstube in blendendem Licht erstrahlte. Und da sah er das Mädchen, das er beschützen wollte, mit verweinten Augen vor sich stehen. Ihre Haare waren aufgewühlt und das weiße Nachthemd von Meira hatte teilweise Flecken. Sie zitterte, wirkte für einen Moment völlig neben sich. Sie sah geschockter aus als Link und drückte dann ihre Hände in ihr Gesicht.

„Entschuldige… ich wollte dich nicht in deinem Schlaf stören…“, murmelte sie und hetzte an Link vorbei in Richtung Treppe.

„Warte“, meinte er bestimmend. Er wollte aus seinem Mitgefühl heraus wissen, warum sie so spät in der Nacht aufgestanden war und dieses melancholische Lied gesungen hatte. Sie zügelte ihren Schritt kurz vor den Treppenstufen, aber antwortete nicht sofort.

„Zelda…“, fragte er. „Bist du in Ordnung…“

Sie wand sich nicht zu ihm, sondern stand weiterhin mit dem Rücken zu Link. Aber er konnte sehen, dass sie den Kopf schüttelte… ja… einmal mehr war nichts in Ordnung…

„Dieses Lied… kannst du dich an irgendetwas erinnern… Ist das Lied Teil deiner Erinnerungen?“, meinte er leise. Und erneut kam nur ein Kopfschütteln.

„Es tut mir leid…“, wimmerte sie. „… falls ich dich beunruhigt habe… ich möchte wieder schlafen gehen“, redete sie sich heraus. Sie wollte ihm nicht zeigen, wie ihr zumute war. Denn es stand weder ihr zu um sein Mitgefühl zu bitten als ihm, sich in ihr Leben einzumischen. Vielleicht suchte sie nach ihrer Erinnerung, hatte auch meditiert um weiter zu kommen… Und dabei hatte sie einen sehr dünnen Faden gefunden, der sie zu diesem Lied geführt hatte. Sie trat wieder ein paar Schritte, aber Link ließ nicht locker. Aufgebracht und vielleicht genauso durcheinander wie sie umfasste er ihr Handgelenk und hielt sie davon ab wegzulaufen.

„Zelda… bitte… was war das für ein Lied?“ Es quälte ihn zu spüren, dass sie so abweisend war und er das dringende Bedürfnis hatte diese Melodie zu begreifen. „Diese… Ballade… sie klingt nach Vergangenheit… nach…“

„Ich weiß es nicht, Link… bei den Göttern, ich weiß es nicht… bitte… ich möchte mich einfach hinlegen…“

Ihre leidende Stimme ließ ihn seinen Griff lockern und er seufzte. „Es war… wunderschön… du singst so… sinnlich und angenehm…“, murmelte er. Er wollte ihr zumindest sagen, dass er sie bewunderte, nicht nur für das Lied, sondern dafür, dass sie sich mit ihren verlorenen Erinnerungen so tapfer verhielt. Dennoch verstand er, dass sie seine Anteilnahme im Augenblick, vielleicht weil sie gerade irgendwie sie selbst war, kaum zuließ.

„Ich habe… noch nie eine so gefühlvolle Melodie gehört“, sprach er sanft. „Wenn jene zu deinen Erinnerungen gehört, dann muss in deiner Vergangenheit auch etwas Schönes und sehr Liebevolles vorhanden sein, etwas, was es lohnt erinnert zu werden.“ Er hatte noch nie derartiges gesagt, begriff nur schwerlich, was ihn dazu brachte. Vielleicht hatte ihre Melodie auch ihn an etwas erinnert… daran, dass es Dinge auf der Welt gab, für die es sich lohnte zu kämpfen, die beschützt werden mussten.

Und als seine Sätze leise ausklangen, drehte sie sich endlich zu ihm um. Sie war blass, aber ihre himmelblauen Augen funkelten berührt. „Glaubst du, dass es in unserem Leben etwas gibt, das wir um jeden Preis erinnern sollten? Und vielleicht auch in anderen Leben?“

„Ja, wenn es diese anderen Leben gibt“, entgegnete er und sah sie einfach nur an.

„Und woher nimmst du dieses Vertrauen?“, sprach sie, etwas wimmernd und traurig. Sie war verzweifelt wegen all den Gedanken und Gefühlen, die durch ihre Schutzschicht prallten und versuchten sie zu beeinflussen. Gedanken an das, was niemals sein konnte. Gefühle, die für sie keinen Sinn machten.

„Ich vertraue auf mich selbst und die Menschen, denen ich begegne… Und ich weiß, dass ich meinen Sinn darin finden kann… von Nutzen zu sein… gerade für Menschen wie dich.“

Sie tapste zu ihm verzaubert und beeindruckt, war ihm etwas zu nah und flüsterte mit ihrem warmen Atem in sein linkes Ohr. „Wenn du ein Teil meiner Erinnerungen wärst, dann würde ich auch dieses Vertrauen finden wollen… Deine Seele… ist wunderschön, so stark und sicher, wie dieses Lied…“ Damit wand sie sich ab und hetzte schnellen Schrittes hinauf in das Gästezimmer. Link sah ihr konsterniert hinterher, ballte seine Hände zu Fäusten und seine tiefblauen Augen schillerten in einem alten Glanz…

 

Der nächste Tag brach an. Link wollte Zelda einmal die Stelle im Wald zeigen, wo er sie gefunden hatte und so machten sie sich beide heiter gestimmt auf den Weg und genossen die frische Luft. Sie liefen einen schmalen Waldweg entlang, ließen sich von der Schönheit der Natur verzaubern, beobachteten Eichhörnchen in den Sträuchern verschwinden, lauschten dem Gezwitscher kleinerer Vögel. Zelda beobachtete lächelnd den Fluss des Wassers in dem Bach, der hier entlang lief, genoss die Freiheit, Ruhe und unberührte Natur. Sie breitete ihre Arme aus, rannte ein Stück um sich auszupowern und lachte dem jungen Mann entgegen, der sie hierher geführt hatte. Und es berührte auch sein Herz, sie so ausgelassen und fröhlich zu sehen.

Nach einer Weile lief sie wieder neben ihm. „Link, ich möchte noch einmal… in aller Form danke sagen, dafür, was du mir hier ermöglichst…“ Er lächelte einprägsam.

„Trotzdem… auch wenn du es nur gut meinst, ich kann mich nicht ewig bei euch durchessen. Das geht einfach nicht. Ich habe jetzt schon ein schlechtes Gewissen.“

Link wusste, dass sie so dachte. „Wer weiß schon, was die Zeit bringt. Warte doch erst einmal die nächsten Wochen ab. Vielleicht finden wir einen Anhaltspunkt. Möglicherweise sogar früher, als du denkst. Komm’ hier entlang.“

„Du kennst dich in den Wäldern sehr gut aus, was?“

„Ja, wie mein zweites Zuhause.“

Die Sonnenstrahlen schimmerten durch die grünen Kronen der Laubdächer und glitzerten im kühlen Wasser des kleinen Baches. Weiße Nebelschleier zogen am Himmel vorüber. Zelda rannte erneut, breitete die Arme aus und genoss den Wind. „Es ist einfach wunderschön hier“, rief sie Link hinterher.

Er führte sie dann weiter, immer entlang des Baches, der an Größe zunahm, bis zu einem beinah heiligen Ort, wo sich ihrer und sein Weg ohne ihr Wissen gekreuzt hatten. Hier war der Ort, wo er sie fand, spät in der Nacht, der Hügel grüner Wiese, der von zwei Armen des Baches beschützend umrahmt wurde.

Link winkte ihr zu: „Schau‘, das ist der Ort, an dem ich dich gefunden habe.“

Zelda betrachtete sich diesen Ort genau und staunte. „Ich habe davon geträumt, hier zu sein, aber ich wusste nicht, dass ich tatsächlich hier gewesen bin.“

„Wann hast du davon geträumt?“

„Die letzte Nacht…“

„Verstehe…“, murmelte er, konnte sich aber aus alle dem einfach keinen Reim machen und es ergab auch keinen Sinn. 

Als Zelda dann einen Blick auf den Bach warf und sie sich vorstellte, wie sie ausgesehen haben musste, als sie hier lag- für die Augen eines Fremden, fragte sie ihn: „Hast du mir eigentlich nur geholfen, weil ich so aussehe wie Zelda?“

Der Oberstufenschüler drehte sich zu ihr um, sah in ihr Gesicht, grinste und lachte dann.

„Hey, die Frage war ernst gemeint.“

„Ach, entschuldige. Jeder Zeldaspieler hätte dir geholfen, wenn er deine Ähnlichkeit mit ihr bemerkt hätte… wenn er sie bemerkt hätte, was in jener Nacht gar nicht möglich war. Hör‘ mir mal zu, glaubst du, ich wäre so ein schlechter Mensch und hätte dich liegen lassen, nur weil du eine Fremde bist.“ Sie schüttelte mit dem Kopf. „Und außerdem, hätte ich dich nicht einmal gesehen, wenn nicht zufällig der Mond geschienen hätte und der Nebel jener Nacht nicht vor diesem Ort zurückgewichen wäre.“

„Moment mal. Es war Nacht?“ Sie klang entsetzt. Erst jetzt begriff sie, dass sie vielleicht hätte tot sein können, hätte sie mehr Wasser geschluckt.

„Und die Tatsache, dass ich ausgerechnet in dieser Nacht noch einmal in den Wald gegangen bin, war schon mehr als Glück für dich. Ich glaube, es hätte dich niemand finden können…“

Sie blieben noch eine Weile stehen, beobachteten den Lauf des Wassers, genossen die Ruhe und ließen andächtig die Ereignisse in Vergessenheit geraten.

„Ich muss mich noch einmal bei dir bedanken…“

„Schon gut. Lass uns gehen.“

Die ganze Zeit lief sie hinter ihm her und sah nur die blonden Haarsträhnen am Hinterkopf.

„Du bist ein sehr guter Mensch, weißt du das?“

Link drehte sich um und sah mit treuherzigen Augen in ihre. „Natürlich weiß ich, dass ich der netteste, freundlichste, klügste und gutaussehendste Mensch weit und breit bin.“

„Eingebildet bist da ja auch nicht.“

„Das würde mir doch im Traum nicht einfallen.“ Er lachte, ebenso wie sie.

Er zeigte ihr noch einige Stunden den Wald, ab und zu trafen sie auf irgendwelche Leute, die an diesem Tag Spaziergänge unternahmen. An einem See hielten sie sich auf und wollten ein wenig verschnaufen. Einige Leute waren noch dort und sahen die beiden verwundert an, weil die meisten wohl Zeldas Gesicht hier noch nie gesehen hatten. Einige Kinder, noch Grundschule tollten herum. Ein kleiner Junge, kaum zehn Jahre alt, glotzte Zelda mit großen Augen an, und flüsterte in die Ohren seiner Freunde. Link meinte: „Siehst du, nicht nur mir ist deine Ähnlichkeit mit Prinzessin Zelda aufgefallen.“

„Du brauchst gar nicht so unschuldig zu tun, mein Lieber.“ Jetzt bekam Link sein Fett weg.

„Was ich?“

„Weißt du, wie du aussiehst?“ Link zuckte mit den Schultern.

„Fehlt nur noch die grüne Mütze.“

Link riss sich sein Basecap herunter. „Jetzt gehst du aber zu weit!“, sprach er entnervt.

Link marschierte auf ein Stück Grünfläche zu und setzte sich. Nicht weit von ihm entfernt saß eine junge Frau, etwa fünfundzwanzig Jahre alt. Der junge Held hatte sie hier auch noch nie gesehen. Sie war braungebrannt, trug ein weißes Top, dazu passend eine weiße Stoffhose und hatte feuerrotes Haar. Das schien wohl der Grund gewesen zu sein, dass sie die Blicke der Leute, ebenso wie Zelda auf sich zog.

Als sein Schützling an ihr vorüberging, sah sie kurz auf und sah unheimlich schockiert drein. Dann schaute sie zu Link hinüber, der ihren Blick einfing und goldene Augen wie zwei Sterne daraus hervor leuchteten. Sie grinste und kniff ein Auge zu. Der junge Mann verstand nicht, sondern sah weg und dann noch einmal hin. Inzwischen hielt sie ein Handy ans Ohr und redete mit jemandem. Link bemühte sich, ihre Worte zu verstehen.

Zelda fragte: „Was ist?“

„Pst.“ Aber so sehr er sich bemühte, diese Frau konnte er nicht verstehen. Sie sprach Englisch, ein sehr schnelles, unverständliches Englisch.

„Yes, she’s here, together with him, in the forest of Schicksalshort. They both are okay.” Link war zwar nicht der Schlechteste in Englisch, aber die Dame redete viel zu schnell. Er schüttelte seinen Kopf, fragte sich, ob er denn wahrhaft alles im Sinn haben musste und hoffte, er machte sich zu viele Gedanken. Es würde schon nicht jeder, den er hier in Schicksalshort antraf, hinter Zelda her sein, oder? Dann ließ er sich mit ausgestreckten Armen in das Gras fallen und machte die Augen zu. Schon seltsam… seit sie hier war, seine Seelenverwandte, der Mensch, den er beschützen wollte, ging es ihm irgendwie besser. Er fühlte sich sorgloser, fröhlicher. Auch das sinnlose Nachgrübeln schien verschwunden zu sein. Unwichtig waren die Träume, die Ängste, alles. Er würde es genießen hier zu sein, würde genießen, dass sie hier war, obwohl er sie erst seit zwei Tagen kannte… verrückt.  Dann öffnete er seine Augen und sah Zelda zusammengehockt auf der Wiese sitzen und in den See starren. Sie war mit ihren Gedanken irgendwo weit weg. Link sah sie verträumt an, ihre Silhouette wirkte so anmutig. Mit einem Schlag kam ihm in den Sinn, dass er es sich niemals hätte verzeihen können, wären ihre Lebensgeister in dem Wald verschwunden, vor zwei Tagen, als sie dort lag, Wasser geschluckt hatte. Sie erschien ihm so weit entfernt, als ihr Blick irgendwo zwischen dieser und der Traumwelt lag, so nah und dennoch unerreichbar. Dieses Gefühl war unwirklich. Die Tatsache, dass sie hier war, schien unwirklich. Ihre Aura, die Link fühlen konnte… unwirklich… Link konnte nicht anders und bewegte sich auf sie zu. Wenn er sie doch nur festhalten könnte, sicher sein, dass sie niemals mehr verschwinden würde. ,Heiliger Deku, warum nur zieht sie mich so an‘, dachte Link.

Er legte eine Hand auf ihre Schulter und fragte: „Alles in Ordnung?“

Zelda war im ersten Moment überrascht und sagte aber dann trübsinnig: „Ich frage mich, wie lange ich wohl noch hier sein werde. Eigentlich fühle ich mich sehr wohl hier. Ich meine, diese Welt ist wirklich schön.“

Dieser Satz brannte Link in der Seele: „Ich sehe keinen Grund, weshalb du nicht hier bleiben könntest. Das ist doch deine Entscheidung.“

„Nein, ist sie nicht… Ich glaube, es gibt einen sehr wichtigen Grund, dass ich hier bin. Es gibt etwas Größeres, Mächtigeres in der Welt, und der Umstand, dass ich versucht habe das zu leugnen, war ein dummer, jämmerlicher Fehler, den ich mit nichts wieder gutmachen kann.“

Link hatte es die Sprache verschlagen. Er bildete sich ein, eine Träne an ihrer Wange hinab tropfen zusehen. Er rutschte nun noch näher und flüsterte direkt in ihr Ohr. „Ich glaube der Name Zelda passt wirklich zu dir.“ Dann lächelte sie wieder, sanfter und versteckter als vorhin, aber immerhin lächelte sie…

„Sag mal, was macht eigentlich deine Wunde?“

„Nichts. Ich merke nichts und denke, dass sie jetzt wirklich verheilt.“

„Du hattest sie schon, als du mich gefunden hast, nicht wahr?“  

„Jep.“

„Ich wollte das die ganze Zeit schon wissen, wie hast du sie bekommen? Ich bin einfach zu neugierig. Tut mir leid.“

„Ich habe gerade Zelda gespielt, bin kurz weggetreten und habe dann schlecht geträumt. Allerdings fühlte es sich nicht wie ein Traum an, sondern eher wie die Realität oder etwas, was noch schlimmer war. Ich konnte mich nicht rühren… wäre Sara nicht gewesen und hätte mich aufgeweckt, würde ich vermutlich… ich hätte es nicht überlebt.“

Zelda schaute entgeistert. „Ich bin nun mal ein Freak, oder?“

„Das sind wir beide.“

 

Am Rande des Sees tänzelte gerade ein Kind fröhlich umher. Plötzlich rutschte es ab und landete in dem eiskalten Wasser. Es planschte wild geworden im Wasser umher, ging unter, kam noch einmal nach oben und verschwand dann unter der Wasseroberfläche. Alle Anwesenden schrien verzweifelt auf. Link sprang auf und zögerte nicht lange. Zelda rannte hinter ihm her: „Aber deine Wunde, Link“ rief sie.

Doch er war bereits mit einem Sprung im Wasser, holte tief Luft und tauchte hinab. Er schwamm gelassen vorwärts, aber das Wasser fühlte sich für ihn irgendwie seltsam an, es war irgendwie nicht wie gewöhnliches Wasser, sondern fest, gleichzeitig glitschig…  Wirklich schwimmen war nicht möglich, es war ein Gleiten durch eine halbfeste Substanz, wie durch Grütze. Wie Link sich fortbewegte erinnerte ihn mehr an das Stapfen durch den kalten Matsch eines tiefen Sumpfes. Er sah den Jungen panisch Luft holend, mit hetzenden Bewegungen auf dem Boden des Sees liegen und kämpfte sich zu ihm durch. Er packte ihn gerade so am Kragen und stieß sich mit den Beinen am Grund ab und schwamm nach oben. Er erreichte die Oberfläche und frische Luft erfüllte seine Lungen. Der junge Retter schwamm auf den Rand des Sees zu und sah einige Leute am Ufer stehen. Sie zerrten sogleich den Jungen an Land.

„Link“, Zelda lächelte und reichte ihm die Hand. Er nahm sie, verwundert wie warm und zart sie sich anfühlte. Mit einem Seufzen stand Link im Trockenen. „Puh… ganz schön kalt.“

Die Eltern des Kindes kamen angerannt und dankten ihm, aber Link war inzwischen eher daran interessiert wieder trocken zu werden. Seine nasse Kleidung klebte an ihm wie Pech und fühlte sich ungeheuer unangenehm an. „Keine Ursache“, sprach er bloß und kniete dann zu dem Kind nieder. Als der jugendliche Retter das Kind ansah und sich vergewissern wollte, ob es in Ordnung war, schienen sich dessen Augen zu verwandeln. Zuvor hatte das Kind noch grüne Augen, doch dann leuchteten dessen Augen kurz auf und es sprach kaum vernehmlich, sodass nur Link es hören konnte: „Du wirst noch bereuen zu leben… kleine Made…“

Link erschrak und zuckte zurück, dachte daran, dass er schon wieder halluzinierte. Ein vertrautes, aber gehasstes Gefühl kam zurück und es erinnerte ihn daran, dass irgendetwas im Gange war.

Die Lady mit den feuerroten Haaren mischte sich schließlich in das Gespräch ein. „Du kannst wohl nicht anders, als die Menschen in deiner Umgebung zu retten, was?“ Ein leichter englischer Akzent lag in ihrem Satz. Sie reichte ihm die Hand. „Ich bin Naranda Leader und neu hier. Ich leite das Antiquitätenzentrum ,Another Folk’ und wir werden hier eine kleine Zweigstelle errichten. Übrigens, der Versuch, diesen kleinen Kerl zu retten war mutig und dumm zugleich von dir.“

„Warum Versuch, ich habe ihm doch geholfen oder nicht?“

„Vielleicht… aber die Frage ist wohl für wie lange…“, nuschelte sie. Sie schob ihre Sonnenbrille wieder auf die Nase. „Wie auch immer, ich hoffe, ihr beide schaut einmal in meinem Geschäft vorbei. Bye.“ Dann hüpfe sie auf ihr Mountain-Bike und radelte weg.

Sowohl Link, als auch sein Schützling sahen der geheimnisvollen Frau hinterher, es schien beinahe so, als kannten sie die Frau und als wusste sie sehr genau, wer Links Schützling war… 

 

In den nächsten Minuten eilten Link und Zelda zurück nach Hause. Sie hatten nichts mehr gesagt seit dem Vorfall, und standen schließlich vor Links Haus. Es war wirklich komisch, dass Link sich doch wahrhaft einbildete, die Augen des Kindes hätten geglüht. Aber auch dies hatte er sich wohl nur eingebildet. Es war nicht möglich, dass Augen glühten. Auch die Augen seines Onkels im Polizeipräsidium hatten geleuchtet, was Link mittlerweile nur für Einbildung hielt. Es war doch alles okay, warum sollte er sich um so etwas noch Gedanken machen? Hauptsache, es war nichts weiter passiert…

Link tropfte immer noch, als er in das Haus hineintrat. Er rannte ins Badezimmer und ließ die Wanne voll laufen, drehte die Heizung auf und rannte dann in sein Zimmer. Gerade als er die Schranktür öffnete, und frische Kleidung herausnehmen wollte, fiel ihm etwas Klapperndes entgegen. ,Ach, da ist sie ja‘, sagte er zu sich. Er legte das Objekt auf den Schreibtisch, nahm sich seine Klamotten und war blitzschnell im Bad verschwunden.

Zelda wunderte sich, woher er nur diese Energie nahm. Link war ernsthaft verletzt und dennoch, er bewies Tag für Tag eine erstaunliche Stärke. Zelda hätte es niemals zugegeben, aber sie war von ihm beeindruckt. Sie ging ebenfalls in sein Zimmer, fühlte sich einfach wohl hier, ließ sich auf die bequeme Ledercouch sinken, und sah etwas Glitzerndes auf dem Schreibtisch liegen. Eine wunderschöne, weiße, barocke Okarina faszinierte ihre Augen. War das denn möglich? Link besaß tatsächlich eine Okarina. Sie kannte das Instrument, wusste ganz genau, wie man es spielte und war einfach nur entzückt. Sie lächelte und murmelte „Wie schön.“ Zelda nahm das Instrument sofort zur Hand. Die Okarina war jedoch schwerer als sie dachte. Vorsichtig führte sie das Instrument an ihre Lippen und spielte einige Töne. Ihr Klang war hell, zart und vor allem rein. Zelda setzte sich auf die flauschige Decke auf Links Bett, schloss die Augen und spielte wieder. Sie spielte nichts Fassbares, nichts, das in irgendeiner Weise einen Sinn ergab oder sich zu einer Melodie formte. Sie probierte lediglich die Töne aus… und es war beruhigend für sie… angenehm und irgendwo erinnernd…

Als Link in das Zimmer kam, spielte sie immer noch. Sie ließ sich von seiner Anwesenheit nicht stören. Zelda öffnete plötzlich überrascht die Augen und bemerkte, dass Link neben ihr saß.

„Wow. Du kannst dieses Instrument wirklich spielen. Toll!“

„Kannst du es denn nicht?“

„Nein, ich bin unmusikalisch.“

Zelda schüttelte den Kopf und reichte sie ihm, als sie aber einen unbeholfenen jungen Mann dabei beobachtete, wie er sich trottelig anstellte. Er hatte Recht damit unmusikalisch zu sein, er selbst versagte schon, als er die Okarina in seine Hände nahm. Wie denn nun, so rum oder etwa so. In Links Gedankengängen entstanden Fragezeichen…

Zelda kicherte.

„Sehr komisch…“, sagte Link.

„Dabei dachte ich wirklich, du könntest das.“

„Du hältst mich wohl für übermenschlich.“

„Nein, für etwas Besonderes.“

Dem konnte Link nichts hinzusetzen. Er nahm die Okarina wieder in seine Hände. Doch jetzt gab es unerwartet einen Grund sie gleich wieder fallen zu lassen.

Zelda setzte sich im Schneidersitz hinter ihn, schlang ihre Arme um ihn, berührte seine Hände, in denen sich die Okarina befand. „So“, meinte sie. Und half ihm das Instrument in korrekterweise zu halten. Sie legte ihre Fingerspitzen auf seine. Vier Hände spielten ein Instrument, das für zwei gedacht war. Sie schlossen beide die Augen. Die Töne nahmen jetzt eine sanfte, traurige Melodie an… eine Melodie der Erinnerung, sie lebte in der Erinnerung und würde es immer tun. Nach einigen Minuten lösten sich Zeldas Hände von seinen und Link spielte allein. Tatsächlich, er konnte es. Ja, sogar richtig gut. Diese Melodie rüttelte in Zelda etwas lange Vergessenes wach. Sie erinnerte sich, wie oft hatte sie jene Klänge schon gehört und selbst gespielt. Diese Melodie…

Außerhalb leuchteten die Straßenlaternen schon, und der Mond stand weit am Himmel. Dunkelheit kroch in Links Zimmer umher. Link beendete sein Spiel, ein wenig verwirrt, über sein eigenes Talent im Okarina spielen, ein wenig durcheinander, da Zelda immer noch hinter ihm saß und sich an ihn gelehnt hatte. Schlief sie etwa? Das Gefühl in Zeldas Nähe zu sein, war so vertraut, ihr Körper an seinen gelehnt, so wohltuend. Er blieb noch einige Minuten sitzen, als er sie plötzlich leise schluchzen hörte. Weinte sie etwa?

Er drehte sich langsam um. Auch Link kannte diese Melodie von irgendwo her, auch war es jene Melodie, die Zelda heute Morgen gesungen hatte. Ihr Klang bohrte sich ins Herz hinein. „Zelda…“ Link konnte in der Dunkelheit nur ihre Umrisse erkennen, vielleicht lag es daran, dass er sich traute, sie in seine Arme zu nehmen. Er wollte ihr die ganze Zeit schon so nahe sein, sie beschützen und nun tat er es einfach. „Weißt du, ich habe dich nur im Wald finden können, weil du nach mir gerufen hast…“ Er berührte ihre rechte Wange und fühlte, dass da Tränen waren. „Weine nicht mehr.“ Sie schluchzte bitter, wollte sich verbieten sich so gehen zu lassen, als aber das Bedürfnis sich fallen zu lassen, siegte. Sie schloss die Augen, wischte sich die Tränen weg und wollte sich noch rechtfertigen… Aber der Gott des Schlafes war stärker- Zelda schlief in Links Armen ein. 

 
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