Kapitel 102
 

7. Ein Heroe, den die Zeit besiegte… Teil 2

 

 

Einige ewigscheinende Minuten zogen vorüber, als der Hylcedes von Lia Couraiga sachte in eine hellerleuchtete Tiefgarage fuhr. Navi war unterdes vor Erschöpfung auf dem bequemen Ledersitz eingeschlafen und gähnte, als Lia den Motor abstellte.

„So, da wären wir“, sagte die Frau und schaute grinsend zu dem Mädchen hinüber.

„Es ist seltsam, du wirkst tatsächlich wie ein kleines Mädchen. Inzwischen weiß ich gar nicht, wie ich dich eigentlich ansprechen soll.“

„Navi passt schon“, murmelte sie und streckte sich. Kurz warf sie einen Blick zu Klein- Link auf dem Rücksitz.

„Du kennst mich im übrigen Lia nennen“, meinte die Frau und stieß ihre Autotür auf. Wachsam blickte sie umher. Vielleicht war es paranoide sich schon wieder um mögliche Angreifer Sorgen zu machen. Aber irgendetwas in der jungen Frau wünschte diesen beiden ,Kindern‘ keinerlei Harm. Und für Lia war es als Ärztin und auch als Mensch selbstverständlich anderen zu helfen, Kindern ohnehin.

Sie nahm die Taschen aus dem Auto und drückte Navi, die in ihrem verdreckten Kinderkleid anspaziert kam, alle drei Taschen ohne zu fragen in die Hand. Lia nahm den schlafenden Jungen auf ihre starken Arme, und schritt zügig voran.

„Ich werde ihn nachher noch untersuchen, ob soweit alles in Ordnung ist. Im Krankenhaus konnten wir ihn ja leider nicht lassen“, erklärte sie. „Und du kannst ein Bad nehmen, Navi.“

Die einstige Fee nickte.

 

In dem Augenblick trat ein älterer Mann, gekleidet in einem auffallenden, samtenen gelben Anzug mit großen Rüschen aus dem nahe gelegenen Fahrstuhl. Er lief an einem glänzenden Krückstock und setzte ein breites Lächeln auf, als er die junge Ärztin erblickte.

„Guten Abend, Frau Dr. Couraiga“, meinte er freundlich.

„Oh, guten Abend“, sagte sie lächelnd.

„Sind Sie Mutter geworden?“, fragte er unverblümt und beäugte durch eine dicke Brille Navi und den Jungen auf Lias Armen.

Die Ärztin lachte. „Nein, nein. Das sind meine Patenkinder, die auf einem Kostümball waren. Ihre Eltern sind beide wegen eines Unfalls im Krankenhaus. Und nur ich komme als Betreuungsperson in Frage.“

„Oh, wie tragisch“, entgegnete der Alte und schob seine Brille ein Stückchen zur Seite.

„Wir schauen, dass wir sie hier in der Nähe in die Schule schicken können, während sich ihre Eltern erholen“, sagte die Ärztin und wandelte anhand ihrer Lügengeschichte nicht ihre Miene.

„Dann sind die Eltern über dem Berg?“

Lia nickte zufrieden. „Jedoch werden die Kinder auf unbestimmte Zeit bei mir wohnen“, erklärte sie dann.

„Nun denn“, lachte der alte Mann und trat in Richtung einer Tür, die in den Garten führte. „Solange sie in dem Haus keinen Krach veranstalten.“

„Gewiss nicht“, rief Lia, beruhigt, wie einfach es war, dem Nachbarn diese Geschichte zu unterbreiten.

Als der Mann verschwunden war, bemerkte Navi knurrend: „Um Ausreden sind Sie auch nicht verlegen, Miss.“

 

Die agile Ärztin, die sicherlich schon an die dreißig ranging, lachte daraufhin und betätigte einen Knopf am Fahrstuhl und gab ein Kennwort ein. Ein leises Knarren verriet, dass sich der Fahrstuhl wieder näherte. Sie zwinkerte Navi zu, als sie beide in das Transportmittel einstiegen. Es dauerte lange, bis sie an der Spitze eines Hochhauses angekommen waren, und endlich stoppte der Fahrstuhl. Die junge Ärztin gab ein weiteres Kennwort ein und der Spiegel hinter ihnen öffnete sich, gab den Korridor einer elegant und teuer eingerichteten Wohnung preis. Die Wände waren weiß und fast alle Möbel in den Farben schwarz oder wiesengrün gehalten. Im Korridor hingen Bilder von besinnlichen, blühenden Landschaften. Eine hohe Statue einer Fee an einer Seitenwand nahm dem Raum seine seriöse Seite.

„Nach dir“, sagte Lia. Sofort bewegte Navi ihre Beine und stiefelte mit ihren dreckigen Schuhen auf samtigen, hohen Teppich. Lia folgte nachdenklich, fühlte sich fast ein klein wenig beobachtet und blickte im Fahrstuhl nach oben. Sie konnte sich keinen Reim aus dem Gefühl machen, und die Spiegeltür des Fahrstuhls schloss sich.

„So, das ist mein Zuhause“, meinte die Ärztin. Noch im Gehen streifte sie sich die Schuhe von den Füßen und brachte Klein- Link zu einer grünen Ledercouch im ebenso extravagant eingerichteten Wohnzimmer, wo ein riesiger Plasmafernseher, und viele andere High- Tech- Geräte standen.

 

Sie überprüfte seinen Puls, seine Temperatur und den ganzen ärztlichen Krimskrams, wovon Navi keine Ahnung hatte. Die Frau lächelte beruhigt und deckte das Götterkind zu.

„Das Gift in seinem Körper wurde zwar neutralisiert, aber wir sollten dennoch schauen, ob es nicht irgendwelche Auswirkungen auf ihn hat“, betonte die Ärztin.

„Aber er ist trotzdem okay soweit, ja? Seine zukünftigen Eltern erwürgen mich sonst.“

Erneut lachte Lia mit ihrem heiteren Gemüt. „Keine Sorge. Sein Körper ist in Ordnung.“

„Sagen Sie, haben sie keine Kinder?“, meinte Navi.

„Nun ja“, entgegnete die Frau verlegen. „Es ist nicht so, dass ich keine haben wollte, aber dazu muss sich auch erst einmal der richtige finden lassen. Nicht überall ist es in der Liebe wie im Märchen, vielleicht gibt es in diesem Bereich keine Märchen.“ Die Frau grinste und lief in die Küche, die direkt am Wohnzimmer angeschlossen war.

„Ja, da könnten Sie recht haben“, meinte Navi. Sie hatte früher einmal… vor Ewigkeiten… eine kleine Romanze mit einem Feenjungen gehabt. Sie erinnerte sich kaum daran, weil sie sich immer so frei gefühlt hatte, nie eine wirkliche Bindung eingehen konnte. Und als sie dann mit Link unterwegs war, mit ihm Abenteuer erlebt hatte, und seine Sehnsüchte gespürt hatte, war ihr vieles bewusst geworden. Sehnsüchte, Zuneigung bis hin zu tiefer Verbundenheit bestimmten jedes Geschöpf. Es war falsch sich dagegen zu wehren, oder einem Freiheitssinn solche Gefühle vorzuziehen. Für Link war Liebe ein Märchen. Das war es immer gewesen, selbst in der modernen Zeit, in der er lebte, hatte er nicht aufgehört daran zu glauben, seine wahre Liebe zu finden. Liebe war etwas, was jeder brauchte. Ob Mensch, Hylianer, Zora, Gorone oder Fee…

 

Lia lugte mit ihren eindrucksvollen Augen von der Küche in Navis Richtung. „Hey, ich habe gemeint, du kannst mich Lia nennen. Vergiss das ,Sie‘ und sag ,du‘.“

„In Ordnung“, sagte die einstige Fee und blickte nachdenklich zu Klein- Link. Ob es noch lange dauern würde, dass er aufwachte? Es gab soviel zu tun… zu allererst mussten sie beide dieses Hyrule verstehen lernen. Ja, das war vielleicht der erste Schritt. Und dann mussten sie schauen, dass der Junge tatsächlich keine Folgen von dem vergifteten Wurfgeschoss davon trug. Und schließlich mussten Hinweise für den Link in dieser Welt gefunden werden.

Begeisterungsfähig hüpfte Navi in die Küche, wo Lia gerade jede Menge Gemüse und Kräuter in einer Pfanne anröstete. Es duftete. Es duftete einfach herrlich und löste sofort ein unüberhörbares Knurren in Navis Magen aus.

„Das riecht gut“, sprach Navi und beobachtete die Mundwinkel der Dame. Sie lächelte schon wieder.

„Danke“, meinte Lia und drehte ihren Schädel zu der einstigen Fee. „Mmh… du brauchst etwas anderes zum Anziehen, nicht wahr?“

Erst jetzt schien Navi zu realisieren, wie verdreckt ihr Kleid doch war. Durch die ganze Aufregung und die vielen Ereignisse in dieser Stadt, hatte sie nicht mal mehr den Nerv gehabt auf ihr Aussehen zu achten.

Lia stellte das Essen vom Herd und flitzte ins Schlafzimmer. Kurze Zeit später hatte sie ihren Arztkittel abgelegt und trug ein bis zu den Knien reichendes, aufwandsloses, wiesengrünes Kleid. Auf ihrem Arm brachte sie der verdutzten Navi einen Stapel Kinderkleidung.

 

„Du magst die Farbe grün sehr, oder?“, meinte Navi, bestaunte aber gleichzeitig die Pullover und Jeanshosen in Kindergröße, die Lia ihr auf die Kinderarme drückte. 

„Ja, es ist die Lieblingsfarbe meines Vaters. Vielleicht hat er das auf mich übertragen“, sagte sie unter einem Lächeln. Ihre Augen schienen zu funkeln, als sie über ihren Vater redete. Es schien so, als wäre er ein außergewöhnlicher Mensch, der neben Zuneigung und Liebe, eine hohe Bewunderung seiner Tochter besaß.

„Nun ja, nimm‘ in Ruhe ein Bad und danach kannst du ein paar von den Sachen anprobieren. Du hast Glück, eine Freundin von mir hat mich gebeten die ganzen Sachen zur Kleiderspende zu bringen. Nur hab‘ ich das immer wieder vergessen“, gab Lia zu, grinste und kratzte sich an ihrer Stirn.

„Das Bad ist im Korridor rechts. Dein Kleid kannst du im Bad einfach liegen lassen, ich wasch‘ es dir gerne.“ Damit widmete sich Lia wieder ihrem Tun und setzte Wasser für hylianischen Reis auf.

 

Nachdenklich betrat Navi das weiße, fast übertrieben saubere Badezimmer. Ob Lia eine Putzfrau hatte, die diese Arbeiten für sie verrichtete? Sie konnte sich einfach nicht vorstellen, dass diese unternehmungslustige Dame genug Zeit hatte sich noch um einen Haushalt zu kümmern.

Es war ein elegantes Badezimmer, wie auch der Rest der Wohnung vermuten ließ. Rechts neben Navi befand sich eine große Dusche, links eine runde Badewanne mit vielen lustigen Funktionen wie Sprudelmechanismen. Als Navi ihre Sandalen auszog, spürte sie sofort eine wohlige Wärme unter ihren Füßen, die von einer teuren Fußbodenheizung herrührte. Und fast überall in diesem Bad befanden sich Spiegel. Sogar die Duschwand spiegelte den Körper eines Betrachters und spiegelte auch den kindlichen Körper Navis. 

Mit etwas Abscheu blickte die einstige Fee in ihr Spiegelbild. Sie hatte die Konfrontation mit diesen Körper… mit sich selbst… immer vermieden. Konnte überhaupt jemand verstehen, wie man sich fühlte… wenn man einige Hundert Jahre alt war und dann gezwungenermaßen in einem Kinderkörper steckte? Es war nicht nur frustrierend, es machte Navi mürbe, oftmals launisch und verdrießlich. Sachte entledigte sie sich des Kleides und erschrak einmal mehr angesichts jenes kindlichen Körpers. Erstarrt betrachtete sie sich jene fehlende Reife. Eine glatte Brust. Keine Behaarung. Keinerlei Formen und Kurven, die sie einst als erwachsene Fee besaß.

Sie lehnte sich an das Spiegelglas der Dusche und versuchte nicht zu weinen. Sicherlich war sie irgendwo selbst an ihrem Zustand schuld. Sie hatte sich ja schließlich nicht einfach entscheiden können, ein neues Leben zu beginnen. Vielleicht hätte sie keinerlei Erinnerungen gehabt an Hyrule. Vielleicht hätte ihre Seele einen aufdiktierten Frieden. Aber sie wäre möglicherweise glücklicher als jetzt.

Sie schloss die Augen und schüttelte ihren Kopf. ,Es brachte ja nichts‘, dachte sie. Sie konnte sich nicht einer Verzweiflung deswegen hingeben. Noch war nicht aller Tage Abend, und vielleicht, ja vielleicht, gab es irgendwann doch noch einmal eine Chance für ein großartiges, blühendes Hyrule, in dem sie wieder das Leben führen konnte, was sie glücklich gemacht hatte. Sie betätigte einen dreieckigen Wasserhahn, aus dem schaumiges Wasser heraussprudelte und ließ sich gleich in jenen Schaum sinken, um ihren Kinderkörper zu verstecken.

 

Die junge Ärztin ließ gerade in dem Augenblick den hylianischen, dreieckförmigen Reis in das gesalzene Wasser sinken, als sie vom Wohnzimmer her ein Poltern hörte. Rasch wandte sie sich um und blickte zur Couch. Irritiert drehte sie den Herd zurück und lief ins Wohnzimmer. Aber die große grüne Ledercouch war leer. Wo, bei Dinafa, steckte der Junge? Erneut vernahm sie ein Poltern, dann ein Knacken. Verwundert drehte sie sich in Richtung Schlafzimmer. Sie konnte das Geräusch eindeutig der Verriegelung ihrer riesigen Balkontüren zu ordnen. Mit einem leichten panischen Gefühl schob sie die Schlafzimmertür auf, trat hinein und fand auch die Balkontüren weit offen. Ein starker, kalter Wind blies in ihre Richtung, zerzause ihr kinnlanges, dunkles Haar und hinterließ einen Schauer auf Lias nackten Armen. Und im fahlen Licht, da die Sonne am Horizont hinter dichten Regenwolken versank, konnte Lia nur spärlich erkennen, was hier vor sich ging. Bewusst ließ sie das Licht aus, um den Jungen, den sie hier vermutete, nicht zu erschrecken. Irgendetwas stimmte nicht, das spürte sie. Aus welchem Grund sollte sich dieser Junge in seinem geschwächten Zustand in dieser für ihn fremden Wohnung einfach so auf den Balkon begeben? Und das in diesem Hochhaus? ,Vorsicht ist besser als Nachsicht‘, dachte sie, lehnte sich mit dem Rücken an eine ihrer Schlafzimmerwände und nahm ihre hylianische Schusswaffe zur Hand. Sachte schlich sie mit dem Rücken zur Wand in Richtung des Balkons, beobachtete ihre riesigen Dekuzimmerpflanzen, von denen raschelnde Geräusche den Raum erfüllten. Sie trat mit ihren nackten Füßen immer weiter. Ihr aufgewühltes Gemüt und der schnellerwerdende Puls warteten nur auf den Moment der endgültigen Entladung. Vorbereitet rückte sie zur Balkontür. Ihre linke, schwitzende Hand lehnte kurz am sauberen Glas der Balkontüren und hinterließ einen feinen Abdruck.

 

Als sie sich ins Freie begab, der Wind mit hetzenden, peitschenden Schlägen durch ihren Körper tobte, konnte sie den Jungen endlich sehen. Am Horizont entstand ein Riss zwischen den Wolken und ließ für wenige Sekunden verwaschene, rote Farben einer trüben Abendsonne über die Welt regnen. Und in jenem Licht sah sie ihn. Den Jungen, der lediglich eine weiße, enganliegende Hose trug und dessen Schulter von einem blutdurchtränkten Verband umgeben war. Wie den alten Himmel lobpreisend stand er auf dem Geländer des Balkons, erhob sein Haupt in Richtung der unheilvollen, roten Farben am Firmament. Wie ein Heiligtum breitete er seine Arme aus, engelsgleich schienen sich seine Füße vom Geländer zu heben.

 

Hypnotisiert und gefangen in jenem Anblick stockte der jungen Ärztin der Atem. Sie wusste nicht, ob sie einschreiten oder diesen Jungen sich selbst überlassen sollte. Es schien, als war er nicht menschlich, als würde er es niemals sein. Er gab sich einer Heiligkeit hin, die nur wenigen Wesen zustand. Er genoss die Welt, er genoss die Natürlichkeit und ließ die Magie in seinem Körper spielen. Und als sich seine Füße tatsächlich vom Balkongeländer hoben, drehte sich sein junger Körper in ihre Richtung. Auf seinem Gesicht lag kein Lächeln, keine Wut oder Traurigkeit. Es war ein Anblick von solcher Lethargie und Desinteressiertheit, die ein Mensch in dieser Weise nicht darzustellen vermag. Seine himmelblauen öffneten sich einen Spalt und doch schien er nicht im wachen Zustand zu verweilen. Als stand das Leben in seinen Augen still. Als träumte er von Schöpfergeistern, von anderen Sphären und vielleicht auch von göttlicher Macht…

 

Klein- Link selbst schwebte mit seinen Gedanken nur noch am Rande seines Bewusstseins. Er fühlte sich gefangen, wie hineingestopft in ein luftleeres Gefäß. Er konnte nicht atmen, aber er hatte auch nicht wirklich das Bedürfnis dazu. Da war ein Druck von außen, ein Druck von innen, der ihn in einer machtvollen Vollkommenheit beherrschte. Er fühlte sich wie eine Marionette, gesteuert von inneren Trieben und jedes Gefühl für die Realität schien von dem Puppenspieler ausgelöscht zu werden. Er träumte. Er schwebte…

Unter seinen Füßen bildeten sich Wolken. Weiß und samtig wie Wattebällchen streichelten sie seine Sohlen. Und weit unter ihm, dort wo die Erde bewohnt war und Drachen in Eleganz und Wildheit vorbeiglitten, sah er weiße Türme und die riesigen Todesberge. Er war in einem Hyrule, dachte er. War er in einer weiteren Welt? Doch wo genau war er… wohin war er geführt worden? Auf einem der weißen Türme konnte er sich selbst sehen und jemand war noch bei ihm, der ihn etwas verwirrte. Er dachte es wäre Navi… aber… das Mädchen, welches mit ihm dort oben stand, sogar lächelte als er irgendetwas sagte, hatte er noch nie gesehen…

Sie war schön…

 

Aber das war unwichtig. Alles war so leicht, so unbedeutend. Sein Körper fühlte sich unwirklich an. Die Muskeln in seinen Beinen und Armen schienen nicht da zu sein. Das, was ihn gerade ausmachte, das, was er in der Lage war zu spüren, hatte nichts mehr mit den Gefühlen eines menschlichen Wesens gemein.

Als wollte er Treppen in den Lüften hinabsteigen, sank er langsam nieder. Sein Geist. Seine Unwirklichkeit und irgendwo auch das, was die Götter ihm mit auf dem Weg gegeben hatten, rief jene Erlebnisse in ihm herauf, beschwor ein Abenteuer in seiner eigenen Seele. Er wollte hinweg, und doch bewegten sich seine unwirklichen Beine hinab zur Erde. Er wusste, dass etwas nicht stimmte. Dieser Zwang auf seinen Gedanken und dieses neue Unterfangen konnten nicht real sein. Und doch verspürte er einfach nur den Wunsch niederzusinken, zu fallen…

 

In dem Augenblick entkam ein lautes, aufrüttelndes Geschrei den Lippen einer jungen Frau, die sich haltlos in Richtung ihres Balkonfensters stürzte. Gerade als der Junge seine Augen schloss und sein Körper niedersank, seine Füße das Geländer knapp verfehlten, setzte in Lia das Entsetzen ein. Sie sprang mit aller Kraft, die sie in dem Augenblick aufbringen konnte, erwischte den Jungen gerade noch am Fuß und hing torkelnd, mit einem lauten Trommeln in ihren Ohren an der Außenseite des Balkons.

„Wach auf!“, schrie sie, während sie beide baumelnd in der Luft hingen. Lias rechte Hand hatte das Geländer des Balkons noch fest umfasst, ihre linke umkrallte den Fuß des Jungen. Es war ein schauriges Bild so weit in der Höhe.

Die junge Frau knurrte leise Flüche vor sich hin und spürte ihre beiden Hände bereits schmerzen.

„Bitte!“, rief sie dem Jungen zu. „Öffne deine Augen!“

Sie konnte nicht glauben, was sie hier tat. Sie hatte gerade einen scheinbar schlafwandelnden Jungen davon abgehalten von einem Hochhaus zu springen. Und jetzt? Jetzt hingen sie beide ausgeliefert an dem Geländer und alles hing von Lia ab, ob sie diesen Moment überleben würden. Sie kniff die Augen zu und schimpfte innerlich mit sich selbst. War es nicht genau das Verhalten, was ihr Vater seit bald dreißig Jahren immer wieder missbilligte. Sie war immer wieder, selbst jetzt, wo sie erwachsen war, so unvernünftig, handelte, bevor sie nachdachte und brachte sich erneut in irgendwelche Schwierigkeiten.

„Verdammt!“, brüllte sie, sie brüllte noch einmal und noch einmal. Und dann endlich hoben sich träge die Augenlider des Jungen. Er blickte irritiert umher, brauchte einige Sekunden um wach zu werden und als er jene verfängliche Situation realisierte, wurde er panisch und begann herum zu zappeln.

„Halt still!“, rief die Frau, die für ihn vollkommen fremd war. Er nickte, war ohnehin noch etwas mitgenommen von der Operation, und fühlte seine Augenlider wieder schwerer werden. Es fiel ihm gerade so schwer wach zu bleiben.

„Kannst du irgendetwas tun, um uns auf den Balkon zu bringen?“, fragte sie. Er schüttelte unsicher seinen Kopf und traute sich nicht nach unten zu schauen. Verzweifelt kniff er seine Augen zu und spürte den innerlichen Druck wieder zunehmen. Er wollte schlafen, er wollte einfach seine Ruhe haben. Und gerade als er einnickte, war da wieder der Zwang fallen zu müssen…

Er bewegte sich unruhig, worauf die Frau erneut schimpfte: „Halt still! Willst du ins beide umbringen, du Dummkopf!“ Ruckartig öffneten sich seine blauen Augen erneut und trafen auf die tiefblauen Lias. Erst jetzt erkannte er diese unglaublichen Augen, die vor Mut nur so strotzten. Es waren jene schönen Augen, die auch ihm Kraft gaben…

„Was ist denn überhaupt passiert…“, murmelte er und registrierte einen stechenden Schmerz im Bereich seiner bandagierten Schulter.

„Das ist nun wirklich nicht dein größtes Problem“, pfefferte sie zurück. Er konnte nicht abstreiten, dass das stimmte. Zögerlich umfasste er das Medaillon der Mächtigen und überlegte, was er tun sollte.

„Meine Kraft reicht leider nicht aus, uns beide hinaufzuziehen“, murmelte die Frau und blickte ihn trübsinnig an. Auch sie erinnerten seine himmelblauen Augen an jemanden. An eine großartige Person, die ihr selbst das Kämpfen im Shiekahstil beigebracht hatte.

 

In dem Augenblick leuchtete der grüne Edelstein des Medaillons auf, glühte und schickte einen grünlich schimmernden Strahl hinauf auf den Balkon. Die große, moderne Wohnung Lias erleuchtete in unterschiedlichen grünen Farbtönen und als die Farben erloschen, saßen sowohl Klein- Link, als auch seine Lebensretterin auf dem Fußboden im Wohnzimmer.

Lia seufzte und blickte den Jungen erschrocken und etwas vorwurfsvoll an. Sie sagte kein Wort, genauso wenig wie Klein- Link selbst. Er wusste eh nicht, wie er anfangen sollte. Alles, was er im Moment erinnerte, war, dass er in der Luft, festgehalten von dieser fremden Frau, baumelte. Er versuchte sich zu sortieren, zu verstehen, was geschehen war, aber im Augenblick ging in dieser Hinsicht überhaupt nichts. Sein Kopf fühlte sich so schwer an, als wäre er derjenige eines dicken Goronen. Sein Körper zitterte und er fühlte sich wie durchgefroren und dann seine Schulter. Er wimmerte etwas, als er einen zuckenden, unregelmäßigen Schmerz in der Schulter spürte. Und dann diese Frau, in deren Wohnung er sich befand. Was, bei Nayru, war nur geschehen?

„Wo ist Navi…“, murmelte er. Er war doch vorhin noch mit ihr unterwegs gewesen, dachte er. Und da erinnerte er sich daran, dass er zusammen mit ihr in eine moderne Welt eintauchte.

„Sie ist im Badezimmer“, meinte die Frau und blickte ihn prüfend an.

„Aha…“, sprach er leise und wollte weinen vor Schmerz.

„Kannst du dich an irgendetwas erinnern?“, meinte die Dame und zerrte ihn etwas unsanft auf seine Beine. Als er stand, wurde es kurz schwarz vor seinen Augen. Aber sogleich war es ein gutes Gefühl einen Moment auf den Beinen zu stehen.

„Ich weiß nicht mehr genau…“, sprach er leise. Die Frau mit den tiefblauen Augen hielt ihn etwas harsch fest, sodass er nicht umfiel.

„Setz‘ dich lieber“, meinte sie streng. Als er sich auf die Couch sinken ließ, fühlte sich das Wachsein schon wesentlich angenehmer an.

„Ich werde dir gleich alles erklären“, sagte sie. „Aber vorher muss ich schauen, ob mit deinem Körper soweit alles okay ist.“ Er nickte bloß und schaute sich verwundert in dem Wohnzimmer um. Er hatte Tausend Fragen in seinem Kopf, aber beließ es zunächst die Dame auszufragen. Erschöpft schloss er seine himmelblauen Augen, dabei schon wieder in den Schlaf zu sinken.

„Hey, schlaf‘ mir nicht wieder ein“, sagte sein Gegenüber und blickte ihn mit jenen tiefblauen Augen durchdringend an. Er wollte ja wach bleiben, nur irgendwas schien sein Bewusstsein fast lähmen zu wollen…

„Wie fühlst du dich?“, fragte die Frau und holte ein Stethoskop, sowie ein Blutdruckmessgerät aus einer Tasche unter der Couch hervor.

„Unerträglich müde…“, seufzte er und lehnte sich zurück in weiche, samtige Kissen. Die Frau hörte ihn ab und überprüfte auch seinen Blutdruck.

„Deine Werte sind in Ordnung…“, meinte sie. ,Bis auf seine Müdigkeit scheint er sich gut von der Operation erholt zu haben‘, dachte sie. Lia setzte sich dann nachdenklich neben ihn. Sie suchte nach einem Anfang um dem Jungen alles zu erklären, was sich jedoch schwieriger gestaltete als erwartet. Sie grübelte und blickte dann etwas ratlos in seine himmelblauen Augen. Er erwiderte den Blick der Ratlosigkeit, worauf sie beide etwas dümmlich dreinschauend wegblickten.

 

Dann vernahm Klein- Link den Geruch nach gut gewürztem, angeröstetem Gemüse, worauf er sogleich Hunger bekam. Er fragte sich, ob es höflich war diese Frau nach dem eben geschehenen, merkwürdigen Ereignis um etwas zu essen zu bitten. Es würde sicherlich seine Lebensgeister wieder in Schwung bringen. Er machte gerade seinen Mund auf, um danach zu fragen, als Lia grinsend meinte: „Möchtest du etwas essen?“ Er lächelte zaghaft und nickte erleichtert. Er wusste zwar noch nicht viel von dieser Frau und weshalb er mit Navi zusammen hier gelandet war, aber ihre muterfüllten Augen und diese lockere Art, wie sie mit ihm umzugehen versuchte, beruhigten ihn immens.

 

Lia lief mit etwas zittrigen Beinen in die Küche und stützte sich kurz am dortigen Tisch ab. Sie konnte kaum glauben, was gerade eben geschehen war. Sie hing mit diesem Jungen am Balkon und hatte sich zum Ärger ihres Vaters todesmutig verhalten. ,Wenn er doch nur hier wäre‘, dachte sie. Er wusste immer, was es zu tun galt. Sicherlich war auch er in jungen Jahren ein ziemlicher Raufbold gewesen, zumindest erzählte ihre Lehrmeisterin das gelegentlich. Und dennoch besaß ihr Vater einen scharfen Verstand und eine riesige Portion Weitsicht.

In dem Augenblick kam das Götterkind in die Küche gestolpert. Er wollte sich zwar ausruhen, aber im selben Augenblick verspürte er den Wunsch etwas zu essen und über alles Bescheid zu wissen.

„Sie sind also Ärztin?“, fragte er leise und spürte gleich wieder, wie es schwarz vor seinen Augen wurde. Sofort ließ er sich auf einen Stuhl am Küchentisch sinken. Er hatte das Gefühl, sein Kopf gehörte nicht wirklich zu seinem Körper, sondern spielte verrückt. Er stützte seinen pochenden Schädel auf seiner linken Hand ab.

„Ja, das ist richtig, ich bin Ärztin. Ich habe euch beide im Park neben dem Krankenhaus, in dem ich arbeite, gefunden.“ Sie setzte sich ihm gegenüber, breitete ihre Hände aus und berührte mit beiden Händen seine Schläfen.

„Was tun Sie?“, meinte der Junge verwundert, spürte aber sofort wie sich eine angenehme Kühle über seine Stirn zog. Es roch etwas nach Minze für ihn, auch wenn er nicht wusste, woher jener angenehme Duft rührte.

„In unserem Hyrule kann nur der den Beruf eines Arztes ausüben, der auch heilende Magie besitzt. Mein Glück ist, dass meine Mutter in der Lage war solche Magie zu verwenden.“ Klein- Link nickte, und als Lia ihre Hände von seinen Schläfen entfernte, waren auch die Kopfschmerzen passé.

„Besser?“, meinte sie grinsend und erhielt dafür von dem Jungen ebenso ein heiteres Grinsen. Tatsächlich fühlte er sich besser, auch wenn die lähmende Müdigkeit geblieben war.

„Danke“, entgegnete er.

„Das ist mein Job“, erwiderte sie schmunzelnd und lächelte ihn liebevoll an. Er schien ein aufgeweckter, neugieriger Junge zu sein, der dennoch viel Mysteriöses und eine erstaunliche Rätselhaftigkeit mit sich herumschleppte, womöglich machte ihn das interessant für Lias Augen und vielleicht auch interessant für Mädchen in seinem Alter.

 

Als das Essen endlich fertig war, lud die mutige Ärztin dem Götterkind eine riesige Portion davon auf einen dreieckigen Teller und setzte es vor seine Nase.

„Nur zu, du musst etwas essen, um zu Kräften zu kommen“, sagte sie und setzte sich ihm erwartungsfroh gegenüber.

Er blickte von dem Essen in Lias tiefblaue Augen und dann wieder zu dem Essen, sich fragend, ob er wirklich einfach so sich den Bauch voll schlagen konnte. Immerhin wusste er nicht, was geschehen war, ob sich Navi tatsächlich im Bad befand und ebenso wenig wusste er, warum er vorhin am Balkongeländer hing und wer ihn mit dieser Frau auf sicheren Boden teleportiert hatte.

Lia beobachtete seinen Blick und dank ihrer guten Auffassungsgabe war für sie leicht verständlich, was dem Kind durch den Kopf ging. Er war sicherlich etwas misstrauisch.

„Sagen Sie, das Essen ist aber nicht vergiftet oder so?“

Lia war von soviel Ehrlichkeit von seiner Seite etwas verblüfft, grinste, lehnte sich zurück und musste dann lauthals lachen.

„Denkst du, ich heile erst deine Kopfschmerzen, um dich danach wieder zu vergiften?“ Das allerdings war alles andere plausibel, würde es denn stimmen. Sich an seiner kindlichen Stirn kratzend erkannte er die Unsinnigkeit seines Misstrauens.

„Iss ruhig, ich erzähle dir indessen, was geschehen ist.“

 

Klein- Link nahm einige Bissen und lauschte den unglaublichen Worten der hilfsbereiten Ärztin. Er erfuhr, dass er angegriffen wurde von einer geheimen Organisation, die man Hyl Moblina nannte. Auch klärte ihn die Frau über seinen momentanen Gesundheitszustand auf, über ein Gift in seinem Körper, und darüber, dass sie von Navi bereits einiges über jene schwierige Mission erfahren hatte. Auch sein Schlafwandeln teilte sie ihm mit und die Tatsache, dass er beinahe von dem Balkon gestürzt war, wäre sie nicht eingeschritten. Schamhaft bedankte er sich. Seine Kinderwangen glühten rot vor Verlegenheit. Nicht einmal in dieser neuen Welt war er in der Lage gewesen etwas Vernünftiges zu tun… etwas richtig zu machen. Stattdessen war er angegriffen worden, musste sogar operiert werden, nur um dann später schlaf zu wandeln und ein zweites Mal von der jungen Ärztin gerettet zu werden…

 

„Und wir befinden uns hier tatsächlich in der Stadt Saria, die nach der Weisen des Waldes benannt wurde. Eine große freie Stadt im Herzen von Lanayru, welches wiederrum ein Bundesland von Hyrule darstellt?“, vergewisserte sich der Bengel, wollte an etwas anderes als seine Schwäche und Unwürdigkeit denken und hatte seinen Teller schon fast geleert.

„Ja, genau so ist es. Neben Lanayru gibt es noch Eldin, Faron, Termina, Labrynna und Holodrum. Auf jenem Kontinent jedoch existiert ein weiteres Land, welches man Ordonien nennt“, erklärte Lia.

„Mann, das ist ja verrückt. Ich wusste gar nicht, dass nach der Adoptivschwester meines Vaters eine ganze Stadt benannt ist und dazu noch so eine riesige.“

Überrascht neigte sich Lia näher zu ihm. „Moment, du kennst die Weise des Waldes Saria persönlich?“, fragte sie erstaunt.

Klein- Link nickte erfreut und war überaus begeistert mit diesem Wissen angeben zu können.

„Das ist ja der helle Wahnsinn. Ich kenne jemanden, der absolut hysterisch werden würde, wenn er die erste Weise des Waldes persönlich treffen könnte.“ Sie lachte und klopfte dem Jungen auf den blonden Schopf.

„Nun ja, Saria ist schon nett“, meinte er verlegen, wusste ohnehin nicht, wie er auf die Gesten der Dame reagieren sollte.

„Und Sie heißen also Lia…“, meinte er leise. Er lächelte in sich hinein, als er den Namen hörte. Er bildete sich ein, den Namen schon einmal gehört zu haben.

„Das ist ein schöner Name“, sprach Klein- Link, aber gähnte auch schon wieder.

„Ja, mein Vater soll ihn ausgesucht haben“, meinte die Dame. Doch in jenem Moment, wo sie an ihren Vater erinnert wurde, verschwand die heitere Stimmung. Eine unangenehme Stille schlich sich in die Konversation. Mit einem Seufzen stand Lia auf und lief zu einem Radio, um den neusten Meldungen zu lauschen.

Bevor sie es betätigte, meinte sie noch: „Sag‘ mal… weißt du, was uns vorhin ins Wohnzimmer teleportiert hat?“

 

Der Junge umfasste augenblicklich das alte Medaillon und fragte sich, ob es dafür verantwortlich war. Nur wer sollte es aktiviert haben? Er selbst hatte keine Ahnung, wie es wirklich funktionierte. Lia erst recht nicht. Und Zelda… eine Zelda aus einer anderen Welt konnte schlecht hierauf Zugriff haben. Oder doch?

„Nein…“, antwortete er nachdenklich, als Lia ihn ein weiteres Mal darauf ansprach. „Nein… ich habe absolut keine Ahnung…“

 

Nickend betätigte die junge Dame dann das Radio und eine schrille Stimme plapperte munter und hastig über die neusten Ereignisse in der Stadt Saria. Der Vorfall im Krankenhaus wurde geschildert. Die Hyl Moblina gab sich zu dem Anschlag bekannt, jedoch verloren die Verantwortlichen kein Wort über ihre Motive. Durch das rasche Einschreiten der Masterritter konnte das Schlimmste verhindert werden. Es gab wenige Verletzte, aber keine Toten. Jedoch bleibt abzuwarten, ob der Rat der Masterritter die Ereignisse aufklären kann.

 

„Mmh, da scheint ihr beide ja etwas Großes in die Wege geleitet zu haben“, meinte Lia. „Sie erzählen gerade etwas zu dem Überfall auf das Krankenhaus, in dem ich arbeite“, erklärte sie weiterhin. Klein- Link verstand. Scheinbar war irgendjemand hinter ihm und Navi her. Das konnte heiter werden, dachte er und seufzte.

Als er seinen Teller endlich geleert hatte, lehnte er sich zurück. Lia hatte sich derweil ebenso etwas von der Gemüsepfanne auf den Teller gegeben und aß.

„Trotzdem ist mir das alles immer noch ziemlich rätselhaft“, gab die Frau zu. „Deine Begleiterin sagte mir, ihr beide kommt aus einer anderen Welt. Wie kann es da sein, dass jemand über Euer Erscheinen Bescheid weiß?“

Nachdenklich blickte Klein- Link auf die grüngemusterte Tischdecke. Sicherlich war das beängstigend, nur war das überhaupt möglich? Wenn jemand tatsächlich um sie beide Bescheid wusste, jemand, der ihnen feindlich gesonnen war, so konnte das eigentlich nur Ganondorf sein. Aber Ganondorf war im alten Hyrule zusammen mit jedem anderen Geschöpft seiner fortschreitenden Zeit beraubt. Konnte es vielleicht sein, dass der Ganondorf dieser modernen Welt seine Hände im Spiel hatte?

In Hyrulia gab es Ganondorf ebenso, was also sprach dagegen, dass sich hier ebenso ein Großmeister des Bösen aufhielt? Oder aber es gab einen neuen Feind, jemanden, der mehr im Sinn hatte, als Klein- Link oder jemand sonst im Moment fassen konnten?

 

„Nun ja, wir packen das schon“, meinte die Dame lächelnd und schloss sich selbst in die Vorgänge mit ein. Jetzt, da sie über diese beiden Kinder Bescheid wusste, konnte sie schließlich nicht mehr zurück. Außerdem wollte sie den beiden helfen. Ein Zurückziehen aus diesen Geschehnissen kam also für Lia keineswegs in Frage.

„Sie sind eine sehr mutige Frau“, meinte Klein- Link verlegen und spielte mit seinen Händen. Wenn er doch nur auch so tapfer sein könnte. Aber was hatte er bisher denn vorzuweisen? Er war ein Kind, hatte keine Ahnung vom richtigen Schwertkampf, keine Ahnung, wie man Magie sinnvoll einsetzte. Er war in allem schlichtweg ein miserabler Anfänger. Lia lachte auf die Bemerkung und kratzte sich an ihrem Hylianerohr.

„Nun ja, das liegt wohl in meinem Blut“, schäkerte sie. „Mein Vater hat das Abzeichen des Mutes schon in jungen Jahren erringen können.“

„Das Abzeichen des Mutes?“, murmelte der Junge fragend.

Lia nickte wissend. „Jenes Abzeichen erhält man in diesem Hyrule für besondere Taten. Man hat damit sehr gute Berufsmöglichkeiten.“

„Das klingt cool“, meinte Klein- Link. „Und wie hat Ihr Vater das bekommen?“

Die Dame lächelte. „Er hat während seiner Studienzeit zusammen mit Miss Harkinian, die heute Ministerpräsidentin ist, Ganondorf Dragmire, den größten Verbrecher damaliger Zeit, dingfest gemacht.“ Klein- Link fiel auf die Bemerkung beinahe vom Stuhl. Jetzt hatte er nicht nur Knoten im Kopf, sondern ihm platzte der Kopf vor Aufregung. Er wollte seine Gedanken sortieren, aber nur noch der Name Ganondorf geisterte durch seine Gehirnwindungen.

 

Jetzt ergab das alles einen Sinn. Diese Frau, deren Namen nach Mut und Tapferkeit klang, musste etwas mit dem Link dieser Welt zu tun haben. Und jener Link hatte Ganondorf in dieser Dimension bereits besiegt. Aber warum waren Navi und Klein- Link nicht zu dem Link dieser Welt, sondern zu dieser Frau teleportiert worden, die vermutlich seine Tochter ist? Nicht umsonst besaß sie diese schönen, tiefblauen Augen…

 

„Miss Couraiga…“, fing Klein- Link an. „Sie sollten etwas wissen…“ Er atmete tief ein und rieb sich vor Müdigkeit die Augen.

„Die zerstörte Welt, aus der ich komme, ebenso wie das Hyrule, welches schläft… all dies hat der Großmeister des Bösen indirekt zu verantworten. Er heißt in unserer Welt Ganondorf.“ Klein- Link seufzte und ließ die verwirrte Dr. Couraiga erst gar nicht zu Wort kommen.

„Mein Name ist Klein- Link. Mein zukünftiger Vater heißt Link.“ Die großen Augen von Lia bestätigten gerade seine Vermutung.

„Ich nehme an… dass Ihr Vater ebenso Link heißt. Er ist sicherlich der Heroe, den Navi und ich suchen. Er ist derjenige, der an einem Rat der Helden aus vielen Welten teilnehmen kann…“

Lia nickte und lächelte etwas schwermütig. „Ja, das ist richtig… mein Vater heißt Link Couraiga…“ Ihre Stimme wurde leiser. „Jedoch weiß ich nicht, ob er euch helfen kann… denn er wird seit vielen Tagen vermisst.“

 

Das war es also… die Hürde, die in dieser Welt zu bestehen war. ,Link Couraiga musste gefunden werden‘, dachte Klein- Link. ,Koste es, was es wolle…‘

 

 
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