Kapitel 1
 

 

Kapitel 1: Der Ruf

 

Es war mehr...

Ein Gedanke an Geheimnisse, versteckt und wohlbehütet in dem Träger eines rechtschaffenen Herzen. Eine Geschichte. Ein Schicksal. Und eine Wahrheit.

         Eine Geschichte, die sich aus menschlichen Sehnsüchten speiste. Geboren für viele Gemüter, die sich nach dem Zauber einer anderen Welt sehnten und dem Leben mehr als nur eine unangemessene Sinnhaftigkeit zusprachen. Ein Märchen bloß und doch einzigartig, unheimlich kostbar für jene, die nicht nur mit den Augen sehen würden, welche sich an das gewöhnliche Leben auf der Erde gewöhnt hatten. Am Leben... nur mit einem falschen, unwirklichen Gesicht. Vergessen vielleicht... Geschrieben nicht nur einmal. Und doch erzählte jene Geschichte über viele endende Träume, über grausame Kriege, über Liebende, die nie welche waren...

         Ein Schicksal, an welches so viele Ereignisse geknüpft waren, an welches so viele Unschuldige ihre Seele verkauft hatten. Das einzige Schicksal, welches zwei Personen, nicht immer gut, nicht immer rein, nicht immer hoffnungsvoll, als ihren Anker auf dem Meer der Zeit angenommen hatten, darauf vertraut hatten. Ein Vertrauen, welches Götter und Wissende enttäuschen mussten. Denn nichts folgte in einem selbstgerechten Teufelskreis, welchen jenes Schicksal anordnete. Nichts als gestorbene Sehnsüchte, Enttäuschungen und die Bitterkeit leerer Gesichter. Ein Kampf folgte immer in jenem Rad des Schicksal. Und die Wunden, die Toten, sowie die gebrochenen Herzen würden nie das erhalten, was ein verräterisches Schicksal wie jenes ihnen versprach. Dumme Ideale für etwas, das den Namen Schicksal nicht verdiente...

         Eine Wahrheit über zwei miteinander verbundene Seelen, die ihre Wünsche und Sehnsüchte für den Frieden aufgaben. Seelen, die an dem Weltengesetz zerbrachen...

         Es war so viel, aber immer mehr, als man fassen konnte. Jene Geschichte. Jener Kampf um das, was in vielen Augen die einzige Wahrheit sein sollte. Der Kampf um Macht...

Und doch nur ein Gedanke eines Jugendlichen, der mit einem abgeknabberten Grashalm im Mund auf einer saftiggrünen Wiese dem herzlosen Vorüberziehen weißer Wolkenfetzen zusah. Ein Gedanke an etwas, was er vermisste, ersehnte und was doch... so nahm er an, sich niemals bewahrheiten sollte...

Melancholie und Trübsinnigkeit lag versteckt in tiefblauen Augen eines jungen Mannes, der sich wünschte, er könnte die Zeit anhalten, jene einfrieren, für einen Moment am Rande dieser großen Wirklichkeit. Ein Wunsch getragen von einem außergewöhnlichen Jugendlichen, der in einer modernen, perfekten Welt niemals finden würde, was er suchte...

Sein linker Arm wanderte in die Höhe als ein unnötiger Versuch, die Konturen eines weißen Wolkenschleiers nachzubilden, zu formen, zu verstehen.          Der grenzenlose Himmel mit seiner wunderbaren blauen Farbe und seine Tausende Gesichter. Was verbarg das Schicksal, wenn es dem Horizont diese vielen Gesichter gab und keines lange halten würde? Verbarg es Verrat? Hass? Oder das Unausweichliche. Der Gedanke an den Schlüssel der Welt, an eine Erinnerung, die ihn täuschte.

Stille Zweifel auf einem ansehnlichen Gesicht verblassten leise, als der junge Mann auf seine Beine hüpfte und sich tapsend in das Haus seiner Familie begab.

         ,Wenn du deinem Schicksal nicht mehr vertrauen kannst... rufe mich...’, sagte es in seinen Gedanken, als er den Riegel eines Gartentores verschloss.

         ‚Wenn dir das Unglaubliche begegnet und deine Sinne in Frage stellt... rufe mich... Rufe mich...’, entkam es seinen Gedanken, als er unauffällig in einem kleinen Wohnhaus verschwand, gelegen in einer Stadt, die man Schicksalshort nannte, errichtet in der Straße der Erinnerung...

Er betrat sein Zimmer. Geschmackvoll eingerichtet und doch neu, fast unecht, so anders und fremd... Gegenstände der neuen Zeit, allesamt unwichtig, wenn die Welt den Menschen ein anderes Gesicht offenbaren würde... und doch erschreckend vertraut und real.

Die Steuerung für ein Spiel, ein einfaches, unwichtiges Spiel in der Hand, ließ sich der Jugendliche vor seinem Fernseher nieder, fühlte ein fremdes Alleingelassensein, ein dummes Erinnern ohne Grund...

Ein Spiel. ,The Legend of Zelda’... nur ein Spiel...

 

„Link?“ Meira Bravery, die Mutter des jungen Mannes in jenem modernen Raum, stand in der Tür und hatte sich mit strengem Gesicht gegen den Türrahmen gelehnt.

„Jep, was ist denn?“, murmelte er, ohne seine Gedanken von dem Spiel vor seiner Nase zu lassen.

„Erweist du mir die Güte meinen siebzehnjährigen Sohnemann zu fragen, was er da tut?“ Und frech und aufmüpfig wie er eben war, schüttelte er zur Ärgernis seiner Mutter den Kopf.

„Link!“, fauchte sie sauer. „Gibt es in deinem Leben denn auch noch andere Dinge als dieses verflixte Spiel?“

„Nein“, meinte er gelangweilt. Sie wedelte aufbrausend mit dem Zeigefinger und trat vor ihn, sodass sie seine Sicht zu dem heißgeliebten Zeldaspiel blockierte. „Und dieses Spiel ist kein verdammtes Spiel... es ist einfach alles!“, setzte er hinzu.

„Seit Tagen, nein, ich verbessere mich, seit Wochen und Monaten sitzt du davor und vergisst, dass es auch noch eine wirkliche Welt gibt, in der dein Körper existiert.“

„Na und?“

Sie verdrehte die Augen und sagte: „Der junge Mann vor mir, mit dem grünen Basecape, mit den blonden Haaren und dem kurzen Pferdeschwanz könnte beispielsweise, wenn er die unglaubliche Güte dazu besäße, für seine morgige Klausur lernen!“, ordnete sie an.

„Keinen Bock.“

„Und den Termin bei dem Berufsberater in Schicksalshort hast du doch hoffentlich wahrgenommen.“

„Nein, hab’ ich nicht.“

Sie setzte einen wutschnaubenden Blick auf, welcher zu der abscheulichen Röte in ihrem Gesicht passte. „Nimm dir endlich ein Beispiel an deiner klugen Schwester, die auch fleißig für ihre schulischen Prüfungen lernt. Aber nein, was machst du, spielen und zusehen, wie dein Leben an dir vorbeirauscht!“, zürnte sie, und ihre Stimme wurde lauter und lauter.

Link hüpfte auf seine Beine und floh vor seiner aufgeregten Mutter. Er tänzelte zu einem modernen Schrank, versteckte sich noch kurz hinter einer kastanienbraunen Couch, lugte dann vorsichtig in die grimmigen Augen seiner Mutter Meira und setzte zugleich sein unschuldigstes Gesicht auf, das er parat hatte.

Seine Mutter sah ihn wie immer grimmig an. „Nebenbei... “

„Ja?“

„Hast du dir endlich überlegt, wie es in deinem langweiligen Leben nach der Schule weitergehen soll?“

„Sollte ich denn? Außerdem ist mein Leben keine langweilige Leier.“ Ihr Blick verzog sich bei diesen Worten. Link dachte schon, sie würde vor Wut gleich explodieren. Er sah förmlich, wie sich ihre Muskeln anspannten, ihre Augen sich weiteten und ihre Halsschlagader aufquoll und sicherlich, das war nicht fair, aber ihre Wutattacken faszinierten ihn und amüsierten ihn zugleich. Er konnte spielend leicht ruhig bleiben. Selten konnte ihn etwas aus der Fassung bringen.    

„Jetzt hör mir mal zu, Freundchen. Du wirst bald achtzehn Jahre alt sein, benimmst dich aber wie ein kleiner, verzogener Bengel. Ich hab’s langsam satt für dich alle möglichen Termine wie den bei der Berufsberatung zu arrangieren, wenn du sowieso nichts davon ernst nimmst.“

„Ich habe es eben vergessen.“

„Das sagst du jedes Mal.“

„Ja, weil du es niemals kapierst“, muckte er. 

„Waaaas???“ Ihre Stimme schwoll an zu einem niemals- enden- wollenden Gebrüll. Jetzt hatte er sie wieder da, wo er sie haben wollte. Seiner Unverschämtheit hatte sie einfach nichts entgegenzusetzen. Mit einem aufgebrachten Kopfschütteln verließ sie das Zimmer, grummelte unfassbare Dinge vor sich hin, während die Treppe ins Erdgeschoss knarrte. Immer wieder musste sie die merkwürdige Gelassenheit ihres Sohnes ertragen. Immer wieder brachte er sie zur Weißglut. Doch wirklich böse sein konnte sie ihm nicht. Er war schon immer so gewesen, ein wenig aufmüpfig, abenteuerlustig und auf der Suche nach neuen Erfahrungen. Sie wusste es und doch dachte sie nie darüber nach, dass ihr ältestes Kind irgendwie etwas Besonderes war.

         Link setzte sich vor den Fernseher, nahm einen schwarzen Controller zur Hand und spielte wieder. Jenes phantastische Spiel war einfach überwältigend, er liebte die Melodien, das riesige Abenteuer und in gewisser Weise sogar die tiefe Dunkelheit der eigentümlichen Verließe. Und so dumm es sich auch anhörte, es kam ihm so vor, als hätte er selbst jene Dinge schon einmal in der Realität erfahren, als hätte er selbst einst gekämpft. Merkwürdig allerdings war tatsächlich, dass Link ohne es richtig zu begreifen, schon vorher wusste, was in dem Spiel geschah. Er wusste vom Verlassen des Waldes, wusste von der einzigartigen Begegnung mit Prinzessin Zelda bis hin zum Endkampf mit Ganondorf, als wäre er selbst dort gewesen.

Vertrautheit für etwas so unwirkliches... Sehnsucht nach etwas so Stupiden, was ihm diese Welt, in welcher er sein Dasein fristete, einfach nicht bieten konnte.

         Seine tiefblauen Augen wanderten, erfüllt mit einer unbeschreiblichen Sehnsucht nach mehr, nach Abenteuer, Hoffnung und vielleicht auch nach Liebe zu dem großen, hellen Fenster in seiner gemütlichen, wenn auch unaufgeräumten Wohnstube. Die Sonne ging bereits mit einem rufendem flammendem Rot unter, zog sich wärmend in die gemütliche Stube des Jugendlichen und Link träumte, während im Hintergrund ein Chor von unwirklichen Stimmen eine Hymne sang, die, so dachte er, mehr war als bloß ein magisches Lied mit dem man den Zeitenstrom verändern konnte...

         Ein Chor hier in der alten Zitadelle der Zeit. Ein so trauriger Ort, dachte Link. Ein Ort voller Erinnerungen und Leid.

Etwas berührte ihn, wenn er die Hymne der Zeit vernahm, wenn er dem Chor vergessener Stimmen folgte…

Es berührte sein Herz, wie als wäre an jene Melodie etwas geknüpft, das ihn an Vertrauen, Hoffnung und Schicksal erinnern wollte.

         Besorgt und melancholisch trat er an das helle Fenster, spürte das Umschlagen des sterblichen Tages in die verhüllende Nacht. Erneut war sie hier, die Erinnerung an jemanden, den er nicht kannte. Eine Erinnerung, die keine sein konnte. Und manchmal, wenn der junge Mann am Abend in den Himmel blickte, egal welche Farben er annahm, dann spürte er plötzlich und doch sanft eine Hand auf der Schulter, die sich in Luft auflöste, als er sich umdrehte. Manchmal spürte er etwas in seinem Raum, als wäre er nicht alleine, die Anwesenheit einer angenehmen Seele...

Kopfschüttelnd wühlte er in seinen Haaren herum, ignorierte diese paranoiden Gedanken, berief sich auf die Wege der Vernunft, um sein Selbstvertrauen und die Selbstachtung zu stärken.

         Wieder kam seine Mutter herein. „Link, willst du nicht endlich zum Abendbrot kommen, es ist schon spät.“

„Nein, will ich nicht“, sagte er, ohne die Augen vom Spiel abzuwenden.

„Link“, seufzte seine Mutter. Versteh’ einer die Jugend. Link jedoch wurde von Tag zu Tag seltsamer. Er war immer anders gewesen. Er hatte gar nicht den Hang, wie andere Jugendliche jedes Wochenende wegzugehen, irgendwelcher harten Musik zu zuhören, die keinen Sinn hatte, außer jenem, das Trommelfell zu zerstören. Stets traf er Entscheidungen, die andere nicht verstanden und überhaupt gab es wenige, die ihn verstanden... Er war vielleicht das, was viele als risikobereiten Optimisten bezeichnen würden, auch wenn er einige Probleme mit sich herumtrug...

         Doch gerade seine Einstellung zu der Welt und ihren Schönheiten, er liebte es zum Beispiel, einsam durch den Wald zu wandeln, machten ihn bei den Mädchen in seiner Schule beliebt. Nun ja, er sah wirklich gut aus: schlanker, starker Körper, tiefblaue Augen, von solcher Klarheit, blonde Haare und ein markantes Gesicht.

         Und weiterhin spielte er, wandelte durch die Steppe Hyrules, hatte im Hintergrund seiner Gedanken ein viel packenderes Bild von Natur und Freiheit vor sich, als es dieses auf der Erde geben könnte. Ein prächtiges Bild von solcher Schönheit: weite Wiesen, Flüsse, die sich durch das Land schlängelten, große Gebirge...

         Es war nun annähernd Mitternacht und er begann zu gähnen. Er entschloss sich das Spiel für heute zu beenden und sagte: „Gute Nacht, Link.“

         Aber er meinte nicht sich selbst, sondern die Figur, die durch Hyrule wandelte und die Weisen erwecken wollte, um das Land zu retten. Es war schon komisch und irgendwie verrückt, dass der Held in dieser Geschichte seinen Namen trug. Na ja, vielleicht auch bloß ein blöder Zufall. Ein sehr blöder Zufall. Er erinnerte sich noch genau, was er für ein Gesicht gemacht hatte, als ein Freund ihm etwas über jenes Spiel erzählte und welchen Namen die Spielfigur hatte.

         Die Legende von Zelda.

Ein Titel, der in seinen Ohren nach Einsamkeit und trostlosem Schicksal klang.

         Als seine Schwester und er dann vor einigen Monaten in einem Laden mit den verschiedensten Spielen herumwühlten, drängte sich in seinem Herzen der besitzergreifende Wunsch auf, dieses Spiel zu haben. ,The Wind Waker’, war sein Untertitel. Die alberne Frau an der Ladenkasse hatte ihm, als sie in seine Augen blickte, eine andere Version des Spiels zum gleichen Preis angeboten- mit Bonusdisk. Sie hatte gemeint, er würde es gebrauchen können. Ihr Erscheinungsbild hatte etwas Befremdendes an sich, etwas, was Link erstmalig fast unwirklich erschien. Und es sollte nicht das letzte, merkwürdige Ereignis in seinem jungen Leben gewesen sein.

         Das Seltsame war, dass jene Frau an einem weiteren Tag, an dem er dort nach interessanten Dingen suchte, verschwunden war, und es sie allem Anschein nie gegeben hatte. Aber was sollte dieses Nachgrübeln überhaupt? War doch egal. Das Spiel konnte er trotzdem sein eigen nennen.

         Doch in all der Zeit, die inzwischen vergangen war, spielte er fast besessen, immer und immer wieder: ,Ocarina of time’. Link hatte zwar einige Male das Abenteuer auf dem Meer überstanden, aber so fesselnd wie ,Ocarina of Time’ war es lange nicht. Vielleicht lag es an der Graphik oder einfach nur an seiner eigenen Ungeduld immer wieder über dieses öde Meer zu segeln.  

         Seine Mutter schaute nun zum dritten Mal herein. „Link geh endlich zu Bett, du hast morgen schließlich Schule.“

„Ja, ich weiß, Mum.“ 

„Nun dann, ab ins Bett.“

„Ich geh ja schon.“ Er warf ihr einen gelangweilten Blick zu, der gemischt mit Nachdenklichkeit, sie rätseln ließ, was nun schon wieder in ihrem Sohn vorging.

         „Alles in Ordnung, Link“, doch er hörte gar nicht zu, schaltete den Fernseher und den Gamecube aus, lief ans Fenster und schaute nach draußen in den düsteren Nebel. Irgendetwas wartete da draußen, das spürte er. Er musste herausfinden was es war, sobald wie möglich. Etwas wichtiges, was er vergessen hatte. Wichtiger als alles andere. Die Wahrheit und das Schicksal warteten da draußen, geknüpft an das Leben einer fremden Gestalt, die das Gesicht jenes Jugendlichen trug. Denn manchmal, da fühlte der siebzehnjährige Link sich fremd gegenüber der Welt, gegenüber sich selbst und strebte nach dem, was nicht wirklich sein durfte...

         Seine Mutter stand plötzlich hinter ihm und bohrte noch einmal nach: „Was ist los?“

„Nix. Ich will jetzt schlafen gehen!“ Gleichgültig und genervt schubste er seine Mutter aus dem Zimmer. „Gute Nacht, Mum“ war das einzige, was er ihr noch hinterher warf.

Mit einem Seufzen ließ sich Link auf das Bett fallen, welches ihm viel zu weich war. Schon des öfteren hatte er sich früh morgens dabei erwischt, wie er ausgebreitet auf dem Boden lag. Na ja, kann man halt nichts machen...

         Sie hatte Recht mit ihrer Besorgnis um ihn, eigentlich war gar nichts so richtig in Ordnung. Häufig hatte er das Gefühl, er vermisste etwas… und mit jeder weiteren Sekunde, die dahin schwand, wurde jenes sich in das Herz einnistende Gefühl unerträglicher.       Manchmal hatte er das Gefühl, es gab jemanden, den er wie niemanden sonst vermisste. Auch wenn da keine Erinnerungen waren, auch wenn vielleicht noch nie jemand einen Beweis für ein früheres Leben vorlegen konnte. Sein Herz sehnte sich nach jemandem, doch wen und wieso… das, so nahm Link an, würde immer ein Geheimnis bleiben.

Ein großes Geheimnis.

Sein Geheimnis, das er mit niemandem teilte, es sei denn, er würde jene Seele finden…

         ,Rufe mich... wenn dein Herz schmerzt...’

Und der Gedanke an eine unvergleichliche Aura, von der er hin und wieder träumen durfte, schmerzte irgendwie leise, flüsternd, rufend. Träume, ja Träume… Einst hatte er einen Traum von jemandem, den er mit einem Gedanken tief in seinem Herzen aufbewahrte.

         Link drehte sich mit geschlossenen Augen auf seinen Bauch und vergas seine erinnernden Hirngespinste wieder. Langsam driftete er hinweg. Er wehrte sich gegen den Schlaf. Seine Augen fielen ihm dennoch langsam und ungebändigt zu. Aber er wollte sich noch nicht Schlafen legen. Wenn es etwas gab, dass ihn bedrückte, dann seine Träume. Vor wenigen Monaten träumte Link davon, er wäre einen Abhang hinabgestürzt, was nicht einmal sehr schlimm klang, wären da nicht die orkähnlichen Monster, welche hinter ihm her waren und die Tatsache, dass er am Morgen mit blauen Flecken und einer üblen Gehirnerschütterung aufwachte, sich aber seltsamerweise im Bett kaum gerührt hatte. Für Link waren Träume eine zweite Realität, als wären sie nicht so vergänglich, wie viele Menschen ihm glauben machten. Wegen ihnen war er eigentlich zu dem geworden, was er heute war: ein seltsamer, junger Mann, der davon träumte mit einem Schwert in seinen Händen durch die Welt zu ziehen, Abenteuer zu erleben, und seine Bestimmung zu erfüllen. Schwachsinn... purer Schwachsinn, redete er sich ein…

 

Er sah sich selbst im Traum. Link stapfte durch dunkles, dreckiges Wasser, das sogar noch rot schimmerte, einen langen Tunnel entlang. An den Wänden hingen unzählige, beinahe überdimensionale Spinnweben. Alte, verdorrte Pflanzen, die er noch nie gesehen hatte, schlängelten sich die Wände hinauf. In seiner linken Hand hielt er fest umklammert ein reichlich verziertes Schwert, welches im Dunkel sogar noch leicht schimmerte. Eine wunderbare Waffe, dachte er, eine Waffe, mit der er sich so stark und mutig fühlte. In der rechten Hand hielt er eine kleine Lampe, die nahezu sinnlos leuchtete in dieser endlosen Dunkelheit.

Seine Schritte wurden immer schwerer. Was zum Henker tat er hier überhaupt? Ah endlich. Am Ende des langen Ganges befand sich eine Tür, für die er einen Schlüssel hatte. Er öffnete sie vorsichtig und betrat ein riesiges Gewölbe mit gigantischen Pfeilern. Mit dem Feuer seiner Lampe entfachte er mehrere Fackeln in dem Raum. Erstaunt sah er um sich. Welch’ eine Pracht. An dem Deckengewölbe waren Fresken mit kämpfenden Göttinnen dargestellt. Eine hielt eine Art Zepter, mit der sie zum Schlag ausholte, als ein Dämon, in Art eines Zyklopen, eine mächtige Energiekugel auf sie abfeuerte. Einige weitere Gestalten waren zu sehen, aber Link hatte nicht mehr die Gelegenheit sie sich genau anzusehen. Ein kleiner Junge, ganz in grünen Gewändern, rief zaghaft seinen Namen und deutete auf ein Bild im hinteren Bereich des Gewölbes. Wie kam der eigentlich hierher? Den hatte er gar nicht bemerkt. Doch urplötzlich war dieser kleine Kerl wieder verschwunden. Link lief auf das Gemälde zu und entdeckte darauf eine zerstörte Landschaft, dessen Himmel blutrot anlief. Im Gemälde? Link war ein wenig verunsichert und schaute dann noch einmal hin. Aber da war nichts mehr- ein einfaches Bild mit blauem Himmel.

         Mit einem Schlag wurde Link aus seinen Gedanken gerissen, mehr oder weniger ungewollt...

Ein widerliches Zischen breitete sich hinter ihm aus, das einen Menschen ohne Mut und Willenskraft sofort zum Weglaufen gezwungen hätte. Link blieb gelassen stehen, spitzte seine Ohren und verfolgte die näherkommenden Schritte. Er hörte das gedämpfte Atmen der Kreatur, die nun nur noch wenige Meter von ihm entfernt stand. Ein Klappern. Ein dumpfes Klingen eines dreckigen Schwertes, an dem noch das Blut Links Vorgänger klebte. Dann plötzlich ein wilder Kampfschrei. Erst jetzt bemerkte Link, dass es seine Stimme war, die durch den Raum hallte. Blitzschnell hatte er sich zur Seite gerollt und stürzte nun mit der scharfen Waffe in seiner Hand auf den Gegner. Das Monster, das Link als Skelettritter erkannte, war nicht in der Lage so schnell zu reagieren. Mit einem saftigen Hieb trennte der junge Held den einen Arm der Kreatur ab, in welcher es das Schwert trug...

 Jämmerlich kreischte die Bestie ohne Herz, an deren Knochen einzelne Hautfetzen hingen, auf und stürzte in einer letzten Verzweiflungstat auf Link. Er fühlte die Kälte dieses Höllengeschöpfes, roch den Gestank des Todes, bis er es letztendlich ganz spaltete. Gekonnte kletterte Link an der Kreatur hinauf, drehte eine Rolle in der Luft und schlug das Häufchen Elend in der Mitte entzwei, als er mit den Beinen wieder auf der Erde landete. Die letzten Bestandteile des Dämons lagen zu Links Füßen...

 

Dann erwachte er plötzlich schweißgebadet. Er schreckte hoch und wusste im ersten Moment nicht, wo er sich befand. Oh Mann, was für ein Traum, dachte er, als er einmal wieder auf dem Fußboden lag. Schläfrig schaute er auf die Uhr: Fast fünf? Link murmelte irgendetwas, wobei er sich selbst als Trottel bezeichnete, dann sagte er: „Egal. Fünf Stunden Schlaf- das reicht.“ Mit einem Sprung stand er auf seinen Beinen. Er war ein wenig überrascht über den Salto, den er im Traum in der Luft vollführt hatte. Das war doch nicht möglich... egal. Erneut tat er die verwirrenden Träume ab, ignorierte, bildete sich ein, es gäbe viele, viele Menschen, die dieselben Träume hatten, vergas aber zu vergessen…

Link stolperte die Treppe zur Küche hinunter, schmierte sich eine Scheibe Weißbrot, verschlang sie regelrecht, machte sich einen Tee, verschlang diesen noch mehr als das Weißbrot und war mit seinen Gedankengängen schon wieder bei seinem Traum. Den Ort kannte er doch- es fiel ihm wie Schuppen von den Augen. Das dunkle Verlies mit den seltsamen Pflanzen, Lianen oder was immer sie auch waren, erinnerte ihn an die Szenerie des Waldtempels. Ja, genau das war es... aber der Traum war so echt, so real- mehr als es ein Spiel jemals sein konnte. Verdammt, das war einfach zu viel.

Link tapste ins Badezimmer, duschte sich eiskalt, wohl um seine Abwehkräfte für näherrückende Ereignisse zu stärken, putzte Zähne und als er wieder in herrlicher Frische in die Küche kam, saß bereits seine kleine Schwester am Tisch- so klein war sie allerdings gar nicht mehr.

„Morgen Sara“, meinte Link, als er wieder gähnte.

„Morgen Bruderherz. Bist schon lange wach, nicht wahr?“

„In gewisser Weise habe ich gar nicht geschlafen.“ Sara blickte schockiert drein und lachte dann: „Link, der ewige Träumer.“

„Haha, sehr witzig. Frag mich nur, wo der Witz liegt.“ Sara ging auf ihn zu, klopfte auf seine Schulter, grinste und verschwand dann mitsamt ihrer Schultasche im Flur. Als Link auf die Uhr sah, traf ihn fast der Schlag. „Was schon so spät. Mist!“

Dann rannte er schneller als der Wind mit seinem Rucksack in der Hand zur Haustür hinaus, in Richtung Schule. Der Traum jedoch schien nun vollends aus seinem Kopf verschwunden zu sein.

         Während Link auf dem vertrauten Weg zu seiner Schule lief, schien die Sonne. Es sollte sicherlich ein schöner Tag werden. Mit einem eher ungewollten Schmunzeln auf den Lippen, sah Link in den blauen Himmel, als er immer noch lief, ohne auf seinen Weg zu achten. Weiße Wolken zogen vorüber. Sie bestärkten ihn nur noch mehr in der Absicht, den Nachmittag in den Wäldern zu verbringen. Die Wälder, ein Ort, an dem er sich so behütet und sicher fühlte, ein Ort, der ihn erinnerte…

Doch so leidenschaftlich seine Liebe zum stillen Wald mit seinen alten, weisen Bäumen, seinen Hunderten Geschöpfen und seiner grenzenlosen Freiheit auch war, so hatte er ständig den aufrichtigen Wunsch, er könnte die Wahrheit finden, jene Wahrheit, die ihm sagte, warum er sich hier befand, was seine Bestimmung war und mit wem er sein Schicksal teilte… und die Zuneigung für einen Ort so voller Ruhe und Sinnlichkeit würde von jenen Empfindungen für etwas anderes noch weit überschritten werden…

         Plötzlich ein matter Druck in seinen Gedanken, als ob sich etwas darüber legen wollte. Wie eine Hand, die die Sinne zu betäuben versuchte. Link blieb eine Weile wie angewurzelt stehen. Sein Körper fühlte sich irgendwie so komisch an, benommen, schwach. Er kam sich mit einem Schlag so kläglich vor. Was war das nur für ein Gefühl? Vielleicht hatte er einfach nur zu wenig geschlafen. Das war sicherlich der Grund. Als Ausrede mag jene Einbildung sicherlich eine Weile dienen… Du hast nicht genug geschlafen, Link, aber in Wahrheit gab es andere Gründe, die für seinen kläglichen Zustand verantwortlich waren. Seit geraumer Zeit bildete er sich ein, er wäre ein wenig depressiv… denn so oft hatte er miese Laune, dachte über stupide, sinnlose Dinge nach und fühlte sich kläglich, wenn er annahm, es könnte sich niemals etwas ändern…

         Aber Link, auch wenn er sich in den letzten Wochen so verloren fühlte, besaß mehr Stärke als ihm selbst bewusst war. Er besaß etwas, das ihn zwar von anderen unterschied, ihn aber dadurch nur außergewöhnlich machte und sehr bald würde er herausfinden, was tief in ihm schlummerte. Mut, Tapferkeit, Stolz, Glauben an das Gute und Hoffnung. Er lief weiter, in Gedanken versunken, in Richtung Schule. Da war das alte, riesige Gymnasium, von dem er oftmals träumte, jedoch befanden sich in der Traumwelt keine Menschen darin, sondern üble Zombiekreaturen.

Er hörte schon die Schulglocke läuten, als er die letzten Treppenstufen zu seinem Klassenzimmer hinauftrottete. Mit einem Seufzen stand er vor dem Raum und klopfte zaghaft.

         „Herein“, schallte es hinter der Tür, Link öffnete und trat hinein. „Morgen Link“, sagte die schlanke Frau hinter dem Schreibtisch. „Schön, dass du mal wieder pünktlich bist, setz dich gefälligst auf deinen Platz.“

„Sorry, ich wurde aufgehalten“, sagte Link kühl. Er wunderte sich. Die Direktorin I. Schattener persönlich befand sich im Raum. Gab sie Vertretung? Mist, er hatte gar keine Zeit gehabt auf den Vertretungsplan zu schauen, aber sicherlich war Miss Krummspecht mal wieder krank geworden. Sie unterrichtete Geschichte und fehlte mindestens einmal im Monat, weiß der Teufel warum- und nun war mal wieder die Direktorin eingesprungen. Vor ihrer Person hatte Link mehr Respekt, als vor seiner eigenen Mutter. Gelassen saß sie hinter ihrem Schreibtisch, mit einer schmalen Brille auf der Nase, durch die rotbraune, beherrschte Augen hervorsahen. Sie hatte die Schüler im Griff, besser als jeder andere Lehrer.

Mit ihrer tiefen Stimme sprach sie schließlich zu den Schülern der Oberstufe. „Ich werde euch keinen Vertretungsunterricht geben, im Grunde genommen bin ich nur hier, um euch einige wichtige Termine zu übermitteln. Beschäftigt euch danach bitte still, macht irgendwelche Hausaufgaben oder so.“ Dann redete sie von den näherkommenden Prüfungen, von irgendwelchen Exkursionen, Wandertagen, Sportfesten, bis sie schließlich ihren Redeschwall beendete. Sie schien irgendwie abgelenkt und ständig über eine Sache nachzugrübeln. Link beobachtete sie und wurde neugierig. Er hatte die Direktorin noch nie so vertieft gesehen. Und unfassbar war eigentlich die Tatsache, dass sie den Schülern nicht diesen nervigen Geschichtsstoff aufzwang. Link flüsterte seinem Banknachbarn zu: „Sag mal, hab’ ich irgendetwas verpasst?“

„Nee, hast de nicht. Die benimmt sich heut’ schon den ganzen Tag so komisch.“

„Aha.“ Jetzt wurde Link erst recht neugierig. Vielleicht... konnte er ja irgendwie herausfinden, was vor sich ging. Aber sicher würde er das... denn es waren seine natürlichen Charakterzüge den merkwürdigen Dingen auf den Grund zu gehen...

         Miss Schattener ging aus dem Raum. Link erhob sich und schlich unauffällig in Richtung Tür. Plötzlich packte ihn jemand am Arm. Ein Junge mit braunem kurzen Haar und rehbraunen Augen blickte ihn verschlagen an. Es war Rick, Links Cousin, und gleichzeitig sein bester Freund.

„Wo willst du denn hin, du Schön- dass- du- mal- wieder- pünktlich- bist- Schlawiner.“

Link grinste ansatzweise: „Willst wohl mit?“

Rick nickte. Sie öffneten die Tür, traten hinaus in den dunklen Flur. Link blickte um sich, sah niemanden und lief den Gang entlang in Richtung Treppe. Er hörte Schritte, die von Miss Schatteners Absätzen herrühren mussten.

„Pst“, nuschelte er Rick zu. Wenn sie jetzt erwischt würden, könnte sie beide mit einem ordentlichen Verweis rechnen. Glück gehabt, sie ging die Treppe weiter nach unten. Hinter ihnen wurde plötzlich eine Tür geöffnet. Link und Rick blieben fast die Herzen stehen. Sie versteckten sich hinter zwei Säulen, die am Anfang der Treppe nach oben ragten. Sie kannten die Person, die aus dem Raum heraustrat. Sein Name war: Dr. Richard Raunhold- stellvertretender Direktor und Schulpsychologe. Link erinnerte sich nicht gerne an das Gespräch, das er wegen eines kleinen Streits mit einem Mitschüler mit ihm führen musste. Zugegeben- ja er hatte diesem Scherzkeks Mike Kilhagen die Nase blutig geschlagen, aber doch nur, weil er ihn provoziert hatte. ,Weichei’ hatte Mike Link genannt. Daraufhin ist er ausgeflippt... und Link war der Stärkere. Das war aber schon wieder lange her.

         Eilig hatte es der Typ ja nun wirklich nicht. Er ging so schnell die Treppe hinab, dass er beinahe gestolpert wäre. Dr. Raunhold war schon mindestens fünfzig Jahre alt und besaß graue Haare und ziemlich spitze Ohren- wie Link fand. Als er außer Reichweite war, krochen Link und Rick ebenfalls die Stufen hinab. Doch nirgendwo ein Anzeichen der beiden Personen.

Rick meinte: „Komm. Lass uns zurück ins Klassenzimmer gehen. Ist doch sinnlos.“

„Los. Dann geh. Ich habe aber irgendwie das Gefühl, ich müsste das hier herausfinden.“ Als würde Ines Schattener das Rätsel um seine eigenen Geheimnisse lösen können…

„Wie du meinst!“ Rick verschwand. Jetzt konnte Link endlich in Ruhe nach Miss Schattener suchen. Das Gefühl jemanden hinterher zu schleichen, dabei aber unerkannt zu bleiben, war irgendwie aufregend. Wie als hätte er das schon öfter gemacht. Dann ging Link ins unterste Stockwerk, in tiefe Dunkelheit, in den Keller. Jetzt kam ihm auch sein Traum von letzter Nacht wieder in den Sinn.

         Unverhofft hörte er Stimmen, die er als jene von Miss Schattener und Dr. Raunhold erkannte.

         „Aber das darf einfach nicht sein. Ich meine, wie konnte er...“ Ihr blieb fast die Stimme weg. So hatte Link die stolze Direktorin noch nie reden hören. Verzweiflung und Angst lagen in ihren Worten. Link schlich näher und stand nun unmittelbar hinter den zwei dunkeln Gestalten.

         „Ines, es tut mir leid“, sagte Raunhold, fast so, als könnte es etwas ändern. Link ahnte, dass etwas Schlimmes geschehen sein musste, vielleicht mit ihrer Familie- nee, wieso sollte sie dann ausgerechnet mit Raunhold reden, vielleicht mit der Schule?

         „Er hat sich also befreien können... Ich frage mich, was mit ihr ist. Meinst du, sie existiert noch, glaubst du, sie lebt noch?“

„Ich hoffe es.“

Link wusste nicht von wem sie sprachen, aber es schien wichtig zu sein. Befreien können? Was sollte das? War jemand aus dem Gefängnis entkommen, oder wie?

Nach einer Weile sagte Raunhold: „Ich sah ihn auf der Straße entlang wandeln. Gesegnet seien die Göttinnen, dass er mich nicht erkannte. Vielleicht würde ich dann nicht mehr hier stehen.“

„Wir müssen ab heute sehr vorsichtig sein. Richard, du entschuldigst mich, ich muss mich auf die Suche nach ihr begeben. Möglicherweise ist sie ebenfalls hier, wer weiß, was geschah... Ich muss sie unbedingt finden. Wer weiß, wie durcheinander sie ist... Sie... Ich bin ihr immer noch verpflichtet.“

„Ja, das wissen wir. Ich werde die anderen kontaktieren.“

„Und was machen wir mit Li-“, Miss Schattener zuckte plötzlich zusammen, als die Pausenglocke erklang. „Schon so spät. Also, viel Glück Richard, beten wir, es möge alles gut gehen.“

„Nun gut. Hoffentlich bis bald, Ines.“

         Die Direktorin ging in schnellen Schritten aus dem Keller hinaus. Link hatte sich gerade noch rechtzeitig hinter einem einfachen Holzschrank verstecken können. Dann ging auch Raunhold aus dem Raum und Link blieb, verwirrt und ein wenig abwesend dort stehen. Die Worte der Direktorin erschienen ihm so einprägsam, als wäre er selbst in die Ereignisse verstrickt, aber vielleicht wünschte er sich das auch nur: In merkwürdige Ereignisse verstrickt zu sein, eine Hauptrolle zuspielen, um seinem viel zu gewöhnlichem Leben zu entkommen. Plötzlich hörte er das Schloss knacken, oh mein Gott. Was, wenn er eingeschlossen wurde? Schleunigst rannte er an die Tür, rüttelte kräftig, aber sie ließ sich einfach nicht öffnen. Na toll, das nächste Fettnäpfchen, in welches er hineingetreten war. Was jetzt? Ach ja, richtig. Irgendwo in diesem riesigen Raum war doch noch eine Tür. Oder etwa nicht? Das wenige Licht, welches vorhin noch brannte, wurde von außen abgeschaltet. Auch das noch! Nun sah Link nichts mehr, nicht einmal seine eigenen Hände vor sich. Das einzigste Leuchten kam von seinen Augen, die sogar bei Finsternis noch den Anschein hatten, zu glühen.          Diese Art der Dunkelheit kannte Link nur zu gut. Er war sie aus seinen Träumen irgendwie gewöhnt. Die Pause war sicherlich fast vorbei.

         „Verdammt“, fluchte er, bei dem Versuch etwas leuchtendes zu finden. Nach einer Weile, nach einigen Minuten, in denen er alle möglichen Gegenstände in den Schränken betastete, um herauszufinden, was es war, fand er eine kleine, aber nützliche Taschenlampe. Mit ihrem hellen Schein, suchte er die Wände ab, und dort... oh Wunder... da war die zweite Tür. Er rannte in jene Richtung, ergriff langsam die Türklinke und tatsächlich: Sie war offen. Link trat hinaus und befand sich an der Rückwand des Gebäudes. Schnell rannte er durch den herrlichen Park, von dem die Schule eingeschlossen war zu dem nächstbesten Eingang. In der Aula angekommen, atmete er erst einmal erleichtert auf, als er feststellte, dass er immer noch zehn Minuten Pause hatte. Er lief in Richtung des Vertretungsplanes. Aha, Miss Schattener war für die nächsten Wochen abgemeldet. Auf dem Plan stand Dienstreise. Quatsch, dachte Link. Immerhin kannte er den wahren Grund, sie war auf der Suche nach jemandem, einer Sie. Und es schien von höchster Priorität jene Person zu finden. Es war bestimmt besser, wenn Link darüber schwieg.

         Der Oberstufenschüler setzte sich in die Cafeteria, um ein wenig zu verschnaufen. Der Tag wurde immer seltsamer. Er fragte sich, was wohl noch passieren würde. Gedankenverloren träumte er vor sich hin. Er fühlte sich irgendwie müde und kraftlos und stürzte seinen Kopf in seine Hände. Der Anflug eines Gefühls, dass es einfach mal zu viel war, überkam ihn. Er hatte für heute einfach genug. Sara stand an einem Kaffeeautomaten, als sie ihren Bruder entdeckte. Als sie ihn dort sitzen sah, war sie aus irgendeinem Grund besorgt. Sara lief auf ihn zu. Link war tatsächlich dabei einzuschlafen.

„Link“, brüllte sie.

„Was“, brummte er schläfrig.

„Link, du spinnst doch. Schläfst einfach ein... tz... tz.“

„Eh... nein, ich hab’ nur so getan. Eigentlich wollte ich mich nur mal ausruhen und mein Gedächtnis wieder in Schwung bringen...“ Sara guckte blöd. „... für... ähm... Mathe!“

„Link, du flunkerst doch schon wieder! Was ist los?“

„Nix. Ich will einfach nur meine Ruhe.“ Ohrenbetäubend fuhr er Sara an. Alle Schüler im Speisesaal drehten sich um.

„Es tut mir leid...“, war das einzigste, was er noch sagte, bis er aus der Cafeteria verschwunden war.

         Sara machte sich nun noch mehr Sorgen, sie liebte ihren Bruder aufrichtig. In letzter Zeit hatte er irgendwelche Probleme, die er verheimlichte. Sie wünschte, sie könnte ihm helfen. Was war nur der Grund für sein seltsames Verhalten? Eigentlich war er doch immer so gewesen, ignorierte Probleme, versteckte Ängste, verbarg, was ihm in der Seele schmerzte. Sara hatte trotz allem einen starken Verdacht. Sie hörte ihn im Schlaf oft reden, ahnte, dass er schlimme Alpträume hatte und dennoch... wirklich helfen konnte sie ihm nicht... so sehr sie sich es auch wünschte. Link war ein Einzelgänger, ein Außenseiter, und würde immer anders sein als der Großteil der Menschen, der ihn umgab. Er war nun mal Link- ein Mensch mit einem außergewöhnlichen Schicksal, mit einer einzigartigen Bestimmung. Und dieser Weg würde mit Schmerzen gepflastert sein, mit Leid und Verzweiflung...

 

Link war auf dem Weg zu seinem Klassenzimmer und ärgerte sich nun, dass er seine kleine Schwester so angefahren hatte. Sie meinte es nur gut. Link rannte plötzlich und schloss die Augen. Warum fühlte er sich so mies und warum war er einfach nicht in der Lage, fröhlich zu sein? Weshalb empfand er Gefühle, die für viele unsichtbar waren.

Er fühlte sich schuldig... doch schuldig wofür- dafür, dass sein Herz so zerfressen war von einer Sehnsucht nach anderen Zeiten, dem Verlangen etwas Großes zu erreichen!?! Er blieb stehen und schaute aus dem Fenster, sah die Sonne immer noch scheinen... er musste in die Wälder... aber aus welchem Grund? Er hatte doch tatsächlich den Eindruck, jemand rief nach ihm- eine vertraute Stimme. Link wand sich vom Fenster ab und trat in das Klassenzimmer ein, setzte sich und bemerkte Rick, der ihn verdutzt ansah.

„Was Neues?“ Link winkte ab. Im Moment hatte er nicht die Lust mit irgendjemandem wegen irgendetwas zu reden.

         Die Schulstunde verging, so dachte Link, mit ihrer alltäglichen Gewohnheit, mit haarsträubender Normalität. Und Link saß einmal mehr gelangweilt und tief in seine Gedanken versunken auf seiner Schulbank, kritzelte unsinnige Dinge auf ein Blatt Papier, tat ab und an so, als würde er dem Stoff folgen und erwischte sich selbst dabei, wenn er nicht hier, sondern für einige Sekunden an anderen Orten aufwachte.

Die Hälfte der Schulstunde war vorbei, als Link abrupt den Stift in der Hand fallen ließ. Klack. Klack. Das Schreibgerät fiel geräuschvoll zu Boden, aber Link kümmerte sich nicht darum. Wie versteinert sah er drein und starrte als befände er sich unter Hypnose ins Nichts. Sein Atem beschleunigte sich und ein seltsamer Druck legte sich auf seine Gedanken, jedoch nicht belästigend, eher vertraut und angenehm. Etwas war da... jemand rief ihn...

Alles wurde unwichtig, jedes einzelne Geräusch in dem Klassenzimmer erschien Link wie als rührte es tief vom Ozeanboden her. Nur noch tiefe Frequenzen... Es hämmerte in seinem Kopf. Es drängte sich auf. Jemand rief...

Link schlug seine Hände an die Ohren, hörte einen Herzschlag neben seinem eigenen. Es brannte innerlich, aber Link konzentrierte sich aus irgendeinem Grund darauf, wollte wissen, was da war und wer... Im Kampf mit den Dingen, die das Schicksal bereithielt, würde er standhalten. Er wollte wissen, fühlen, erkennen...

Ein Schlag, ein Dröhnen, ein Rauschen, das sich mit der Zeit zu den Geräuschen eines fließenden Stromes bildete. Link schloss krampfhaft die Augen, hoffte, rief nun auch innerlich nach jemandem, verstand nicht, was er tat, aber es musste sein. Das Ereignis war bestimmt zu geschehen, ohne dass es einen Namen hatte... Das Rauschen wurde durchdringender, verständlicher und ruhiger... Jemand versuchte zu rufen...

Und als es geschah. Ein Wort in seinen Gedankensphären, eine Stimme, die sanft erklang, riss Link seine unter Druck stehenden Augen auf.

„Link...“, rief sie, jene Stimme, die er doch kannte, oder kennen wollte. Ein weiteres Mal rief sie ihn beim Namen.

„Link… Link.“

Als er jene Stimme, die seinen Namen sagte, das dritte Mal vernahm, stand er auf. Alle Schüler drehten sich verwirrt zu ihm um, aber er sah niemanden mehr, fühlte, hörte und folgte nur noch dieser Stimme. Wie unter fremder Steuerung lief er aus dem Raum, verstand nicht die empörten Rufe der Englischlehrerin, konnte den Rufen der Mitschüler nicht lauschen und kannte im Moment nicht einmal mehr Ricks Stimme.

Er bewegte sich hinaus, lief aus dem Haupteingang der Schule und hörte die Stimme nun deutlicher nach ihm rufen: „Link... hilf’ mir...“

Dann nichts mehr...

Es wurde still und dunkel in seinen Gedanken. Ruhe kehrte in sein Herz zurück und es schien als wäre er aus einer langen Trance erwacht. Verunsichert legte er eine Hand auf seine glühende Stirn, wollte Antworten, wollte Wissen. Was war nur geschehen? Vor sich selbst erschreckt und zu tiefst beschämt, er könnte verrückt werden, ließ er sich auf dem Schulhof auf eine steinerne Treppenstufe sinken.

„Ich dreh’ noch durch...“, murmelte er und wünschte sich, er wäre nicht so dumm, sich einzubilden, dass es jene Stimme tatsächlich gab. Denn das dachte er, obwohl er sich Sorgen um seinen gesunden Menschenverstand machte. Sie rief nach ihm... sie war wirklich... 

„Ich kann mir das doch nicht einbilden...“, bekräftigte er und stärkte damit ein wenig sein Selbstvertrauen. Er erinnerte sich an sie, jene Stimme, eine liebliche Stimme, glockenhell und sehr angenehm, sodass man ihr entgegen des Willens lauschen musste. Diese Stimme...

         Link blieb noch eine Weile nachdenklich sitzen, entschuldigte sich später bei der Lehrerin, aber redete kein Wort mehr mit irgendjemandem. Er wollte diese Stimme wieder hören, wollte wissen, zu wem sie gehörte und warum, sie ihn so berührte. Ihm war, als reagierte sein Herz darauf, als wäre jene Stimme der Schlüssel zu allen Antworten, die er im Leben finden wollte.

         So vergingen die Stunden in der Schule. Link hatte von dem Tag wirklich nicht viel mitbekommen, er hörte den Lehrern gar nicht zu, sondern schwelgte in wundervollen Phantasien, um vor der Realität zu entfliehen. Dann schien er wie ein Gespenst aus der Schule herauszustolpern, vorbei an fröhlichen Gesichtern, die sich auf den Nachmittag freuten. Müdigkeit. Unruhe. Zweifel. Sein Kopf schmerzte. Auf dem Weg in Richtung seines Elternhauses kamen ihn all die Dinge des Tages in den Sinn. Erst diese nervenaufreibenden Träume, und schließlich diese unheimlichen Worte der Direktorin und dem Schulpsychologen. Er konnte sich befreien- was hatte das wohl zu bedeuten? Und zu guter Letzt diese Stimme, die ihn nicht mehr losließ...

 

Zu Hause wartete seine Mutter schon auf ihn wegen des Mittagessens. Link hatte gar keinen Hunger, aß aber etwas, um den Eindruck zu erwecken, es ginge ihm gut, was wirklich nicht der Wahrheit entsprach.

         Er brachte seinen dunkelgrünen Rucksack auf sein Zimmer und blickte durch ein Fenster in Richtung des Mischwaldes. Nur wenige Minuten würde es dauern und er wäre inmitten von alten Laubkreaturen, allein mit sich selbst und den quälenden Fragen in seinem Kopf, allein mit seinen Selbstzweifeln. Das Flüstern der Bäume drang bereits jetzt schon an seine Ohren und rief ihn zurück in eine Welt, in welcher er träumen konnte.

         Link überlegte nicht lange, rannte aus dem Zimmer und lief mit einem Tschüß zu seiner Mutter in Richtung des Waldes, wo er in Ruhe nachdenken konnte. An einer kleinen Quelle blieb er stehen, trank einen Schluck Wasser und ließ sich dann ausgebreitet auf ein Stückchen weiches Moos fallen. Er streckte alle viere von sich, genoss die Stille, die nur von dem Gesang des Windes getrübt wurde. Er schloss seine Augen, versuchte zu lächeln, auch wenn es bei dem Versuch bleiben sollte. Lange war es her, dass er aus wahrem Herzen gelächelt hatte.

Im Moment ging es ihm zwar wieder gut genug, um alle verwirrenden Ereignisse der letzten Zeit hinter sich zu lassen aber... diese Stimme...

Nur diese liebliche Stimme, die wie ein kleiner Splitter in seinen Gedanken steckte, konnte er nicht verdrängen... eine so angenehme Stimme. Link gähnte und machte seine Augen zu, spürte noch irgendwelche Krabbeltiere auf seiner Hand, die er jedoch ignorierte und schlief ein wenig im Licht der Sonnenstrahlen ein.

 

Spät am Abend wurde Link dann aus seinem bitter nötigen Schlaf gerissen. Letzte warme Strahlen des glühenden Feuerballs am Himmel durchdrangen die dichten Baumkronen, als er durch eine laute Stimme seine Augen öffnete. Rick stand vor ihm und wunderte sich. Seine rehbraunen Augen sendeten ein merkwürdiges Leuchten aus und überhaupt schien Rick wieder einmal zu Scherzen aufgelegt zu sein.

„Na, auch schon wach, du Waldmensch?“ Link legte eine Hand vor seinen Mund, den er entgegen seines Willens weit aufreißen musste und gähne herzhaft.

„Wie spät ist es?“, war seine begrüßende Frage.

„Halb Acht. Sag’ bloß, du warst schon wieder den ganzen Nachmittag hier?“ Damit setzte sich Rick auf seinen kakifarbenen Hosenboden und kramte einen Brief hervor.

„Jep. Nur leider habe ich irgendwie die Zeit vergessen, betäubt oder manipuliert... was auch immer. Auf jeden Fall bin ich jetzt so wach wie schon lange nicht mehr.“ Und Link legte grinsend seine Hände hinter seinen Kopf.

„Mal wieder schlechte Träume?“ Link nickte nur und damit verging ihm das Grinsen wieder. Rick wusste von seinen Problemen, seinen ungewöhnlichen Träumen, die ihre Spuren in der Realität hinterlassen konnten. Rick wusste einiges...

         „Egal, ich habe hier einen Brief für dich.“

„Nicht schon wieder...“

„Oh doch. So langsam werde ich neidisch auf dich, Mädchenschwarm.“ Link nahm verbittert und bis aufs Äußerste gelangweilt den Brief an sich.

„Von wem?“

„Dreimal darfst du raten?“ Link kannte die Handschrift nur zu gut, kannte den mit fettem Rosa gemalten Absender.

„Ilona schon wieder... Die gibt wohl nie auf, was?“ Ja, Ilona... Link erinnerte sich. Eine eitle Gans, die meinte, sie könne, in dem sie viel Haut zeigte, sich jeden Typen angeln, den sie haben wollte. Eine magere Gestalt, dazu ein unpassendes Vollmondgesicht mit wasserstoffblond- gefärbten Haaren, die es nicht mehr ansehnlich machten. Gefärbte Kontaktlinsen, die ihre wahre Augenfarbe verheimlichten, bemerkte man dadurch, dass sie ständig mit ihren Zeigefinger auf der Augenoberfläche herumtastete und sich versicherte, dass die Linsen noch vorhanden waren. Jeder Charakterzug Ilonas war ein Grund, sie noch widerlicher zu finden. An allem hatte sie etwas auszusetzen und wenn es nicht nach ihrer Meinung ging, ließ sie kräftige Schimpfwörter vom Stapel. An jedem Menschen fand Ilona etwas, um hinter dessen Rücken darüber zu lästern. Nicht aber sie wollte etwas von jemandem, dann konnte sie die freundlichste Person der Erde sein… Das letzte Mal war sie mit Preston, weiß der Teufel wie dessen Nachname war, zusammen. Jemand, der genau zu ihr passte.

Link hatte einmal mit der Absicht, wenn er fies und gemein zu ihr wäre, würde sie ihn in Ruhe lassen, in eine Verabredung mit ihr eingestimmt. Die Bilder liefen wie in einem schlecht inszenierten Farbfilm vor ihm ab. Jede Gemeinheit, die Link ihr damals an den Kopf geworfen hatte, tat sie als schlechten Humor ab und viele Dinge hatte sie wohl einfach nicht verstanden. Und als Link ihr dann, mit der Betonung auf absichtlich, ein großes Glas Cola auf ihren viel zu engen, geschmacklosen Lederrock gekippt hatte, war sie ohne das geringste Schimpfwort in der nächstbesten Toilette verschwunden. Die Gelegenheit für Link, sich aus dem Staub zu machen, was er tat. Nur blöderweise wusste Ilona, wo er wohnte und kurzerhand stand sie dann vor seiner Haustür...

         Genervt öffnete Link den Umschlag. Als er die Begrüßungsformel las, riss er den ganzen geistlosen Brief auseinander und die Stückchen lagen verstreut auf dem Waldboden.

„Was ist denn los?“

„Diese verdammte Ziege glaubt, sie könnte sich mit einer solchen billigen Anrede bei mir einschmeicheln. Es reicht.“ Link sprang auf und trank einen Schluck Wasser von der Quelle. Rick suchte die Stückchen zusammen und las den Titel.

„Lovely Hero?“, entkam es dem entgeisterten Rick. Das wurde ja immer besser... Rick wusste genau, was Link davon hielt, wenn man ihn auf diese Art und Weise anredete. Er konnte gefährlich werden, besonders, wenn man ihn mit etwas anredete, was er nicht sein wollte. Und Rick wusste, worauf diese Anrede gemünzt war...

„Dieses falsche Biest hat doch keine Ahnung. Noch einmal und ich drehe ihr den Hals um“, fauchte Link. Natürlich würde er ihr kein Haar krümmen, aber seinen Frust konnte er durch derartige Drohungen loswerden.

„Mensch, reg’ dich doch nicht so auf, Link.“ Normalerweise bewahrte Link ruhig Blut, doch das Wort Held brachte sein ganzes Blut in Wallung. Er hasste das Wort, es nervte ihn, da er schon so oft mit einer Spielfigur aufgrund seines Namens und Aussehens verglichen wurde.

„Rick, du hast ja Recht. Und trotzdem nervt es mich, wenn diese Tussi nun auch noch die Leidenschaft für das Zeldaspiel entdeckt hat. Ich habe mir meinen Namen nicht ausgesucht.“

„Das weiß ich. Mir brauchst du das nicht erklären. Sag’ das lieber Ilona, damit sie ihren hässlichen Schmollmund hält.“ Link setzte sich wieder neben seinen besten Freund und starrte nachdenklich in den Himmel.

         „Sag’ mal, Link“, fing Rick an.

„Jep, was ist?“

„Wäre es dir lieber, wenn Ilona Zelda hieße.“ Rick grinste und Link ahnte genau, dass er ihn jetzt provozieren wollte. Ein wenig entsetzt sah er seinen besten Freund an und suchte nach passenden Worten auf seine Frage.

„Wenn Zelda so aussähe wie Ilona, würden sich die Götter Hyrules für eine solche Kreation schämend in eine Ecke stellen.“

„Oh, ich denke, die Götter unserer Welt haben bei Ilonas Erschaffung einen dummen Fehler gemacht...“

„Einen sehr dummen Fehler“, stimmte Link zu und dachte erneut über Ricks Frage nach. Wenn Ilona Zelda hieße... Link war eigentlich der Meinung, dass es niemanden gab, der Prinzessin Zelda ähnlich sehen und ähnlich sein konnte. Er bewunderte sie... Wie stumpfsinnig, Link bewunderte eine Spielfigur, träumte von einer Spielfigur ohne an ein reales Mädchen zu denken. Von sich selbst enttäuscht, fragte er sich für die Kürze eines Augenblickes, ob es diese Sache war, die mit ihm nicht stimmte... War er besessen von einer märchenhaften Spielfigur? War er verliebt in eine Spielfigur? Kopfschüttelnd tat er jene Gedanken als stupide Jugendprobleme ab und ließ sich wieder auf seinen Rücken fallen.

         „Ich glaube, es gibt niemanden, der Zelda das Wasser reichen könnte“, murmelte Link und erinnerte sich still und heimlich an einige seiner Träume, die ihn zwar belasteten, aber ohne jene Bilder der Nacht, wäre er nun mal nicht er selbst. Er träumte ab und an von einem Mädchen, das er kannte... ja, das tat er... aber ihr Name war auf keinen Fall Zelda, redete er sich ein...

„Es gibt auch niemanden, der Link das Wasser reichen könnte“, meinte Rick und erhielt einen Stups von Link an seinen rechten Arm.

„Hey, musst du mich eigentlich immer ärgern, schöner Cousin bist du.“

„Ach... ich weiß eben, dass du ein wenig Abwechslung nötig hast, Link.“ Dieser versuchte zu lächeln, aber es klappte nicht wirklich. Er bracht lediglich ein dummes Grinsen zum Vorschein.

„Danke Rick, Abwechslung schadet mir wirklich nicht...“

„Na dann, hast du Lust morgen im Reiterhof von Marons Familie deinen Nachmittag zu verbringen? Wir waren ja schließlich lange nicht mehr Reiten.“ Mmh... Reiten gehen. Klang gut.

„Abgemacht“, sagte Link begeistert von Ricks Idee. Maron war eine gute Bekannte von Rick. Sie, ihre Eltern und ihre zwei Schwestern hatten ein nicht zu verachtendes Gestüt. Tatsächlich war es lange her, dass sie dort vorbeischauten. 

 

Gegen Acht Uhr abends machten sich die zwei Siebzehnjährigen auf den Weg in die Kleinstadt Schicksalshort, folgten aber einem längeren Weg, da es noch so angenehm schön in den Wäldern war. Sie begrüßten einen alten Mann. Igor hieß dieser soweit Link sich erinnern konnte. Ein weiterer Mensch, den es oft in die Wälder zog...

         Rick und Link erreichten die Gartenanlangen, sahen einige Familien grillen. Es war ja wirklich ein herrlicher Tag, ein erster, warmer Frühlingstag. Dennoch... sehr bald würden Stürme aufziehen, sehr bald würde ein blutroter Umhang über der Welt liegen...

„Link. Mir fällt da noch was ein.“

„Jep, was denn?“ Link hob einen Stein auf und warf diesen in die Luft um ihn aus purer Herzensfreude wieder aufzufangen.

„Was war eigentlich heute in der Schule mit dir los?“ Link ließ das Steinchen fallen und starrte gedankenversunken in die Gartenanlage mit den fröhlichen Menschen und den hüpfenden Kindern mit heiteren Gesichtern. Traurigerweise hatte sich Link als Kind nie so austoben können. Als Kind mit vier Jahren hatte er eine herbe Zeit in einem Kinderheim durchmachen müssen und nun...

Es gab immer wieder ein Ereignis in Links Leben, bei dem er sich fragte, warum das Schicksal nur so grausam zu ihm war. Nach dem Heim ging es bergauf, das war ja gut so, aber dann hatten die Träume angefangen.

Träume, für die Link das Verständnis fehlte.

Träume, die so rätselhaft waren wie Schriften, welche niemand lesen konnte. 

Und in den letzten Tagen war da diese Stimme. Ein nächster von Links leisen Anfällen, ein nächster von Links sogenannten Problemen.

         „Ich nehme an, ich hatte einen schlechten Tag, Rick“, fing er an, erzählte bewusst nur die halbe Wahrheit und rechtfertigte sein Verhalten gegenüber seinem Gewissen mit der Begründung, dass er nicht gelogen hatte.

„Du hast leider viele von diesen schlechten Tagen, Link. Ich will mich in deine Dinge nicht einmischen, aber du weißt, ich kann schweigen wie ein Grab.“

„Ich weiß“, entgegnete Link und lief ein Stückchen. Seufzend lehnte er sich an einen Baum, hörte von weiten das schrille Kinderlachen aus den Gärten.

„Ich drehe durch, Rick. Das ist das Problem.“

„Wie soll’ ich das verstehen?“ Rick ging zu ihm hinüber und trat vor ihn, sodass er Links Miene beäugen konnte.

„Ich werde schizophren. Jawohl“, sagte Link lauter.

„Wegen deinen Träumen.“

„Nein.“

„Weswegen dann?“

Link starrte in den Himmel, beobachtete einen Bussard, der seine Runden drehte, sich wünschend, er selbst wäre ein solches Tier ohne Probleme, in der Luft, hoch oben in der Freiheit.

„Link“, redete Rick auf ihn ein. „Na komm’ schon. Du hast mir doch sonst alles erzählt.“

„Also gut, Rick, wenn du es wissen willst. Ich höre Stimmen“, fauchte Link. „Ja, guck’ ruhig entgeistert. Fühlst du dich jetzt besser, da du weißt, wie bescheuert dein bester Freund ist?“ Aber Rick entgegnete nichts, sondern blickte mit seinen braunen Augen entsetzt zu den Gartenanlagen.

„Direkt hier drin ist diese Stimme“, sagte Link und deutete mit einem Zeigefinger auf seinen Kopf.

„Eine schöne Stimme, die mich um meinen Verstand bringt.“ Rick drehte sich um, damit Link nicht in sein geschocktes Antlitz blicken konnte.

„Eine einzelne, verzweifelte Stimme, die ich kennen sollte“, ergänzte Link aufgeregt. „Und ich weiß, sie wird wieder nach mir rufen, bis ich sie gefunden habe.“

„Verdammt!“, brüllte Link nach einer Weile und schlug seine linke Faust in die Rinde eines Baumes. Dann ließ er sich gelähmt auf den Waldboden sinken. „Ich kann mir das doch nicht einbilden...“, murmelte er. „Sie hat vier oder fünf Mal nach mir gerufen und... mich bei meinem Namen genannt. Sie bat mich um Hilfe...“, flüsterte Link.

„Wer?“, brachte Rick schließlich stotternd hervor.

„Ich weiß es nicht.“

Nach einer Pause meinte Rick. „Tja, was soll’ ich dazu sagen, Link. Du warst nie ein normaler Mensch, von Anfang an nicht. Und ich schätze, das wirst du nicht ändern können, egal was du tust.“

Link stand auf und lief schwerfällig zu Rick, trat neben ihn und nahm an dessen Ausblick teil.

„Vielleicht muss ich mich endlich damit abfinden.“ Es war nicht zu ändern. Die Dinge waren passiert. Link könnte sich selbst verrückt nennen, sich krank nennen, aber er würde das Erlebte nicht rückgängig machen können.

„Hast du morgen trotzdem Lust Reiten zu gehen?“

Die verzweifelte Miene des frustrierten und sich sorgenden Link erhellte sich ein wenig. „Jep, das habe ich.“

„Na, dann. Bis Morgen in der Schule, Link.“

„Bis Morgen“, erwiderte Link und sah Rick schnellen Schrittes weiterlaufen.

Ricks Worte stimmten ihn nachdenklich. Vermutlich konnte er es tatsächlich nicht mehr leugnen. Etwas stimmte nicht mit Link. Ob es nun Ungewöhnlichkeit, Krankheit oder Einbildung war, sollte sich aber in naher Zukunft herausstellen.

 

Gegen neun Uhr kam Link nach Hause und musste sich ein nervtötendes Gebrülle seiner Mutter anhören, weil er weder seine Hausaufgaben erledigt, noch für seine morgige Klausur gelernt hatte und was für die gute Meira Bravery am schlimmsten war, hatte er niemanden gesagt, wohin es ihn verschlagen hatte. Zumindest sein Handy hätte er mitnehmen können, auch wenn er im Wald sowieso keinen Empfang hatte.

„Link, wenn du so weitermachst, kriegst du Hausarrest.“ Das verblüffte ihn. Wie konnte sie damit drohen? Das hatte sie doch noch nie...

„Ach Mum, ich bin fast achtzehn“, meinte Link, das kleine Unschuldslamm.

„Du hast dich aber noch nie so benommen.“

„Na und? Was ist falsch daran, sich so zu verhalten, wie es einem gefällt.“

„Falsch daran ist, dass das Leben nie so verläuft, wie es einem gefällt“, sagte sie mit ihrer mütterlichen Weisheit, von der sie sehr überzeugt war und, von welcher sie mehr hielt als von den Gerüchten, die sie zusammen mit der Nachbarin in die Welt setzte.

Link wusste, wovon sie sprach... genauso war es, sein Leben würde nie so verlaufen, wie es ihm gefiele...

„Aber man kann versuchen, etwas daran zu ändern“, sagte er trotzig, nicht sicher, ob er seinen eigenen Worten glauben konnte.

         Doch Hoffnung gab es immer und es gibt sie noch...

Ein Satz, der ihm immer wieder einfiel und von dem er nicht wusste, wer ihn einst gesagt hatte. Aber es entsprach seiner Einstellung zu der Welt. Selbst wenn die Welt unterginge, verflucht, er würde Optimist bleiben und wenn er der letzte Mensch auf Erden sein sollte...

         Stur trottete er sein Zimmer hinauf und klappte noch einmal den Geographiehefter für die morgige Klausur auf, warf das dumme Stück missmutig in die Ecke und blickte zu seinem Gamecube. Er holte die kleine Disc aus der Konsole, ließ sie in seiner Handinnenfläche kreisen und erinnerte sich niederschmetternd daran, dass Hyrule mit all’ seinen Legenden doch nur ein Spiel war. Ein Spiel. Nicht mehr und nicht weniger... Eigentlich schade, dachte Link und tat das mitleiderweckende Gefühl in seinem Inneren für eine Welt, die nicht existierte, einfach ab.

         Plötzlich klopfte es an der Tür zu seinem Zimmer. Ohne das Link etwas gesagt hatte, trat seine kleine Schwester Sara mit ihrem moosgrünen Schlafanzug in den Raum. „Hey, Brüderchen, kann ich vielleicht noch ne Runde Zelda zocken?“, meinte sie.

„Ja, von mir aus gerne. Ich lerne doch sowieso nicht mehr.“

„Das ist mir klar“, sagte sie hinterlistig. „Du hattest ja noch nie Probleme mit dem Fach Geographie. Mich würde nur mal interessieren, woher du soviel weißt.“ Links Augäpfel wanderten an die Decke. Das war eine gute Frage, aber wenn es um Karten ging und irgendwelche Länder, deren Lage, Flüsse und so weiter, hatte Link wohl so etwas wie hellseherische Fähigkeiten. Verlaufen würde er sich bestimmt nirgendwo, soviel stand fest.

         Sara setzte sich in Links Fernsehecke und spielte ,Ocarina of Time’. Ihr Bruder bediente sich von einigen Schnitten, die seine Mutter ihm ins Zimmer gestellt hatte und schaltete seinen Computer ein, um schnell seine Mails abzurufen, aber es gab nichts, dass ihn in irgendeiner Weise interessierte. Neugierig spähte er von seinem Schreibtisch hinüber zu Sara, die den armen Helden der Zeit gerade in maßlose Gefahr brachte. Sie wollte gegen Schattenlink bestehen, aber hatte keinen Plan diesen in die ewige Verdammnis zu schicken. Sie schlug auf ihn ein, was nach einigen Minuten sicher Wirkung zeigte, aber plötzlich drückte sie auf Stopp und warf den Controller entzürnt in die Ecke.

„Ich kann nicht glauben, mit welcher Geduld du immer wieder dieses Spiel durchzockst. Langweilt es dich denn nicht endlich mal?“, meinte sie, wissend, dass Link das Spiel mindest schon über hundert mal gespielt hatte.

„Nein. Mit jedem Mal werde ich besser. Das ist wohl meine Motivation“, sagte er und nahm den Controller.

„Weißt du, was dein Problem bei Schattenlink ist, Sara?“

„Nö“, sagte sie eingeschnappt, „Sonst hätte ich ihn ja schon lange kalt gemacht.“ Link lachte kurz auf und meinte: „Ja, ist logisch.“ Link spielte dann mit wahnsinniger Geduld.

„Du bist zu ungeduldig und denkst nicht daran, das einzusetzen, was Schattenlink nicht hat, da er bloß ein Schatten ist. Bei einem Kampf kommt es nicht einfach nur auf Schnelligkeit an und darauf, den Gegner sofort niederzumetzeln. Ein guter Spieler genießt den Kampf, kämpft mit Anmut und Eleganz und raubt seinem Kontrahenten mit jedem Schlag die Kraft, anstatt einfach nur wild mit dem Schwert herumzufuchteln, auch wenn so einige Spieler davon überzeugt sind.“ Sara glotzte auf den Bildschirm und verstand langsam. Link nutzte magische Attacken, von denen sie nicht wusste, dass sie im Spiel existierten und kämpfte mit der Spielfigur anders als sie es tat. Seltsam, es schien, als führte die Spielfigur mit der grünen Mütze andere Attacken mit dem Schwert aus, wenn Link sie steuerte. Quark, ermahnte sich Sara, das geht doch gar nicht. Das musste sie gerade eben wohl geträumt haben...

Nach wenigen Sekunden war Schattenlink besiegt.

„Hier. Willst du weiterspielen?“, meinte Link.

„Ach nö. Mach du das lieber. Vielleicht bist du dafür geschaffen, Zelda zu spielen.“ Mit einem Zwinkern stand Sara auf und schaute auf die Uhr. Schon Zehn.

„Gute Nacht, Link“, sagte sie. Auch Link wünschte ihr gute Träume und beendete das Spiel.

         Aber er würde jetzt nicht in der Lage zu sein, Schlaf zu finden. Er hatte sich viel zu lange im Wald auf die Ohren gehauen. Vielleicht tat ihm eine Runde ums Haus gut. Kurzer Hand stolperte er die Treppenstufen hinab und ging an die frische Luft.

Aus der Runde ums Haus wurde ein kleiner Spaziergang in Richtung Stadtzentrum. Wieder hatte er seiner Mutter nicht gesagt, dass er verschwand, und wieder könnte er Ärger deswegen bekommen. Was soll’s, sagte er zu sich selbst. 

         Link lief gerade geistesabwesend auf dem alten Marktplatz herum, blickte in den Brunnen, als das Licht einer Straßenlampe auf das Wasser fiel. Er berührte leicht mit der Spitze seines Zeigefingers die Wasseroberfläche, sah wie sich Ringel bildeten, die sich nach Sekundenbruchteilen im Nichts auflösten. Dann allerdings hatte er das Gefühl, beobachtet zu werden. Link sah sich auf dem Marktplatz gezielt um. Seine Augen fielen zu jedem Winkel des Marktplatzes, dann zu den unbeleuchteten Seitengassen. Das Gefühl beobachtet zu werden wurde bedrohlicher, angsteinflößender. Jemand näherte sich. Link trat einige Schritte rückwärts und fühlte seinen Puls beschleunigen. Gleich einer alten Erinnerung strömten Empfindungen des Hasses, der Abscheu und des Schreckens auf ihn ein. Schritte. Link vernahm ein Klappern, irgendwo von tief von der Dunkelheit herrührend. Es raschelte in den Pappeln, die hier auf dem Marktplatz standen. Dann wieder Schritte.

         Links Atemzüge pro Minute nahmen zu, und erneut blickte er überall hin, konnte jenes Gefühl der Furcht vor etwas Nahbarem kaum definieren. Denn Furcht und die Gefühle der Hilflosigkeit, die sie mitbringen konnte, waren ihm bisher fremd... Link fürchtete sich im Grunde genommen vor nichts und niemanden. Das sollte sich aber ändern.

         Der Jugendliche mit dem grünen Basecape stolperte plötzlich. Er drehte sich um, aber in der Dunkelheit war nichts. Stille. Absolute Stille. Irgendwie war ihm nun mulmig. Ohne weiteres Überlegen rannte Link weiter und erreichte eine schmale Gasse, in welcher rechts und links Häuser dicht zusammengedrängt aneinander standen. Seine Schritte wurden schneller. Sein Herz in der Brust fühlte sich an, als würde es zerspringen, vor zügelloser Ungeduld,  Spannung und Aufgeregtheit. Er rannte weiterhin durch die unbeleuchtete Straße und schloss seine Augen während des Weges.

         Plötzlich wurde er mit voller Gewalt zur Seite geschupst, als er mit jemandem zusammenstieß. Link schleuderte einige Meter nach hinten, und schüttelte benommen den Kopf. Seine Augen spähten gespannt durch die Dunkelheit. Jemand stand vor ihm. Eine große Person, wesentlich größer als er. Doch jene Gestalt sagte nichts und blieb verhüllt vor Link stehen. Link schaffte es nicht, seinen Körper zu rühren, als lägen Ketten der Angst um ihn. Eine Erinnerung. Unheilschwangerer Hass und namensloses Leid.

         In einem Haus ging plötzlich das Licht an. Ein flammender Schein fiel in die unbeleuchtete Gasse und gab der Gestalt ein Gesicht, gab der Gestalt Form und Umrisse. Es war eisig und obwohl Link zu frieren begann, so tropfte eine Schweißperle von seiner Stirn. Kälte. Unbezwingliche, verderbliche Kälte kroch umher, umhüllte jene Gestalt und saugte sie auf...

Ein riesiger, kräftiger Mann stand vor ihm. Ja, es musste ein Mann sein, denn Größe und Breite konnte sich Link bei einem weiblichen Wesen nicht vorstellen. Er trug schwarze Kleidung, die zu seiner im Lichtschein erkennbaren dunklen, fast stechenden Haut passte. Links tiefblaue Augen wanderten von dunkelbraunen Lederstiefeln zu einer engen, hässlichen Hose, aus der die Muskeln an seinen Beinen fast heraustraten, sahen eine Art Rüstung um den breiten, muskelbepackten Oberkörper. Auf seinem Rücken lag lässig ein schwerer, schwarzer Umhang. Link blickte angstverzerrt in ein hochmütiges altes Gesicht. Ein übler Schmerz durchfuhr ihn, als er sich jene grimmige Fratze ansah. Blasse Lippen, eine lange Nase. Link wagte einen Blick in das dunkle Augenpaar, welches von seinem hohen Thron aus erniedrigend zu dem jungen Mann auf der Straße hinabsah. Weiterhin blickte Link in jene von Finsternis beherrschten Augen und fühlte sich, als ob sich ein Fluch über seinem Körper ausbreitete. Wie als ob alten Wunden mit einem Schlag aufgebrochen waren…

         Link blickte angewidert weg, wollte sich nicht an jene Augenfarbe erinnern, an jene hochjauchzenden, herablassenden Teufelsaugen. Gerade in dem Augenblick ging das Licht in der Gasse wieder aus.

„Pass gefälligst auf, wo du hinläufst, kleine Made.“ Eine tiefe, kalte Stimme drang an Links Ohren, unangenehm vertraut, spöttisch und bösartig.

Die Gestalt lief mit einigen großen Schritten auf ihn zu. Gerade in dem Augenblick erkannte Link ein drohendes Funkeln in seinen dunklen Augen, die ein unnatürliches Glühen in der Dunkelheit aussendeten.

„Wer meinen Weg stört, wird untergehen“, sagte der Kerl mit unglaublicher Sicherheit. Er wollte mit dem Fuß nach Link treten, dieser jedoch wich aus, rollte sich geschickt und flink über den Boden und stand nun mit dem Rücken direkt hinter ihm.

         Der Mann drehte sich nicht um und sagte anmaßend: „Wenn du mich noch einmal anrempelst, bin ich nicht mehr so freundlich, armseliger Tropf!“ Erhobenen Hauptes ging die dunkle Gestalt den Weg weiter entlang.

         Was für ein Mistkerl, dachte Link in dem Augenblick, als er begriff, was passiert war. Links Atmung wurde leiser und sein Puls beruhigte sich wieder und ein wenig verwirrt, weshalb in ihm ein fremdes Gefühl der Furcht erwachte, setzte er einen Fuß vor den anderen. Noch einmal sah er zurück, konnte aber den Mistkerl nicht mehr ausmachen. Er fühlte sich bedroht und fast wehrlos gegenüber jener Gestalt…

Irgendwie hatte er ein sehr ungutes Gefühl, bei den Gedanken, diesem Unmenschen ein weiteres Mal zu begegnen. Wer war dieses Scheusal überhaupt? Link wohnte in einer Kleinstadt, in der sozusagen jeder jeden kannte. Aber diese Person hatte er noch nie gesehen. So langsam würden die Fäden des Schicksals sich doch zusammenziehen, und wenn jener Tag der Entscheidung gekommen wäre, gäbe es für Link und jene, die ihm nahe standen, kein Zurück mehr…

 

Am nächsten Tag schien wieder alles in bester Ordnung zu sein. Keine Stimme in Links Kopf. Keine Alpträume in der Nacht und einige beruhigende, wenn auch zu wenige Stunden Schlaf. Er dachte und hoffte, der letzte Tag war nicht länger der Rede wert. Frohen Herzens lief Link zur Schule, obwohl er eine lange Klausur zu überstehen hatte. Aber was war eine solche Prüfung schon im Vergleich zu Horden von Ungetümen mit Schwertern und Äxten? Was war schlimmes an einer Prüfung, wenn es Stimmen gab, die im eigenen Kopf herumgeistern konnten? Er ignorierte, tat jene Stimme als blanke Einbildung ab und genoss die kühle, frische Luft, welche ihm um seine Ohren wehte.

Er brachte die für ihn langweilige, einfache Klausur spielend hinter sich und überstand ohne seltsame Ereignisse auch den Rest der Schule.

         Gegen Nachmittag rannte der junge Heroe quietschvergnügt und mit guter Laune zu dem Reiterhof von Marons Familie.

Maron. Ja, Link kannte sie gut. Sie war ein hübsches Mädchen mit braunem langen Haar, einem auffallend niedlichen Gesicht und besaß sehr viel Charme und Humor. Auch sie hatte ihn eine zeitlang spaßhaft angehimmelt und Link ging ihr deswegen lieber aus dem Weg. Zugegeben, sie war nicht Ilona und hatte weitaus mehr Grips als das billige Flittchen mit den gefärbten Kontaktlinsen. Und Maron war ja ganz sympathisch, aber eher nicht Links Typ. Andererseits hatte Link nicht einmal selbst eine Ahnung, was nun sein Typ war...

Aber Rick schien ein Auge auf sie geworfen zu haben, also unterstützte Link seinen Kumpel dahingehend.

Rick und Maron empfingen Link auf der Koppel.

„Hey, Waldmensch. Hier drüben sind wir“, schallte Ricks Stimme durch die Luft. Link fing dessen Blick ein und watschelte zu ihm herüber. Maron saß beinbaumelnd auf dem Zaun und lächelte Link sehr erfreut entgegen. Ihrem Blick ausweichend versuchte er ebenso ein Lächeln zustande zu bringen, aber es blieb wie immer bei dem Versuch.  

„Hallo, Link“, sagte sie und sprang mit einem großzügigen Sprung von dem Gatter.

„Hi, Maron. Also, was habt ihr heute geplant?“ Sie zwinkerte und antwortete darauf: „Also, wie wäre es mit einer Runde durch den Wald. Wir könnten bei dem kleinen leerstehenden Dorf in der Nähe der Münzenquelle vorbei.“

„Gute Idee.“ Auch Rick stimmte dem Vorschlag zu.

         In der Nähe Schicksalshorts gab es so einige merkwürdige Orte mit alten daraus resultierenden Geschichten, wie ein untergegangenes Dorf, in dem niemand mehr wohnte, oder die märchenhafte Quelle, von der man sich viele Dinge erzählte. Wenn man dort eine Münze hineinwerfen würde, so erzählte man sich, dann würden sich innere Wünsche erfüllen.

Für Link waren das alles nur Geschichtchen, genauso wie eben: ,The Legend of Zelda’ nur ein Spiel war. Unwirklich. Keiner Grübelei würdig...

Es dauerte nicht lange und drei Pferde trabten durch die Wälder Schicksalshorts, über abgetrampelte Wege, durch dichtes Laubwerk...

„Hey Link?“, sagte Rick, als Maron einige Meter vor ihnen ihrem Haflinger die Sporen gab.

„Mmh?“

„Geht’s dir heute ein wenig besser?“ Link sah seinen Freund fragend an und nickte leicht.

„Ich denke, dass gestern einfach nur ein dummer Tag gewesen ist. Kein Grund zur Beunruhigung“, sagte er abtuend und wich Ricks Blick aus. Stur trabte Link weiter und genoss das Gefühl mit einem Pferd durch die Wälder zu reiten. Er mochte das Gefühl sich tragen zu lassen und erinnerte sich daran, wie wichtig ihm das Gefühl der Freiheit, der Lebendigkeit und der Nähe eines Abenteuers war...

 

Spät am Nachmittag erreichten sie das alte Dorf inmitten des Waldes, wo einige zusammenfallende Häuser standen. Die drei Jugendlichen machten eine Pause, entspannten, genossen den blauen Frühlingshimmel. Link lief geistesgegenwärtig und verträumt in dem kleinen Dorf herum, folgte einen mit altem Pflastergestein bedeckten Fußweg in Richtung der geheimnisvollen Quelle.

         Maron und Rick saßen derweil gemeinsam auf der grünen Wiese. „Du, sag’ mal, Rick“, meinte Maron neben ihm, als sie sich eine braune Strähne aus dem Gesicht wischte.

„Was’n los?“, murmelte er und öffnete halb seine Augen. Denn er lag ausgebreitet und lässig auf der Wiese und hatte wohl gegen ein kleines Nickerchen nichts einzuwenden.

„Es geht um Link.“ Rick setzte sich aufrecht und sah sich Marons nachdenkliches Gesicht an. Etwas in ihrem Blick machte sie verdächtig.

„Habe ich Recht, du machst dir Sorgen um ihn, nicht wahr?“

„Ja, sieh’ ihn dir doch mal an. Ist dir jemals aufgefallen, dass er nicht ein Lächeln über sein ernstes Gesicht bringt? Ich meine, er ist in den besten Jahren seines Lebens, die ein Mensch haben kann und macht manchmal ein Gesicht, als laste das Schicksal des ganzen Planeten auf seinen Schultern. Warum kann er sich nicht einmal über etwas freuen?“

Rick war verblüfft. Nun ja, er wusste, dass Link seine Probleme hatte, erst recht jetzt, wo eine Stimme nach ihm rief. Aber das es selbst für andere, die ihn nicht so gut kannten wie er so offensichtlich war, brachte ihm ebenfalls ein Grübeln auf das Gesicht.

         „Link hat seine Geheimnisse, Maron, mehr kann ich dir dazu nicht sagen. Aber das mit dem Lächeln ist wahr. Er lächelt nie...“, sagte er missmutig.

„Warum? Ich meine, es muss doch einen Grund dafür geben.“

„Ja, den gibt es sicherlich...“ Maron legte eine Hand auf Ricks Schulter.

„Meinst du, wir können ihm irgendwie helfen? Wir sind doch schließlich seine Freunde, Rick.“ Jener zuckte kurz mit den Schultern.

„Das Problem ist, dass Link diese Dinge ganz alleine herausfinden will und was immer es auch ist, was ihn belastet, er will es alleine schaffen. Das ist wohl typisch für ihn.“

„So ein Sturkopf!“, brummelte Maron ärgerlich und pustete einige Strähnen ihres nussbraunen Haares aus dem Gesicht, welches der Wind dorthin wehte.

„Ja, ein gewaltiger Sturkopf ist er und unvernünftig. Aber das muss ich dir wohl nicht sagen...“

Maron lachte laut auf. „Nein, wenn er nichts ist, aber unvernünftig ist er obendrein und zu abenteuerlustig. Das bringt ihn irgendwann mal in brenzlige Situationen“, sagte sie abschließend.

 

Link befand sich gerade an der merkwürdigen Quelle, welche mitten aus dem Berg entsprang und sah einige Münzen, die er, da er ja so ein guter Kerl war, in jener flachen Wasserstelle liegen ließ. Er füllte seine Handinnenflächen mit dem klaren Wasser und klatschte es in sein Gesicht. Vorhin wäre er fast auf seinem Friesen eingeschlafen, hätte ihn nicht ein gemeiner Ast des Weges ins Gesicht geschlagen.

Schlafmangel, dachte er. Nichts als Schlafmangel, wegen ein paar hirnlosen Träumen und einem merkwürdigen Gefühl, das immer wieder flüsterte, etwas naht...

Link betrachtete sich das schattenhafte Bild von sich selbst, welches auf dem Wasser entstand und dachte kurz, nicht genau wissend wieso, an den gespenstischwirkenden Kerl von gestern Abend. Es war unangenehm an diese Gestalt zu denken, aber Link tat dies nicht absichtlich. Irgendetwas machte ihn stutzig an dem Menschen, irgendetwas an dem Typen war ihm erschreckend vertraut.

Link nahm noch etwas von dem kristallklaren Wasser in seine Hände, sprang auf und wirbelte es verschwenderisch in der Luft herum. Die kleinen Wassertropfen sammelte sich wieder in der Quelle und Link besah sich erneut die schattenhaften Konturen seines eigenen Gesichtes.

Er konnte sein Abbild nicht erkennen, aber das war ja auch egal. Er tauchte einige Fingerspitzen in die Wasserstelle. Sein Bild verschwamm. Link blickte wieder hin, sah, wie sich sein eigenes Gesicht nun im Wasser spiegelte. Er sah seine tiefblauen Augen, seine Nase, die markanten Gesichtszüge und ein Lächeln. Aber er lächelte nicht, nur sein Spiegelbild tat es.

         Schnell schlug er mit der Faust auf die Wasseroberfläche, zerstörte das Bild, welches er nicht sehen wollte, zerstörte einen lächelnden jungen Mann, der er niemals gewesen war.

Die Wasseroberfläche wurde ruhig, doch wieder befand sich sein lächelndes Gesicht auf dessen Oberfläche. Link beugte sich näher, fand dieses Spielchen zu schräg und wusste, er würde jetzt dem Geschehnis nicht entkommen können. Eine weitere Gestalt zeigte sich auf dem Wasser neben seinem Kopf. Ein wunderschönes Mädchengesicht, welches ebenso ein Lächeln trug. Sie war das Schönste, was er jemals gesehen hatte. Beinahe wie gelähmt starrte er sie an, bevor ihn die Realität zurückholte. Erschrocken drehte sich Link um, aber da war niemand. Sorgsam betrachtete er die Stelle erneut, doch nun konnte er nicht einmal mehr sein eigenes Spiegelbild sehen. Alles war so normal wie vorher...

         „Link?“, rief Maron von weitem. „Wo bist du denn?“

Er schüttelte kurz seinen verwirrten Kopf, ignorierte wie immer und antwortete laut: „Hier, bei der Quelle.“

 

Wenige Sekunden später kamen Maron und Rick herbeigeeilt. „Kommst du? Wir wollen weiter.“

„Äh... ja... ja doch“, meinte Link und stempelte das Geschehene einmal mehr als Produkt seiner Phantasie ab.

„Ist irgendwas, du siehst so zerstreut aus“, sagte Rick.

„Nichts. Es ist nichts“, erwiderte Link und lief schnellen Schrittes an Maron und Rick vorbei. Er sagte nichts, wie auch. Er fühlte ja auch nichts... nichts außer Selbstzweifel.

 

Gegen Abend stand der grünbemützte Jugendliche vor seinem Elternhaus, fragte sich, ob er nach dem Abendbrot Schlaf finden würde...

Link öffnete die Tür und wurde von Sara, die gerade den Müll herausbrachte angerempelt. „Na, Brüderchen, bist du auch schon da.“

„Jep. Und das sogar vollständig, mit Leib und Seele. Irgendetwas Neues?“

„Eigentlich nicht.“, meinte sie und lief zu der Mülltonne. Gerade als Link zur Haustür hinein trat, rannte sie geschwind hinter ihm her und sagte: „Das hätte ich ja beinahe vergessen. Heute war so eine komische Gestalt hier an der Haustür und fragte nach dir.“

„Häh? Was denn für eine Gestalt?“

         Sara lief hinter Link die Treppenstufen hinauf. „Weiß nicht, sie trug eine Kapuze und sagte mir, du solltest in nächster Zeit sehr vorsichtig sein.“

„War es ein Mann, ein großer mit breiten Schultern?“ Vielleicht hatte der komische, eingebildete Typ nach ihm gefragt.

„Nein, Link, es war eher eine Frau mit roten Haaren.“

„Wie bitte?“

„Du hast richtig gehört. Sie meinte, du sollst auf dich aufpassen. Ich fand’ diese Frau unheimlich.“

         Link öffnete nachdenklich die Tür zu seinem Zimmer und schloss sein Fenster, das sperrangelweit aufstand.

„Noch etwas Neues? Wo sind eigentlich Mum und Dad?“

„Mum ist in der Küche, aber Dad arbeitet wieder bis in die Nacht hinein. Der und seine dämlichen Versicherungen. Manchmal glaube ich, der erfindet noch eine Versicherung für die Versicherung...“, sagte sie schmollend.

„Hast du heute noch was vor, Brüderchen, immerhin ist Donnerstagabend. Du hast doch morgen eine Stunde später, soweit ich weiß.“

„Ach Sara, Sorry, aber ich habe keinen Bock. Ich spiele noch ne Runde Zelda und dann geh’ ich ins Bett.“ Er machte es sich in seiner Fernsehecke bequem.

         Seine Schwester stand plötzlich vor ihm und legte eine Hand auf seine Stirn. Nicht überrascht über ihre heimliche Vorahnung, hatte Link tatsächlich erhöhte Temperatur.

„Was soll das denn?“, grummelte er.

„Tickst du jetzt vollkommen aus. Es ist gerade mal um sechs.“

„Na und?“

„Wenn du so weitermachst mit deiner nervtötenden Leier, versaust du dir noch dein Leben.“

„Das ist schließlich mein Leben, Sara“, erwiderte er verärgert.

„Du trägst aber nicht die Spur von Verantwortung gegenüber dir selbst, Link.“ Sie wedelte mit ihrem Zeigefinger vor seinem Gesicht herum. „Du bist siebzehn Jahre alt, benimmst dich wie ein untoter Trottel, der nicht weiß, was Leben ist. Du warst doch früher nicht so.“

Link sprang wütend auf. „Oh doch. Ich war immer schon so, nur Pech für dich, dass du es nie gesehen hast. Glaubst du, ich suche mir das aus? Ich bin eben nicht ganz normal. Deswegen versaue ich mir, so wie du dummerweise annimmst, mein Leben nicht. Ich warte nur auf etwas, Sara, und wenn das dann eintritt, wirst du mich sehr gut verstehen können.“ Murrend ging Sara aus dem Raum und rief ihm noch ein eher gemein klingendes ,Gute Nacht’ hinterher.

         Dann, wie sollte es anders sein, schaltete Link doch tatsächlich seinen Gamecube ein. Es war einfach eine Sucht, sich durch dieses Spiel zu kämpfen.

Seine Mutter kam ebenfalls ins Zimmer und sagte: „Link, ich hoffe, du hast nicht vergessen, dass dein Vater und ich nächste Woche für unbestimmte Zeit in den Urlaub fahren, oder?“

„Nein, das habe ich nicht vergessen. Gibt es deswegen irgendwelche Probleme?“ Er sah sie mit trüben Augen und den schlimmsten Augenringeln an. Vielleicht hatte er sogar Fieber...

„Nein, ich möchte nur, dass du in dieser Zeit auf deine Schwester Acht gibst, ja?“

„Wenn sie nicht auf mich Acht gibt“, setzte Link hinzu. Seiner Mutter huschte ein Lächeln auf das Gesicht. „Link, ich gehe noch mal bei deiner Tante Lydia vorbei, wird also später.“

„Ja. Ist in Ordnung.“

„Soll ich dir noch etwas mitbringen? Brauchst du irgendwas, Schatz.“

„Danke Mum, aber mach’ dir wegen mir keine Umstände... ich bin wunschlos glücklich.“ Link versuchte, Betonung auf versuchte, zu lächeln. „...wenn ich dieses Spiel nur endlich durch hätte.“

„Na dann, bis später.“ Seine Mutter ging mit heiterem Blick aus dem Zimmer, sein gekünsteltes Lächeln hatte seinen Zweck erfüllt.

 

Gerade steuerte er den Helden in der Steppe in Richtung Hylia- See, als eine namenlose Müdigkeit über ihn herfiel, er denn Controller fallen ließ und sein Geist verschlungen wurde, von etwas Mächtigeren, was ihn mit aller Kraft in das Reich der Träume zerrte. Link atmete noch einmal tief ein und verlor dann das Bewusstsein.

Wo war er nur? Etwas brannte auf seiner Haut, ein Schmerz auf seiner Brust, dann an seinem Hals, als ob zahllose glühende Eisenstäbe auf ihn niederprasselten. Er konnte nichts sehen, seine Augen waren wie zugenäht. Er wollte schreien, aber seine Stimme war wie ausgelöscht.

Plötzlich ging das Feuer, mit dem man ihn quälte unter seine Haut, drang tiefer, er konnte es jetzt sogar in seinem Magen spüren. Jene leise Stimme erklang erneut, es war diese schöne Stimme, so rein, die Stimme eines Mädchens, sie rief ihn beim Namen, immer und immer wieder.

Dann rief sie um Hilfe... doch Link konnte ihr nicht helfen, er hatte mit seinen eigenen Schmerzen zu kämpfen. Er glaubte schon, nichts könnte schlimmer sein als die Wunden des Feuers, das über seinem Körper aufflammte, da spürte er, wie kleine, spitze, scharfe Eiszapfen auf ihn niederfielen und seinen Körper zurichteten.

Link schrie wie am Spieß und konnte einfach nicht aufhören. Überall bohrte ein fressgieriger Schmerz sich in sein Inneres hinein, doch gegen diese Qualen konnte er nichts unternehmen, er konnte sie nicht stoppen, ahnte, dass er sich im Todeskampf befand... im Kampf mit dem Schicksal...

 

Sara stürmte aufgebracht in Links Zimmer. Er lag auf dem Boden, seine Arme ruderten wie wild geworden in der Luft herum und immer noch schrie Link aus Leibeskräften. Sara traute ihren Augen nicht. Sein T-Shirt war fast vollständig verbrannt, und seine Haut darunter übersät mit übelsten Wunden. Fassungslos kniete sie nieder, hielt eine Hand vor ihren Mund und rüttelte an Links Schultern.

         „Wach auf, Link. Um Himmels Willen, was ist nur passiert... wach doch endlich auf!“ Sara gab ihm eine heftige Ohrfeige. Sein markerschütternder Schrei flaute ab, und wandelte sich in ein durchdringendes Stöhnen, bis Link keinen Laut mehr von sich gab. Langsam schlug er seine blauen Augen auf.

„Verflucht...“, war das einzigste, was er hervorbrachte. Sein Gesicht verzog sich, als er bei Sinnen war und begriff, dass er diese Wunden auch in der Realität trug. Sara saß neben ihm und weinte. Derweil versuchte Link sich aufzurichten. Sein Körper zitterte. Was war denn nur geschehen?

Er schaute auf seinen Oberkörper, der aus vielen kleinen Wunden blutete. Er hatte Verbrennungen und Unterkühlungen zugleich. Ihm wurde übel vor Schmerz, obwohl die Verletzungen jetzt nicht so sehr brannten wie im Traum. Link versuchte auf die Beine zu kommen, seine Schwester half ihm, sodass er sich auf ihren Schultern abstützen konnte. Sie schleifte ihn ins Badezimmer...

 

 

 
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