Kapitel 10
 

Kapitel 10: Die Bürde der Vergangenheit

 

Als der junge Held am Morgen des nächsten Tages seine Augen öffnete, fühlte er sich wie gerädert. Sein gesamter Rücken tat weh und irgendwie hatte er sich seinen linken Arm verdreht.

Link blinzelte angesichts des Sonnenlichtes, dass sich in sein Zimmer bahnte und machte seine Augen wieder zu. Er lag heute ausnahmsweise einmal in seinem Bett und hatte nach der schrecklichen Nacht überraschenderweise keine Alpträume, die ihn todbringend gefährlich heimsuchten.

Er zog die weiche Decke vollständig über seinen stechenden Schädel und versuchte wieder Schlaf zu finden. Er spielte mit dem Gedanken vielleicht doch noch in die Schule zu gehen, beließ es aber bei einem Gedanken.

Er war noch nie krank gewesen, also konnte er sich das doch einmal erlauben.

Während er so vor sich hinträumte, ertappte er sich selbst dabei, als Bilder von Zelda in seinen Gedankengängen immer häufiger wurden, zu häufig…

         Er blinzelte erneut und wagte einen Blick auf den Radiowecker neben seinem Bett. Überrascht über die fortgeschrittene Zeit richtete er sich auf und gähnte und streckte sich nach Liebeslaune.

Seine Beine baumelten aus dem Bett, als er es sich anderes überlegte und sich wieder zurück in die Kissen sinken ließ. Es tat so himmlisch gut, zu faulenzen. Erst Recht, wenn das Leben so unregelmäßig verlief wie das von Link.

Keine Alpträume die Nacht und Link war sich sicher, dass dies der perfekte Start in einen tollen Tag sein sollte. Als er sich darauf besann, dass heute Mittwoch war, jawohl, Link benötigte eine Weile sich daran zu erinnern, rappelte er sich doch noch auf und fand eine Notiz auf seinem Schreibtisch. Sie war von Sara, die ihm ein ordentliches Frühstück in der Küche vorbereitet hatte und scherzhaft ,Gute Besserung’ wünschte.

Ein Lächeln umspielte Links Lippen, das war wirklich extrem nett von ihr…

         Der junge Held kramte sein Lieblings- T-Shirt aus dem Kleiderschrank, ein waldgrüner Pulli aus leichtem Stoff für die heißen Tage eben, und heute schien wiedereinmal ein warmer Tag zu werden. Eine verwaschene Jeanshose und das T-Shirt unter dem Arm verschwand Link in dem Badezimmer und begutachtete seit langer Zeit einmal wieder die Narben an seinem sonnengebräunten Bauch.

Er fuhr leicht über die Hautfetzen, fand aber nicht, dass sie störten. Der Anblick von Narben war ihm irgendwie vertraut, so als hätte er in einem früheren Leben mehr als diese kleinen Narben davongetragen…

         Der Kopfschmerz von vorhin verschwand mit der kühlen Morgendusche und der Vorfreude auf das Frühstück. Himmel, irgendwie liebte Link diesen neuen Tag. Kein Kopfzerbrechen. Keine Merkwürdigkeiten. Irgendwie war heute alles in Ordnung, alles an seinem vorhergesehen Platz.

Link hüpfte vergnügt, mit dem Pfeifen eines fröhlichen Liedes in die Küche und entdeckte frische Semmeln, ein neues, ungeöffnetes Glas Nussnougatcreme und einen Krug voller lauwarmer Milch mit Honig, ein Ei, sein Lieblingsobst, dem Apfel auf einem dunkelblauen Teller, einer Schüssel frischen grünen Salat, eine Packung Cornflakes und frischgepressten Orangensaft auf seinem Platz.

Sara war ein Schatz, sagte er zu sich selbst und schlug sich den Magen voll.

         Link schaltete nach seinem wunderbaren Frühstück durch das Programm des Fernsehers. Aber neben einigen Naturkatastrophen, Terroranschlägen und sonstigen Überfällen, gab es nichts Neues.

Er ging auf sein Zimmer und schnallte sich vorsorgend seine Dolche um, da er auf alles vorbereitet sein wollte, als plötzlich das Telephon klingelte. Link sprang mit einem Satz die Treppe hinab und nahm das Gespräch entgegen.

„Wunderschönen Guten Morgen, Link Bravery am Apparat. Mit wem habe ich das Vergnügen?“, sagte er überschwänglich. Eine verunsicherte Stimme erklang am anderen Ende und als Link jene Stimme dann seinem Besitzer zuordnete, verschwand das Grinsen in seinem Gesicht wieder.

Er stützte sich vor Schreck an der Wand ab und ließ sich auf den Boden sinken.

         „Zelda?“ Und er vergewisserte sich, dass sie wirklich anrief.

„Guten Morgen…“, sagte sie leise und Link erkannte die Unsicherheit in ihrer Stimme, die schwache Angst überhaupt mit ihm reden zu wollen. Denn sie wusste, wie sehr sie ihn mit ihrer kalten Abweisung verletzt hatte.

„Ich…wollte nur…“, sie fand nicht die Kraft weiterzureden und wünschte sich lediglich, seine Stimme zu hören, um zu wissen, dass es ihm gut ging. Aber die freudige Begrüßung zu Beginn sagte dies wohl schon aus.

„Wie geht es dir?“, sagte Link dann, machte sich Mut mit seinen Worten, wollte auch ihr helfen, einfache Worte zu finden. Ein kurzes Schluchzen am anderen Ende erklang, erstickt von dem Wunsch, etwas vernünftiges hervorzubringen.

„Ganz gut… ich wünschte, du hättest das gestern nicht sehen müssen…“, murmelte sie schwach. Beim Heiligen Triforce, es ging gestern Nacht um Zeldas Leben und sie machte sich schon wieder Gedanken darüber, ob es Link belastete, dass er gestern ihren beinahen Tod gesehen und Zeldas abscheulichen Peiniger ermordet hatte. Konnte sie nicht einmal an sich denken?

         „Zelda?“ Und Link wollte sich nach der langen Pause vergewissern, ob sie überhaupt noch an der Leitung war.

„Bitte bleib’ fern von mir…“, sagte sie mit zittriger Stimme. Aber Link schüttelte mit dem Kopf, wissend, dass das allein seine Entscheidung war. „Bis irgendwann…“, sagte sie und wollte gerade auflegen.

„Nein, bitte Zelda, rede mit mir. Nur einige Minuten.“ Aber sie würde es nicht tun, sie würde ihn und sein Verständnis, seine Zuneigung, abweisen. Mit geschlossenen Augen und geballter rechter Faust legte sie trotz ihres Wunsches nach seinen beruhigenden Worten den Hörer auf.

„Zelda?“, rief Link. Aber er konnte ihre Stimme am anderen Ende der Leitung nicht mehr hören. Tut. Tut.

         Er atmete tief ein, schüttelte seinen Kopf und sprang auf. Es brachte nichts, wegen Zelda erneut schlechte Laune zuhaben, nicht nach dem Anruf und der Tatsache, dass sie überhaupt versuchte hatte, mit ihm zu reden. Ein Anfang. Ja, für Link war das ein neuer Anfang, ein gutes Zeichen, dass ihre Freundschaft noch nicht erkaltet war und sie vielleicht doch irgendwann wieder so miteinander reden konnten, wie vor einigen Wochen…

Im Grunde genommen hatte Ines dazu beigetragen, Link die Augen zu öffnen und auf der anderen Seite, auf Zeldas Seite, einige Hebel in Bewegung gesetzt. Danke Ines, dachte Link und verschwand einmal mehr in den Wäldern, um dort ein wenig zu trainieren…

 

Eine brütende Hitze stand in der Kleinstadt Schicksalshorts… und überall stiegen kleine Wärmewellen auf, von der geteerten Straße, von den Autos, den Parkbänken…

Kein Mensch war unterwegs. Alles saßen sie erschöpft und müde vor ihren kalten Limonaden und verrenkten sich die Hälse als einen Versuch aus der Benommenheit dieser unsäglichen Hitze auszubrechen. Und nicht nur in Schicksalshort schien das Klima die Menschen zu bestrafen… auch an anderen Orten verschob sich das Gleichgewicht…

Überall drehten die machtvollen Götter, oder etwas anders Übermächtiges am alten, und doch empfindlichen Wesen der Naturkräfte.

         Link, der gerade die Schulbank drückte, kam es so vor, als würde selbst der Puls der Zeit stehen bleiben. Warum konnte Link den erbärmlichen, mitleiderregenden Zustand der Natur fühlen, wo andere Menschen diese bescheiden gesagt ,Umstände’ auf den Treibhauseffekt oder die unumgänglichen Klimaveränderungen schoben.

Und sein sechster Sinn, von denen er im Grunde genommen mehr als einen hatte, sagte ihm, dass jene Zustände nichts mit dem Klima an sich zutun hatten. Vielmehr gab es eine andere mächtige Hand hinter den Geschehnissen, die das Chaos heraufbeschwor und sich mit seinem kranken Herz und Hirn daran erfreute.

         Bevor die Schüler der Oberstufe aber aus dem Schulgebäude stürmten, richtete die Direktorin über die Lautsprecher einige Worte an sie. „Werte Schüler. Versammelt euch bitte heute Abend gegen neun an der Schule. Es ist eine Nachtwanderung geplant, mit Lagerfeuer und so weiter., bis dahin schönen freien Tag.“

Cool, dachte Link, denn Nachtwanderungen, die er eigentlich alleine zu begehen vollzog, mochte er immer schon. Er fand die Nacht in den Wäldern aufregend, atemberaubend und genoss die Geräusche in der Dunkelheit auf seine Weise. Wenn heute einige Leute daran teilnehmen würden, ergab sich vielleicht auch die ein oder andere Gelegenheit, Zelda anzusprechen…

         Plötzlich wurde er von jemandem angerempelt. Mike Kilhagen stand hinter ihm, jemand, den er seit der Grundschule auf dem Kieker hatte und so war es auch umgekehrt.

Was wollte der denn jetzt? Link starrte ihn ungläubig an. Augen, wie zwei Schlitze sahen in seine tiefblauen. Lachsfarbene Haare bedeckten eine ziemlich ausgeprägte Stirn.

„Hast du Sara gesehen?“

„Nein, hab’ ich nicht. Was willst du denn von ihr?“ Mike grinste wie eine Speckschwarte.

„Wir gehen heute zusammen Eis essen“, protzte er.

„Wirklich? Mit dir? Ist ja echt witzig! Sara braucht wohl langsam ne Brille.“ Mike glotze blöd. Es dauerte einige Zeit, bis er registriert hatte, was Link andeutete.

„Wieso?“

„Oh Mann, Mike, bist wohl nicht der Hellste. Na ja. Wünsch’ dir jedenfalls einen, ähm, schönen Tag mit Sara.“ Link musste sich das Lachen übelst verkneifen...

Hm, Eis essen gehen. Link überlegte, ob Zelda nicht doch Lust hätte. Dann aber hielt er es für eine dumme Idee. Es war vielleicht zu früh dafür und nicht der richtige Zeitpunkt, sie um Rat und Antworten zu bitten. Sie brauchte Zeit, das wusste Link und er würde ihr soviel Zeit geben, wie sie für sich selbst benötigte, um zuklären, was ihr auf dem Herzen lag.

         Zelda stand plötzlich hinter ihm, aber schenkte ihm kein Lächeln, als er sich umdrehte. Sie sagte kein Wort. Ja, das sollte so sein. Link schlug sich die Idee mit dem Eis essen wieder aus dem Kopf. Es wäre zu schön gewesen. Langsam tappte er nach Hause...

         Link verkroch sich in seinem Zimmer, während andere Leute sich vergnügt im Schwimmbad amüsierten, Eisbecher und literweise Limonade hinunterwürgten. Link setzte sich vor seinen Gamecube... das hatte er lange nicht getan. Die Spielfigur befand sich gerade auf dem Weg in die Zitadelle der Zeit, um langersehnt jene zu treffen, die auf ihn wartete. Link stellte sich vor, er selbst würde an diesem Ort erscheinen, um Zelda zu treffen. Zelda... Prinzessin oder nicht, für ihn spielte das keine Rolle… das hatte nie eine Rolle für ihn gespielt…

Und da war er wieder, der Gedanke, dass: ,The Legend of Zelda’ vielleicht mehr als nur ein Spiel sein könnte. Ein erschreckender Gedanke… und doch für Links junges Herz allmählich die Wahrheit flüsternd und nach den -Verstand- ins- Wanken- bringenden Ereignissen nicht mehr allzu unwahrscheinlich. Was, wenn Zelda die Prinzessin war und er Link, jener Held, der sie retten sollte? Link begann zu träumen, begann zu erinnern, noch ehe er verstand, was er tat…

         Er rannte, hetzte mit braunen Lederstiefeln an seinen Füßen über das leblose Pflastergestein einer toten Stadt, vorbei an eingefallenen Häusern, an denen der Zahn der Zeit nagte und doch war da diese wärmende Hoffnung in seinem jungen, gerade elf Jahre alten Herzen, ein stiller, immerwehrender Funken Licht, der soviel erzählte von blühenden Städten, mit Menschen gefüllten Straßen und der scheinenden Sonne, die ihr Licht den Geschöpfen dieses Zeitalters in jener verlassenen, dem Erdboden gleichgemachten Hauptstadt nicht mehr schenken konnte.

Er rannte und rannte weiter, fand sich selbst diesem Hoffnungsschimmer unterlegen, er würde in wenigen Sekunden das Licht in seiner Seele wiederzurückgewinnen. Antworten…

Am dunklen Himmel stand ein feuerroter Mond, der blutete, wenn man genau hinsah, ein Mond, der von dunklen Wolken, die ebenso ein rötlich- schimmerndes Gewand trugen, bedeckt wurde. Die Welt rief nach ihm, schrie nach einem Helden… und er wusste, dass jene Aufgabe ihm zuteil werden würde.

Vor wenigen Stunden war er aufgebrochen, um an diesen Ort zufinden, aufgebrochen vom anderen Ende des Landes, wo er seine vorletzte Schlacht geschlagen hatte. Er trug noch die Wunden des Kampfes in seinem jungen Herzen, das von einem sieben Jahre älteren Körper behütet wurde, spürte noch das aufgeregte Schlagen seines Herzens, als er den vernichtenden Schlag ausführte und den letzten Tempel der sechs Weisen von seinem bitteren, quälenden Fluch befreite. Er war losgezogen, ohne geschlafen zuhaben, rannte und rannte zu dem einzigsten Ort, an welchem die letzte Hoffnung sich aufhielt. Sie musste es sein, sagte er zu sich. Sie musste sich ihm endlich preisgeben. 

         Link erreichte den Ort, der vielleicht die letzte Festung gegen das schier übermächtige Böse darstellte und doch genauso der Vergänglichkeit unterlegen war, wie sein Verstand, sein Körper und  dieses Hyrule. Mühsam schob er die schweren Eichentore zur Seite, schloss diese wieder hinter sich, als er eintrat und nichts anderes als die aufwühlende Kälte in jenem heiligen Bauwerk fühlen konnte. Mit Nebelschwaden vor seinem Gesicht, die sich bei jedem schnellen Atemzug neu bildeten, ging Link einige Schritte vorwärts, trat näher an den reichlichverzierten Altar, an dem drei glühende, ein schwaches Licht aussendende Steine standen. Ein schwaches Licht, ein kleiner Trost in der Kälte und Dunkelheit des Gebäudes. Wer wusste, wie lange dieser kleine Trost noch wehrte?

Er sollte hier erscheinen. Hier sollte er jene treffen, die auf ihn wartete.

         Sieben lange Jahre hatte sie gewartet, auf seine Rückkehr gehofft, gelitten, da man ihm sieben Jahre seines kostbaren Lebens gestohlen hatte- ein hinterhältiger Preis für die Rettung des Landes vor dem Bösen, das trotz allem die begehrenswerte, zerstörerische Macht errungen hatte, das trotz allem vernichtete ohne die Spur eines Gewissens zu zeigen.

Und so klammerte sie sich an jenen Hoffnungsschimmer, das Böse würde bestraft werden, würde zurückerhalten, was es jener einst so blühenden Welt angetan hatte…

         Link warf einen Blick aus den mit farbigen Glasplatten gestalteten Fenstern und erkannte nichts als Tod in dem einst so blauen Himmel. Hier, in der unmittelbaren Nähe des Bösen rührte die Dunkelheit selbst die Farben zusammen, die dem Himmelsgewölbe diesen hässlichen Überzug verliehen hatten. So kalt, so düster und unheilbar war dieser Himmel über Hyrule, wo jedes Volk am eigenen Leib erfahren hatte, was es hieß, dem übermächtigen Bösen im Weg zu stehen. Links ernster Blick fiel zu den Fackeln an dem dunklen Mauerwerk und nur für ein bisschen Wärme und Licht lief er dorthin, rieb sich die Hände über dem Feuer und wartete. Es blieb ihm nicht mehr viel, außer das Warten. In Kürze würde der letzte Kampf beginnen, den er vielleicht nicht nur mit blauen Flecken und einigen Schnittwunden davontragen würde. Es könnte für immer, sein letzter Kampf sein…

         „Link?“, und er kannte diese Stimme, das merkwürdige Säuseln, als würde diese Stimme weder männlich, noch weiblich sein. Jemand stand vor den drei Heiligen Steinen, der nur ein Schatten war. Jemand ohne und doch mit Gesicht… Rote Augen starrten ihn eindringlich an und funkelten so emphatisch, so verständnisvoll wie noch nie.

Der junge Held lief zu dem im Schein der drei Heiligen Steine glühenden Licht und sah dem Shiekah unentwegt in dessen verhülltes Gesicht, spürte Enttäuschung und Wut. Denn so sehr hatte er gehofft, sie hier zu sehen, sich gewünscht, das Mädchen wieder zusehen, welches sein Schicksal teilte. Doch sie gab sich nicht preis, sie versteckte sich vor ihm und vielleicht vor ihrer eigenen Hoffnung, dem stillen Wunsch, verstanden zuwerden.

„Shiek? Was suchst du hier?“

„Ich muss dir Antworten geben.“ Verärgert drehte sich Link um und stützte sich an dem in weißem Gestein gefassten Altar ab. Die Gefahr gab der Prinzessin anscheinend genügend Grund, sich von Link fernzuhalten.

„Ich will keine Antworten.“, sagte das Kind in Links achtzehn Jahre altem Körper. Frustriert schlug er mit der Faust auf das blanke Gestein ein und empfand weder Schmerz noch etwas anderes in seiner linken Hand. Eine fremde Wahrnehmung, wie ein Stück Leben, das sich in der Hand verinnerlichte und langsam zu Fleisch und Blut, zu Herz und Verstand, vorarbeitete. Es rief und verlangte, jenes Gefühl in seiner Hand, an welches mehr als nur Magie gebunden war.

„Für einen Moment habe ich geglaubt, ich könnte sie wiedersehen. Ich habe mir gewünscht, sie für nur einen kurzen Augenblick mit den Augen dieses erwachsenen Körpers sehen zukönnen.“, sagte Link leise. „Ich wünsche mir… so sehr… sie nur einmal… berühren zu dürfen.“

In seinem Herzen aber bestand dieser Wunsch schon lange aus Leere. Seit Shiek ihm den Weg zeigte, seit jeher schien Zelda so weit weg zu sein, als ob auch sie sieben Jahre schlief, als ob man ihr Bewusstsein in die unendliche Leere eines lebenden Schattens eingesperrt hatte.

Link drehte sich um und bemerkte den traurigen Ausdruck in Shieks Gesicht, welches verstand und doch leugnen konnte. Eine Träne tropfte aus den Augenwinkeln Shieks und nur das silberne Funkeln jener Träne genügte… Machtlos sank Shiek auf den kalten Boden und stütze sich mit den Händen auf dem fast eisigen Gestein ab. So spielte das Schicksal mit Link, dachte er- jener einsame Schatten, der sein wahres Gesicht nicht mehr zurückhalten konnte.

„Ich bin nicht…“, murmelte die zittrige Stimme Shieks, die ihren Klang nun fast vollständig geändert hatte- ein Klang, viel reiner als der eines Mannes, viel schöner und lieblicher in den spitzen Ohren Links.

         Link kniete nieder, wollte Shiek eindringlich ansehen, ihn bitten, die Wahrheit nicht länger zu verschweigen, zu sagen, was gesagt werden musste. Und so flackerte das Feuer in der heiligen Zitadelle an den Wänden, während Link und Shiek auf die Preisgabe ihrer unbekannten Geheimnisse warteten. Vorsichtig zog Link den umhüllenden, weißen Mundschutz von dem immer echter, immer lebendiger und irgendwie mädchenhafter werdenden Gesicht einer Gestalt, die er nicht länger als Shiek ansehen wollte. Sie sah auf, und nun war das abweisende, fast kühle und beherrschte Rot jener Shiekahaugen dem Vergehen untertänig. Ein verträumtes Blau, so kostbar wie ein leuchtender Edelstein verbarg sich jetzt in diesem nach Zuneigung suchendem Blick, der Link soviel erzählen wollte. Und er kannte diese Augen, auf die er gewartet hatte, die er so oft in seinen Träumen gesehen hatte erneut. Er kannte und liebte diese Augen…

Erschrocken wich Link zurück und sah nur in dieses wunderschöne Blau, welches ihm schon einmal lange vor diesem zerstörten Hyrule begegnet war. Er stand mit wackligen Beinen auf und drehte sich um.

Ein fassungsloses „Nein…“, entkam seinen Lippen und eine verwundete, mit Schnitten übersäte linke Hand stützte den schmerzenden Kopf… Er atmete tief ein und fühlte machtvolle Energie in der Zitadelle, ein helles Licht hinter seinem Rücken und den Anflug von tiefen Gefühlen, die er unter Verschluss gehalten hatte.

         „Ich bin nicht… was du glaubtest, das ich bin…“, sagte diese Stimme, die Link kannte und doch war es nicht mehr diese liebliche Mädchenstimme. Sie hatte sich gewandelt, war reifer und zurückhaltender. Er traute sich einfach nicht, sich umzudrehen.

Sein Herz begriff die Geschehnisse von wenigen Sekunden nur schwerfällig, es weigerte sich, diese Wahrheit zu sehen, denn soviel wusste Shiek über Links Gefühle, seine Gedanken um Zelda… und nun wusste Zelda, was Shiek wusste. Sie kannte das Herz in jenem Körper und seine tiefen Sehnsüchte. Shiek kannte Links Murmeln und Rufen nach Zelda in jenen Nächten, in welchem er verwundet in einer kleinen Holzhütte die Nacht herumbrachte und nur Shiek da war. Sie kannte seine Wünsche… denn nicht Shiek, nein, die Prinzessin, für die er soviel aufgab, hatte seine schmerzenden Wunden versorgt, sein junges, verletztes Herz geheilt, als sein Schicksal und das Leid, welches so stark daran geknüpft waren, so sehr an ihm nagten…

Zelda war immer da gewesen und hatte das wenige Licht eines zerstörten Hyrules für ihn hergegeben…

         Zelda… Kronprinzessin von Hyrule stand nun in der Zitadelle, direkt hinter ihm und obwohl er sich mehr als alles andere gewünscht hatte, sie wieder zu sehen, zu erkennen, wie sich ihre Gestalt verändert hatte, so brachte er es in dieser Minute nicht fertig, sie nur einmal anzusehen.

         „Verzeih’ mir bitte…“, sagte sie leise. Aber ihre so ehrlichen, aufrichtigen Worte versiegelten doch nur das, was sie wirklich sagen wollte.

Verzeihen? Link war nun, in diesem so bedeutungsvollen Moment des überfälligen Wiedersehens, nicht in der Stimmung, nicht daran interessiert, diesem Wunsch zu folgen…

Es gab soviel mehr, als ein einfaches Verzeihen, was er dachte, was er empfand. Die Gefühle und das Stückchen Hoffnung entsagten die Bedeutung eines einfachen Verzeihens.

Er drehte sich langsam zu ihr um, konnte mit Worten nicht beschreiben, was er vor sich sah… diese Schönheit, dieses wunderschöne Gesicht. War das wirklich Zelda?

Ihre gottesgleiche Gestalt und das samtene, königliche Gewand, das zart ihren fast zerbrechlichen Körper umrahmte…

Ihr stiller Blick, die unverhöhlte Angst, lähmende Einsamkeit und selbstbeschmutzenden Zweifel in ihren Augen erzählten soviel von jenen grausamen sieben Jahren, die sie hatte durchstehen müssen, weil ein niederträchtiger, dem Leben nicht würdiger Dämon ihr Land zerstörte…

Sie blickte weg, scheute so verletzlich seinen Blick und nur die Wellen der Zeit hatten Macht darüber, ob sie diesen Blick ablegte. Fast unwirklich entkam ihr Name seinen Lippen, gesprochen von der Stimme eines Mannes, obwohl ein Kind ihren Namen sagen wollte.

„Zelda?“ Sie schloss die Augen und tat nichts weiter als zu nicken, während kristallene Tränen an ihren so bleichen Wangen hinabliefen. Es tat weh, man selbst zu sein, wenn man verfolgt wurde, wenn man nicht sein durfte, was man wirklich war. Und die Schmerzen jener grausamen Fesseln ihres Daseins erschufen eine durchsichtige Schutzmauer vor ihren Gefühlen und Sehnsüchten…

„Ich bin es…“, murmelte sie und wischte sich blasse Tränen aus den Augen, die doch nur zahlreicher wurden, als ihr wahres Gesicht an ihrer Unschuld rüttelte. Tränen über Tränen benetzen ihre Wangen und sich dafür schämend wand sie ihr ohnehin schwaches, wahres Gesicht den Steinen am alten Altar zu. Sie wollte reden und ihm erklären, was über die Zeitalter jenes Landes hinausging, wollte die Worte finden, die sich vor ihm versteckten, um ihn nicht noch mehr zu verletzen. Aber sie konnte nicht reden, ihr Hals war wie zugeschnürt und die Kälte rief nach ihr, auf dass sie sich vor sich selbst und der Empfindung für ihren Seelenverwandten davonstahl.

         Und so sah Link das Mädchen aus seinen Erinnerungen immer mehr verblassen, es sei denn, er könnte sie festhalten, könnte zurückrufen, was in dieses junge, einst so glückliche Herz gehörte… Auch aus seinen tiefblauen Augen fiel eine warme Träne hinab, die er mit seiner linken Handinnenfläche auffing. Noch nie hatte er eine Träne vergossen, noch nie war ihm diese Empfindung vergönnt gewesen und er erkannte diese als etwas so kostbares, etwas, was nur Zelda galt…

         Sie umarmte sich selbst ein wenig und ließ die Tränen ohne Gegenwehr hinabrollen. Der Schmerz, die Angst der letzten grausamen, in Blut getränkten Jahre kamen mit einem Mal zum Vorschein und riefen zurück, was die junge Prinzessin des hylianischen Reiches in so kurzer Zeit hatte lernen müssen. Sie musste lernen, wie erbarmungslos das Leben verlaufen konnte, wie einsam und entseelt man sich fühlen konnte, wenn man niemanden mehr hatte… und Zelda, ja, sie hatte niemanden mehr, auch wenn sie schon vor Ganons Machtübernahme viele einsame Stunden erleben musste. Auch sie war innerlich noch ein Kind, das aus den heilen Kindertagen herausbefördert wurde, ohne die Überbleibsel jenes Kindseins vergessen zu können. Es war ihr nicht vergönnt. Es war ihnen beiden nicht vergönnt.

         „Ich…“, fing sie an. Doch ihre Worte wurden unterbrochen von zwei schützenden Armen, die sich fest um ihre Schultern legten.

„Still…“, murmelte Link leise hinter ihr, legte sein Kinn an ihren Hinterkopf und hielt sie einfach nur fest, solange, bis sich die angsterfüllte Prinzessin zu ihm umdrehte und endgültig in seiner Umarmung versank, suchte, was sie seit vielen Jahren nicht hatte haben dürfen- eine Schulter, an der sie ihr Leid anklagen konnte, eine Schulter, an der sie sich ausweinen konnte.

Sie krallte sich leise weinend an seiner grünen Tunika fest, lehnte ihren Kopf an seine starke Brust und folgte dem beruhigenden und doch aufgeregtem Schlag seines Herzens. Endlich hatte sie gefunden, was ihr sieben lange Jahre verwehrt geblieben war- endlich hatte sie Link gefunden…

         „Ich habe dich so sehr vermisst…“, murmelte Link leise und drückte ihren zierlichen Körper ein wenig näher an seinen. Doch Zelda erwiderte nichts darauf. Wozu Worte, wenn sie doch nur störten. Sie blickte mit einem aussagekräftigen Lächeln seit langer, langer Zeit zu ihm auf und blickte in das tiefe Blau seiner Augen, nur um in seinem Gesicht ebenfalls ein Lächeln zusehen… Ein Lächeln Links und eines von Zelda, das selbst die Hürden der Zeit überwinden konnte, ein Lächeln an das sich Link auch dann erinnern würde, wenn seine Erinnerungen versiegelt wären und ihren Träger zu unüberwindbaren Mauern führen sollte. Ein Lächeln. Nur ein leises, empfindungsvolles, geheimes Lächeln seiner vergessenen Liebe…

         Link wurde plötzlich aus seinen Träumereien gerissen und vergas den Traum wieder, als Sara im Raum stand. „Link, ich gehe kurz fort, ja.“

„Weiß schon Bescheid, viel Spaß beim Eis essen.“ Sara lugte halb hinter der Tür hervor. „Frag’ doch Zelda, ob sie nicht Lust hat mit zu kommen. Ich sehe dir doch an der Nasenspitze an, dass du gerne etwas Zeit mit ihr verbringen möchtest. Sie freut sich bestimmt.“

„Ich weiß nicht recht. Das geht nicht...“ Sara atmete einmal kräftig aus und ging dann aus dem Raum. Ich habe geschworen, dafür zu sorgen, dass ihr beide zusammenkommt und, mein liebes Brüderchen, ich halte meine Versprechen. Sara kicherte in sich hinein...

         Link schaltete die Nintendokonsole aus und lief ans Fenster, schaute in den blauen Himmel, den Zelda so liebte und schloss langsam seine Augen. Ob es wohl doch existierte... Hyrule...

„Hyrule…“, murmelte Link mit seiner angenehmen Stimme. „Hyrule…“

Erst jetzt fiel ihm auf, was Zelda meinte, als sie sagte, das Wort klänge so schön. Und es klang wirklich schön, ein Wort, das sich fast magisch anfühlte, wenn es auf der Zunge lag. Ein so einzigartiger Begriff, der die Stimmbänder in neue, wohlige Schwingungen versetzte. Link seufzte erneut: „Hyrule.“

Den Namen jenen Landes auszusprechen klang wirklich seltsam, so traurig und stolz... Hyrule- verlassenes Königreich...

         Link hielt die Situation nicht mehr aus, trat gegen seinen Schreibtisch, verfluchte den Tag und besonders die Hitze. Mit einem Satz sprang er zur Tür, schlug diese genervt zu, hetzte die Treppenstufen hinab, verfehlte nur leider Gottes eine, flog auf seine Nase und rutschte die letzten Treppenstufen hinab. Er lag wie ein Toter am Ende der Treppe und murmelte: „Immer ich...“, dennoch sprang er auf, ärgerte sich über seine soeben ergatterten Kreuzschmerzen und rannte aus dem Haus.

 

Wenige Minuten später stand er vor der Villa von Ines. Er klingelte. Niemand öffnete. Er klingelte noch einmal, wieder reagierte niemand. Dann klingelte er immer und immer wieder, bis eine Stimme aus dem Haus schallte: „Ich komm’ ja schon.“ Link erkannte die Stimme als diejenige von Zelda, bis sie schließlich die Tür öffnete. Link starrte sie von unten bis oben an. Sie trug eine kurze, schwarze Hose und ein weinrotes Top.

         „Was willst du hier?“ Was für eine wunderbare Begrüßung, dachte Link.

         „Lust auf ein Eis“, sagte er, aber sah sie nicht an. Sie sagte zuerst nichts und schien über seine soeben gesagten Worte nachzudenken.

         „Nein, eigentlich nicht“, war die kurze, schmerzlose Antwort. Link hatte nichts anderes erwartet. Er traute sich nicht mehr sie anzusehen und drehte sich halb um.

         „Dann... dann gehe ich wohl besser...“ Er schloss seine Augen mit einem Seufzen. „Also willst du nichts mehr mit mir zu tun haben?“ Man hörte die Traurigkeit an seiner Stimme.

         „Das...“

         „Warum? Zelda, sag’ mir bitte, warum? Ist das der Dank dafür, dass ich dich gefunden habe? Der Dank für alles?“

         „Es tut mir leid.“ Link lief langsam die Einfahrt hinunter, als Zelda noch sagte: „Wegen neulich... danke, Link.“ Dann schloss Zelda die Tür und lehnte sich dagegen, mit einem Gesichtsausdruck, der zuviel verriet...

         Ines hatte jedes einzelne Wort von einem Nebenzimmer mitangehört und schüttelte betrübt den Kopf…

         Besorgt über die Stille in dem Raum, öffnete die stolze Direktorin die Tür zu ihrem Arbeitszimmer und sah Zelda gelähmt auf dem Boden vor der Eingangstür sitzen. Ihren Kopf in ihren Armen verborgen, liefen zügellos Tränen ihre Wangen hinab. Nur ein Schluchzen aus ihrem Mund verriet sie, erzählte von dem bitteren Kampf mit der Erinnerung an schöne Augenblicke mit ihrem besten Freund Link. Impa kniete nieder und legte eine warme Hand auf Zeldas blonden Schopf, wollte sie trösten, wollte ihr Mut machen.

         Beschämt über ihren Gefühlsausbruch schlug sie die Hand weg und rannte panisch hinauf in ihre Zimmer, verriegelte die Tür und bestrafte sich einmal mehr mit quälender Einsamkeit…

 

Die Schüler, längst nicht alle, versammelten sich am Haupteingang. Manche hatten keine Lust, andere hatten es einfach in den Wind geschlagen. Link war überrascht, wen er hier vorfand. Naranda Leader, Dar Gordon und Richard Raunhold standen neben der Direktorin. Was wollten denn Naranda und Dar hier?

         Ihm war klar, dass Naranda irgendeine Beziehung zu der Direktorin hatte. Und die Lady mit den feuerroten Haaren verbarg genauso ungelöste Rätsel wie Ines und Zelda… Aber was hatte diese Dame auf einer Nachtwanderung zu suchen?

         Link konnte nicht anders und fragte Ines bezüglich dieser Sache. Er lief langsam hinüber zu der stolzen Direktorin, die irgendetwas mit Zelda diskutierte. Und das blonde Mädchen mit dem hübschen Gesicht schien wegen irgendetwas verärgert zu sein. Sie hielt Ines ihren Zeigefinder unter die Nase und fauchte irgendetwas gekränkt, dass Link beinahe verstanden hatte. Und sie war wütend, denn ihre sonst so kühle Stimme nahm ungemeine Lautstärke an. Link schlich näher und hörte kurz seinen Namen aus dem Gespräch. Hatte Ines sich ihren Mund verbrannt, weil sie doch mit Link einige Dinge diskutiert hatte. Soviel war ihm klar…

         Der junge Oberstufenschüler trat näher und als Zelda ihn bemerkte, senkte sie ihr Haupt und lief ein wenig abseits von der Menge in die Nähe einer Bank. Kopfhängerisch und mit einem äußerst traurigen Blick ließ sie sich darauf nieder.

         „Warum tut sie das nur?“, murmelte Link leise und wünschte sich im Moment nichts sehnlicher, als sie zu trösten.

         „Ich habe es dir gesagt, Link. Sie gibt sich an so vielen Dingen die Schuld. Auch an deinem Krankenhausaufenthalt.“

         „Ach… Zelda.“ Und sein Blick wanderte zu ihr. Sie versteckte sich vor so vielem und in letzter Instanz vor ihren eigenen Wünschen und Sehnsüchten.

         „Und was machen eigentlich Dar und Naranda hier?“, fragte Link dann neugierig.

         „Nun ja, sie sind gute Bekannte von mir und hatten einfach Lust und Zeit mitzukommen.“ Das war jedoch nicht der einzigste Grund…

         Gerade in diesem Augenblick bemerkte Link eine weitere Gestalt, die sich in der Nähe von Naranda aufhielt und mit ihr plauderte. Sie fasste Link in ihr Gesichtsfeld und sah ihm interessiert in die Augen. Irgendwo hatte Link diese Dame doch schon einmal gesehen... sie hatte einen blauen Schimmer in den dunklen Haaren und trug einen hellblauen, sicherlich teuren Overall. Eine lange Kette aus Brillianten hing an ihrem Hals und wirkte übertrieben groß und unecht. Link fiel es wie Schuppen von den Augen. Das war doch eine Schülerin von Ines: Rutara von Wasserstein. Sie war adliger Herkunft und machte eine Karriere als Eiskunstläuferin. Wasser schien geradeso ihr Element zu sein. Bei den Schwimmmeisterschaften der Schule hatte sie stets den ersten Platz gemacht. Sie hielt dem durchdringenden Blick Links stand und ging in langsamen Schritten auf ihn zu. Erst mit einem ernsten Ausdruck auf dem geschminktem Gesicht, dann mit einem ungewöhnlichen Lächeln.

         „Guten Tag, du hast also Zelda gefunden, aha. Sehr interessant, wirklich sehr interessant.“ Sie reichte ihm die Hand, wovor Link am liebsten geflüchtet wäre.

         „Ich hoffe, wir können uns im Laufe des Abends noch ein wenig unterhalten. Aber nur ein bisschen. Also, dann.“ Link nahm die kalte Hand und schüttelte diese kräftig, versuchte es weiterhin mit einem selbstgefälligen Grinsen.

         Dann verschwand sie wieder... nicht unbedingt zu Links Unbehagen.

         Nach wenigen Minuten machten sich die Schüler auf den Weg in die Wälder. Rick und Maron, die jetzt zusammen waren, liefen Hand in Hand an Link vorbei, der die gesamte Zeit seinen Grübeleien nachhing und schwieg. Rick warf Link einen überglücklichen Blick zu, einen Blick, der Bände sprach. Freut mich für dich, Rick, endlich hast du, was du wolltest, dachte Link. Ein Beobachter konnte die stumme Ungewissheit in seinen tiefblauen Augen sehen, denn Link würde vielleicht niemals das haben können, was er wollte. Und er suchte nach nichts anderem als der Wahrheit, die man vor ihm versteckte.

         Link verlangte keine Antworten, nicht, wenn sie aus dem falschen Munde stammten und dennoch es beschäftigte ihn. Alles. Restlos alles. Die letzten Wochen waren nicht das, was man normal nennen konnte. Die Begegnung mit Zeldas einzigartigem Wesen, die Verletzung, während er ein Spiel spielte, Marons Besessenheit, der unheimliche Priester auf dem Friedhof, und zu guter Letzt der grausame Schatten, der in der Kirche seine dunklen Pläne schmiedete. Und in jedes Ereignis war Link verwickelt. Sein Schicksal war es, mittendrin in dem näherkommenden Sturm zu bestehen oder unterzugehen.

         Die Schüler und einige Lehrer erreichten ihren Zielplatz: eine riesengroße Wiese, mit vielen Sitzgelegenheiten und einem großen Platz für ein Lagerfeuer. Die Schüler verstreuten sich auf dem riesigen Platz. Zelda ging zusammen mit Sara und Maron einige Äste für das Feuer zusammensuchen. Einige Schüler breiteten Decken aus und pflanzten sich auf die grüne Wiese im Schein der Abendsonne. Rick kam auf Link zu und präsentierte ihm stolz sein neues Radio, welches er mit Batterien gefüttert hatte und sofort auf volle Lautstärke stellte… die Musik zerstörte die Ruhe der Wälder, aber dies schien niemandem außer Link etwas auszumachen. Er ließ sich gedankenverloren in das Gras sinken und schloss die Augen.

         Schon lange hatte er nicht mehr darüber nachgedacht… Aber diese Bestie, die Zeldas Antlitz trug, war damals fast blitzartig verschwunden gewesen. Ob sie trotz Links brutalen Attacken überlebt hatte? Link überlegte. Konnte es sein, dass sie wieder auftauchen würde, um Zelda zu… nein. Sicherlich würde sie denken, dass er Zelda nicht hätte wiederbeleben können. Link kamen die Bilder jenen Tages in den Sinn. Was wollte dieses Miststück nur von Zelda und ihm? War sie von jemandem geschickt worden? Welche Absichten verfolgten sie? Link kam ein grässlicher Gedanke. Hatte etwa dieser grausame Kerl in der alten Kathedrale etwas damit zu tun? Er schlug sich das Bild des widerwärtigen Bastardes aus dem Kopf.

Zelda…

         Plötzlich spritzte ihm jemand Wasser ins Gesicht. Link erschrak leicht und sah Rutara von Wasserstein vor sich stehen.

         „Oh, ich dachte schon du wärst eingeschlafen?“ Link dachte, und ich glaubte, diese komische Person sei verschwunden. Irgendwie fand er sie nervend…

         Sie setzte sich, ohne, dass Link es erlaubt hätte und ohne das er davon beeindruckt war, zu ihm.

         „Na, sag’ schon, was willst du wissen?“ Link war ein wenig irritiert.

         „Was soll das heißen, will ich wissen?“

         „Na, wegen der Sache.“ Link wusste wirklich nicht wovon sie redete und machte ihr dies mit einem Blick klar.

         „So, du… du weißt also tatsächlich überhaupt nichts? Na ja, verstehe, wenn du nicht mal eine Spur einer Andeutung hast, brauch’ ich auch nicht zu fragen, ob du irgendwas wissen willst. Komisch, ich dachte, Zelda hätte dir alles erzählt.“

         „Was immer es ist, ich will es nicht wissen…“ Rutara verzog ihr Gesicht.

         „Und Zelda verabscheut meine Nähe, sie wird mir niemals wieder etwas erzählen wollen.“, setzte er hinzu.

         Rutara blickte leicht entgeistert zu Zelda, die sich gerade von ihrem Rucksack mit Waffeln bediente und sich auf einen Baumstumpf setzte, um den Flammen des Lagerfeuers zuzusehen.

         „Es ist nicht leicht für sie, hier in dieser Welt zu sein“, sagte Rutara schwach. In dem Moment richtete sich Link auf und fand Rutaras Anwesenheit nun keinesfalls mehr nervend.

         „Sie ist nicht hier zuhause, denn ihr Herz hängt noch in der alten Heimat…niemand könnte ihr das nachempfinden.“, meinte sie leise.

         „In ihrer alten Heimat?“, fragte Link und sah in die hellen, fast grünlichen Augen der nur zwei Jahre älteren Rutara von Wasserstein. „Wo ist das?“, sprach Link.

         „Weit weg, dort, wo niemand mehr leben könnte, wo die Zeit still steht und Schreckliches geschehen ist…“ Link sah stumm zu, wie Rutara aufstand und mit einem Satz wieder verschwand. Diese traurigen, melancholischen Worte. Konnte es sein, dass jene Person selbst, eine andere Welt vermisste? Link begriff den Sinn dieser Worte nur schwerfällig. Wie sollte er auch, denn den einfachsten Gedanken, den es gab, den einfachsten Hinweis sah er nicht, oder wollte ihn nicht sehen…

         Plötzlich musste Link anfangen zu lachen. Er sah auf die Wiese, wo sich einige Schüler versammelt hatten und zu einem neuen coolen Song des Radios tanzten. Inmitten der Masse drehte Dar Gordon einige heiße Rhythmen. Er überschlug sich fast, als er sich wie ein Irrer drehte. Seine schweren Füße wollten wohl nicht das, was sein restlicher Körper wollte. Link hielt sich vor Lachen den Bauch fest. „Vielleicht ein leidenschaftlicher Tänzer, aber ein begnadeter auf keinem Fall“, sagte er laut vor sich hin und erfreute sich nun ebenso an dem Lachen, der fröhlichen Musik und seiner zunehmenden guten Laune.

         Alle versammelten sich um das große Feuer. Einige hielten Marschmelos hinein, andere spannten Brotstücke auf Stöcke und andere wiederum schauten sich einfach nur die Flammen an, die nach oben schlugen. Link saß auf einem großen, umgefallenen Baum und starrte nostalgisch in das Feuer. Eines der ältesten Dinge auf der Welt. Und ... das Feuer würde man wohl niemals in Frage stellen, die Vergangenheit schon. Und je höher die Flammen schlugen, umso weiter entfernte sich die Realität für Link. Er lebte und war sich nicht mehr sicher, ob er vielleicht nur halluzinierte. Die Angriffe von dämonischen Kreaturen, die Wunden, der Kampf mit dem Schwert- wie konnten diese Dinge Wirklichkeit sein?

         Dann schaute er wieder in das Feuer und beobachtete dessen hungrige Flammen, die den Eindruck erweckten etwas in sich hineinziehen zu wollen- als ob es eine Falle für verlorene Seelen wäre. Link erschienen die Flammen immer unnatürlicher, als würden sie von einer fernen Macht gesteuert. Er konnte nicht anders und stand auf, um einige Schritte auf sie zu zulaufen.

         Zelda bemerkte, dass etwas nicht stimmte und schaute zu Link herüber, der wie in Trance in Richtung Feuer lief.

         „Link, was ist?“, sagte sie, entgegen ihres Willens, da sie sich geschoren hatte, sich nicht mehr in sein Leben einzumischen. Und der Schmerz deswegen, so wusste sie, würde mit der Zeit vergehen. Die Schuldgefühle würden vergehen.

         Und nun handelte Zelda entgegen ihres Schwures, Sorgen umspannten ihre alte Seele, Böses suchte sie heim und ihr Magen krampfte sich schlagartig zusammen.

         Link stand nun direkt vor den Flammen und schaute angespannt in sie hinein. Irgendetwas wartete in dem Meer aus Feuer, das wusste er. Einige Sekunden vergingen.

         Link sah die Flammen lodern, pulsieren und atmen. Höher und höher schlugen die Gebilde des Feuers, rot löste sich zu gefahrvollem Gelb. Formen bildeten sich in dem Feuermeer, Figuren und andere Gebilde, die immer bessere Konturen besaßen, Gestalten des Leides und Kampfes, die aus dem Feuer zu fliehen begehrten. Und schließlich beruhigten sich die Gebilde, die ihre quälenden Entsetzensschreie in das Feuer schickten, um ihre Peiniger zurufen. Und die Unschuld einer einsamen Feuerquelle wurde zerstört von Schatten, die sich einnisteten, wo Licht ewig vorherrschen sollte. Dunkle, violette Flecken in dem sonst so wärmeerfüllendem Rot. Schändliche Flecken, die mehr und mehr zusehen begannen. Ein widerliches Augenpaar starrte ihn machthungrig an. Link stolperte nach hinten und rief den Schülern zu, sie sollten sich sofort von den Flammen entfernen. Aber es hörte ihm niemand zu. Denn niemand kümmerte es. Jeder befand sich in der Freiheit, die das Leben bieten konnte und strebte nicht nach Ärger und Gefahr. Link brüllte noch einmal laut, es drohte Gefahr. Etwas kam näher… und wurde doch nicht gehört. Er hatte seinen Satz kaum ausgesprochen, als er von einer gewaltigen Stichflamme getroffen und nach hinten geschleudert wurde.

         Benommen schüttelte er den Kopf. Die Flammen schlugen immer höher und kamen auf ihn zu. Im Hintergrund schrieen die Anwesenden verzweifelt auf. Schüler rannten wild durcheinander.

Link sah, wie Zelda auf ihn zustürzte.

         Er fauchte sie an: „Bleib’ dort, wo du bist. Lauf weg, Zelda.“ Link sah kurz ihr Bild und wurde dann von einem Ring aus Feuer eingeschlossen. Was jetzt? Seine Dolche würden hier nichts nützen. Das war’s wohl. Link wusste nicht, wie er sich hier herauswinden sollte. Der Feuerring wurde lebendig, tanzte um ihn herum, um den Ring kleiner werden zu lassen, um sich zu schließen. Eine kalte Stimme sprach zu ihm, er kannte dieses selbstherrliche, komische Gelächter nicht, es war eine neue Stimme, die zu ihm sprach. Ein Zischen, ein widerliches, abstoßendes Gemurmel in einer anderen Sprache. Es klang wie eine Art Fluch, die das Zischen befehligte, geführt von Zorn und Hass.

         „Stirb’“, war das einzigste, was Link verstand. Er spürte die Hitze auf seiner Haut, den Rauch in seinen Lungen, der entsetzlich brannte.

         Dann stürzte sich jemand durch die Flammen. Link sah, wie eine Gestalt mit langem blonden Haar, umhüllt mit einer Decke auf ihn zustürzte. Er war außer Sinnen. Sie war einfach unglaublich. Link hätte niemals gedacht, dass soviel Mut in ihr steckte. Zelda zwang sich zu einem kurzen Lächeln, auch wenn ihr das Feuer mehr auszumachen schien als Link. Sie reichte ihm die zitternde, in Angst gebadete Hand und zog Link schnell unter die dunkle, dicke Decke.

         Gemeinsam stürzten sie aus dem Ring aus Feuer, auch wenn es fürchterlich auf der Haut im Gesicht brannte, auch wenn es unheimlich an den Kräften zehrte.

         Der Feuerring löste sich auf, als beide ihm entkommen konnten. Geistesgegenwärtig riss Link Zelda zu Boden, legte sich schützend über sie und spürte, wie die Flammen mit einem letzten bösen Willen über seinem Rücken hinwegrasten. Link blieb erschöpft liegen und versuchte zu atmen. Zelda hatte nichts abbekommen, es ging ihr gut. Sie lag mit dem Gesicht auf dem Boden und versuchte sich umzudrehen.

         Eine starke Hand hievte Link auf die Beine. Ines sah ihn geschockt an. Link kniff ein Auge zusammen und spürte erst jetzt, dass sein Rücken mehr abbekommen hatte, als er dachte. Sein dunkelgrünes T-Shirt war am Rücken fast vollständig abgebrannt und Wunden zierten seine Haut. Das Atmen fiel ihm irgendwie immer schwerer.

         „Du hast vermutlich eine Rauchvergiftung, mein Lieber“, sagte Ines, dann wurde es schwarz vor Links Augen... Das übernatürliche Feuer jedoch war gänzlich verschwunden und hinterließ keine Brandspuren auf dem Waldboden…

 

Als der junge Held zu sich kam, lag er auf dem Bauch in einem weichen, gemütlichen Bett in Zeldas Zimmer. Oh Mann, wie bin ich denn hier gelandet? Die Sonne schien und Link, noch ganz benommen, blinzelte in Richtung Fenster. Überall im Raum duftete es nach Blumen, besonders nach Rosen. Er sah um sich, aber hier war niemand…

         Link stand auf und bemerkte, dass er gar kein T-Shirt trug. Ja richtig, das Feuer… diese infernalischen Augen. Wer immer das auch war, er hatte es auf Link abgesehen, wie so viele Schreckensgestalten, die in den letzten Wochen seinen Tod wollten.

         Link strich sich vorsichtig über die Brandwunden am Rücken, aber sie waren gar nicht so schlimm, wie er am Anfang geglaubt hatte. Auf dem Nachttisch lag ein blassblaues T-Shirt. Vermutlich hatte es Zelda oder Ines ihm zurecht gelegt. Link zog es mit einem Lächeln an. Es fühlte sich an wie reinste Seide.

         Plötzlich hörte er Schritte, die von dem Gang außerhalb stammten. Klopfgeräusche erzählten von dem Wunsch zu ihm zu gelangen. Dann trat Zelda ein. Sie hatte lila Augenringel und sah unheimlich erschöpft aus.

         „Morgen, Link. Wie fühlst du dich?“, fragte sie leise, auch wenn sie ihn nicht ansehen konnte, aus Angst, er würde in ihren Augen lesen, was sie wirklich dachte.

         „Ging mir nie besser.“

         Zelda lächelte leicht und ließ sich auf den Rand des Bettes sinken. „Das ist schön zuhören. Du hattest eine leichte Rauchvergiftung. Rick, Sara und deine Eltern wissen Bescheid. Wir haben ihnen erzählt, die ganze Sache war nur ein Unfall. Deine Mutter wartet im Empfangssaal… Niemand außer uns beiden hat diese Augen gesehen. Ich... hab’ mir Sorgen um dich gemacht“, ergänzte sie schwermütig.

         Den letzten Satz konnte und wollte Link ihr nicht glauben...

         „Danke. Ich gehe jetzt besser“, sagte Link freudlos und ging aus dem Zimmer.

         Zelda seufzte, ließ sich auf die Matratze fallen und stürzte ihren Kopf in ihre Arme. Warum nur war alles so schwer?

 
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