Kapitel 101
 

6. Ein Heroe, den die Zeit besiegte… Teil 1

 

 

In einer Stadt, die benannt wurde nach einem alten Wesen, welches in einer anderen Geschichte lebte, fiel tosend und heftig der Regen. Ein mürrisches Gewitter, drohend, gewaltig und zerstörerisch, haftete am düsteren Nachthimmel, schickte flackernde Blitze und dunkles Grollen hinab auf die spitzohrigen Menschen, die hier lebten. Es war eine sehr große Stadt, erbaut schon früh in der Geschichte Hyrules, und moderner als viele andere Städte hier in einer fortschrittlichen Zeit. Die Stadt schien menschenleer. Durch einen ungeklärten Stromausfall spendete keine elektrische Quelle Licht. Die Straßenlaternen waren dunkel. Die modernen Hochhäuser ebenso, genauso wie Supermärkte und die spärlichen, des nachts gefährlichen Parkanlagen.

Nur in dem pompösen Regierungsgebäude jener Stadt brannte zu so später Stunde noch Licht. Womöglich ein Notstromaggregat, welches die dort tätigen Hyrulianer noch in ihrer bedeutsamen Arbeit unterstützte.

Hier und da zeigte sich ein Hyrulianer, der hastig in einem Wohnblock eines großen Viertels  verschwand. Ab und an fuhr ein flotter Wagen über die mehrspurige, geteerte Straße, die direkt durch die Innenstadt verlief.

 

Man nannte diesen Ort Saria, eine großartige Stadt gelegen im Herzen von Lanayru, erbaut schon zu Zeiten der ersten Könige von Hyrule. Sicherlich veränderte sich die Welt, das Staatssystem war nicht mehr dasselbe und doch gedachte man an jenem Ort noch häufig den Erzählungen um Magie und tapfere Helden, die einst das ganze Schicksal der Welt bestimmten.

 

Plötzlich schoss ein kräftiger, gleißender Blitz in einer Parkanlage nieder, der in vielen Farben erstrahlte. Und nur in einem nahen Krankenhaus blickte eine junge Ärztin in der Sekunde in diese Richtung, wunderte sich mit einer Kaffeetasse in der Hand über das bunte Farbenmeer des Blitzes, blickte noch einmal irritiert zu der düsteren Parkanlage, wo der Blitz niederging, wurde aber dann vom Fenster weggerufen und auch dort in jenem Fenster ging das Licht eines Notstromaggregates aus.

 

Im heftigen Regen aber, dort wo in einem Strudel aller existierenden Farben jener Blitz niederknallte, wurden zwei Wesen, beide augenscheinlich jung, beide mit Kleidung, die man in diesem modernen Hyrule nicht trug, einfach in diese Umgebung geschleudert.

Ein quarriger Schrei Klein- Links hallte umher, und kurz darauf folgte das mürrische Gebrabbel seiner Feenbegleiterin. „Verdammt. Verdammt und nochmals verdammt. Wo, bei der ersten Feenkönigin, sind wir jetzt wieder gelandet?“, rief sie empört, ahnte aber, dass ihr ohnehin niemand darauf antworten würde. Zusammengesunken im Matsch saß sie da. Ihr blondes, dickes Haar hatte sich aus den zwei geflochtenen Zöpfen gelöst und fiel in nassen, mit Dreck beschmierten Strähnen hinab. Ihr weißes Kleid mit den grünen Verzierungen war beschmutzt und unansehnlich. Unschuldig dreinblickend tapste der junge Link näher, kratzte sich am ebenso Schmutz besudelten Haaransatz und reichte der eingeschnappten Navi eine Hand. „Ähm, tut mir leid“, meinte er albern und meinte damit sicherlich die Nässe und den Matsch.

„Witzbold, ich bin zwar alt, kann aber durchaus noch auf den Beinen gehen!“, murrte sie und erhob sich. Sie maulte weiterhin. „Es ist kalt und ekelhaft“, fauchte sie.

„Das weiß ich selbst, ich kann ja auch nichts dafür.“

Streitsuchend blickte sie ihn an. „Ach nein, du trägst dieses Erbstück von Zeruda, es liegt ganz allein an dir, wo es uns hinbringt, Schwachkopf!“ Vor Wut trampelte sie mit ihren klobigen Kinderbeinen so sehr auf dem Boden herum, dass ihre Sandalen im Matsch stecken blieben. „Argh, auch das noch!“, schimpfte sie.

Allmählich wurde es Klein- Link doch zu bunt mit dieser Fee. Sie konnte echt nur meckern. Wen interessierte das bisschen Regen und Matsch, wenn auf der Erde vielleicht etwas nicht stimmte. Der Vorfall in Hyrulia, als er verblasste, huschte ihm wieder durch das Gemüt und es war nicht gerade ein schönes Gefühl, was ihn da begleitete.

Nachdenklich blickten seine himmelblauen Augen auf und erkundeten die Gegend. Dieses Zeitalter, zumindest das, was er in der Schwärze dieser Nacht und des düsteren Himmels entdecken konnte, sah ähnlich aus wie auf der Erde. Die Gebäude, die Straßen, sogar die Verkehrsschilder. Alles wirkte ähnlich wie jene Dinge der in Trümmern liegenden Menschenwelt. 

 

„Weißt du, wo wir sind?“, fragte Navi biestig, als sie ihren mit Dreck eingekleisterten Schuh betrachtete und riss den Jungen neben sich aus seinen Gedanken. 

„Woher soll ich das denn wissen?“, antwortete Klein- Link.

„Kann es sein, dass wir wieder auf der Erde sind?“

„Unwahrscheinlich“, entgegnete Klein- Link. „Das Medaillon müsste sich nach meinem Wunsch richten in die nächste Welt zu gelangen.“

„Hätte ja sein können, du besserwisserischer Mützenträger.“

Der Junge verdrehte die Augen auf diese Bemerkung. Musste Navi eigentlich bei allem, was er sagte, das letzte Wort haben? Das war ja unerträglich, dachte er. Warum konnten sie beide diese schwierige Mission nicht einfach ohne unnötige Streitereien hinter sich bringen?

 

„Nun ja, wie auch immer, besser wir gehen zunächst mal aus dieser Parkanlage hinaus“, entschied er und lief einige Meter vorwärts.

„Und was bitte schön, soll uns das bringen?“ Ungeduldig stapfte Navi hinter ihm her und fröstelte etwas.

Klein- Link seufzte. Konnte nicht irgendwer dieser Ex- Fee das Maul stopfen?

„Navi, jetzt halt endlich dein verdammtes, überflüssiges, dummes Mundwerk“, fauchte er sehr laut und deutlich, während über ihm das Licht einer Straßenlampe aufflackerte. „Wir werden schon eine… Lösung…“ Plötzlich brach der Junge in seinen Worten ab. Seine himmelblauen Augen erstarrten, als wäre die Zeit stehen geblieben. Ein Zischen in der vom Licht gespaltenen Dunkelheit des Parks war alles, was dem Schweigen des Jungen vorausging. Das Götterkind ächzte, fasste sich dann sachte an seine rechte Schulter und fühlte dort etwas spitzes, was sich gleichmäßig in seine Haut gebohrt hatte. Seine Knie wurden weich wie Butter und er sank nieder. Gleichzeitig tauchten im Gebüsch des Parks unzählige rotglühende Augen auf. Schatten huschten umher, die sich den Regen und die Düsternis geschickt zunutze machten.

Ängstlich stand Navi einfach da, begann zu quengeln und verfolgte mit schneller werdendem Puls die Kreaturen, die unverständliche Wortfetzen umher warfen.

„Was wollt ihr von uns?“, rief sie. Gerade da zischten weitere Pfeile oder ähnliches durch die Dunkelheit. Hastig warf sie sich zu Boden, direkt neben Klein- Link, dessen hetzende Atmung sie beunruhigte. Er hatte seine Augen geschlossen und hielt mit der linken Hand seine rechte Schulter fest.

Mit Tränen in den Augen gedachte Navi seinen möglichen Eltern, die ausgerechnet ihr die Verantwortung aufgetragen hatten, auf ihn Acht zu geben. Warum nur war sie, als eine der ältesten Feen überhaupt, so nutzlos geworden und so schwach? Und alles, was sie konnte, war ihn anmeckern…

Zaghaft berührte sie mit ihren beiden dicken, schmutzigen Händen seine Wangen und sprach zu ihm, forderte ihn auf, seine Augen aufzumachen, während über ihren beiden Köpfen zahllose Wurfgeschosse hinweg zischten.

„Warum greift ihr uns an?“, rief sie mit zitternder Stimme. ,Ich dachte, wir wären in einer modernen Welt, und jetzt werden wir hier einfach von Kreaturen der Nacht angegriffen…‘, dachte sie. Was für ein Hyrule war das?

 

In dem Augenblick ertönte eine kräftige Frauenstimme, die sich ebenso im Schatten des Parks aufhielt. Eine silberne Schusswaffe in ihrer rechten Hand leuchtete auf, als sich ein niedergehender Blitz darauf spiegelte. Mit erstaunlicher Schnelligkeit huschte sie näher, wirbelte mit der Waffe umher und schoss wahllos auf jene in der Düsternis existierenden Kreaturen. Sie schwang ihren Körper in einer Weise durch den Regen und die Kälte, als würde die Schwerkraft für sie nicht existieren und anhand eines geschulten Auges konnte man eine alte Technik der Shiekah in ihren Bewegungen deuten. Mit kreischenden Stimmen wurden die Wesen in den Schatten niedergemetzelt, erzählten den umher wirbelnden Kugeln ihr Testament und schwiegen für immer.

 

Als die Stimmen des dämonischen Volkes endeten, war es nur der Regen, der seinen Gesang in niederprasselndem Rhythmus preisgab. Die kampferfahrene Frau jedoch trat näher und das flackernde Licht der einzelnen Straßenlampen fiel auf sie nieder.

Kinnlanges, pechschwarzes Haar hatte die Dame in einem kurzen Zopf am Hinterkopf zusammengebunden. Sie war gekleidet in einem weißen Arztkittel und in silbern funkelnden Stöckelschuhen. Tiefblaue, freundliche Augen, in denen sich Mut und Gerechtigkeitsliebe spiegelten, strahlten überrascht, aber gleichzeitig auch etwas schockiert hinab zu den beiden spitzohrigen Besuchern jener Welt.

„Ist mit euch alles in Ordnung?“, murmelte die Frau und kniete nieder. Neugierig wanderten ihre eindrucksvollen, vertrauten Augen zu Klein- Link. Man sah ihr deutlich an, dass die Kleidung der beiden Kinder sie verwirrte.

„Ich habe vorhin etwas Komisches im Park leuchten sehen“, erklärte sie und blickte Navi hoffnungsvoll an. „Kannst du mich verstehen, Mädchen?“, sagte sie. Sie war gut zu verstehen, auch wenn ein merkwürdiger, holpriger Akzent in ihrem Hylianisch lag.

Navi nickte nur und schaute kreidebleich in die Augen jener Dame. Diese kräftigen, muterfüllten Augen… sie erinnerten sie an jemanden, den sie sehr wertschätzte. Eine unergründliche, hoffnungsvolle Farbe.

„Klein- Link, er…“, sprach Navi stockend und war mit ihrem nervösen Gestammel kaum zu verstehen, musste das Ereignis von grade eben erst einmal realisieren. Sie waren in eine neue Welt gelangt und in diesem Park sofort angegriffen worden. Dann war diese kampferfahrene, muskulöse Frau aufgetaucht, die sich im Shiekahkampfstil stracks um die Angreifer gekümmert hatte. Und in welcher unglaublichen Manie sie ihren schlanken, reifen Körper durch den Regen geschwungen hatte.

 

In dem Moment wimmerte Klein- Link und schielte mit tränenden Augen zu Navi. Sie war in seinen Augen total verschwommen. Er murmelte etwas von seiner Schulter. Sogleich stürzte sich die fremde Dame über ihn her, schnitt mit einem Skalpell, was sie scheinbar in einer Tasche ihres Arztkittel versteckt hatte, seine Tunika entzwei und betrachtete sich eine Wunde an seiner rechten Schulter.

„Das ist ein Wurfgeschoss der Hyl Moblina, das in seiner Haut steckt. Warum diese Organisation euch angegriffen hat, ist mir allerdings ein Rätsel“, sagte sie deutlich.

„Und was ist jetzt mit ihm?“, murmelte Navi.

„Er muss umgehend in ein Krankenhaus, damit wir dort dieses Teufelsding entfernen“, sagte die Dame. Ohne zu zögern packte sie den inzwischen bewusstlosen Jungen auf ihre Arme.

„Folge mir bitte. Ich weiß zwar nicht, was zwei kleine Kinder zu so einer Stunde an einem Ort wie diesen zu suchen haben, aber das kannst du mir später erklären.“ Die einstige Fee wusste nicht, wie ihr geschah. Erst dieser Angriff und nun mischte sich diese merkwürdige Frau in alles ein.

 

Rasch schritt die Dame in Richtung eines Gebäudes, welches am Rand des Parks stand. Es war ein hohes Krankenhaus, in dem inzwischen wieder vereinzelt Lichter brannten. Navi musste rennen um hinter der starken Frau herzukommen.

„Wir hatten gerade eben einen Stromausfall. Die Experten vermuten, es hätte einen Riss in unserem Raum-Zeitgefüge gegeben“, sprach sie. Schleunigst durchquerte sie den Eingang des Gebäudes. Erstaunt blickte Navi umher. Am Eingang des Krankenhauses saß ein Pförtner hinter eine Glasscheibe. Aber es war kein Hylianer. Schwarze Goronenaugen musterten sie aus einem pelzigen Steingesicht, als sie in ihrem altmodischen Kinderkleid hinter der Frau im weißen Kittel herlief. Ab und an kamen ihnen beiden Leute entgegen, die die Ärztin lächelnd begrüßten. Es war alles dabei. Von Vogelmenschen, Hylianern, Zoras, Gerudofrauen, zu kleinwüchsigen Koboldmenschen. 

Sie gelangten in einen größeren Saal, wo einige Arzthelferinnen an einem Schalter herum werkten, viele Geschöpfe auf Nachrichten von Angehörigen warteten und überhaupt sehr viel Trubel vorherrschte.

 

 „Dr. Couraiga, was haben Sie uns denn hier mitgebracht?“, fragte ein junger Arzt, ein Zora, der ebenso einen weißen Kittel trug. Vermutlich lebten in diesem Hyrule verschiedene Rassen miteinander und übten sogar moderne Berufe aus.

„Ich habe diesen Jungen im Park der Titania entdeckt, vermutlich eine körperverwandelnde Vergiftung, verursacht durch einen Pfeil der Hyl Moblina.“ Der junge Arzt hob eine blausilberne Augenbraue und zwinkerte mit seinen schwarzen Zoraaugen. An seinen langen, dünnen Armen zuckten die schwabbeligen, feuchten Flossen, als sehnten sie sich nach Süßwasser.

„Dieser Junge hat nichts bei sich, vermute ich mal. Eine Krankenversicherung können wir wohl nicht erwarten“, erklärte die Frau mit den tiefblauen Augen.

„Aber Dr. Couraiga. Ihr wisst genau, dass wir uns damit in Schwierigkeiten bringen. Wenn er aus Ordonien kommt, können wir hohe Haftstrafen erwarten, falls wir seine Behandlung übernehmen, gerade jetzt, wo in Ordonien diese merkwürdigen Dinge geschehen. Ihr wisst besser als jeder andere, dass wir uns in die Belange von Ordonien nicht einmischen dürfen.“ Die Ärztin verengte ihre Augen und entließ ein unzufriedenes Zischen aus ihrem Mund gleiten, als wolle sie sich wie eine Katze auf den Ärger vermeidenden Zora stürzen.

„Das ist mir egal, ich übernehme die Kosten für seine Behandlung“, argumentierte sie entnervt. „Außerdem… wie weit sind wir schon gekommen, dass wir Kinder in diesem Land sterben lassen, die möglicherweise auf der Flucht sind.“

Der Zora senkte den Kopf, schien zu überlegen… Letztlich willigte er in die Behandlung ein. Klein- Link wurde sofort auf eine Trage gelegt und von zwei Krankenpflegern hinfort geschafft.

„Der OP-Saal sieben ist frei. Ich werde die Narkose vorbereiten“, sprach der Zora, worauf Dr. Couraiga nickte.

„Mädchen“, rief die hilfsbereite Ärztin, kniete nieder und erklärte. „Du wartest hier. Der Eingriff wird nicht sehr lange dauern.“ Hilflos sah Navi dem Geschehen einfach zu. Sie war so vor den Kopf gestoßen, was in dieser kurzen Zeit alles geschehen war, und dass sie auf absolut nichts Einfluss nehmen konnte, dass sie nur lethargisch nickte. Die durchsetzungsfähige Frau eilte dann fort.

 

Trübsinnig platzierte sich Navi auf einem freien Holzstuhl in diesem Aufenthaltsraum. Mit Tränen in den Augen saß sie da, hilflos in einer fremden Welt, und ohne Unterstützung. Klein- Link schwebte möglicherweise in Lebensgefahr. Und was sollte sie machen, wenn er nicht bald wieder auf den Beinen war?

Gerade da wurde ihr die Tragweite dieser ganzen Reise bewusst. Ganondorf würde siegen, wenn Klein- Link fehlschlug…

Hyrulia war ein Witz gewesen, wenn sie es mit dieser verwirrenden, großen Welt verglich. Dort hatten sie Zelda und Link gleich gefunden. Und hier?

Wie sollten sie beide in einer so modernen Zeit diese beiden bedeutsamen Seelen ausfindig machen? Ob der Link dieser Welt überhaupt etwas mit der Zelda jener Zeit zu tun hatte?

 

In einem großen Fernseher, der hängend an einer Wand angebracht war, gab eine große Fee gerade die neusten Meldungen durch. In der Hauptstadt Saria des Bundeslandes Lanayru war durch ein noch ungeklärtes Ereignis überall der Strom ausgefallen. Die Techniker und Magier bemühten sich gerade hinter die Ursache jenes Defektes zu gelangen. Danach folgten Meldungen über die gerade ausgezählten Wahlstimmen, die der Partei um Ministerpräsidentin Harkinian den größten Zuspruch in der Geschichte der Demokratie gaben. Der amtierende Weise des Lichts wurde mit dem Masterpreis geehrt, da seine Forschung um die heilende Wirkung des Lichts einen bahnbrechenden Hinweis für Theorien der Bannung von Dämonen geben konnte. Und die als erschreckendste Meldung des Tages gehandelte Nachricht wurde von Ministerpräsidentin Harkinian persönlich bekannt gegeben, die gerade von mehreren Reportern interviewt wurde. Es war eine schöne, schlanke Frau im hohen Alter mit hochgesteckten blonden Haaren, obgleich man ihr das hohe Alter nicht ansah. Bezüglich der Entführung des Botschafters L. Couraiga, der sich als früheres Oberhaupt der Masterritter einen hohen Namen gemacht hatte, konnten noch keine weiteren Erkenntnisse gewonnen werden. Augenzeugen berichteten zwar, er wäre an der Grenze zu Calatia aufgetaucht, aber es könnte sich hierbei um reine Spekulationen handeln. Ebenso ist ungeklärt, inwieweit die Entwendung des MS mit den Machenschaften der Hyl Moblina in Verbindung steht. Sicher ist nur, dass der Rat der Masterritter derzeit alles in ihrer Macht stehende täte um L. Couraiga zu finden.

Die große Nachrichtenfee erschien wieder auf dem Bild und verkündete noch den Wetterbericht, anschließend folgte die Werbung.

 

Nachdenklich beobachtete Navi die Leute, die hier einmal lächelnd und einmal mit Tränen in den Augen den großen Saal verließen. Es war vielleicht seltsam, dachte sie. Obwohl sie schon so lange lebte, und viel Erfahrung haben sollte, so fühlte sie sich in dieser Welt tatsächlich wie ein kleines Kind. Viele Dinge im Hier und Jetzt hatte sie nie wahrgenommen. Sie hatte sich früher nie die Zeit genommen Geschöpfe der Welt zu beobachten. Als kluge, unsterbliche Fee fühlte man sich so frei, man hatte so viel Zeit… Eigentlich hatte Zeit für sie nie eine Rolle gespielt. Und nun, jetzt in dieser verrückten Mission, war Zeit das Druckmittel, mit dem sie nicht umzugehen wusste.

Ein kurzer Gedanke an das linkische Grinsen des Götterkindes huschte durch ihre Gedanken und ein Vergleich mit dem damaligen Link, den sie begleitet hatte…

Das Götterkind hatte keine Ahnung, wie ähnlich er ihm letztlich war. Und sicherlich würde aus diesem Jungen noch ein Held werden, der womöglich größeres vollbringen würde als man vermutete. Navi lächelte ein wenig. Ein Held, der andere Dimensionen besuchte, dachte sie. Ein Held, der mächtiger werden würde als einer der die Zeit oder den Wind beherrschte.

 

Nach etwa einer halben Stunde trat die elegante Dr. Couraiga zurück in den großen Saal. Sie zwinkerte Navi zu. Ein herzliches, erfreutes Zwinkern, welches ihr sagte, dass soweit alles in Ordnung sein musste.

Erleichtert rannte Navi der Frau hinterher und fand Klein- Link in einem abgelegenen Einzelzimmer wieder. Draußen trommelte der Regen noch immer wie wild an die dicken Fensterscheiben. Klein- Link war an einige Schläuche angeschlossen. Und ein großer Verband hüllte seine rechte Schulter ein. Seine grüne Tunika war vermutlich in den Müll geschmissen worden. Aber das Medaillon der Mächtigen hing zum Glück noch unversehrt um seinen Hals. Sein Gesicht war ziemlich blass und etwas Schweiß saß auf seiner Stirn. Er wirkte so unschuldig und jung. Die Bürde, die er zu tragen hatte, und dann die Tatsache, dass ihm vieles in seiner Entwicklung fehlte, weckten Navis Mitgefühl mehr denn je. Er tat ihr leid, obwohl er alles andere als Mitleid verdient hatte. Er war bewundernswert, einfach nur bewundernswert.

 

Die Frau mit den tiefblauen Augen deutete auf einen Platz am Bett des schlafenden Jungen und setzte sich ebenso. Besorgt schielte das grünäugige Mädchen zu ihrem Begleiter durch die verrücktesten Dimensionen und murmelte: „Wie geht es ihm?“

„Sehr gut, muss ich sagen. Er hat einen unglaublichen Willen und Durchhaltevermögen“, entgegnete die Ärztin. Sie blickte kurz auf die Anzeige mit seinen derzeitigen Werten und lächelte dann.

„Ja, das hat er“, entgegnete Navi. „Ich muss Ihnen wohl danken, dass sie sich so um ihn bemüht haben, obwohl Sie ja nichts mit der ganzen Sache zu tun haben.“

Die Frau lachte: „Nun ja, man tut, was man kann als Ärztin. Soweit ist mit ihm alles in Ordnung. In wenigen Stunden wird er wieder wach sein.“

„Was genau ist jetzt überhaupt passiert?“, fragte Navi und nahm kurz die linke Hand Klein- Links in ihre beiden. Selbst seine Hände waren durchgeschwitzt. Er hatte einen Kampf hinter sich. Einen weiteren in seiner grausamen Zukunft…

 

„Er hatte ein sich festklammerndes Wurfgeschoss in seiner rechten Schulter.“ Die Dame holte dann ein silbern funkelndes, pyramidenförmiges Wurfgeschoss aus ihrer Arztkitteltasche. Sie tippte kurz auf die Spitze jenes kleinen Gegenstandes und es öffnete sich raschelnd. Viele Stacheln kamen zum Vorschein. „Diese Dinger benutzten die Hyl Moblina, du weißt schon, die geheime Organisation der dunklen Wesen Hyrules.“ Irritiert blickte Navi auf den Gegenstand und musste das alles einmal in Ruhe durchgehen. In diesem Hyrule, fortschrittlich gewiss, existierten jedoch noch Magie und selbst Dämonen. Und jene Dämonen hatten sich also in einer Organisation zusammengeschlossen, die sich moderner Technik in der Entwicklung hochwertiger, vernichtender Waffen bediente.

„Normalerweise greift die Organisation jedoch keine Kinder an“, sprach die Frau erklärend. „Jedenfalls ist im Inneren des Geschosses ein starkes Gift. Und es gibt viele Giftsorten mit unterschiedlichen Wirkungen, die die Hyl Moblina verwendet. Dieses hier jedoch ist mir ein völlig unbekanntes, welches ich vorher noch nicht gekannt habe.“

Navi schaute nun noch hilfloser drein und die Ärztin verstand. Anscheinend war das alles im Augenblick etwas zu viel für das Mädchen. Und Navi war in dem Augenblick auch noch nicht in der Lage eins und eins zusammenzuzählen. Noch hatte der Name Couraiga sie nicht stutzig gemacht…

 

„Ach ja, ich hab‘ mich bei dir noch gar nicht vorgestellt, was?“, sagte die Frau schließlich und grinste dümmlich. Sie ließ ihren hübschen Kopf auf die rechte Schulter sinken und blickte das Mädchen fragend an.

Navi schüttelte unbeeindruckt und scheinbar teilnahmslos den Kopf.

„Ich bin Lia Couraiga und hauptberuflich Ärztin. Und wer seid ihr beide?“ Die Frau lächelte. Sie hatte ein unglaublich schönes und beruhigendes Lächeln.

„Es ist ziemlich verrückt…“, sagte Navi und schaute nach Antworten suchend umher. Sollte sie der Frau irgendeine Geschichte auftischen? Oder war es gut ihr die Wahrheit zu erzählen?

„Mmh, verrücktes gibt es nicht in Hyrule, würde ich sagen“, meinte die Ärztin grinsend. Verspielt öffnete sie den Zopf und ihr kinnlanges, dunkles Haar fiel offen hinab. Überhaupt war diese Frau ein Sinnbild für ein lockeres, unbeschwertes Gemüt. Irgendetwas strahlte jene Dame aus, was sie sofort auf ihr Umfeld übertrug.

Eine Art Frohsinn und Optimismus, den man nur bewundern konnte.

„In unseren Nachbarländern ist Magie nicht so sehr verbreitet wie hier, vielleicht könnte man sagen, dass dort tatsächlich verrückte Dinge geschehen.“

Verwundert blickte Navi auf. Was hatte sie vorhin in den Nachrichten gehört?

„Ich hab‘ vorhin in den Nachrichten mitbekommen… es gab hier einen heftigen Stromausfall, oder?“, meinte sie und hatte eine leise Ahnung, ob nicht das Auftauchen von Klein- Link und ihr diesen Stromausfall verursacht hatte.

„Ja, das ist richtig. Aber inzwischen ist an fast allen Orten wieder alles okay“, beruhigte sie die Frau.

„Und dieser Ort heißt also Saria“, meinte Navi fragend, worauf die Frau nickte. Navi konnte deutlich erkennen, dass anhand dieser Frage ein Stückchen Misstrauen geschürt wurde. Es musste komisch wirken, dass sie nicht einmal wusste, wie die Stadt hieß, in der sie sich aufhielt. Hätte sie doch bloß ihren Mund gehalten, so wie es Klein- Link vorhin verlangt hatte.

„Okay…“, flüsterte die frühere Fee und versuchte weiterhin ihre Gedanken zu ordnen. Saria. Diese Stadt musste zu Ehren jener Weisen erbaut worden sein. Und dieses Bundesland hieß Lanayru. Ein versteckter Hinweis auf jene Göttin der Weisheit. Es war verrückt, dachte Navi. Alles…

„In welcher Zeit sind wir jetzt eigentlich?“, fragte Navi unsicher, spielte mit ihren Daumen und blickte dann verlegen grinsend auf. Ob diese Frau ihr glauben würde, wenn sie die Wahrheit erzählte? Oder ob diese Frau schon bei jener Frage aufhören würde, sich zu kümmern und den erstbesten Wagen rief um sie in eine moderne, hylianische Irrenanstalt zu stecken.

„Du weißt nicht, in welcher Zeit wir leben?“, fragte die Ärztin mit diagnostischem Gespür.

„Nein“, meinte Navi unsicher und vergrub ihre dicklichen Hände in ihrem Kleid.

„Nun ja… wir haben das Jahr 2009 nach Dinafa, der Tochter der drei Göttinnen.“ Navi wollte lauthals loslachen über diese Unsinnigkeit. Das wirkte alles wie ein Abklatsch von Mythen der Erdenwelt. Tatsächlich kam sie nicht umher, sich ein leichtes Kichern zu verkneifen.

 

„Nun, Mädchen, du findest das sicherlich nicht ohne Grund so lustig“, sagte die Frau, stand auf und blickte aus einem breiten Fenster hinunter in den Park.

„Vor mehr als einer Stunde tat sich vor meinen Augen ein umwerfendes Farbenspiel auf.“ Die Frau verschränkte ihre Arme. „Mein Vater erzählte mir oft von mysteriösen Geschehnissen, die in seinen Träumen herum spukten. Von Magie und seltsamen Orten, die er nie im Leben entdeckt hatte. Er war jemand, der an die Wunder glaubte, die in unserem Hyrule wissenschaftlich angegangen werden. Und seltsame Blitze und Farbenspiele konnte er mit einfühlsamen, erstaunlichen Worten so bildhaft beschreiben, sodass man sich fühlte, als stünde man gerade in dem Moment im Bann der Legenden, die er so wunderbar erzählen konnte. Und als ich dieses bunte Farbenspiel entdeckte, wurde ich an etwas erinnert, was er verlangte in Erinnerung zu behalten. Die Legende der Helden Hyrules…“ Die Frau machte eine kurze Pause, während Navi der Atemzug in der Kehle stecken blieb. Die Legende existierte tatsächlich in dieser Welt? Vielleicht war es dann doch nicht so schwer einen Heroen zu finden, der bereit wäre am Rat teilzunehmen!

 

„Ich rannte hinaus in den Regen und direkt zu jener Stelle im Park, wo ich schließlich euch beide fand.“ Die Frau drehte sich um, und mit ihren erstaunlichen, tiefblauen Augen wirkte sie gerade jetzt noch vertrauter als vorher.

„Ich weiß, dass etwas Großartiges geschehen ist“, meinte sie leise und lächelte dann wieder. Vermutlich hatte jene Frau selbst eine unglaubliche Sehnsucht nach den Abenteuern, die jenes Hyrule nicht mehr hergab.

„Auch erzählte mir mein Vater von Kriegern in seinen Träumen, die grüne Gewänder trugen. Ich bin nicht dumm, Mädchen, und ich vertraue auf das, was meine Augen sehen“, sprach sie stark.

 

Navi seufzte und ließ sich unsicher auf den Stuhl zurücksinken. Dieser Frau war also nicht entgangen, dass Klein- Link eine grüne Tunika trug.

 „Nun… da Sie uns so geholfen haben, muss ich wohl einiges erklären… sie werden es ohnehin herausfinden, vermute ich, zumal ich und dieser Junge sicherlich am Stromausfall in dieser Stadt verantwortlich sind“, sagte Navi dann und fühlte eine Welle der Erleichterung über sich hereinbrechen. Sie hatte keine Wahl mehr, dieser Frau etwas zu verschweigen. Es brachte nichts. Außerdem… Navi und Klein- Link benötigten Hilfe in dieser Welt um einen würdigen Heroen zu finden. Irgendwem mussten sie sich anvertrauen. Und die Augen jener Frau. Diese muterfüllte, herzliche Seite ließ Vertrauen so leicht zu. Und da erkannte Navi auch, wo sie jene Augen schon gesehen hatte.

Es waren Links Augen. Genau die gleiche angenehme, tiefblaue Farbe der Augen, die Link besaß, jener Link, den sie viele Wochen und Monate in Hyrule treu zur Seite stand. Damals… damals in Hyrule, als alles noch geordnet und einfach war. Trotzdem waren Navi bisher nicht die bedeutsamen Kleinigkeiten ins Auge gesprungen, die Dr. Couraiga enthüllen würden…

 

Die hilfsbereite Frau setzte sich dem Mädchen neugierig gegenüber und schien mit ihren tiefblauen Augen die Wahrheit regelrecht aus Navis Augen herauszuziehen. Navi wusste nicht wirklich, wo sie anfangen sollte und seufzte erst einmal. Sie strich sich über ihre juckende, spitze Nase, die sich immer dann bemerkbar machte, wenn sie nervös war.

„Ehrlich gesagt bin ich etwas erschlagen…“, meinte sie ehrlich. „Mein Begleiter und ich sind nicht von dieser Welt…“, sagte sie leise.

Mit großen Augen hörte die Ärztin ihrem gegenüber zu. „Zeitreisen? Dimensionsreisen?“, murmelte Dr. Couraiga. Navi nickte fahl, sie hatte schon Sorge, diese Frau würde ihr nicht glauben wollen.

„Nun… das ist natürlich nicht einfach zu verstehen, aber erzähl‘ weiter“, bat die Frau.

„Wozu? Wenn ihr mir ohnehin nicht glauben wollt, erübrigt sich das doch.“ Und Navis bockige Seite kam zum Vorschein. Sie schaute genervt zu Boden.

„Wenn du jetzt frech wirst, Mädchen, setz ich dich auf die kalte, nasse Straße dort draußen“, sagte die Ärztin.

„Ich bin kein kleines Mädchen, da fängt es ja schon an. Sie haben nicht die Bohne einer Ahnung, was hier los ist“, sagte Navi.

„Gerade deshalb solltest du es mir erklären. Im Gegensatz zu den Sieben Weisen habe ich keine hellseherischen Fähigkeiten“, bemerkte die Frau bitter. „Also bitte. Ich habe euch beiden ohne zu fragen geholfen, ich erwarte wenigstens Ehrlichkeit. Zumindest ist mir eines klar. Um dir so eine Geschichte aus dem Ärmel zu schütteln, wirkst du einfach zu ernst. Erzähl‘ mir deine Geschichte und ich werde sehen, was ich für euch tun kann.“

Unglaublich diese Hilfsbereitschaft. Tat diese Frau diese Dinge aus purer Herzlichkeit? Oder hatte sie vielleicht doch einen Hintergedanken?

 

„Was hätten Sie davon, Dr. Couraiga?“, meinte Navi leise. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass…“

Die Frau unterbrach sie harsch: „Dass was? Dass ich das aus reiner Selbstlosigkeit tue?“

Die einstige Fee nickte und blickte betreten zu Boden. Sie wusste, dass es einerseits unfair war, dieser Frau dergleichen zu unterstellen.

„Nun ja, ich bin leider so erzogen worden“, meinte die Dame plötzlich schäkernd, kniete nieder und packte Navi an ihren Armen. Überrascht blickte Navi mit ihren stechenden, grünen Augen auf. „Ich schwöre dir, bei mir ist jedes Geheimnis gut aufgehoben. Vielleicht war es kein Zufall, dass ich euch beide im Park retten konnte.“ Die Frau grinste schon wieder auf eine Weise, die einem das Herz erwärmte.

„Also, was hältst du davon?“, meinte die Dame.

Navi blies einen langen Strom verbrauchte Luft aus ihren Lungen und tapste zu dem schlafenden Götterkind hinüber. „Wenn ich Ihnen alles erzähle, erwarte ich, dass Sie mir vollkommen vertrauen. Und ich erwarte, dass Sie nicht lachen.“

Die Ärztin nickte, und von einer Sekunde auf die andere war da keine Wärme mehr, sondern tiefe Entschlossenheit in ihren Gesichtszügen.

 

„In einer anderen Welt, einer anderen Zeit von vielen, tobt ein gewaltiger Kampf gegen etwas Dämonisches, gegen jemanden, der alles Böse der Welt in sich sammeln würde, wenn er könnte. Ich wurde zusammen mit dem Jungen dort auf eine lange Reise durch verschiedene Welten geschickt, um immer, in jeder Welt einen Helden zu finden, der an einem Kampf teilnimmt, der über die Zukunft eines ganzen Planeten entscheiden sollte. Und vorhin sind wir hier gelandet, ohne Wissen, wo wir sind, und ob wir hier jemanden finden, der der großen Aufgabe würdig ist“, erklärte das grünäugige Mädchen. Die Kinnlade der Ärztin schien vor Erstaunen herunter zu fallen.

„Dieser Junge dort… er ist das Produkt eines göttlichen Experiments. Ja, die Göttinnen Farore, Nayru und Din gibt es wirklich. Ich war lange Zeit im Haus der Götter und habe sie dort oft gesehen.“

Die Ärztin wackelte mit dem Stuhl, auf dem sie saß, und hatte nun einen Grund von dem Stuhl herunter zu krachen. Zu unglaublich klang diese ganze Geschichte. Der Ärztin wich sogar die Röte aus ihrem Gesicht. Navi konnte nicht vermuten, dass diese Frau selbst in einige Dinge eingeweiht war, die den Legenden Hyrules angehörten. Und vielleicht erkannte die Dame in Navis Worten ihre eigene Sehnsucht wieder.

„Ich bin eine Fee, die einige Jahrhunderte schon lebt. Eingesperrt in diesem Körper existiere ich durch den Untergang eines anderen Hyrules. Und ich versuche auf diesen Jungen, den man auch Götterkind nennt, während dieser Reise aufzupassen. Nur gelingt mir das mehr schlecht als recht in diesem Körper.“ Navi blickte traurig zu dem schlafenden Jungen im Bett. Sie war den Tränen nahe, nun, da sie endlich zugab, wie sehr es sie schämte, so wenig für ihre Aufgabe tun zu können.

Die Ärztin atmete tief ein und machte eine abwehrende Handbewegung. „Moment mal… ich muss das erst mal sortieren. Dieser Junge ist sozusagen ein Gott?“ Navi hatte das Gefühl auf diese Bemerkung lachen zu müssen.

„Nein“, meinte sie beherzt. „Er besteht aus zwei Essenzen… aus Bruchstücken von zwei mächtigen Seelen eines anderen Hyrules. Und die Götter haben ihn sozusagen mit diesen Essenzen gebildet… Er hat es nicht leicht. Vor einigen Wochen konnte er sein Erscheinungsbild noch nicht einmal aufrechterhalten.“

„Okay…“, murmelte die Dame mit den tiefblauen Augen und schloss diese erst einmal. „Ich habe vorhin gemeint, ich könnte mir nicht vorstellen, irgendetwas in Hyrule tatsächlich als verrückt zu bezeichnen, aber das… diese Geschichte hört sich für mich einfach unglaublich an.“

 

Sofort weckte diese Bemerkung erneut das Misstrauen in Navis Gehörgängen. Die Wut stieg ihr zu Kopf, da sie ohnehin aufgeregt war aufgrund der ganzen Geschehnisse in diesem Hyrule und den vielen erschlagenden Informationen. Sie wurde fuchsrot in ihrem Kindergesicht.

„Ich habe doch gesagt, Sie würden uns sowieso nicht glauben.“

„Hör‘ zu, was ich gesagt habe“, murrte Dr. Couraiga. „Ich habe nicht gesagt, dass ich die Story für Schwachsinn halte. Ich sehe kein Indiz in deinen Augen, dass du lügst.“ Die Frau lächelte kurz, aber setzte dann einen entschieden grüblerischen Gesichtsausdruck auf.

„Wenn ich jetzt darüber nachdenke…“ Und sie strich sich nachdenklich über ihr spitzes Kinn. „… dann würde diese Tatsache erklären, warum die Hyl Moblina euch angegriffen haben. Es gibt dunkle Seher, die sich in dieser Organisation aufhalten. Möglicherweise seid ihr, da ihr beide über Magie verfügt, und einfach in diese Zeit einbrechen konntet, von hohem Interesse für diese Organisation.“

 

Die Ärztin hatte kaum diesen Satz ausgesprochen, als in dem Krankenhaus erneut die Lichter ausgingen. Die Notstromaggregate reagierten zuverlässig. Und doch war ein erneuter Stromausfall ein Zeichen, dass vielleicht etwas Größeres in diesem Hyrule nicht stimmte. Hektisch hastete Lia Couraiga an eines der Fenster und blickte hinaus in ein Meer aus Dunkelheit. Nicht nur in diesem Gebäude war der Strom ausgefallen. Überprüfend blickte sie von links nach rechts und hatte mit einem Mal die silbern funkelnde Waffe von vorhin in ihren Händen. Ihre tiefblauen Augen warfen ein bedrohliches Funkeln umher, als wären sie ein Instrument zum Kampf. Sie schien etwas zu spüren. Und ihr Gefühl schien sich bisher noch nicht getäuscht zu haben. Sie betätigte einen Hebel an ihrer modernen Schusswaffe und machte diese scharf.

„Mädchen, ich schätze, damit ist die Behandlung deines Freundes abgeschlossen“, sprach sie kühl. Sie wirbelte in Richtung des Bettes, zog Klein- Link die Kanülen aus der Haut, und riss ihn und Navi beide mit ihrem freien Arm zu Boden. In dem Augenblick zertrümmerten mehrere Objekte die dicken, festen Fensterscheiben und ein Kugelhagel verfing sich an den weißen Krankenhauszimmerwänden. Navi schrie wie am Spieß, als die sportliche Frau in ihrem Shiekahkampfstil mit den beiden Kindern fest umkrallt aus der einzigen Tür des Einzelzimmers hinausstürmte. Dr. Couraiga verzog nicht eine Miene, sondern wirbelte herum und feuerte mehrere Kugeln ihrer Waffe in Richtung möglicher Verfolger.

 

Inzwischen realisierten weitere Ärzte und Schwestern, dass das Krankenhaus angegriffen wurde. Hylianer hetzten schreiend umher. Goronen, Zoras und Feen rannten aufgeregt aus dem Gebäude und brachten Patienten in Sicherheit.

Die Stromversorgung der Stadt arbeitete wieder und von weitem hörte man Sirenen mit aufhetzenden Melodien, vermutlich die Polizei, oder wie immer man jene in Hyrule nannte, dachte die Fee.

Navi war immer noch fest im Griff der Ärztin, die erstaunliche Fähigkeiten bewies. Sie zertrümmerte mit der Schusswaffe die Schlösser von Türen, und stieß jene mit kräftigen Kicks auf, nahm mehrere Stufen in einem Treppenaufgang gleichzeitig und das mit ihren funkelnden Stöckelschuhen.

Innerhalb weniger Sekunden befanden sie sich zu dritt in einem unterirdischen Parkhaus. Ohne zu zögern, oder nur ein Wort zu sagen, rannte Dr. Couraiga in Richtung eines schwarzen, schicken Hylcedes Morph, dessen Türen wie von Geisterhand aufsprangen. ,Zumindest stand dieser Begriff mit silberner Schrift an der Rückseite jenes Flitzers‘, dachte Navi.  

 

Nachdem Klein- Link auf der Rückbank festgeschnallt wurde, Navi auf dem Beifahrersitz saß und auch Dr. Couraiga ihren Platz am Steuer eingenommen hatte, bretterte das flotte Fahrzeug mit hoher Geschwindigkeit über den Teer, sodass die Reifen quietschten.

„Warum haben Sie es so eilig, Dr. Couraiga“, rief Navi entgeistert. Denn die Ärztin beschleunigte unentwegt, erst als sie auf eine große Stadtautobahn auffuhr, zügelte sie das Tempo. Ebenso bemerkte Navi, dass der Frau der Schweiß auf dem Gesicht stand.

„Ihr beide könnt euch schon mal auf einen harten Aufenthalt in Saria freuen“, meinte sie kühl. „Das war bereits das zweite Mal, dass ihr angegriffen wurdet, und das nicht ohne Grund.“ Kurz blitzen ihre tiefblauen Augen in Navis Richtung.

Die einstige Fee seufzte und blickte niedergeschlagen aus dem Fenster. Unzählige Lichter rauschten an ihrem sommersprossigen Kindergesicht vorüber. Es war einfach von einer so großen Stadt einem das Gefühl der Leere aufzudrücken…

„Wo fahren Sie eigentlich hin?“, murmelte Navi. Gleichzeitig schien es sie aber nicht sonderlich zu kümmern.

„Ich bin der Meinung, dass es für dich und den Jungen besser ist, wenn ihr erst mal bei mir zuhause unterkommt. Mein Zuhause ist abgeschottet von dem Zugriffsbereichen möglicher, dunkler Seher. Im Ernstfall führt von meinem Appartement ein geheimer Schacht in die Kanalisation. Außerdem verfüge ich über ein gutes Alarmsystem.“ Navi entließ einen erleichterten Seufzer. Ja… scheinbar waren sie und Klein- Link in dieser Welt tatsächlich in Gefahr. Entweder wussten diese dunklen Seher, dass sie beide ein wertvolles Medaillon besaßen, oder es steckte etwas vollkommen anderes dahinter. Zumindest hatten sie beide eine großartige Hilfe. Diese muterfüllte Frau war einfach tadellos. Ihre Selbstlosigkeit und Hilfsbereitschaft erinnerten sie so sehr an den Link, der auf der Erde lebte. Stellte sich für Navi nur noch die Frage, was Dr. Couraiga mit dem Link dieser Welt zu tun hatte…

 

Einige Zeit später stoppte die hilfsbereite Ärztin mit ihrem Hylcedes Morph an einer Tankstelle mit der beleuchteten Anzeige ,Hylia Oil‘. Im Radio liefen noch allerhand Nachrichten. Erneut berichtete man über das mysteriöse Verschwinden des früheren Masterritters L. Couraiga. Und auch Navi entging diesmal nicht jener besondere Name. L. Couraiga? Dann wurde über den Angriff auf das bekannte Krankenhaus in der Innenstadt Saria diskutiert. Sogar das Einschreiten der Masterritter wäre nötig gewesen, um weitere Katastrophen abzuwenden…

 

Gerade da schaltete die junge Ärztin neben Navi das Radio aus und seufzte. Ihr Blick war verbittert und ernst. Ihre tiefblauen Augen lasen eindringlich in Navis, wollten sie vielleicht sogar beschwichtigen, keine Fragen zu stellen.

Die Dame kratzte sich an der Stirn. „Im Übrigen… wie heißt du eigentlich?“

„Navi… mein Name ist Navi.“ Die Frau lächelte darauf. „Ein schöner Name. Den gibt es in unserem Hyrule öfter. Von den Überlieferungen her… es existiert ein Kindermärchen in dem ein Mädchen Navi mit blauschillernden Flügeln durch die Welt fliegen konnte. Vielleicht ist der Name bei uns deshalb so beliebt.“

„Ja, vielleicht…“, meinte die einstige Fee.

„Hör‘ zu. Du bleibst mit deinem Begleiter im Auto…“, sagte die Frau. „Falls irgendetwas nicht stimmt, verhaltet euch ruhig und betätige diesen Druckknopf.“ Die Frau deutete auf einen silbern funkelnden Schalter mit der Aufschrift ,Morph‘.

„Ich gehe in die Tankstelle und werde noch einige Dinge besorgen.“ Navi nickte nur und schaute der Ärztin, die fortwährend ihren weißen Kittel trug, noch so lange hinterher, bis diese in der Verkaufsstelle verschwunden war.

 

Überprüfend blickte die Grünäugige zurück und fand Klein- Link noch immer tief und fest schlafend auf dem Rücksitz liegend. Was ihm wohl gerade in den Träumen herumgeisterte? Ob er von einer strahlenden Zukunft träumte, sich aber nicht traute diesen Traum irgendwem zu erzählen? Er schlief so friedlich, als würde ihn das Schicksal dieser Welt nicht kümmern. Seine Gesichtszüge waren in den ab und an vorbeiziehenden, hellen Scheinwerfern entspannt. Seine Lippen zu einem Lächeln erhoben. Er hatte noch keine Ahnung von der wahren Grausamkeit der Welt… und vielleicht war das auch gut so…

 

Seufzend zog die einstige Fee ihre dreckigen Füße auf den Ledersitz und umarmte ihre Knie. Irgendwie war in Hyrulia alles so sortiert und irgendwie auch einfach gewesen, warum nur fühlte sie sich in diesem modernen Hyrule so verloren?

 

Ihre stechenden, grünen Augen funkelten nachdenklich nach draußen. Mit neuer Wissbegierde beobachtete Navi die Menschen, die mit Regenschirmen auf Gehwegen vorüber liefen. An einer hell erleuchteten Straßenlampe stand ein ziemlich großer, breitgebauter Mann, dessen Körper von einer dunklen Kutte umhüllt war. Lässig hatte er sich an die Straßenlampe gelehnt. Eine tiefhängende Kapuze verdeckte sein Gesicht. Lediglich blasse, große Mundwinkel hoben sich kaltschnäuzig und gehässig im Schatten, den die Kapuze warf. Er schien zu lachen und dann auch noch genau in Navis Richtung zu blicken. Eine Gänsehaut lief der einstigen Fee über den Rücken, als jene Gestalt sich vollkommen zu ihr drehte. Für Sekundenbruchteile war da ein Glühen, gefährlich und unsterblich, welches sich in roten Farben preisgab.

Navi bekam beinahe einen Herzkasper, als genau in dem Augenblick Dr. Couraiga eine Autotür aufriss und drei große Taschen mit irgendwelchen Lebensmitteln in das Auto stellte. Rasch blickte Navi noch einmal an die Straßenlaterne, aber der seltsame Mann war verschwunden. Sie schluckte und krümmte sich auf dem großen Ledersitz etwas zusammen. Dieser breitschultrige Mann… etwas Dämonisches umhüllte ihn, dass sie kannte und dass sie seit dem Zeitkrieg nie wieder spüren wollte. Eine blasse Erinnerung stieg in ihr hoch. Ein Bruchstück von Damals, was sie vermieden hatte, jemals wieder zu erinnern. Der schaurige Kampf gegen den Großfürsten des Bösen. Und sie, als Links damalige Begleiterin, stand nur daneben, nicht sicher, wie sie helfen konnte… nicht sicher, überhaupt eine Stütze zu sein.

 

„Alles in Ordnung, Navi?“, meinte Dr. Couraiga. Erschrocken blickte das grünäugige Mädchen auf und erstarrte beinah angesichts der tiefblauen Augen der Ärztin. Es waren Links Augen… da bestand kein Zweifel.

„Ja… alles in Ordnung“, bestätigte sie und blickte dann kurz hinter die Ledersitze, wo eine Stange Lauch aus einem Beutel heraushing.

„Sie waren also einkaufen?“, meinte sie und wollte unbedingt nicht ängstlich vor jener Person wirken. Sie hatte auch bei Link immer versucht optimistisch und furchtlos zu funktionieren, auch wenn es bei den Bestien, die er vernichten musste, nicht immer leicht war.

„Ja, korrekt.“ Die Dame grinste und lachte dann verlegen. „Ich habe nur gesunde Dinge gekauft, obwohl ich es mit der Ernährung eigentlich nicht so genau nehme.“ Dann lachte sie wieder. Und auch Navi rang sich zu einem leichten Lächeln. Die Dame startete den Motor und fuhr langsam zurück auf die große Hauptstraße.

„Ich habe etwas gegrübelt, was ihr beide am besten tut, solange ihr in dieser Welt seid“, meinte die Frau. Da wurde Navi hellhörig. Was sollten sie schon tun? Sie mussten den Link dieser Welt finden, das war doch Arbeit genug, oder nicht?

„Das ist doch klar: Wir müssen den Heroen finden“, sagte Navi deutlich.

„Das heißt aber noch lange nicht, dass ihr beide einfach ohne einen gewissen Schein zu wahren bei mir wohnen könnt.“

„Ohne den Schein zu wahren? Was soll das heißen?“ Navi runzelte die Stirn.

„Dafür dass du so alt bist, fehlt dir anscheinend etwas Auffassungsgabe, Mädchen“, murrte die Frau. „Falls irgendjemand auf euch beide ein Auge geworfen hat, sollten wir es so drehen, dass ihr zwei wirklich wie zwei Kinder wirkt.“

„Und was haben Sie da mit uns vor?“ Navi verschränkte erneut trotzig die Arme.

„Ganz einfach, ihr beide geht zur Schule.“

 

Nach diesem Satz herrschte eine betretene Stille. Navi glaubte, sich verhört zu haben und wusste nicht, was sie dazu sagen sollte. Sie, ausgerechnet sie, wo sie Hunderte von Jahren alt war, sollte sich in einer Schule mit verzogenen, hochnäsigen, dreckigen, kleinen Quälgeistern herumschlagen? Wer, bei den Göttinnen, hatte sie nur in die Arme dieser eingebildeten Frau gebracht…

Erzürnt drehte sie sich zu Klein- Link um, der noch immer tief und fest schlief. Er trug schließlich das Medaillon und im Endeffekt lagen die Wünsche in eine bestimmte Welt zu gelangen in seinem Blut. Sie grinste furchteinflößend. ,Na warte, Träger von Zerudas Erbe, dafür kriegst du noch dein Fett weg‘, dachte sie.

 
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